4. Seite — 4. Beilage
Kasseler Neueste Nachrichten
MONTROSE
29
Kriminalroman vtm Sven Elvestad
Mit einigem Recht konnte man darum annehmen Katz der Vicomte die Beschäftigung bei der Polizei gesucht hatte, um einige Stunden toizuschlagen. Seine besondere Lebensaufgabe schien zu sein, die Langeweile zu bewältigen und dabei hatte er die ganze Skala von Vergnügen und Zeitvertreib bereits durchlaufen, bis er zu dem Resultat gekommen war, datz das Vergnügen selbst ihm eine Quelle zum Lebens- überdruh war. Und darum hatte er andere Sensationen gesucht. Der Begriff Arbeit war ihm eine Zeitlang Sensation gewesen, bis er die äutzere Potenz derselben in der unberechenbaren, nervenaufreizenden Arbeit der Polizei gesunden hatte. Mit diesem Mann nun verhandelte Krag. Der Vicomte saß zusammengesunken in seinem Frühlingsüberzieher wippte mit seinem blanken Lackstiesel auf und nieder, während er Krags Auseinandersetzungen lauschte. Seine Augen waren halb geschloffen, das Haar klebte ihm feucht an der Stirn; in diesem Augenblick, wo er halb zu schlafen schien, konnte man sehen, datz er trotz seiner Jugend von Lebensüberdrutz verheert war.
„Wenn ich Sie recht verstehe," sagte er, „so soll ich Dora im „Pfau" aufsuchen. Hu,' ich kenne sie, sie trinkt wie ein Schwamm und kreischt so verflucht."
„Darein muffen Sie sich finden."
„Das werde ich auch. Haben Sie übrigens nicht bemerkt, datz alle verbrecherischen Frauen Dora heißen? Warum heißen sie nicht Cacilia? Ich wage zu behaupten, daß Eltern, die ihr Kind Dora nennen damit eine furchtbare Verantwortung übernehmen. Wenn ich jemals eine Tochter bekomme, werde ich sie Cäcilia nennen. Damit habe ich getan, was in menschlicher Macht steht, um sie vor der Verbrecherbahn zu retten.
Ich soll also heute abend Dora die Kur machen. Gott, wie wird sie entzückt sein! Erst aber werde ich ins Grand Hotel gehen und mir ein Soupe zu Ge- müte führen, Champagner, einen alten Kognak zum Kaffee, einen Whisky oder zwei, um Mut und Kraft zu bekommen. Darauf werde ich zu Dora eilen!"
„Denken Sie nicht ans Geld dabei."
Pol hob müde die Augen.
Dazu werde ich wahrscheinlich keine Zeit haben. Dora wird mir genug zu denken geben. Ans Geld pflegt übrigens Dora zu denken."
„Vergessen Sie aber nicht, daß ihr Freund, der Märchendichter, ein großer und gefährlicher Verbrecher ist, dessen wir habhaft werden müssen. Durch Dora."
Pol war offenbar bereits in seine Berechnungen vertieft. Halb zu sich selbst sagte er:
,^Jch nehme an, datz Hans Christian nicht im Lokal ist. Die wirklichen Freunde der Mädchen pflegen bei den abendlichen Belustigungen nicht zugegen zu fein. Er schwebt im Hintergrund. Hin und wieder hört man seine Stimme im Hause, wie ein drohen- des Gemurmel hinter der Wand. Ich stellte mich, als. ob ich berauscht wäre, stark berauscht, obgleich es etwas anstrengend ist. Dann mit Dora nach Hause, Champagner nehmen wir mit. Geschlossenes Automobil, nein, besser offenes, bravo. Dann schlafe ich auf dem Sofa ein und Dora befühlt mich versuchsweise. Ich springe auf und schlage einen furchtbaren Lärm drohende, grobe Männerstimme hinter der Wand Ich ergebe mich nicht, gieße Dora Champagner über den Kops, Dora schreit. Die Tür wird aufgerissen und der Märchendichter stürmt herein. Ich spiele die Rolle eines sinnlos Betrunkenen, werde die Treppe hinuntergeworsen und gelange auf die Stratze hinaus, wo ich einige Schutzleute über den Haufen zu rennen versuche, die mich verhaften. Ich aber zeige erbittert auf eine falsche Hausnummer, während Dora und ihr Märchendichter hinter der Gardine stehen und sich totlachen. Eine halbe Stunde später werde ich ins Polizeiamt gebracht, wo ich plötzlich nüchtern werde und zu Ihnen sage: Lieber Krag, die Adresse ist Pelikansttaße 32. Versuchsweise."
Krag klopfte ihm ermunternd die Schuller.
„Recht so," sagte er, „Sie können Ihre Sache am Schnürchen."
„A—b—e—r," murmelte Pol und senkte nachdenklich den Kopf, „es wäre ja auch möglich, daß Dora sich in mich verliebt, das wäre nicht — bravo."
Plötzlich erhob er sich.
.^Jedenfalls werde ich mich kopfüber in die Affäre stürzen. Sagen Sie mir nur auf alle Fälle das eine: Sind Sie in der Nähe?"
„Möglicherweise," antworte Krag.
„Hiermit empfehle ich mich."
Da aber geschah es, datz Keller ins Zimmer gestürzt kam und die unerwartete Mitteilung machte, daß der Gefangene Arnold Singer den Wunsch geäußert habe, ihm ein Bekenntnis abzulegen.
XXX.
Vor der Entscheidung.
Keller sah triumphierend aus, als er diese Mitteilung machte, und hinter ihm stand ein Gefängniswärter mit einem rasselnden Schlüsselbund. Der Gefängniswärter nickte.
• „Ja, das hat seine Richtigkeit," sagte er. „Ich sollte von dem Gefangenen Nummer 42 grüßen und er möchte gern ein Bekenntnis ablegen. Während der
letzten Tage ist er still und verschlossen gewesen, offenbar bereut er und will sein Gewissen entlasten."
„Warum gehen Sie nicht zu dem Untersuchungsrichter damit?" fragte Krag.
„Well er sein Bekenntnis nicht vor der Schranke sondern in der Zelle ablegen will, sagte er."
„Und vor dem Prediger?"
„Er will mit keinem Priester sprechen."
„Warum aber gerade Keller?" fragte Krag weiter. Diese Mitteilung war ihm offenbar höchst überraschend gekommen.
„Natürlich, weil er Vertrauen zu mir gefaßt hat," warf Keller ein, nicht ohne einen gewissen Stolz.
Der Gefängniswärter fügte hinzu:
„Der Gefangene hat ausdrücklich gewünscht, sich Herrn Keller anzuvertrauen."
„Kanute er ihn vielleicht?"
Nein, er sagte nur, daß er mit dem Detektiv in dem gelben Khakianzug sprechen möchte."
Krag betrachtete Keller, der einen gelbbraunen Khakianzug trug, der bei Hitze so praktisch ist. Er selbst. Krag, trug einen gewöhnlichen schwarzen Jacketianzug. Ein Mißverständnis war ausgeschlossen. Singer hatte Keller gemeint.
Keller lachte herausfordernd.
„Sie si,.d wohl paff, nicht wahr, lieber Freund," sagte er.
„Keineswegs," antwortete Krag, „ich bin nie erstaunt, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Ich bin immer auf Ueberraschnngen vorbereitet."
„Ich sehe bereits die Zeitungen morgen früh vor mir," fuhr Keller in demselben neckenden Ton fort „Der Gefangene hat gestern dem tüchtigen Detektiv Sirius D. Keller ein vollständiges Geständnis abgelegt ---klingt das nicht gut? Dergleichen hat
immer einen günstigen Einfluß auf die Beförderung. Aber ernsthaft gesprochen Krag, das ist nur Scherz von mir. Ich weiß ja, welchen wesentlichen Anteil Sie an der Arbeit in dieser Sache haben. Sie sollen mich auch ins Gefängnis begleiten... Aber zum Teufel, warum starren Sie mich denn fo an?"
Asbjörn Krag betrachtete feinen Kollegen von oben bis unten, eifrig forschend, als ob er plötzlich etwas Eigentümliches an ihm entdeckt habe.
„Es fällt mir zum erstenmal auf," sagte er, „wie verschieden wir beide im Grunde sind. Ich bin groß mager und sehnig, wie ein Bergsteiger, Sie sind mittelgroß und muskulös, wie ein moderner Sportsmann. Der Khakianzug steht Ihnen übrigens gut. Sie sollten stets in Khaki gehen. Wenigstens in dieser Jahreszeit. Sie Sonne sticht bereits wie mitten sm Sommer."
„Zum Donnerwetter, was soll das bedeuten?" rief Keller ärgerlich und runzelte die Stirn. „Machen Sie sich über mich luftig?"
„Keineswegs," antwortete Krag und reichte ihm die Hand. „Ich pflege nur so ins Blaue hinein zu schwatzen, wenn ich an etwas ganz anderes denke."
Sonnabend, 28,/Sonntag, 29. Mai 1932
„Wollen Sie mich ins Gefängnis begleiten?"
„Fa, ich werde Sie begleiten, um sestzustellen, datz ich hinausgeworfen werde."
„Von wem?"
„Von dem Gefangenen."
„Wie beliebt? Wie follte ein Arrestant es wagen, Sie hinauszuwerfen?"
„Wenn der Gefangene sagt, datz er den Mund nicht auftun wird, solange ich in der Nähe bin, dann nenne ich es mit einem milden Ausdruck, datz ich hinausgeworfen werde."
„Wir werden fehen."
„Aus diesem Grunde gehe ich mit."
Pol erhob sich.
„Wenn ich recht verstehe," sagte er, „ist meine Expedition jetzt überflüssig geworden."
„Jrn Gegenteil." fagte Krag, „sie ist jetzt erst recht notwendig."
„Gut, daun wird es Zeit, daß ich verschwinde."
Er nahm feine Brieftasche heraus, zählte die hohen Scheine und brummte befriedigt.
„Da ich ausgehe, um mich bestehlen zu lassen," sagte er, „wünsche ich um einen anständigen Betrag bestohlen zu werden. Ich bin ein Mann von Ehre."
Krag trat ans Fenster, um Pol im Auto abfahren zufehen. Schlank und elegant lehnte er sich graziös in die Ecke des Autos zurück. Dann fuhr er ab.
Bevor die beiden Detektive sich ins Gefängnis begaben, fragte Krag:
„Haben Sie den Rapport über das Gefängnisgesicht gelesen?"
„Ueber Georges, ja. Und ich muß gestehen, daß ich selten so überrascht worden bin. Das bringt uns der Lösung ja nicht um den kleinsten Schritt näher, die Affäre George, ist eine Sache für sich, eine Rache- lat, die ganz und gar nichts mit der Affäre Montrose zu tun hat."
„Sehr richtig," antwortete Krag, „und gerade solche Fälle machen die einfachste Sache so undurchdringlich geheimnisvoll. Nach Georges' Bekenntnis habe ich seine Angaben Punkt für Punkt durchgeprüft und sie haben sich alle als richtig erwiesen. Uebrigens hatte ich bereits, als ich den Brief von dem Gefängnisdirektor bekam, in dem er Charlies gemeine Verräterei und Georges' unglückliche Grübeleien erwähnte, das bestimmte Gefühl, daß Georges nichts mit der Affäre Montrose zu tun habe. Durch einen reinen Zufall haben der Fall Montrose und der Fall Georges sich gekreuzt.
Fortsetzung folgt.)
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