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Kummer 1?1*
Dienstag, 7. Juni 1932
22. Zahrgsng
Deutschlands außenpolitischer Kurs
Ein Times-Interview des Reichsaußenminrsters / Oeutschnationaler Ministerpräsident in Preußen? / Der Landtag tritt nächste Woche zusammen
„Außenpolitische Kontinuität"
(Eigene Drahtmeldung.)
London, 7. Juni.
Reichsautzenisiinister Freiherr von Neurath erklärte gestern einem Vertreter der „Times", die gegenwärtige deutsche Regierung sei vom Reichspräsidenten berufen worden als ein Kabinett von erfahrenen Persönlichkeiten, die imstande sein würden Deutschland durch eine besondere schwierige Zeit zu
An eine Wiederherstellung der Monarchie beule man nicht, flucti bie Behauptung, der Reichspräsident werde dem ehemaligen Kronprinzen Platz machen, sei eine reine Erfindung.
Freiherr von Neurath äußerte sich optimistisch über dte zu erwartenden Ergebnisse der Lausanner- uiid der Abrüstungskonferenz und betonte', daß
dic deutsche Außenpolitik im wesentlichen ihre Kontinuität wahren
werde. Er habe in Berlin Dr. Brüning persönlich gesprochen, und er glaube, sagen zu dürsen, daß Dr
^e Uebernahme des Außenministeriums ®r s^bst sei ebenso überzeugt wie sion nur'burch^ ÖU gegenwärtige Wirtschaftsdepres-
Zusammenarbeit zwischen allen Ländern beseitigt werben könne. Deshalb begrüße er den Vorschlag einer Wirtschaftskonserenz.
Frhr. v. Neurath erklärte, daß er London mit Bedauern verlasse und mit der Empfindung, daß die beiden Jahre, die er hier zugebracht habe, sehr wertvoll für ihn gewesen seien. Er sei voller Bewunderung für die Art und Weise, mit der Großbriiamtien seinen Schwierigkeiten entgegengetreten sei.
Dor Herriots Regierungserklärung
Meinnngsverschiebenheiteii in der Rüstungsfrage.
Paris, 7. Juli.
Die Regierungserklärung, die Herriot am Dienstag vor der Kammer verlesen wird, ist in erster Linie
den großen außenpolitischen Fragen gewidmet und in ihrem Ton gemäßigt, aber entschlossen geholten.
In der Abrüstnngssrage stützt sie sich auf die Rede, die der neue Kriegsminister Paul-Boneour am 15. Mai vor den ehemaligen Kriegsteilnehmern in Dijon hielt und in deren Verlauf er die fortgesetzte kontrollierte Abrüstung verteidigte. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Lausanner Konferenz wie überhaupt in der Frage der Reparationen wird bie Notwendigkeit unterstrichen, die unterzeichneten
Verträge zu achten. f
In der Innenpolitik ist der Einheitsschule ein besonderer Raum gewidmet, doch hat sich die neue Regierung wohl gehütet, irgendeine rechtsstehende Gruppe dabei herauszufordern oder zu kränken. Zur Behebung der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit wird eine Reihe von Plänen angegeben, die dazu dienen sollen, die Finanz- und Haushaltslage durch solche Maßnahmen zu stabilisieren, die die nationale Wirtschaft am wenigsten belasten. Die neue Regierung kündigt außerdem eine allgemeine Amnestie für politische Vergehen an.
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Pertinax wendet sich int „Echo de Paris" mit aller Schäle gegen die Auffassung der Regierung in der Abrüstungsfrage, die einem direkten Umsturz der bisher von Frankreich in Genf verteidigten Abrüstungsthese gleichkomme. Die französische Abordnung habe stets den Standpunkt vertreten, daß von weiteren französischen Riistungseinschränkungen nicht die Rede sein könne, solange keine neuen Sicherheitsgarantien gegeben worden seien. Paul-Boneour selbst habe diesen Standpunkt als ständiger französischer Vertreter beim Völkerbund gebilligt und vertreten. In seiner Dijoner Rede habe er jedoch darauf hinge- totefen, daß neue Rüstungseinschränkungen einmal aus Haushaltsgründen notwendig seien, zum anderen auch deshalb, um Deutschland jeden Vorwand dafür zu nehmen, seine Handlungsfreiheit in der Rüstungs- frage wiederzugewinnen.
Der Kanzler als Vermittler
papen schneidet die preußische Frage an
th. Berlin, 7. Juni.
Dic Rcichsregierung wirb erst heute nachmittag ihre formellen Kabincttsitzungen «lieber fortsetzen. Gestern hat ber Reichspräsident inzwischen, unter Gegenzeichnung bes Reichsinnenministers, ben Lernt in ber Neuwahlen zum Reichstag enbgüllig auf ben 31. Juli festgesetzt.
Hiermit ist der äußerste Termin erreicht, der gerade noch innerhalb der von der Verfassung vorgeschriebenen 60 Tage nach der Auflösung des vorigen Reichstags liegt. Mau wollte ursprünglich den 26. Juni oder den 3. Juli nehmen, aber bis dahin hätten die Fristen für die Auslegung der Listen und für die Wahlvorbereitungen der Parteien nicht mehr gereicht. Die anderen Sonntage im Juli sind durch die Ernte zu stark beeinträchtigt, und deshalb ist man auf den 31. Juli gekommen, obwohl dieser Termin wiederutn durch das Ferienende und in Westdeutschland durch den Beginn ber Ferien ebenfalls beeinträchtigt wird. Eine weitere Verschiebung des Termines war aber verfassungsmäßig nicht mehr zulässig. Inzwischen haben auch Verhandlungen über die
genb notwendig, in Preußen bald geordnete Verhältnisse zu schassen, und
offenbar ist jetzt beabsichtigt, ben Dcutschnatio- nalen eine Vermittlerrolle zuznschieben.
nachdem es sich herausgestellt hat, daß zwischen den Nationalsozialisten unb bem Zentrum allein keine Verhandlungen möglich find. Daß infolgedessen ein deutschnationaler Ministerpräsident in Betracht kommt, gilt als wahrscheinlich, läßt sich aber noch nicht sicher Voraussagen. Der Kanzler hat außer der Unterredung mit dem Abgeordneten Hugeitberg noch-einen weiteren Schritt in Aussicht genommen, und zwar einen
Brief an den Präsibentcn bes Preußifchen
Lanbtags,
worin sich die 9(uffor6erung befinden soll, den Landtag möglichst bald zusammenzurufen, um die Wahl des Ministerpräfidenien vornehmen zu können.
Wie die „Voflifche Zeitung" hört, wirb ber Prä- fibent bes Preußifchen Lanblagcs baraufhin ben Lanbtag wahrscheinlich schon in ber nächsten Woche zufaminentreten lassen, währenb ursprünglich ber 22. Juni bafür in Aussicht genommen war.
Neubildung der preußischen Negierung
«lieber eingesetzt, unb zwar hat ber Reichskanzler von Papen sich entschlossen, eine Vermittlungsrolle zu übernehmen. Er hat gestern eine Unterrebung mit bem Führer ber Teutschuatioua- len, bem Abgeorbneten Hugenberg, gehabt unb er beabsichtigt nunmehr, bie Vertreter ber Nationalsozialisten unb bes Zentrums zu empfangen.
In Preußen hat man sich bekanntlich vielfach auf den Standpunkt gestellt, daß die Lösung der preußischen Regierungsfrage erst nach b^r ReichstagSwah! in Betracht komme, aber dann hätte der jetzige vollkommen unhaltbare Zustand in Preußen bis in den August hinein andauern müssen. Vor allem angesichts der immer schwieriger werdenden preußischen Finanzlage erscheint es drin-
Braun geht in Urlaub
Die Neuregelung der Verhältnisse in Preußen ist umso dringlicher, als einerseits die finanzielle Lage immer schwieriger wird und andererseits die g e - schäftsführende Regierung Braun nicht mehr länger im Amte bleiben will. Der Ministerpräsident Braun hat für seine Person inzwischen die Konsequenzen aus ben Verhandlungen gezogen, die er schon bei de. Neuwahl des preußischen Landtages ver- össentlicht hatte, nämlich die Durchführung der Absicht, mit der politischen Demission zugleich die tatsächliche Niederlegung der Amtsführung zu verbinden.
Braun hat nunmehr eine« Urlaub angetreten unb Berlin verlassen. Er wirb von biefent Urlaub nicht zurückkehren, ehe nicht bie neue preußische Regierung zustanbegebracht ist, unb in ber Zwischenzeit führt an feiner Stelle ber bienftöltefte Minister ber preußischen Regierung, ber Wohlfahrtsminister Dr. Hirtsicfer ben Vorsitz im gefchäflsführenden Kabinett.
Die Minister Severing und Grimme, die beiden anderen sozialdemokratischen Mitglieder der bisherigen Regierung, hatten die Absicht, ebenso wie Braun ihre Aemter tatsächlich niederzulegen, aber sie haben bem Wunsche der anderen Ministerkollegen folgend, sich entschlossen, bis auf weiteres noch die Geschäfte in ihren Aemter« zu führen.
Preußens schwierige Finanzlage
Die Finanzlage des preußischen Staates ist neuerdings vor allem badurch sehr schwierig geworben, baß bie mit bem Kabinett Brüning vereinbarte Finanzhilfe bes Reiches infolge bes Kabinetts- wechfels ouSgeblicben ist. Der Plan ber Einführung ber Schlachtsteuer wirb zwar vom preußifchen Finanzminister Klepper energisch bemeutiert, es wirb aber anbererseits nicht gesagt, ans welche Weise Preußen seinen Finanzbebars bellen wirb, um am 1. Juli nicht in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten.
Wenn biefc Finanzschwierigkeiten nicht schleunigst behöbe« werben können, wirb nichts anberes übrig bleiben, als eine« Reichskommissar einzusetzen. Dieser Plan ist bereits seit längerer Zeit erwogen worben, aber man muß babei beachten, baß es sich nicht nur um eine« Reichskommifsar für bie gefamte preußische Finanzregelung hanbeln wirb, säubern wahrscheinlich auch um bie kommissarische Führung bes einen ober bes anbereu Ministeriums, in erster Linie also ber preußischen Finanzverwaltung. Wie man hört, käme für eine« solchen Posten in erster
Linie ber in letzter Zeit viel genannte Reichskommissar Dr. Gocrbeler in Frage.
Der neue Arbeiisminister
Präsident Schäffer.
th Berlin, 7. Juni.
Der bisherige Präsibent des Reichsversicherungsamtes S chäff er ist gestern zum Reichsarbeitsminister ernannt worben. Damit ist jetzt bie letzte Lücke im Reichskabinett geschlossen.
Schon bei der Ernennung der anderen Kabinettsmitglieder wurde mitgeteilt, daß die vorläufige Betrauung des Wirtschaftsininisters Professor Warmbold mit der.Ausübung ber Geschäfte des Reichsarbeitsministeriums nur ein kurzfristiges Provisorium darstellen sollte Besonders, da diese beiden Ressorts der Wirtschaft und der Arbeit vielfach verschiedene Interessen zu vertreten haben, wäre es auf die Dauer schwierig gewesen, beide amtlich in einer Hand zu belassen.
Der neue Arbeiisminister Dr. Schäffer ist 1875 in Württemberg geboren. Er hat den größten Teil feiner Laufbahn im Württenibergifdjcn Staatsdienst zugebracht, unter anderem als stellvertretender Bevollmächtigter zum Bundesrat, später zum Reichsrat für die württembergische Regierung. Von 1922—1924 War er im Direktorium der Firma K r u p p tätig, wobei er vor allem den passiven Widerstand gegen den Ruhreinbruch der Franzosen organisierte. Er wurde dabei von einem französischen Kriegsgericht zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt, konnte sich aber in das unbesetzte Gebiet in Sicherheit bringen. 1924 wurde er Präsident des Reichsversicherungsamtes.
Herr von Papen empfängt
Von Nene Kraus
Wenn Herr von Papen Zeitungsleute zu sich bittet, sind die Stühle int großen Beratungssaal der Reichskanzlei stramm ausgerichtet, genau, wie es seinerzeit der Reichskanzler Michaelis liebte. Gestern standen diese Sessel noch im Kreis rund um den großen Beratungstisch. Heute wird der Unterschied zwischen einer Aussprache und der Entgegennahme von Mitteilungen schon in der Anordnung der Stühle betont.
Man kehrt zurück zur Autorität. Zunächst freilich zu einer glatten, verbindlichen Autorität. Wenn die deutsche Presse allerdings in einer hochoffiziellen Auslassung davor gewarnt wird, sich allzu unbekümmert mit der diplomatischen Tätigkeit des gegenwärtigen Reichskanzlers in Washington zu beschäftigen, klingt solche Mahnung zu unmißverständlich, als daß sie noch besonderer Kommentare bedürfte.
Herr von Papen, in der Politik als Mann der schärferen Tonart bekannt, hält im persönlichen Umgang überhaupt auf guten Ton, und es ist charakteristisch, daß die Worte, die er den Journalisten mit auf den Weg gibt, mit einem Bekenntnis zur Persönlichkeit Brünings beginnen. Ein solches Bekenntnis ist heute nicht ganz gefahrlos, am wenigsten in den Kreisen, die hinter — oder vor? — dem neuen Kanzler stehen. Dieser aber, Edelmann der alten Schule, will ein Werk nicht auslöschen, ohne zumindest feinen Meister zu loben. „Es bleibt Dr. Brünings Verdienst, als erster eine klare Bilanz gefordert zu haben," fo neigt sich Herr von Papen vor dem Namen des Gestürzten. Solche ritterliche Gebärde tut doppelt wohl, Wenn die Bilanz, die er dann zieht, doch ganz wesentlich anders anssieht als die von feinem Vorgänger geforderte.
Dem „besten Kanzler feit Bismarck", wie ber alte Januschauer in einer schwachen Stunde feinen Gegner Brüning genannt hat, folgt der besterzogene. Es ist unmöglich, von Franz von Papen nicht gefefselt zu werden: von feiner chevaleresken Haltung, die in Ihrer leicht borgeneigten Konzilianz den gewandten Verhandlungspartner verrät unb in ihrem febernben Muskelspiel ben Düsseldorfer Ulanen nicht verleugnet, von dieser wohltemperierten Stimme, die auch dann taktvoll und verhalten bleibt. Was er sonst noch an staatsmännischen Fähigkeiten besitzt, wird Herr von Papen nun zu erweisen haben.
Der Kavalier im Irrgarten der Politik? Alte Freunde des neuen Herrn bestreiten die Berechtigung solcher Meinung sehr entschieden. Im Gegenteil versichern sie, hätte Herr von Papen schon feit langem ein vollkommen ausgearbeitetes Sanierungsprogramm in der Tasche. In der Unterhaltung mit Journalisten lehnt der Kanzler es freilich ab, die wichtigsten Punkte seines Programms mitzuteilen. „Das deutsche Volk hat ein Recht darauf, von der neuen Regierung Taten statt Programme zu erwarten," sagte er. Konkrete Mitteilun
gen Wären scheinbar nur geeignet, die absolute Handlungsfreiheit einzuengen.
Insbesondere was seine Außenpolitik betrifft, versteht sich Herr von Papen geradezu mit Bravour öffentlich auszufchweigen. Es ist allgemein aufgefallen, daß auch die Regierungserklärung nur ganz allgemein gehaltene Andeutungen über die großen internationalen Ziele enthielt und kaum ein einziges Wort über die Methoden, mit denen dies erreicht werden sollen. Darüber kann aber kein Zweifel bestehen, daß dem Kanzler irgendwelche praktische Methoden vorschweben. Das gilt ganz besonders für die deutsch-französische Auseinandersetzung, die Herrn von Papen fchon mehrere Jahre lang beschäftigt. Er unterhält gute Beziehungen zu einigen politifchen Salons in Paris, in denen man ihm wiederholt begegnen konnte. Gemeinsam mit dem Abgeordneten Joos, dem Führer der Zentrumsarbeiter, bemühte er sich einmal um eine Art Locarno zwischen französischen und deutschen Katholiken. Spätere Verständigungsversuche Waren eher wirtschaftlich fundiert. Man weiß, daß Papen durch seine Ehe nicht allein mit der saarländischen Industrie, sondern auch mit führenden Familien aus Lothringen verwandtschaftlich verbunden ist. Ein Pariser Blatt behauptet, daß gerade in diesen Tagen nicht weniger als drei „Abgesandte Papens" Unterhaltungen mit hervorragenden französischen Persönlichkeiten führten. Natürlich mengen sich in solchen Sensationsnachrichten Dichtung und Wahrheit. Richtig ist im Grunde, daß Papen das Bemühen hat, Brünings Außenpolitik fortzuführen. Der Ethos soll durch die besseren Konnexionen ersetzt werden.
Es ist überhaupt wieder die große Zeit der Konnexionen. Die Kadettenschulkameradschaft Schlei- cher-PaPen wird vielleicht einmal in die Geschichte eingehen. Die Mitgliedschaft im Herrenklub ist über Nächt sehr wichtig geworden. Bis gestern ist der Herrenklub in der breiten Oeffentlichkeit kaum bekannt gewesen. Man legte auch Weniger Wert auf Publizität als auf die traditionelle Anwesenheit des Herrn von Hindenburg beim alljährlichen großen Diner. Ständiger Besucher dieser Diners War übrigens auch der päpstliche Staatssekretär Kardinal Pacelli in ben Jahren, in denen er als Nuntius in Berlin wirkte. Hier trafen sich konservative Männer aus allen Parteilagern, und aus der ursprünglich jungkonservativen Bewegung entwickelte sich das Lager einer neuen Oligarchie. Nun hat der Herrenklub dem Deutschen Reich feinen Kanzler beschert.
Ob tatsächlich von hier und heute eine neue Zeit beginnt, wird sich erst Herausstellen. Fran; von Papen jedenfalls ist von seiner historischen Mssion zutiesst durchdrungen. Entschieden verwahrt er sich gegen das Odium des „Uebergangskabinetts", das seiner Regierung anhaftet. Er ist ehrlich überzeugt davon, daß ihm eine große Aufgabe aufgetragen märe, die sich jenseits aller Parteigruppierungen erfüllen wird. Wie er mit biefer Ausgabe ferii; wirb — die nächsten Monate werden es zeigen!