Wr.2<» x Zweivst-zVanrlgfier Jahrgang
Freitag, 4 Tiovember 1932 ✓ 1. LeNaga
„Glück im SBinfet* in Änfiel, dem er dann 16 Jahre lang die Irene hielt. Im August 1918 folgte sein« eiüWiltige Verpflichtung, nachdem er als .Hermann" und „Egmont" sehr gefallen hatte. Zn unzähligen grotzen und kleineren Rollen haben ihn die Kasselaner seitdem liebgewonnen. Auf die Frage, welches seine Liehlingsgestalten wären, antwortet der Künstler prompt und lebhaft: Der Tell, der Florian Geyer und der Pahlen im Patriot. Zn zweien dieser Rollen können unsere Leser den Künstler hier im Bild sehen, in der dritten heute abend im hoffentlich ausverkanften Theater. *
Anekdoten gibt es im Leben dieses Mannes, „her immer strebend sich bemüht", nicht. Aber den Leidensweg des deutschen Schauspielers auf der Schmiere hat er auch einmal flüchtig gekostet. Das war 1906—1907 im Städtchen Falkenstein im sächsischen Vogtland. Da ging es Karlchen, wie man zu sagen pflegt, dreckig. Die Wandertruppe, zu der man ihn verpflichtet hatte, war pleite. Ohne einen Pfennig Geld in der Tasche nächtigte der Musensäugling beim , Charakterspieler und schickte «inen S. O. S.-Rus an seine Eltern. Bis das Geld des Vaters, das irrtümlicherweise zunächst nach Frankenstein anstatt Falkenstein ging, Ebhardt erreichte, half er in der Familie eines Gastwirts beim ortsüblichen Schneiden von Gardinenspitzen mit. Für diese „Spitzenlerstung" wurde er fürstlich mit kalter Leberwurst und Brot honoriert. Aber geschadet hat
25 Jahre im Dienste Thalias
Zum silbernen Bühnenjubiläum Karl Lbhardis
„Der deutschen Zwietracht mitten ins Herzk* Wenn bet Mann, zu dessen Ehren heute abend Schillers Frei- heiisdrama .Milhelm Tell" über die Bretter geht, als deutscher Bauernführer Florian Geyer erbittert seine Messer mit dem oben zitierten Ruf in den Baum stößt, dann weiß man, daß er kein hohles Wort ableiert, daß ihm dieser Notruf der Deutschen aller Jahrhunderte von Herzen kommt. Tas ist das Schöne an Karl Eb- hardt, daß er ein guter Deutscher, ein guter Künstler und ein guter Mensch zugleich ist. Man fühlt es, wenn er aus der Bühne steht, daß ihm ehrliche, unkomplizierte, kernhaste Rollen am besten liegen, daß er mit einem Wort mit dem Herzen spielt.
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25 Jahre gehört der nun 43jährige als ausübender Künstler der deutschen Bühne. Berliner von Geburt, gelangt er in früher Jugend nach Weimar, der Ge- burtsstätte unserer klassischen Kunst. Kein Wunder, daß ihn die Luft dieses Ilm-Athen geradezu zum Theater treibt. Bei Oberregisseur Widey genießt er den ersten dramatischen Unterricht. Von der thüringischen Musen- städt zu dem Studentenparadies am Neckar führt der erste Schritt des jungen Anfängers. In Mt-Heidel- berg, der Feinen, dient er von der Pike auf, an dieser Pflanzstätte junger Talente wird er vom Stadttheater- htrettet Heinrich gründlich herangeholt. Auch im Chor mutz der junge Ebhardt 1907 mitfingen, was ihm spater sicherlich nichts geschadet hat. Von da führt ihn die künstlerische Stufenleiter nach Norden nach Osnabrück und dem Detmolder Hoftheater, wo et jugend-
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„Florian Gever" (Phot. NehrdieM
liche Liebhaber und Helden spielt. Weites führt 'her Weg nach Südwesten an das Stadttheater in Saarbrücken, von da kommt Ebhardt an eines unserer besten früheren Provinztheater, das im Osten weithin guten Ruf genoß, das Stwdttheater in Bromberg, wo et unter Hofrat Remonds Direktion künstlerisch bedeutend weiterkam. In Colberg, wo er int Sommer weilte, rettet Karl Ebhardt mit eigener Lebensgefahr eine Frau aus den Fluten der Ostsee. Die Rettungsmedaille am Band ziett seitdem seine Brust., Dann geht's ins Ausland an das Stadttheater Bafel, von da wieder ins Herz Deutschlands an das Stadttheater
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„Der Patriot" Phot. K. N. N.
Leipzig, wo kein Geringerer als Martersteig die Direktion führt. Ms Ferdinand 'in „Kabale und Liebe"" und Hans Rudorff in Hartlebens .Aosenmontag" feiert der junge Künstler hier Triumphe. Dann kam der Weltkrieg, Ebhardt zieht den feldgrauen Rock der 106er in Leipzig an, wird aber nach drei Monaten garnisondienstfähig. In Lübeck erfolgt dann der Heber« gang zum ersten Helden. Hier wird der Künstler zum zweitenmal Marsjünger und macht ein Jahr Kriegsdienst.
Im November 1917 sieht Ebhardt zum erstenmal den Herkules. Er gastiert als Tell und Räcknitz im
Oie Rot rüst...
Haft Du schon Deinen Groschen für die Kasseler Winterhilfe gegeben? Die wöchentliche Groschensammlung der Winterhilfe hat begonnen. Niemand verweigere seine Spende für das Hilfswerk, das zum Besten der Bedürftigen aller Bevölkerungskreise eingerichtet ist. Geldspenden nehmen im übrigen alle Banken und Sparkassen entgegen.
ihm dieser künstlerische Leerlauf beileibe nicht. Er 'hat 'bis heute ein warmes Herz für seine Kollegen behalten, ob sie nun hier am Theater sind oder draußen hilfesuchend an seine Tür pochen. Karl Ebhardt ist nie ein eitler Mime gewesen, stets aber ein Künstler mit echtem Gefühl geblieben. And dafür hanlt ihm heute nicht nur das Theater, dem er mit Leib und Seele dient, sondern auch das Publikum, das 'seinen Ebhardt kennt und liebt. -er.
Vor Kasseler Gerichten
Aussicht
Weitere Warmluftwellen rücken vom Ozean her östlich vor und verursachen über dem Festland verbreitete Nebel- und Wolkenbildung. Jedoch beginnen im Bereich des hohen Druckes die Luftmassen zusam- menzustnken, so daß Aufklaren einsetzt. Es werden habet in der Nacht infolge her Ausstrahlung die Temperaturen bis unter den Gefrierpunkt zu liegen kommen.
Aussichten für Sonnabend: Neblig-bewölkt und aufklarend, nachts Temperaturen bis unter den Gefrierpunkt, meist trocken.
Wetterbeobachtung vom 3. November.
Sett Barom. i. mm
Mittags 12 Mr 767,5
Abends 6 Uhr 768,8
Temv. C Luftfeuchtigkeit
+ 11«
Wetterbeobachtung vom 4. November.
Morgens 8 Mr 767,2 + 8« . 89 %
Mitgeteitt von Divlomovtiker Hetz.
Diebstahl oder Mundraub?
Die vier Angeklagten haben alle ein dickes Sündenregister mit schweren Vorstrafen, sodaß die jetzt verhandelte Geschichte trotz ihrer Geringfügigkeit übles Aussehen für sie hatte.
Hermann M. hatte die Möglichkeit zu einem „Ding" in der Rasenallee ausgekundschaftet. Als Komplizen fand er den Heinrich T., der wiederum seinen Bruder Martin und seinen Schwager Heinrich S. zu der „Partie" mitbrachte. Es handelte sich um einen Einbruch in ein alleinstehendes Haus, bet dem die Uebeltäter zwar kein Geld, sondern nur Lebensmittel Mitnahmen. Wieviel von der Beute die Angeklagten mitgenommen hatten, blieb ungeklärt, zu widerlegen war ihnen indes nicht, daß sie einen großen Teil hatten liegen lassen.
Dieser Umstand sicherte ihnen ein verhältnismäßig geringes Strasmaß. Während der Staatsanwalt gegen Hermann M. und Heinrich T. wegen schweren Rückfalldiebstahls je 2 Jahre 6 Monate Zuchthaus und gegen Martin T. und Heinrich S. je 1 Jahr Gefängnis beantragt hatte, erkannte das Gericht unter Zubilligung mildernder Umstände gegen die beiden Angeklagten auf je 1 Jahr 6 Monate Gefängnis, gegen Martin T. wegen Hehlerei auf 1 Jahr und gegen Heinrich S. auf 2 Monate Gefängnis. Für die Höhe des Strafmaßes waren trotz der Zubilligung mildernder Umstände die erheblichen Vorstrafen der Angeklagten maßgebend.
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Kampf um ein Sparkassenbuch
Hm den Folgen seiner Sucht zum Prozessieren zu entgehen, ist der Angeklagte bereits Auszügler geworden, indem er seiner unverheirateten Tochter den Hof übertrug. Er kommt jetzt in gewissen Abständen immer mal wieder vor die Schranken des Gerichts, und zwar stets wegen Widerstandsdelikten. Seine geschworenen Feinde scheinen die Gerichtsvollzieher zu sein, anscheinend deshalb, weil sie immer das „dicke Ende" seiner Prozesie bilden.
Diesmal sollte ein Gerichtsvollzieher bei ihm ein Sparkaffenbuch beschlagnahmen. Gewitzt durch frühere Erfahrungen, brachte sich der Beamte gleich den Landjäger mit, was aber dem Angeklagten auch keinen Respekt abnötigte. Der Aufforderung, das Sparkaffenbuch herauszugeben, kam er nicht nach, und als hie Beamten ihm darauf den Schlüffel zu dem
Schrank, in dem sich bas wertvolle Büchlein befand, mit Gewalt wegnehmen wollten, setzte er sich heftig zur Wehr. Er warf sich zu Boden, schlug mit Händen und Füßen um sich und trat den Gerichtsvollzieher mit den Füßen vor oie Brust. Aber den Schlüffel nahm man ihm doch ab. . .
Als er jetzt vor Gericht stand und gefragt wurde, was er darauf zu erklären hatte, erwiderte er barsch: „Daß es mir gleichgültig ist, was das Gericht macht!" Dabei blieb er denn auch, selbst wenn er hier und da in die Aussagen der Zeugen einhackte. Als er aber seine Verurteilung zu vier Wochen Gefängnis hörte, war ihn der Spruch des Gerichts doch nicht mehr gleichgültig, denn er kündete sofort Berufung an.
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Was soll man mit ihm machen?
Der 46jährige Angeklagte ist jetzt zum zwölften Mal wegen des gleichen Sittlichkeitsdelikts abgestraft worden. Jedesmal trug er empfindliche Strafen davon, aber keine konnte ihn davor bewahren, sofort wieder straffällig zu werden. Der Vorsitzende fragte ihn in der jetzigen Perhandlung, ob er seine exibttio- nistischen Exzesse denn nicht lassen könne, er sei doch mehr int Gefängnis als in Freiheit. Daraus erwiderte der Angeklagte kleinlaut, daß es jedesmal „ so über ihn komme". Die ärztlichen Sachverständigen haben dem Angeklagten das auch bestätigt, ohne indes einen dem Sinne des § 51 des Strafgesetzbuchs entsprechenden Ausschluß der freien Willensbestimmung bei ihm feststellen zu können. „Vielleicht könnte ich mich operieren lassen, damit dieser böse Trieb in mir lahmgelegt wird", meinte er zuletzt auf die Vorhalte des Vorsitzenden. „Das wird nicht gehen," erwiderte der Vorsitzende, „denn nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts ist ein solcher ärztlicher Eingriff, selbst wenn er mit Ihrer Zustimmung vorgenommen wird, eine ftrafbare Körperverletzung (!)"
Im Urteil, das wiederum auf 9 Monate Gefängnis lautete, sprach das Gericht sein Bedauern darüber aus, daß es noch nicht möglich fei, einen Menschen, wie den Angeklagten, in die Sicherungsverwahrung zu nehmen, wie sie in dem Entwurf des neuen Strafgesetzbuchs vorgesehen sei. Solange das nicht möglich sei, müßte her Angeklagte für die längste mögliche Zeit int Gefängnis der Oeffentlichkeit ferngehalten werden.
Und was wird nach Verbüßung her zwölften Straf« ?
Geh. Kommerzienrat Otto Vogt t
Ein vorbildlicher Bürger.
Als wir vor einem Vierteljahr des 80. Geburtstages Otto Vogts gedachten, konnte man nicht ahnen, daß dieser fleißige und rüstige Mann drei Monate später dem Irdischen seinen Tribut zahlen müsse. Ein vorbildlicher Staatsbürger, Kasselaner und Kaufmann das war Otto Pogt. In harter Arbeit und Pflichttreue hat er sich seinen Platz im Leben errungen, hat er es als Eigentümer einer kleinen Mühle in Bettenhausen und eines Mehllädchens in der Frankfurter Straß» zum Besitz der größten Kunst- mühle Hessens, zum Geheimen Kommerzienrat und zu zahlreichen Ehrenämtern gebracht.
Ein solcher Aufstieg war nur möglich durch restlosen Bürgerfleiß, kaufmännische Tüchtigkeit und unbedingte Lauterkeit des Charakters. Bis in die letzten Wochen hinein war Otto Vogt täglich auf seinem Kontorstuhl zu finden, nahm er noch regen Anteil an allen Vorgängen des öffentlichen und kommunalen Lebens. Nach kurzer Krankheit erlöste ihn, wie schon kurz gemeldet, ein sanfter Tod in den Morgenstunden des gestrigen Tages.
Daß ein solcher Mann nicht nur im kaufmännischen, sondern auch im öfsentlichen Leben eine Rolle spielte, erscheint selbstverständlich. Schon in jungen Jahren spielte er als Vorsitzender der damaligen freisinnigen Volkspartei Kassels eine Rolle, er kandidierte auch mehrfach für Landtag und Reichstag. Seit dem Jahre 1885 gehört« er als eifriges Mitglied der Kasseler Stadtverordnetenversammlung an, 1898 wurde er Mitglied des Magistrats, dem er als unbesoldeter Stadtrat jahrzehntelang wertvollste Dienste
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leistete. Auch die Handelskammer konnte auf seine Mitarbeit nicht verzichten, er gehörte ihrem Gremium seit 1884 an und war von 1912—21 ihr Präsident. Bei seinem Scheiden ehrte ihn die Kammer durch Ernennung zum Ehrenpräsidenten. Als alteingesessener Oberneustädter war Otto Vogt auch ein besonders rühriges Mitglied des Kirchenvorstandes seiner Gemeinde.
Der Verstorbene, dem besonders im Welckrieg, in dem er Sohn und Schwiegersohn verlor, irdisches Leid nicht erspart blieb, hinterläßt sein Lebenswerk, die Kunstmühle am Finkenherd, seinem ältesten Sohn und Mitarbeiter in voller Blüte. Geheimrat Vogt war Generationen von Kasselanern ein Vorbild für das Wort, daß des Menschen Leben köstlich gewesen ist, wenn es Mühe und Arbeit war. Sein Andenken wird hier nie erlöschen. **
Vortragswoche in der Baptistengemeinde. Von Montag bis Freitag V/4 Uhr wird in der Baptistenkapelle, Mönchebergstratze 10, Herr C. Martens aus Rußland (Verfasser des Buches: Rußland unter dem Kreuz) nach eigenen Erlebnissen über folgende Themen sprechen: Montag: Der Antichrist und seine Vorbereitung; Dienstag: Der Gesetzlose und Zeitänderung; Mittwoch: Rußland; Donnerstag: Das Evangelium in Rußland; Freitag: Die Sowjetgefängnisse. Der Eintritt zu allen Vorträgen ist frei.
Di« Kirchensteuer. Der Eesamtverband der evang. Kirchengemeinden weist darauf hin, daß am 15. November die Zahlung der dritten Rate der Kirchensteuer für 1932 fällig wird. Ebenso wird die alsbaldige Einzahlung der am 1. 10. d. I. fällig gewesenen Kirchgeldrate in Erinnerung gebracht, da das Finanzamt bereits in den nächsten Tagen mit der Einziehung der Rückstände beginnen wird.
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