Mittwoch. 5. Oktober 1932
ffofFeler Neueste Nachn'c-fen
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Im Bottnischen Meerbusen gerieten der griechische Dampfer „Georgias", der schwedische Dampfer „Start" und der finnische Segler „Elfte" bei schwerem Sturm auf Grund. Das finnische und das schwedische Schiff sind gesunken. Tie Besatzungen wurden gerettet. Auch das griechische Sch.ff gilt als verloren. Ein Teil der Bemannung ist schon von Bord.
Die Erdbeben auf der Halbinsel Chalzidize und in Saloniki dauern noch immer an. Bisher zählt man im ganzen 232 Todesopfer. Neue Erdstöße haben das Dorf Ormilia völlig zerstört. In Saloniki übernachtet die ganze Bevölkerung schon seit mehreren Tagen auf der Straß«. Die griechische Regierung schickt Lebensmittel in das Erdbebengebiet. Das englische Mittel« meergeschwader ist zur Hilfsleistung eingetroffen.
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Der Gehilfe des Zahlmeisters des 878. französischen Infanterie-Regiments in Römiremont ist mit der Regimentskasse. die 250 000 Fr. enthielt, verschwunden. Nach dem Flüchtigen, der noch sechs Monate Dienstzeit vor sich hat, und der, wie man annimmt, nach Paris unterwegs ist, wird eifrig gefahndet.
In Neuyorker Finanzkreisen erregt eine Veröffentlichung des Biographen des amerikanischen Milliardärs John D. Rockefeller großes Aussehen. Danach soll Rockefeller über zwei Drittel seines Vermögens eingebüßt haben. Nach Flinns Angaben ist das Vermögen Rockefellers um 500 Millionen auf 150 Millionen Dollar zurückgegangen.
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Ein rapides Wachstum erlebt gegenwärtig dis japanische Filmindustrie; nach der letzten Statistik wurden im Jahre 1931 790 Filme in japanischen Ateliers von japanischen Gesellschaften hergestellt. Der Tonfilm steckt allerdings noch in den Anfängen.
Humor
Höflich.
„Jperr Professor, ein Herr ist am Telephon und möchte Sie gern sprechen."
„Ich komme sofort — sagen Sie ihm, er möchte einen Augenblick Platz nehmen.
Falschspieler.
Bemm, Busse und Bosse pokern. Mit einem Vierten. Einem gewissen Bang. Bang hat einmal sein Auge eingebutzt. Bang trägt seitdem ein Glasauge. Dafür aber spielt er falsch. So falsch, daß es Busse auffällt. Eine Weile sagt Busse nichts.
Dann aber steigt er in Saft.
„Hier spielt einer falsch!", schreit er, „ich sage nicht, wer es ist. Aber wenn der Kerl weiter mogelt, schlage ich ihm das andere Auge auch noch aus!"
Vergleich.
Jeremias steht vor der Pleite. Seine Filiale in Leipzig hat ihn ruiniert
„Wie fühlen Sie sich?", fragt einer Jeremias.
Jeremias lächelt müde:
„Wie Napoleon."
„Wie Napoleon?"
,^Ja", antwortet Jeremias", wir haben beide in Leipzig unsere Niederlage gehabt und sind daran zugrunde gegangen."
Entgegenkommend.
„Ich soll eine Rechnung bezahlen und habe keinen Pfennig im Hause. Kannst du mir aushelfen?"
„Hier hast du einen Pfennig!"
(„Fliegende und Meggendorfer Blätter") Die Uhr.
„Sie haben eine wundervolle antike Uhr in Syrern Büro. Haben Sie keine Angst, daß sie hnen gestohlen wird?"
„Nein. Meine Angestellten sehen dauernd nach ihr hin."
Eine Artikelfolge von Dr. Fritz Ruhlandt
Copyright 1932 by Deutscher Preue-Verlag. Berlin SW 68
II.
Wilna, ? nioko st atze 54
dlick iu Europas ..wilde» C#en": das Grenz- fi'wifitJn’ oL'n dole» »ob Litauen, das leit dem »übt mehr ,ur Ruhe aekom- AE» ttt- Ei» alter Lclauuier taucht aut. Pletschkaitis. Ou-rti-r »eh«^» ^Esse» ®<,äoe”iRca be‘
(Ein Haufe wilder, abenteuernder Gesellen - Ueber- bleibsel noch aus der Zeit des sentimentalen Fürsten Avalotf-Berinont — hat ihr Hauptquartier in Wilna, m diesem dusteren, halbverfallenen Hause, Antokot- straße 54. Zerspasten untereinander in fast ebenso viel Kliquen und Grüppchen, als überhaupt Männer da sind, unterwerfen sie sich doch alle dem Willen des Mannes, der nicht nur ihr Führer ist sondern auch ihr Ernährer.
Woher das Geld kommt, mit dem Pletschkaitis, unser ueber. alter Bekannter aus so manchem Putsch, sie ernährt, wissen sie nicht. Es kümmert sie auch nicht; nur Simonni, Pletschkaitis Adjutant und Vertrauter, weiß Bescheid! Denn oft genug muß er — in Vertretung
bewährtem Muster (stehe Wilna!) heißt diese Lösung: Sitauen 1 Lebt man mit diesem kleineren Nachbarn in Frieden und Freundschaft, dann wird es schwer sein, eine Begründung für einen späteren eventuellen Ueberfall mit anschließender Anektion zu finden; lebt man mit ihm dagegen in ständigem Unfrieden, dann wird es leicht fein, einen Vorwand zu finden, unter dem man Litauen einfach von der Landkarte wegfegt!
Nicht zuletzt aus diesen Ueberlegungen heraus hat man seinerzeit den Haudegen Zeligowsky so lange auf» geputscht, bis er zum „Rebellen" wurde und Wilan — mitten im tiefsten Frieden — einfach wegnahm! Und allein diese Erwägungen sind es, die zu der merkwürdigen Freundschaft mit Pletschkaitis führten.
Polen kann offiziell selbstverständlich nicht für die Taten dieses zum Provokateur herabgesunkenen Politikers verantwortlich gemacht werden. Daß er Geld bekommt, daß General Dunowsky und Oberst Ferkis
Aus aller Welt
Die ehemaligen K. T.-Leser. die die Artikelserie
Da geht metgens
ein MSddun zur Arbeit
zu Ende lesen möchten, können den Schluß der Serie in einem kostenlosen Sonderdruck in unserer Geschäftsstelle in der Kölnischen Straße von Donnerstag ab anfordern.
Verlag der K. N. N.
des Chefs — nach Warschau fahren oder nach Kaunas (Kowno), um dort zu kassieren. Alle anderen fressen und saufen, randalieren und vertragen sich wieder, und wenn es befohlen wird, machen sie auch einmal einen litauischen Grenzer „fertig", um den von den Polen so dringend gewünschten „Erenzzwischenfall" zu schaffen.
Was Pletschkaitis — eine seltsame Mischung aus intrigantem Provokateur und abenteuernden Idealisten — eigentlich persönlich als Ziel hat, ist ganz und gar unverständlich. Glühender Groß-Litauer zu Anfang, der bereit war, selbst einen dilettierendem Diktator, wie Woldemaras, zu folgen, rutschte er später in die völlige Abhängigkeit der Nationalpolen hinein, deren willkommenes Werkzeug er heule ist. Was er für sich mit Warschau zusammen erreichen will, bleibt dunkel. Sicher aber ist Pletschkaisis heute einer der besten Kenner jener 1001 Strömungen, die den nahen Osten selbst im Jahre 1932 noch immer nicht zur Ruhe kommen lassen!
Aber es ist müßig, nach den persönlichen Zielen des polnisch-litauischen Landsknechtes zu fragen. Wichtiger scheint, was er tut und welche Erfolge seine Tätigkeit anno 1932 hat. Hierbei muß man sich nun ein- ■ mal die polnisch-litauische Situation vor Augen hal ten, die noch längst nicht geklärt ist. Polen ist Danzigs und des Korridors — trotz der mit soviel Geschrei in die Ostsee getauchten Lanzenspitzen seiner Ulanen — keineswegs gatu sicher. Man fürchtet ernsthaft in Warschau (und General Dumowsky hat das dieser Tage noch ganz deutlich ausgesprochen), daß die „befreiten Gebiete" einmal an Deutschland zurückgegeben werden könnten! Und was bann?
Dann würde Polen plötzlich vollkommen abgesckmit- ten sein von dem „polnischen Meer", hätte keine Küste und keinen Hasen mehr. Eine sehr unangenehme Lage im Hinblick auf den Uebersee-Export der polnischen Ukraine und Oberschlesiens. Man muß also, möglichst vorher schon, eine andere Lösung finden. Und nach
Spuk im Teutoburger Wald
Paderborn. 5. Oktober.
Der am nordöstlichen Fuß des Teutoburger Waldes gelegene Kreis Iburg ist in hellem Aufruhr. Es „fpukt" nämlich feit mehr als fechs Wochen in der Gegend, und zwar so stark, daß die gesamten Polizeistat onen von Iburg, Remsede, Glandorf, Glane- Fießbeck, Ostenfelde und Westerwiede Nacht für Nacht in Alarmbereitschaft sind. Regelmäßig mit dem Glockenschlag Mitternacht wird die Polizei zu einem der genannten Orte gerufen, wo auf irgendeinem entlegenen Bauernhof oder auch mitten im Ort das „Gespenst" auftaucht. Es handelt sich um einen Mann, der im Adamskostüm einen ausgespannten Regen- sch rm mit sich führend, auf dem Hofe erscheint. Auf die raffinierteste Art mit Nachschlüsseln, Brechwerk- 3engen und Glasschneidern verschafft sich der „Spuk" Einlaß bis in die geheimsten Gemächer. Schüsse haben die erbosten Bewohner ihm nachgesandt, Hunde auf ihn gehetzt, sind mit Knechten und Nachbarn ihm nachgeeilt, aber gefangen hat man ihn doch nicht. ,
Jetzt ist der Unbekannte, als er in der Kreismetropole Iburg selbst sein Unwesen trieb, von der Polizei gesehen und verfolgt worden, aber auch sie konnte ihn nicht fassen. Die Verfolgung führte in die reichen Waldungen des Teutoburger Waldes, von wo der „Spuk", wie einwandfrei ermittelt worden ist mit einem Motorrad verschwunden ist. D'e Polizei nimmt an, daß es sich um einen Geisteskranken handelt.
5 ’|2 Millionen Devisen verschoben
Berlin, 5. Oktober.
Hier begann ein Devisenschiebungs-Prozeß, der bisher als der größte Prozeß dieser Art angesehen T'rDen kann. Der Hauptangeklagte ist der früher bei ■ ter Berliner Großbank tätig gewesene Devisenhändler Emeran Sedlmaier, der mit einem Monatsgehalt von 1000 Mark und weiteren Tantirnebezügen bei der Bank angestellt war. Sedlmaier wird des Vergehens gegen die Devisenverordnung vom 23. Mai 1932 und der Urkundenfälschung beschuldigt. Es wird ihm vor-, geworfen, 5,*^ Millionen in ausländischen Besitz befindliche deutsche Effekten bei Berliner Banken verkauft und den Erlös wieder nach dem Ausland, hauptsächlich nach der Schweiz und nach Oesterreich, gebracht zu haben. Mitangellagt wegen Beihilfe ist der Straßenhändler Adam Neuhauser, den Sedlmaier bei den Banken, bei denen er die Devisen verkaufte, als seinen Onkel, einen Millionär, bezeichnete. Seine Hintermänner hat Sedlmaier, der sich gleich Neuhau-
ständig mit ihm verkehren, das soll der in Kaunas fitzende „Spezialkommissar zur Ueberwachung der Emigranten", Herr Statius, erst einmal beweisen! Und dann: es werden bei den „Grenzzwischenfällen" doch auch polnische Soldaten erschossen! Will man etwa behaupten. .
. . jawohl! man will — ernsthaft! — behaupten, daß die Pletschkaitisleute polnische Soldaten auf Veranlassung irgendwelcher unterirdischer polnischer Ee- heimbüros überfallen und erschießen! Man hat im Osten keine Hemmungen in dieser Beziehung. Wer fällt, der fällt, ad majorem gloriam poloniae! Sauber ist das Geschäft nicht, g.wiß! Aber Politik ist noch niemals sauber gewesen —--
Einige Zeit lang hat übrigens Ruhe geherrscht an der polnisch-litauischen Grenze. Das war, als Herr Pletschkaitis in einem deutschen Gefängnis saß, weil er sich mit ein paar schwerbewaffneten Spießgesellen auf deutschem Bot:n hatte erwischen lassen. Nach seiner Entlassung'aber (im Frühjahr dieses Jahres) sind die täglichen Reibereien bei Wilna wieder aufgeflammt).
Kein Völkerbund kann da helfen! Kein Protest in Genf oder in Warschau. Es ist einfach .offiziell nichts bekannt" von diesen Dingen im Büro des Ostreferenten der polnischen Regierung. — Eeheimpolitik ist nie offiziell! Auch dann natürlich nicht, wenn man mit ihr auf sehr lange Sicht einen neuen Annektions- frieg vorbereitet, für den man sich übrigens heute schon durch den Nichtangriffspakt mit Rußland — freie Hand zu schaffen sucht. Ist dieser Annektionskrieg aber erst einmal gewonnen, dann wird man sehr schnell und kaltlächelnd auch das Terroristennest in Wilna, Anto- kolstraße 54, ausräuchern und den dann überftüssig gewordenen, abenteuernden Herrn Pletschkaitis unschädlich machen.
Es sei denn, daß man bis dahin nicht eine andere, lohnende Aufgabe für ihn gefunden hat---
Fortsetzung folgt!
Ifer in Untersuchungshaft befindet, nicht genannt Man vermutet, daß der Mittelsmann der südslawische Rechtsanwalt Sajowicz ist. Er erklärte genau wie in der Voruntersuchung, daß feine Hintermänner keine Ausländer, sondern Deutfche seien, die er aber nicht verraten wolle, weil er hoffe, von ihnen später einmal Stellung zu erhalten. Der Prozeß wird am Donnerstag zu Ende geführt werden.
Schwierige Trockenlegung
Zuidersee-Schleusen sind unterspült
Amsterdam, 5. Oktober.
Großes Aufsehen erregt hier die soeben bekanntgewordene Feststellung über umfangreiche Bodeusenkun- gen an den Schleusen des neuen Abschlußdeichwerkes des Zuidersee. Es handelt sich um Unterspülungen unter den Sckleusen in einer Tiefe von etwa 10 Meter Zum Glück wurde die Gefahr entdeckt, bevor das Fundament der Schleusen erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Im anderen Falle wäre wohl der Einsturz des gesamten Schiensenwerkes die Folge gewesen. Der Bau neuer Dämme und wahrscheinlich auch einer dritten Schleuse im Abschlußdeich wird als notwendig erachtet. Die ursprünglich vorgesehene Freigabe eines weiteren Teiles des Abschlußdeiches wird daher hinausgeschoben.
Üteiw Ckco*iik
Gestohlen wurde der einstmals weltberühmte „Reichshund", nämlich Bismarcks Lieblingsdogge Thras in einer her letzten Nächte aus einem Garten in einem Gut der Ostpriegnitz, wo sie in Gestalt einer lebensgroßen Bronzenachbildung aufgestellt war.
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140 bisher unbekannte Briefe Goethes hat mit weiteren 260 wichtigen Dokumenten aus dem Weimarer Goethekreis die Bremer Staatsbibliothek dieser Tage aus Privatbesttz erworben.
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Ein furchtbares Familiendrama hat sich in einer Villa in Röskilde (Dänemark) abgespielt Am Montag wurden der Besitzer der Villa, Obergerichtsanwalt Kaj Conradsen, seine Frau und seine vier Kinder In ihren Betten durch Gas vergiftet tot aufgefunden. Das Motiv der Tat ist zweifellos in wirtschaftlichen Sorgen zu suchen. Alles beutet darauf hin, daß die Familie nach gemeinsamer Verabredung in den Tod gegangen ist.
Lie Woe Nummer umfaßt 18 Seiten
Verantwortlich für »en ooüttichen Teil: Dr. Walter Pebnt: für das Feuilleton: German M Bonau: für den totalen Seil: Dr. Sans stoach > m Glatzen für den Seimaneil: :H u ö o I • IS I ä • e r- «ür Sandel: Dr. Hans Langenberg: für den Sportteil: Herbe rt SveiL: Pboto-Redaktenr: Eduard Schulz- Ke ff e l: tür Anzeigenteil: Konrad Wachsmann. — Berliner e-chriftleuuna- Dr Walter Tdum Berlin e-W. 68 — Druck und Verlag: Safleler Neueste Nachrichten ® m b H. »aflel Kölnische Strafte 10.
Stefan Zweig t
Die Tragödie der Marie Antoinette
Stefan Zweigs neues Buch „Marie Antoinette" erscheint jetzt im Insel-Verlag. In der Vorrede zu diesem Lebensbild zeichnet Stefan Zweig in knappen Strichen die Tragödie des „mittleren* Menschen. Wir geben die Vorrede hier im Auszug wieder:
Die Geschichte der Königin Marie Antoinette schreiben, heißt einen mehr als hundertjährigen Prozeß aufnehmen, in dem Ankläger und Verteidiger auf das heftigste gegeneinander sprechen.
Den leidenschaftlichen Ton der Diskussion verschuldeten die Ankläger: Um das Königstum zu treffen, mußte die Revolution die Königin angreifen, und in der Königin die Frau. Kein Mtttel, keine Verleumdung gegen Marie Antoinette wurde gespart, um sie auf die Guillotine zu bringen, jedes Laster, jede moralische Verworfenheit, jede Art der Perversität in Zeitungen. Broschüren und Büchern der „louve autridjienne“ unbedenklich zuge'chrieben; selbst im Gerichtssaal verglich der öffentliche Ankläger die „Witwe Eapet" pathetisch mit den berühmtesten Lasterfrauen der Geschichte, mit Messalina, Agrippina und Fredegundis.
Um so entschiedener erfolgte dann der Umschwung, als 1815 abermals ein Bourbone den französischen Thron bestieg; um der Dynastie zu schmeicheln, wird das dämonisierte Bild mit den öligsten Farben übermalt: keine Darstellung Marie Antoinettes aus dieser Zeit ohne Weihrauchwo'ke und Heiligenschein. Preis- lied folgt auf Preislied Marie Antoinettes unberührbare Tugend wird ingrimmig verteidigt, ihr Opfermut, ihre Güte, ihr makelloses Heldentum in Vers und Prosa gefeiert.
Die seelische Wahrheit liegt hier wie meist in der Nähe der Mitte. Marie Antoinette war weder d e große Heilige des Noyalismus noch die Dirne, die .jjiue* der Revolution, sondern ein mittlerer Charakter, eine eigentlich gewöhnliche Frau, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich töricht nicht Feuer und nicht Eis ohne besondere Kraft »um Guten und ohne ,den geringsten Willen zum Bösen, die Durch chnittsfrau von gestern, heute und morgen, ohne Neigung zum Dämonischen, ohne Willen zum Heroischen, und scheinbar darum kaum Gegenstand einer Tragödie.
Aber die Geschichte bedarf gar nicht eines heroischen Charakters als Hauptperson, um ein erschütterndes Drama emporzufteigern. Tragische Spannung, sie er
gibt sich, wenn eine mittlere oder gar schwächliche Natur in ein ungeheures Schicksal gerät, in persön- iche Verantwortungen, die sie erdrücken und zermalmen, und diese Form des Tragischen will mir sogar die menschlich ergreifendere erscheinen.
Wie einen solchen mittleren Menschen aber manchmal das Schicksal aufzupflügen vermag und durch feine gebietende Faust über seine eigene Mittelmäßigkeit gewaltsam hinauszutreiben, dafür ist das Leben Marie Antoinettes vielleicht das einleuch- tenbfte Beispiel der Geschichte. Die ersten dre'hig ihrer achtunddreißig Jahre geht diese Frau gleichgültigen Weg, allerdings in einer auffälligen Sphäre nie überf*reitet sie im Guten, nie im Bösen das durchschnittliche Matz: eine laue Seele, ein nfttlerer Tharafter und. historisch gesehen, anfangs nur Sta- stenfigur.. Ohne den Einbruch der Revolution in hre beiter unbefangene Spielweft hätte diese an sich anbedeutende Habsburgerin gelassen weitergelebt wie hundert Millionen Frauen aller Zeiten; sie hätte ae- fanzt, geplaudert, geliebt, gelacht, sich aufaeputzt. Besuche gemacht und Almosen gegeben; sie hätte Kinder geboren und sich schließlich still in ein Bett gelegt, um tu sterben, ohne wahrhaft dem Weltgeist gelebt zu haben.
Nie hatte ein lebendiger Mensch das Verlangen gefühlt. ihrer Gestalt, ihrer erloschenen Seele nachzufragen, niemand hätte gewußt, wer sie wirklich war, und — dies das Wesentlichste — nie hätte sie selber, Marie Antoinette. Königin von Frankreich, ohne ihre Prüfung gewußt und erfahren, wer sie gewesen. Denn es gehört zum Glück oder Unglück des mittleren Meuchen. daß er von seihst keinen Zwana fühlt, sich auszumessen. daß er nicht Neugferde fühlt, nach sich selbst 'n fragen ehe ihn das Schicksal fragt: ungenützt läßt er seine Möglichkeiten in sich schlafen seine eicent» fichen Anlagen verkümmern, seine Kräfte, wie Muskeln. die nie aefibt werden verweichlichen, bevor sie nicht Not zu ro’rffiAer Abwehr frannt. Ein mittlerer Ebarakter muß erst berausgetrieben werden aus sich 'elber. um alles zu fein was er fein könnte, und vielleicht mehr, als er selber früher ahnte und wußte; hifür hat das Schicksal keine andere Peitsche als das Unglück.
3)1 it welcher Kunst, mit welcher Erfindungskraft an Episoden, tu wie ungeheuren historischen Spannungs
dimensionen baut hier die Geschichte diesen mittleren Menschen in ihr Drama ein, wie wissend kontrapunktiert sie die Gegensätze um diese ursprünglich wenig ergiebige Hauptfigur! Mit diabolischer List verwöhnt sie erst diese Frau. Als Kind schon schenkt sie ihr einen Kaiserhof als Haus, der Halbwüchsigen eine Krone, der jungen Frau häuft sie ver- schwenderi'ch alle Gaben der Anmut, des Reichtums zu und gibt ihr überdies ein leichtes Herz, das nicht fragt nach Preis und Wert dieser Gaben. Jahrelang verwöhnt sie, verzärrelt sie dieses unbedachte Herz, bis ihm die Sinne schwinden und es immer sorgloser wird.
Aber so rasch und leicht das Schicksal diese Frau auf die höchsten Höhen des Glückes emporreißt: um so raffiniert grausamer, um so langsamer läßt es sie dann fallen. Mit melodramatischer Kraßheit stellt d'eses Drama die äußersten Gegensätze Stirn an Stirn; es stößt sie aus einem hundertzimmerigen Kaiserhause in ein erbärmliches Gefängnisgelaß, vom Königsthron auf das Schafott, aus der gläfern- aoldenen Karosse auf den Schinderkarren, aus dem Luxus in die Entbehrung, aus Weltbeliebtheit in den Haß, aus Triumph in die Verleumdung, immer tiefer und tiefer und unerbittlich bis in die letzte Tiefe hinab, Und dieser klein«, dieser mittlere Mensch, plötzlich inmitten seiner Verwöhntheit überfallen. dieses unverständige Herz, es begreift nicht, was die fremde Macht mit ihm vorhat. es spürt nur eine harte Faust an sich kneten, eine glühende Kralle im gemarterten Fleisch; dieser ahnungslose Mensch, unwillig und ungewohnt alles Le'dens, wehrt sich und will nicht, er stöhnt, er flüchtet, er sucht zu entkommen. Aber mit bet Unerbittlichkeit eines Künstlers. der nicht abläßt, ehe er nicht feinem Stoff die Ochste Spannung, die letzte Möglichkeit entrungen, läßt die wissende Hand des Unglücks nickt von Marie Antoinette, ehe sie diese weiche und unfräfHge Seele nicht zu Härte und Haltung gehämmert, ehe sie nicht alles, was von Eltern und Urahnen an Größe in ihrer Seele verschüttet lag, plastisch herausge- itmrngen bat
Aufsckreckend in ihrer Qual erkennt endlich die ge» nrüfte Frau, die nie nach sich gefragt, die Verwandlung; sie fvürt. gerade da ihre äußere M"ckt tu E"de geht, daß in ihr innen etwas Neues und Großes beginnt. das ohne jene Prüfung nicht möglich gewesen wäre. „Erst im llnalvck weiß man wahrhaft wer man ist", dies« baTb stolzen, halb erschütterten Worte springen ihr plötzlich vom staunenden Munde: eine Ahnung überkommt sie. daß eben durch dieses Leiden ibr kleines mittleres Leben als Beispiel für die Nachwelt lebt Und an diesem Bewußtsein höherer Ver
pflichtung wächst ihr Charakter über sich selber hinaus. Kurz bevor die sterbliche Form zerbricht, ist das Kunstwerk, das überdauernde, gelungen, denn in der letzten, der allerletzten Lebensstunde erreicht Marie Antoinette, der mittlere Mensch, endlich tragödisches Maß und wird so groß wie sein Schicksal.
Sir Sucher des herbstes
Bei der Hanseatischen Verlagsanstalt Hamburg
erscheinen im Herbst 1932 folgende Werke: Ernst Jünger „Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt", Gerhard Günther „Das werdende Reich. Reichsgeschichte und Reichsreform", Prof. Dr. O. Westphal „Gustav Adolf und die Grundlagen der schwedischen Macht", Josef Jahr , Das große Schlagwort oder der unsterbliche Kapitalismus", Bruno Nelissen Haken „Stempelchronik.. Berichte über Arbeitslosenschicksale", Wichard von Moellendorff „Konservativer Sozialismus", W. Ziegler „Versailles. Die Geschichte eines mißglückten Friedens", August Winnig „Der weite Weg" (Lebensgeschichte), H. Hatz , Sittenversall im Nach- krirgsdeutschland", Lothar Schreyer. „Deutsche Land- schäft", A. E. Günther „Reich und Gegenreich", Karl- Theodor Strasser „Die Nordgermanen", Prof. Krüger „Der deutsche Grobwirtschaftsraum", Georg Dahm il a. „Umwandlung int Strafrecht", Prof. Otto Westphal „Theologie der Geschichtsschreibung", Walter Berten „Musik und Musikleben der Deutschen", K. Hesse „Zwischen Mississippi, Jang-tse und Rhein". Walter Kayser „Friedrich Ludwig von der Marwitz" und Prof. Dr. Heinz Marr „Die Massenwelt im Kampf um ihre Form.
aroseit 5-(Ihrer kann baä deutsche dieses Kreises zur Nation reifen.
feinem Artikel „Voraussetzungen Gedanken auf fite aktuellen volii
Die Süddeutsche» Monatsbelte eröffnen ihren 30. Jahrgang mit einem orogrammatttch.-n Heil, das unter den Ge- "amttitel „Aus dem Zusammenbruch zur Nation" gestellt ist. In einem einleitenden Aufsatz der $<6riftleituna wird gegen die Ansicht, datz die Staatsform gleichgültig sei, Stellung genommen. Nur unter der Monarchie und unter einem olk nach der Auffassung ritz Kirchner wendet in ationaler Polink" diese sen Kragen an. Kurt a« Reich und die Bvl»
Tramvler behandelt das Thema______________...
ter , während I. Hof Miller temperamentvoll über . Tie Bücher und wir" und Tim Klein über ..Der Deutsche „nfi die. christliche Religion" schreiben. Frhr. e. Falkenhausen bericht eine Lanze für feinen verstorbenen Freund Wolsgang Savv. Werner Schütz rundet das unsomvatbische GSarafc terbild Bülows dahin ab datz der Fürst Teile feiner Memoiren mehr oder minder wortgetreu abgeschrieben abe. 3m unterhaltenden Teil kommt 3. M. Webner zu Dorre. — Aeutzerltch präsentiert sich das Heft in neuem, gefchmack- pollerr Umschlag-.