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Kasseler Neueste Nachrichten

Montag, 13. Juni 1932

Oie Sammlung -er Mitte

Der Volksdienst geht feinen eigenen

eg

Adolf Hitler in Worms

Beschlüsse der Kasseler Reichskonferenz des Christlich-sozialen Volksdienstes

Auswärtiger Ausschuß erst nach Lausanne ?

Die Politik des Vollsdienstes

fand ihre Darstellung in einem großen politischen Re­ferat, das Reichstagsabgeordneter Bausch, Stutt­gart, hielt und in dem er u. a. ausführte, daß die po-

Reichsbank und Währungspolitik

Verteidigung der Markstabilität und des Goldes / Dr. Luthers Rede in Hagen

Volksdienst werde ringen um eine christlich begrün­dete Staatsautorität, um die Schaffung einer Obrigkeit in biblisch-reformatorischem Sinne. Er werde alle Macht einsetzen gegen Bestrebungen, die eine solche Autorität mit dem Begriff der Sozialreak­tion zu verbinden trachten. Gewiß seien die sozialen

Kassel, 13. Juni.

Der Christlich.soziale Bolksdienst hielt Sonnabend und Sonntag in Kassel eine Reichs­konferenz ab, die Referate über die politische Lage ent­gegennahm und die Haltung des Volksdienstes zur bevorstehenden Rcichstagswahl festlegte. Nach einem einleitenden Referat des Reichsführers, Reichstags­abgeordneten Simpfendörfer, Stuttgart, und nach eingehender Aussprache wurde beschloffen, daß der Volksdienst ohne Bindungen an andere politische Parteien und Gruppen in voller Selbständig­keit in den Wahlkampf gehen und in Men Wahl­kreisen eigene Wahlvorschlage einreichen wird. Nur im Wahlkreis Hannover wird eine Verbindung mit der Welfenpartei eingegangen, und zwar derart, daß Kandidaten des Volksdienstes auf der Welfenliste plaziert und eventuelle Reststimmen der Reichsliste des Volksdienstes zugeführt werden. Die Beschlüsse wurden einstimmig gefaßt. Als Spitzenkandidat für die Reichsliste wurde der Reichsführer Simpfendör­fer aufgestellt.

Das Referat über die propagandistische und orga­nisatorische Vorbereitung des Wahlkampfes erstattete Reichstagsabgeordneter Schriftleiter Schmidt, Kastel, der gegenwärtig die Geschäfte der Reichsgeschästsstelle des Vollsdienstes in Berlin führt.

land kann nicht ohne Gefahr zu laufen, in höchst unerquickliche politische und wirtschaftliche Folgen ver­strickt zu werden seine amerikanische Schuld durch eine einseitige Erklärung einfach aufsagen. Es kann aber früher oder später mir Amerika gütlich über eine solche Möglichkeit verhandeln. Die Frage tft nur die, wann hierzu der psychologische Augenblick gekom­men sein wird Zur Zeil will Amerika allerdings nichts von Konferenzen wissen, aus denen die Repa­rationen und Kriegsschulden erörtert werden. Doch gesetzt den Fall, fragt man sich in England, daß die Lausanner Konferenz mit einer europäischen Verstän­digung über das Schuldenproblem endete, sähen sich die Vereinigten Staaten dann nicht geradezu vor die Notwendigkeit gestellt, auf der Londoner Wirtschafts­konferenz nolens volens dieses Problem zu erörtern, über das sie heute ihr Tabu verhängt haben?

Aus diesem Grunde betrachtet England es von eminenter Wichtigkeit, daß die Lausanner Konferenz von Erfolg gekrönt werden möge. Ein Lausanner Erfolg würde, nach englischer Auffassung, Mcöglich- kciren von größter Tragweite eröffnen. In Lausanne wird in weitestem Maße staarmännischer Mut gezeigt werden müssen. Als der Mann, von dem diese Eigen­schaften in erster Linie erwartet werden, gilt den Eng­ländern anerkanntermaßen ihr eigener Premiermini­ster Ramsay Macdonald. Er wird nun, erinnern ihn die heimischen Blätter in ihren, ihm auf die Reise nachgesandten Abschiedsartikeln, jene drastischen Heil­mittel vorzuschlagen haben, von denen er so oft ge- sprocben hat. Und sollte England unter seiner Führer­schaft sich in der Tai dazu entschließen, aus freien Stücken aus seine Reparationsforderungen und die ihm zukommenden Kriegsschulden zu verzichten, so glaubt man, daß die Lausanner Konferenz sehr wohl zu einem Wendepunkt der Weltkrise werden und von segensreichen Nachwirkungen begleitet sein könnte.

und leidenschaftlich den Kampf um die Freiheit des Christenmenschen auch in der Politik aufnehmen. Der i eine christlich begrün-

Abgabe für Arbeitslosenhilfe"

Oer Inhalt -er neuen Notverordnung

Hitler zeigte dann auf, wie zwischen Sozialismus und Nationalismus die Brücke geschlagen werden könne. Ein Unglück sei es, wenn eine Idee die an­dere niederringen würde. Wesentlich sei, daß sich deutsche Menschen aus allen Konfessionen, allen deut­schen Stämmen und Ländern zusammenfinden, um das Land wieder deutsch zu machen. Die national­sozialistische Bewegung habe wieder Selbstvertrauen gegeben. Die Hessenwahl sei ein Teilausschnitt, und am Montag nach der Wahl würde die Bewegung weiterarbeiten, bis sie das große Ziel erreicht habe.

Basel, 13. Juni.

Am Sonntag, nachmittag um 16 Uhr traten die Notenbankleiter am Sitz der BIZ. zur übli­chen lnofflztellen Vorbesprechung der auf der Tages- ordnung der Verwaltungsratssitzung der BIZ. ste­henden Probleme zusammen. Im Rahmen der Be­sprechungen orientierte Reichsbankpräsident Dr. Lu­ther die Notenbankleiter über die Absichten der iwuen deutschen Regierung auf dem Gebiete der irPrungspolltik, wobei er die ausdrückliche Feststellung machte, daß die Reichsbank im Einver- «le,nLe«n ?*** mCr, Reichsregierung nach wie vor zur unbedingten Verteidigung der Markstabilität ent­schlossen fCL

Auf der Tagung des Langnamvereins in Hagen hielt Reichsbankprästdent Dr. Luther einen Vortrag über die Probleme der deutschen Reichsbank- polltik. Dr. Luther befaßte sich in seiner Rede mit sämtlichen ,m Mittelpunkt der öffentlichen Erörte- rungen stehenden Problemen u. Vorschlägen zur deut- Ichen Währungs- und Kreditpolitik. Er führte u. a. aus: Auch gegenüber Fragen der Kredit- ausweltung müsse es Grundregel der Notenbank blei­ben, den Parallelismus der Waren- und Geldseite der Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Das gehamsterte Geld müsse man mitzählen, da es in jedem Augenblick in den Umlauf zurückkehren könne und bei großen Beträgen Einfluß auf die Warenseite ausüben könne. Die Reichsbank könne sich nicht einseitig auf bestimmte Risiken festlegen und es wäre darum auch verkehrt, wenn sie ihrerseits ein Kreditausweitungsprogramm aufstellen würde.

Bei der Frage der Deckung der Währung bekämpfte Dr. Luther den Irrtum, daß die Deckung der Währung der wesentliche Punkt sei. Dr. Luther trat energisch dafür ein, daß das

Gold der einzig internationale Wertmaßstab bleiben müsse.

Eine Hypothekenwährung lehnte Dr. Luther ab, weil sie beliebig vermehrbar sei. Eine Weltindex- Währung sei wohl theoretisch denkbar, aber praktisch undurchführbar. Die Mittel, die die Vereinigten Staaten auf dem Gebiete der Währung und Kredit­politik bisher angewandt hätten, seien nicht in der Lage gewesen, die Wirtschaft wieder in Bewegung zu

bringen. Bei einer Besprechung der Diskontpolitik der Reichsbank wies er dann darauf hin, daß zu einer Ankurbelung der Wirtschaft die Zinssenkung in Deutschland leider nicht geführt habe. Die Ein­führung einer Binnenwährung lehnte Dr. Lu­ther ab unter Hinweis auf die Entwicklung in Ruß­land. Binnenwährung sei identisch mit Außenhan­delsmonopol. Der Außenhandel sei zwar zu pflegen, das könne aber nicht vermittels eines bürokratisch ge­handhabten Außenhandelsmonopols geschehen.

Schließlich streifte Dr. Luther noch das Problem der A u t a r k i e: Wenn Autarkie die Pflege des Bin­nenmarktes bedeuten solle, dann sei man hierin einig. Das Ziel der Selbsternährung durch die deutsche Landwirtschaft sei eine anerkannt Politik, obwohl sie zu höheren Nahrungsmittelpreisen als den Weltmarkt­preisen führe.

Essen, 13. Juni. Unter Führung von Professor Horneffer-Gießen hat sich in einer in Esten tagen­den Versammlung eine Partei gebildet, die den Na­men führtDie neue Mitte (Sozialliberale Partei)".

| Fraktionsführer der Sozialdemokraten, Dr, Breit­scheid, schriftlich mitgeteilt, daß er das Ersuchen um Einberufung des Auswärtigen Ausschusses zunächst dem Reichsaußenminister mit der Bitte um Aeuße- rung zugeleitet habe.

Im parlamentarischen Kreisen ist man der Auf­fassung, daß unter diesen Umständen eine Einbe­rufung des Auswärtigen Ausschusses noch vor der Abreise der deutschen Delegation, die am Dienstag erfolgt, schon aus technischen Gründen nicht mehr in Frage kommt. Es ist aber anMnehmen, daß die So­zialdemokratische Fraktion sofort nach der Lausanner Konferenz erneut die Einberufung des Auswärtigen Ausschusses verlangen wird.

litische Entwicklung der letzten Wochen den Volls­dienst vor eine völlig neue Lage und ganz neue Auf­gaben gestellt habe. Der Volksdienst hätte keinen An­laß, der Regierung Papen in grundsätzlicher Opposi­tion gegenüber zu treten, aber er müsse Wert darauf legen, die Verantwortlichkeit der Natio­nalsozialisten und der Deutschnatio­nalen für diese Regierung vor aller Oeffentlich- keit f e st z u st e l l e n. Wenn di« Regierung in ihrer Kundgebung angekündigt habe, daß jetzt Schluß ge­macht wird mit den Notverordnungen und mit neuen Steuern, so habe sich jetzt schon gezeigt, daß die An­kündigung gegenüber der harten Wirklichkeit nicht durchzuführen sei. Der Volksdienst sei stolz darauf, daß er getreu den christlichen Grundsätzen der Wahrhaftigkeit dem Volke stets die Wahrheit ge­sagt habe, wenn sie auch noch so bitter und unpopu­lär gewesen sei.

Von seinem alten Standort aus würde der Volks­dienst im kommenden Wahlkampf seine positive Stel­lungnahme zu den gewaltigen Staatsaufgaben her­ausarbeiten. Der Volksdienst werde jedes Parieidik­tat und jeden Parteiterror ablehnen und entschlossen

Berlin, 13. Juni.

Wie wir zu den Bestrebungen einer Sammlung der Mitte und der mittleren Rechten erfahren, fin­det am Dienstag abend in der Deutschen Gesellschaft eine Zusammenkunft führender Männer des geistigen und des wirtschaftlichen Lebens statt, um aus diesen Kreisen an die zwischen den Nationalsozialisten und dem Zentrum stehenden Parteien und bisherigen Wähler einen Aufruf zu richten, der dazu auffordert, unter Zurückstellung parteipolitischer und sonstiger Sonderintereffen als geschlossener politischer Block vor­zugehen und bei den Entscheidungen über die politi­schen Fragen Geltung zu erlangen. Dem Kreise, von dem ein solcher Aufruf ausgehen soll, gehören, wie wir noch weiter erfahren, u. a. Dr. Hugo Eckener, der Ehrenpräsident der Deutschen Handels- und Ge­werbekammer, Plate, Botschafter a. D. Dr. Solf und Geheimrat W i k h a g e n-Leipzig, an.

Beginn des Wahlkampfes in Hessen.

Frankfurt a. M., 13. Juni.

Vor einer vieltausendköpfigen Zuhörerschaft er­griff Adolf Hitler am Sonntag nachmittag in einer großen Kundgebung der NSDAP im Wormser Sta­dion das Wort. In den zwei Jahren Brünings­regierung habe sich auch nicht eine Voraussage erfüllt, die von dieser Regierung angekündigt worden war. Es, genüge nicht, baß man eine Sache mechanisch in Angriff nehme, sondern das Entscheidende sei die innere Einstellung der zuversichtliche Glaube an die Idee und ihren schließlichen Erfolg.

Zu den beiden Faktoren Glück und Unglück ge­höre die innere Tüchtigkeit des Menschen, seine eigene Zuversicht und sein Glaube, die ihm Selbstvertrauen geben. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter­partei habe seit dem ersten Tage ihres Bestehens diese innere Einstellung, der zuversichtliche Glaube an die Menschen ergriffen worden seien.

beträgt und für alle anderen einkommensteuerpflich­tigen Personen eine Staffelung erfährt, die bei 1% Prozent beginnt, deren Höhe aber erst noch im Laufe des heutigen Tages bestimmt wird.

Die Umsatzsteuer wird wahrscheinlich dadurch ergiebiger gemalt, daß nicht nur die Stnndungs- fristen gekürzt, sondern auch dieFreigrenzevon 5000 Mark aufgehoben wird. Inwieweit Kürzungen an den Renten, insbesondere den Kriegs- beschädigtenrenten in Betracht kommen und ob eine Salzsteuer eingeführt wird, soll erst im Laufe des heutigen Tages entschieden werden.

Heute nachmittag wird dann das Reichskabineti die letzten Besprechungen über die endgültige Gestaltung dieser Notverordnung fassen und dann werden die beiden Notverordnungen (1. die finanziellen Maßnahmen, 2. die innerpolitischen Maßnahmen über Organisationen, die Presse ufw.) am

Dienstag vormittag offiziell verkündek werden. Die dritte Notverordnung über die sozia­len Reformen wird wahrscheinlich etwas später kommen. Am Dienstag abend wird dann der Kanz­ler mit der deutschen Delegation nach Lausanne fahren.

Berlin, 13. Juni.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Reichstages, Abg. Dr. Frick (Rat. Soz), hat dem

^usanner Konferenz nichi unwesentlich verbessert Doch all diese Tatsachen enthaben die britische Regie­rung keineswegs ihres guten Rechts eine eigene P o - Ittit konstruktiverLösungen in Vorderer tung zu hallen . . ."

Fühlt England sich berufen in den nun bevor­stehenden internationalen Verhandlungen eine füh­rende Rolle aus sich zu nehmen, und welches ist in der Reparations- uny Kriegsschuldenfrage die britische Politik konstruktiver Lösungen, von der in letzter Zeit so viel die Rede gewesen ist? Die Zeitungen toeroen mit diesen Problemen gewidmeten Briefen hekannter Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft überschüt­tet, und manche von diesen Aeußerungen dürften den Intentionen der Regierung nicht allzu fernstehen. Be­sonders beachtet wurden zwei von sachkundiger Seite vorgebrachte Projekte, denen dieTimes" in promi­nenter Weise Raum gaben. Der eine schlug vor, daß England alle Reparationen und Kriegsschulden, die es von Deutschland und anderen Ländern zu erhalten hat, einfach aus Amerika zur Begleichung seiner eige­nen Kriegsschuld zedieren und hiermit von Amerika eine Regelung des gesamten Schuldenproblems quasi erzwingen sollte. Der andere Vorschlag legte es Eng­land nahe, durch eine große Geste einen völligen Ver­zicht aus sämtliche, ihm zukommenden Reparationen und Kriegsschulden zu erklären und hierdurch an Slmerika einen moralischen Appell zu richten, es Eng­land gleich zu tun. England kommt, wie es sich auch drehen und kehren mag, in dieser Frage um Amerika nicht herum. Ein einfaches Sichidentifizieren mit den deutschen Wünschen würde England sofort in scharfen Konflikt zu den Vereinigten Staaten bringen. Gewiß ist niemand in England besonders darauf versessen, die Kriegsschuld an Amerika auf Heller und Pfennig zu bezahlen und niemand weiß, woher die hierzu nö­tigen Millionen genommen werden sollen. Doch Eng-

th. Berlin, 13. Juni.

Auf Grund der Besprechungen mit den Ministern der Länder werden heute vormittag die letzten Aen­de rur gen an der geplanten neuen Notver­ordnung durchaearbeitet und eingefügt werden, und es ist anzunehmen, daß sich dann das Bild der finanzpolitifchen Maßnahmen des neuen Kabinetts folgendermaßen gestalten wird:

Die Krisenlohnsteuer wird ab geschafft werden, während die veranlagte Krisensteuer bestehen bleibt. Anstelle der Krisenlobnsteuer wird die ursprünglich geplanteÄeschäftigten- steuer" nunmehr als besondereAbgabe für Arbeitslosenhilfe" eingeführt werden, die

für alle Beamten V/t Prozent

R. C. Gherwood:Die

aterloo -Brücke"

Erfolgreiche Erstaufführu ng im Kleinen Theater.

Roy, ein junger Amerikaner in kanadischem Regi- | Erhellung des Zeit! nt, verläßt im Winter 1917 das Spital, in dem gehende Schlichtheit i

ment,

Menschendasein zu vergiften, ja zu teies in der Zucht halten, ausleben

Trotz der Fülle seiner Figuren ist jede einzelne

Oie Erlebnisquellen Shakespeares

Von Kurt Herzberg.

In der Inszenierung des Schauspiels bewies Hans von Wild nicht weniger Takt als der Verfasser. Wenn sich nicht verhindern ließ, daß zuweilen tragische Sze­nen beim Publikum Heiterkeit auslösten, so gaben dazu weder Regisseur noch Darsteller Anlaß, vielmehr liegt der Grund in der beschämenden Oberflächlichkeit eines Teiles der Premierenbesucher. In dem schlichten vor- |

tat in Fragen des Krieges und der Feindschaft Mi­schen den Völkern wird nur da ernsthaft durchbrochen, wo der amerikanische Soldat erkennt, wie ment» Sinn für ihn, den Amerikaner, der europäische Streit hat und wie viel mehr ihm seine Liebe bedeutet.

Wir haben solcheDirnentragödien" in Theater­stücken, Filmen und Romanen oft genug erlebt und finden in dem Sherwoodschen Stück inhaltlich nicht allzu viel Neues in der Problemstellung. Um so höher ist die Form dieses merkwürdigen Kriegsftückes zu Ichätzen: die schlichte, beseelte Sprache der Dialoge, die nur zuweilen der Theaterwirksamkeit zuliebe eine unwahrscheinliche Zuspitzung erfahren. Der Aufbau der vier Akte verrät den guten geschmackvollen Thea­terhandwerker: Die Akte auf der Waterloo-Brücke, die in tragischem Kontrast aufeinander bezogen sind, und die aus Gluck in schlimmste Resignation sich keh­rende Stimmung der Mittelakte, endlich die kluge Einbeziehung von Episoden (der Militärgendarm) zur

Zeitkolorits. Dies und die durch- , . ' und der Takt, mit dem das The­ma von der läuternden Kraft des reinen Herzens angefaßt ist, heben Sherwoods Stück auf ein beacht­liches Niveau. Des englischen Verfassers Neutrali-

nehmen Geist der Regie lebten vor allem die beiden Hauptdarsteller Heinz M o o g und Elli Schulz- K e f f e l. Moog verwandelte sich mit verblüffender Einfühlungsgabe in einen naiven amerikanischen Sol­daten. Besser fand man diesen Typus desguten Jun­gen" nicht einmal in den besten amerikanischen Kriegs- filmen dargestellt. Die schwierige Rolle des Straßen­mädchens, für die man Ruth Reimer vorgesehen hatte, spielte Elli Schulz-Keffel, eine Darstellerin von schöner Beherrschung und einer Charakterisierungs­kunst, die den Durchschnitt weit überragt. Die seelische Verkrampftheit und Stumpfheit des Straßenmädchens war vielleicht dadurch überbetont, daß die Bewegtheit und Erregtheit des Sprechens über dem Körperaus­druck stand, daß das Wort nicht völlig in der Geste ge­spiegelt wurde.

Rose Kipper überraschte in der echten, angenehm theaterhaften Darstellung einer lebenstüchtigeren Kol­legin Myras. Dorit Wachsmuth wirkte als Vermiete­rin vielleicht zu sauber, innerlich und äußerlich. Edgar Fuchs glaubte man seine Robustheit, weil sie nicht herzlos war. DieWaterloo-Brücke" mit dem Groß­stadthintergrund war szenisch geschickt skizziert. Die Geräuschtechnik wird zweifellos in späteren Aufführun­gen präziser arbeiten. Beifall gab es nach Verdienst.

G. M. V.

Auf der Waterloo-Brücke, wieder in einer Nacht, die von den Detonationen der Fliegerbomben laut ist, trifft er sie nach langem Suchen. Es bleibt ihm, da bald sein Zug geht, nur Zeit, ihr zu sagen, wie er für sie gesorgt hat. Allein gelassen, bietet sie durch das gefährliche Aufflammen eines Streichholzes sich bewußt den feindlichen Fliegern als Ziel an.

Bei dem Menschenforscher und Gestalter Shake­speare ist zweierlei erstaunlich: der Reichtum an Eha- rakteren, die außerordentlich große Zahl der Figuren in seinen nahezu 40 Dramen, sowie der Reichtum in der Charakterisierungskunst seiner Geschöpfe, die Diel- gliederigkeit und Polyphonie feiner mit so zahlrei­chen feinsten Einzelzügen ausgestatteten Gestalten. Man denke sich: Shakespeare inmitten seiner Geschöpfe um einen Riesentisch versammelt welche Vielfalt der Figuren, ihrer Physiognomien, ihrer Kostüme und gar ihrer Seelen. Oder man stelle sich ein Kolosseum vor, das, in 37 Einzelbühnen eingeteilt, zu gleicher Zeit alle seine Dramen aufführt: welch Eesamtschauspiel im Zusammenwirken dieser Teilschauspiele: wieviel verschiedene Länder, wieviel verschiedene Zeitalter der Geschichte, wieviel verschiedene Frauen und Männer verschiedenen Alters und Standes, verschiedener Le­benslagen und Schicksale, wieviel verschiedene Tempe­ramente, Humore. Leidenschaften, kurz verschiedene Charattere.

ßem Umriß und bis ins kleinste charakterisiert. Shakespeares Stücke und Gestalten sind so voller Le­ben, weil alle nicht bloß etwas von der Daseinsener­gie, der Dynamik und der Genialität ihres Schöpfers in sich tragen, sondern vor allem auch, weil sie wie lebende Geschöpfe der Natur bis in die tiefste Cha- raktereigentümlichkeit durchorganissert find, nach den Gesetzen der menschlichen Natur handeln und wirken, steigen und fallen, lieben und hassen, kämpfen und untergehen. Wie Kreisel vom Faden der ewigen Notwendigkeit aufgezogen, müssen sie tanzen, müssen ste ihres Daseins Kreise vollenden. Das Schicksal je­des einzelnen erscheint nur als die Summe aller Kräfte seiner Individualität.

Was mag Shakespeare als Mensch, wenn er nicht dichtete ober als Schauspieler auftrat, innerlich er­lebt haben an Seelenerschütterungen, an Leiden bis ntr Verzweiflung, an Freuden bis zur trunkenen Ausgelassenheit! Wie war es nur möglich, daß Shakespeare bei einem solchen Reichtum der wider- trebendsten Eigenschaften, wovon häufig schon einige jenügen, um ein Menschendasein zu vergiften, ja zu prengen, sein Inneres in der Zucht halten, ausleben und meistern konnte. Das göttliche Geschenk derBe- . . - o- ,- y-=----- gnabung, die Kunst, die Dämonen seines Innern

und besonders der das Stück tragende Held in gro- I zu Dämonen seiner Figuren auszugestalten, hat wohl

man seine gefährlichen Wunden zurechtgeflickt hat. An einem klaren Abend, während eines deutschen Flie­gerangriffs, trifft er auf der Waterloo-Brücke eine Landsmännin. Froh, in der großen fremden Stadt etwas Verttautes gefunden zu haben, noch ftoher, nach vielen Kriegsjahren eine Frau zu entdecken, der er sich aufschließen kann, geht er mit Myra heim, be­laden mit dem Wenigen, das man zu Kriegsende für ein Abendessen erstehen kann.

Myra vergißt vor dem herzlichen Ton des Solda­ten, in der reinen Luft des jungen naiven Menschen, ihr Liebesgeschäft, das sie mit Mädchen ihrer Art auf der Waterloo-Brücke anzubahnen pflegte. Sie vergißt eine Stunde lang die Not und die Schande ihres Da­seins und erlebt nach Jahren der Stumpfheit das Glück, das Gefühl eines anderen Menschen und ihr eigenes ganz zu besitzen. Die Angst vor der Demas­kierung freilich vergällt auch diesen Abend, und als gar'anderen Tags Roy ungestüm auf Heirat drängt, entgeht sie durch Flucht dem unvermeidlichen Geständ­nis. Der Soldat, von Myras Vermieterin aufgeklärt, glaubt dennoch an die bessere Natur des Straßen­mädchens, das ihm in kurzem Urlaub zum Erlebnis wurde.

Shakespeare, den Menschen, seiner Aufgabe erhalten. Es hat ihn seine menschlichen Disharmonien zur künstlerischen Darstellung von Disharmonien um- formen lassen.

(Aus dem neuesten Band der Wissenschaftlichen Jach. ' resreihe des Volksverbandes der Bücherfreunde: Dr.

Kurt Herchers.Charakterforschung").

Geräufchkonzerte"

als Reiter des Musiklebens?

Die sehr zeitgemäßen Bestrebungen zur Erneue­rung der Konzertform werden durch einige prak­tische Vorschläge ergänzt, die der bekannte Münche­ner Dirigent Prof. Alexander Laszlo in denMün­chener Neuesten Nachrichten" unterbreitet. Die Art eines neuen Stilprogrammes, das et in einem Kon­zert bereits erprobte, sucht die Fantasie des Publi­kums in eigenartiger Weife anzuregen. Das erste Konzert trägt den TitelMusikalischer Flug um die Welt". Ein Ansager in der Art des Rundfunks bildet den Reiseführer, es folgt eine Komposition Aufstieg des Flugzeugs" in Verbindnug mit einer Geräuschplatte, die die naturalistische Wirkung des Fluges durch den Lautsprecher verstärkt. Die eigent- ttchen Konzertstücke, zum Teil ebenfalls unter Be­nutzung von Geräuschplatten, nehmen auf den Titel desMusikalischen Fluges" Bezug, zum Beispiel BorodinsSteppenskizze aus Mittelasien" u. a.

So abwegig in künstlerischem Sinne eine der­artige Veranstaltung auch zunächst erscheinen mag, so ist Laszlos Versuch doch symptomatisch für bie gegenwärtigen Bemühungen, dem Konzertleben frische Strömungen durch Querverbindungen mit anderweitigen künstlerischen Anregungen zuzufiih- ren. Es mag sicherlich lohnend erscheinen, den von Laszlo eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen.

Der Tod in der Maske. In Elsttee (England) sprach bet bekannte englische Schauspieler Lewin Mannernig tni Freundeskreise eines Abends über den plötzlichen Tod. Er vertrat dabei die Ansicht, daß er, wenn es so weit sei, auch am liebsten plötzlich und inmitten seiner Arbeit sterben möchte. Am folgenden Morgen betrat er das Studio einer großen Filmgesellschaft im Kostüm des Nicola in einem Stück von G. Bcrnard Shaw. Plötzlich taumelte er, stürzte hin und verschied in kurzer Zeit. Als Mannerkng die Szene, die eine Küche darstellte, betrat, sagte er noch, wie es seine Rolle votschtieb:Du bist rechtzeitig gewarnt Louka!" Bernard Shaw hatte den Schauspieler per­sönlich für die Rolle des Nicola ausgewählt Man- nering war ein bekannter Shakespeare-Darsteller und hatte in nicht weniger als 30 Stücken dieses Dichters mit großem Erfolge mitgewirkt.