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Nummer 134*
Freitag, den 10. Juni 1932
22. Jahrgang
Das Reich und die Finanznot der Kommunen
Mulert und Sahm beim Kanzler/ Neue Vertagung der preußischen Regierungsbildung? / Süddeutschland und die Reichsreform
Oie Ooppelaufgabe des Kabinetts
Von unserer Berliner Schriftleitung.
th. Berlin, 10. Juni.
Das Reichskabinctt hat gestern seine Beratungen über den Etat und die Kassenlage fortgesetzt. Außerdem hat der Reichskanzler eine Unterredung mit dem Präsidenten des Deutschen Städtetages Dr. Mulert und dem Berliner Oberbürgermeister Dr. S a h m gehabt, wobei die beiden Vertreter der deutschen Städte die bekannten Sorgen und Wünsche zum Vortrag gebracht haben, die bei den großen Gemeinden im Hinblick auf die immer gefährlicher werdende Finanzlage der Städte obwaltet.
Mitteilungen über diese Unterredung sind von amtlicher Stelle noch nicht gemacht worden, aber man hat in kommunalpolitischen Kreisen den Eindruck, daß das Reichskabinett sich nunmehr einer doppel- ten Aufgabe gegenübersteht. Einmal handelt es sich um die grundsätzliche Umgestaltung der Erwerbslosenfürsorge, wobei vor allem die von den Gemeinden wiederholt vorgeschlagene Zusammenlegung der verschiedenen Zweige der Fürsorge in Betracht käme, und zum anderen um die sofortigen finanzielle« Hilfsmaßnahmen, die ohne Verzug notwendig sind.
Die Dringlichkeit einer erweiterten Reichshilfe für die Gemeinden kann unter den heutigen Umständen von keiner Seite mehr verkannt roerucü,' wenn man die politischen Ankündigungen der neuen Reichsregierung in Berücksichtigung zieht, so mutz wohl da- mit gerechnet werden, daß das Reichskabinett voraussichtlich in absehbarer Zeit an eine grundlegende Reform der Erwerbslosenfürsorge Herangehen wird..
In der vom'Kabinett Brüning vorbereiteten Notverordnung waren diese Reformen, insbesondere die Vereinheitlichung und Zusammenlegung der Erwerbslosenfürsorge noch nicht vorgesehen, das vorige Kabinett hatte sich vielmehr auf eine Reihe sofortiger finanzieller Hilfsmaßnahme« beschränke« wollen. Das Kabinett von Pape« wird voraussichtlich in absehbarer Zeit zu den Reformen grundsätzlicher Natur übergehen, aber ob es augenblicklich noch in der Lage ist, an den finanziellen Hilfsmaßnahmen, die mit sofortiger Wirkung eintreten sollten, Aenderungen gegenüber dem von Brüning hinterlassenen Entwürfe vorzunehmen, gilt angesichts der Dringlichkeit dieser Aufgabe als zweifelhaft.
In der gestrige« Unterredung zwischen dem Reichskanzler, Dr. Mulert und Oberbürgermeister Dr. Sahm sind diese Fragen eingehend erörtert worden und außerdem haben die beiden Vertreter der Städte ihre Bedenken und Sorgen über die Auswirkungen der neuen preußische« Notverordnung auf die Gemeinde finanzc« vorgetragen.
19 Millionen Defizit in München
München, 10. Juni. Der Fehlbetrag des Staatshaushaltes im Voranschlag 1932/33 beläuft sich auf
18 bis 19 Millionen RM. Der Haushaltsvoranschlag dürfte, wie die „Münchener Neuesten Nachrichten" melden, ohne Deckungsausgleich der Kreisregierung vorgelegt werden, die dann als Aufsichtsbehörde die notwendig erscheinenden Maßnahmen anordnen wird
Das Defizit wird durch Rückgang des Steueraufkommens und Steigerung der Fürsorgelasten hervorgerufen.
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Berlin, 10. Juni. Reichsfinanzminister Graf von Schwerin-Krosigk empfing heute den geschäftsführenden Präsidenten des Reichsstädtebundes Dr. Ha ekel, der ihm im Hinblick auf die kommenden Reichsnotverordnungen die besonders schwierige Lage der kleineren und mittleren Städte darlegte.
Schlechte Aussichien
Lösung der preußischen Frage doch erst nach Lausanne.
th Berlin, 10. Juni.
Der Reichskanzler wird am kommenden Dienstag, gemeinsam mit der deutschen Delegation die Reise nach Lausanne antreten. Es ist anzunehmen, daß vorher keine Lösung in der preußischen Regierungsfrage erzielt wird, und daß dieses Problem infolgedessen auf einige eZit vertagt werden muß. Der A e l t e st e n - rat des preußischen Landtages tritt zwar heute zusammen; er wird aber wahrscheinlich davon Ab stand nehmen, den Landtag schon für die nächste Woche einzubcrufen. Der Optimismus, der gestern in der Frage der Neuwahl eines preußischen Ministerpräsidenten in politischen Kreism plötzlich aufgelaucht war, hat sich ebenso plößlich verflüchtet und
man hält es nunmehr wieder für wahrscheinlicher, daß die Neuwahl des Ministerpräsidenten vorläufig noch nicht zustandekomme« kann, sodaß auch der Zu- samnientritt des Landtags keinen Zweck mehr hat.
Am 22. Juni müßte eigentlich die endgültige Wahl des Präsidenten nach der vorgesehenen Frist von vier Wochen stattfinden, aber cs läßt sich vielleicht auch hier eine Verschiebung dieses Termins vereinbaren, und wenn man im übrigen die Absicht hat, den Landtag erst nach Ende Juni, also nach der Konferenz von Lausanne, zusammentreten zu lassen, so wird über diese Frage erst noch der Aellestenrat zu entscheiden haben.
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Berlin, 10. Juni. Reichskanzler von Pape« hat dem stellvertretenden Ministerpräsidenten des geschäftsführenden preußischen Kabinetts auf dessen Brief wegen des Kanzlerschreibens an den Landtagspräsidenten Kerrl geantwortet. In seinem Schreiben an den Minister Hirtsiefer bringt der Kanzler zum Ausdruck, daß er bereit sei, dem preußischen Wunsch gemäß zu verfahren, daß er sich aber Vorbehalten müsse, in ähnlich gelagerten Fällen sich an den preußischen Landtagspräsidenten Direkt zu wenden. Das Reich betrachtet mit diesem Schreiben den Zwischenfall als erledigt.
Vor Macdonalds Besuch
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 10. Juni. I
Der bevorstehende Besuch des englischen Minister- | Präsidenten Macdonald wird auch weiterhin in der französischen Presse lebhaft begrüßt. Die „Ere Rondelle" ist der Auffassung, daß die Abneigung, die der englische Ministerpräsident stets für Verhandlungen mit Frankreich auf sranzömchem Boden gezeigt habe, in erster Linie durch den Wortlaut der Regierungserklärung überwunden worden sei. Aus der anderen Seite verdanke Frankreich die Aenderung in der bisherigen Haltung Macdonalds aber auch den politischen Ereignissen in Deutschland, die England sicherlich die Augen geöffnet hätten. Die „R ' putz l i q u e", das Organ des linken Flügels der Radikalsozialistischen Partei und insbesondere des gegenwärtigen Ministers für öffentliche Arbelten, radier,spricht sich im Zusammenhang mit den bevorstehenden großen Konferenzen für ein weitgehendes Entgegenkommen Frankreichs gegenüber den deutschen Forderungen aus.
lieber de« Militarismus hinweg, der augenblicklich Herr in Deutschland sei, dürfe man das Elend des deutschen Volkes nicht vergessen. Um den Krieg ein für alle Male auszuschalten, müsse man wwohl seiner Unfähigkeit, die Reparationszahlungen^ zu leisten, wie auch verschiedenen gerechtfertigten ?yor- derungen bezüglich des Danziger Korridors und der Kolonien Rechnung tragen.
Bei den bevorstehenden englisch-französischen Besprechungen werde es sich nicht um die Wiederherstellung der alten „Entente cordiale" handeln, sondern lediglich um einen gegenseitigen Gedankenaustausch, den die augenblickliche Lage dringend notwendig mache. Das „Journal" begrüßt insbesondere die Erklärungen Stimsons, die der französischen Reparatwnsthese in Lausanne sehr zugute tarnen. Stirnson fei der gleichen Ausfassung wie Frankreich, daß nämlich die von Deutschland übernommenen Verpflichtungen beibehalten werden müßten, und daß es sich bei den bevorstehenden Besprechungen nur um zeitliche Aenderungen handeln könne. Diese Aenderungen müßten jedoch gleichzeitig auf die interalliierten Schulden angewandt werden, denn Amerika könne nur bann bezahlt werden, wenn seine Schuldner bezahlt seien.
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London, 10. Juni. Der Pariser Korrespondent der „Times" schreibt zu den bevorstehenden Verhandlungen zwischen Herriot und Macdonald, daß sich die französischn und die englische Regierung feit den französischen Wahlen in drei Angelegenheiten bedeutend genähert hätten: Abrüstung, Reparationen und Wiederaufbau Mitteleuropas. Das bedeute aber noch nicht, daß durch die Zusammenkunft der beiden Ministerpräsidenten eine „gemeinsame Front" geschaffen und eine der Lausanner Konferenz vorgreifende Entscheidung herbeigeführt werden würde.
Ein süddeutscher Vorstoß
Oie süddeutschen Ministerpräsidenten bitten Hindenburg um einen Empfang
Karlsruhe, 10. Juni.
Die gestern in Karlsruhe versammelten Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten der Länder Bayern, Württemberg und Baden habe« an ben Reichspräsidenten mm Hindenburg nachstehendes Telegramm gerichtet:
„Die unterzeichneten Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten der Länder Bayern, Württemberg und Baden b i 11 e n den Herrn Reichspräsidenten um einen Empfang anläßlich der Konferenz der Ministerpräsidenten am nächsten Sonnabend oder Sonntag, (gez.) Dr. Held, Dr. Bolz, Dr. Schmitt."
Der Reichskanzler wurde von dem Telegramm verständigt.
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Die „Münchener Neuesten Nachrichten" schreiben, cs sei ein nicht alltäglicher Vorgang, daß die Ministerpräsidenten mehrerer Länder gemeinsam um einen Empfang beim Reichspräsidenten nachsuchen. Man mutz daraus schließen, sagt bas Blatt, daß besonders ernste Sorgen sie dazu bewogen haben. Es läßt sich natürlich unschwer erraten, daß Fragen, die das Verhältnis zwischen Reich und Ländern betreffen, in der erbetenen Unterredung mit dem Reichspräsidenten erörtert werben sollen, und die südbeutschen Ministerpräsidenten bas Bedürfnis fühlen, die Stellungnahme ihrer Länder zu diesen Problemen darzulegen Die Art und Weise, wie der neue Reichskanzler in die preußische Frage eingegriffen hat, und die gleichzeitig wieder aufgetauchten Erörterungen über die
eventuelle Einsetzung eines Reichskommisiars für Preußen wurden im Süden nicht ohne Beunruhigung verfolgt.
Auch die Berliner Presse beschäftigt sich sehr lebhaft mit diesem süddeutschen Schritt.
Die „Vossische Zeitung" sieht darin eine« Beweis, wieweit die Bestrebungen aus eine Zusammenarbeit der süddeutschen Länder gediehen seien. Der Wunsch, vom Reichspräsidenten gemeinsam empfangen zu werden, zeige aber auch, baß bie drei Staatspräsidenten das Entstehen trennender Gesichtspunkte durch einen Appell an den Reichspräsidenten verhindern wollten.
Nach Ansicht der „Deutschen Allgemeine« Zeitung" sei es unschwer zu erraten, daß die Demonstration der süddeutschen Länder sich gegen die durch die Reichskomtssarspläne ausgelösten Reichs- resormerörterungen richten solle.
Der „Lokalanzeiger" nennt die Sorgen, bie bie süddeutschen Länder hinsichtlich der Reichskom- missarssrage offenbar hätten, deshalb völlig unnötig, weil die Form, in der die Einsetzung einer solchen in Preußen erfolgen würde, nicht etwa einen Eingriff in die Verfassung und damit eine Verletzung der föderalististschen Grundlagen des Reiches bedeuten würde.
Die „Deutsche Zeitung" spricht von einem „unverautwortlichenSpiel" des Zentrums, durch das die Reichsregierung gehindert werden sollte, in Preußen den ersten Schritt zur Beseitigung des schwarz-roten Systems zu unternehmen.
Der neue innenpolitische Kurs
Freiherr von Gayl vor dem Reichsrat /
Berlin, 10. Juni.
Reichsinnenminister Frhr. vo« Gayl benutzte gestern bie Gelegenheit der Ilebernahme des Vorsitzes im Reichsrat, um dort in einer längeren programma tischen Erklärung die innerpolitischen Ziele der Regierung von Papen darzulegen.
Nach einleitenden Worten der Erinnerung und des Dankes an die fDUtglieber des Reichsrats, dem der Minister fast 11 Jahre als Bevollmächtigter seiner Heimatprovinz Ostpreußen angehört hat, führte Freiherr von Gayl aus, daß ihn nicht Ehrgeiz und Machthunger zur liebernahme des Ministerpostens getrieben hätten, sondern einzig und allein das Gesühl der Pflicht, in diefer Notzeit dem Ruse des Reichspräsidenten zu folgen.
Ich habe erkannt, daß die stärksten Kräfte unseres Voltes in dem Heimatboden und der Liebe zur angestammten Heimat wurzeln, daß die Eigenart der deutschen Stämme etwas Heiliges ist, was des Verständnisses und liebevoller Pflege bedarf, und daß der kulturelle Sochstand unseres Volkes nicht der Befruchtung von einer Zentrale, sondern der Mannigfaltigkeit des Lebens in den einzelnen deutschen Ländern fein Dasein verdankt. Wir werden daher die Eigenart des Eigenlebens der deutsche« Länder selbstverständlich nicht antasten.
Für Preußen erwarten wir besonders das rasche Zustandekommen einer verfassungsmäßigen Regierung, von der wir hoffen, daß sie in den großen Fragen der Nation mit der Reichs- regierung üdereinstimmen und in lebendiger Fühlung mit uns arbeiten wird. Aus dieser Ueberzeu- gung heraus werde ich die Aufgabe der
Reichsreform
anfassen. Es ist noch nicht die Zeit gegeben, auf diesem Gebier eine Stellungnahme der Reichsregirrung auszusprechen. So dringend diese Reform auch ist und so sehr sie zusammenhängt mit den notwendigen Maßregeln zur Vereinfachung und Verbilligung der öffentlichen Verwaltung, so liegen heute dringendere Aufgaben vor, deren Lösung die Stunde gebieterisch fordert. Das bedeutet kein Aufschieben auf die lange Bank. Die Reichsregierung kann aber die dringenden Fälle ihrer Aufgaben nur schrittweife lösen.
Das gleiche gilt von der Verfassungsreform. Die Weimarer Verfassung, die Grundlage unseres öffentlichen Lebens, deren Hüter ich als Reichsinnenminister Pflichtgemäß bin, ist seit ihrem Bestehen vielfach durch die Gesetzgebung durchlöchert und nach unbestrittenster Ansicht weitester
Wir wollen helfen, daß Deutschland lebt*
Kreise aller politischen Richtungen reformbedürftig. Verfassungen sind nicht starre Idole, sondern lebendige Wesen und der Entwicklung unterworfen. Wir werden auch an diese Aufgabe mit Ernst und Eifer Herangehen.
Zur Zahlung einer Ausgleichssteuer ist verpflichtet, wer Flrifch von Rindvieh, Schweinen und Schafen in frischem oder zubereitetem Zustand in das Gebiet des Freistaates Preußen für eigene Rechnung einführt oder einführen läßt. Das aus einem anderen deutschen Lande einge- sührte Fleisch hat der Steuerpflichtige spätestens binnen einer Woche nach der Einfuhr unter Angabe der Art und des Gewichts des Fleisches bei der Schlachtsteuerstelle anzumelden. Die Ausgleichssteuer beträgt für Fleisch in frischem Zustande 10 Rpfg., für Fleisch in zubereitetem Zustande 12 Rpfg. und für Fleischund Wurstwaren 15 Rpfg. für ein Kilogramm.
Die örtliche Verwaltung der Schlachtsteuer obliegt den Schlachtsteuerstellen, in Stadtkreisen dem Magistrat, in Landkreisen dem Kreisausschuß. Für die örtliche Verwaltung der Steuer wird den Kreisen und Gemeinden eine Vergütung von 4 Prozent des örtlichen Aufkommens gewährt. Die Verteilung zwischen Landkreis und Gemeinde wird durch die Aussührungsbestimmungen geregelt.
In den Schlußbestimmungen wird der Finanzminister ermächtigt, Schlachtungen von Schweinen für den Verbrauch im eigenen Haushalt (Hausschlach- tungen) von der Steuer von Schlachtungen ganz oder zum Teil zu befreien und im Benehmen mit dem Minister für Handel und Gewerbe und dem Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten für Fleisch, das gewerbsmäßig aus Preußen ausgeführt wird, eine Erstattung oder Befreiung von der Steuer von Schlachtungen vorzusehen.
Keine Wiederaufrichtung der Monarchie
Ich muß ober in diesem Zusammenhang besonders betonen: Das Gerede von Der geplanten Aenderung der Verfassung in der Richtung der W i e- deraufrichtung der Monarchie ist ei« törichtes und darum schädliches Geschwätz. Ich würde mir erbärmlich vorkommen, wenn ist auf dem Ministersessel versuchen würde, meine persönliche, nicht nur angeborene und anerzogene, sondern in langen Iah- ren auch selbsterworbene lleberzeugung zu verleugnen, daß ich die Monarchie für die angemessenste Staatsform für ein Volk, inmitten des Herzens vo« Europa, halte. Ich bi« aber der lleberzeugung, daß in diesen Zeiten des Kampfes um Sein oder Nichtsein die Frage der Staatsform — Republik oder Mo- narchie — keine Frage ist, die unsere Zeit, geschweige