Dienstag, 1. November 2SZL / 1. Beilage
W. 25T / Aveinntzwanzigster Jahrgang
Kasseler Neueste Nachrichfm
Neues aus Kassel
Kassel, 1. November 1932.
Bürgersteuer 1933
Es bleibt bei 600
Die Kommunalaufsichtsbehörde hat in Anbetracht der schwierigen Finanz- und Kassenlage der Stadt Kassel die Erhebung der Bürgersteuer 1933 in Höhe von 6 0 0 Prozent des Landessatzes angeordnet.
Damit wird die Gemeinde verpflichtet, im Kalenderjahr 1933 von allen am 10. Oktober 1932 in Kassel wohnenden, über 18 Jahre alten Personen Bürger- steuer zu erheben, soweit die Verordnung nicht Befreiungen vorsieht. Die Zahlung verteilt sich auf das ganze Kalenderjahr. Die Bestimmungen über die Bemessung der Steuer sind gegenüber denjenigen für 1931 insofern gemildert worden, als der Verheirate- tcn-Zuschlag in Höhe von 50 Prozent der Steuer fort- gefallen und an die Stelle der Freigrenze von 500 RM. der Betrag getreten ist. den der Pflichtige nach seinem Familienstande im Falle der Hilssbedürftig- keit nach den Richtsätzen der allgemeinen Fürsorge erhalten würde.
Stellt man den Gesamtbetrag, der im Kalenderjahr 1932 (also Bürgersteuer 1931 und 1932 zusammen) zu zahlen iit. gegenüber der Zahlungsverpflichtung für das Kalenderjahr 1933, jo ergibt sich fol- gendes Bild:
1. Für Ledige
Belastung 1932 Belastung 1933
Jahreseinkommen bei 300 % bei 600 %
Mark Mark
Unter der einkommensteuerfreien Grenze 12,37 18,—
Einkommen bis 4500 Mark 24,75 36,—
4501 bis 6000 Mark 37,12 54,—
6001 bis 8000 Mark 49,50 72,—
8001 bis 12 000 Mark 74,25 108,—
12 001 bis 16 000 Mark 99,— 144,—
2. Für Verheiratete
unter der einkommensteuer- freie« Erenze 16,87 18,—
Einkommen bis 4500 Mark 33,75 36,—
4501 bis 6000 Mark 50,62 54,—
6001 bis 8000 Mark 67,50 72,—
8001 bis 12 000 Mark 101,25 108,—
12 001 bis 16 000 Mark 135,— 144,—
Trotz der Erhöhung der Bürgersteuer von 300 auf 600 Prozent wird also wenigstens für Verheiratete eine nennenswerte Mehrbelastung im Kalenderjahr 1933 nicht ein treten.
Nun ist das gefürchtete Tatsache geworden: 600 Prozent Bürgersteuer! Alle unsere ernsten Vorstellungen haben also wieder einmal nichts geholfen. Wir möchten hieraus allerdings dem Regierungspräsidenten keinen Vorwurf machen, da ihm bei der augenblicklichen Haltung der Berliner Zentralinstanz nichts anderes übrig blieb.
Wie Straßen getauft werden
Ein Stündchen beim Paten unserer Kasseler Häuserzeilen
Das Wort: „Das Kind muß einen Namen haben!" gilt nicht nur für unsere Babys, sondern auch für neugeborene Slraßenzüge. Und da gibt es einen Mann auf dem Rathaus ganz oben im vierten Stock, von wo er einen großen Teil seiner Kindlein überblicken kann, das ist der Inspektor Schrader vom städtischen Vermessungsamt, sozusagen der Pate aller neu zu benennenden Straßen. Er führt richtige Stammrollen und Taufregister und hat die Kasseler Straßen auch hübsch geordnet nach Familie und Wesensart beieinander. Alle Wunschzettel bezüglich Straßenbenennungen, die häufig aus Bürgerkreisen und in der Presse auftauchen, hat er säuberlich ausgeschnitten und ausgeklebt.
So kommt System in die Sacke, man ist längst davon abgekommen, Straßen ins Blaue hinein zu benennen. Ganze Viertel werden neuerdings nach bestimmtem System bzw. nach Materien benannt, was natürlich dem schnellen Auffinden der Straßen zugute kommt. Wenn man z. B. in einer Stadt, die ein Tichtervieriel besitzt, weiß, wo die Hebbelstraße ist, wird man auch die Kleist--oder Grillparzer- oder die Chamissostratze leicht auffinden können. Es ist die Möglichkeit gegeben, bei der Straßenbennung von den verschiedensten Gesichtspunkten auszugehen. Man kann historische Erinnerungen auffrischen, lokalpatrio- tischen Erwägungen nachgehen, Persönlichkeiten der Kunst, Wissenschaft, des öffentlichen Lebens ehren oder das Gedächtnis von bedeutenden Heerführern wachhalten. Schwierig ist die Umtaufe schon vorhandener Straßennamen, weil den Geschäftsleuten und Behörden größere Unkosten durch Aenderung von Drucksachen entstehen und die Aenderungen in den Grundbuchregistern gleichfalls kostspielig und umständlich sind.
In Kassel versucht man im Gegensatz zu früher, als die Stratzenbennungen wie Kraut und Rüben durcheinander erfolgten, neuerdings methodisch vorzugehen. Schon vor Jahren hatten wir zwischen Kölnische Straße und Tannenwäldchen Ansätze zu einem Romantikerviertel, in dem Uhland, Geibel und Mosenthal vorherrschten. Andere Dichternamen wie Schiller und Goethe waren bereits festgelegt, davon unser größter Dichter in einer ganz abseits gelegenen wenig begangenen Straße. Das ist inzwischen anders geworden, Goethe ist in der Krinoline unterge- schlüpft und ersteht wieder neu in Kassels modernster Anlage draußen im Westen. Ein zweites Dichterviertel erstand westlich der Fasanenhofsiedlung mit klingenden Namen wie Grillparzer und Heine etc., östlich der Jhringshäuserstraße dagegen weht Malerund Bildhauerluft. An den Quellhöfen sind die deutschen Chemiker und Physiker zu Hause, an ihrer Spitze steht der Name Röntger. Die Rothenbergsiedlung wurde zu einer Sammlung hessischer Städtenamen. Politiker und Historiker hat man bezeichnenderweise an die äußerste Peripherie der Stadt nahe der Harleshäuser Grenze gelegt. Der preußische Geschichtsschreiber Sybel und die hessischen Historiker
und Politiker Bähr und Kellner, dessen Horniffenstichr einst gefürchiet waren, tauchen hier im Nordend auf. Alte Flurbezeichnungen hessischer Städte wie Kassel- seld, Maulhaufen (nicht etwa Maulwurfshaufen), Finkenbach etc. finden wir auf der Kirchditmolder Gemarkung. Im Bruchgelände stößt man plötzlich auf Erfinder wie Gauß, Reiß, Schwarzenberg. Auch hessische Waldmassive wie Christbuchenstraße, Stahlbergstraße ufw. findet man weit draußen. In der Riedwiesensiedlung hat man gleichfalls die alten Flurbezeichnungen wie Kleebreite, Hohenrod, Herrenwiese auferstehen lassen. Auf einstigem Wahlershäuser Gebiet kann man sich an den Namen der alten deutschen Volksstämme: Sachsen, Bayern, Franken und Westfalen erfreuen. Sehr stilvoll ist die Umgebung des Roten Kreuzes nach berühmten Medizinern und Gelehrten: Virchow, Bergmann, Pettenkofer, Heubner und so weiter.
Der Süden der Stadt ist der Musik gewidmet, Beethoven und Mozart geben den Ton an. In der Nähe der großen Kasernen weht ein strammer militärischer Wind, die Generäle Roon, ose und neuerdings Reinhardt deuten mit ihren Namen ast, daß Mars die Stunde regiert. Merkwürdigerweise fehlt hier noch der Name des hessische« Generals von Heeringer, der doch auch Ehrenbürger Kassels war. Die berühmtesten deutschen Lufthelden wie Bölke. Jmmelmann, von Richthofen geben dem an Zwehren grenzenden Stadtviertel das Gepräge.
Manches bleibt auch auf dem Gebiet der Straßenbenennungen noch zu wünschen offen. Wir haben bisher noch keine Zeppelin- und keine Stresemann- straße. Wir haben wohl ein Gäßchen, das nach Bonifatius, dem Apostel der Deutschen genannt ist, aber ihre Anwohner treiben zum Teil ein Gewerbe, das den Fäller der Donareiche nicht weniger erzürnen wurde als jener heidnische Kult. Wir brauchen zwar nicht, wie ein boshaft veranlagter Mitbürger vorschlug, die Zufahrtsstraße nach dem Haus, allwo die edlen Rosmanten zu Rostbeef verarbeitet werden, „Klepperstraße" zu nennen, aber schaden würde es z. B. auch nicht, wenn wir das Gedächtnis an unsere verlorenen Kolonien in einem neuen Viertel mit Namen wie Windhuk, Togo, Tanga, Kamerun, Kiaut- schou und Samoa ausleben lassen könnten. An Namen für künftige Straßen fehlt es, wie man sieht, also nicht, wenn die neuen Straßen nur erst einmal gebaut werden könnten. **
General Fett 60 Jahre
Am 1. November feiert Generalleutnant a. D. Mbert Fett seinen 60. Geburtstag.
Er wurde am 1. November 1872 in Renne geboren. Nach Absolvierung des Gymnasiums trat er als Fahnenjunker in das Jnf.-Regt. Nr. 118 und wurde 1893 zum Leutnant befördert. 1898 bis 1900 war er Adjutant des Bezirkskommandos in Friedberg. 1902 wurde
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er zum Oberleutnant befördert, war bis 1907 Regiments-Adjutant beim Jnf.-Regt. 168 und wurde 1908 Hauptmann. Im Regiment „Graf Boxfuß" war erzu- nächst Chef der 12. Kompagnie, später Chef der MG- Kompanie. 1913 wurde er Führer einer Festungs- ME-Abteilung. Im November 1914 wurde er zum Major befördert und im Februar 1915 zum Kommandeur des 3. Bataillons Landwehr-Jnf.-Regts. 36 ernannt. Im März 1918 wurde er Kommandeur des Referve-Jnf.-Regts. 18 und im September des gleichen Jahres Kommandeur des J.-R. 164.
Nach dem Krieg war General Fett Bataillonskom- mandeur im Aebergangsheere und wurde dann als Major beim Stabe zum Reiter-Regiment 6 nach Demmin versetzt und 1920 zum Oberstleutnant befördert. 1921 wurde er Kommandeur des Hessischen Grenadier- Bataillons 15. J.-R. in Gießen, wo er am 1. Februar 1923 in die Stellung des Obersten beim Stabe einrückte, bis er 1924 zum Kommandeur des 15. J.-R. und zum Landeskommandant in Hessen ernannt wurde.
General Fett wurde im Mai 1927 zum Generalmajor befördert und 1928 zum Infanterie-Führer I in Allenstein ernannt, wo er nach einjähriger Tätigkeit am L Februar 1929 mit dem Charakter als Generalleutnant verabschiedet wurde.
General Fett übersiedelte nach seiner Verabschiedung nach Kassel. Er ist Vorsitzender der Ortsgruppe Kassel im Deutschen Offizier-Bünde und Vorstand des Kriegerbundes Kurhessen-Waldeck und auch im Ruhestand arbeitet er tatkräftig au dem Wiederaufbau Deutschlands.
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Bewegte Zeiten und schwere Kämpfe sprechen aus dem schlichten Wappenbild von Fritzlar. Zwei Räder, durch das Andreaskreuz miteinander verbunden, deuten auf seine Zugehörigkeit zu Kurmainz, als dessen weitest gegen Hessen vorgeschobenes Bollwerk die Stadt in immerwährende Fehden verwickelt war. Erst am 14. September 1802 kam die Stadt an Hessen und damit zur Ruhe nach den Jahrhunderte bauenden Fehden, die in so seltsamem Widerspruch zu ihrem Namen „Fri- deslare", »Ort des Friedens", standen.
Trotzdem ist diese Entscheidung ei« glatter Wahnsinn und ein Schlag ins Gesicht, der im Rundfunk so oft behördlicherseits gepriesenen „Ankurbelung". Man belastet dei breite« Masse« immer mehr und hat dann noch die Stirn zu behaupten, als glaube man selbst an eine Erhöhung der Kauflrast unseres Volkes. So ist es auch völlig verfehlt, wenn ein hiesiges Blatt davon spricht, daß der Magistrat sich „wieder einmal die Ver- antwortuna für unangenehme Beschlüsse durch den Regierungspräsidenten habe abnehmen lassen." Die Verantwortung für eine nochmalige Erhöhung der Bür-
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5. Streich
Bald zu Bett geht Onkel Fritze In der spitzen Zipfelmütze $ Seine Augen macht er zu, Hüllt sich ein und sch'aft in Ruh.
Doch die Käfer, kritze, kratze ! Kommen schnell aus der Matratze. Schon fa6t einer, der voran Onkel Fritzens Nase an.
»Bau i schreit er — Was ist das hier?* Und er faßt das Ungetier.
Das ist aus der Geschichte von Onkel Fritz, welchem die bösen Buben Käfer in das Bett legten, e
Auch dieses seht und erlebt Ihr in der großen Sonder •Vorstellung Max und Moritz, veranstaltet von dem Verlag der Kasseler Neuesten Nachrichten znmBesten derWinterhilf e
Der Vorverkauf ist bereits so lebhaft, daß es dringend zu empfehlen ist, sich zu den am Freitag, den 4. u. Sonnabend, den 5. November statttindenden Vorstellungen im Stadtpark Karten in unserer Geschäftsstelle, Kölnische Straße 10, zu holen.
Preise der Karten von Mark 0.40 bis Mark 1.30. Jedes Kind erhält ein Tafelchen Sprengei-Schokolade mit Max und Moritz-Bildem gratis.
gersteuer kann tatsächlich kein Verantwortungsbewußter tragen.
Hinzu kommt noch eines: Als man zum ersten Mal einen Gehaltsabzug der Beamten durchführte, erklärte man ihn für ein „außerordentliches Opfer", das nur ei n m a l i g sein sollte. Man hat gesehen, was es mit dieser Einmaligkeit auf sich hatte. Wer wird uns vor einer Inflation der Bürgersteuerprozente schützen?! Nun die Regierung glücklich das Große Einmaleins bis zur 600 strapaziert hat — wer garantiert uns, daß sie eines Tages nicht auf 7—8—900 dekretiert?
Mit Recht wird von einer Schraube ohne Ende gesprochen. Was eine Schraube ohne Ende bedeutet, hat unserem Volk die leider von vielen zu schnell vergessene Inflation gezeigt. Mit Steuererhöhung ist heute der Finanznot der Gemeinden nicht mehr beizukommen, sondern nur durch Uebernahme der von den Städten nicht verschuldeten, ungeheuerlichen Wohlfahrtslasten und der durch sie entstandenen Defizite auf den Staat und durch einen vernünftigen Finanzausgleich. Alles andere Herumkurieren bedeutet nur ein Eisenbart-Kur. die den Ruin nicht nur der Städte, sondern schließlich auch der Staatsfinanzen mit sich bringen muß. Wird man in Berlin endlich den Mut haben, diesen nackten Tatsachen ins Auge zu sehen und danach zu handeln?!
gi.
Film der Unfälle
Böses Kirmesende. In einer Waldauer Gastwirtschaft brach ein 22-jährtger Schreinergeselle infolge eines Krämpfeanfalles zusammen und schlug dabei mit solcher Wucht gegen die scharfkantige Ofenecke, daß er mit einer sehr schweren Hinterkopfverletzung und Gehirnerschütterung durch die Sanitätshauptwache,üt das Rote-Kreuz-Krankenhaus geschafft werden mutzte.
Bon einem Motorradfahrer angefahren wurde am Altmarkt eine 71-jährige Witwe aus der Mühlengasse, die hinter einem haltenden Lieferwagen hervortretend infolge Schwerhörigkeit das Nahen des Mowrrades nicht wahrgenommen hatte. Sie erlitt außer Verletzungen des rechten Kniegelenkes und Gestchtsver- letzungen einen Bruch des rechten Unterarmes und wurde nach erster Hilfe durch die Sanitätswache Ful- dahrücke zum Arzt und in ihre Wohnung geschasst.
Opfer der Rässe. In der Bahnhofstraße glitt auf der regennassen Ladentreppe ein Friseurlehrling aus der Wolfsangerstraße aus und zog sich durch den Sturz einen doppelten Bruch des rechten Unterschenkels zu. Die Sanitätshauplwache brachte den Verletzten in das Landeskrankenhaus. — In der oberen Königstraße hatte eine 65-jährige Witwe ebenfalls das Pech, auf dem glatten Bürgersteig auszugleiten und durch den Sturz einen rechtsseitigen Beckenbruch zu erleiden, sodaß die Arbeitersamariterkolonne die Schwerverletzte in das Marienkrankenhaus bringen mußte. — Auf dem Ständeplatz stürzte ein älterer Mann infolge eines Fehltritts so unglücklich auf den Hinterkopf, daß er bSvutztlos wurde. Straßenpassanten brachten ihn in ei« am Ständeplatz gelegenes Geschäft, wo er bald wieder zu sich kam. Nach Anlegunq eines Notverban- pes — der Mann hatte eine Wunde am Hinterkopf davongetragen — konnte er in seine Wohnung entlassen werden.