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Kasseler neueste Nachrichten

Dienstag. 31. Mai 1932

Die Regierungskrise in Berlin

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Unsere Bilder zeigen: Oben: Kommende Manner: Reichswehrminister a. T. Geßler, Freiherr Wil­helm von Gayl, ostpreußischer Bevollmächtigter im Reichsrat. Dr. Bracht, Oberbürgermeister von Essen. Unten: Brünings letzte Politische Rede auf dem Jahresbankett des Vereins der Auslän­dischen Presse in Berlin.

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Gibt es noch Kriegsgefangene?

Von Karl Wickerhauser

Nach Paolo Schwarz, dem deutschen Frontkämpfer, der auf dem Papier Franzose war und dafür in jahrelanger Qual auf der Teufelsinscl büßen mutzte, ist nun der seit 16 Jahre» ver­mißte, von den eigenen Eltern totgeglaubte badische Weinbauernsohn OSkar Daubmann nach abcutcuerlicher Flucht aus der afrikanischen Gefangenschaft in die Heimat zurückgekehrt.

Erschütternde Odyssee

Den sechzigjährigen Weinbauersleuten Daubmann in dem Städtchen Endingen bei Freiburg ist vor eini­gen Tagen das Unfaßbare geschehen, wovon so man­ches Elternpaar, das im Weltkrieg einen Sohn ver­loren hat. sprach und träumte: der Landbriefträger bringt einen Brief von dem Kind, das man seit Jah­ren tot und begraben wähnt!

Die alte Mutter kann es noch nicht glauben, auch dann nicht, als sie schon die Bestätigung vom Deut­schen Konsulat in Neapel in Händen hat, auch dann nicht, da der Verschollene aus dem Eisenbahnwaggon steigt....

.... im Dezember ist es mir endlich doch ge­lungen, zu entfliehen, und mußte ungefähr 5000 Ki­lometer bis an das Meer zu Fuß gehen, wo ich auf ein Schiff, welches nach Europa bis in den Hafen Palermo fahren konnte, jetzt muß ich wieder zu Fuß bis Neapel laufen, wo ich auf dem deutschen Konsular einen Paß holen muß."

In einigen spärlichen Zeilen die erschütternde Odyssee eines Deutschen, der als 19-jähriger Jüng­ling an die Westfront ging; ein Mann von Fünf- unddreitzig, mit einer Welt von Erlebnis und Er­innerung, kehrt heim . . .

Der letzte Kriegsgefangene!" Auf so viele Men­schen, die in den vergangenen Jahren oft gänz­lich unerwartet, da sie längst aufgegeben waren ins Vaterland heimkamen, wurde diese Bezeichnung angewendet, die sich doch immer wieder als falsch er­wies. Nach Wochen und Monaten gab es immer noch einen, der den Ehren- und Schmerzenstitel desletz­ten Kriegsgefangenen" für sich beanspruchen konnte und seinerseits von einem neuen Heimkehrer ver­drängt wurde.

Noch 20000 Gefangene?

Vor zwei Jahren noch konnte an Hand der amt­lichen Listen, die bei aller Sorgfalt doch nicht ganz lückenlos und ohne Irrtümer geführt sind, die Zahl der Vermißten und Verschollenen, für deren Wetter­leben irgendwelche Anhaltspunkte vorhanden sind, aus nicht weniger als 20 000 geschätzt werden.

Zwangzigtausend Volksgenoflen, die noch immer nicht zurückgekehrt sind? Man muß sich mit dem Ge­danken vertraut machen, daß viele von ihnen wohl den Krieg selbst, doch nicht die Nachkriegszeit über­lebt haben die für sie einsam in einer feindlichen Welt, ohne Hilfe und in Unkenntnis der Tatsache, daß wieder Frieden war" noch schrecklicher als die Jahre bis 1918 sein mochten

Tausende sind zur Zett des russischen Zu­sammenbruchs vorher aus den berüchtigten ost­sibirischen Kriegsgefangenenlagern bei Irkutsk und Werchne-Udinsk in die Grenzgebtrge der Mongolei, ins Gebiet von Sayansk und Tannu-tuwa, geflüchtet und dann verloren sie die Kraft, ihren Weg fort- zusetzen, sie ergaben sich in ihr -wickial, bleiben als primitive Wald- oder Höhlenbewohner in der fürch­terlichen Einsamkeit und Kulturferne, oder aber sie verbanden sich mit der asiatischen Einwohnerschaft jener ungeheuren Landstrecken, wurden selbst zu Mon­golen, zu Jägern. Fischern. Fallenstellern und Noma­den. Von Teilnehmern der Nansen-Aktionen und den Mitgliedern christlicher Misiionshäuser, von^siatto- nen des Roten Kreuzes und derGesellschaft der Freunde" in der äußeren Mongolei konnte man ost

und oft Berichte lesen, die sich mit dem Schicksal die­ser Deutschen befaßten. Willenlos und zu ewigen Gefangenen geworden, konnten sie sich aus dem Hexen­kessel der asiatischen Revolten, der roten und weißen Partisanenkriege nicht mehr befreien. Es fehlen die materiellen und auch die gesetzlichen Möglichkeiten, diese Menschen, die ohne klare Erkenntnis in der Fremde dahinvegetieren, gewiflermaßen gegen ihren Willen wieder für die Nation und ihr Vaterland zu gewinnen.

Kriegsverbrecher" und Verschollene

Hunderte von Kämpfern sind auch auf den ruhm­reichen, heute schon zum Mythus gewordenen Kriegs­zügen in Deutsch-Ost- und Süd-West-Afrika ver­schwunden, ohne daß sichere Nachrichten über ihren Tod vorhanden wären. Es besteht die Hoffnung, daß der dunkle Erdteil noch manchen Deutschen birgt, des­sen Name schon seit Jahren auf dem Gefallenen- Ehrenmal seines Heimatortes verzeichnet ist.

Ein sehr trauriges Kapitel umfaßt die Zahl der Fälle, wo es sich um sogenannteKriegsverbrecher" bandelt. Auch bei Oskar Daubmann ging es darum, daß er, der fchwerverwundet in französische Gefan­genschaft geraten war, nach seiner Heilung einen Fluchtversuch unternahm und dabei einen Posten er­schlug. In einem solchen Fall setzte sich die ganze Ma­schinerie des Militärgerichts in seiner ganzen Strenge in Bewegung:Zehn und zwanzig Jahre Zwangs­arbeit" so lauteten die Urteilssprüche. Ein miß­glückter Fluchtversuch ohne andere Verwicklung mußte bekanntlich von Daubmanns Leidensgenossen Schwarz mit süns weiteren Jahren Zwangsarbeit bezahlt werden. , ,

Vierzehn Jahre nach dem Krieg! und noch will der Rückstrom in die Heimat kein Ende nehmen. Da­bei zeigen sich gefahrdrohend am Horizont schon die Umrisse neuer Weltkatastrophen . . ,

Aus aller Welt

Fünf Opfer einer Familieniragödie

Frankfurt a. M., 31. Mai.

An der Grenze zwischen Bischofsheim und Rüs­selsheim wurde der Rüsselsheimer Geichaftsmhaber Justus Schmidt mit seiner Frau und seinen drei Kin­dern im Alter von acht, fünf und drei Zähren er­schossen aufgefunden. Rach den bisherigen Feststellun­gen hat Schmidt die furchtbare Tat im Einvernehmen mit seiner Frau begangen. Er betrieb in Rüssels­heim ein kleines Zigarren- und Zeltjchrrftengeschäft.

Grausiger Ooppelselbstmord

Zwickau (Sachsen), 31. Mai.

Am Montag früh wurden auf der Haltestelle Ebersbrunn der Strecke Zwickau Falkenstein die Leichen zweier Mädchen auf den schienen lie­gend aufgefunden, denen die Köpfe vom Rumps ge­trennt waren. Die beiden Freundiunen sind am Sonntag von Ellefeld her zu Fuß gekommen unv ha­ben aus dem Bahnsteig sitzend das Eintressen des er­sten Güterzuges abqewartet, von dem sie sich über­fahren ließen. Die Tat ist bei dem herrschende« Xe-

bei von niemand bemerkt worden. In hinterlassenen Briefen geben die Mädchen an, aus Not gehandelt zu haben. Dieser Beweggrund ist jedoch wenig glaub­würdig, da das eine Mädchen noch in Beschäftigung stand und die andere erst am Sonnabend erwerbslos geworden ist.

Strecker abermals verurteilt

Potsdam, 31. Mai.

Das Schwurgericht verurteilte unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Hellweg den 70 Ja! : alten Schriftsteller Dr. Strecker wegen Brandstiftung in Tateinheit mit Versicherungsbetrug wieder zur Mindeststrafe von 1 Jahr Zuchthaus.

Das Liebchen im Hintergrund

Frankfurt n. M., 31. Mai.

Von einem Kriminalsekretär wurde in der Woh­nung seines Liebchens in der Hanauer Landstraße der aus Köln gebürtige Kaufmann Heinrich Esser ver­haftet, der sich des Heiratsbetruges gegenüber einem in Höchst ansässigen Mädchen und des Warenbetrugs gegenüber ciiicnt Großhändler in der Markthalle schul­dig gemacht hatte. Einschlägig schon vorbestraft, er­wies er sich als ein schlechter Kalkulator, denn wo er aufbaute, da gab es Trümmer. Er hatte früher ein Geschäft, das pleite ging, betrieb dann eine Hühner­farm, die er nicht hallen konnte und betätigte sich schließlich auf dem Gebiet des Heiratsschwindels. Im August v. I. lernte er die Zeugin kennen, an deren Geburtstag int September er sich schon mit ihr Ver­lobte. Er tat so, als habe er noch von Hause einen Betrag von 17 000 Mark zu erwarten. Papa, der drei Geschäfte int Rheinland habe, habe aber für 103 000 Mark Waren eingekauft und könne vorerst noch kein Geld einschicken. Auch habe der Papa an einer Schuh­fabrik 34000 Mark verloren. Zur Begründung einer neuen Existenz ging er die Braut bzw. deren Eltern um ein Darlehen an, und noch bevor es zum Verlöb­nis gekommen war, hatte er schon zwei gute Wechsel in der Hand. Er richtete tatsächlich ein Lebensmittel- Seschäft ein, verschwieg aber, daß er von dem gelte« enen Geld, er hat insgesamt 1700 Mark erhalten nur einen Teil dazu verwandte, das übrige wanderte in seine Tasche. Er verheimlichte außerdem, daß er in Frankfurt noch eine Bekanntschaft sitzen hatte. Die Schwindeleien trugen ihm vor dem Höchster Schöffen­gericht Mitte März 18 Monate Zuchthaus, drei Jahre Ehrverlust und 100 Mark Geldstrafe ein. Gegen die­

ses Urteil legte er Berufung ein, unv die Große Straf­kammer ermäßigte die Strafe im Hinblick auf die Jugend des Angeklagten und die Tatsache, daß er doch eine Existenzgründung in die Wege leitete, auf eine Gefängnisstrafe von einem Jahr.

Wieder Oevisenschiebung

Frankfurt a. M., 31. Mai.

Zwei Beamte des Steuerfahndungsdienstes nah­men am Freitag vormittag ein aus Norddeutschland stammendes Ehepaar fest das in dem Verdacht steht, gewerbsmäßige Devisenschiebung begangen zu haben. Die bisherigen Ermittlungen ergaben, daß die Ehe­leute vor einiger Zeit von Deutschland in die Schweiz gereist sind und daß sie statt eines Betrages von 200 Mark pro Person eine Summe von 20 000 Mark un­bemerkt in das Schweizerland bringen konnten. Sie kauften mit dem Geld I. G. Farben-Aktien in Basel, wo diese Papiere niedriger im Kurs als an den deut­schen Börsen stehen. Die Aktien brachten sie dann nach Deutschland und setzten sie zu dem hier höheren Kurs ab, sodaß sie einen hohen Profit erzielten. Da das Geschäft so gut und so mühelos gegangen war, pro­bierten sie die Sache noch einmal und wieder gelang es ihnen, eine beträchtliche Summe ins Ausland mit« zuführen und mit Aktien nach Deutschland zurückzu­kehren. Als das Ehepaar sich am Freitag bei einem Frankfurter Bankhaus bemühte, die Aktien zu ver­äußern, erfolgte die Festnahme. Die Eheleute wur­den dem Ermittlungsrichter vorgeführl, der gegen sie Haftbefehl erließ.

Das Verhör Gorguloffs

Paris, 31. Mai.

Vor dem Untersuchungsrichter wurde gestern nach­mittag Gorgulofs mehreren Zeugen gegenübergestellt. Seine ehemalige Logiswirtin in Billancourt bei Pa­ris und die ehemalige Krankenschwester in einer Kli­nik erkannten ihn wieder und behaupteten, ihn in der ersten Hälfte des April dieses Jahres in Billancourt getroffen zu haben. Gorgulofs widersprach ihnen und erklärte, er sei in dieser Zeit nur einmal nach Paris gekommen, aber nicht in Billancourt gewesen.

Nach der Havasagentur soll diese Aussage Gorgu- loffs nicht der Wahrheit entsprechen. Gorguloss soll dadurch vielmehr zu verbergen versuchen, daß er in Billancourt mit einem Russen eine Begegnung gehabt habe, der in Berlin ansässig sei und aus den eben­falls sich gegenwärtig die Untersuchung erstrecke.

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