rtr. 264 - Zweinnd,wanzigster Jahrgang
Kasseler Tkeaesse Kachrichle«
Mittwoch 9 November 1932 ' 1. Beilage
Kasselaner bauen ein Ozeangleitboot
Es sieht aus wie ein schwimmender Miniatur-Zeppelin UN- soll in drei Tagen -en Atlantik überqueren
A
schk. Da gehen hinter einem Schaufenster des Hühn'schen Hauses in der Theaterstratze merkwürdige Dinge vor. Ein grellrotes Fragezeichen auf der weitz- gestrichenen Scheibe lockt die Neugierigen herüber. Ein „Gleitboot im Bau" soll es in diesem Raum zu sehen geben. Gegen zehn Pfennige Eintritt kann es jedermann besichtigen...
Drinnen klingt Hämmern, Pochen und Blechgerassel. In einem zylindrischen Lattengerippe von einigen Metern Länge und etwa anderchalb Meter Durchmesser wird von vier sleitzigen Händen emsig gearbeitet. Verstrebungen aus dünnen Latten werden verschraubt und verleimt, Sperrholzplatten geben schon einen Begriss von den „Räumen", die sich in dem Bootszylinder befinden werden. Es soll etwas ganz Neues werden, dieses Gleitboot, und bereitwillig gibt sein „Erfinder", ein junger Kasselaner namens Gottfried Neuhaus, Auskunft über sein Werk und seine Absichten.
,»Jn Florida", erzählt er, „sah ich die Außenbord- Motorbootrennen — und erlebte, wie gefährlich ihre Steuerung in den Kurven ist, sah, wie sie heraus-
aus splittersicherem Glas gebaute Viertelkugel wölben wird, in der Mitte der Motorenraum, der beim Versuchsboot einen 25 PS.-Mowr erhält, dahinter die P a s s a g i e r k a b i n e für zwei Personen. Die Räume sind durch Sperrholzwandungen getrennt. Zechs Bullaugen dienen der Belichtung; die Einstieg- !uke, die sich hermetisch verschlietzen lätzt, liegt oben. Zwei Tragflächenansätze sollen Schwankungen ausgleichen; das endgültige Boot, dessen Gerippe aus Duraluminium gebaut wird und das einen 100 PS.- Rohölmotor bekommt, hat eine Länge von acht Metern und erhält zusätzlich einen Stabilisierungskreisel, der es in horizontaler Lage hält und kurz vor der unter dem Bootskörper liegenden Schraube einen Steuerkreisel zur Unterstützung des Ruders. „Das Boot kann nie umschlagen, ist vollkommen seefest, was bisher allen Gleitbooten fehlte, und wird mit dem 100 PS.-Motor 120 bis 140 Stundenkilometer Höchstleistung erreichen können..." versichert der Herr dieser Schiffswerft im Herzen Kassels. „Mit einer Gesamtladung, die dem Gewicht von sechs Personen entspricht, werden wir schneller als jedes andere Schiff den Atlantik überqueren können, und, da eine solche
Der Erfinder des Bootes Gottfried Neuhaus, in seiner „Werft" in der Theaterstrafie. Der zylindrische Bootskörper ist im Bau
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Nebenstehend: Ein
Blick vom zukünftigen Führersitz in die beiden bereits abgeteiltenRäu- me für Motor und Passagiere
Sämtliche Bilder eigene
Xnfnabmen der K.N.N.
flogen und dabei kam mir zum ersten Mal der Gedanke, ein Boot zu bauen, das keinen Kiel, sondern zylindrische Form hat, vollständig geschlossen ist und nur ganz geringen Tiefgang hat. Hier sehen Sie die Zeichnungen für das Boot; und hier arbeite ich mit meinen Helfern, einem Ingenieur aus Kassel und dem Physiker Kirchvogel an der ersten Verwirk lichung meines Planes, einem Boot, das, als Versuchsboot gedacht die Theorie bestätigen soll."
Er gibt uns einige Daten über-,dieses Versuchsboot, dessen Gerippe in Holz mit doppelter Sperrholzwandung und dünnem MetallmMtel ausgeführt wird. Es hat eine zeppelinähnliche Tropfenform, die auch für den Führerausguck nicht unterbrochen wird und mißt bei einem Durchmesser von 1,30 Meter fünf Meter in der Länge. Sein Körper ist in drei Räume eingeteilt: vorn der Führersitz, vor dem sich eine
Fährt nur etwa 450 Mark an.Betriebsstoff kosten wsrd, auch billiger und schneller Post befördern können."
In etwa sechs Wochen soll das Versuchsboot bis auf den Motoreneinbau fertig sein — und im Frühjahr, versichert uns sein Kapitän, wird es die ersten Probefahrten auf der Fulda unternehmen. Gute Fahrt!
„Luftschutz iui noi"
Ein Aufruf -es Kasseler polizeipräsi-iums
Es ist nicht möglich, daß ein Land, noch dazu das qefäßrbetfte, sich einreoet, Händemdcnschoklegcn fei auch em« Politik. Der Gedanke des zivilen Luftschutzes ist in ein Stadium getreten, in dem die zuständigen Behörden ihre bisher geübte Zurückhaltung ausgeben und aktiv eingreifen muffen, um Einheitlichkeit und Zweckmäßigkeit aller durchzusührenden Maßnahmen zu sichern und die vielfach in der Oefsentlichkeit erörterten Vorschläge über Luftschutz gegeneinander abzuwägen und miteinander in Einklang zu bringen.
Der Schutz gegen die Folgen eines kriegerischen Angriffs aus 6er Luft ist in den letzten Jahren besonders im Ausland Gegenstand lebhaftesten Interesses geworden. Dort haben die Luftmanöver im Rahmen der großen militärischen Hebungen die Bevölkerung aufgerüttelt. In Deutschland, für das ourch den Versailler Vertrag die aktive Luftabwehr unterbunden ist, liegen die Vorschläge im wesentlichen auf dem Gebiet des
passiven Luftschutzes.
Deutschland hat abgerüstet. Deutschland ist ohne schwere Artillerie, ohne Tanks und Militärflugzeuge. Die Bahn ist frei, durch internationale Vereinbarungen den Krieg in der Welt unmöglich zu machen. Aber die übrige Welt rüstet nicht ab. Mißlungen ist auch in den letzten Abrüstungsverhandlungen der Versuch, wenigstens den Abwurf von Fliegerbomben völkerrechtlich zu verbieten.
Ungeschützt liegen Deutschlands Grenzen offen, wehrlos preisgegeben jedem Fliegerangriff seiner übermächtigen nachbarlichen Luftflotten.
Durch die Grenzziehung des Versailler Vertrages hat sich die militär-geographische Lage unseres Landes besonders in Ost und West entscheioend verschlechtert. Schwersten Erschütterungen unv unermeßlichen Katastrophen sind unsere wichtigsten Jnvustriebezirke in Rheinland und Westfalen, Hessen-Nassau, Sachsen und Oberschlesien ausgesetzt, wenn sie unter Bombenabwurf aus der Lust genommen werden. Nichts, kein Militärflugzeug, kein aktives Luftabwehrmittel vermag DeutMand den starken Luftflotten unserer Nachbarländer entgegenzustellen. In ihrem Wirkungsbereich gegenseitig sich überschneidenid, vermögen fremde Luftflotten tief in unsere Heimat einzudringen. Katastrophen drohen dicht besiedelten Gegenden, besonders Großstädten und Jndustriebezirken, die als
die gesuchtesten Angriffsobjekte für Fliegerangriffe gelten, wenn nicht alles erdenkliche auigeboten wird, die Wirkung solcher Zerstörungsabsichten mindestens abzuschwächen.
Alle schwergerüsteten Ltrftmächte haben diese Notwendigkeit schon längst anerkannt. Vorzüglich ist ihre aktive Luft- und Erdabwehr durch Jagdflieger und Fliegerabwehrgeschütze militärisch durchorganisiert. Ein bis ins einzelne eingerichteter und durchgespielter passiver Luftschutz soll die Bevölkerung vor den grausamen Zerstörungen der Bombenangriffe aus der Luft schützen. Deutschland dagegen ist allen Luftangriffen seiner Nachbarn ohnmächtig ausgesetzt. Aber passive Schutzmaßnahmen zu ergreifen zur Wohlfahrt der Bevölkerung, zum Schutze ihres Lebens und Eigentums, zur möglichst schnellen Beseitigung der ourch Fliegerangriffe eingetretenen Schäden und Gefahren, das ist ein Anrecht, das uns als einziges durch das Pariser Luftfahrtabkcmmen von 1926 zugebilligt wurde.
Die ungeheure Größe der Luftgefahr
und die Notwendigkeit der Bekämpfung der damit verbunoenen öffentlichen Notstände verlangt weitestgehende Vorsorge^ um durch Bildung und reibungslose Tätigkeit eines zivilen Luftschutzes die verheerende Wirkung von Luftangrifsen wenigstens auf ein Mindestmaß zurückzuführen. Vollkommenen Schutz für jedermann zu gewährleisten, ist eine Unmöglichkeit. Aber Katastrophenwirkungen abzuschwächen, Panikausbrüchen in der Bevölkerung vorzubeugen, diesem erreichbaren Ziel soll der Auf- und Ausbau des zivilen Luftschutzes dienen. Und er vermag feine Ausgabe nur dann zu erfüllen, wenn er getragen wird von der regen und einsichtigen
Mitarbeit der gesamten Bevölkerung
chne Unterschied der Partei und Weltanschauung.
Seinem Charakter als Katastrophenschutz entsprechend liegt der passive Luftschutz in Händen der Zivilbehörden, der zuständigen Regierungspräsidenten unv der örtlichen Polizeiverwalter, im engsten Einvernehmen mit der örUichen Gemeindeverwaltung und zivilen Organisationen.
Es ist bereits berichtet worden, daß der Polizeipräsident unter Mitwirkung des sogen. Luftsthutzbei-1
rats auch in Kassel die Vorbereitungen für einen zivilen Luftschutz trifft. Der von dem Luftschutzbeirat gewählte Arbeitsausschuß ist z. Zt. mit der Aufstellung des „Zicherheits- und Hilfsdienstes" beschäftigt, der zur Ergänzung und Verstärkung der vorhandenen behördlichen Organisationen dienen soll. Nach Abschluß der ersten schwierigen Organisationsarbeiten wird die Oefsentlichkeit laufend übtt Wesen des Luftschutzes und über die behördlichen Maßnahmen unterrichtet werden. Die Kasseler Bevölkerung wird ober Gelegenheit haben, demnächst Teile des zivilen Luftschutzes aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Nach dem Beispiel der Uebungen in Ostpreußen und Kiel findet
Ende November eine Luftschutzmeldeübung in Mitteldeutschland
bei welcher auch örtliche Lustschutzübungen in mehreren Städten, Darunter in Kassel abgehalten werden sollen. Im Gegensatz ju den bisherigen Veranstaltungen, die im großen Rahmen unter Mitwirkung der Bevölkerung stattfanden, werden allerdings nur Ein- zelerprobungen von Luftschutzmaßnahmen in Krankenhäusern, Theatern, Schulen, Warenhäusern usw. vorgenommen. In Kassel wird voraussichtlich eine Verdunkelung der Stadt auf kurze Zeit, bekanntlich eine der wirksamsten Schutzmaßnahmen gegen feindliche Fliegerangriffe erprobt werden.
Die NSDAP, teilt über „Das Hofkonzert in Sanssouci" folgendes mit: Heber die Frage, ob diese von der NSDAP, für Montag, den 7. d. Mts., beabsichtigte Kammerquartett-Veranstaltung unter die Burgfriedens-Notverordnung falle, waren widersprechende Auffassungen in die Oefsentlichkeit gedrungen. Da die Notverordnung an sich alle Veranstaltungen politischer Vereinigungen verbietet, vertrat die Polizei am Sonnabend zunächst den Standpunkt, daß das Konzert nicht statthaft sei. Von der Möglichkett, es unter einem Deckmantel stattfinden zu lassen, wurde begreiflicherweise kein Gebrauch gemacht. Erst am Montag erklärte dann die Polizei, daß die Veranstaltung auch für die NSDAP, erlaubt sei, weil es sich um ein reines Konzert handele. Da aber in der kurzen Zeit bis zum Abend die Oeflentlichkeit nicht mehr genügend unterrichtet werden konnte, wurde die Veranstaltung für den 7. d. Mts. entgültig abgesagt. Sie findet zu einem späteren, noch mitzuteilenden Zeitpuntt statt.
Schöne reife Himbeere« fand ein Kasselaner in seinem Garten am Weserwr. Sie haben den Vorteil vor ihren anderen Artgenossen, daß ihre Würmchen berefts erfroren find.
Nur ein Lehrer
Es war nur ein unscheinbarer Traum, und vielleicht sollte ich ihn gar nicht erzählen.
Ach habe heute geträumt, Alfred Luscher, mein Lieblmgslehrer aus der Untersekunda von anno 1913 stünde vor mir. Aufgerichtet die straffe Gestalt, den warmen, klugen Blick auf mich gerichtet. Und er sagte wieder wie damals: ,Man kann nicht alles wissen, aber man muß alles versteyen lernen. Ach möchte von Ahnen einmal wissen, ob Sie diese Lektion verstanden haben werden!"
Alfred Luscher — das war unser Führer, wenn 1913 Jungdeutschland im fröhlichen Spiel durch die Fluren zog. Er quälte uns nicht arg mit seiner Anaba sis und seiner Odyssee. Und als der Herr Direktor mich einmal prüfte, da hat mir Alfred Lascher ganz leffe vorgesagt — jetzt darf ichs ja verraten, denn der liebe Gott wird ihm, dem Herrn wissenschaftlichen Hilfslehrer, keinen Klecks in feine Konduite machen. Er hätte es nicht gesollt, gewiß. Aber ein Alfred Luscher war nicht nur Lehrer — er war mehr: Kamerad. Kamerad seiner Schüler, auch in der viel- geschmähten Vorkriegszeit. Nicht alle Lehrer verstanden das. Wir ruchlosen Buben haben ihn doch geärgert. Manchmal. Aber was es sonst nie gab im frisch- fröhlichen Schulkrieg, in dem alle Mittel erlaubt waren: Wenn er uns bann ansah, da haben wir uns geschämt. Er brauchte uns kein Wort zu sagen und wir verstanden ihn doch. ,
Das Jahr verflog wie im Fluge. Mit Klassenarbeiten und Vokabelängsten, mit Zensuren--aber
auch mit herrlichen Tagen in Busch und Wald, mit all der Romantik unserer vierzehn Jahre--und
mit Alfred Luscher. Ich kam in die Obersekunda. Andere Lehrer. Wir blieben die Alten.
Wir gingen in die großen Ferien von 1914. Als Helfer wie all die Mitschüler in eine Amtsstube gebannt, sah ich ihn nicht bei der Kriegstrauung, nicht beim Ausmarsch Im Herzen marschierten wir mit.
Wir konnten ihn uns so gut denken, den guten ! Kameraden auch seiner Leute nun, sie begeisternd, s vorwärtsreißend. Es hat ihn weggerissen, ganz bald.
Unterleibsschuß. Qualvolle Transporte von Lazarett zu Lazarett. Operationen auf Operationen. Er war arg zerfetzt. Wir dursten kaum zu ihm. Doch sein Wille war stärker als seine Schmerzen.
Ein Tag 1915. Er würde zu uns kommen, wollte uns sehen. In der Turnhalle stehen wir zusammengedrängt. kein Wort fällt. Ein Wagen rollte an. Er. Auf den Stock schwer gestützt, ein wenig geneigt, sehr blaß, sehr hager. Aber: er.
Was er gesprochen — ich weiß es nicht, wohl keiner von uns. Aber es muß wohl eine Lektion gewesen sein, die wir verstanden haben. Dann drückte er uns die Hand und ging gestützt zum Wagen.
*
Kriegsfreiwillig 1916. Sie schrieben mir von seinem tapferen Sterben ins Feld. Das Herz hatte versagt. Sie schrieben von der jungen schwarzgekleideten Frau, die, 7 Jahre feine Braut, nicht wich, als der Schneesturm über fein Grab wehte. Bis sie neuen ihm lag. Es gibt auch solche Frauen.
Biele sah ich sterben, um die Bräute daheim klagten und Mütter. Jahre der Kriegsnot. Und Jahre der Drangsal, nachdem es doch Frieden sein sollte. Tausende von Gesichtern, tausende von Schicksalen. Wo sind die Gefährten von der Untersekunda? ___
Aber heute nacht hat er zu mir gesprochen wis einst. Es war nur ein unscheinbarer Traum — und vielleicht sollte ich ihn gar nicht erzählen. Aber ich habe es tun müssen. Man kann ja nicht alles wissen, doch man muß alles zu verstehen suchen. Und es ist vielleicht auch für andere Kameraden eines verwünscht ernsten Lebens gut, zu wissen, daß ein alter, junger Lehrer und Freund von anno 1913 zu uns kommen kann — uns zu fragen, ob wir die Lektion unserer Lebensaufgabe begriffen haben. Ob auch wir lernten alles zu verstehen... Hans Joachim Glatzer.
3m silbernen Kranz
Ein doppeltes Jubiläum können Bäckermeister August Wahrenholz und Frau Sabine, Steinweg, am heutmen Tage feiern. Vor 25 Jahren eröffnete Meister Wahrenholz seine Bäckerei, die er aus kleinen Anfängen bei stetig wachsendem Kundenkreis zu einem anerkannten und beliebten Geschäft entwickelte. Am heutigen Iubiläumstage kann er gleichzeitig das Fest der silbernen Hochzeit begehen.
Aussicht
Wetter*
Don Island her rückt ein neues Tief, durch dessen Randstörungen die Zufuhr milderer und mehr ozeanischer Lust stattfinden wird. Dabei kommt es zur Wolken- und Dunstbildung und später auch zu vereinzelten Niederschlägen.
Aussichten für Donnerstag: Wolkig mit Aufklaren, meist trocken, im ganzen milder.
Wetterbeobachtung vom 8. November.
Zeit Barom. i. mm Temv. C Luftieuchtigkett Mittags 12 ttbt 762,7 + 5 ’ 82 %
Abends 6 Uhr 763,2 + 5 “ 80%
Wetterbeobachtung vom 9. November.
Morgens 8 Uhr 763,5 + 3.2 0 87 %
Mitgeleikt von Dlvlomovtiker Setz.
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