Donnerstag, 20. Oktober 1932
Kasseler Treueste Nachrichten
Sette» '
Die abenteuerlichen Fahrten des Schwarzen Schiffes
Eine Episode aus -en Kämpfen deutscher Hilfskreuzer im Weltkrieg
v.
Zur deutschen Südsee!
Die Reise ging nun in östlicher Richtung an Australien vorbei zum Großen Ozean — zur Deutschen Südsee! Man begegnete keinem Schiff mehr, und so beschloß Nerger, die Sonntaginseln anzulaufen, um dem „Wolf" nach halbjähriger, aufreibender Tätigkeit etwas Ruhe zu gönnen, und um seine Maschinen zu überholen. Niemand störte diese Arbeiten. Die Boote fuhren zum Fischfang aus, woran sich auch Gefangene beteiligen durften. Es war ein friedvolles Zwischenspiel.
Da meldete der Posten ein größeres Schiff mit F. T.-Einrichtung im Norden der Inseln. Jetzt mußte wieder „Wölfchen" in Aktion treten. Das Flugzeug startete, umkreiste das Schiff und warf ihm den schriftlichen Befehl ab, sofort Kurs auf den deutschen Dampfer zu halten und seine Funkentelegraphie nicht zu benutzen. Zur Warnung ließ „Wölfchen" eine Bombe vor den Bug fallen. Prompt gehorchte der Neuseeländer Dampfer „Wairuna", der nach San Franzisko unterwegs war. Die Kohlen und vor allem reichlich Frischwasser und Proviant, darunter 40 Hammel, waren Nerger sehr willkommen.
Nachrichten darüber, was in diesen fchwerwiegeitden Monaten in der Welt vor sich ging, bekam Nerger durch die Vernehmung der Gefangenen des nach der Abfahrt von den Sonntags-Inseln versenkten Dampfers. Mit Befriedigung konnte er feststellen, daß das Minenlegen des „Wolf" bis nach der Tasmanischen See südlich Australiens nicht vergeblich gewesen war. Von allen Stellen, bei denen der „Wolf" gekreuzt hatte, wurden schwere Schiffsverluste gemeldet. Obwohl man wußte, daß ein deutscher Kreuzer unbehelligt durch den Atlantischen Ozean zum Indischen Ozean gelangt war, schob man die Schuld an den Schiffsoer- lusten dem großen Unbekannten zu. Er hieß „International World Workers". Mitglieder dieser Vereinigung sollten planmäßig Höllenmaschinen in den Dampfern angebracht haben, die unterwegs explodierten und so den Untergang der Schiffe herbeiführten. Die Zeitungen verlangten scharfes Vorgehen gegen diese Leute, man setzte hohe Belohnungen für ihre Ergreifung aus. Aber niemand hat je diese Belohnung erhalten, denn es gab die Vereinigung überhaupt nicht. Dafür erfolgten im australischen Parlament heftige Angriffe gegen England, als auch um diesen vom eigentlichen Kriegsschauplatz so weit entfernten Erdteil die sinkenden Dampfer sich häuften.
VI.
Anita, ein Gonnenstrählchen
Während der „Wolf" weit von der Heimat, ganz auf sich selbst gestellt, seine gefahrvolle Fahrt fortsetzte, zugleich ein schwimmendes Gefängnis, dessen Insassen man das Leben nach Möglichkeit erleichterte, gab es in dem monotonen Dasein an Bord einen Lichtblick. Er hieß „Anita", eigentlich „Juanila", und war das kleine Töchterchen des Kapitäns Cameron, der seine Familie an Bord des Walfischfängers „Beluga" hatte. Ein ganzes Kapitel widmet ihr Fregattenkapitän Ner- ger in seinen Kriegserinnerungen, mitten zwischen den Schilderungen von versenkten Schiffen. Darin heißt es: „Ein Dreikäsehoch mit blonden, nach Fungenart kurzgeschnittenen Haaren und blauen Augen, lief sie wochentags meist in einem Bubenanzug aus Kakhi umher. Nur der Sonntag sah sie als Dame in einem weißen Kleidchen.
Tatsache ist, daß ste schon nach wenigen Tagen der Liebling des bärbeißigen „Wolf", der mit solchen Gästen nicht gerechnet hatte, war. Auch schöne Spiele waren ihr beigebracht worden, wie „Ringelreihe Rose, schöne Aprikose, Veilchen und Vergißmeinnicht alle Kinder setzen sich". Da man aber dabei nicht allein sein darf, sondern Teilnehmer benötigt, legte sie sich irgendwo auf die Lauer, schnellte auf jeden Vorübergehenden los wie eine kleine Schlange — es war ihr bei ihrem gänzlichen Mangel an Respekt völlig gleichgültig. ob Kommandant oder Mann — und zwang den Unglücklichen, mit ihr zu „ringelreihen" und „sich zu setzen". Sic war ein lieber kleiner Racker, der uns zwar manchmal ein wenig geärgert, allen aber viel, viel Freude gemacht hat, ein Sonnenstrählchen." —
Und weiter setzte der „Wolff" seine glückhafte Fahrt vorbei an dem inzwischen vom Feind besetzten deut
schen Schutzgebiet in die Südsee fort. Wenn man einige Zeit nichts zum Versenken fand, wurden Schießübungen veranstaltet, wobei das jeweils begleitende Kohlenschiff die Scheibe ganz wie auf dem „Exerzierplatz" schleppte. Mancher Fang glückte aber auch hier, wo der Schiffsverkehr stiller war. So kamen von Bord der „Matunga" australische Offiziere und ein Generalarzt Strangman, der gerade seine neue Stellung als stellvertretender Gouverneur des ehemaligen deutschen Schutzgebietes Neu-Guinea antreten sollte! Auf ein derartiges Zusammentreffen mit Deutschen hatte er allerdings nicht gerechnet.
Wieder zum Indischen Ozean,' dabei passiert ein englischer Kreuzer so nahe den Kurs des „Wolf", daß man auf dem Kommandoturm das Licht erkennen kann. „Ich überlege", so erzählt Nerger, „ob ich ihn mit Torpedo abschießen sollte, und ob der Schuß auf 4000 Meter — weiter stand er nicht mehr ab — auch sitzen würde. Schnell aber ließ ich den Gedanken fallen, hätte ich mich dadurch doch vielleicht ganz unnötig verraten und meine Minenaufgabe selbst vereitelt. Ich tat also, als sähe ich ihn gar nicht, fuhr ruhig weiter, und da auf ihm anscheinend alles schlief, kam ich auch wirklich ungesehen vorbei."
Im Aufbringen von Dampfern hatte der „Wolf" nun schon einige Uebung. Es wickelte sich ganz programmmäßig ab. Nur eine Ausnahme zeigte sich in den nächsten Wochen von der sonst üblichen Regel. Es war der japanische Dampfer „Hitachi-Maru", den „Wölfchen" aufgestöbert hatte. Obwohl er Passagiere an Bord hatte und der „Wolf" sich durch Setzen der deutschen Flagge als Kriegsschiff auswies, ließ der japanische Kapitän das Geschütz, das er am Heck hatte, klar machen und sandte — entgegen dem ihm vom „Wolf"" erteilten Verbot — funkentelegraphische Notrufe aus. Aus diesem Grunde mußte der Dampfer, bis er diese Maßnahmen einstellte, beschoffen werden. Der Kapitän, der an Bord des „Wolf" gebracht wurde, machte einen völlig verstörten Eindruck. Er hat sich die Tatsache, an dem Tode einer Reihe von Menschen schuld zu sein,
so zu Herzen genommen, daß er mehrere Monate spater Selbstmord durch Sprung vom Schiff beging. In einem hinterlaffenen Brief schreibt er: „Tic Hebei» gäbe meines Schiffes an den Feind, sowie das Elend, das ich durch mein Manöver über meine Besatzung und über meine Paffagiere und deren Familien gebracht habe, zwingt mich, meinem Leben ein Ende zu machen . . Ich weiß, daß ich dadurch meine Schuld nicht gutmachen kann, trotzdem muß es sein." —
Die „Hitachi-Maru" wurde zur Unterbringung von Gefangenen eingerichtet. „Während die Leute an die Arbeit gingen, wurden bei uns", wie der Kommandant berichtet, „nach seemännischer Art die Toten bestattet. Der Tote war kein Feind mehr.. So trat alles an, die Offiziere im Dienstanzug mit Orden, die Mannschaft in ihrem besten Zeug. Und während der japanische Kapitän die Leichenrede hielt,, glitten bte Gefallenen langsam in die blaue Tiefe hinab.
VII.
f
Das Königreich Oervodrr
Die Richtung heißt jetzt „Heimat", wenn man dieses herrliche Wort schon im Indischen Ozean gebrauchen darf. Der japanische Dampfer muß wegen Kohlenmangels aufgegeben werden, und die Gefangenen aen wieder auf den „Wolf" über. Von dem Mate- das vor dem Versenken noch gerettet wurde, darf ein Ballen weißer Seide, die für England bestimmt war, nicht vergessen werden. Davon bekam „Wölfchen" ein neues Kleid, da das alte stark ramponiert war. Das Flugzeug hatte bis zum Abmarsch aus dem Großen zum Indischen Ozean einen verhängnisvollen Kopfstand gemacht. Eine Hilfsmannschaft steuerte sofort vom „Wolf" zu der havarierten Maschine, auf deren aus dem Wasser ragenden Schwanz die beiden Flieger saßen. Hngeachtet der Gefahren durch zahlreiche Haifische in unmittelbarer Nähe, die schon leckere Bissen erwarteten, wurde „Wölfchen" von den Matrosen herausgezogen und im Laufe der nächsten
Hypnose gegen
irtschastskrise
In Berlin gibt es eine einzigartige Klinik. Die Patienten sind: börsenmüde Finanzgrößen, erfolglose Wirtschaftsführer, Künstler, Geistesarbeiter, Staatsmänner. Eine besondere Krankheit beherrscht ste alle: Die psychologische Nachwirkung von Krieg, Revolution, Inflation, Arbeitslosigkeit. Ein geistiges Erschlaffen. Sie stehen auf der Grenze zwischen Normalzustand und Nervenzusammenbruch. Nur ein einziges Heilmittel steht der Klinik gegen diese Maffen erscheinung zur Verfügung: Die hypnotische Kraft des Chefsuggestors.
Einschläferung am laufenden Band.
Generaldirektor K. meldet sich zur Sprechstunde. Der Autopark vor der Klinik erinnert ihn an große Empfänge. Im Wartezimmer sieht er aber kaum drei Menschen. Denn die Patienten sind in den einzelnen Behandlungsräumen verteilt. Der Sekretär wartet schon auf ihn.
Generaldirektor K. diktiert seinen Aufnahmeschein. Er hat kaum zu Ende diktiert, als ein Filmregisseur zu demselben Zweck das Sekretariat betritt.
Der Generaldirektor spricht vor dem Chefsuggestor: .....Konkurs unvermeidlich — werde es nicht überleben . . . Hunderte werden arbeitslos . . ." Der Suggestor blickt tief in seine Augen. Seine Stimme wird getragen — monoton. „Herr Generaldirektor, Sie sind müde — Sie schließen jetzt die Augen — Sie entspannen sich — Are Arme werden bleischwer — Sie können Ihre Arme nicht beben — Sie versuchen die Arme zu heben, aber Sie können es nicht — jetzt können Sie die Arme heben — Sie heben die Arme — Sie können die Arme nicht senken — Sie können die Arme senken — Sie senken die Avme . . ." Der Patient ist in tieffter Hypnose. Die suggestive Einwirkung des Hypnotiseurs beginnt. Von Iaanffon nennt es „indirekte Suggestion in Hypnosezustand." Die monotone Stimme verlangt: Neue Kraft, neuen Mut, andere Lebenseinstellung.
Der Suggestor verläßt auf einige Minuten den
Schlafenden. Und der Regiffeur im Nebenzimmer erlebt dieselbe Prozedur.
Der Suggestor ist wieder beim Generaldirektor. Dieser erwacht. Lächelnd, frisch, wie nach erquickendem Schlaf. Vielleicht hat sich in dieser Sekunde das Schicksal eines Unternehmens entschieden.
Die Energiefabrik.
Eine amerikanische Witwe sitzt vor dem Suggestor. Sie steht unter dem starken Einfluß eines Abenteurers. Sie wünscht ein Gegengift. Einen Gegeneinfluß. Sie will wieder frei sein.
Telephon! Aehnlicher Fall. Die Kriminalpolizei fragt durch den Fernsprecher, ob der Chefsuggestor für einen Versuch seine Kraft zur Verfügung stellen wolle. Ein schwacher Mensch scheine unter hypnotischem Bann eines Verbrechers zu stehen. Es gelte, ihn zu befreien.
Am andern Apparat meldet sich Zürich. Eine Welt- detektei fragt an . . : Nach den Jahresberichten des Verbandes der Krankenkassen hat von Iaanffon im Laufe der beiden letzten Jahre in einem Sanatorium der Mark Brandenburg 15 000 Hypnosen ausgeführt.
Eine einzelne Hypnose genügt natürlich nicht, um ein Nervensystem in Ordnung zu bringen. Der Patient muß durch die Hypnose erzieherisch für eine neue Lebensform herangebildet werden. Um die Sprechstunden für breitere Volksschichten zugänglich zu machen, wird in der Klinik mit Eruppenhypnose gearbeitet. Der Chefsuggestor arbeitet mit 5 Gruppen.
Gruppe 1: die Nervösen und Schlaflosen.
„ 2: die Energie- und Konzentrationslosen.
, 3: die Ermüdeten und Erfolglosen.
„ 4: die Rauschgiftsüchtigen.
„ 5: die Spieler und Verschwender.
Die Energie des Chefsuggestors geht aber weiter. Er ift zugleich beratender Psychotherapeut des Eitt- templerordens, der Beratungsstelle für Süchtige der Stadt Berlin, eines Sanatoriums und einer Nervenheilanstalt bei Berlin. Edgar Lajtha.
Wochen, eben mit Hilfe bet auf „Hitachi-Maru gefundenen Materialien, repariert. Abschließend urteilt Nerger über den Anteil der Piloten an der Fahrt des „Wolf": „Es gab hunderterlei Dinge, die ununter- hrochen repariert und ausgewechselt werden mußten. Die Flieger standen stets — selbst in den schwierigsten Situationen — zur Hilfe bereit. Sie flogen selbst dann, wenn ein Fliegen kaum möglich schien, und haben redlich ihren Teil zum Gelingen der Fahrt beigetragen."
Eine kleine Abwechslung bot das „Königreich Dewadu, eine winzige Insel im Großen Ozean. Der „König" kam herangesegelt, schickte seinen Abgesandten an Bord und bat um Entsendung eines — Arztes. Dieser fuhr auch mit einigen Wölfen an Land und behandelte sozusagen am laufenden Barch schwere und heikle Fälle, die ihm vorgeführt wurden. Nach Austausch von Geschenken ging es weiter.
Allmählich wuchs und wuchs die Zahl der Gefangenen; nickt weniger als 400 Personen (die 22 verschiedenen Raffen angehörten) wollten auf dem Schiff verpflegt werden. So war es gut, daß sich der Dampfer „Jgotz-Mendi" fand, der mit Kriegskonterbande für England unterwegs war. Er wurde nun in mehrtägiger Arbeit zum schwimmenden Gefangenenlager eingerichtet. Bei der Heberstedlung stellte der Kapitän des versenkten Dampfers .Iuritella" fest, daß er gerade nun ein ganzes Jahr auf dem „Wolf" war. Eigentlich, so meinte er mit Galgenhumor, hätte er doch das Eiserne Kreuz 1., zum mindesten aber die 2. Klaffe verdient! Schlimmer war es einem jungen Engländer gegangen. Auf der Fahrt von der Heimat nach Indien war sein Schiff von einem deutschen U- Boot versenkt worden. Als er später auf einem anderen Dampfer fuhr, war dieser vor Ceylon auf eine Mine des „Wolff" aufgelaufen, und jetzt, nach mehreren Monaten, wollte er sich rotebet in Europa erholen, da hatte ihn das Schicksal auf den deutschen Kreuzer geführt. —
Versenkt wird u. a. noch ein Segler mit 270 Automobilen an Bord, die im Kampfe gegen Lcttow-Vor- beck eingesetzt werden sollten. Dann wird das zweite Weihnachtsfest an Bord, noch einmal mit Ersatzbäumen, gefeiert.
Sie heutige Nummer umfaßt 14 Seiten
„Jetzt stehen Sie bereits eine halbe Stunde am Telephon, ohne ein einziges Wort zu sagen!"
„Pst! — Ich telephoniere mit meiner Frau!'
VeranlwonliL für Sen volttiiSen Teil: Dr. Walter Pebnt: für das Feuilleton: German M. Von au: für den lokalen Teil: Dr. Hans Joachim Glatze r: für den Seimatteil: Rudolf ® I ä f e r: für Handel: Dr. Hans Langenberg: für den Sportteil: Herbert Sveich: Photo-Redakteur Eduard Schulz- Ke ff e l: für Anzeigenteil: Konrad Wachsman«. — Berliner Schriftleituug: Dr Walter $ b u ar Berlin SW. 68. — Druck und Verlag: Kaffeler Neueste N-chrichreu ® m. b H. Staffel. Kölnische Strebe 10.
verschlossenen Seiteneingang die Tür öffnen, sehen ihn in der Tür verschwinden . . .
Gehen ihm nach, finden die Tür verschloffen . . .
Fragen den Posten, hören, daß der General eben an ihm vorübergegangen und in der Seitentür dort verschwunden ist . . .
Gehen kopfschüttelnd ins Haus, fragen nach der alten Exzellenz, sehen erstaunte Gesichter, machen sich jetzt klar, daß das alles ja gar nicht so hat sein können, und daß der alte Marschall krank liegt . . .
Erfahren eine halbe Stunde später, daß Helmuth von Moltke soeben seiner Lungenentzündung erlegen ist. Werden sehr nachdenklich ... So nachdenklich, wie ich Sie selbst gemacht zu haben wünsche. Was mich betrifft, so mache ich mir nichts aus dem ganzen Okkultismus. Aber diese Geschichten, diese von klaren und nüchternen Augen gesehenen und mit kühlen Sinnen wahrgenommenen Dinge: nicht wahr, sie können einen immerhin nachdenklich machen . . .
Hnd schließlich und endlich: wäre das Leben nickt entsetzlich spießig und triste, wären da nicht ein paar Geschichten, die man mit dem Fragezeichen versieht, bis man sich dem großen Unbekannten schließlich doch fügt?
Kunst und Wissen
Berlin feiert Ludwig Thoma. Was die Schultes- Bühnc aus Rottach-Egern künstlerisch zu leisten vermag, konnte sich in dem Billinger-Srüä nicht zeigen. Ludwig Thoma liefert ihr jetzt mit den beiden Einaktern „Brautschau"" und „I. Klaffe"" die Möglichkeit, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters zu beweisen, daß aus echtem Volkstum echte Schauspielkunst zu wachsen vermag. Die besondere Könnerschaft der Schultes-Truppe zeigt sich in dem Matz, wie ste naturalistisch echt, menschlich klar und ästhetisch sicher in Sprache wie Ton Geste wie Miene, Zusammenspiel wie Einzelspiel sich ausgibt. Man verfolgt mit atemloser Anteilnahme diese Reife der Gestaltung, wenn man nicht gerade vor Lachen Tränen in den Augen hat. Man muß den Schauspielern immer wieder danken für die prachtvolle elementare Wirklichkeit, dre künstlerische Gesundheit, mit der sie Natur und Un- natur, Spaß und tieferen Ernst, Ulk und «rnn unverfälscht und trocken, heiter und breit zum Erlebnis machen, ohne auch nur einmal in intellekruallstriche Karikatur oder Effekthascherei, einseitige Tendenz oder herzlose Satire zu verfallen; ste spielen gleichsam für sich, aus voller Freude an der Wiedergabe der Wirklichkeit. Unsere gesamte städtische Schauspielkunst kann von dieser Schultestruppe nur lernen. H. M. E.
Programmerneuerung bei den Berliner Philharmonikern. Nachdem der Vertrag zwischen den Berliner Philharmonikern und der Stadt Berlin endgültig zustande gekommen ist, geht man jetzt an eine Umbildung der Konzertprogramme, in erster Linie der der populären Orchesterkonzerte. Es ist festgestellt worden, daß die Jugend iiy Laufe der Zeit an diesen Konzerten immer mehr das Interesse verloren hat. Einen Grund dafür sah man in einer gewissen Erstarrung der Programme, die notwendig eintreten muß, wenn ein einziger Dirigent für 80 Veranstaltungen in einem Winter die Programme aufstellt. So sind nun neben dem verdienstvollen Professor Prüwer eine Reihe anderer Dirigenten gastweise verpflichtet worden. Zu ihnen gehören Richard Leert, Frieder Weißmann, Selmar Meyrowitz und Wilhelm Groß, die Kompositionen von Richard Strauß, Strawinsky, Schönberg, Hindemith und Ravel neben dem klaffischen Repertoire zur Aufklärung bringen. Man ist also bemüht, die Programme der populären Konzerte, die allerdings niemals musikalischen Experimenten dienen können, nach der Gegenwart hin zu erweitern.
Die Schlagerdichter stellen sich um. Im Vorjahre haben die Schlagerdichter gegen die allgemeine Wirt- schastsdepression in ihren Texten noch erfolgreich anzu- kämpsen versucht, nicht nur in dem Refrain, sondern auch in der Anfangszeile, die ja meist heute dem Schlager den Titel zu geben Pflegt. Die diesjährigen Schlager sind überwiegend auf Restgnatwn und Weltschmerz abgestimmt. Bei dem Berliner Sängerwettstreit um den besten Schlager der neuen Saison, für den sich eine Jury aus Generalmusikdirektor Leo Blech Kammersänger Cornelis Bronsgeest, Gitta Alpar, Gustav Fröhlich, Max Hansen, Fritz Rotter und den verschiedenen Direkwren der Grammophon-Gesellschaften gebildet hatte, erhielt den ersten Preis ein Tango „Es war einmal ein Musikus . . .'. Der Preisgekrönte Foxtrott startet mit dem Text „Wenn ich einmal traurig bin. . .' Einen Sonderpreis erzielte ein langsamer Walzer „Schlaf' Mutti . . .* und bekümmert fragt ein weiterer Preisgekrönter ,Sst es wirklich wahr? . . .'
Rudolf Presbers neuer Roman „Die Hexe von Endor" erschien soeben in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart. Die Freunde Presbers werden diesen heiteren Roman doppelt freubig begrüßen in einer Zeit, die der Aufheiterung so sehr bedarf, wie die unsrige. Diese moderne Hexe von Endor ist Hellseherin in Berlin. Ihr fällt die Aufgabe zu, allerlei aus den Fugen gegangene Schicksale wieder einzurenken. Sie vermag die verzwickte Geschichte vom Suchen eines Verliebten auf die glücklichste Weise zu Ende zu brin
gen und der Heldin des Buches, Klara, zu dem ihr bestimmten Eheglück zu verhelfen. Es gibt eine Fülle von lustigen Situationen und komischen Typen. Und doch wohnt dem Buch ein ernster Kern inne: die Uebcrwindung aller äußeren Lebenserschwerung durch Zähigkeit, Klugheit und festen Willen.
Die Jugend lehnt die Philosophie ab. Die moderne Jugend will nichts von der Philosophie wissen, ste möchte in dieser Beziehung völlig problemlos bleiben. Das ist das Leitmotiv eines Vortrages „Die psychologischen Grundlagen des philosophischen Unterrichts auf der Schule"", den Oberschulrat Dr. Schlömmer in diesen Tagen auf den dritten Kongreß der Gesellschaft für philosophischen Untericht an der Berliner Universität hielt. Die Ucberbetonung des Sachlichen führt zu einer Trennung der Schule vom Leben, gleichzeitig auch bei der Jugend, zu einer viel früher einsetzenden Periode sachlichen Denkens und damit zu einer Zu- rückschraubung philosophischer und weltanschaulicher Ansprüche. Trotzdem bleibt auch heute noch bei der reiferen Jugend ein Problembewußtsein bestehen. Mag auch die Jugend an Ehrfurchtsgefühlen eingebüßt haben, so tritt doch einerseits ein ausgesprochenes Bedürfnis nach Führerschaft und andererseits eine starke Hingabebereitschaft in die Erscheinung. DaS sind allerdings Dinge, die nicht zur Erleichterung des philosophischen Unterrichts beitragen. Will aber auch der heutige Durchschnittsprimaner nichts von der philosophischen Fundierung seines Denkens wissen, so braucht er sie doch schon zu einer Einordnung der Erscheinungen. Notwendig ist dabei, daß die Jugend mit einer Philosophie bekannt gemacht wird, die der eigenen geistigen Struktur entspricht.
Die Wissenschaft zum Arbeftslosenproblem. Von Adrien Turel, dem Verfasser der „Eroberung des Jenseits" wird in lutger Zeit ein neues Werk erscheinen „Embryonen, Sklaven, Uebermenschen", worin eine überraschend neue Theorie zum Arbeitslosenproblem auf Hychoanalyttscher Grundlage entwickelt wird. Einige Aerzte behaupten, die Wirffchaftskrise löse alle seelischen Komplexe auf, in deren Heilung die psychoanalytische Wissenschaft ihre Hauptaufgabe erblickte. Die Menschen hätten keine Zeit mehr dafür. Adrien Turel tft dagegen der Meinung, daß die Neurosen, die ftllher hauptsächlich bei wohlhabenden Leuten auftraten, heute in neuer Gewandung bei einer viel größeren Anzahl von Menschen als ehemals erscheinen. Es handelt sich dabei in erster Linie um die Arbeitslosen, die unter Neurosen und Zwangsvorstellungen zu leiden beginnen, etwa unter Hysterie, Platzangst oder Herzneurosen. Man kann die Arbeitslosen mit einer Auswanderungsmenge vergleichen, die
Liebeslied
Von
Hanns Zohst.
Leise will ich dein gebenfen, Wenn die Stunden leiser sind, Wenn sich Wolkenwipfel senken Und die gute Nacht beginnt.
Daß ich selbst mich wieder finde In der dunklen Einsamkeit, Gibt mir, der ich mild erblinde, Deine Sehnsucht das Geleit.
Ich erfühle deine Treue, Deiner Liebe sanften Schritt, Und es führt zum Traum der scheue Schlaf uns lächelnd beide mit.
aus dem Arbeitsprozeß auswandert und sich ihren Weg manchmal in bte gefährlichen Regionen des Gangstertums bahnt oder eine Wanderung nach innen antritt. Dadurch erwachsen Erfahren, besonders für die Jugendlichen, die durch die wirtschaftliche Lage dazu gedrängt werden, ein Leben der Unmündigkeit zu führen, eine Lebenshaltung ohne Arbeit; sie müssen notgedrungen passiv bleiben. Diese Arbeitslosenmassen, in einen Zustand erzwungenen „Rentnertums" hineingetrieben, und einen hohen Prozentsatz der Bevölkerung ausmachend, können auch die Existenz des Staates in höchstem Maße gefährden. Gangstertum, Massenwahn und rasH umschlagende Willensausbrüche des Volkes gehören hierher. Andererseits können aber auch die Enterbten der Arbeit aus der Not eine Tugend machen und „neue Länder" entdecken. Das Ausgeschlossensein aus dem Rahmen der technischen Leistungsform, aus dem Volk der Verdiener, kann dazu führen, daß neue seelische Kontinente in Form von Entdeckungen und Erfindungen erobert werden. Turel glaubt darum auch, daß infolgedessen das Problem der Arbeitslosen nicht nur vom wirtschaftlichen, sondern auch vom psychologischen Standpunkt aus angepackt werden mutz. Daß solche Ansätze beretts vorhanden sind, zeigt ja schon die Frage der Arbeitsdienst- pflicht.