Einzelbild herunterladen
 

Seite S

Kasseler Neueste Nachrichten

Dienstag, 1. November 1932

Madrid, 1. November.

mit dem spanischen Ministerpräsidenten dauerte VA Stunden.

Besteiro erklärte nach dem Besuch Herriots den Ver­tretern der Presse, Herriot habe sich für die in Spanien akuten Fragen interessiert, namentlich für die Agrar­reform. Herriot habe einzig von allgemeiner Politik gesprochen und darauf bestanden, daß man seiner Rede keine geheimen Zwecke beilegen möchte. Er wünsche, daß man seine Reise als freundschaftlichen Besuch auSlege, den die französische Republik der spanischen Republik schuldig sei.

deuten zur Fortsetzung der bisherigen Kampfm^ho- den findet. Nachdem Hindenburg seinerzeit den liebet» gang von Brüning zu Papen in dem eindeutigen Wil­len vollzog, an die Stelle des parlamentarischen Re­gimes das Präsidialkabineti zu setzen, wird et zu einer Rückkehr zu parlamentarischen Bindungen irgendwel­cher Art selbstverständlich nur zu haben fein, wenn das neue Parlament die Gewähr für die Verwirklichung der vom Reichspräsident angestrebteu sachlichen Ziele bietet. Diese Feststellung gilt trotz der Tatsache, daß der Reichspräsident gerade in diesen Tagen bewiesen hat, daß er nicht in allen Einzelheiten den Wün­schen des Kanzlers folgte. Hindenburg be­vorzugt gerade in den augenblicklichen Auseinander­setzungen die Methode, schrittweise vorzugehen, aber auch er ist zum weiteren Vorgehen entschlossen.

Auf welcbem Wege dies im Einzelnen geschehen wird, und welchen Kurs der Reichskanzler infolge­dessen ansteuern wird, kann sich endgültig erst nach dem

Deutschland antwortet nicht

Die Anfrage über die Verlängerung des Rüstungsfeierjahres

Konferenz der Oberpräsidenten

Verhandlunosthema: Die Auswirkungen der preußischen Notverordnung

Ministerpräsident Herriot weilt seit Sonntag in der spanischen Hauptstadt. Herriot hat zunächst dem Prä­sidenten der spanischen Republik, Zamora, seinen Besuch abgestattet, der 20 Minuten dauerte. Er über­reichte dem Präsidenten Zamora das Großkreuz der Ehrenlegion.

Es folgte ein Besuch bei dem Präsidenten der spa­nischen Kamemr, Besteiro und dem Ministerpräsi­denten A z a n a. Die Unterredung des französischen

Herriots Reise nach Spanien

Der fränzösische Ministerpräsident bei Z »mora «nd Azana

tive der Unternehmer anzuregen, sondern es mutz auch gelingen, die gesamte deutsche Arbeitnehmer­schaft zur Mitarbeit an diesem Programm zu gewinnen. Ich möchte die Arbeiterschaft bitten, sich doch von der Vorstellung, wir befänden uns im Stadium der Zerschlagung der Sozialpolitik, frei zu machen. Die Reichsregierung hat fozialpolitisch nichts zerschlagen. Geblieben ist die Gleichberechtigung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wie sie im Artikel 165 der Reichsverfassung ausgesprochen ist. Erhalten ge­blieben ist auch der Tarifvertrag. Diesen bedroht nicht derjenige, der das gegenwärtige Tarifrecht den wirt­schaftlichen Verhältnissen anzupassen sucht. Die Höhe der Löhne ist abhängig von dem Schicksal der ge­samten Wirtschaft. Geht es dieser schlecht, dann müs­sen sich die Löhne früher oder später einmal diesen Verhältnissen anpassen. Um Gefahren für das Ta­rifrecht auszuschließen, ist durch den zweiten Teil der Verordnung vom 5. September 1932 die Möglich­keit vorgesehen worden, daß die Tarifvertragsbestim­mungen zugunsten gefährdeter Betriebe varrabel ge­staltet werden können. Wer weitz, wie so oft schon nicht nur Arbeitgeber, sondern auch Arbeitnehmer int Reichsarbeitsministerium vorstellig wurden, vom Tarifvertrag in einzelnen Notfällen abweichen zu kön­nen, um sich den Arbeitsplatz zu erhalten, Weitz, wie notwendig diese Vorschrift war. Durch die Einschal­tung des Schlichters ist nach Möglichkeit eine miß­bräuchliche Ausnutzung der Verordnung unterbunden worden. Auch von den Einrichtungen in der Sozial- versichemng ist nichts abgebaut worden. Hier ist le­diglich aus zwingenden Gründen ein Abbau der Lei­stungen erfolgt. Der Abbau ist nur als Mittel zur Erhaltung des Wichtigsten, d. h. des Bestandes der Sozialversicherung in allen ihren Zweigen, anzusehen.

Die Reichsregierung wird auch weiter zu ihrem Be­kenntnis stehen, daß die sozialen Errungenschaften der Arbeiter aufrecht erhalten werden müssen. Daß sie bereit ist, sobald es irgendwie die Verhältnisse gestat­ten, soziale Verbesserungen vorzunehmen, beweist der Inhalt der Verordnung zur Ergänzung von sozialen Leistungen.

----------------------------------------------------i---------------

6. November zeigen. Mit besonderem Interesse hat man dieser Tage in einem maßgebenden Zentrums­blatt ein gewisses Einlenken und eine Neigung zur Verständigung mit dem Reichskabinett sestgestellt. Wenn aber diese Verständigung nicht gelingen sollte (wobei die positive Durchführung einer Verständi­gungspolitik vermutlich in der Hand eines anderen Reichskanzlers liegen würde, so ist damit zu rechnen, daß Papen im Amte bleibt und seinen bisherigen Kampf weiterführt, in dessen Verlauf man vielleicht doch wieder auf die schon vor längerer Zeit erörterten Gedankengänge zurückkommen würde, nach einer aber­maligen Reichstagsauflösung eine Nationalversamm­lung zum Zwecke der Versassungsreform wählen zu lassen.

Gerade angesichts der großen Unsicherheit, mit der ein erheblicher Teil der Wählerschaft dem 6. Novem­ber entgegengeht, muß daher erneut auf die Tatsache hingewiesen werden, daß der Kurs der Reichsregie­rung nach der Neuwahl ganz entscheidend von der Haltung der Parteien abhängig sein wird.

mit Vertretern bet Wohlfahrtsotganisationen über dte Kodifizierung der Einbeziehung erwerbsloser Mäd­chen und Frauen in den freiwUligen Atbeitsdtenit sind zum Abschluß gelangt. Der Entwurf, der den Verhandlungen zugrunde liegt, dürfte nun auf Grund des Ergebnisses der Verhandlungen weiter überar­beitet werden. In absehbarer Zeit, voraussichtlich in einer Woche, kann man mit der Begründung des Ent­wurfs int Wege einer Rundvetfügung an die maßge­benden Behörden rechnen. Hervorgehoben sei, daß die geplante Ausdehnung der Beteiligung erwerbs­loser Mädchen am freimütigen Arbeitsdienst keine neue finanzielle Belastung zur Folge haben wird.

20 Mill, für Stratzenbauten

in größeren Städten.

Wie das Reichsvetkehtsministerium mitteilt, ist aus dem Atbeitsbeschaffungs-Ptogramm bet Retchs- regierung ein Betrag von 20 Millionen RM. für Straßenbauten in größeren Stäbleu in Aus­sicht genommen worben. Die Mittel sollen mcht für Unterhaltungszweck, fonbern lediglich für Um- und Ausbauten, in Ausnahmefällen auch Neubauten, von solchen Straßen verwendet werden, die in den Außenbezirken bet Städte liegen und hauptsächlich die Funktion haben, Fernverkehrs st raßen des am 11. September 1930 zwischen dem Reich und den Ländern vereinbarten Netzes durch die Städte fortzusetzen oder sie als Ringvetbindungen zur Um­gehung des Stadtinnern miteinander zu verbinden. Straßenstrecken im Stadtinnern können aus diesen Mitteln nicht behandelt werden.

Die Teilbeträge für die Gebietsbereiche der Lan­der und preußischen Provinzen werden diesen durch die Deutsche Gefellfchast für öffentliche Arbeiten mit» geteilt werden. Die Beträge sollen den Städten un­ter Berücksichtigung arbeits- und verkehrspolitischer Gesichtspunkte zugeteilt werden. Der Reichsverkehrs­minister hat aber an die Regierungen der Länder die Bitte gerichtet, die Mittel nicht einfach schlüssel- mäßig umzulegen, weil dadurch eine zu starke Zer­splitterung erfolgen würde. Die Durchführung der Arbeiten, die Heranziehung der Unternehmer und Arbeitskräfte, sowie die Vorfinanzierung erfolgt im übrigen nach entsprechenden Gesichtspunkten wie bei dem ersten Arbeitsbeschaffungsprogramm.

Wer bekommt Zusatzstimmeu?

Berlin, 1. November.

In der öffentlichen Diskussion über die Rede d«S Reichsinnenministers auf bem Festbankett des Vereins Berliner Presse spielt eine besondere Rolle die Frage der Zusatz stimmen, die der Minister alS einen Bestandteil der kommenden Wahlrechtsreform ange- beutet hat. Von zuständiger Stelle wird darauf hinge­wiesen, daß bet den Zusatzstimmen für Familien in keiner Weise etwa an eine Entrechtung der Arbeitslosen gedacht ist. Die Zusatzstimme würde auch Familienoberhäuptern zustehen, die infolge der Arbeitslosigkeit Unterstützungsempfänger sind. Die Regelung der Frage b$r Zusatzstimme für Kriegsteil­nehmer soll int einzelnen noch erfolgen. Man hat in den zuständigen Ressorts nicht die Absicht, kleinliche Regreßbestimmungen zu treffen. Familienväter, die Kriegsteilnehmer waren, würden zwei Zusatzstimmen bekommen.

Staatssekretär Weisman» im Ruhestand

Berlin, 1. November.

Am 1. November tritt die Versetzung des preußi­schen Staatssekretärs Dr. W e t s m a n n in den end­gültigen Ruhestand in Kraft. Von zuständiger preu­ßischer Stelle wird dazu noch erklärt: Die in der Oef- fentlichkeit gegen den Staatssekretär Dr. Weismann erneut erhobenen Vorwürfe sind auf Anweisung der kommissarischen Staatsregierung durch einen Senats­präsidenten des Kammergerichts in bet Richtung nach­geprüft worben, ob Möglichkeit und Anlaß zur Einlei­tung eines Disziplinarverfahrens vorliegt. Diese Nachprüfung hat ergeben, daß ein Disziplinar­verfahren jedenfalls um beswegen nicht ein­geleitet werden kann, weil sich sämtliche Vorwürfe auf Vorgänge beziehen, die in rechtsverjährter Zeit liegen.

Berlin, 1. November.

Mit dem letzten Tage des Monats Okwber ist bas Abkommen über ben Rüstungsstillstand abgelaufen, bas am 1. November bes vorigen Jah­res in Kraft getreten war. Dieses Abkommen war hervorgegangen aus ber Initiative des italienischen Delegierten Erandi in ber Lölkerbundsversammlung des letzten Jahres. Der Vorschlag ist von ber Bun­desversammlung am 29. September 1931 angenom­men worden in ber Form, daß für bie Dauer eines gahres fämtliche Staaten sich aller Maßnahmen ent» tlten sollten, die eine Vermehrung ihrer Rüstun­gen bezweckten. In bem Abkommen war für Rü­stungen ber Ausbruckefforts" gebraucht worben, also: Anstrengungen. Aus ben Debatten des Völ­kerbundes geht hervor, daß man darunter hauptsäch­lich den Gesamtrahmen des Militärbudgets verstehen wollte. Deutschland hat sich an dem Rüstungsfeier» fahr beteiligt, unter der Voraussetzung, daß die Be­grenzung ber Rüstungen, bie sich aus bem Feierjahr ergab, nicht als Erfüllung ber Ausgaben ber Abrü­stungskonferenz, fonbern nur als eine Erleichterung ihrer Tätigkeit betrachtet werden follte. Da die Kon­ferenz noch immer nicht zu einem Abschluß gekom­men ist, so nahm sie eine Verlängerung des- stungsfeierfahres in Aussicht. Am 23. Juli 1932 be­schloß bie Konferenz, bie Mächte sollten sich verpflich­ten, ben Rüstungsstillstanb über ben 1. November hinaus aus weitere vier Monate zu verlängern. Der Generalfekretär bes Volkerbunbes veranstaltete eine Umfrage, ob bie einzelnen Staaten sich an biefer Verlängerung beteiligen würben. Der Termin für bie Antworten läuft zwar mit bem 1. November ab, aber schon im letzten Jahr find 15 Antworten erst nach bem Termin eingegangen.

Die deutsche Regierung hat bis jetzt keine Ant­wort erteilt und wird auch, wie wir hören, auf diese Anfrage nicht beantworten, folange die Frage der Gleichberechtigung nicht geklärt ist.

Durch den Beschluß bet Abrüstungskonferenz ist bie ursprüngliche Initiative bes Völkerbunbes für bas Rüstungsfeierjahr auf bie Konferenz übergegan­gen. Durch ihr Schreiben vom 14. September hat die Reichsregierung bekanntlich dem Vorsitzenden der Konferenz Henderson mitgeteilt, daß Deutschland sich bis zur Klärung der Gleichberechtigungsfrage an ber Konferenz nicht mehr beteiligen werbe. Die Reichsregierung antwortet auf bie Anfrage bes Völ- kerbunbssekretariats aus bem Grunde nicht, weil sie dadurch zu einer Maßnahme der Abrüstungskonfe­renz Stellung nehmen würde, ehe die Frage der Gleichberechtigung entschieden ist. Wie verlautet, kann jedoch aus ber Nichtbeantwortung ber Anfrage wegen ber Verlängerung des Rüstungsfeierjabres nicht gefchlossen werden, daß dadurch zu dieser Ver- länaerung selbst in neaativem ober positivem Sinne Stellung genommen würde ober baß Deutschland gar die Absicht hätte, aufzurüsten.

Die Frauen im Arbeitsdienst

Berlin, 1. November.

Die beim Reichskommissar für den freiwilligen Arbeitsdienst Dr. Shrnp geführten Verhandlungen

Berlin, 1. November.

Reichskoinmiffar Dr. Bracht hat die preußischen Oberpräsidenten, Regierungspräsidenten und den Ber­liner Polizeipräsidenten für Freitag, ben 4. Novem­ber, zu einer Sitzung im preußischen Innenministe­rium eingeladen. Die Tagesordnung soll erst zu Be­ginn der Besprechung bekannt gegeben werden. Der­artige Konferenzen haben auch bisher schon wieder- holt stattgefunden. Neben einer Aussprache über die politische Lage dürfte der Zweck der Zusammenkunft, vor allem auch in einer Erörterung der sich aus der Neuregelung der politischen Verhältnisse in Preußen und der Verwaltungsreform ergebenden Fragen be­stehen.

Die neuen Männer in Preußen

Berlin, L November.

Nachdem die Ernennung der beiden Reichsminister ohne Portefeuille und des neuen Chefs der kommissa­rischen Regierung am Sonnabend aus technischen Gründen noch nicht erfolgt war, hat der Reichskanzler in feiner Eigenschaft als Reichskommissar für das Land Preuße« Montag mittag folgende Ernennungen vorgenommen:

Zu feinem Stellvertreter für den Geschäftsbereich des Finanzministeriums hat er de» Staatssekretär z. D. Professor Dr. P o p i tz ernannt;

Zu feinem Stellvertreter für den Geschäftsbereich des Ministeriums für Landwirtschaft, Domäne» und Forsten den Reichsminister Freiherrn von Brann.

Zn seinem Stellvertreter für den Geschäftsbereich des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst u. Volks­bildung den Univerfitätsprofefsor Dr. Koehler.

In der kommissarischen Leitung der übrige» preu­ßischen Ministerien tritt keine Veränderung ein.

Der Reichspräsident hat den stellvertretenden Reichs- kommissar für das Land Preußen, Staatssekretär z. D. Oberbürgermeister Dr. Bracht, u. den Stellvertreter des Reichskommissnrs für das preußische Finanzmini­sterium, Staatsfekretär z. D. Pros. Dr. P o p i tz, für di« Dauer ihrer Betrauung mit diesem Auftrag zu Reichsministern ohne Beschäftigungsbereich ernannt.

*

Die Kandidatur des Kasseer Oberlandesgerichts- präfibenten A n z für den Posten des kommissarischen Justizministers ist nicht verwirklicht worden, da Prä­sident Anz aus persönlichen Gründen di« llebernahme des Amtes abgelehnt hatte.

Regierung und Sozialpolitik

Berlin, 1. November.

Am Beginn des Winters legt der Reichsarbeits­minister Schäffer intHeimatdienst* Rechenschaft ab über die bisherigen Phasen des Kampfes gegen die Arbeitslosigkeit. Der Minister beschäftigt sich im Schlußteil seiner Ausführungen vor allem auch mit sozialpolitischen Fragen. Er schreibt u. a.: Zur Ueber- wtndung der Not genügt es nicht, die private Jnitia-

Intendant Klitsch gibt Auskunst

Interessantes von einer Pressebesprechung im Staatstheater

V. Settern abeub machte ber Jukudaut des Stoffe- ler Staatetbeoters, Edgar Klitsch, ben Vertretern ber Staffele* »reffe interessante Angaben über da» Reffe, ler Theater lebe«, vor alle« auch über bk Pläne für bett Winter. Wir sehen, der besseren Ueber sicht del» ber. den Inhalt ber Besoreckuus m Form von Frese und Antwort wieder:

Me ist die Silan» ber ersten zwei Monate dieser Spielzeit?

Zuftiedenstellend. Wir haben mehr Abonnenten als im Vorjahr, auch der freie Verkauf ist gestiegen, so baß die erhebliche Senkung 'bet Eintrittspreise einen gewissen Ausgleich gefunden hat. Ueberrascht hat mich vor allem bie starke Resonanz bes Kasseler Publi­kums auf bie bisherigen Inszenierungen. Die Kai- selaner stehen jedenfalls, was ihren Beifall anbelangt, den als temperamentvoll bekannten Rheinländern in Nichts nach. Der günstigen Kassenhilanz entspricht bas künstlerisch« Ergebnis. Di« überragende Mehrzahl der Ausführungen wurde von Press« und Publikum aner­kannt. Der einzig« Versager war Schäfers historisches Schauspiel ,D«r 18. Oktober", eine merkwürdige Tat­sache, wenn man hört, daß Schäfer zur Zeit in Deutsch­land der meistgespielte jung« Autor ist.

Wie reagiert bie Jugend auf die Arbeit des Theaters?

Stärker als früher. Im Vorjahr besuchten soweit feststellbar, in 10 Monaten 2400 Schüler das Theater, in den vergangenen zwei Monaten zählen wir bereits mehr als 2000. Der Erfolg ist sowohl der stärkeren Werbung unter bei Jugend, als auch der positiven Ein­stellung der Schulleiter zu verdanken, nicht ;u vergessen die niedrigen Preise von 50 Pfennig an. Neuerdings bemühen wir uns auch, die auswärtig« Jugend: das Kasseler Theater zu interessieren.

Worauf führen Sie die stärkere Bindunr zwischen Publikum und Theater zurück?

Nicht zum wenigsten auf bas durch den Kampf um das Theater und bie lieber nähme in städtische Dermal lung gestärkte Gefühl, bas Theater gehöre itgenbtr dem Publikum, nicht mehr einer von Berlin aus dir panierenden staatlichen Behörde. Man spricht,dock, jetzt wieder vom Theater. Der Spielplan hat aatürlich

sein Teil daran. Wir sind bem Publikum entgegen- gekommen. Daß wir richtig vorgingen, zeigt ein Bei­spiel:Pension Schöller" hatte an einem Montag bes­sere Kasse als die Oper am voraufgegangenen Sonntag.

Wie weit ist der Spielplan der kommenden Monate zu übersehen?

Daß wir Schillers Geburtstag mit einer Zell» Aufführung feiern, ist bekannt. Hauptmanns 70. Geburtstag ehren wir durch eine Neuinszenierung von .Hanneles Himmelfahrt". Es ist außerdem alles eingeleitet, um den greifen Dichter selbst zu einem Vortrag nach Kassel zu Holen. Es folgt Stra­winskys Oedipus rer u. das Ballett Petruschka. Ms Weihnachtsmärchen bringen wirPeterchens Monbfahrt". Ms Reprise gibt es di« Fledermaus. Zu Weihnachten soll dann der oft versprochene Palestrina kommen, zu dessen Ausführung Hans Psitzner selbst eingelaben ist. Für die Tanz­gruppe ist außer dem PetruMa^Ballett eine sonn­tägliche Matinee vorgesehen.

Wie steht es mit Uraufführungen und Novi­täten?

Wir werden natürlich unsere Pflichturaufführung bringen, vielleicht auch zwei. Bis jetzt liegt allerdings noch nichts Wertvolles vor. Die Uraufführung eines Zeitstückes über das Minderheitenproblem von bem in Dresden wohnenden Oberschlesier Kaergel hat uns Dresden weggenommen. Vielleicht wird aber das Werk einen Tag nach Dresden in Kassel herausgebracht wer­den. Bei bem erschreckend dünnen Ergebnis der dra­matischen Produktion des letzten Jahres steht es auch mit Erstausführungen neuester Werke sehr ungewiß. In der Oper ist es etwas leichter. Mr bringen außer dem Strawinsky-Abend den .Friedemann Dach* von fnaenet.

Was halten Sie von DillingersRauhnacht" bei von dem in Kassel noch nie aufgefühlten Bar- ' ach?

.Rsuhnackt" ist wegen des bayiischen Kolorit, im sachlichen in Kassel kaum zu besetzen. Barlach möchte tch sehr gern auffühten, wenn ich nicht Angst vor dem mageren KaffeneigeLnis hatte. Vorläufig müssen wir

I uns Stücke, die sich für die Abonnementsseri« nicht eignen, leider versagen. Trotzdem wollen wir den immerhin riskanten Versuch machen, ein Werk von Karl Hauptmann, etwa dieLange Jule" oder benArmseligen Besenbinder" aufzuführen und ihn durch ein Gastspiel (Agnes Straub) dem breiten Publi­kumschmackhaft" zu machen.

Sind auch sonst Gastspiele vorgesehen?

Ja. Außer Kayßler wollen wir auch wichtige Bei­spiele bes deutschen Sängernachwuchses in Form von Operngastspieilen geben. Große Ensemblegastspiele bedeuten für unsere Finanzen eine zu große Belastung. Sie verzehren nicht nur einen Großteil der Einnahmen des Abends, sie beeinträchtigen wegen der Höheren Ein­trittspreise erfahrungsgemäß auch den Besuch ber zeit­lich dem Gastspiel benachbarten eigenen Vorstellungen. Dagegen denken wir stärker als früher an eigene Gast­spiele in auswärtigen Städten, in Marburg, Eschwege, Eisenach und Fulda und hob'en damit und mit der Pflege der Theaterzüge nach Kassel den Begriff des Landestheaters" immer mehr einzubürgern.

Zum Schluß eine Frage über die Doppelveranstal­tungen in Kassel. Sind sie «bei Derständigung von Theater und freien Veranstaltern zu vermeiden?

Nie ganz. Weil der Spielplan bei der komplizierten Arbeit eines gemischten Theaterbetriebs außerordent­lich schwierig auszustellen ist. Wir machen nicht den Spielplan, der Spielplan macht uns. Wir leiden selbst unter der Konkurrenz der eigenen Symphonie- konzerte, deren Zurückverlegung aus der Stadthalle ins Theater wir uns nicht leisten können. Es ist stets ein unglücklicher Zufall, wenn eine Premiere mit einem wichtigen Konzert, das von anderer Seite veranstaltet wird, kollidiert. (Wir hoffen dennoch, daß im Inter­esse der Hebung des Kasseler Kunstlebens in sehr wich­tigen Fällen eine Verständigung angestrebt und zum gewünschten Erfolg geführt wird. Die Red.)

Neue Bücher

Toni Rothmund:Gold?"

Das Zauberwort und das Zaubermetall Gold ist ber Dämon, ber bie Schicksale in diesem neuen Roman Toni Rothmunds lenkt. (Verlag Reclam, Seinen 5,50 Reichsmark.) Das Zeitalter ber Goldmacher und Alchi­misten hat kein« seltsamere und tragischere Figur her­vorgebracht als ben Porzellaneifiitder Johann Fried­rich Böttger. Schon um ben Knaben kämpfen zwei Fürsten, unb bis an fein Lebensende bleibt er der Vertraute, eher auch der Gefangene Augusts des Star­

ken. Diesen Stoff, der noch niemals in seiner aben­teuerlichen Fülle erzählerisch erschöpft worden ist, hat in Toni Rothmund seine Meisterin gefunben. Die von Lebensgier, Sinnensieude und Zaubersucht erfüllte ^Epoche mit ihren machrbcwußten und dämonisch ge­triebenen Menschen hat Toni Rothmund fesselnd dar­gestellt. Gespannt folgt der Leser dem Kamps zwischen bem Goldmacher und seinem Misten, einem Kampf auf Tod unb Leben.

Gerhard Bohlmann: ,Dl «silbern« Jungfrau.

Ein neuer deutscher Romandichter stellt sich vor: Gerhard Bohlmann. Sein erstes Werk ist der Roman der Johanna Darc. Es ist der Roman eines Volkes in Not, eines Landes in Not, dem das Wunder geschieht und die Retterin geschenkt wird. Gerhard Döhlmann erzählt in hilbkrüftiger Sprache bie vertrauten Er­eignisse. Als läse man sie zum erstenmal, so neu stehen bie Gestalten da: Johanna Darc, der Dauphin, Du- nois, Talbot, ihre Mitspieler und 'Gegner, ein Heer von Figuren. Bohlmann will eine Antwort auf di« verworrenen Fragen unserer Zeit geben.Johannas Wesen lebt, ihr Geist geht um. Die Prahlerischen und Selbstsüchtigen wissen nichts von ihr, aber alle Völker, die sich aus Not und Nacht mühen, erinnern sich ihrer als einer ewigen Verheißung." Die ferne Zeit, die fer­nen Menschen, die unbegreiflichen Geschehnisse sind atemnahe Gegenwart geworden.

(Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, Leinen 6 RM.)

Tier« und Menschen".

Aus sechs Jahrzehnten starken unb frohen Lebens erzählt Maximilian Böttcher in seinem BuchTiere unb Menschen", bas soeben rm Verlag Tradition (Wil­helm Kolk) Berlin erscheint. Was hier auf 250 Seiten Text unb 23 Bildern von Begegnungen zwischen Tie­ren und Menschen, von seeli'chen Einwirkungen bet Tiere auf denHerrn der Schöpfung", von durch Tiere verursachten menschlichen Schickjalswenbungcn et« zahlt wird, das ist weder Reportage, noch arr.sttche Fabulierkunst, sondern Leben, stärkstes, wahrhaftigstes Leben, durch das Temperament eines Dichters gesehen. Wie die Tiere hier miteinander und mit ihrem Freund oder Feind Menschen zusammengeraten ob Spatz oder Lerche, ob Katze oder Hund, ob Haushuhn oder Birkhahn, ob "Schaufler ober Eichhörnchen, ob Brunft­hirsch ober grobe Sau, das wirkt durch bie Natur- treue unb unbestechliche Ehrlichkeit bezwingend. Das steht fo über dem Gerede von derVermenschlickung" der Tiere, die seit einiger Zeit bei e lchen Schriftstel­lern in Mode gekommen sind, baß Worte bes Lobes mir abgeschmackt erscheinen, daß Dank allein am Platze

am fiix dieses Buch zu guitneten. G. H.