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Mittwoch, 1. Juni 1932

Aus Südhannover

Hann.-Münden. Aus den städtischen Kollegien. Zu öffentlichen Gemeindewegen erklärt sind die Straße „Schöne Aussicht" von der Kohlenstraße bis zur nord­östlichen Grundstücksgrenze der Aufbaugenossenschaft; die Straße „Lug ins Land' von der Kohlenstraße bis zur Pickelgasse; die sogenannte Hundegasse. Ein­sprüche zur Vermeidung des Ausschlusses sind binnen vier Wochen zu erheben.

Göttingen, 31. Mai. Die in Göttingen ansäs­sigen Mitglieder des hiesigen Stad 1 theaters haben sich mit in Göttingen wohnenden Mitgliedern anderer Bühnen und ehemaligen Mitgliedern des Sradttheaters zusammengetan und unter Leitung von Gert Buchheim eine „Spielgemeinschaft Göttinger Bühnenmitglieder" gegründet, um während des Sommers nicht untätig zu sein. Es sind Dorstellungen in Bad Lauterberg, Bad Grund und anderen Orten der näheren und weiteren Um­gebung vorgesehen, und zwar werden Lustspiele, Ko­mödien, Schwänke, Possen und Operetten gespielt werden. Der Magistrat der Stadt Göttingen unter­stützt das Unternehmen durch kostenlose Bereitstellung des Dekorations- und Kostümfundus des Stadt­theaters.

RUWDFIJNR

Programm für Donnerstag, 2. Juni

16.80: Bon Berlin: Nach­mittagskonzert

17.30: Sochschulmnk — Der Aufstieg des Lebens

16.00: Musikalischer Zeit- wiegel — Hamburg «Nie­manns — Berlin iWehl«)

19.00: Aktuelle Stunde

19.35: Hochschulfunk — Die geistigen Grundlagen des Bolschewismus

20.00: Bon Berlin: Aus der Sinaakaoenn«: Ge­denkfeier Mr Eugen -'Al­bert. veranstaltet vom Bun- Deutscher Komvo- nisten e. B.

21.10: Bon Hamburg: „Der Strom, ein Leben. Die Elbe", ein« Hürsolge von Hans Leiv

22.30: Aus -em Covent- Garden, London: „Tann- bäuser" und der Sänger­krieg auf der Wartburg, von Richard Wagner

23.20—0.30: Bon Hamburg; Tänze

L-ngenberg

13.00: Mittagskonzert

17.00: Bewerkonzert

20.00: Wiener Bildnisse: „Johann Straus," iLebte Folge)

22.20—23.15: Virtuose Or- cheftermusik

Wie»

15.30: Konzertstunde

17.00: Nachmittagskonzert

19.40: Jazzmusik

20.40: Mikrovbon-Feuilletvn — O. Sonnlechner: Eine lustige Jagdgeschichte

21.10: Bor- und es wischen­sviele aus Overu

22.30: Abendkonzert

Frankfurt

6.00: Wettermeldung Anfchl. Morgengymnastik

7.00: Wetterbericht

Anschl. Frühkonzert auf Schallvlatten

7.30: Bon Bad Kreuznach: Brunnenkonzert

9.00: Bon Leivzig: ..Besuch auf der Jugendherberge Hohenstein in der Sächs. Schweiz, der größte» deut­schen Jugendburo"

12.00: Bon München: Schallvlattenkonzert

13.00: Schallplattenkonzert

15.30: Stunde der Jugend

16.30: Aus Mannheim: Hörbericht vom Ausstel- lungsvlatz -er 38. Wan­derausstellung -er Deut­schen Landnnrttchaftsge- sellschaft

16.55: Wirtschaftsmeldungen

17.00: Bon Langender«: N achmittaa skonzert

18.15: Wirtichasismeldungen

16.25: Bncheritunde: „Aben- teurerbücher"

18.50: ..Staatsverfassung Frankreichs" — Vortrag von Pros. G. Salomon

19.15: Sonderwetterdienst u. Wirtschaftsmeldungen

19.30: Unterhaltungskonzert

20.30: Startsvrung ins Le­ben. Ei» Gesvräch unter Abiturienttnnen. v. Ma­rianne Bonns

21.00: Konzert für Klavier, Orch. und Männerchor, ov. 39. von Fr. Busoni

22.00: Skizzenbuch d. TageS von Paul Laven

22.20: TageSnachrichten.

Sportbericht

Königsmufterbause»

14.00: Bon Berlin: Konzert

Abeudvrogra«»« ««roväischer Großsender

Konzerte: 20.00: Havdn-Qnartett lall« tschech. Sen­der). —20.45: Serato spielt <Rom). — 21.00: Tivoli-Kon­zert IKalundborg). — Bübnenwerke: 19.40: „Tann­häuser" von Wagner lLondon Reg.. Miblan-. Iiorth. Reg.). — 20.30: „Meie Mariano" und „Marcella", Overu von Giorbano (Florenz).

•eite 1 — L Beilage

Kasseler Neueste Nachrichten

Unsere Heimat

Professor Emil Pirchau und Aravantinos. Die eisten Jahre praktischer Arbeit verbrachte er im Verband der Reinhardt-Bühnen Berlin. Für den ausscheiden­den Herr Darian wurde der Opernsänger Willy Schillings vom Stadttheater Wuppertal verpflich­tet; für das dramaturgische Büro Herr Dr. Franz Mirow vom Schauspielhaus in Zürich.

Konzerte in Wilhelmshöhe. Man schreibt uns: Den Besuchern und Fremden steht in Wilhelmshöhe in diesem Monat ein zweiter Kunstgenuß bevor. Nach dem Kammerkonzert im Schloß wird auf Veranlassung des Kur- und Verschönerungsvereins Wilhelmshöhe Sonnabend, den 18. Juni, abends 20,30 Uhr, ein Künstlerkonzert stattfindsn, bei dem Herr Ludwig Kaiser, Frau von Rofal und Herr Dr. Greger mitwirken. Das Konzert findet im großen Saale des Schloßhotels (Hotel Stecker) statt. Die Eintrittspreise sind mäßig gehalten. Nach dem Kon­zert, das gegen 10 Uhr beendet sein wird, findet ein gemütliches Beisammensein statt. Der lleberschuß ist für gemeinnützige Zwecke bestimmt.

Staatliches Theater. Für die nächste Spielzeit wurde für den ausscheidenden Herrn Schenck von Trapp Herr Heinz Helm dach vom Stadttheater in Mainz verpflichtet. Helmdach war vor seiner Tätigkeit in Mainz Assistent an der Staatsoper in Berlin f"

Ein überlegter Morbanfchlag

Wettere Einzelheiten zu dem Attentat auf Or. Salomon

Zu dem Mordanschlag auf Dr. Salomon, über den wir gestern bereits ausführlich berichtet haben, erfahren wir noch folgende Einzelheiten über das Geständnis, das der Täter bei der Kriminalpolizei abgelegt hau S i m o n s o n befand sich seit längerer Zelt in Behandlung bet Dr. Salomon und drängte in den letzten Wochen darauf, vaß er wegen seines Zustands — die infektiöse Erkrankung hatte auch die Nerven des Patienten in Mitleidenschaft gezogen — 'n sein Sanatorium überwiesen würde. Tr. Salo­mon hielt eine solche Kur nicht für nötig und beru­higte den Mann, daß er auch in Kassel gesund wer­den würde.

Drohungen des Patienten, daß er wegen des Zustandes seiner Nerven noch ein- mal „etwas tun" würde, nahm der Arzt nicht ernst

Dienstag vormittag erschien Simonson wieder in der Praxis und nahm zunächst im Wartezimmer Platz Als Dr. Salomon ihn dann ins Sprechzimmer rief, Zog der Patient sofort seinen Trommelrevolver und feuerte daraus nacheinander 5 Schüsse ab. Der Arzt der sich noch in Sicherheit zu bringen versuchte, wur­de niedergestreckt. Simonson verließ das Sprechzim­mer und das Haus, ohne von anderen Personen an­gehalten zu werden. Den Trommelrevolver hatte er im Sprechzimmer zurückgelassen. Da in dem Trom­melrevolver Bleiprojektile zur Verwendung gekom­men waren, sind die Verletzungen des Arztes beson­ders schwer, denn besonders bei dem Kopfsteckschuß durfte sich das Geschoß ganz platt gedrückt haben.

De« ganzen Umständen nach liegt hier ein über­legter Mordanschlag vor.

Wenn auch der Täter in erheblichem Maße als nerven­krank anzusprechen ist, so dürfte doch von einer Un­zurechnungsfähigkeit kaum die Rede fein. Sofern nicht das Gericht, dem der Täter Mittwoch vormittag zugeführt worden ist. eine Anstaltsuntersuchung an­ordnet, dürfte der Fall bereits in der nächsten Schwurgerichtsperiode zur Verhandlung anstehen.

Melsungen. Wohlfahrtsempfänger melden. Alle ausgesteuerten Erwerbslosen, denen die Wohlfahrts- bei Unterstützung bewilligt wird, haben sich erstmalig bei

Oie Verluste der Krankenkassen

Aus Frankfurt a. M. wird gemeldet: In einer Mitgliederversammlung des Landesverban­des Hessen und Hessen-Nassau des Haupt­verbandes Deutscher Krankenkassen er­stattete der Geschäftsführer Stock, der als Direktor für die Frankfurter Ortskrankenkasse vorgesehen ist, über die finanzielle Situation der angeschlossenen Kassen und die notwendigen Sanierungsmaßnahmen Bericht. Von den dem Verband angeschlossenen 90 Kassen haben im Geschäftsjahr 1931 75 Kassen ihren Vermogensstand verschlechtert. Einzelne Kassen haben Verluste, die ihr Vermögen übersteigen. Die Mitglie­derzahl der angeschlossenen Kassen ist um 72 000 Mit­glieder zurückgegangen. Die Einnahmen sind um 21,7 Millionen M. zurückgegangen, die Ausgaben aber nur um 5,12 Mill. M., so daß also ein Minus von 16,5 Mill. M. im Berichtsjahr entstanden ist. Der Refe­rent betonte, daß eine Verbesserung der finanziellen Situation erstrebt werden müsse, ohne Erhöhung der Beiträge. Seine Vorschläge gehen vor allem auf Re­duzierung der Ausgaben für Krankenhaus-, Arzt- und Apothekerkosten.

Fahrplanänderung. Vom 1. Juni ab treten auf "dem Streckenabschnitt Treysa—Kassel folgende Fahr­planänderungen in Kraft: P 771 beginnt in Wabern, fällt aus dem Streckenabschnitt Treysa—Wabern aus und verkehrt aus der Strecke Wabern—Kassel nur werktäglich. P 703 Wabern—Kassel beginnt be­reits in Treysa und verkehrt: Treysa ab 4.41 Uhr, Schlierbach (Kr. Fritzlar) ab 4.50 Uhr, Zimmersrode ab 4.58 Uhr, Borken (H.-N.) ab 5.06 Uhr, Singlis ab 5.12 Uhr, Wabern an 5.19 Uhr und weiter tote bisher P 703 verkehrt täglich.

Durch die Preußische Sparnowerordnung vorn 12. Septemler ist die ruhegehaltsfähige Stellenzu­lage neu geregelt worden. Die bisherigen Zulagen der Rektoren, Konrektoren und Schulleiter sind etwa auf die Hälfte gekürzt worden, während die seitheri­gen Zula n für erste und alleinstehende Landleh­rer gänzlich in Wegfall gekommen sind. Das bedeutet eine einseitige Zurücksetzung der Landleh­rerschaft, die keineswegs im Interesse der ländlichen Schulverbände liegt. Nicht nur die Landlehrer, son­dern auch die ländlichen Sch ^verbände sehen in die­ser Maßnahme eine einseitig ■ Minderbewertung der Landlehrerschaft gegenüber oer städtischen Lehrer­schaft.

Im Interesse einer paritätischen Behandlung von Stadt und Land muß diese ungleichmäßige Behand­lung wieder beseitigt werden. Auf Anregung des Verbandes der Preußischen Landgemeinden wurde im alten Landtage ein Antrag eingebracht, der die Neuregelung sämtlicher Schulleiterzulagen veranlas­sen sollte. Dieser Urantrag wurde auch dem neuen Preußischen Landtage wieder vorgelegt.

Aus dem Landkreis Kassel

Harleshausen. Eine große Freude. Am letzten Auszahlungstag erhielten die Wohlfahrtsemp-äi.ger (außer Ledigen und Familien ohne Kinder) eine Son­derbeihilfe von 2 RM. Diese soziale Handlungsweise rief große Freude hervor.

Sandershausen. 25 Jahre Männergesangverein Frohsinn. Am Sonntag feierte der Arbeiter-Männer- Gesangverein Frosinn sein 25jähriges Bestehen. Von den Gründern sind noch fünf aktive Mitglieder, die zu Ehrenmitgliedern ernannt und in geschmücktem Wa­gen in dem Festzug gefahren wurden. Im Weltkrieg verlor der Verein 8 sangestüchtige Mitglieder und zählt der Verein 100 Mitglieder. Massen- und Ein­zelchöre unter der stabsicheren Führung seines lang- lähngen Chorleiters Schröder waren hohe künstleri­sche Leistungen. Auch die sportlichen Darbietungen der Akrobatengruppe, der Radfahrer, besonders auch der Damenriege, und der Turnschüler zeigten viel An­mut und Gewandtheit. Möge dem Verein, dessen ho­hes Ziel lautet: Für Kultur und Kunst, für Bildung und Erziehung" noch weitere schöne Erfolge beschert fein.

Oberzwehren. Eine Sitzung der Gemeindever­tretung findet heute, Mittwoch abend, int Sitzungs­zimmer des Bürgermeisteramtes statt. Auf der Ta­gesordnung steht u. a. der Haushaltsvoranschlag für 1932/33. — Silberne Hochzeit feiert morgen, Don­nerstag, das Ehepaar Maurermeister Konr. Butte und Frau, Marie, geb. Kranz.

Breitenbach, Bez. Kassel. Ein schlimmer Fall. Die Ehefrau eines Steinrichters, die damit beschäf­tigt war, die Gänse nach Hause zu bringen, fiel so unglücklich, daß sie einen Beckenbruch erlitt. Die Ar beiterfamoriter schafften die Verletzte ins Rote Kreuz.

Aus dem Kreis Melsungen

der Nebenstelle des Arbeitsamtes in Melsungen zu melden, damit sie in der Liste der Arbeitsuchenden ein­getragen werden.

Melsungen. Die Kreisbauernschaft hielt General­versammlung. Der Vorsitzende Gutsbesitzer Kranz hieß alle willkommen. Anschließend referierte der 1. Vorsitzende des Kurhessischen Landbundes Justi-Lüt- zelwig über den Kampf des Landbundes gegen den drohenden Untergang der Landwirtschaft. Geschäfts­führer Sporkhorst sprach über lebensnotwendige Sortierungen der Landwirtschaft an die Regierung.

roßes Interesse fand ein Vortrag von Landwirt­schaftsdirektor Heid-Weilburg über „Betriebswirt­schaftliche Fragen".

Aus dem Kreis Hofgeismar

„ H"Meismar. Die Auszahlung der Kleinrentner- Unterstützung für Juni erfolgt am Donnerstag, den 2. Juni 1932, vormittags von 8 bis 10 Uhr, auf der Stabtlaffe. Nicht abgeholte Beträge können in die­sem Monat nicht mehr ausgezahlt werden.

Stürmische Osternacht in Hombressen

Das Urteil des Schöffengerichts.

In der Verhandlung gegen die sechs jungen Bur­schen aus Hombressen wegen der Vorfälle am Oster- tage ließ der Staatsanwalt nach Beendigung der Be­weisaufnahme die Anklage gegen Karl Geule wegen Rädelsführer,chaft fallen und beantragte die Verur­teilung wegen Bedrohung — gemeint »st der Aus­spruch in Bezug auf die Revolverkugel — zu drei Monaten Gefängnis. Hops und Wienand sollen ganz freigesprochen, Julius Geule wegen Rädelsführer­schaft zu 7, Heinrich Tölle und Heinrich Knauf we­gen einfachen Landfriedensbruchs zu 4 Monaten Ge­fängnis verurteilt werden. Das Gericht fällte schließ­lich folgendes Urteil: Tölle, Hopf und Wienand werden freigesprochen, Karl Geule wegen Bedrohung

Gefängnis, Julius Geule wegen Rä- delsfuhrerschaft zu 7 und Heinrich Knauf wegen ein­fachen Landfriedensbruchs zu 4 Monaten Gefängnis berurteilt.

Aus dem Kreise Rotenburg

Bebra. Das Gruppenschießen des Gaues Hersfeld des Kurh. Schützenbundes hatte sich einer regen Be­teiligung zu erfreuen. Es wurde auf 17 Meter Auf- lage Freihand geschossen. Höchstleistungen erzielten mit je 450 Ringen der Hersselder Schützenverein 1884 und der Hornberger Schützenverein. Weitere Ergeb­nisse: Schützenverein Werratal Heringen 435, Schüt- zcngesellschaft Bebra 433, Schützenverein Weiterode 425, Hersf. Schützengesellschast 417 und Schützenver­ein Rotenburg 400. Den Mei st er st ein erzielten Schmidi-Hersfeld 84 mit 144, Dr. Falke-Rotenburg 141, Höll-Weiterode 133, Bolz-Bebra 129, Körbel- Homberg 127, Faulstich-Homberg 126, Handke-Herss. Schützenges. 123 und Junghans-Hersf. Schützenges. 122 Ringe. Beim Kleinkaliberschießen erzielten Hers­felder Schützengesellschaft 541 Ringe, Weidenhain- Philippsthal-Vacha 529, Schützenverein Bebra 449, Weiterode 415, Hersfeld 84 376 und Homberg 336 Beste Einzelleistungen Winkelhardt-Weidenhain 157 Junghans-Hersf. Schützenges. 146 und Schößler-Hers- selder Schützenges. 138 Ringe.

Zurücksetzung der Landlehrer

Bei Neuregelung der Zulage für Schulleiter.

Dr. Dralle's Rasiercreme

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Große Tube nur noch v VPf.

MONTROSE

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Kriminalroman von Sven Elvestad

xxxni.

Arnold Singers Bekenntnis II.

„Was sagte ich? Ist er bereits über das Staket gestiegen? Meine Gedanken haben den Ereignissen vorgegriffen, mein Herr. Ich fühle dasselbe Beben, dieselbe Unruhe wie damals. Auch damals eilte meine Phantasie den Ereignissen voraus. Ich befand mich wie in einem Wogengang von schreckersüllter Er­wartung. Ich versuchte, meine Angst mit einer un­erträglichen Eile zu betäuben. So ist es auch jetzt wieder, wo ich mir alle Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen versuche; mein Herz hämmert wild, schneller! schneller! Wie ein Tier, das Nahrung wittert, eile ich der Entscheidung, der unwiderruf­lichen Entscheidung entgegen, die mein Gemüt mit Ruhe sättigen soll. Und dennoch erkenne ich jetzt, daß ich auf meiner Reise vorn Gartenzaun bis zur eichenen Haustür, eine Unendlichkeit von Beobach­tungen und Stimmungen erlebt habe. Eine Reise nenne ich es, mein Herr, obwohl es nur eine schlei­chende Wanderung von wenigen Minuten war. In diesen wenigen Minuten aber unmittelbar vor der Handlung, legt der Mörder eine seltsame Reise durch die Himmelsstriche wechselnder Stimmungen zurück. Alle seine Sinne sind in* einer unerhörten Empfäng­lichkeit geöffnet, alles, was er hört und sieht, alles, was er aufnimmt, jede Kleinigkeit bekommt eine un­gewöhnliche Bedeutung, während die heftigen Stoß­winde in seinen Nerven ibn Vorwärtstreiben. Die Zeit selbst hat ihren Umfang verändert. Damm empfindet er die Sekunden schwer, sein Auffassungs- inftinft arbeitet aufs differenzierteste, ein Schatten, ein Blatt auf seinem Wege, das Geräusch eines rollenden Steines, werden zu großen, folgenschweren Ereignissen, die Schreck, Nachdenken, Verzweifeln und wieder Entschlossenheit Hervorrufen. Oh, mein Herr, es ist richtig, daß der Mörder der größte Feind des Lebens ist, barpm tun sich auch alle Aeußemngen des Lebens ’ufommen, um seinen letzten Schritt zu einer langen, entsetzlichen Reise zu machen, lieber- windet er sie, dann vollbringt er die Handlung, im­mer aber wird er von der schmerzvollen Ewigkeit der letzten Minuten eingefangen.

Was sah der Mörder, als er im Schatten des höchsten Baumes über das Staket glitt?

Er sah, wie das Haus in der Stille schlummerte. Tie Bäume waren dunkel, die Landstraße grauer ge­worden. Wie eine halb verwischte Kohlenzeichnung ruhte die Landschaft in der Nacht, nur die hohen Pappeln zeichneten ihre Konturen, wie zwei schwarze Riffe auf der tiefblauen Schale des Himmels; als er unter dem Baum dahinschlich und das Laub be­rührte; meinte er, daß das Rascheln des Laubes wie ein Flüstern in den Zweigen des Baumes klang. In

der Stille, die darauf folgte, war es ihm, als ob der Baum etwas gesagt habe und als ob der ganze Garten atemlos einer furchtbaren Mitteilung lauschte. Eine Fledermaus fliegt auf unhörbaren Schwingen an ihm vorbei, er erbebt, ihm ist, als flöge sie durch fein Herz. Ein Spinnwebenfaden schneidet ihm messerscharf über die Stirn, und der Laut des leise knisternden Kieses unter feinen Füßen berührt ihn mit einem eisigen Kälteschauer. Das Gras ist feucht von Tau und klebt wie ein blutgesättigter Teppich an seinen Sohlen. Myriaden von Motten umschwär­men ihn, er sieht sie nicht, fühlt aber ihre Stöße ge­gen seine Augenlider und fängt mit einem unsagbar empfindsamen Gehör den schärfsten und leisesten Ton der Nacht auf: das Silbersaufen der Legionen von Molekülen. Die Luft ist von Lebewesen er­füllt. In der Nähe ist ein Teppich, er meint im Teich zu waten, die dunklen Rasen unter den Bäu­men sind wie Schilf in stillstehendem Wasser. Von einer plötzlichen und unmotivierten Vorstellung er­griffen, blickt er ängstlich nach einem Toten aus, der still und mondbeleuchtet im Schilf liegt; der Mond aber zeigt sich heute nacht nicht, und was er sieht, ist Gras, eisgrüne Rasen, wie Gräber geformt, und über den Bäumen sieht er erschauernd die luftige Drapie­rung der Milchstraße. Ist eine Sekunde von der Ewigkeit des Mörders verflossen?

Er kommt zu einem offenen Platz und bleibt un­willkürlich stehen, weil er nicht mehr von den tiefen Schatten und der unmittelbaren Nähe der Bäume geschützt ist. Die Zweige, die er bei seiner schleichen­den Wanderung zur Seite gebogen hat, gleiten wie­der in ihre ursprüngliche Lage zurück und von neuem wird alles still. Der offene Platz um ihn herum wird kalt und feindlich, und er fühlt sich von dem fast unwiderstehlichen Verlangen, sich zu verstecken, ergriffen. Er meint, daß er sich in der Schußlinie einer Gefahr befindet und daß er im nächsten Augen­blick getroffen werden kann. Von was getroffen? Es würde ihm eine Beruhigung fein, wenn er die geringste Aeußerung menschlichen Lebens spürte, nur eine Stimme in der Ferne ober einen Schritt auf dem Wege. Aber diese ununterbrochen beobachtende und stumme Natur wirkt unglaublich beklemmend auf ihn. Die Steinpfosten der Gittertür haben ihren Granitblock auf ihn gerichtet. Die unergründlichen Massen der Pappeln verbergen Augen, die er nicht sehen kann, deren wachsame und drohende Macht er aber spürt. Alles Menschliche in ihm ist der bösen Seele des Mörders gewichen und bevölkert jetzt die toten Tinge um ihn her mit eindringlichen Vor­würfen: sein Gewissen starrt ihm ans der grauen Helligkeit der Landstraße entgegen. Aengstlich erbebt er seinen Blick zum Hause, und plötzlich wird es ihm klar, daß das Haus ihn entdeckt hat und fein Kom­

men erwartet. Das Hans hat feine schwarzen Fenster­augen ausgeriffeu. Menschliche Augen können keinen intensiveren Schreck ausdrücken, als diese boshaft starrenden fchwarzen Höhlen.

Er sieht nur die drei oberen schwarzen, viereckigen Fenster, die unteren werden vom Garten verborgen. Er sieht auch undeutlich die aufgerollten Markisen über den Fensterrahmen, was die Aehnlichkeit mit aufgetiffenen und erschrockenen Augen noch verstärkt. Während der Mörder dieses Phantom anstarrt, die­ses traumähnliche Gesicht von Stein und Schatten, nimmt feine eigene unablässig wechselnde ahnungs­volle Gemütsstimmung eine neue Form an. Er meint seine eigene Angst in dem Phantom zu sehen. Langsam, als wenn eine Photographie auf einer an­deren hervorgerufen wird, tritt ein neues Bild in feine weit geöffneten Augen. Die Bäume vor dem Haufe, zwischen deren Zweigen der Mörder am Abend die hellen und freundlichen Gardinen des Fensters ge­sehen hat, und eine Frau, die sich sorglos gegen den Fensterrahmen lehnte — diese Bäume stehen jetzt wie mit Dunkelheit gefüllte Abgründe zu beiden Seiten der Treppe. Etwas ist plötzlich aus dem Gesicht des Hauses herausgefallen und verschwunden, die Dunkel­heit der Bäume bildet zwei gewaltige, leere Augen­höhlen, und das knochengelbe Gestein der Fassade ist wie die Silhouette eines Toteukopkes gegen den Nachthimmel. So, alle Sinne von Tod und Unter­gang erfüllt, geht er zur Mordtat, sogar die Luft schwitzt einen durchdringenden Geruch von Friedhof aus. Fledermäuse umflattern ihn auf fchwarzen, stummen Schwingen. Bei jedem fchleichenden Tritt in dem feuchten Gras ruft er die Geister des Mordes diefe Wesen der Dunkelheit und des Schweigens. Jetzt schweben sie über seinem Kops, lautlos, in steigendem und fallendem Fluge....

Wo bin ich geblieben? Ich habe ein Gefühl, als ob ich ihm nicht mehr folge, und doch bin ich der Mörder. Ich stehe draußen im Garte», umgeben von dem unbeschreiblichen Frühlingsdust. Und dennoch befinde ich mich drinnen vor der Paneeltür mit den breiten, braun gebeizten Feldern. Worauf warte ich hier draußen? Jetzt kommt es. Auf den Todesschrei des Opfers. Den will ich hören. Ich sage Ihnen, mein Herr, nicht nur das Opfer schreit. In diesem Schrei werden alle stummen Leute beredt. Der ohnmächtige Schreck der Menschenwohnung, die wachsame Dunkelheit der Pappeln, alles, was den Menschen gehört und seine Freunde sind, die Stein- pfosten der Gittertür, die Landstraße, das sauber- geschnittene Gras der Rasen, alles, was mit seinen toten, aber abwartenden Augen die Ankunft des Mörders gesehen hat, macht seinem Schmerz in dem Todesschrei des Opfers Luft, wie eine unvergäng­liche Anklage alles dessen, was dem Leben und den Menschen gehört. Da hör-e der Mörder den Schrei, ja, da hörte ich ihn--"

Keller war zu Ende. Während er vorgelesen hatte, war er sich unablässig mit der Hand übers Haar gefahren. Jetzt fiel ihm nichts Besseres ein, als nervös in den Papieren zu blättern, seine Fin-

1 ger zitterten, er war sehr nervös und sah mit einem I fragenden Blick auf.

.Alle Wetter," rief Krag erstaunt, „ist das alles?"

„Ja, bis auf weiteres. Als er soweit gekommen war, schloß er die Augen und sagte, daß er tod­müde sei. Ich solle in einigen Stunden wiederkom- men, dann wolle er fortfahren."

„Stenographieren Sie?"

„Was glauben Sie?" fragte Krag weiter.

„Was ich glaube," antwortete Keller mit einem bitteren Lächeln, „ich glaube, daß Sie zweifeln."

„Das meine ich nicht. Was glauben Sie von dem Bekenntnis?"

Keller, der fonst so kühle Polizeiagent, war offen­bar von dem Erlebnis mit Arnold Singer stark er­schüttert. Er verbreitete sich eifrig darüber, welch starken Eindruck dieser Mann auf ihn gemacht habe.

„Er ist offenbar eine höchst seltsame Erscheinung im Leben der Großstadt," sagte er. ,^ch bin fest da­von überzeugt, daß wir die merkwürdigsten Ent­hüllungen von ihm erwarten können. Er ist ein Produkt unserer überreifen Zivilisation. Sie wissen, lieber Krag, daß während der letzten zwei, drei Jahre mehrere rätselhafte Morde unaufgeklärt geblieben sind. Stellen Sie sich vor, wenn nun Arnold Sin­ger uns diese Geheimnisse lösen würde. Vielleicht ist er eine Art mystische Figur, einer von den selt­samen Tigern des Grotzstadtlebens."

„Aber Montrose?" fragte Krag und lachte.

„Ja Montrofe---das kommt noch, das

kommt fpäter. Ich fragte ihn auch nach Montrose. Das kommt, sagte er. Es dauert noch eine Stunde, bis das Verhör von neuem beginnt. Ich bin selten so gespannt gewesen."

„Ich möchte Sie nur noch einmal daran er­innern," sagte Krag, indem er seinenMantel anzog, „ich möchte Sie nur noch daran erinnern, was wir vor allen Dingen erfahren müssen, nämlich:

1. Wo ist Montrose, tot ober lebendig?

2. Wer und wo sind seine Mörder ober bie, bie ihn entführt haben?

3. Wo sinb die Mörder des verrückten Professors?

„Ich glaube," sagte Keller, „daß Arnold Singer Abbö Montrose ermordet hat."

„Aber, lieber Freund, kann man sich auch auf seine Vernunft verlassen, wenn er es sagt? Er ist augenblicklich sehr exaltiert."

„Seine Exaltation gibt ihm ja gerade die visionäre Erinnerung an alles Geschehene. Sie hätten fein Gesicht sehen sollen, als ich ihn verließ und bevor ich das Licht löschte. Er war versteinert abwesend... Ich muß beständig an ihn denken."

Krag dachte auch an ihn. Er meinte ihn unbe­weglich in der dunklen Zelle liegen zu sehen. Er mußte an den Ausdruck vorn Reisen denken, den er gebraucht hatte. Jetzt reifte Arnold Singer in feiner Zelle in einem kleinen Viereck von Stein, fern von allem Gegenwärtigen, dem Verbrechen früherer Tage und dem Entsetzen ehemals erlebter Stunden ent­gegen.

Daran dachte Asbjörn Krag. (Fortsetzung folgt.)