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Nummer 256*
Montag, den 31. Oktober 1932
22. Jahrgang
Das neue kommiffarische Kabinett
Heute Ernennung der Minister/Oberlandesgerichtspräsident Anz-Kassel Zustizminister ? / Braun fordert Reichsrats-Einberufung
Einberufung des Reichsrats?
Bon unserer Berliner Schriftleitung.
td. Berlin, 31. Oktober.
Zn den Sonnabend-Besprechungen beim Reichspräsidenten ist vorläufig keine Einigung Mische« der Reichsregierung, der kommissarischen preu- tzischen Regierung und dem alte» preußischen Kabinett erzielt worden. Die Sonnabend abend veröffentlichte zweite Verordnung zur Vereinfachung und Verbilli- §ung der Verwaltung, die vom 29. Oktober datiert ist, bringt als wichtigste Maßnahme die Auflösung des Ministeriums für Bolkswohlfahrt. Im übrigen nimmt F" nur die sogenannte »Keine Reform" vor sausführ-
Union zwischen mehreren preußischen Refforts und den entsprechenden Reichsministerien. Aus die Verwirklichung der Real-Union hatte die Reichsregierung für de» Augenblick selbst verzichtet und dieses Problem bis auf weiteres zurückgestellt. In der Frage der Auflösung des Wohlfahrtsministeriums dagegen hatte sie sich auf den Standpunkt gestellt, daß eine derartige Maßnahme unter allen Umständen unter die, dem neuen preußischen Kabinett durch das Leipziger Urteil zugesprochenen Funktionen solle. Eine Verständigung über die Frage, ob die Auflösung des Wohlfahrtsministeriums zu Recht erfolgen werde oder
kommiffarische« preußischen Regierung Stellung nehmen, und man rechnet damit, daß die preußische Staatsregierung eine Einberufung des Reichsrates noch in dieser Woche versuchen wird, um dort gegen die Maßnahmen der kommiffarische» Regierung zu protestieren.
Die preußische Regierung Braun hat mit einer Unterstützung der bayerischen Stimmen es bekanntlich in der Hand, eine Einberufung des Reichsrates durchzusetzen. Da von Bayern die Maßnahmen des Reiches gegenüber Preußen mißbilligt werden, kann wohl eine Unterstützung der preußischen Aktion beim Reichsrat durch Bayern, vielleicht auch durch einige andere süddeutsche Länder als ziemlich sicher angesehen werden. Falls es zur Einberufung des Reichsrates kommt, rechnet man damit, daß diese Sitzung wahrscheinlich bereits am nächsten Donnerstag stattfindet.
Gleichzeitig kommt aus Stuttgart die Nachricht, daß die württembergische Regierung, bevor sie offiziell zu den neuen Maßnahmen der Reichsregierung gegen Preußen Stellung nimmt, den Vertrauensmann der Reichsregierung Dr. von Lersner anhören wird, der heute nach Stuttgart kommt. Da auch der bayerische Ministerpräsident Dr. Held sich heute in Stuttgart aufhält, wird er an dieser Konferenz ebenfalls teilnehmen.
Mit einem offiziellen Protest der Württemberger Regierung dürfte aber kaum gerechnet werden, da eine einheitliche Stellung der Regierungsmitglieder bei der Zugehörigkeit des württembergischen Finanzministers zu den Deutschnationalen und der vorsichtigen Haltung des württembergischen Kultusministers Bazelle nicht zu erwarten ist.
phot. Lang hämmer.
Oberlandesgerichtsprasideut Anz-Kassel, der de» Posten de« Justizministers übernehme« soll lich berichte« wir über diese Dinge auf Sette 2!). Im Laufe des heutige« Tages wird voraussichtlich eine neue Kabinettssitzung ftattsinden, in der man sich über weitere Schritte schlüssig zu werden gedenkt. Die Fühlungnahme zwischen der Reichsregierung und dem Kabinett Brann wird i« erster Linie durch de« Ministerialdirektor Brecht aufreht erhalte«, der es übernommen hat, durch direkte Zusammenkünfte zwischen dem Kanzler und dem MinifterprWdeute» Brau» zu vermitteln. Besprechungen beim Reichspräsidenten von Hindenburg find zur Zeit noch nicht vorgesehen.
Tie Ernennung der beiden Reichsminister ohne Portefeuille iforoie der kommissarischen Chefs mehrerer preußischer Ressorts sollte eigentlich am Sonnabend erfolgen und es ist allgemein mit Erstaunen zur Kenntnis genommen worden, baß diese Ernennungen hinausgeickn-'h-n morden find. Die Ursache dafür lag jedoch im wesentlichen in technischen Gründen, vor allem darin, daß die Rückfragen an die in Betracht kommenden Persönlichkeiten noch nicht endgültig erledigt waren. Man hakte jedoch die Absicht, die Personalfragen in einem Zug zu erledigen und hat deshalb die Bekanntgabe der Erenn- nungen vom Sonnabend nachmittag auf Montag verschoben.
Es ist nunmehr damit zu rechnen, daß im Laufe des heutigen Tages die Zusammensetzung des neuen kommiffarische» Kabinetts für Preußen amtlich bekannt gegeben wird und zwar mit folgender Liste:
Innenminister: Dr. Bracht, Finanzministerium: Dr. Popitz, Kultusministerium: Professor Dr. Kachler aus Greifswald,
Justizministerium: Oberlandesgerichtspräfident Dr. Anz aus Kassel,
Ministerium für Arbeit und Wirtschaft fdas frühere Handelsministerium): Staatssekretär Ernst,
Landwirtsckfaftsminifterium und Reichsernäh- rnngsministerium: Freiherr von Braun. Außerdem wird die Ernennung von Dr. Bracht und Dr. Popitz zu Reichsministern ohne Portefeuille bekannt gegeben werden.
Die strittigen Punkte
Fn den Besprechungen vom Sonnabend hatte man sich vor allem über zwei wichtige Punkte noch nicht geeinigt, nämlich über die Auflösung des Wohl sahrtsministeriums und über die sogenannte Real.
Rings um -en Herriot-Plan
Zu der Frage der Berufung der neuen kommissarischen Ressortleiter in der preußischen Regierung ist noch zu erwähnen, daß die Verhandlungen mit dem Kasseler Oberlandesgerichtspräsidenten Dr. Anz, der seit etwa sieben Jahren in Kassel tätig ist, im Laufe des Sonntags noch nicht endgültig abgeschlossen waren, daß man aber in unterrichteten Kreisen damit rechnet, daß die Ernennung im Laufe des heutigen Montags erfolgen kann.
In den letzten Tagen wurde für das Kultusministerium der Kasseler Oberpräsident von Hülsen genannt. Wir haben diese Mitteilung von Anfang an mit allem Vorbehalt wiedergegeben, und es hat sich inzwischen herausgestellt, daß Oberpräsident von Hülsen, der soeben erst vom Provinziallandtag in seiner Stellung als Oberpräsident bestätigt worden ist, auf seinem Po st en verbleiben wird, während das Kultusministerium von dem oben erwähnten Professor Kaehler geleitet werden soll.
Lersner in Stuttgart
Die Regierung Braun wird voraussichtlich noch im Laufe des heutigen Tages zu dem Schritt der
nicht, wird im Laufe dieser Woche wohl schwerlich erzielt werden, denn nachdem der preußischen Ministerpräsident Braun eine formelle Protesterklärung gegen die Auflösung dieses Ministeriums erlassen hat. wird es für ihn unmöglich sein, vor den Wahlen vom 6 November von dieser Erklärung wieder zurückzutreten. Ebensowenig wird die Reichsregierung o neigt sein, von ihrem Standpunkt jn dieser Frage ir gendwie abzuweichen.
Annäherung nach der Wahl?
Etwas ganz anderes ist es natürlich, wenn man sich nach den Wahlen auf einer mittleren Linie über diese wichtige Frage verständigen wird und es ist in diesem Zusammenhang kennzeichnend, daß die „Germania" bereits Andeutungen über eine Entspannung der Lage und über die Möglichkeit einer Annäherung nach den Reichstagswahlen äußerte.
Jn der Frage der Real-Union wird man natürlich noch wesentlich vorsichtiger vorzugehen haben. Die Reichsregierung wird hierbei darauf Hinweisen, daß das Kabinett Braun in einem wesentlich früheren Stadium der Dinge, also noch lange vor der Notverordnung vom 20. Juli, selbst die Absicht gehabt habe, auf die Zusammenlegung gewisser preußischer Ressorts mit den entsprechenden Reichsressorts hinzuarbeiten. Ob allerdings für die Vereinigung von preußischen Ressorts mit Reichsressorts der Artikel 48 angewendet werden kann, oder ob man diese Angelegenheit regulär church den neuen Reichstag erledigen will, ist eine Frage, die sich erst nach der Neuwahl vom 6. November beantworten läßt.
Dr. $3. Paris, 30. Oktober.
»Seit Briand sein Werk vollbracht, zaudert Frankreich in Europa zwischen dem kleinen und dem g i. o ß en Spie I“, schreibt der 'halboffiziöse Pertinax im „Echo de Paris". Die Ausdrücke sollen wohl mit Bedacht an die alte Vorkriegsdiplomatie erinnern und haben im Sinne des Generalstabsblattes folgende Bedeutung: Das „große Spiel" fei die endgültige Befestigung der Ordnung, wie sie durch Versailles geschaffen wurde, und zwar mit den Mitteln, die der Vertrag selber Frankreich und seinen Derbiindeten in die Hand gibt; nur nebenbei sei hier bemerkt, daß die französische Rechtspresse seit Monaten schon eine strategische Besetzung von deutschen Schlüsselstellungen (Mainz) fordert, und zwar natürlich „im Interesse des Friedens", bet nur auf diese Weise gesichert werden könne! Demgegenüber macht allerdings Pertinax selber die verblüffende Feststellung, daß heute schon die militärische Kraft Deutschlands „um ein Geringes höher" fei als die Frankreichs, so daß das ,^roße Spiel" schon rein machtpolitisch zum Mindesten sehr gewagt erscheint. Man kann eben nicht immer absolut logisch fein . . . Was nun das „kleine Spiel" angeht, so gleicht es ungefähr dem dritten Napoleon nach Königsgrätz: Frankreich zieht sich vom europäischen Schauplatz zurück, mischt sich nirgends mehr ein und ist lediglich um seine unmittelbaren Grenzen besorgt,- was jenseits des Rheins und der Alpen, oder sogar int fernen Osten vorgeht, ist ihm gleichgültig. Pettinax schließt: Frankreich habe endgültig das große Spiel aufgegeben. Die Abrüstungsvorschläge, die im Ministerrat und im Obersten Rat der nationalen Verteidigung nach langen, dramatischen Kämpfen gutgeheißen worden seien, besiegelten Frankreichs freiwilligen Verzicht. Denn selbst wenn sie wider Erwarten in Genf nicht angenommen würden, wäre Frankreichs Stellung militärisch und politisch so geschwächt, daß von 'dem „großen Spiel" nicht mehr die Rede sein könne. H e r r i o t habe auf der ganzen Linie nachgegeben, und man verstehe heute nicht mehr, warum er sich so lange gegen die Viererkonferenz sträubte . . .
Die Darlegungen des „Echo de Paris" sind schon deshalb höchst bemerkenswert, weil sie einen ziemlich klaren Einblick in die Denkweise des Großen Eeneral- stabs gestatten; außerdem werfen sie einiges Licht auf die Vorgänge der letzten Tage, die zwar mit starker Leidenschaft, aber doch ohne rechte Sachkenntnis erörtert wurden, und deren Widerhall auf der Kammer
„ Berit«, 3i. Oktober.
Dte Rede Herriots über de» französischen Abrüstungsplan wird in Berliner politischen Kreisen als eine bemerkenswerte Erklärung des führende» französischen Staatsmannes angesehen. Schon jetzt kann als Auffassung maßgebender Kreise gefegt werden, daß hier zum ersten Male ein französischer Ministerpräsident den Standpunkt verlassen hat, daß der Versailler Berttag unantastbar ist und daß der Teil 5 dieses Vertrages, der sich mit de» deutschen Abrüstung beschäftigt, unberührt bleiben müsse. So unbestimmt die Vorschläge Herriots z»r Abrüstungsfrage ’m einzelnen gehalten fein mögen und einer Erläuterung und Ergänzung noch bedürfen, so geht aus ihnen doch offenbar hervor, daß Frankreich in Zukunft auch die Bedürfnisse und Gesichtspunkte »«derer Länder mehr als bisher berücksichtige» wolle.
Den weiteren Ausführungen Herriots, daß alles Hebel in der Berufsarmee liege, muß mit allem Nachdruck entgegengehalten werden, daß Deutschland sich schließlich diese Art der Armee nicht ausgewählt
hat, sondern daß sie ihm durch den Versailler Vertrag aufgezwungen wurde. Es erscheint deshalb sinnlos, daß man nun mit einem Male diese Art der Armeeorganisation als besonders gefährlich bezeichnen will.
Aehnlich inkonsequent und unrichtig erscheint die Stellungnahme Herriots zur Frage bet Miliz, -die er für Frankreich als eirte Defensivorganisation ansieht, eine Kennzeichnung^ die er Deutschland jedoch nicht zubilligen will. Wenn Herriot eine internationale Kontrolle, die bis zum Jnvestigationsrecht gehen solle, fordett, so kann man darüber durchaus reden selbstverständlich unter der sttitten Voraussetzung, daß diese Kontrolle gleichmäßig auf alle Staaten angewandt wird.
Zusammenfassend kau» zu der Rede Herriots gesagt wtrde«, daß Deutschland Erörterungen über de» französischen Konstrukttonplan durchaus für möglich hält, ohne einer enbgültigen Entscheidung vorzugreife». Die Voraussetzung für Deutschland ist und bleibt aber immer bte
tribüne deshalb auch nur schwach war. Der englisch- amerikanischen Abrüstungstheorie stellte sich in Paris selber die französische Ticherheitsthese gegenüber, und zwar nicht nur t» der Form von politischen Garantien, sondern als militärischer Selbstschutz. Herriot war anscheinend gezwungen, das schwerste außenpolitische Geschütz vorzuführen, und die Entschiedenheit, mit der er eine Kammerdebatte über die amerikanischen Schulden ablehnte, muß an sich als genügender Beweis für die enge, tatsächliche Verbindung zwischen Schulden und Abrüstung angesehen werden. Näheres darüber zu sagen, ist heute noch nicht möglich; vor der amerikanischen Präsidentenwahl wird keine Klarheit zu erlangen sein, und selbst danach muß erst die Genfer Entwicklung abgewartet werden, um die Ereignisse zwischen Paris, London und Washington beurteilen zu können.
Im übrigen ist es natürlich unstatthaft, die Politik eines großen Landes in ein solches Entweder-Oder hineinzuzwängen, und nur aus taktischen Gründe» z» erklären. Den Beweis dafür, daß Frankreich durchaus nicht auf das „kleine Spiet" sich festlegen will, liefert Eduard Herriot sofort durch seine spanische Reise, die als eine Art Auftakt zu der großen, politischen Aussprache vor «dem radikalen Parteitag in Toulouse angesehen werden kann. Jeder Leser kennt aus langer Erfahrung die Bedeutung dieser Versammlungen; seit zehn Jahren besttmmen fie bei« nalje souverän über die gesamte innere und äußere Orientierung Frankreichs, und man kann sie ruhig mit ben Jakobinerklubs aus revolutionären Zeiten vergleichen: denn keine andre Partei hat bis jetzt das unerhötte Vorrecht für sich beansprucht, den regelrechten Gang der Kammerarbeiten zu unterbrechen, die Kammer selber auf einige Tage nach der Rosastadt Toulouse zu verlegen.
Herriots spanische Reise am Vorabend dieser bedeutsamen Tagung wird offiziell als eine Kundgebung der Sympathie und der Freundschaft von der alten zu der jungen Republik bezeichnet. Die Dinge liegen in Wirklichkeit wohl ein wenig anders, und ohne sich in reinen Vermutungen und unstützbaren Hypothesen zu ergehen, lassen sich doch unschwer ein paar gewichtige Gründe erkennen, die geeignet erscheinen, die Reise des französischen Ministerpräsidenten in anderem Lichte erscheinen zu lassen. Zunächst gibt es in
a r o k k o mancherlei Dinge, die eine über den gewöhnlichen Rahmen hinausgehende Zusammenarbeit wünschenswert machen. Die militärische und politische Aktion Frankreichs hat gerade in den letzten Jahren «olche Fortschritte gemacht, daß das Bedürfnis nach einer diplomatischen Ergänzung bestehen mag. Damit im Zusammenhang stehen ohne Zweifel die Gerüchte, die besonders in der amerikanischen Presse aufgetaucht waren und sich trotz des offiziellen Dementis hartnäckig erhalten haben: Verhandlungen über die Meerenge von Gibraltar, die infolge der technischen Entwicklung heute tatsächlich ja mindestens ebensosehr in spanischer, wie in Englischer Hand ist; daß es sich Frankreich angelegen sein läßt, die zukünftigen Möglichkeiten voll auszunutzen und heute bereits das Feld abzustecken, erscheint nur ganz natürlich. Man braucht dabei gar nicht so weit zu gehen, gleich ein förmliches militärisches Bündnis mit allen seinen Folgen ainu- nehmen: Spanien als vorgerückter Posten Frankreicks 'm Mittelmeer, endgültige Loslösun? v°I Jtalttu Landweg zur die französischen Truppen, ungefährdete Verbindung zwischen dem Mutterland und den nord- afrikanlicken Kolonien im Kriegsfall, usw. Frankreich b>ttgkgerw)artlg sogar keinerlei Interesse daran, eine Ivlche Politik emzufchlagen, die es sofort in schärfsten ®onfhlt ntäjt nur zu Italien, sondern auch zu Eng-
bsingen mußte. Frankreich hat im Gegenteil alles Interesse an der Neutralität Spaniens allerdings an einer wohlwollenden, freundschaftlichen Neutralität, die heute der französischen Politik viel
Das große und das kleine Spiel
Von unserem Pariser Korrespondenten