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Kasseler Tageblatt Hessische Slbenbseltung

Kasseler Abendzeitung

22 Jahrgang

Dienstag, den 17. Oktober 1932

Ar. 239»

Papens Empfang in München

Das Programm des Staatsbesuches / Der zweite Tag -er Leipziger Verhandlungen / Eine Erklärung Severings

Die belgische Neutralität

Freundlichere Stimmung?

Ans Marschall Zoffres Memoiren

(Sigeitet Drahtbericht).

i:

I

Der zweite Tag

des Prozesses vor dem Staatsgerichtshof

th Berlin, 11. Oktober.

hat Damals verneint unö dabei jtch noch ans meine Er- wissen wollten, jeder Begründung entbehren.

München, 11. Oktober.

Reichskanzler von P a p e n traf heute früh mit sei­nen Begleitern im Münchener Hauptbahnhof ein. Mi­nisterpräsident Held begrüßte den Kanzler beim Verlassen des Salonwagens und stellte ihm die zum Empfang erschienenen Herren vor. Der Kanzler be­gab sich hierauf im Kraftwagen, begleitet vom Mini­sterpräsidenten, zum Hause des Ministerpräsidenten, wo er Wohnung nimmt, während die Herren seiner Begleitung sich zum HotelBayerischer £of" begaben.

fett.

Ministerialdirektor Dr. Brecht gab bei Verhand­lungsbeginn eine Erklärung ab, in der er betonte, die preußischen Minister (außer dem abberusenen Mini­sterpräsident Braun und Innenminister Severing) würden es im Interesse des Landes nicht abgelehnt haben, mit dem Reichskommiffar, jeder für fein Res­sort, ebenso zusammen zu arbeiten, wie es jetzt die Staatssekretäre tun, wenn auch unter Aufrechterhal­tung ihrer Rechtsverwahrung. In diesem Sinne hät­ten sich mehrere Minister bereits in der Frühe des 20. Juli geäußert.

Herriots Reise nach London

Paris, 11. Oktober.

Havas teilt mit, daß die Begegnung zwischen Macdonald und Herriot, deren Zeitpunkt «och nicht feftstand, am 13. Oktober in London stattfinden werde. Herriot wird Paris am Mittwoch verlassen.

London, 11. Oktober. Reuter meldet: Man be­merkt angesichts des Umstandes, daß Herriot nach London eingeladen worden ist, es bestehe für Deutschland und Italien wegen dieser Tatsache kein Grund zu einer kühleren Haltung, denn es sei nicht notwendig, diese Leiden Länder erst von der Nützlich­keit einer Viererkonferenz zu überzeugen. Der ein­zige Grund, der die britische Regierung veranlaßt habe, Herriot einzuladen, sei der lebhafte Wunsch der britischen Regierung, jede Schwierigkeit zu beseiti­gen, die der Konferenz hinderlich sein könnte.

deutschen Vormarsch durch Belgien vorwarf. An kei­ner Stelle bieten die Memoiren Josfres ein größeres Interesse wie dort, wo sie auf diese Anklage erwidern. Sie gewähren damit Aufklärung über eine Angele­genheit, auf die im Vorjahr bereits durch französische Dokumente ein erstes Licht gefallen ist, die aber im Wesentlichen doch unaufgehelli geblieben war: der französische Plan eines Einmarsches in Belgien.

Wenige Monate, nachdem Joffre zum Chef des Generalstabes ernannt worden war, kam er zu Er­wägungen, die jenen sehr ähnlich waren, wie sie frü­her der deutsche Generalsiab Graf Schliessen angestellt hatte. Wie Schlieffen, kam auch Josfte zur Ueüer- zeugung, daß es unvermeidlich fei, neutrales Gebiet in den Kampfraum einzubeziehen. Er will in seinen Memoiren zeigen, daß er nicht nur mit dem deutschen Einmarsch in Belgien gerechnet hat, sondern sogar selbst die Absicht hatte, zuerst in Belgien einzufallen. Joffre schreibt:Tas Festungs­massiv Metz-Diedenhofen stellte die französischen Heere vor ein Dilemma. Entweder mußten wir auf eine strategische Offensive verzichten, oder uns in den wohl­gerüsteten geschlossenen Raum zwischen Metz und Straßburg begeben. Diesem Dilemma konnten wir nur entgehen, wenn wir unsere Operationen aus Sefa gten ausdehnten.*

Am 21. Februar 1912 unterbreitete er seine Er­wägungen über die militärische Lage den zuständigen Ministern. Er faßte sein Urteil dahin zusammen! Weder im Elsaß, noch in Lothringen finden wir ein Gelände für eine Offensive, die zu unmittelbar ent­scheidenden Ereignissen führen könnte."Aus dieser Darlegung", so fährt er fort,zog ich den Schluß, daß wir ein gewaltiges Interesse haben, unsere Heere in belgischesGebieteinmarschierenzu lassen und zwar nicht erst, sobald die Deutschen, wie es wahrscheinlich ist, es selbst verletzt haben würden. Ich fügte hinzu, daß es vielleicht aus diplomatischem Wege möglich sein werde, die britische und die belgische Re­gierung zur Annahme der Lösung zu bringen, die uns als die günstigste erscheint." Kriegsminister M i l l e r a n d und Marineminister D e l c a s s ö stimmten zu.

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Kasseler Neueste Nachrichten

Der Besuch des Kanzlers in München umfaßt unter anderem folgende Programmpunkte: Vorstellung des Staatsministeriums sowie des Landtagspräsidiums, ferner einen Besuch beim Erzbischof, Riederlegung eines Kranzes am Kriegerdenkmal, eine Pressebespre­chung im Bayerischen Ministerium des Auswärtigen. Dann folgt heute mittag ein Frühstück beim Minister­präsidenten Held, und der Nachmittag bleibt für po­litische Verhandlungen frei. Abends veranstaltet der bayerische Ministerpräsident einen großen Empfang. Am Mittwoch vormittag spricht der Reichskanz­ler auf der Tagung des Verbandes der bayerischen Industriellen. Diese Rede wird durch Rundfunk übertragen. Die zweite Rede findet in geschlossenem Streife des Akademischen politischen Klubs am Nach­mittag statt. Am Mittwoch abend erfolgt die Rück­reise nach Berlin.

Im Mittelpunkte der politischen Verhandlungen in München wird die Frage der Reichs- und Ver­fassungsreform stehen, die im Innenministe­rium feit längerer Zeit bearbeitet wird, über die aber der Reichskanzler zunächst mit dem bayerischen Mini­sterpräsidenten Fühlung nehmen will, bevor die Be­schlüsse des Reichskabinetts über diese Entwürfe ge­faßt werden. Es ist damit zu rechnen, daß diese Vor­lagen, in denen es sich um eine Neugestaltung des Verhältnisses zwischen dem Reich und Preußen sowie dem Reich und den Ländern handelt, ungefähr eine Woche vor der Reichstagsneuwahl ver- öfsentlicht und dann dem Reichsrat, sowie später­hin dem Reichstag zugeleitet werden.

Man mißt diesen Münchener Besprechungen große politische Bedeutung bei, steht ihnen aber auch in der Erwartung eines günstigen Ergebnisses entgegen, denn man hat den Eindruck, daß sich irgendwie das Einvernehmen zwischen der Reichsregierung und der bayerischen Regierung gegenüber früher merk­lich gebessert hat. Dafür spricht auch ein Begrü­ßungsartikel der offiziösenBayerischen Staatszei­tung", die unter anderem schreibt, man müsse dem Reichskanzler zugestehen, daß er von der Kunst der Menschenbehandlung außerordentlich viel verstehe, und deshalb könnte es geschehen, daß der Staatsbesuch in München einem besseren Verstehen zwischen dem Reich und Bayern den Weg bereite.

Eine Neichs-Trerchandstelle?

Parteinamen festhält und mit voller Selbständigkeit in den Wahlkampf geht. Durch eine geeignete Listen­verbindung sei dafür Sorge getragen, daß keine mit­telständische Stimme verlorengehe.

Spitzenkandidat der Reichsliste der Wirtschafts­partei, die wahrscheinlich wieder mit der der Bayeri­schen Volkspartei vereinigt wird, wird diesmal Prof Tr. B r e d t fein. An zweiter Stelle steht der bis­herige Abg. Köster. Die dritte Stelle ist einem Ver­treter aus Sachsen Vorbehalten, während die vierte der Parteivorsitzende Drewitz inne hat.

Der Jahrestag von Harzbnrg

Berlin, 11. Oktober.

Dr. Hugenberg beschäftigt sich in der ihm na­hestehenden Presse unter der Ueberschrift:Am Jah­restag von Harzburg" mit der politischen Entwicklung des letzten Jahres. Er bezeichnete es als schmerzlich, heute gegen diejenigen schreiben zu müssen, mit denen zusammen er vor einem Jahr hoffte, gemeinsam Deutschland dienen zu können und nennt dieses ganze Jahr auf Seiten der Nationalsozialisten eine große Kette verpaßter Gelegenheiten mit dem Endergebnis, daß inzwischen die Gelegenheiten, die von der natio­nalen Opposition geschaffen worden seien, von ande­rer Seite ausgenutzt würden.

Der Nationalsozialismus mag tun, was er will, so führt Dr. Hugenberg weiter aus, wenn wir anderen nationalen Menschen fetzt unsere- Pflicht hm, ft> bleibt es bei dem einen großen Ergebnis der letzten drei bis vier Jahre: Das Werk von Weimar ist zerstört. Der Weg zu einer besseren Zukunft sei damit frei. Es komme jetzt nur darauf an, ihn richtig und klar zu ge­hen. Es dürfe nicht neuer Opportunismus, neuer Gouvernementalismus ohne Willenskraft sein. Sonst gebe es ein fürchterliches, nie dagewesenes Elend.

Doch P o i n c a r e, damals Ministerpräsident und Außenminister, wandte ein,daß Frankreich mit dem Durchmarsch seines Heeres durch Belgien sich der Ge­fahr aussetze, nicht nur den Unwillen Europas, son­dern selbst den der Belgier wachzurufen, da es schwie­rig fei, sich mit ihnen int voraus zu verständigen. Unter diesen Umständen erscheint es notwendig, daß unser Einmarsch in belgisches Gebiet mindestens durch die positive Drohung einer deutschen Inva­sion gerechtfertigt wäre. Wir müßten uns daher ver­gewissern, daß ein Plan, der auf unferm Einmarsch in Belgien beruht, nicht England bestimmen würde, uns seine Hilfe zu entziehen." Diese Aeußerung gibt Joffre sehr ähnlich dem Wortlaut wieder, der im Vorjahr durch französische Dokumente bekannt gewor­den war.)

Joffre fragt nun in seinen Memoiren:Was war unter positiver Drohung zu verstehen? "Er erklärt sich jedoch selbst das Zögern Poincares:Zweifellos hat der Ministerpräsident alle die Warnungen vor Augen, die uns die Engländer bezüglich der belgischen Neu­tralität erteilt haben. 1906, zur Zeit der ersten Be­sprechungen über eine militärische Entente zwischen Frankreich und England, haben wir ausdrücklich ver­sprochen, die belgische Neutralität zu achten." Joffre schließt diese Betrachtungen, indem er der Vermutung Ausdruck gibt, daß die b r i t is ch e Diplomatie sich auf Veranlassung Poincares mit der Frage befaßt habe.

Tatsächlich hat Poincare sehr bald nach jener Sitzung nachdrücklich Schritte unternommen, um die Zustimmung der britischen Regierung zu einem fran­zösischen Einmarsch in Belgien zu erhalten.

Die Weigerung Belgiens.

Der britische Generalstab teilte die Auffassung des französischen Generalstabs, wonachunter ge­wissen Umständen" (gemeint waren wirkliche oder vermeintliche Ansammlungen deutscher Truppen bei Aachen) einpräventiver" französischer Ein­marsch in Belgien notwendig sei. Die britische Regie­rung verhielt sich jedoch zunächst abwartend; sie wollte vorerst die Stellung der belgischen Regierung kennen. Der britische Militärattache sprach beim belgischen Generalstabschef und beim belgischen Kriegsminister vor, um diese für das französische Vorhaben zu gewin­nen. An beiden Stellen holte er sich eine Abweisung. Der Kriegsminister ging so weit zu erklären:Wenn die Deutschen zuerst unsere Neutralität verletzen, mür­ben wir keine andere Macht zu Hilfe rufen, denn es

Gronau in Rangun

Berlin, 11. Oktober.

In einem hier eingegangenen Funkspruch teilt Wolfgang Gronau mit, daß das Flugboot im Schlepp derCaragola" heute früh in Rangun eingetroffen ist. Die Besatzung sei wohlauf, die Maschinen in bester Verfassung. Er hofft, recht bald weiter fliegen zu kön­nen. Aus diesem Funkspruch geht hervor, daß alle Nachrichten, die von einem Leckwerden des Flugbootes

Die Memoiren Joffres finb. tu diese» Ta­ge» in Bern Pariser Verlag Plo« erschienen. Die Ka­pitel, die sich mit der Srage der belgischen Neutralität beschäftigen, verdiene» a»ch bet » besondere Be­achtung.

A. R Am 28. Dezember 1916 verließ Joffre end­gültig das Hotel Grand Conds in Chantilly, das ihm über zwei Jahre als Sitz feines Hauptquartiers ge­dient hatte. Zwei Tage früher hatte er dem Drän­gen des Präsidenten der Republik und des Mini- sterpräfidenlen nAchgegeben; er war freiwillig von feiner Stelle als Befehlshaber zurückgetreten, um der Regierung die Notwendigkeit einer Ent­hebung zu ersparen.

Der Unmut des französischen Volkes über die lange Dauer des Krieges hatte sich Joffre zum Schuldigen erwählt. Man erhob gegen chn die Beschuldigung, nicht nur, daß es sein Mangel an Voraussicht war, der den deutschen Vormarsch durch Belgien ermöglicht hatte und damit Frankreich zum Kriegsschauplatz wer­den ließ, sondern daß es auch fein Mangel an Initia­tive war, der die großen Blutopser der Somme- Offensive zur Fruchtlosigkeit verurteilte. Selbst das Verdienst an der Marneschlacht wurde ihm aberkannt und Unterführern Foch und Callieni, zugesprochen. Man bewilligte ihm damals den Titel eines Mar­schalls, wollte ihn jedoch von jeder weiteren Einfluß- uahmc auf die militärischen Vorgänge fernhalten.

Joffre für Einmarsch in Belgien.

Von den vielen Anklagen, die die öffentliche Mei­nung in Frankreichs gegen Joffre vorbrachte, war keine fo schwerwiegend wie jene, die ihm den Man­gel an geeigneten Abwehrmaßnahmen gegen einen

Zu den in den letzten Tagen durch die Presse ge­gangenen Nachrichten über neue Bankenp 1 äne der Reichsregierung erfährt dieB. Z." heute noch eine Reihe Einzelheiten. Danach soll cs sich um zwei ver­schiedene Pläne handeln, hinter denen bestimmte Kreise des Reichswirtschaftsministeriums stehen. Ein­mal wird daran gedacht, die Stelle des Bankenkommif- sars weiter auszubauen. Ihm sollen namentlich in der Frage der Kreditgewährung weitgehende Befug­nisse und Konttollrechte eingeräumt werden.

Ferner wird die Schaffung einer sogenannten Reichstreuhand st eile erwogen, in der die Bankinteressen des Reichs zusammengefaßt werden sollen. Dieser Treuhandstelle will man den Charakter einer Holdinggesellschaft geben, und in ihr würde so­wohl die direkte Beteiligung des Reichs wie beispiels­weise an der Dresdener Bank, aber auch die indirek­ten Interessen eingebracht werden.

Für die Durchführung dieser beiden Pläne möchten bestimmte Kreise den früheren Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht gewinnen. Es wird aber darauf hinge­wiesen, daß eine Entscheidung in dieser Frage noch keinesfalls gefallen ist und auch kaum unmittelbar be- vorsteht. Diese Pläne würden vor allem unvereinbar sein mit dem bisherigen Standpunkt des Reichs, so schnell wie möglich von der unfreiwilligen Banken- interessenpolitik wieder los zu kommen.

Der Weg der Wirtschaftspartei

Berlin, 11. Oktober.

Die Wirtschaftspartei hielt in Berlin einen außerordentlichen Parteitag ab, in der ein Bericht über die Sammlungsbestrebungen der bürgerlichen Mittelparteien, die leider ohne 2dmlb der Wirtsckmfts- »artet gescheitert jeten, entgegengenemmen wurde. Cs wurde beschlossen, daß die Wirtschajtspartei an ihre»

klärung berufen, daß die preußische Polizei fest in der Hand der Regierung sei. Ein anderes Gespräch über die Einsetzung des Reichskommissars habe ich mit Herrn von Gayl nicht gehabt."

Das Interesse der Oeffenllichkeit an dem Streit­verfahren zwischen Preußen und dem Deutschen Rei­che bekundet sich heute durch den starken Andrang von Publikum und Presse. Auch in der heutigen Verhand­lung sah sich Reichsgerichtspräsident Dr. Sumte ver­anlaßt, die Verhandlungsparteien zu bitten, persön­liche Momente mus der Debatte zu las-

th. Berlin, 11. Oktober.

Die Verhandlungen vor dem Staats­gerichtshof in Leipzig haben gestern (ausführlich berichten wir über die Verhandlungen auf Seite 2! D. Red.) bereits einige sehr interessante p o - litische Momente gebracht, die aus dem Rah­men der rein staatsrechtlichen Erörterungen heraus- treten. Dahin gehören vor allem die Behauptungen des Vertreters der Reichsregierung, Ministerial- direkwr Eottheiner, der sich über den früheren preußischen Ministerpräsidenten Braun und den früheren Innenminister Severing in einer Weise geäußert hat, die vom Vorsitzenden des Reichsge­richtes, Präsident Sumte, als persönliche Polemik ge­kennzeichnet worden ist. Eottheiner hatte erklärt, dem Ministerpräsidenten V r a u n sei es in der Haupt­sache auf die weitere Auszahlung seines vollen Gehaltes angekommen, und Severing habe zwar erklärt, er weiche nur der Gewalt, habe aber über das Maß der Gewalt­anwendung nachher Verhandlungen geführt, und er habe dem Reichsinnenminister erklärt, daß die Ein­setzung eines Reichskommissars sich doch nicht vermeiden lasse.

Gegenüber diesen Behauptungen Gotcheimers lie­gen bereits Proteste der beiden betreffenden Persön­lichkeilen vor. DerVorwärts" teilt mit, daß der frühere Ministerpräsident Braun sich heute telegra­phisch an den Reichsgerichtspräsidenten wenden will, um gegen die unwahren Behauptungen Gottheiners Verwahrung einzulegen. Diese Behauptungen seien lediglich zur Wahlpropaganda bestimmt.

Severing hat bereits einer Mitteilung derVos- stschen Zeitung" folgendes erklärt:Ich habe niemals Herrn von Gayl zu der Einsetzung eines Reichskom- misfars ermuntert. Ich habe ihm in einem Gespräch lediglich gesagt, daß ich mir sehr wohl denken könne, daß nach den Reichstagswahlen die Zeit reif fein werde, um jenen Plan der Verwirklichung näher zu bringen, der im Sommer 1931 zwischen Ministerpräsi­dent Braun und Reichskanzler Brüning erörtert wor­den ist: In einer Personalunion zwischen Reich und Preußen, eine Zusammenlegung der Ministerien herbeizuführen. Ich. habe aber andererseits im Ge­genteil dringend gebeten, nicht ohne gesetzliche Grundlage einen Reichskommiffar einzusetzen.

Ich habe späterhin auch eine öffentliche Erklärung über mein Gespräch mit Herrn von Gayl veröffentlicht, als Gerüchte im Gange waren, daß das Reichsinnen­ministerium die preußische Polizei auf das Reich über nehmen wolle. Ich habe Herrn von Galv gefragt, ob er die Onelle dieser Gerüchte kenne. Herr von Gavl