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Seite 3 3. Beilage

zelne, aber nur sehr wenig«, die über 150 Zentimeter hoch waren, der Großteil jedoch blieb unter 140 Zenti­meter. Die kleinste von mir gemessene Frau, der wir noch begegnen werden, matz gar nur 118 Zentimeter. Sie war aber nicht etwa ein krüppelhaftes oder zu­rückgebliebenes Geschöpf, sondern ein durchaus normal entwickeltes Persönchen, nur winzig klein; überdi«s war sie Mutter eines kräftigen Kindes von ungefähr sechs Jahren. Mit Recht spricht man darum von den Pygmäen als von Zwergen. Sie jedoch Negrillen, das heitzt klein« Neger, zu nennen, wi« der französische Ausdruck besagen will, ist keinesfalls richtig. Die Pygmäen haben rasienhaft mit den Negern gar nichts zu tun; allenfalls könnte man das krause Haar als Verroandtschaftsmerkmal anführen, obwohl auch da bei näherer Betrachtung Unterschiede zutage treten. Rasienhaft sind die Pygmäen von den Negern ähnlich weit entfernt wie wir.

Illeiw. CUcowk

In Münster (Westfalen) sind neuerdings, außer den bereits bekannten unterirdischen Gängen aus der Wiedertäuferzeit (1533/35), einige bisher unbekannte Gänge von außerordentlicher Stärke entdeckt worden. Sie wurden durch Zufall bei Kanalisierungsarbeiten am Horsteberg beim Dom gefunden. Es besteht die Absicht, einige dieser Gänge, die ungefähr 1 Meter breit und etwa mannshoch sind, freizulegen, um da­durch das Interesse für die alte Geschichte der Stadt Münster zu fördern.

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Im Braunschweiger Untersuchungsgefängnis ver­schluckt« ein SA-Mann, der wegen Widerstai gegen die Staatsgewalt festgenommen war, ein , "er. Das Messer, das glatt in den Magen gelangte, konnte im Landeskrankenhaus durch operativen Eingriff wieder entfernt werden.

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In Worpswede entwich ein Bär aus einem Zigeu­nerlager. Es gelang dem Tier, die Tür zu einem Kolonialwarengeschäft aufzubrechen. Im Laden selbst verzehrte der Bär mehrere Schinken und Würste. Die Ladeneinrichtung wurde vollkommen demoliert. Als man später das Tier gefangen nehmen konnte, starb es anscheinend unter heftigen Magenbeschwerden.

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Das Reichsgericht verurteilte zwei Kommunisten aus Hagen (Westfalen), die auf einem Gartengrund­stück in Hagen zehn Kilo Sprengstoff vergraben hatten, wegen Verbrechens gegen das Sprengstoffgesetz zu 2 und 3tA Jahren Zuchthaus.

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In der Zeit vom 1. Juli bis zum 30. September sind im Bezirk des Landesfinanzamts Köln 10000 Strafanzeigen gegen Schmuggler erstattet worden. Drei Millionen Zigaretten, 9000 Kilogramm Tabak, 26000 Kilogramm Kaffee, 65000 Kilogramm Zucker, 560 Fahrräder und 47 Autos fielen den Zollbeamten in diesem Zeitraum in die Hände.

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Die Gemeinnützige Bauverein A.-G., Essen, die über Grundstücke und Gebäude im Werte von rund 30 Mill. RM. im ganzen Industriegebiet verfügt, hat das Konkursverfahren beantragt. Das Aktienkapital beträgt 950000 RM. Hauptsächlich beteiligt ist di» Dewog, der Revistonsverband der von den freien Ge­werkschaften gegründeten Baugewerkschaft, Grund­stücks- und Baugenossenschaften, ferner Konsumver­eine von Essen und Duisburg.

Kasseler Neueste Nachrichten

Sonnabend, 15./Sonntag, 16. Oktober 1932

I

Erlebnis im Kongo-Llrwaid

Ankunst bei den Zwergen

Von Paul Sdiebesta

Oie Kurhessische Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft eröffnet ihre Voriraassaison

Hans Helfrih spricht über:

Das unbekannte Güdarabien

Die kurzen, schmächtigen Beine stehen in starkem Gegensatz zu dem plumpen, langen Rumpf, dessen Schultern breit ausladen. Die Arme sind unverhält­nismäßig lang, Hände und Füße hingegen fast zier­lich, letztere nicht selten etwas nach innen gekehrt. Der Körper meines Begleiters war nicht so stark be­haart, wie ich es später oft an anderen Zwergen zu sehen Gelegenheit hatte; immerhin waren Beine, Arm« und Brust leidlich mit Haaren bewachsen.

Agali war jedenfalls gespensterhaft häßlich; ich tröstete mich damit, daß vielleicht seine Genossen freundlichere, einnehmendere Züge haben würden. Doch da hatte ich mich gründlich getäuscht. Fast alle Pygmäen, die ich mit der Zeit kennen lernte es waren ihrer Tausende, waren ausnahmslos häß­lich«, manche zum Gruseln häßliche Geschöpf«. Hübsch waren vielleicht bisweilen die Kinder. Die Pygmäen waren wahrhaftig berechtigt, bei ihrem Schöpfer Klage zu führen, daß er sie so stiefmütterlich bedacht hat. Oder sahen alle Urmenschen einmal so aus?

Ein weiteres augenfälliges Merkmal fand ich bei der Erotzzahl aller Pygmäen: die hellbraune Haut­farbe. Es gibt auch dunkle, sogar schwarze Zwerge, diese sind aber selten und leben gewöhnlich an den Außenseiten des Gebiets, stellen also sehr wahrschein­lich eine Rassenmischung dar. Die hell« Hautfarbe der Bambuti wirkt auch für die Neger so auffallend, daß sie oft von ihnen als von meinen Brüdern sprachen! Als ich gelegentlich eine so wenig schmeichelhafte Ver­wandtschaft ablehnen zu müssen glaubte und nach den Gründen ihres Vergleiches fragte, hieß es: ^Sie sind doch so hellhäutig wie du!" Fiel mein Begleiter durch die bereits geschrwerten Eigenheiten schon stark auf, dann womöglich noch mehr durch die überaus kleine Statur. Inmitten der Neger war er tatsächlich ein Zwerg. Seine Körperhöhe, di« ich nachträglich maß, betrug 145 Zentimeter. Und er war noch lange nicht der Kleinste seiner Rasse! Alle Bambuti sind auffallend klein. Sie sind überhaupt die kleinsten Menschen unseres Erdballs. Die Durchschnittshöhe be­trägt bei den Männern 144 Zentimeter, bei den Frauen 133,3 Zentimeter. Das wäre vielleicht verwunderlich, wenn ich jeweils nur an die Kleinsten unter ihnen den Matzstab angelegt hätte; aber das war keineswegs der Fall. Alles, was sich messen ließ, wurde von mir ge­messen, soweit es die Zeit eben gestattete. Außerdem stammten die Leute aus den verschiedensten Bezirken und gehörten verschiedenen Stämmen an. Es gab ein«

Die Reihe der Wintervorträge der Kurhess. Ge­sellschaft für Kunst und Wissenschaft wurde am Frei­tag abend im Hörsaal des Landesmuseums wirksam mit einem Reisebericht über jenes in unserer Vor­stellung oft unwirkliche und unheimliche Land eröff­net das wir Arabien nennen. Dieses Land, sieben­mal so groß wie Deutschland und nur im Norden gründlich erforscht, ist in seinem südlichen Teil nur von verhältnismäßig wenigen Europäern betreten. Einer von ihnen ist der Berliner Gelehrte Hans Helfritz, der das Hedjas, Pemen und da» Sultanat Hadramaut bereisen durfte. Die Expedition war nur durch persönliche Bekanntschaft mit dem Sultan von Makalla und durch dessen Empfehlung möglich, aber trotzdem noch mit Gefahren verbunden.

Der Redner begann feine Schilderung gleich zu Beginn mit Bildvorführungen, ausgezeichneten und klaren Aufnahmen jener orientalisch märchenhaften Städte und Landschaften. Wir sahen mit Staunen die arabischen Lehmhochbauten,

Vorläufer der amerikanischeu Wolkenkratzer

mit ihrer babylonischen Architektur, blickten auf dunkle bärtige Beduinengesichter, die markanten Züge der Sultane, Scheichs, Soldaten und der verschiedenen Kasten des Landes. Ein kriegerisches Land dieses Südarabien, kein Haus ohne Schießscharten, hohe Wachttürme schauen weit ins Land hinein, die Plän-

T*'* KoÄer

bis zu M.50 in größter Auswahl Köln. Str. 15

®et bekannt- Pogmäenforsch-r Dr. Pani Scheb-«- sst. vor, kurzem oo« einer abenteuerlichen Reifem tue

» 4Ü"T im inneriten Afrika znrück-

^rt. Seine Erlebnisse und die Ergebnitie feinet rfchnngeu über bwfe fast unbekannte Menfchenratze : et in einem hochinteressanten BuchBambuti. die nrntge nonr Kongo" niedergelegt, das demnächft im "läge F. ?L Brockbaus. Lei»,kg, erscheinen wird, 'fr tedt in der Lage, ans Meiern seltenen

eifebericht einen Abschnitt ,u »eröfsentlichea:

Am nächsten Morgen waren wir schon bei Sonnen­aufgang auf den Beinen. Eben hatte die Karawane wieder ein Negerdorf erreicht, als es darin lebendig wurde wie in einem Ameisenhaufen. Neger und Negerlein liefen durcheinander. Weiber stürzten aus ihren Behausungen, alles um den sonderbaren Wei­ssen zu sehen, der eigens wegen der Bambuti gekom­men war! Dies Gerücht war mir vorausgoeilt. Die halbwüchsige Jugend eines jeden Dorfes hatte unfern Zug mächtig anschwellen lassen; die Vorhut meldete überall: DerBaba wa Bambuti" kommt! Eben marschierten wir die Böschung abwärts das Dorf lag auf einer Anhöhe, als ein neuer, ohrenbetäu­bender Tumult anhob. Di« Neger schrien wie besessen, selbst die Träger warfen die Lasten zu Boden und rannten davon, alle in der nämlichen Richtung, zu einer Hütte hin. Fassungslos stand ich da und starrte den Davoneilenden nach. Was sollte der Auflauf?

Vor einer der Hütten wogte ein brodelnder Knäuel von Männlein und Weiblein, die wild durcheinander­schrien und johlten. Als sich der Kreis endlich öffnete, tauchte aus der zappelnden Schar ein bärtiges Männ­lein auf, das ein Neger am Arm zerrend mir ent- aegenführte. Das also war der Grund! Der erste Zwerg!

Zaudernd, mit schleppendem Schritt, mit bitterböser Miene folgte er widerwillig dem Neger. Die Menge schrie und lärmte, was den Armen noch fassungsloser machte. Er zappelte an der Hand des Negers wie ein Fisch an der Angel, seine großen dunklen Augen lug­ten angstvoll unter den Luschigen Brauen hervor, und ein grimmiges Grinsen verunstaltete -fein ohnehin häßliches Gesicht noch mehr. Der ganze Aufzug war aber doch zu komisch, als daß ich nicht hätte auflachen müssen, was den Zwerg nun vollends verwirrte.

Jetzt stand er vor mir, der llrwaldmensch, ein Pygmäe, ein Vertteter der sagenumwobenen eigen­artigsten Rasse der Welt, ein richtiger Mombuti.

Er sah wirklich aus wie ein Kobold aus der Mär­chenwelt vergangener Zeiten. Aber er verstand mich, als ich auf ihn einredete, er antwortete sogar auf einige meiner Fragen, die ich in Kingwana (Suaheli- dialekt) an ihn stellte; manchmal jedoch stockte er und wurde verlegen, vielleicht verstand er nicht alles, viel­leicht auch schnürte ihm die Angst di« Kehl« zu. denn feine Augen blitzten unstet hin und her; oder viel­leicht schaute er gar nach einer Gelegenheit aus um zu entwischen! Die Sinnlosigkeit eines solchen Plans leuchtete ihm bald ein. als er die dichten Menschen­reihen um uns herum überschaut hatte.

Eine Handvoll Salz und ebensoviel Tabak machten seiner Angst ein Ende. Er sollte erfahren, daß ich es gut mit ihm meinte. Mit neidvollen Blicken sahen die Neger Salz und Tabak in d«n Händen des Zwergs; beides gönnten sie ihm nicht. Dennoch reichten ihm einige unter ihnen ein paar Bananenblätter, in die das Männlein seine Kostbarkeiten hüllte. Auch bei den Pigmäen führt der Weg zum Herzen durch den Magen. Das zu erfahren hatte ich in den vielen Mo­naten meines Aufenthalts unter ihnen reichlich Ge­legenheit. So war es auch hier. Mein neuer Freund schnürte die Päckchen mit Bast zusammen und trottete neben mir her. um mich ins Nachbardorf zu begleiten, wo die ganze Pygmäenhorde auf mich wartete.

Agali. so hieß der finstere Zwerg, blieb an meiner Seitze. wenn der Pfad es zulietz, oder trippelte bald vor, halb hinter mir, wenn er zu schmal wurde. Er war ein Mann in den besten Jahren; plump von

Körperbau, massig groß der eckig« Kopf, der auf einem kurzen Hals saß. Das finstere Gesicht wirtte durch den dichten Bart, die stark hervortretenden Backen­knochen und di« unförmig breite und kurze Nase, die wie ein plumper Knopf im Gesicht klebte, fast tierisch. Hinter einer solchen Maske vermutet« ich alles andere denn Menschenfreundlichkeit und Harmlosigkeit. Da ich mich aber nicht von vornherein gegen die Menschen einnehmen lassen wollte, die monatelang meine Ge­fährten sein follten, wies ich solche Gedanken von mir. Es lag auch kein Grund zu irgendwelchen Be­fürchtungen vor, plauderte doch der Zwerg ganz auf­geräumt, wie er neben mir einhertrippelte.

Waffen führte er nicht bei sich, llm die Lenden flatterte ein schmutzig-roter Fetzen aus geklopfter Murumba (Baumrinde), den et als Schurz zwischen den Beinen durchgezogen hatte. Ein sonderbar ge­streifter breiter Hüftgürtel hielt den Schurz fest; er war aus dem Fell des Kenge geschnitten, wie Agali erzählte. Später erfuhr ich, daß Äenoe das Okapi ist; ich sah solche Leibgurte noch sehr oft hei den Bam­buti. Geflochtene Faserschnüre mit zwei winzigen, durchbohrten Hölzchen hingen um den schmutzigen Hals; um das Handgelenk war ein Streiken schillern­der Schlangenhaut gewunden. Beides sollten wohl Amulette sein. Sonst war der Mann unbekleidet, weder die Fellmütze noch die geflochtene Vinsenkappe schmückten seinen krausen Kopf, di« man g«wöhnlich bei den Bambuti jener Gegenden als Kopfputz an­trifft. So oft derUrmensch" vor mir einherlief, musterten meine Augen die ungewöhnlichen Formen seines lehmgelhen Körpers. Solche Mißverhältnisse findet man nur bei den Pygmäen. Tatsächlich find neben der kleinen Statur und der sonderbaren Form des Kopfes gerade die Körperproportionen ein so auffallendes Merkmal der Pygmäen, daß man sie nie mit Angehörigen anderer Rassen verwechseln kann.

keleien der Beduinen hören fast nie auf, zeigen aber meist nicht allzu grimmige Formen. Runde Moscheen und hochragende Minarets, alte Sultanspaläste in den Städten Makalla, Terim, Schibam, Karawanen­straßen in den Wadis, den eingetrockneten Flutzläufen, zeugten von der Kultur und Topographie dieses glühendem Sonnenbrand ausgesetzten Landes. Selbst­aufgenommene Grammophonplatten erwiesen die eigenartige Musikalität der Beduinenstämme. In lose hingeworfenen Sätzen gab der Redner ein interessan­tes Bild der Sitten und Gewohnheiten, der Eigen­art von Land und Leuten.

Der zweite Teil des Vortrags galt dem Lande Jemen, das so oft von Dichtern besungen worden und doch so wenig bekannt ist. Von der Hafenstadt Hodeida führt ein beschwerlicher Weg zur Haupt­stadt Sana, wo ein ebenso geiziger rote harter und unbeliebter Sultan haust. Ein fesselnder Abschnitt des Vortrags galt den Juden und Jsmaeliten des Landes, die sich in strengster Abgeschlossenheit durch die Jahrhunderte gehalten haben.

Im Fluge vergingen bei solchem bildhaften An­schauungsunterricht die 1% Stunden der Ausführun­gen des Forschers. Das nächftemal will Hans Helfritz, dem lebhafter Beifall der aufmerksamen Hörer dankte, über die Geheimnisse des Wunderlan­des Saba sprechen.ker.

Oie letzte Karte

ROMAN VON

ARTUR BRAUSEWETTER

Aber Sie" brach er gleich bei den ersten Wor­ten ab Sie haben sich etwas angetan!"

Nichts Schlimmes . . . vielleicht den Fuß ein wenig verletzt. . . gerade in dem Augenblicke"

Als Sie mir als barmherzige Samariterin nahten," versuchte er zu scherzen.

Ja . . . werden Sie denn überhaupt gehen können?"

.Mir wird nichts anderes übrig bleiben. Denn hier dis Nacht zu verbringen, möchte wenig ver­lockend sein."

Sie setzte den Fuß auf, stützte sich auf ihren Stock, wanderte mutig voran. Aber er sah daß es ihr nicht leicht wurde und daß sie bei jedem Schritte Schmerzen empfand.

Nein, so war es nicht möglich! Er bot ihr den Arm, aber sie nahm ihn nicht, begegnete überhaupt jedem seiner Versuche, sie zu stützen oder ihr irgend­wie zu helfen, mit fast eigenwilliger Ablehnung.

Seien Sie nicht Wse," sagte sie.Aber ich muß an das Wort von dem Blinden denken, der einen Lahmen führen will. .Merden sie nicht beide in die Grube fallen"? heißt es nicht so? Nein, wir müssen es schon lieber auf eigene Faust versuchen."

Er ärgerte sich, daß sie ihm so wenig vertraute, mehr noch, daß er ihr recht geben mußte. Denn der Pfad, der sich eng und kaum wegbar Mischen den schneebeladenen Tannen durchschlängelte, wurde stei­ler und glatter, und er fühlte sich nach seinem Falle noch weniger sicher.

.Mir kamen beim Ausitteg an einer Echutzhutte vorbei. Die muß in nächster Nähe fein!" tröstete er sie und sich selber.

Schweigend setzten sie ihren Weg fort, erzwangen keine Scherze mehr, tauschten nicht ein einziges Wort, machten wreder und wieder Halt.

Die Nacht brach herein, hing fahl und schwer in den Tannen, die düster, bleich, eine gespensterhaft starrende Mauer, standen.

Drohender wurde die Lage. Angsterfüllte Beden­ken stiegen auf. Sie teilten sie sich nicht mit, verbargen sie einer dem anderen, trugen sie, ein jeder ernst und stumm, für sich.

Was sollte werden? fragte er sich, wenn d« bts zum äußersten aufgepeitschten Kräfte fi« verließen.

wenn sie trotz aller Energie nicht weiter konnte? Sollte sie hier rettungslos erfrieren?

Er lüste seinen Lodenmantel aus dem Rucksack, hüllte sie fest und dicht in ihn hinein.

Ohne den leisesten Widerspruch ließ sie es sich ge­fallen.

Am Himmel stieg der Mond auf, zeichnete dünne, scharfe Schatten auf den Weg, di« ihn wohl ein wenig heller machten, aber zugleich etwas Verwir­rendes hatten und die Lage wenig hesserten.

Eine ganze Weile hatten sie dicht nebeneinander gestanden. Sterne tauchten auf, leuchteten matt hin­ter graudunstigen Schleiern, ein ungewisses Flim­mern war in der Luft.

Nun hatte sie kroch seinen Arm genommen, ganz von selbst, ohne ein Wort zu sagen, schweigend und ergeben.

Er fühlte, wie sie sich bei einem erneuten Versuch, vorwärts zu kommen, auf ihn stützte. Ein beglücken­des Empfinden war in ihm. Aber die furchterfüllten Fragen wollten nicht zur Ruhe kommen.

Da er horchte auf. Ein Ton dringt durch di« lastend« Stille . . . kommt näher, wird deutlicher.

3ji es ein Menschenlaut? Das wäre Rettung!

Nun ist es ihm, als vernähme er noch etwas an­deres, ein Schlürfen, ein Schnauben, ein Knirschen über hartgefrorenen Boden.

Irrt er sich? Ist es narrende Täuschung erwar­tungsvoll gespannter Sinne?

Nein, auch sie hat es vernommen! Ihre erschlaff­ten Züge beginnen sich zu beleben.

.^Hören Eie?" fragt sie mit aufleuchtenden Augen. Sind es vielleicht Skiläufer?"

Nein, Skiläufer nicht. Etwas anderes, etwas Besseres!"

Näheres kommt das Geräusch. Deutlich hört man ein langgezogenes Hüh . . . hüh.

Hinter einer Kurve, die sie eben mit der größten Ansttengung genommen, taucht aus der filbergrau dämmernden Dannenwand ein Pferdekapf auf . . . ein kleiner, wohl für Lasten bestimmter Bergschlit­ten, der jetzt aber leer ist, folgt. Ein Mann, der die Peitsche schwingt, schlendert hinterher, und Hüh . . . hüh . . . dringt es noch einmal durch die Still«.

Sie find stehen geblieben nein, es ist kern

Pferde-, es ist ein Mauleselkopf, der da, mit hellbl-in- kendem Blechbeschlag versehen, behäbig voranwackelt.

Freundlich lüftet sein Führer tue Mütze.

.Werirrt?" fragt er.

Wo sind wir denn?"

,Zetzt auf gutem Wege nach Schierke runter."

Nach Schierke? Und wir wollen zum Torfhaus." Sie sind abgekommen längst abgekommen. Zum Torfhaus gehts da drüben, oberhalb der Schutzhütte."

Unb wohin fahren Sie jetzt mit Ihrem Schlitten?"

Ich habe Lebensmittel zum Brocken herauf­gebracht. Jetzt bin ich auf dem Heimwege."

3>a sind sie uns rote ein rettender Engel gekom­men. Die Dame hier hat sich den Fuß verletzt. Sie tonnte beim besten Willen nicht mehr vorwärts. Wer weiß, was aus -uns geworden wäre, wenn der Himmel Sie nicht gesandt hätte."

Ein geschmeicheltes Schmunzeln läuft über des biederen Schierkers wetterharte Züge. Als Himmels- gesandter ist er bisher noch nicht angeredet worden.

nun werden Sie die Dame freundlichst auf Ihren Schlitten nehmen. Und Ur braver Maul- esel wird sie nach Schierke bringen."

,Hm . . . gern . . . dochs wird n' schlechtes Fah­ren für so'ne Dame sein!"

Gerta Rittland aber hat, die Hilfe ihres Beglei­ters wieder mit energischer Hanbberoechtng ableh­nend, bereits auf dem Heinen Schlitten Platz genom­men. Den kranken Fuß von sich gestreckt, so daß er über -das Sitzbrett hinaushängt, kauert, liegt sie halb auf dem schmalen Gefährt. Nichts spütt sie von dem Unbequemen ihrer Stellung. Nur eins empfindet sie mit wachsendem Wohlgefallen: Wie herrlich und er­quickendes ist, nach dem maßlos anstrengenden, ihre Willenskraft bis zum äußersten beanspruchenden Marsch den übermüdeten Körper und den schmerzen­den Fuß jetzt ausruhen zu dürfen.

Durch das stark verschneite Eckerloch gehts im mäßigen Abstiege talwärts. Voll und froh -blickt der Mond vom Himmel auf sie hinab, webt magisch flim­mernde Silberstreifen in die Gänge, die sich in ge­heimnisvollem Schweigen Mischen hochragenden Bäumen hinziehen.

Da klingt ein Helles Lachen durch die Stille. Eeria Rittland -Hit ihren Humor wieder-gesunden. Mag der Fuß noch schmerzen, ihre Lage bei der Uneben­mäßigkeit des Weges immer Awieriger und un­bequemer werden, diese Fahri auf dem seltsamen Gefahtt mit dem Maulesel, der manchmal stehen bleibt und nicht vom Fleck zu rühren ist dann plötzlich wieder anruckt, hat einen gar zu komischen Anstrich... nein, man kann bei ihr nicht ernst bleiben!

Eine ganze Strecke gleitet der Schlitten über lang­sam sich senkende, manchmal fast eben« Bahn. Der Wald hat aufgehört. Ein weites, im Mondlicht bläulich verschwimmerrdes, von Hügeln eingefaßtes Gelände tut sich auf.

Dann wird es lebendiger. Skiläufer kehren von froher, spät ausgedehnter Fahtt zurück, hier und da zieht ein Pferd ein« ganze Reihe von ihnen. Bon irgendwoher ertönt Musik.

Der Maulesel macht Halt, fest entschlossen, nun auch keinen Schritt weiter ju gehen.

Sie richtet sich im Schlitten auf, läßt sich auch von Jobst Uebinger nicht zurückhalten.

.(Der Maulesel hat ganz recht," schneidet sie lachend seinen Einspruch ab. ,Hch kann doch unmöglich in diesem Aufzug an einem Hotel vorfahren."

Dankend verabschiedet sie sich von ihrem Retter, streicht dem Maulesel mit dem Handschuh über Sttrn und Ohren.

Aber wo bleiben wir jetzt?" fragte sie, und aus ihren Worten pocht die Sehnsucht, nun endlich zur schwerverdienten Ruhe zu kommen.

Im ersten besten Hotel, das wir finden."

Sagen Sie lieber nur: im besten," wendet sie ein. $-enn ein bißchen behaglich muß es sein. Ich habe noch nie im Leben gewußt, was Hunger ist. Heute aber spüre ich einen Wolfshunger und freue mich auf ein lecker bereitetes Mahl und ein gutes Glas Wein. Ich glaube, wir haben es beide not.

Die roten Lippen schürzen sich, und in die erschlaff­ten Züge kehren Farbe und Spannung zurück.

Da flammen die elektrischen Lichter einer hohen Bogenlampe vor ihnen auf.Hotel Waldfrieden" lesen sie auf einem Schild in goldenen, weithin leuch­tenden Buchstaben.

,D-as erste Hotel ist es, meint er, .Hoffen wir. auch das beste."

Sie treten in eine teppichbelegte Eingangshalle. Gedämpftes Licht fällt von der Decke herab. Durch die Tür, di« gerade ein Kellner öffnet, erblicken sie festlich gekleidete Menschen an kleinen Tischen mit verschleierten Stehlampen beim Abendessen.

Fortsetzung folgt!

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