Kasseler Treueste Nachrichten
Montag, 20. Juni 1932
Die gestrigen
ahlen in Hessen
NSVAP. gewinnt 5 Sitze, erreicht aber nicht die absolute Mehrheit
17 Mandate
1
10 1
7 0
1
32 0
2
„ . . nur möglich, wenn
sie sich nicht gegen die Strömungen wendet, welche die
In Berlin-Treptow kam es in der Nacht zum Sonntag zu einem kommunistischen Feuerüberfall auf ein nationalsozialistisches Verkehrslotal, bei dem zahlreiche Schüsse abgegeben wurden und fünf Nationalsozialisten, darunter einer lebensgefährlich, verwundet wurden. — Nachdem schon in den Abendstunden des Sonnabend in Treptow verschiedene Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten sich er- eignet hatten, kam es in der Lohmühlen-Straße zu einem größeren Handgemenge, in dessen Verlauf die Kommunisten mehrere Schüsse abgaben. Die Nationalsozialisten flüchteten in ihr Verkehrslokal in der- selben Straße, verfolgt von Kommunisten, die in das Lokal hineinschoffen.
Uniformierte SA.-Leute und Stahlhelmer versuchten am Sonntag in Köln Umzüge zu veranstalten. Als die Polizei die Gruppen auflösen wollte, kam es zu schweren Zusammenstößen, bei denen die Polizei vom Gummiknüppel und von der Schußwaffe Gebrauch machen mußte. Als ein Ueberfallwagen der Polizei nem abgedrängten SA.-Trupp folgte, wurden auf die Beamten aus dem Kölner „Braunen Haus" Stühle geschleudert. Die Polizei besetzte das „Braune Haus". Der Polizeipräsident erklärte, daß eine Freigabe erst in Frage komme, wenn die Vorfälle einwandfrei geklärt seien.
Angehörige der SA und SS wurden Sonntag früh in München und zahlreichen Orten Oberbayerns aufgefordert, sich mit verpackter oder durch Ueberklei- dung verdeckter Uniform in ihren Standquartieren bezw. an ihre Marmplätze bis spätestens 11 Uhr zu begehen. Dor twurde ihnen der Befehl bekanntgegeben, vor der Wohnung des Ministerpräsidenten zu demonstrieren. Die Polizei hielt einen Teil der in den Standquaertieren versammelten SA-Leute von der Demonstration fern. Gegen 12 Uhr rückten konzentrisch einige tausend Nationalsozialisten, größtenteils in Uniform und zum Teil mit Armbinden versehen, gegen die Wohnung des Ministerpräsidenten vor. Die Demonstration wurde von der Polizei unterdrückt. Insgesamt wurden 470 Nationalsozialisten verhaftet.
Massen des Volkes erfüllen, sondern wenn sie es versteht, sich aus den lebendigen und zukunftsvollen
Schleicher gegen Erkelenz
Oer Reichswehrminister zum Thema ^Siaai und Armee"
Skandal um Jucker
Moskau, 20. Juni.
Das riesige Auwwerk in Nishninowgorod, das trotz mehrfachen Wechsels in der Leitung und gründlicher Reorganisation immer noch außerordentlich stark hinter dem Produkttonssoll zurückbleibt, ist Mittelpunkt eines großen Skandals geworden, der wiederum zur Absetzung der Direktion und der leitenden Angestellten führte. Wie die Kontrollorgane der Partei feststellten, hat das Autowerk von anderen Sowjet- Trusts Bestechungen durch waggonweise Lieferung von Zucker und Konserven angenommen, die dadurch in der Belieferung mit Autos bevorzugt werden wollten. Dieser Zucker wurde an die Angestellten und Arbeiter verteilt, die sonst nur sehr knappe Rationen auf Karten erhalten. Außerdem hat das Werk mit dem Zucker einen Handel getrieben.
SPD.
Zentrum
gung daß in erster Linie die Republikaner die „le- bendlgen und zukunstsvollen Kräfte der Nation sind/
Kräften des Volkes eine breite Vertrauensgrundlage schaffen."
Der „Vorwärts" veröffentlicht gleichzeitig einen Antworibrtef von Erkelenz an den Reichswehrminister. Darin legt Erkelenz die Gründe dar, oie ihn zu seinen Ausfasiung veranlaßt haben und betont, daß es für die
Wehrmacht verhängnisvoll wäre, wenn sie de« Mil- Honen Republikanern als Träger eines Systemwechsels erscheinen möchte, der beseitigen wolle, wofür die Republikaner ein Leben lang vor und in der Republik gekämpft hätten.
Erkelenz schließt mit den Worten: „Der Politiker darf nicht das Opfer von Schichten werden, die durch Not und Demagogie aufgepeitschl sind. Die Republikaner sind immer noch, ungünstig gerechnet, mehr als die Hälfte des deutschen Volkes. Sie vertreten Ideen, die sich immerhin schon feit tausend Jahren in den größten Staaten bewährt haben. Sie vertreten Ideen, aus denen letztlich auch jede moderne Wehrmacht entstanden ist. Schließlich waren Stein, der Politiker, und Scharnhorst, der Soldat, doch Männer einer nationalen Auffassung. Und so bleibe ich bei der Ueberzeu-
SAP.
KPD.
Dr. Leuchtgens
TNVP.
Natwnalsozialisten
Hessische Demokraten
Einer Regrerung, deren Bertrauensgrundlage Im Volk dauernd abnimmt, deren parlamentarische Basis mit den tatsächlichen Verhältnissen im Volk nicht mehr übereinstimmt. würde auch die Verfügung über die Wehrmacht nichts nützen. Eine dauerhafte und produktive Regierung ist vrelmehr
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Nationale Einheitsliste 25175
( 2) (10) ( 0)
m Berlin, 20. Juni.
. Erkelenz hatte am 14. Juni hn „Vorwärts" etnen Aufsatz mit der USberschrift „Staat und Armee aus dem Dunkel!" veröffentlicht. Daraufhin hat Retchswehrminister von Schleicher, wie der „Vorwärts" berichtet, an Erkelenz einen Brief gerichtet, in dem es u a. heißt: *
. „Die Erwägung, daß der Einsatz der Wehrmacht tnt innerpolitischen Kampf unbedingt vermieden werden muffe, hat die Haltung der leitenden Persönlichkeiten der Wehrmacht in den letzten Monaten ganz besonders bestimmt. Umso mehr muß ich mich gegen Ihre Auffassung wenden, als habe ein Eingriff der Wehrmacht in die Politik tatsächlich stattgefunden. Sie beweisen das nicht, aber Sie legen es Ihren weiteren Ausführungen zu Grunde.
Nach Ihrer Auffassung hat sich die militärische Macht zur Uebernaffme der politischen Verantwortung gedrängt, sie hat sich an die Seite der Nationalsozialisten gestellt und ste hat sich auf die Bildung des heutigen Kabinetts „eingelassen". Die Armee erscheine fetzt als ein Instrument des Klassenkampfes von oben Diese Auffassung ist vollkommen falsch. Nach dem Ausscheiden mehrerer Minister aus dem Kabinett Brüning und nach dem Gesamtrücktritt dieses Kabinetts hat der Herr Reichspräsident die neue Reichsregierung nach seinen verfassungsmäßigen Gerechtsamen ernannt, und es ist eine Beleidigung für feine
Perfon, ihm zu unterstellen, daß er sich bei diesen ganzen Vorgängen von etwas anderem hätte leiten lassen, als von feiner eigenen Beurteilung der politischen Lage und seinem eigenen Gewissen.
Falsch ist auch die Behauptung, in meinem Aufruf an die Reichswehr werde diese „an die Seite der Na- ttonalsozialisten gestellt". Oder wollen Sie unter „denjenigen geistigen und phvsifchen Kräften u, fereS Volkes, welche die unentbehrliche Grundlage der Landesverteidigung bilden", nur die Nationalsozialisten verstehen? Die Reichswehr steht zu der jetzigen Reichsregierung in keinem anderen Verhältnis als zu jeder gesetzmäßigen Regierung des Deutschen Reiches, nämlich dem ihres scharfen, aber unpolitischen und überparteilichen Machtmittels. Die Wehrmacht hat sich weder zur Uebernahme der politischen Verantwortung gedrängt, noch hat ste die politische Verantwortung übernommen. Ich trete Ihrer Ueberzeugung bet, daß die Macht der Bajonette allein als Grundlage einer Regierung nicht ausreicht.
Sen Nationalsozialisten ist es trotz ihres erheb- lichen Zuwachses nicht gelungen, die absolute Mehr- *?£, lni^a~-iLta8e erreichen. Sie erhalten 32 gegen bisher 27 sitze, zu denen ein,Sitz der Deutschnationalen Partei tritt. Selbst wenn die Nationale Einheitsliste diese Opposition durch ihre zwei Sitze verstärkt wurde erst die Zahl von 35 Sitzen erreicht, während P6 Sitze Voraussetzung für die Mehrheit sind An den bisherigen parlamentarischen Verhält» ssen hat sich also Nichts geändert. '
Demonstrationen
und Ausschreitungen
Aus dem ganzen Reich werden politische Unruhen gemeldet. Hier nur die wichtigsten Telegramme:
derZ dann, wenn Neuwahlen vor der Tür stehen. Aber dieser politische Kampf hat Grenzen, jenseits welcher er aufhört, Kampf zu fein, und anfängt, politische Blindheit zu werden.
Die Heimat must uns helfen, wie ein befonnener Mann feinem Anwalt hilft, dem er die Führung eines überaus entfcheidenden Prozesses anvertraut hat. Wir rufen der Heimat zu, daß nur ein geschlossener und einheitlicher nationaler Wille helfen kann.
Brüning verteidigt fich
In Mainz sprach dieser Tage in einer Massenkundgebung des Zentrums Reichskanzler a. D. Dr. Brüning, der u, a. folgendes aussührte:
Nach der Bildung des neuen Kabinetts konnte man in Zeitungen die Ueberschrist vorfinden: „Keine neuen Notverordnungen mehr^. Da diese Ueberschrist in einem offizielle» Sprachorgan der jetzigen Regierung gewesen war, so habe ich mir dabei gedacht: Mit welchem Dilettantismus muß Himer den Kulissen in den letzten zwei Monaten die Vorbereitung für die neue Regierung getroffen worden fei! Oder bezog sich diese Weisheit noch auf etwas anderes? Hatte man vielleicht die Absicht, die frühere Regierung zu stürzen und eine neue hinzustellen, weil man einen Punkt in der Politik der alten Regierung unter allen Umständen unterminieren wollte? Gedacht war die Stabilität der Währung. Hier liegt der Grund. Seien wir wachsam, damit nicht noch einmal namenloses Unglück über Deutschland wie nach dem Kriege hereinbricht.
Im deutschen Wirtschafts- und Bankwesen, in gro. ßen Unternehmungen und in einem großen Teil der deutschen Landwirtschaft hat sich Ungesundes angesammelt, das geheilt werden muß, und wo man vor der Operation, wie wir es getan haben, nicht zurückschrecken darf. Unser Ziel ist verstanden worden von denjenigen, die nachgedacht haben. Kann ich es verantworten vor dem ganzen übrigen Deutschland, den lebensfähigen deutschen Grundbesitz im deutschen Osten zu retten, mit Ausbietung aller gesetzlich nur denkbaren Möglichkeiten und gleichzeitig darauf zu verzichten, den nicht lebensfähigen Grundbesitz im Osten der Siedlung zu erschließen? Das war eine Zumutung,' die ich nie und nimmer akzeptieren tonnte.
Ich habe alles daran gesetzt, um dem lebensfähig produzierenden Grundbesitz auch zu Helsen. So war es ebenso meine Pflicht, auch daran zu denken, daß Hunderttausende von Kleinbauern in Westdeutschland im Hunsrück, im Westerwald und in Süddeutschland sehnsüchtig Ausschau halten, um eine Scholle einmal für sich zu bekommen. Das war keinSiedlungs- bolschewismus, den wir damit gemacht haben. Es sieht fast fo aus, als ob man nur den Beamten Abzüge über Abzüge zumutet, den Arbeitern Kürzung der Löhne und Sozialleistung und auch dem Mittelstand Steuern aufbürdet und nur eine ganz kleinen Schicht keine Opfer abverlangt. Damit war etwas acrissen, war nicht wieder heilen konnte. Wenn nun hie neue Regierung kommt und einen Teil des Gesamtplans der alten Regierung in veränderter Form veröffentlicht, aber mit anderen Dingen, wie z. B. mit de>» Freiwilligen Arbeitsdienst, der Arbeitsbeschaffung und Aehnlichem wartet wenn wir nichts davon hören, was mit der Siedlung gemacht wird, dann darf es uns die Regierung nicht übel nehmen, wenn wir solches Stückwerk ablehnen.
172 415
108 603 11 497 82111
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Darmstadt. 20. Juni.
>Sas vorläufig amtliche Gesamtergebnis der gestrige» Wahlen zum Hessischen Landtag lautet:
„Oie Heimat
muß uns helfen!"
Eine Rundfunkrede von papens ans Lausanne
Lausanne. 20. Juni.
Reichskanzler von Pape» hielt am Sonnabend abend von Lausanne aus eine Rundfunkrede, die über alle deutschen Sender übertragen wurde und die wir auszugsweise wiedergeben.
Meine deutschen Landsleute! In dieser für Mitteilungen der Reichsregierung vorbehaltenen Rundfunk, stunde sage ich Ihnen heute eigentlich nur den Gruß des Reichskanzlers und deutschen Delegationsführers in Lausanne, den Gruß an die deutsche Heimat.
Gemäß meiner Programmerklärung will das neue Reichskabinett alle aufbauwilligen Kräfte unseres Volkes sammeln.
Die heutige Rot Deutschland« fordert geradezu zu diesem letzten Einsatz der gesammelten nationalen Kraft. Unmöglich wäre es in dieser Zeit, Deutschland zu führen und dabei Bewegungen gegenüber fremd zu bleiben, die instinktmäßig und willensmäßig den Lebenswillen Deutschlands verkörpern.
Wir haben es daheim und hier in Lausanne deutlich gesagt, daß die deutsche Not zwar nur ein Teil- problein, aber doch auch das Zentralproblem der Weltkrise ist und wir wiffen, daß die Welt um fo eher bereit sein wird, Deutschlands Not zu verstehen, als die Welt erkennt, wie sehr die deutsche Not die brennendste Wunde des gesamten Weltkörpers ist. Deutschland und die Welt brauchen gleichermaßen den entscheidenden Umschwung in der unheilvollen Nachkriegsepoche, den herbeizuführen, die Aufgabe dieser Konferenz ist, und der sowohl uns wie der übrigen Welt viel Not und Leid erspart hätte, wenn er schon früher eingetreten wäre.
Gleichzeitig aber mußten die hier in Lausanne versammelten Führer des Auslandes verstehen, daß unser Volk nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine seelische Krise durchmacht, eine Krise, in der nicht mehr Pas Aus und Ab, das Für und Wider der rein Parlamentarischen Ausgleichsmethoden ruhiger Zeiten Möglich ist, sondern deren Ueberwindung nru-r im Geiste seiner einheitlichen nationalen Willensbiwung verwirklicht werden kann.
Mir erscheint es als meine vornehmste Aufgabe, in den ersten Konferenziagen das Verständnis für die wirkliche Lage unseres Volkes zu fördern. ES wird nicht nur Deutschland nützen, wenn dieses Verständnis durchdringt.
Soll die notwendige Einsicht in die Sage unseres Volkes sich durchsetzen, dann muß der Vertreter Deutschlands in Lausanne den geschloffenen Willen der Heimat hinter sich haben, muß das Ausland erkennen. daß die jetzige Regierung mit Fug und Recht die Vertretung dieses geschloffenen deutschen Willens für sich in Anspruch nimmt.
Die Heimat aber muß zu der Re-chsregierung das feste Vertrauen haben, daß sie nicht nur nichts preisgeben wird, was den nationalen Notwendigkeiten entspricht, sondern daß sie darüber hinaus für eine positive Lösung des europäischen Problems alle ihre Kräfte einsetzen wird. Der innerpolitische Memungskamps ist gewiß berechtigt, beson-
_____ _ rf {5y -6aben gezeigt, daß die bür- h * n w£rc6 r!? Zusammengehen in einer Einheitsliste de» Abmai,ch vieler Wähler nicht auf- halten konnten. Diese Liste hat gegenüber den Wah- ö's November 1931 nich, weniger als 43 000 tnTtXh1 t1!”' ®er Zuwachs der Nationalsoziali- nn?rhe»hH*»rl ork 7" wenn man von dem gewiß nicht unerhebliche» Abgang von Wahlmüden gerade aus meV™Th^eVTlen - aus diesen Stirn- men, aus de» Verlusten der martiftifdjen Parteien hfn-bwmn KPD. den starken Verlust von 24600, bie sAP. von 11400 Stimmen aufweifen. Die SPD verzeichnet einen kleinen Gewinn, während das -ien- . von 3800 Stimmen zeigt, der wahr,chemlich darauf zurückzuführen ist daü die nrch-kach°lifche„ Wähler' die 'dieser Partei bei den letzten Wahlen ihre Stimme gaben, diesmal ausgeblie- be» sind. Deutschnationale und Demokraten haben sich gehalten.
Die Boheme im Gtaatstheaier
Neueinstudierung von
Kassel, 20. Juni.
Jeue ..-,,ai)rung eines Puccini-Werkes, und sei sie noch so unvollkommen, beweist immer aufs Neue besser als alle weisen Urteile der strengen Musikwissenschaft, welcher Ehrenplatz dem genialen Künstlermenschen in der Operngeschichte zukommt. Er ruht nun bald acht Jahre in seinem Grabgewölbe von Torre bei Lago, aber man hat ihm feine unwiderstehliche Weltpopularität immer noch nicht verziehen. Für manche bleibt er eben der feminine und morbide Ner- venmusiker, der Erotiker und Exotiker, der alles Silin* gen und Singen der Gefühle auf eine mittlere Linie bringen konnte, der — wie man fo schön sagte — sich dem Alltagsbetrieb und Durchschnittsgeschmack der Opernbühnen so geschickt anzubequemen wußte. Und doch war dieser seltene Erfolgsmensch ein weltflüchtiger Träumer und Sehnsüchtler, der am liebsten in tiefer Nacht bei verhängter Lampe saß und arbeitete. Er hat in der Opernwelt seine ganz eigene Romantik des Alltags entdeckt, ja er war auch darin ein poetischer Sonderling, daß er sich immer in die Gestalten seines Schaffens verliebte. Seine rührendste, tiefste und schmerzlichste Liebe ist Mimi und ihre Welt der Bohöme geblieben. Als er Ihrem Sterben in der Mansarde die düsteren schleppenden Akkorde als grausames Requiem schreiben mußte, da weinte er in ein« famer Nacht wie ein Kind...
Was hat man nicht alles an dieser „Boheme" zu tadeln gehabt. Es war ja sicher schon ein Wagnis, bad er mit Leoneavallo um den gleichen Stoss kon- turrierte, daß er in wenigen Szenen das bunte fröhliche und doch schreckliche Leben der Glücksritter aus dem Pariser Quartier latin auf die Bühne bringen wollte. Murger hat es sich gewiß nicht träumen lasse» daß fein Roman eigentlich erst durch Sie M»»k eines Italieners Weltliteratur werden sollte und dazu eines Italieners, dem die lockende Seinemetrovole mit ihrem Boulevardtrubel zeitlebens unbehc' ich und fremd blieb. Man hat es Puccinl und seinen Textdichtern arg verdacht, daß sie auS der flatterhaften und genußsüchtigen Kokotte Mimi und der aufopfernden treuherzigen Francine ein Wesen machten uni daß der Maestro Unmöglichkeiten der Musik tntur Benonung des Bohsme-Jargons, jener pa:hcm'ck>- witzigen Selbstironie mit ihren Tollheiten und Sentimentalitäten versuchte. Und doch ergreift und elektrisiert die Boheme, die kein Geringerer als Arturo
Puccinis Meisterwerk.
Toscanlnl aus der Taufe hob, heute wie ehedem die Herzen durch die verschwebenae Zartheit und den hinreißenden Schwung ihrer einzigartigen Lyrik, durch die farbensprühende Reizsamkeit ihrer imprefffoiiisti- schen Klanglichkeit und die liebe-wUe Andacht ,uin Kleinen und Heimlichen des Menfchenseins. Man braucht nur die einzelnen Partiturselten aufzufchlagen und man findet auf jeder einzelnen ae-iug, um an die Wahrhaftigkeit und Hellsichtigkeit dieses Vollblutmusikers zu glauben.
Tie Wiedergabe der Boheme stellt als ausgesprochener Gesangsoper außerordentliche Anforderungen an die Darsteller, vor allem die tragenden Hauptrollen: Rudolf und Mimi hinsichtlich ihrer Beleanto- Meisterschaft. Eugen Schürer setzte sei» klangvolles kräftiges lyrisches Tenormaterial mit großer Energie ein, wenn es auch noch nicht überall voll durchzudringen vermochte. Er gibt vorläufig noch mehr Schwung der Kantilene und Emphase des Ausdrucks als wirkliche Verinnerlichung, wie sie bet Pueeini auch die unscheinbarste Phrase verlangt. Reichlich typisch und konventionell blieb er im Darstellerischen. Hilde Oldenburgs Mimi war rein gesanglich wirkungsvoll auf glanzvollen großen Ton gestellt, leider drang sie nicht bis zu jener fenfiblen fchmetterlingSbaften Weichheit und innigen wehmütigen Wärme durch, die mit einem tiefergreifenden Charme das tragifche Schicksal der kleinen Stickerin verklären. In aller Liebesfeligkeit pathetisch-kühl und strahlend rührte sie erst in der Todesnot an die ätherische Zerbrechlichkeit des armseligen Grisettengeschöpses. Vielleicht hätte ihrem Wesen die Musette günstiger gelegen. Jedenfalls war diese bei Hedi Brozewski nicht in sehr glücklichen Händen. Sie spielte die Cafehaus-Szene nicht übel, aber von dem verführerische» Fluidum und der sinnlichen Grazie des berückenden geschmeidigen Walzers war bei der harten und scharfen Akzentuierung nicht allzu viel zu spüren. Ganz charakteristisch wurden die übrigen Temperamente der Bohöme- Runde verkörpert: Alfred B o rrh a r d t s draufgänge- rischer Marcel als routinierter Maler für alles, Georg Buttlars flotter Musikus Schaunard und Josef Niklaus als würdiger Philosoph Collin, der Herz hat. F. W. Hanschmanns alter Sünder Bernard mit seiner trockenen Komik, Mar O ß w a l d als Tarpignol und Fritz Hintz-Fabricius' gefoppter Galan Mcindor, der allerdings zum Bezahlen etwas zu spät kam, bewährten sich in den kleineren Rollen.
In sorgfältiger Regiegestaltung hatte Hanns Frie- derici das Zusammenspiel natürlich und lebendig abgefttmmt, vor allem waren die Probleme der Massenszenen im 2. Bilde vortrefflich gelöst. Hier war auch das Bühnenbild in dem von Lothar Schenck von Trapp neu geschaffenen Rahmen besonders eindrucksvoll.
Musikalisch hielt Maurice de Ab rav an el als Dirigent des Ganzen den Klangkörper straff und
Waldmusik
der Schule,Iied und Volt“.
Staffel, 20. Juni.
Damit die klingende Saat mit der neuen Jugend von heute wieder blühend aufgehe, und das Singen al« Volkskunst, das in weiten Schichten fast abgestorben oder entartet scheint, wieder lebendig werde, genügen nicht nur die Smgwochen, die zunächst doch immer nur eine Angelegenheit der Mitwirkenden sind, wenn sie auch auf die Umgebung weithin aus- strahlen. Mit dieser stimmungsvollen, eindringlichen Waldmusik konnte die Schule „fiieb und Volk" mehr noch als mit ihren Saalveranstaltungen erkennen lassen, wie ste in der Stille der Erneuerungsbewegung dienen will. Und die vielen Zuhörer, die da zu dem lauschige» Waldwinkel an dem kleinen Brünnlein der Prinzenquelle hinausgewandert waren, haben sicherlich alle etwas mit heim genommen von der reinigenden Kraft des alten sinnigen Volksliedersingens und von der wunderbaren Harmonie, in der hier Natur, Ewigkeit und Menschenseele zu innerer Sammlung abseits vom Alltag der Zerrissenheit zusammenklangen.
Hier spürte man, daß die Gotik der Walddome dem deutschen Menschen für alle Zeiten das Sinnbild seiner tiefsten Sehnsucht eingehaucht hat. Wie seine Gedanken im Schauen und Fühlen himmelan streben, so steigen die Bauwerke seines Glaubens in ihren kühnen Wölbungen, so schwingen sich die unsichtbaren Bögen seiner Lieder ins Unendliche. Wie unmerklich und natürlich offenbart fich das gerade in den alten Weisen, die sich in der Melodie noch so frei bewegen und in den Stimmen so innig ineinander greifen. Und wenn sie nun den Wald zur Halle haben mit einem schönen Lug ins Land weithin über Wiesen und Dächer und Sonne, Vöglein, Kuckuck, Käuzlein und Liebe
sicher zusammen. Die orchestrale Leistung war nach Klang, Farbe, Linie, Rhythmus und Dynamik von packender Wucht, Konzentration und Geschloffenheit, wenn sie auch den Sinn für die intimen Wirkungen der Partitur oft vermissen ließ. Die Neueinstudierung wurde mit großer Begeisterung aufgenommen, die Schar der Darsteller und Leiter wurde am Schluffe immer wieder vor die Rampe gerufen.
Dr. Gustav Struck.
und Tanz im Herzen sind, von denen die Lippen fingen, ist das nicht höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie? vor der selbst der bäuerliche Lastwagen unwillkürlich ehrfürchtig auf der Landstraße die Fahrt verlangsamt. Und wenn ihr es noch nicht glauben wollt, dann geht wieder hin, wenn deutsche Jugend wieder irgendwo draußen in Gottes herrlicher Natur fingt, so andächtig und so hingegeben wie diese hier; ihr vergeßt sicherlich euer Klavier, euren Schallplattenschrank, euer Radio und noch einiges mehr darüber. . .
Soll ich nun auch noch berichten, daß man mit Maien, Sommer und Sonne so selbstverständlich anfing, sogar die dicken Bäume ringsum nicht vergaß, daß man das Eretlein zum gemächlichen altdeutschen Reigen holte und der Gutzgauch und das unsterbliche Jnnsbrucklied den Leuten am besten gefielen. Singgemeinde und Dolksliedkreis zeigten unter Studienassessor Walter Blankenburgs Leitung im musikalischen Gestalten ernsthafte Stimmpflege, Wille und Können. Die Stimmen fügten sich freudig zu lebendiger Gemeinschaft, keine die hinausstrebte, zuweilen waren sie in ihrer Einheit nur noch etwas zu zaghaft, zu klar und gebändigt. Da könnte noch mehr ursprüngliches Erleben und vitale Rhnthmik einer lebenshungrigen Jugend in die strenge Form der alten Lieder strömen, wenn diese ehemals auch mit den geistlichen Gesängen so nahe verwandt waren. Auch muß das männliche Fundament noch etwas fester und massiver werden. Reizvoll mischten die Gemen und Gamben ihre instrumentale Farbigkeit und ihre nachdenklichen Zwischenspiele in die wechselnde Mehrstimmigkeit. Ja, es trübte nicht einmal ihre Reinheit, wenn plötzlich ein vorlauter Juchzer aus dem Kreise der Kleinsten und Kleinen hineintönte, die das Bild der andächtig Lauschenden so bunt und lieblich verschönten. Dr. St.