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Montag, 20. Juni 1932

Kasseler Neueste Nachrichten

ette i

Rene Kraus:

Gajda L, König von Böhmen politische Operette eines prominenten Abenteurers

Vom Oberkommando der tschechischen Armee in dre Zelle der Strafanstalt Karthaus war nur ein Schilt^ Au« der Zuchthaus,elle auf den böhmischen Königsthron ist der Sprung nicht ganz so einfach. Beim ersten Anlaus ist Radola Gajda, ehemaliger Generalstabschef und Zuchthäusler, ein bißchen abge- glltten. Tut nichts, die heroische Operette, in deren Mittelpunkt der seltsamste politische Abenteurer unse­rer Zeit steht, geht weiter.

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In Prag und in einigen böhmischen Kleinstädten, besonders häufig in Pardubitz, wo derGeheime faschistische Großrat der tschechischen Legionen" sein Hauptquartier hat, kann man gelegentlich einen gro­ßen, Hagern Mann in phantastischer Maskerade beobachten. In einer weißen Russenbluse stelzt er einher und in blutroten Hosen, eine Tartarenmütze auf dem kurzgeschorenen Kops, die Brust über und über behängt mit klimpernden Ordenssternen. Diese verspätete Faschingsfigur hat einmal in der europäi­schen Politik eine große und geheimnisvolle Rolle gespielt.

Radola Gajda war in den letzten Kriegsjahren Oberkommandierender der tschechischen Legionen in Sibirien.

Diese Hyänen des russischen Bürgerkrieges sind, wie man weiß, niemals an irgendeinen Feind heranae- kommen. Ihr Handwerk war der Verrat aber an alle. Von den Westmächten bezahlt, die rote Garde des Bolschewismus zu bekämpfen, haben sie mit dieser schließlich ein sehr einträgliches Geschäft gemacht, in­dem sie Admiral Koltschal den roten Henkern auslie­ferten und zum Lohn für diesen Verrat ungehindert aus dem Machtbzirk des siegreichen Bolschewismus abziehen durften. Solche Heldentaten qualifizierten densibirischen Generalissimus" Radola Gajda, der übrigens von Haus aus Rudolf Geidl hieß, zum Ge- neralstabschef der nach Versailles gegründeten Armee der tschechischen Republik. Länger als ein Jahrzehnt stand er auf diesem hohen Posten, besonders wohl­gelitten bei den französischen Geldgebern des tschechi­schen Heeres, denen er sich immer wieder als der ge­fährlichste Gegner des Bolschewismus und zukünftiger Führer einer Jnterventionsarmee gegen Rußland empfahl.

Eines Tages freilich erwies sich die Tatsache, daß der brave Soldat Gajda nicht nur von den Franzosen subventioniert wurde, was niemand einem tschechi­schen Generalstabschef Übelnehmen kann, sondern auch von Sowjetrutzland ausgehalten, in dessen Spionage­dienst er tätig war. Man kann ohne Uebertreibung behaupten, daß es einen Spionagefall von solchem Ausmaß in den Militärgeschichten aller Zeiten noch nicht gegeben hat. Die tschechischen Gerichte aber wußten die mehr als peinliche Angelegenheit diskret zu erledigen. Ueber mehrfache Weisung des Außen­ministers Dr. Benesch und des Staatspräsidenten Masaryk selbst rollte der Film vom gekauften Gene­ralstabschef ziemlich geräuschlos und unter strengstem Ausschluß der Oeffentlichkeit ab. Erst das Urteil des Offiziersehrenrates, der den Generalissimus zum ein­fachen Soldaten degradierte, und der Spruch des Zivilgerichts, das auf Zuchthaus erkannte, unter be­sonderer Betonung derniedrigen, unehrenhaften und nur gewinnsüchtigen Motive" des hochgestellten Ver­räters, wurde bekannt.

Seitdem der Sträfling Gajda nach Verbüßung seiner Haft freigelassen wurde, verfolgt von

Masaryk und Benesch mit tödlichem Haß.

Der Mann, der sein Soldatenkleid nicht mehr tragen darf und darum in der Phantasieuniform eines sibiri­schen Armeeführers einhergeht, führt einen erbitter­ten Kampf gegen den Hradschin, das historische Habs- buraerschloß, in dem jetzt bekanntlich die Herren Masaryk und Benesch Hof halten. Sein Ziel ist der Sturz der Demokratie in der tschechoslowakischen Re­publik wozu zu bemerken bleibt, daß diese for­male Demokratie in Wahrheit nur sehr notdürftig den gegen die Sudetend rutschen gerichteten Polizei­terror verhüllt und die Aufrichtung einer faschisti­schen Diktatur nach dem unverstandenen und grotesk verzerrten Vorbild Mussolinis.

Der tschechische Ueber-Mussolini hat aber, wie sich eben herausstellt, noch weit höheren Ehrgeiz. Es ge­

nügt ihm nicht, der Duce von Prag zu sein. Rein, die alte Wenzelskrone soll wieder ausgegraben werden mit Gajda I. als König von Böhmen!

Ueber dieses Narrensptel haben sämtliche Gassen­junge» von Prag, unter denen König Gajda eine höchst populäre Figur ist, so lange gelacht, bis die tschechische Staatspolizei nun einige bemerkenswerte Feststellungen machte. Man muß wissen, daß die poli­tische Bedeutung der Staatspolizei in der Tschechoslo­wakei kaum geringer ist als jene der G. P. U. in Rußland. Ihren Spitzeln sind eines Tages Brief­marken in die Hände gefallen, die nicht die vorschrifts­mäßige Abbildung des Staatspräsidenten Masaryk trugen, sondern das Bildnis Gajdas in feierlichem Krönungsornat.

Die fieberhafte Untersuchung, die sofort etnsetzte, führte zur Entdeckung desGeheimen Faschistischen Grobrats". der sich nächtlicherweile in den Ruinen der Burg Kundralitz bei Pardubitz zu versammeln pflegte. Die Mitglieder dieser romantischen Körper­schaft, die bei ihren Versammlungen stets schwarze Seidenmasken trugen, um möglichst unerkannt zu bleiben, und über die Alltagskleider kunstvoll drapierte Leinentüchter, ein gespenstischer Anblick, der immer­hin die Stimmung hebt im klebrigen ehrsame tschechische Bürger, Grundbesitzer, Schlächtermeister, auch ein paar Juristen von Berus

hatten untereinander schon den neuen Hofstaat konstruiert.

Selbstverständlich war niemand anderer als Gajda zum König von Böhmen bestimmt. Der Bezirksrlch- ter Vazny aus Pardubitz war als Außenminister des neuen Reiches und zugleich als königlicher Kämmerer ausersehen. Als Hofkanzler, daneben noch als In­nenminister und erster Adjutant der Majestät war ein Architekt namens Manich designiert. Der Bauer Zvo- nicek wollte sich mit dem Posten des Landwirtschafts­ministers begnügen. Um das Finanzministerium ging ein unentschiedener Streit zwischen dem Kranken­kassenarzt Dr. Kucera und dem Selchermeister Vosol- sobe. Es läßt sich nicht leugnen, daß beide Anwärter auf den Posten des Schatzkanzlers ihre Meriten haben Dr. Kucera unterstützt den angehenden Landesvater mit einer monatlichen Subvention von fünfhundert tschechischen Kronen, der Selchermeister hingegen hatte sich bereit erklärt, seinem erhabenen Souverän Gajda eine Reise nach Sibirien zu finanzieren.

In diesem Punkte versuchten die Königsmacher von Pardubitz Anschluß an das große weltpolitische Geschehen zu finden. Hat König Gajda I. nicht schon

einmal in Sibirien Lorbeeren zu pflücken vermocht? Nichts naheliegender, als eine Wiederholung dieses Gastspiels zu planen. Daß gegenwärtig in der Mand- schurei unsichere Verhältnisse herrschen. Hai sich auch schon in Pardubitz herumgesprochen. Nun. Gajda wird, ehe er sein tschechisches Königreich aufrichtet, noch rasch in der Mandschurei Ordnung machen. Er bietet sich der japanischen Regierung als Bundesge­nosse gegen bett Bolschewismus an. den er aus Asien verjagen wird. Die Slruwort, die Pardubitz aus Tokio erhalten hat, wird in der Chronik des tschechischen Fastnachtfaschismus verschwiegen. Irgendwelche Be­ziehungen nach dem Fernen Osten lassen sich immer­hin Herstellen. Ein ehemaliger Legionär Gajdas na­mens Bretenar, der in Sibirien geblieben ist, erklärt, er hätte von einemweißrussischen Eomits" unter Führung des General Charvat drei Millionen Tsche­chenkronen zugesichert erhalten, wenn Gajda nur kom­men wolle, den antibolschewistischen Oberbefehl zu übernehmen. Für das Reisegeld will, wie gesagt, der Selchermeister Vosolsobe sorgen. Leider sind die drei Millionen ebenso rasch verichwunden, wie sie ver­heißen waren. Sämtliche Beteiligte klagen elnander der Defraudation an.

In diesem Augenblick packt die Prager Polizei zu. Gajda. der zunächst verhinderte Landesvater, muß sich tagelangem Verhören unterziehen. Seltsam, man läßt den Narren laufen und nur jenen seiner Anhän­ger, die sich in öffentlichen Stellungen befinden, dem Krankenkaffenarzt und den Bezirksrichter, werden diese entzogen. Auch ein Dorfpfarrer ist in die Ver­schwörung verwickelt. Er war alsSchutzbischof" des Prager St. Veit-Domes bestimmt. Diese Kathedrale, nebenbei bemerkt eine der schönsten Kirchen der Welt, sollte erhalten bleiben, während alle anderen histori­schen Bauten von Prag, die aus den Jahrhunderten des fluchwürdigen österreichischen Regimes stammen nach Gajdas Plan am Tage seiner Machtergreifung dem Erdboden gleichgemacht werden muffen.

Dieser Tag ist ganz genau vorausbestimmt: es ist der dritte Sonntag im September, den die Tschechen als den Festtag ihres Nationalheiligen Wenzel feiern Das Sonderbarste: Die Königsmacher von Pardubitz halten auch heute noch, nachdem ihr groteskes Kom­plott aufgeflogen ist, in öffentlichen Erklärungen an diesem Termin fest. Ein paar dörfliche Gemeinverats- wahlen, die letzten Sonntag stattfanden, beweisen, daß der phantastische Plan in der tschechischen Landbevöl­kerung viel Anklang findet. Keine ernste Sache natür­lich aber ein beachtenswertes Symptom für die Geistesverfassung der größenwahnsinnig gewordenen Tschechen.

Kleine Chronik

Am Freitag morgen wurde ein Elefantenwärter im hannoverschen Zoo von einem Elefanten zu Bo­den geworfen und mit dem Swßzahn derartig bear­beitet, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Man hofft, den Schwerverletzten am Leben zu erhalten, doch ist der Stoßzahn des heimtückischen Tieres dem Bedauernswerten tief in die Brust ge­drungen.

*

Um sich gegen räuberische Ueberfälle zu schützen, haben englische Banken den sogenannten elektrischen Teppich eingeführt. Ein einfacher Gurnmiteppich im Kaffenraum steht mit einem elektrischen Signalappa­rat in Verbindung. Der Kaffenbeamte kann mit dem Fuß unbemerkt den Kontakt auslösen und dadurch die nächste Polizeistation verständigen.

Die Vereinigung der Schafzüchter von Malborough in England diskutierte aus einer ihrer letzten Ver­sammlung das Projekt, Wolle als Straßenbelag zu verwenden. Versuche mit teergetränkter Wolle, die vor einigen Jahren gemacht wurden, zeigten, daß sich selbst bei großem Verkehr das Material bewerte. Man will nun derbe Wollsorten für weitere Versuche zur Verfügung stellen.

Auf dem römischen Gräberfeld in Köln wurden kürzlich die Reste eines römischen Frisiersalons aus der Kaiserzeit ausgegraben. Man fand ein vollstän­diges Barbierbesteck, bestehend aus 2 großen Eisen, zwei Klingen und einem Messer mit breiter Schneide und geschwungenem Bronzegriff in Form eines Del­phins. Die beiden Klingen sind Teile einer Schere. Das kleine Meffer diente wohl zur Behandlung von Augenbraun, Bart und Nägel.

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Der Direktor und leitende Angestellte des russischen Autogiganten Nischninowgorod wurde» abgesetzt, weil sie sich mit mehrere» Waggons Zucker und Konserven haben bestechen lasten. Die Bestechungsgaben wurden seitens der Trusts hergegeben, die bei der Belieferung von Autos bevorzugt werden wollten. Auf diese Weise konnte der Direktor seinen Angestellten und Arbeitern reichlich zusätzliche Lebensmittel zutommen lassen.

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In den letzten Jahren ist die Zahl der amerika­nischen Zeitungstruste auf 52 gestiegen. Das bedeu­tet eine Verdoppelung seit Kriegsende. Zu den größ­ten Trusten gehören je 25 Zeitungen. Mehr als 40 Prozent aller amerikanische» Leser bedienen sich ver­trusteter Zeitungen.

Aberglaube

Von

Geno Ohlischlaeger.

Schmidt, ein sehr begabter junger Mann, hatte sich um eine Stellung beworben. Nun war er aufge­fordert worden, sich am Mittwoch gegen zehn Uhr beim Direktor vorzustellen.

Auf dem Wege dorthin lief ihm eine große schwarze Katze über den Weg, von links. Es gelang thm nicht, vor ihr über die Straße zu kommen.Tas bedeutet, ich werde nicht engagiert!" dachte er traurig bei sich.Natürlich, ein anderer wird mir wieder die Stellung wegschnappen; ich habe ja auch immer Pech. . ."

Schulz, ein nicht gerade sehr begabter junger Mann, hatte sich um eine Stellung beworben. Nun war er aufgefordert worden, sich am Mittwoch gegen zehn Uhr beim Direktor vorzustellen.

Auf dem Wege dorthin begegnete ihm ein Schorn­steinfeger in voller Ausrüstung, von links. Es ge­lang ihm, im Vorbeigehen feinen Besen zu streifen.

Das bedeutet, ich bin engagiert!" dachte er freu­dig bei sich.Natürlich, ich werde ihm schon imponie­ren, und warum sollte ich nicht das Glück haben?"

Sie saßen zusammen im Wartezimmer.

Schmidt wurde, da er früher gekommen war, zu­erst voraelaffen.

Die Gedanken an die schwarze Katze und sein P ;ch hemmten ihn so, daß er auf den Direktor keinen günstigen Eindruck machte. Mit einem höflichen:Sie werden von uns hören" wurde er entlassen.

Als Schulz vor dem Direktor saß, dachte er an den Schornsteinfeger und sein Glück, und das gab thm ein sicheres, gewandtes Auftreten. Mit einem freund­lichen:Sie werden von uns hören" wurde er ent­lassen.

,Hch werde Herrn Schulz engagieren," sagte der Direktor zu seiner Sekretärin,er scheint mir ein frischer, geweckter Bursche zu sein. Schmidt dagegen war anscheinend nicht sehr von seinen eigenen Fähig­keiten überzeugt."

Pech?

Sehr wirksam, dieses zarte Rosa! Wie haben Sie das eigentlich gemacht?"

Das war ein reiner Zufall ich mutzte meßen und hatte gerade ei» Marmeladebrötchen gegessen!"

(Äire)

Sie heutige Nummer umfaßt 12 Seiten

Verantwortlich für den politischen Teil: t. B. German M. Bon au: für öas Feuilleton: German M. Bon au: für den lokalen Teil: i. V. Eöuard SchulzSeffel: für den Heimatteil: Rudolf G l ä f e r: für Handel: ®r. Sans La n ae nberg: für den Söortteil: Her- bert eoetd): Phoio-Reüakteur: Eduard Schul». ^Effel: für Anzeigenteil: i. V Roben Barmeoer. Berliner Lchnitlettung: Dr Walter T b u m . 8er- lin SB. 68. Druck und Verlag: Kasseler Neueste Nachrichten ®. m b. H. Kassel. Kölnische Strafte 10.

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Ein Sommernachistraum

Marburgs zweiter Festspielabend.

Marburg. 20. Juni.

Der zweite Abend der Marburger Festspiele stand im bleichen Lichte eines fernen Vollmondes, der mit frostiger Klarheit das Tal erfüllte und die Konturen der vielfältigen Hügellandschaft gegen einen hellen Nachthimmel heroorhob. Es fehlte jene Atmosphäre einer sehnsuchtsschweren Sommernacht mit Leuchtkä­ferfliegen, Tiergeraschel und gleißendem Irrlicht. Solcher Mangel an berückender Süße eines verwun­schen schlafenden Waldes, in dem Elfen und Kobolde nur erweckt werden brauchen, lietz aber in dieser lei­denschaftslosen Nacht nur um so mehr Gesicht und Li­nie der Aufführung erkennen.

Im Gegensatz zu der Eulenspiegelinszenierung be­mühte sich der regieführende Intendant Frankfurtsan der Oder, Robert B L r k n e r, die Reize einer nähe­ren Umgebung dem Spiele einzubeziehen, chorische Gruppen zu lösen, kurz: alle weiteren und spezifischen Möglichkeiten des Freilufttheaters im allgemeinen und der Marburger Bühne im besonderen zu erschlie­ßen. Die Marburger Spitzbögen von deren Gefah­ren an dieser Stelle gesprochen wurde geben ge­rade einer Shakespearestilifierung ein gutes Relief und bestimmen eine ebenso einfache wie markante Gliederung. Die so gewiesenen großen Linien nicht durch Kleinlichkeiten in Bild Gruppe und Aufbau zu verwischen ist eine hauptsächlichste Forderung. Im­mer noch ließen sich da an dem in den Erundzügen rhythmischen Bühnenbild von Franz Mertz wohl­tuende Vereinfachungen vornehmen, manche Treppen­hemmungen der allzu aufgeteilten Bühne beseitigen. Bei alledem muß man die Einfachheit der Mittel an­erkennend berücksichtigen, die hier vorhanden sind und (störend gerade im Natur-Spiel) eine konservierte Munk gestatten.

Daß man aber an diesem Abend eine Reihe schön­ster Ernzelleistungen sah, sind seine Freude und sein Gewinn. Als erste ist da jene Titania Hanne Mer­tens »u nennen, die hoheitsvoll in der Haltung, an­mutig in der Bewegung, in Ton und Geste aber mit der holden Befangenheit einer traumverloren Lieben­den wirbt. Wenn ihr Bild auf der hohen Brücke des Mittelbogens erscheint und die Sätze an Oberon in tzer Waldnacht verwehen, ist die Sphäre jener einzi­gen fommernächtlichen und zauberischen Phantastik ge­schaffen. Solche schönen Augenblicke sind die wirklich strahleriden Lichtpunkte einer dann wieder ins Mit­telmäßige abgleitenden Aufführung.

Ihre stärkste Belastung ist die Fehlbesetzung des

Puck mit Günther Heß, dessen Tanzschule unter sei­ner Regie den chorischen und nicht immer elfenhasten Teil besorgt. Zu vieles und zu wichtiges hat dieser Shakespearegeist zu sagen, als daß man den schil­lernden Spuk lediglich aus dem Tänzerischen gestalten könnte. Was nützt die artistisch noch so sehr zu wer­tende Leistung einer gut angelegten Pantomime, wenn alle Worte monoton verhallen.

Ein umso besserer Sprecher älterer Schule (und hier sei die gute Akustik als eine der Hauptvorzüge des Marburger Theaters erwähnt) ist der Oberon Leopold Bibertis. Wieder erweist sich hier bei allem Format dem die Freilichtbühne ein guter Rahmen ist sein Spiel als diszipliniert und elegant.

Erfüllt von der vielfarbigen Buntheit dieses Stückes der Feen, Menschen und Rüpel ist die Helena Marthe Heins. Eine herbe, natürliche Menschlich­keit, verbunden mit dem Spielerisch-Schwebenden, machen diese Helena zu einer Figur von Shakespeares Geist und Shakespeares Phantastik und die reiche Lei­stung zu einer Besonderheit des Abends. Hansi Nassee verfügt über die im Fach der Naiven nicht allzu häufigen Eigenschaften einer anmutigen Natür­lichkeit und köstlicher Frische, und so konnte diese Her- mia erfüllen, was jene liebenswerte Laurentia ver­sprochen hatte. Weit ist der Abstand und es folgen in Lysander und Demetrius zwei Liebhaber, die man nicht lieb hatte (Theodor Leitner und Paul Ro- land), die Durchschnittsrüpel und last and least der erstandene Landgraf Philipp als jetziger Herzog The- seus. Ueber ihn und seinen Hofstaat sei oer Mantel der Liebe und des verhüllenden Schweigens gebrei­tet, wie vor acht Tagen. E.»G. P.

Brüder

* Von

Arthur Ernst Rutra.

Eine Mutter hatte zwei Söhne, die schon in die Jahre gekommen waren, in benen junge Leute gerne ihre Wege allein gehen und sich nicht leicht bereit fin­den, Rechenschaft über alle ihre Handlungen zu legen. Mit neunzehn und zwanzig Jahren waren sie über die Flegeljahre hinaus und dünkten sich schon Männer ge­nug, die Verantwortung für ihr Leben selbst zu über­nehmen. Die Mutter war klug genug, diese Ansicht zu teilen; sie war nicht argwöhnisch und auch nicht tyrannisch und vermied überflüssige Ermahnungen ober Fragen, wenn sie auch in mütterlicher Fürsorge um bas Tun ihrer Söhne besorgt blieb.

Einmal kam ber Jüngere besonders spät in der Nacht nach Hause. Ditz Mutter hatte sich ein wenig

geängstigt, denn sie war um drei Uhr aufgewacht und hatte Hut und Ueberrock ihres Sohnes an der ge­wohnten Stelle in der Kleiderablage vermißt. Sie schämte sich zwar, daß sie nachgesehen hatte, aber Be­sorgnis hatte sie veranlaßt, es zu tun. In dieser Besorgnis nun, die sie am Morgen noch nicht frei­gegeben hatte, und nicht aus Neugier, ober gar um Vorhaltungen zu machen, fragte sie am folgenben Tage:

Du bist gestern sehr spät nach Hause gekommen. Wo warst bu benn so lange? Sie wollte noch hinzu- fügen:Ich habe mich gesorgt", unterließ es aber; es schien ihr auf einmal nicht ratsam, ihre mütterliche Autorität, mit ber sie sonst gewiß nicht auftrumpfte, selbst einzuschränken.

Der Sohn verzehrte gerabe mit sichtlich gutem Appetit sein Frühstücksbrot. Noch einigem Nachden­ken, sah er ber Mutter voll ins Gesicht, dann sagte er: Frage mich nicht, liebe Mutter, sonst zwingst du mich, zu lügen."

Die Mutter gab sich mit der Antwort zufrieden. Sie freute sich sogar ein wenig, und als sie länger darüber nachdachte, beschloß sie, bei ber nächsten Ge­legenheit in ähnlicher Weise ihren anberen Sohn zu stellen. Der Anlaß ergab sich bald. Und als sie an den Aelteren die gleiche Frage gerichtet hatte, da sah auch dieser ihr voll ins Gesicht und sagte:

Frage mich nicht, liebe Mutter, sonst muß ich dir die Wahrheit lagen. Da beschloß die Mutter, nicht weiter darüber nachzudenken. Sie wollte auch nicht fragen, welcher ihrer beiden Söhne ber wertvollere, unb welcher ber rücksichtsvollere sein mochte; unb ob der eine es schwerer, ber aobere leichter im Leben haben würde, darüber mutzte bas Leben entscheiden. Sie selbst war mit ihren Söhne» zufrieden.

Kunst und Wissenschaft

Furtwängler nicht mehr musikalischer Leiter der Bay­reuther Festspiele. Dr. Wilhelm Furtwängler ist von seinem Posten als musikalischer Leiter der Bayreuther Festspiele zurückgetreten. Der Grund liegt, wie Dr. Furtwängler mitteilt, in prinzipiellen Differen­zen mit Frau Winifred Wagner, die im Gegensatz zu den voriges Jahr mit ihm getroffenen Abmachungen die letzte Entscheidung auch in künstleri­schen Dingen für sich allein beansprucht.

Toscauini dirigiert 1933 wieder in Bayreuth. In Paris sanden am Freitag Besprchungen zwischen Tos- canini unb Frau Wagner statt, die zu dem Ergebnis führten, daß Toscanini bei den Bayreuther Festjxix-

len 1933 dieParfifal"- undMeistersinger"^Zar- stellungen dirigieren wird.

Die grötzte Sammlung von Reproduktionen der Ma­lerei. Der Universität London ist von dem Kunst­sammler Sir Robert Witt eine Sammlung von 400 000 Photographien und Reproduktionen der euro­päischen Kunstschulen geschenkt worden. Die Samm- lung, die größte ihrer Art, stellt ein einzigartiges, fast vollständiges Repertorium ber europäischen Malerei in Reprobuktione» bar. Eine Eelbstiftung ermöglicht es, jährlich die Sammlung um 20 000 Stück zu be­reichern.

Der junge Bismarck.

Im Park von Schönhausen ragt eine alte Sand­steinfigur, ein Herkules, ber sich mit der rechten Hand auf die Keule stützt. Die linke Hand soll nach dem Willen des Bildhauers offenbar auf der Hüfte ruhen, doch ist es dem Künstler passiert, daß sie zuweit nach hinten dargestellt ist, so daß man eher sagen tarnt, sie ruht auf dem Gesäß.

Als der junge Bismarck, im Alter von vierzehn Jahren, einmal auf Ferien zu Haus war, schlenderte er mit der Flinte durch den Park, um Kaninchen zu schießen. Beim Anblick der Herkules-Statue juckte ihn der Uebermut, er hob die Flinte und jagte dem stei­nernen Halbgott eine Schrotladung ins Gesäß.

Am nächsten Tage machte der Jüngling mit dem Vater einen Spaziergang durch den Park. Der Vater nahm erstaunt und ärgerlich die Veränderung an der Plastik wahr und fragte feinen Sohn mit verhaltenem Zorn, ob er diese Dummheit begangen habe.

Der junge Bismarck, der nicht zu lügen pflegte, gestand fein Attentat sofort, war aber bereits Diplo­mat genug, um fein Geständnis in eine Form zu kleiden, die den Vater entwaffnete.

,^Ja," sagte er,ich habe es aus purem Uebermut getan, Vater, da ich den großen Podex so komisch fand. Hätte ich freilich gewußt, daß ich dem Manne wehe tun würde, so hätte ich es unterlaßen. Gleich nach dem Schuß hat er vor Schmerz mit seiner linken Hand nach hinten gefaßt, da ist sie dann geblieben . . ."

Der Vater lachte, der Sohn stimmte ein, unb die verstümmelte Statue steht noch heute so da.

Die Hauptsache.

Wir haben uns entfchlossen, unseren Sohn Gei­genkünstler werden zu lassen."

Haben Sie denn schon einen Lehrer?"

So weit sind wir noch nicht wir lassen ihm vor­läufig erst die Haare lang wachsen."

(Buen Humor)