Kasseler Neueste Nachrichten
Nr. 230
Freitag, den 30. September 1932
22 Jahrgang
Kasseler Abendzeilung Kasseler Tageblatt Hessische Abendzeiiung
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Die Finanzsorgen der Gemeinden
^^eue Beratungen des Kabinetts / Neuraths Haltung einstimmig gebilligt / Henderson vermittelt in der Abrüstungsfrage
Gereke-Plan im Vordergrund?
Von unserer Berliner Schriftleitnng.
Die Politik der kalten Schulter
th Berlin, 30. September.
Die Reichsregierung hat stch in ihrer gestrigen Sitzung außer mit außenpolitischen Dingen auch mit wichtigen wirtschaftlichen unp verwaltungspoli- tifchen Fragen beschäftigt. Dazu gehören besonders die Ersparnismatznahmen, die seinerzeit vom Reichskanzler in einer Rundfunkrede im Rahmen der Verwaltungsreform angekündigt worden find. Es handelt stch dabei um Richtlinien für die Beamtenlaufbahn und ähnlichen verwaltungspolitischen Angelegenheiten.
Besonders bedeutsam erscheint auch die Tatsache, daß sich das Reichskabinett gestern mit dem Arbeits- bc,chaffungsplan befaß, hat, der seinerzeit noch vor d.n finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen vom deutschen Landkreistag unter der Führung des Landrates a. D. G e r e k e ausgearbeitet worden ist. Liejer Plan ist besonders stark beachtet worden da er das besondere Interesse des Reichspräsidenten von Hindenburg gefunden hat. Man nahm damals an daß diese Vorschläge vom Reichskabinett in das Re- glerungsprogramm hineingearbeitet würden. Das ist aber nicht geschehen. Der Kernpunkt des ^or^chlaq> s Ecrtte ging dahin, daß es Gemeinden und Gemeinde" verbänden auf der Basis ihrer künftigen Steuereinnahmen möglich sei, Kredite aufzunehmen und damit in großem Umfange öffentliche Arbeiten zu finanzieren. Damit' sollte erreicht werden, daß die Wohl- sahrtserwerbslosen, die den Gemeinden in besonderem Maße finanziell zur Last fallen, Beschäftigung finden sollten und daß auf diese Weise die Gemeinde- finanzen eine starke Entlastung erfahren sollten. Der Gedanke der Vorfinanzierung der Steuerkraft der Gemeinden ist zwar in dieser Form nicht in das Regierungsprogramm hineingearbeitet worden aber es ist nicht zu verkennen, daß der Gedanke, der den Steueranrechnungsscheinen zugrunde liegt, mit dem vom Landrat Dr. Gereke entwickelten Plan in gewissem Sinne verwandt ist, da auch hier ein Vorgriff auf eine künftige Steuerleistung vorlicgt.
Wenn fetzt das Reichskabinett den Plan Gereke berät, so ist daraus der Schluß zu ziehen, daß die Reichsregierung über den Rahmen ihrer eigentlichen finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen hinaus sich der finanziellen Entlastung der Gemeinden und der verstärkten Bekämpfung der Erwerbslosigkeit auf den von Gereke vorgeschlagenen Wegen zuzuwenden gedenkt Die Prüfung dieser Frage ist jedoch noch nickst abgeschlossen uiid bestimmte Entschließungen der Reichsregierung liegen daher noch nicht vor.
Rettungsversuche
Paris, 30. September.
.Wie Havas aus zuverlässigen Genfer Kreisen erfahren haben will, hat der Präsident der Abrüstungskonferenz H e n d e r s o n vor seiner Abreise nach England einigen Mitgliedern des Büros der Abrüstungskonferenz den Entwurf einerErklärung zugehen lassen, die er bei Wiederaufnahme der Arbeiten am 10. Oktober abzugeben beabsichtigt, falls man sich b-s dahin auf einen gemeinsamen Wortlaut geeinigt habe. Diese Erklärung bezwecke, so heißt es in der Havasmeldung weiter, den deutschen Vertre- tern die Beteiligung an den Arbeiten der Abrüstungskonferenz zu ermöglichen. Henderson lege in seiner Erklärung dem Abkommen folgende drei Grundsätze zugrunde:
1. Deutschland dürfe nicht aufrüsten;
2. Die übrigen stärker gerüsteten Mächte müßten eine Herabsetzung ihrer Rüstungen vornehmen;
3. Die Gleichberechtigung werde formell allen vertragschließenden Mächten zuerkannt.
Dieser Plan soll, wie der Havasberichterstatter zu berichten weiß, die Zustimmung des englischen Außenministers gefunden haben. Er stoße dagegen bei gewissen interessierten Delegationen auf zahlreiche Einwendungen.
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Wirksame Abrüstung gemäß dem Hooverplan auf qualitativem und quantitativem Gebiet; 2. eine Bestimmung des Angreifers und 3. kollektive Verträge zur Bekämpfung des Angreifers.
Abgesehen davon, daß diese Gedanken in mancherlei Hinsicht an die wenig erfreulichen Projekte, die int Genfer Protokoll niedergelegt waren, anklingt, wird Deutschland allen diesen Aktivierungsversuchen mit Vorsicht begegnen müssen.
Geht Neurath wieder nach Genf?
th. Berlin, 30. September.
Die Beratungen des Reichskabinetts über die Vorgänge in Gens haben gestern, wie nicht anders zu erwarten war, dazu geführt, daß die Reichsregierung die Haltung des Außenministers und der deutschen Delegation einstimmig gebildet hat.
Der Außenminister von Neurath hat einen ausführlichen Bericht über die in Genf betriebene Politik erstattet und hat die Gründe dargelegt, die ihn zur Abreise nach Berlin veranlaßt haben. Ob er sich wieder nach Genf begeben wird, ist noch nicht entschieden, gilt aber trotz der in letzten Zeit eingetretenen Verstimmungen als wahrscheinlich, jedoch nur im Hinblick darauf, daß gegen Ende der Völkerbundstagung in Gens noch andere Fragen, insbesondere das Danziger Problem aus der Tagesordnung stehen werden, sodaß die Anwesenheit des deutschen Außenministers bei diesen Auseinandersetzungen wünschenswert erscheint.
Mit dieser Stellungnahme des Reichskabinetts soll die demonstrative Abreise Neuraths aus Gens gewissermaßen erneut unterstrichen werden, und das kurze amtliche Kommunique, welches über die gestrige Kabinettssitzung ausgegeben wurde, hebt besonders hervor, daß die Billigung der von der deutschen Delegation eingenommenen Haltung „einstimmig" ausgesprochen worden ist. Damit ist zugleich sestge- stelll, daß sich an der außenpolitischen Grsamteinstel- lung der Reichsregierung, besonders in Bezug auf die Forderung nach unbedingter Gleichberechtigung in der Abrüstungsfrage, nichts geändert hat.
Dr. Th. In der Diplomatie ist man von 'n eine bilderreiche Sprache gewöhnt. Aus dc kriegszeit erinnert man sich an die Ausdrücke von einer Politik des Säbelrasselns oder von der Methode, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. In der Nachkriegszeit ist wiederum viel von der „europäischen Atmosphäre" oder auch von dem Silberstreifen am Horizont die Rede gewesen. Was man gegenwärtig in der deutschen Außenpolitik beobachtet, kann man dagegen mit dem ebenfalls aus dem alten diplo-
droht, wenn das dringende Problem der Rechtsgleichheit nicht gelöst werden kann. Die bedeutende Position, die die nationale Regierung in Großbritannien während der 12 Monate ihres Bestehens errungen hat, legt ihr eine besondere Pflicht auf, eine Lösung vorzuschlagen und sich für ihr Zustandekommen einzusetzen. In der Frage des deutschen Anspruches auf Gleichberechtigung kann der britischen Regierung bisher nicht das Kompliment gemacht werden, daß ihre Politik einheitlich oder klar gewesen ist.
Der heutige Kabinettsrat sollte dem neuen Ministerium Macdonald die Möglichkeit geben, eine Politik zu formulieren, die die Verminderung der Rüstungen fördert, den Grundsatz ihrer Begrenzung sicherstellt und einen Mittelweg zwischen den auseinandergehenden Ansichten Frankreichs und Deutschlands zeigt.
„Times" führt weiter aus, für sogenannte Geheimrüstungen Deutschlands, die auf einer direkten Umgehung von Teil V des Versailler Vertrages beruhten, scheine kaum Beweismaterial vorzuliegen. Einige der französischen Befürchtungen seien übertrieben. Wenn zum Beispiel 140 000 Polizisten als Reserve erster Klasse hingestellt würden, so wäre dabei vorausgesetzt, daß das Land im Kriegsfälle von Polizei entblößt werden könnte. Ueberdies habe ja jedes Land eine Polizeitruppe, die als Reserve gerechnet werden könnte.
„Times" fährt fort: In England geht die Meinung überwiegend dahin, daß es unmöglich ist, ein großes Land dauernd in einer untergeordneten Rechtsstellung zu halten. Ganz abgesehen von der Verminderung der Wehrmacht in anderen Ländern müßten Deutschland zweifellos Zugeständnisse in der Gleichberechtigungsfrage gemacht werden.
Herriot verlSßt Sonnabend Genf
Paris, 30. September.
Nach Meldungen aus Genf wird Ministerpräsident H e r r i o t morgen Genf verlassen, um erst wieder zu der auf den 10. Oktober anberaumten Sitzung des Büros der Abrüstungskonferenz dorthin zurückzu- jäfrrett.
malischen Lexikon stammenden Ausdruck einer „Politik der kalten Schulter" bezeichnen. Das ist für uns seit geraumer Zeit einmal etwas Neues. Ob es auf die Dauer auch etwas Gutes fein wird, hängt natürlich vollkommen von dem Geschick und der Energie ab, mit der unser« Staatsmänner dieses politische Mittel, an das sie noch nicht besonders gewohnt sind, anwenden werden.
Unmittelbar nach dem Frieden von Versailles hiwen die ersten deutschen Regierungen der Nachkriegszeit stch auf den Boden der sogenannten Er-- füllungspolitik gestellt, die dann int Jahre 1923 von der Politik des passiven Wider- st a n d e s abgelöst wurde. Beide Methoden haben nicht zu den damit angestrebten Zielen geführt. Stresemann strebte dann eine Linie der Verständigung an, die vor allem in der Abkehr von politischen Gewaltmethoden und der Hinwendung zur wirtschaftlichen Vernunft bestand. Brüning hat das diplomatische System Stresemanns beibehalten und besonders in der Richtung einer Pflege der europäischen Atmosphäre und der persönlichen Zusammenkünfte ausgebaut. Das Wort „Chequers" wurde während seiner Regierungszeit geradezu ein politischer Begriff, ganz gleich ob solche Zusammenkünfte aus englischem oder französischem, auf deutschem oder italienischem Boden flattfa.tden.
Die Wurzel der jetzigen methodischen Aenderung ist einmal in dem Verhalten der europäischen Großmächte in der Abrüstungsfrage, zum andern aber in der Gesamtlage und dem besonderen Charakter der gegenwärtigen Reichsregierung zu finden. Diese Regierung unterscheidet sich von ihren Vorgängerinnen nicht nur durch die Abkehr vom parlamentarischen System und die starke Betonung des sogenannten Präsidialcharakters, sondern auch durch das unverkennbare politische Uebergewicht, welches der Reichswehrminister innerhalb des Kabinetts besitzt. Schon dieser Umstand wäre ein Grund, um zu erklären, warum der Gedanke der Gleichberechtigung Deutschlands in der Rüstungsfrage weit mehr als früher in den Vordergrund getreten ist. Es kommt jedoch hinzu, daß auf den anderen Gebieten der Außenpolitik gegenwärtig nach Lage der Dinge ganz von selbst ein gewisser Stillstand eingetreten ist, vor allem in der Reparationsfrage, in der nach dem Abschluß der Konferenz von Lausanne bis zur Ratifizierung des dort beschlossenen Vertrages vollständige Ruhe herrscht. Um so mehr mußte sich das Schwergewicht der außenpolitischen Bestrebungen demjenigen Gebiet zuwenden, welches in Lausanne nur angeschnitten wurde, also der deutschen Forderung nach allgemeiner Gleichberechtigung, insbesondere auf dem Gebiete der Wehrhoheit.
Die Reichsregiemng hat in den letzten Monaten in zahlreichen sehr deutlichen Kundgebungen keinen Zweifel daran gelassen, daß es mit dem Streben nach diefer Gleichberechtigung überaus ernst ist, daß sie jetzt nach zwölfjährigem Zögern der Vertragspartner von Versailles daraus dringen mutz, daß endlich die damals übernommene Verpflichtung zur allgemeinen Abrüstung durchgeführt wird, und daß sie an den Verhandlungen der Abrüstungskonferenz in Genf überhaupt kein Interesse mehr haben könne, wenn nicht dieser Grundforderung Deutschlands endlich Rechnung getragen werde. Der Verlauf der Verhandlungen in Genf hat jedoch gezeigt, daß man vor allem in Frankreich immer wieder der Erfüllung dieser selbstverständlichen Forderung auszuweichen sucht, und der deutsche Außenminister hat aus diesem Verhalten die ganz einfache logische Konsequenz gezogen und den Verhandlungsort verlassen. Nachdem wir wiederholt angekündigt hatten, daß unsere weitere Beteiligung an der Abrüstungsdebatte von der erwähnten Voraussetzung abhängig war, ist diese A b - rese des Herrn von Neurath unter den gegebenen Umständen eigentlich eine Selbstverständlichkeit gewesen.
Wenn man diesen Schritt trotzdem als den Ueber- gang Deutschlands zu einer „Politik der kalten Schulter" bezeichnet, so hat das seinen Grund eigentlich nur in gewissen Vergleichen mit den diplomatischen Methoden früherer Jahre. Man war auch damals daran gewöhnt, daß diefe oder jene Delegation auf irgend einer Konferenz einmal „ihre Koffer packte". Aber zur Abreife ist es nur selten gekommen. Die Rückkehr der deutschen Delegatwn aus Genf bei dem ersten vergeblich^ Versuch des Eintritts in den Völkerbund bildet davon eine Ausnahme. Diesmal hat der deutsche Außenminister durch seine Rückkehr nach Berlin den in Genf versammelten Völkerbundsvertretern mit unverkennbarer Deutlichkeit gezeigt, daß wir an den weiteren Reden in Genf tatsächlich kein Interesse mehr haben können. Er hat nicht mit der
Auch von anderer Seite, nämlich von den Vertretern der kleineren Staaten (Dänemark. Schweden, Norwegen, Holland, Belgien, Schweiz, Tschecho- flowakei und Spanien) — werden Versuche zur „Aktivierung der Abrüstungssrage" gemacht. Der dänische Außenminister Munch machte darüber gestern vor Genfer Pressevertretern nähere Ausführungen. Dabei wurden drei Punkte besonders hervorgehoben: L
„Times" sagt in einem Leitartikel, die Abrüstungs- koMGeMM-von einem völligen Zusammenbruch M-
An unsere Leser!
Mit dem heutigen Tage hat das „Kasseler Tageblatt" seine Selbständigkeit aufgegeben. Mehr als acht Jahrzehnte hat das K. T. in der Geschichte Kassels und Kurhessens eine bedeutungsvolle Rolle gespielt. Run ist es das Opfer einer Zeit geworden, die im Zeichen einer Wirt- fchafts- und Geisteskrise von ungeheurem Ausmaße steht. Die Versuche, durch rationellere Gestaltung des Betriebes das K. T. lebensfähig zu erhalten, führten schließlich doch nur zu der Erkenntnis, daß auf diesem Wege die Gesund ung nicht zu erreichen war. Das Kasseler Tageblatt sah sich deshalb veranlaßt, durch Rufgehen in einen wirtschaftlich gesunden Betrieb seiner Leserschaft eine qualitativ hochstehende Zenung zsi sichern. Dieses Ziel ist nunmehr dadurch erreicht worden, daß die Kasseler Neuesten Nachrich test das Kasseler Tageblatt übernommen haben. Für die Kasseler Neuesteü Nachrichten bedeutet die Uebernahme des Kasseler Tageblattes selbst- verständlich keine Kursänderung. Inmitten aller Wandlungen der letzten Jahre sind wir stets bemüht gewesen, das Zeitgeschehen im übe rparteilichen Geiste zu erfassen und zu beurteilen. Ueberparteilichkeit ist aber für uns niemals Meinungslosigkeit gewesen; sie besagt vielmehr, daß für das Urteil nicht parteipolitische Doktrinen, sondern allein der Gedanke an die Gesamt- intereffen von Staat und Voll maßgebend sind. An dieser politischen und geistigen Gesamthaltung werden wir auch in Zukunft festhalten.
Soweit stch die Sonderaufgaben sachlicher Natur, die dem Kasseler Tageblatt bisher gestellt waren, mit der Grundhaltung der Kasseler Neuesten Nachrichten vereinbaren lassen, werden sie in das Arbeitsprogramm unserer Zeitung übernommen werden. In diesem Sinne erfolgte bereits der weitere Ausbau des Handels- und Sportteiles. Für die Leser der Kasseler Neuesten Nachrichten werden sich also die organisatorischen Veränderungen, die in unserem Hause vorgenommen wurden, in einer Steigerung der redaktionellen Leistungen bemerkbar machen, und wir sind überzeugt, daß diese Matz nahmen die führende Stellung der Kasseler Neuesten Nachrichten, die in wenig mehr als zwei Jahrzehnten zur größten Zeitung Kassels herangewachsen sind, weiter festigen werden.
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