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fontg unter 5 Prozent durch das international garantierte Reichsbankstatut verboten ist, so lange wir nicht die volle 40-prozentige Golddeckung haben, so wird angesichts der Notwendigkeit, der Wirtschaft billigere Kredite zu verschaffen, wenn die Arbeitslosigkeit er- folgretch bekämpft werden soll, kaum etwas anderes übrig bleiben, als die Aenderung dieses Statuts in Ba,el anzustreben und somit zu der seil langem erörterten aber immer vergeblich angestrebten sogenannten „Kreditausweitung" zu kommen. Es läßt sich nicht verkennen, daß gerade die Schwierigkeiten auf diesem Gebiete ebenfalls eine der tieferliegenden Ur- In tut Kabinett in letzter Zeit verfolgte
Politik, damit aber auch für die Gegnerschaft gegen diese Politik und für den Sturz des Kabinetts, geworden sind.
Zwei Jahre und zwei Monate hat der Doktor Heinrich Brüning auf die Geschicke des deutschen Reiches und des deutschen Volkes bestimmenden Einfluß ausgeübt. Zwei Jahre und zwei Monate, in denen Welten in Trümmer gingen, tn denen nicht allein materielle, sondern auch geistige Werte einer weitgehenden Um- und Entwertung unterzogen wurden. Es ist die Tragik Brünings, daß er, der als Mensch und als Politiker in verschiedener Hinsicht einen neuen Typus verkörperte, in eine Zeit hineingestellt wurde, in der sich die Abkehr vom Alten zum Neuen noch schneller vollzog, als es seinem Glauben an die Notwendigkeit einer organischen Entwicklung entsprach. Es Jg seine Tragik, daß von ihm, der als Frontsoldat den Wert des Handelns wohl erkannt hatte. Taten und Entschlüffe gefordert wurden, wie sie in dieser Größe selbst im Laufe unserer an Rot und Sorgen so reichen Geschichte nur selten von einem deutschen Staatsmann gefordert wurden, daß er, der Aristokrat, der Feind der großen Geste und der großen Worte, den Massen und der Maffenpropaganda gegenüber- gestellt war, und daß er die Befreiung der Regierung von dem „Parteiismus" der Fraktionen mit erheblichen Zugeständnissen an eine andere ebenso selbstsüchtige und lebenssremde Macht, an den Bürokratismus, bezahlte. Wir glauben, umso eher berechtigt zu fein, von dieser Tragik zu sprechen, als wir die Fehler und Mängel der Brüningschen Regierungsmethoden stets klar und deutlich gekennzeichnet haben. Insbesondere von dem Vorwurf einer allzu z ö - gernden und allzu wenig auf großen Rahmen abzielenden Politik wird Brüning durch nichts, weder durch die innere noch durch die außenpolitischen Schwierigkeiten, befreit.
Ob es im weiteren Verlauf der Dinge, nach der Auflösung des Reichstages, zu einer Aenderung des Wahlrechts, zu einer diktatorischen Regierungssorm oder evtl, zur Einberufung einer neuen Nationalversammlung kommen wird alles das ist lediglich von dem Verlauf der Besprechungen abhängig, die in diesen Tagen beim Reichspräsidenten über das weitere Schicksal des Reiches entscheiden werden.
Ein Ltebergangseiai?
Das Schicksal des Reichshaushalts.
Berlin, 31. Mai.
Da- zurückgetretene Kabinett Brüning hat den Haushaltsplan für 1932 nicht mehr endgültig fertigstellen können, denn gerade die Meinungsverschiedenheiten über die Deckung des Fehlbetrages in diesem Etat haben zum Sturz des Kabinetts geführt. Ein geschäfts- führendes Kabinett, wie es die Regierung Brüning nunmehr ist, kann jedoch nach parlamentarischem Brauch keine wichtigen Gesetze, also auch keinen Etat, dem Parlament vorlegen. Bis Ende Juni ist der Haushalt des Reiches zu sichern. In der Zwischenzeit ist jedoch die Neubildung der Reglerung und bte endgültige Aufstellung eines Haushaltsplanes nicht mehr möglich. In parlamentarischen Kreisen rechnet man daher damit, daß mindestens für einen Monat ein Uebergangsetat notwendig werden wird, der der geschäftsfuhrenden Regierung ober dem neuen Kab'- nett lediglich die Ermächtigung zur Leistung eines bestimmten Ausgabenteils des alten Etats gibt.
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Leipzig, 31. Mai.
Wie dem WTB von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, trifft bte vom nationalsozialistischen Pressedienst verbreitete Meldung zu, daß das gegen die ehemalige SA in die Wege geleitete und auf das vom preußischen Innenministerium dem Oberreichsanwalt zugeleitete Material gestützte Verfahren wegen Landesverrates vom Oberreichsanwalt eingestellt worden ist.
Oer Lohntaris im Ruhrbergbau
Essen, 31. Mai.
In dem Lohn-und Manteltarifstreit im Ruhrbergbau fanden am Montag in Essen unter dem Vorsitz von Professor Dr. Br ahn die Schlichtungsverhandlungen statt. Es wurde nach kurzer
Kasseler Treueste Fachrichten
Dienstag, 31. Mai 1932
3m Spiegel der Auslandspreise
»Ein europäisches Unglück^ / Angst um Lausanne / »Bon Hitler hinweggespült^
London:
London, 31. Mai.
Der Rücktritt Brünings steht im Mittelpunkt der. Londoner Pressebetrachtungen. Die „Time §" schreibt, schon die Rede Brünings im Reichstage habe gezeigt, daß er nicht mehr Herr der Lage gewesen fei. Eine einfeitige Ablehnung der früher eingegangenen Verpflichtungen stelle keine Regelung dar und fördere sie auch nicht. Und dennoch seien zu dieser Politik die- lemgen setzt verpflichtet, die den Rücktritt Brünings erzwungen hätten.
Es würde ein europäisches Unglück fein, wenn diese ablehnende und rein verneinende Politik die politische Richtlinie für Deutschland werden würde.
Im Hinblick daraus, daß zurzeit keine der deutschen Parteien die Verantwortung für die Verhandlungen in Lausanne übernehmen wolle, da sich die Gegner Brünings anscheinend über ihre Politik für Lausanne noch nicht int Klaren wären, könne man nur sagen, daß eine Zeitspanne politischer Unsicherheit bevorstehe, in der die Sozialdemokraten in den Hintergrund treten und die Rechtsparteien mächtiger werden, Die „Times" hält es für unwahrscheinlich, daß Brüning sich zur Uebernahme des Postens des Außenministers bereit finden werde.
„Daily Telegraph" meint, daß die nüchterne und zum Einlenken geneigte Richtung in Deutschland geschlagen fei und daß diejenigen Herren der Lage würden, die den nationalen Willen zum Widerstand vertreten.
„M o r n i n g p o st" glaubt, daß mächtigere Personen als Hitler und mächtigere Kräfte als die Nationalsozialisten am Werke waren, um den Fall Brünings herbeizuführen. Es sei möglich, daß nunmehr die Forderung nach eine Revision des Versatller Vertrages erhoben würde. Man könne unter den jetzigen Umständen daher kaum viel von Lausanne erwarten.
„Daily Herold" äußert starke Befürchtungen, daß durch die Ereignisse in Deutschland ein
Grund für die Vertagung der Lausanner Konferenz gefunden würde. „Financial News" verlangt, daß in Deutschland bald eine Regierung gebildet werde, die einen Vertreter nach Lausanne entsendet und eine Politik der Zusammenarbeit durchführen könne. Von der Entscheidung in Deutschland hänge mehr als nur das Schicksal Deutschlands ab. Das Blatt rechnet damit, daß Deutschland sich von dem „Passivismus" abwende, der sich damit begnüge zu leiden, anstatt Bemühungen zur Besserung der Lage zu machen.
„Daily Expreß meldet, daß man in Sani» kreisen Londons auf eine Regierung derdeutsch- nationalen Partei hoffe, die wegen ihrer konservativen Ansichten bekannt sei.
Paris:
„ Paris, 31. Mai.
Zur Demission des Reichskabinetts schreibt Kemps': Der Reichskanzler stürzte unter den Schlägen, die die Rechtsparteien mit der Militärkamarilla verabredet hätten. Wenn man nicht direkt zu einer Diktaturregierung übergehe, fei es wahrscheinlich, daß die Auflösung des Reichstags der Demission des Reichskanzlers Brüning auf dem Fuße folge.
„Journal des Debats" erklärt, Reichskanzler Brüning fei zurückgetreten, obwohl er den Nationalisten Unterpfänder zugestanden habe. Er werde
von der Hitlerbewegung hinweggespült.
Der Sturz Brünings werde an dem deutschen Programm nichts ändern; er werde aber einen Wechsel in der Methode ermöglichen. Brüning sei ein Friedensapostel nach der Art des Bismarckschülers Stre- semann gewesen. Seine letzte Rede bezüglich des Verlangens Deutschlands, nichts zu bezahlen und frei zu rüsten, sei scharf und wagemutig gewesen. Trotzdem habe Brüning dem neuen Deutschland nicht genügen können.
Die nationalistische „Liberte" schreibt: Gleichviel welche Regierungskoalition nunmehr in Berlin zustande komme, Frankreich wisse, daß es sich künftig dem Herrn Deutschlands, nämlich Hitler, gegenüber besinde. Es sei vielleicht besser, daß die wirklichen Beauftragten Hitlers Deutschland auf der Abrüstungskonferenz und auf der Lausanner Konferenz vertreten.
Neuyork:
Reuyork, 31. Mai.
Während die „Times" den Rücktritt Brünings in einem langen Artikel bespricht, der sich jeden Angriffs enthält, vertritt die republikanische Zetiung „H e r a l d Tribüne" die Auffassung, daß die innerpolitische Lage Deutschlands ein Kompromiß zwischen den bisherigen Regierungsparteien und Hitler oder Hu- genberg nicht zulasse. Das Blatt glaubt, daß eine Koalition der Rechtsparteien zustande kommt, der möglicherweise auch der rechte Flügel des Zentrums angehören werde. Weiterhin macht das Blatt dem Reichspräsidenten zum Vorwurf, daß er den Ratschlägen rechtsstehender Elemente Gehör schenke und meint, die Entscheidung Hindenburgs entspreche nicht dem Willen der Mehrheit des Volkes.
Rom, 31. Mai.
Der Wahlsieg der Nationalsozialisten in Oldenburg hat in Italien großen Eindruck hervorgerufen. Desgleichen wird die Nachricht über den Rücktritt des Kabinetts Brüning in großer Aufmachung zunächst allerdings kommentarlos von allen Blättern gebracht.
Verhandlung ein Schiedsspruch gefällt, durch den die Lohnordnung um zwei Monate unverändert verlängert wird. Heber die im laufenden Manteltarisvertrag geregelte Arbeitszeit soll erst verhandelt werden, wenn über das Mehrarbeitsabkommen, das zum 30. September d. I. erstmalig kündbar ist, verhandelt wird. Der Manteltarif läuft mit einigen Aenderungen in der Urlaubsfrage bis zum 31. März 1933. Die Nachverhandlungen finden am Donnerstag im Reichsarbeitsministerium in Berlin statt.
Zu dem Schiedsspruch gab der Schlichter, Professor Brahn, einige (Erläuterungen, denen zu entnehmen ist: (Eine wesentliche Rolle bei den Verhandlungen spielte der Antrag des Zechenverbandes, nach dem der Tariflohn herabgesetzt werden sollte. Es sei ihm, dem Schlichter, bedenklich erschienen, eine Unterhöhlung des Tarifrechts vorzunehmen, zumal eine so grundsätzliche Aenderung wohl eher Sache der Gesetzgebung wäre. Weiterhin wurde über die Möglichkeit verhandelt, eine größere Zahl von Zechen als bisher einem bestimmten Lohnabzug zu unterwerfen, wie das jetzt schon bei den Randzechen der Fall sei, die um sechs bzw. neun Prozent niedri- gete Löhne bezahlten als die anderen Zechen.
Wie man hört, werden die Gewerkschaften den Lohnfchiedsspruch annehmen, den Manieltarisschieds- spruch dagegen ablehnen.
Papst Pim XI. 75 Jahr« all
Berlin, 31. Mai.
Papst Pius XI. feiert heute den 75. Geburtstag. Schon als vor zebn Jahren, am 6. Februar 1922 im Konklave, der Wahlversammlung der Kar- dinüle, in der Sixtinischen Kapelle zu Rom das hohe Amt des, Pontifex Maximus aus die Schulter des damaligen Erzbischofs von Mailand, Achille Ratti, gelegt wurde, hatte sich dieser in der päpstlichen Diplomatie bereits einen Namen gemacht, der ihn auch in Beziehungen zu Deutschland brachte. In einer ausgewühlten Zeit, im April 1918, wurde Ratti als Apostolischer Visitator nach Polen entsandt, das damals noch von den Deutschen befetzt war. Im Juli 1919 war Ratti zum Nuntius in Warschau ernannt worden, in welcher Eigenschaft er dem polnischen Klerus die politische Agitation in Oberschlesien untersagte.
Die von Benedict XV. angebahnte Politik der Versöhnlichkeit zwischen dem Vatikan und dem italienischen Staat fand ihre Vollendung in dem Lateranvertrag, der den fett September 1870 bestehenden Zustand, nachdem sich der Papst als der Gefangene des Quirinals betrachtete, aufhob und die Gründung einer Stadt des Vatikans vorsah.
Inhalt und Ziel des Pontikates Pius XL sind gekennzeichnet durch feine Devise: Pax Christi in
regno Christi. Dieser Devise entsprach die Entsendung des Delegaten Msgr. Testa, während des Ruhrkonflikts in das Ruhrgebiet .entsprach der Abschluß von Konkordaten mit Polen, Bayern und Preußen.
Für Regierungsbeteiligung
Parteitag der französischen Sozialisten.
Paris, 31. Mai.
In der gestrigen Sitzung des sozialistischen Parteitages sprachen u. a. der frühere elsässische Abg. G r u m b a ch und der Abgeordnete Leon Blum.
Der sozialistische Abgeordnete Leon Blum erklärte, fast alle Entschließungen der sozialistischen Verbände besagten grundsätzlich die Regierungsbeteili- gung. Die Sozialisten stellten aber eine Reihe von Forderungen auf, die der gegenwärtigen Lage entsprechen würden. Die Abrüstungskonferenz, sagte Blum weiter, werde nur insoweit zum Ziele führen, als Frankreich seine eigenen Militäraus- ?laben herabsetze. Die Abrüstung werde in Zn- unft noch notwendiger sein, wenn die Hitlerbewegung in Deutschland zur Regierung gelange.
Als Vertreter der Richtung, die gegen die Beteiligung der Sozialisten an der Regierung 'st, sprach Paul Faure. Er erinnerte daran, welche Folgen für die deutschen Sozialdemokraten und für die englischen Arbeiterparteiler die Regierungsübernahme und die Regierungsbeteiligung gehabt hätten. Die Radikalen, meinte er, würden die Bedingungen, die die sozialistische Partei für eine Regierungsbeteiligung stellen würde, zurückweifen.
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Im Resolutionsausschuß des Sozialistischen Parteitages brachte Leon Blum einen Entschließungstext ein, der 24 gegen 12 Stimmen auf sich vereinigte und folgendermaßen lautet: Die Partei ist der Ansicht, daß der Ernst der außen- und innenpolitischen Lage es ihr nicht gestattet, ein Angebot der radikalen Partei zur Zusammenarbeit in der Regierung mit einem glatten Nein zu beantworten. Eine Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Parteien setzt aber notwendigerweise ein gemeinsames Programm voraus.
Der Text des Programms wird von einem Ausschuß festgelegt werden.
Vor Eröffnung
der neuen französischen Kammer
Paris, 31. Mai.
Die am 1. und 8. Mai neu gewählte französische Kammer tritt morgen mittag zu ihrer Konstituierung zusammen. Die endgültige Gliederung der Fraktionen ist noch nicht erfolgt. Namentlich die Parteien, die man zur Mitte rechnet, haben sich noch nicht endgültig konstituiert. Auch innerhalb der linksrepublikanischen Gruppe Tardieus ist man sich noch nicht ganz einig, da etwa 20 Abgeordnete sich noch nicht darüber entschieden haben, ob sie bei der Fraktion bleiben, aber sich weiter nach links orientieren sollen. • Erst tn der übernächsten Woche dürste über die Parteigruppierungen endgültig entschieden fein. Bevor diese Entscheidung gefallen ist, kann man auch nicht mit Bestimmtheit fagen, auf welche Stimmenzahl eine auf rein ra- dikal-sozialrepublikattifcher Grundlage gebildetes Minderheitskabinett Hcrriot rechnen kann, das bis zum Augenblick als das Wahrscheinlichste zu gelten hat.
Wiener Universität geschloffen!
Wien, 31. Mai.
Montag vormittag kam es in der Universität, in ocr Technischen Hochschule und in der Hochschule für Welthandel zu schweren Zusammenstößen, die bis in die Mittagsstunden andauerten und zwar zwi- Sen nationalsozialistischen Studenten und ihren poli- chcn Gegnern, besonders auch jüdischen Studenten, von denen zwei schwere Verletzungen erhalten haben sollen. Die Hochschule für Welthandel ist geschlossen worden.
Im Zusammenhang mit den Vorgängen an der Universität versuchte mittags eine Gruppe von Studenten der Universität in die Judengasse der inneren Stadt vorzudringen, wo sich zahlreiche Trödlerläden befinden. Ein nationalsozialistischer Student wurde von einem Geschäftsmann mit einer Stange über den Kopf geschlagen, so daß der Student Verletzungen erlitt. Der Geschäftsmann wurde festgenommen, außerdem einige Personen wegen Ruhestörung.
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Wegen der gestrigen Studentenkrawalle ist auch die Wiener Universität bis auf weiteres geschlossen worden.
Dr. Gustav Struck:
3u Paul Baums Gedächtnis
Das malerische Natur' und Kunstideal eines deutschen Freilichtfanatikers
Nun da der schöngeistige Landschafter und fein- nervige Stimmungskünstler, der immer höher ins Licht ätherischer Helle hinaufstrebte, doch ins dunkle Reich der ewigen Schatten etngehen mutzte und gerade im hesperischen Lande unter unerschöpflich blauendem Frühlingshimmel — das Schicksal liebt zuweilen auch noch im Sterben solche Paradoxe! — die sonnenhungrigen Augen für immer schließen mutzte, erinnern auch wir uns wieder an den ehemaligen Kasseler Akademieprofessor, der vor gut zehn. Jahren hier sein Lehramt verließ, um glücklich wieder zu werden, was er vorher gewesen war und im Grund seines Herzens und seiner ruhelosen, weltverwanderten Seele immer gewesen war: ein freier Künstler ganz von eigenen Gnaden.
AIS ein solcher steht er ja auch längst jenseits allem Streit der Tagesmeinungen im Schutz der Kunst- geschichte, säuberlich registriert auf bet Grenzscheide zwischen alter und junger Generation. Vor ein paar Jahren, da er siebzig alt wurde, schrieb Karl Scheffler, der Künstler-Chronist unserer Zeit, ihm in „Kunst und Künstler" einen kleinen, vielsagenden Glückwunsch beinahe am Rande: „Es ziemt sich, dieses Tages zu gedenken, obwohl Baum im letzten Jahrzehnt mehr und mehr aus unserem Gesichtskreis verschwunden ist, weil Baum einer der ehrlichsten Kunstarbeiter der verstossenen Epoche gewefen ist, weil er immer der Sache, nie dem äußeren Erfolge gelebt, sich nie vorgedrängt, sondern sich ein Leben nach seinen Bedürfnissen und Ueberzeugungen geschaffen hat. Er hebt dann noch als Charakteristikum der Baumsschen Eigenart seine „reinliche, in ihrer etwas dünnen Trok- kenheit anmutige und persönliche, Zeichnerisches und Koloristisches fein vereinigende Landschastskunst hervor.
Man hat das Heiter-Anmutige und Aesthetisch- Herbe, die Klarheit und Durchsichtigkeit, Leuchtkraft und Schönheit der Bilder Paul Baums in Kassel oft genug bewundern können. Bereits 1920 zeigte der Kunstverein eine größere Schau. 1922 auf der großen. Orangerie-Ausstellung standen diese Proben einer in ihrer Sensibilität und ästhetischen Lustigkeit höchst gesteigerten Eindruckskunst neben den mehr Heimat- un derdverbundenen seiner Freuedn Karl Sani»
zer und Wilhelm Thielmann. Damals konnten, ja mußten sie neben den kosmischen Fratzengesichlen und Zuckungen, den leeren Abstraktionen und bizarren Primitivitäten einer „in der Verwesung blauen Glorienschein getauchten" neusachlichen oder neuromantischen Welt das verwirrte Auge des Beschauers mit den überschlanken, zart verästelten Bäumen auf einfacher Landstraße, mit dem flimmernden Wiesenbruch, der aus ganz wenigen, tonangebenden Farbwerten, etwa helldunkelgrün und lila zu unerhörter Eindring- lichkeit gestaltet war, mit den unkomplizierten Nalur- ausschnitten, die von knospendem, leuchtendem, schwingendem, geheimnisvoll ausglühendem und blühendem Farbenglanz förmlich überschüttet waren, unendlich angenehm berühren, ja auss höchste entzücken, wenn auch die unverkennbare Neigung zu harmonischster Formabklärung, zur gewähltesten, ästhetischen Konstruktion, zum Artistisch-Kultivierten (das meint Scheffler wohl mit der dünnen Trockenheit) nicht ganz übersehen werden konnte. Als Saum 1927 wieder auf der Jubiläums-Ausstellung zur 150-Jahrfeier der Akademie erschien, da bot man ihn schon in den Stufen seiner Flandern- und Holland Bilder, der Motive aus Weimar, Taormina u. a. als eine historisch abgeschlossene Persönlichkeit, um tn den leisen Wand- lungen von Malweise und Auffassung sein Wachsen zu deuten. Jetzt hängen auch zwei cvarakterrsttsche Kompositionen, eine Weiden- und Bachlandschaft und bte Kirche von St. Anna tn der Städtischen Galerie.
Dieser Paul Baum, den man heute so bequem unter dem unschönen Schlagwort Nevimpressionismus in den einschlägigen Darstellungen moderner Kunst nachblättern kann, war durchaus kein so Allzeit-Fertiger- sondern auch ein Gewordener, der sich erst zu der ganz persönlichen und intimen Behandlung des landschaftlichen Problems durchdringen mußte, die ihm eignet und die ihm darum einen bleibenden Platz in der Geschichte aller Kunst überhaupt sichert. Er hat übrigens, was meist weniger beachtet wird, nicht erst von Den Franzosen und dem Kreis um Seurat, den eigentlichen Schöpfer und Gesetzgeber der letzten Reo- Phase des Impressionismus (der übrigens schon tot war. als Saum 1894 mit den Neoimpresstonisten im flandrischen Knocke in Verbindung trat), um Sigune
und Rysselberghe, sondern bereits als Jüngling in der Meißner Porzellanmanufaktur wichtige, bestimmende, künstlerische Anregungen erhalten, denn er stammte ja aus Meißen, wo er 1859 als Sohn eines Schiffskapitäns geboren war.
Vom Vater hat er wohl die alte, unstillbare Weltfahrersehnsucht und den augenseligen Drang nach immer neuen Naturwundern im Blute gehabt, denn es hat ihn, nachdem er bei Preller dem Jüngeren in Dresden, bei Hagen in Weimer und weiter in Dachau genug studiert hatte, weit Herumgetrieben durch Frankreich und Italien, nach Böhmen und den Balkan, ja bis nach Konstantinopel an die Pforten des Orient?. Am liebsten aber weilte er wohl in Flandern, in Holland-Belgien, besonders in dem Grenzort St. Anna ter Mulden, denn dort in der Nähender Küste und in der Weite des Landes hatte er wie aus Gottes erster Hand, was er inbrünstig in und hinter den Dingen suchte. Bereits 1883 erhielt er feine erste Auszeichnung, die silberne Medaille in München. Schon vor der entscheidenden Wendung zum Neoimpressionis- mus durch den Kreis von Knocke interessierten feine eigenartigen Landschaften im Pariser Salon.
Baum hat die französische Doktrin des Pleinair die Freilicht-Seligkeit nicht in dem Sinne eines unabänderlichen Schulbegrisfes aufgefaßt und nicht mit experimenteller Sorgfalt die Kombinationen unvermischter Farbtupfen sauber nebeneinander gesetzt, lieber das Ateliermäßige, das Verdünnte und Zuge- spitzte des neoimpressionisttschen Stiles, überhaupt über das Rein-Rationale und Optisch-Sichtbare der angeschauten und wiedergefpiegelten Dinge wollte er wohl auch hinaus. Dabet mag er scheu auf den wilden Genius germanischen Geblütes, der an Holländischem aufstrebte, Vincent van Gogh geblickt haben, wenn seine ekstatische Mystik der Wirklichkeit ihm auch unerreichbar bleiben mutzte. Er, der mit den Weima- rischen und Düsseldorfer Landschaften groß geworden war, erfüllte als ein geschickter Mittler zwischen diesseits und jenseits des Rheins die ihm willkommene atmosphärische Technik mit deutscher malerischer Naturgesinnung, nicht eigentlich mit Gefühl, aber doch einem wärmeren geistigen Mitschwingen, als es die strenger obzektivere französische Analyse der Farb- unb Lichtbrechungen erlaubte. So konnte ihn 1918 fein Freund Bantzer als Lehrer an die von ihm geleitete Kasseler Akademie holen, wo er auch die Licht-. und Lebenspunkte der hessischen Natur und Welt um Kassel und Marburg aufspürte, wie er in Südfrankreich, Italien ober Böhmen auf seine Art das Flüchtige der geahnten Landschaftsseele in sarbliche, feinste Vitalität umgesetzt hatte. Er gewann einen anhänglichen Freundeskreis, wie et ehedem mit Aign«, Fetteten
Rops ober Camille Pissaro unter den Pointillisten verbunden war.
Ein eigentlicher Heimatkünstler in unausweichlich- schicksalhaftem Sinne ist Saum auch im Hessen lande nicht geworden, zog es ihn boch am Ende wieder nach Italien, um dort zu sterben, aber er hat sein hessisches Erleben mit all der Zartheit und Innigkeit seiner geläuterten Phantasie und der disziplinierten Pinselführung seines leichten, übrlegenen Gestaltens verklärt als schlichte, farbliche und zeichnerische Denkmale stiller Andacht und Versenkung, daß man auch in den Blättern hessischer Kunst diese zierliche Handschrift des vielleicht geistvollsten deutschen Freilicht-Fanatikers zwischen den Andern nicht mehr missen möchte.
Die thüringische Theaterkrise. Nach einer Acußerung des thüringischen Finanzministerium erscheint es überhaupt fraglich, ob die thüringischen Bühnen den neuen Spielplan eröffnen werden. Das Finanzministerium erwägt, um die notwendige Rationalisierung des thüringischen Theaterwesens zu erzielen, einmal grundsätzlich alle bisherigen Subventionen zu sperren, damit zwangsläufig die Theaterkrise einer etwaigen Lösung zugeführt werden kann. Die Einnahmen der Thüringer Landestheater sind nach einer Denkschrift, die dem Thüringer Landtag borgelegt «orden ist, erheblich hinter den Voranschlägen zu- rückgeblieben, und zwar in Weimar um rund 27 Prozent, in Meinungen um 25 Prozent, in Altenburg um 12 Prozent und tn Sondershausen um 23 Prozent. Leo Frobcnius bricht zur neuen Expedition auf. Der Afrikaforscher Leo Frobenius bricht in diesen Tagen zu feiner zehnten Erpedition nach Afrika auf. Er wird von einigen Assistenten des unter seiner Leitung stehenden Forschungsinstituts für Kulturmorpho- logie in Frankfurt am Main begleitet. Die Expedition geht in das tripolitanische Gebiet der Sahara, in der Hauptsache, um die Felsbilder in der Gegend zwischen Nurzuk und Ghat zu erforschen. Frobenius bat schon auf früheren Reisen der Felsbilderforschung seine besondere Aufmerksamkeit zugewandt und ein großes Archiv dieser Kulturerzeugnisse aus der Früh- zeit ber Menschheitsgeschichte zusammengetragen. Das Reisegebiet ist ferner ausgezeichnet durch Kulturgüter aus ältester Zeit, die den griechischen Schriftstellern unter dem Namen der Garamanten-Kultur bekannt waren und von ber zentralen Sahara aus in den westlichen Sudan eingebrungen sind. Die italienische Regierung bat die Vorbereitungen zu dieser Expedition mit großem Wohlwollen gefördert.
Weiteres Feuilleton siehe 3. Seite, 2. Beilage.