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Kchckr Neueste Nuchnchten

Nummer 112*

Sonnabend/ Sonntag, 14./1S. Mai 4932

22. Jahrgang

politische pfingstruhe in Berlin

Das Kabinett unterbricht seine Sitzungen / Neue pariser Pressestimmen zum Rücktritt Groeners / Riesenprozeß gegen Thorsten Kreuger

Oie Woche -er Entscheidungen

Von unserer Berliner Schriftleitung.

I Als Kandidaten für das Reichswirtschaftsministe- Äums bezeichnet dieGermania" nach wie vor

Erneuerung -erDeutscheu

Eine Pfingstbetrachtung.

Im deutschen Volk, mehr als in jedem. andern, find die Gegensätze seines geschichtlichen Lebens stark und zahlreich. Die englische, die französische, die ame­rikanische Entwicklung ist jederzeit einheitlicher, ge­regelter und sicherer gewesen; ein breites Gleichmaß kennzeichnet die Geschichte dieser Völker, und dieses breite Gleichmaß ermöglichte die Bildung ganz be­stimmter Menschentypen, die wir als spezifisch franzö­sisch, englisch, amerikanisch kennen. Der französische Grandseigneur, der englische Gentleman, der ameri­kanische Sportsmann sind Gestalten dieser ausgebil­deten und feststehenden Menschcnarten. Hiermit scheint bei den die Welt heute beherrschenden Völkern des Westens ein endgültiger Zustand erreicht zu sein. Ihre Geschichte dürfte im Prinzip vollendet sein. Was ihnen noch bevorsteht, ist Durchbildung in Ein­zelheiten, Verbeflerung, Erhaltung des Bestehenden.

Nichts davon bei den Deutschen! Hier ist kein end­gültiger Zustand erreicht, hier ist ein Abschluß des Wesentlichen nicht gefunden. Die ganze deutsche Ge­schichte zeigt in ihrem Verlaus jähe Ausstiege, rasche Abstürze, Katastrophen, Verhinderungen, Ueberlage- rungen, lange teilnahmslose Perioden. Auf die un­geheure Kraftanspannung des Weltkrieges folgt das Chaos der Reyolution und Parteiungen, in denen kaum eiu Mensch mehr eine innere Sicherheit des Willens, des Glaubens, des Bewußtseins, des Blutes und mithin auch der Tat besitzt. Immer sind diese Zeiten der Verworrenheit und der Apathie zugleich Zeiten der schweigsame»,, nach außen kaum bemerk­ten Kräftesammlung gewesen. Immer hat sich in Einzelnen unbekannt jene seelische Erneuerung voll­zogen, welche dann die. Voraussetzung -des neuen Aufstiegs, der neuen Größe geworden ist.

Es ist in Deutschland immer die Veräußerlichung, aus der die Niederlage entstanden ist und damit der Zwang einer neuen, unerhörten Anspannung aller Kräfte, um zu einer neuen Gestaltung und zu einem neuen Siege zu gelangen. Es ist in Deutschland immer die Innerlichkeit, aus der die Ueberwindung der Niederlage entstanden ist. Jene Zeiten der geist­losesten Vergeudung der innerlichsten Mächte der Deutsche» sind es, die Deutschland immer wieder an den für die Deutsche» scheinbar notwendigen Rand des Abgrundes gebracht haben, in welchem die Kräfte der Tiefe gärten. Es sind dieselben Zeiten, in denen die besten Werke der anderen Nationen zugleich im­mer besser verstanden worden sind, als biq des eige­nen Volkes.

Die Ncugeburt der Deutschen ist immer eine Folge der größten Notwendigkeit jedes geschichtlichen Le­bens, nämlich des seelischen eigenen Lebens. Jede Er­neuerung des Volkes ist seelische Erneuerung; die politische, die künstlerische, die wissenschaftliche, die philosophische Selbständigkeit, Kraft und Wirkung entstammt diesem verborgenen Quellpunkt des Le­bens: der Seele.

Die Deutschen bedürfen jener Wiedergeburt, die für die anderen Völker deswegen nicht notwendig ist, weil ihre Beständigkeit gewährleistet ist, weil ihr innerer Bestand, der an Tiefe und Möglichkeit nicht dem deutschen entspricht, seine Form bereits gesunden hat. Die deutsche Form aber mußte immer wieder zerbrochen werden, weil hier ein reicher Inhalt jede Grenze zu sprengen drohte und sie oft genug auch gesprengt hat.

Es kann hier gefragt werden, was denn das fei: die Seele. Die Seele, in der im Letzten die Grund­elemente deß ruhen, das wirVolk" nennen, ist eine einzigartige Verbindung von Instinkt und Geist, von Blut und Bewußtsein, eine innere Einheit dieser bei­den Elemente, die die orgamsche Notwendigkeit in sich tragen, sich im Leben dieser Erde zu bewähren, sich zu betätigen, sich auszudrücken. Und dieser Wille der Seele zur Betätigung, zum Leben, zum Ausdruck ist der Wille zu sich selbst, zu dem eigenen Volk. Es ist der Lebenswille aus innerer Notwendigkeit. Es ist nicht ein verdrängter ressentimenthaster Drang zur Gewalt, welche jeder inneren Berechtigung entbehrt, sondern es ist der unhemmbare Drang des Wach­tums aus ihrer selbstsicheren Fülle der Innerlichkeit, die nicht im Winkel leben und in Verkümmerungen eiiftiercn kann, weil damit das Wachstum selbst er­stickt werde» würde.

Der heutige Zustand in Deutschland ist nahe ver­wandt jenem äußersten Druck, der die Welle aus das Höchste erhebt, jenem Druck, der durch sein Gewicht die Gegenkräfte auslöst, die ibn ' eseitigen werden. Die Erscheinung eines neuen Geistes geht in den dunkel­sten Zeiten vor sich; die Wiedergeburt ringt sich aus jenen Krämpfen los, welche Todeskrämpfe zu sein scheinen und die in der Wirklichkeit Geburtskrämpfe sind. Mit anderen Worten: dort, wo Wiedergeburt möglich ist, da ist sie notwendig, und dort kann sie sich nicht anders vollziehen als durch die äußerste Not des Chaos, der Verzweiflung und der Hilflongkeit, deren Druck sie erst aus den Tiefen der Mütter in das Licht des Lebens bringt. Es ist das 2piel der

th. Berlin, 14. Mai.

Nach den politischen Aufregungen und Arbeiten dieser Woche ist mit dem heutigen Tage vollstän- dige Feiertagsruhe eingetreten, die über das Pfingstfest hinweg anhalten wird. Tas Reichskabi­nett hat am Freitag abend seine Beratungen über den Etat, über das Arbeitsbeschaffungsprogramm und die damit zusammenhängenden Finanzierungsfra­gen unterbrochen und wird sie am Dienstag nach­mittag fortsetzen. Schon der heutige Psingstsonn- abend wird daher politisch vollkommen still sein. Es besteht die Möglichkeit, daß der Reichskanzler und einige Kabinettsmitglieder die Feiertage außerhalb Berlins verbringen werden, aber größere Reisen kommen nicht in Betracht, da, wie gesagt, die Ka­binettsberatungen bereits am dritten Feiertag fortgesetzt werden.

Man hält es für wahrfcheinlich, daß die Be­ratung des Etats in der zweiten Hälfte der näch­sten Woche abgeschlossen werden kann; auch alle anderen Entscheidungen, besonders auf personal politischem Gebiet, so vor allem die Neubesetzung der Reichswehrministeriums und des Wirtschaft» ministeriums, werden erst in der zweiten Hälfte der nächsten Woche zu erwarten fein.

Reichspräsident von Hindenburgs wird im Lause der Pfingsttage den Besuch des Staatssekre tärs Meißner in Neudeck empfangen, aber es steht noch nicht fest, ob auch der Kanzler sich nach.Neudeck begibt. Dies gilt vor allem angesichts der Kabinetts- berätungen als unwahrscheinlich, und es ist möglich, daß die Neuernennungen der beiden Minister erst nach der Rückkehr Hindenburgs nach Berlin voll­zogen werden.

Diese Pfingstruhe gibt einigen Blättern Anlaß zu grundsätzlichen politischen Betrachtungen. So hebt dieGermania" vor allem hervor, daß die Reichs­regierung mit vollem Rechte diese Ruhepause ein­treten lasse, und daß damit gleichzeitig der Umstand zum Ausdruck komme, daß die lokale Krise innerhalb des Reichskabinetts in keiner Weise geeignet sei, die Regierung vom Wege und Ziel ihrer Politik irgend­wie abzubringen. Die Reise des Reichspräsidenten nach Neudeck zeige ferner, daß auch die L ö f u n g der unter so merkwürdigen Umständen eröffneten Groener-Krise nicht überstürzt werde. Die Neu­besetzung dieses Ministeriums müsse sehr sorgfältig überlegt werden.

Paris, 14. Mai.

Auch die heutige Morgenpresse beschäftigt sich ein­gehend mit dem Rücktritt Tr. Groeners als Reichs- wchrminister. Ein Teil der Blätter behauptet sogar, in Deutschland stehe eine Militärdiktatur bevor

lieber die Ursachen dieses Schrittes ist sich die Presse von links bis rechts ziemlich einig und hält sich im allgemeinen an das, was ihre verschiedenen Ber­liner Korrespondenten ihr berichtet haben. Nicht alle allerdings gehen soweit wie ein gelegentlicher Mit­arbeiter desEcho de Paris", General Tour- n es, der der französischen Mission in Berlin ange- hort hat. General Tournes sieht in dem Rücktritt Groeners eine Folge von Interventionen der Gene­rale des Reichswehrministeriums. Man dürfe aber nicht so kindisch fein, zu glauben, so schreibt er, daß sich die Generale zu einer so gewichtigen Handlung deshalb entschlossen hätten, um etwa Hitler zum Dik­tator Deutschlands zu machen. Für sic und auch für die ehemaligen Offiziere der alten kaiserlichen Armee, von denen viele jetzt bei Hitler ständen, sei der Füh­rer der nationalsozialistischen Partei nur ein Instru­ment, mit dessen Hilfe sie an der Wiederherstellung der Monarchie (!) arbeiteten.

Journal" interessiert mehr die Frage, wie es ge­lingen könnte, der etwaigen Folgen einer für Frank­reich ungünstigen Entwicklung Herr zu werden. Das Blatt erklärt, man könne sie nur durch einen ruhigen und unerschütterlichen Widerstand zügeln. Das Blatt setzt hinzu: Das müssen die Franzosen einsehen, jetzt, wo es sich darum handelt, über ihre Zukunft zu entscheiden.

Kräfte, das nur im Kamps sich auf die Dauer be­währen kann. Aus den Gegensätzen entsteht die Ein­heit.

Seit dem Kriege erleben wir immer wieder in tausend Erscheinungsformen die Ankündigung einer Zeit, in welcher bei deutsche Geist zu feiner Erneue-

Dr. Goerdeler, unb es erklärt, das Kabinett Brüning werde jeden­falls wieder komplett fein, wenn cs sich im Reichstag zur Fortsetzung der aufgeflogenen Sitzung wiedersehe

DieD e u t s ch e A'l l g e m e i n e Z e i t u n g" be­schäftigt sich vor allem mit der Persönlichkeit des Reichspräsidenten und gibt ihrer Genugtuung darüber Ausdruck, daß der Reichspräsident, unberührt um die politischen Explosionen in Berlin, seinen Psingst urlaub angetreten habe. Es handele sich jedoch bei dieser Reise nicht etwa um eine politische Demon­stration, denn schließlich könne man auch von Neudeck aus die notwendigen Entscheidungen treffen. In der Frage der Neubesetzung des Reichswehrministeriums tritt dieDeutsche Allgemeine Zeitung" im Gegen­satz zurGermania" für eine möglichst rasche Neu­besetzung ein. Das Blatt nennt dabei

in erster Linie den General von Schleicher, und es macht dabei die Anmerkung, daß die Lücke sich zu erweitern drohe, wenn sie nicht rasch geschlossen werde und daß bann eventuell in der Reichswehr mehr passieren könne als ein Personenwechsel an ihrer Spitze.

Oie parlamentarische Behandlung , des Etats

Die Melbung, baß bet Haus halt saus schuß des Reichstages für Montag, den 23. Mai, einberufen ist, hat zu der Annahme geführt, daß der Ausschuß zu dieser Zeit die Beratung des Etats beginnen könne. Darüber besteht jedoch noch keine Sicherheit. Selbst wenn bas Kabinett,, wie man mit Bestimmtheit an­nimmt, in ben letzten Tagen ber nächsten Woche ben Etat endgültig verabschiedet und an die parlamenta­rischen Körperschaften überweist, ist dennoch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß zunächst der Reichsrat ben Etat bearbeiten muß, ehe er an ben Reichstag ge­langt, unb baß bte Abkürzung des Verfahrens nur im Wegfall der ersten Plenarsitzung im Reichstag be­steht. Es ist noch fraglich, ob der Haushaltsausschuß des Reichstages den Haushaltsplan tatsächlich schon gleichzeitig mit dem Reichsrat erhalten wird.

Die radikal^Republique" schreibt, es sei Zeit, baß in Frankreich usw. eine Linksregierung zu- standekomme, baniit endlich die Politik desnegati­ven Nationalismus" durch eine bewegliche Politik abgelöst' wird, die Frankreichs und seiner Autorität in der Welt würdig ist.

Der sozialistischeP o p u I a i r e hält den Rück­tritt Groeners für eine Niederlage der Republik unb ber Demokratie. Jetzt müsse, so schreibt bas Blatt, Reichskanzler Dr. Brüning sich erklären.

Regreßklagen

gegen 3t>dr Kreugers Bruder

Stockholm, 14. Mai.

Der Justizminister erklärte bem BlattSvenska Morgeublabet", baß bas Kreuger-Moratorium sobalb wie möglich ausgehoben werben solle, nachbem ber Reichstag bie Regierungsvorlage über ein neues Kon­kursverfahren behanbelt habe, was voraussichtlich am .31. Mai erfolgen werbe. Unmittelbar danach werde bas Moratorium ausgehoben unb das Konkursverfah­ren eingeleitet werden.

Eine der ersten Folgen des Konkurses dürfte, laut Dagens Ryheter", eine Anzahl großer Regreß- ansprüche gegen ben Bruder des Zündholzkö- nigs, Generalkonsul Thorsten Kreuger, fein. Zwischen ben beiben Drüber» sollen angeblich wäh- renb bei letzten Monate vor bei Katastrophe große Eeschäftstransaktionen zustanbe gekommen fein, bie Thorsten Kreuger 1015 Millionen Kronen zuge­führt haben sollen. Jedoch behauptet Kreuger, fein Bruder wäre ihm noch ein paar Millionen schuldig.

rung drängt und die Innerlichkeit der Deutschen sich wieder auf sich selbst besinnt, um wieder einmal zu seiner Gestaltung in dieser Welt zu kommen. Der Streit der Gegensätze treibt die Entscheidung voran Das Maß der Not bemißt den Gang zum Ziel.

Franz Schauwecker.

Oie Bendlerfiraße

W. P. Es ist merkwürdig, wie ähnlich sich in allen Ländern die amtlichen Kommuniques sehen; fast möchte man glauben, daß überall international ge­normte Formulare in Benutzung wären. Wenn etwa irgendwo ein ausländischer Staatsmann zu Besuch weilt, dann ist bestimmt, wo auch immer diese Visite in Szene gesetzt wurde, zu lesen, daß alle Probleme i in freundschaftlicher Weise und mit dem Willen zur Einigung erörtert worden seien, und wenn um diese Methode, ick recht vielen Worten wenig zu sagen, an einem zweiten Beispiel zu demonstrieren in diesem oder jenem Lande ein Minister von seinem Amte zurücktritt, so wird jeweils in der amtlichen Verlautbarung erklärt werden, daß der Betreffende die Aufgabe, die ihm gestellt worden sei, erfüllt habe, und daß er nun auf seinen Gesundheitszustand Rück­sicht nehmen müsse.

Eins dieser nach Schema F verfertigten Kommuni­ques ist der deutschen Oeffenilichkeit am Donnerstag beim Rücktritt Groeners vorn Wehrmi­ni st e r i n rn vorgesetzt worden, und wir haben be­reits gestern Anlaß genommen, das Mißvergnügen, das diese Art unzulänglicher Unterrichtung in wei­ten Kreisen wecken muß, zum Ausdruck ;u bringen. In einer Zeit politischer Erregung und Bewegung, in einer Zeit, in ber jeder fühlt, daß sich neue Entwick­lungen anbahnen, ist es weder aus taktischen noch ans fachlichen Gründen ratsam, vor die Ereignisse einen Schleier zu ziehen. Denn es wird immer eine ganze Anzahl von Leuten geben, bte einen Blick hinter den Schleier werfen bürsten, ohne das sie freilich mit diesem einen Blick alles hätten überschauen und er­kennen können. Gerade dadurch aber wird der Legen- dcnbildung Tür und Tor geöffnet, und ganz gewiß dienen die Gerüchte, die halb auf Tatsachen nutz halb auf Kombinationen beruhen, der Sache weit weniger als die volle Wahrheit.

Die Sache, um die es bei dem Donnerstags-Kom­munique, das von dem Ausscheiden Groeners aus dem Reichswehrministerium in der oben gekennzeich­neten Weise berichtete, geht, ist einmal die Frage der politischen Unabhängigkeit der Reichs­wehr, und es ist zum anderen das Problem der po­litischen Führung. Trotz der Erklärung vonunter­richteter Seite" ,bie die Hinter gründe der Groener- schen Rücktrittserklärung kaum streifte, konnte es nicht verborgen bleiben, woher der Anstoß zu dem Schritte des Reichswehrministeriums gekommen war. Schon feit einiger Zeit, insbesondere aber seit dem SA.-Verbote waren immer wieder Gerüchte über Mei­nungsverschiedenheiten zwischen Wilhelmstraße unb Benblerstraße, zwischen bem Innen- unb Wehrmini- fterium aufgetaucht, und nach bem verunglückten Gast­spiel bes Ministers im Parlament wurden aus den Gerüchten Behauptungen, bie nicht mehr überhört werden konnten. Der gestrige Bericht unserer Berli­ner Schriftleitung hat denn auch die Dinge im richti­gen Lichte gezeigt, indem er den Abschied Groeners aus bem Wehrministerium mit ber Haltung ber Generäle von Schleicher und von Hammerstein und des Admirals Raeder in Zusammenhang brachte. Warum ging das Kommunique über diese Zusam­menhänge mit nichtssagenden Redensarten hinweg? Ahnte man nicht, daß die Ungewißheit, die Vermu­tungen beunruhigender wirken als klare Angaben? Jetzt wird bie ganze Angelegenheit von ben Parteien weiblich ausgeschlachtet: Die einen attackieren unb kri­tisieren bie ,^Junta" ber Generäle aufs heftigste, wäh- renb bie anderen bas Vorgehen ber Herren aus ber Benblerstraße mit einem eigenen Erfolg gleichsetzen; beibe schneiden aber damit, bewußt ober unbewußt, jene wichtige Frage an, von ber Sinn unb Beben- tung ber Reichswehr abhängen.

Die Reichswehr bient bem Staat, nicht ben Parteien", so heißt es im zweiten Artikel berBerusspslichten des deutschen Soldaten"; in dreizehnjähriger, mühsamer Aufbauarbeit ist die kleine Wehrmacht, die uns das Versailler Diktat ge­lassen hatte, bemüht gewesen, immer diesen Gedanken des Dienens zu verwirklichen. Es hat zwar niemals an Kritikern gefehlt, bie bieses oder jenes an ber Ar­beit ber Reichswehr auszufetzen hatte», aber bie Kri­tiker kamen von rechts unb von links, unb bie leiten« ben Männer konnten sich bamit trösten, baß biefe An­griffe von grundverschiedenen Seiten der beste Be­weis für die Richtigkeit des eigenen Kurses seien. An Versuchungen und an Versuchen, die Reichswehr irgendwie parteipolitisch in Anspruch zu nehmen oder sie doch wenigstens von parlamentarischen Einflüssen abhängig zu machen, ist gleichfalls kein Mangel gewe­sen. Umso mehr Anerkennung verdient es, daß Worte, wie sie General von Seeckt bei seinem Eintritt in die Heeresleitung verkündete, oder wie sie der Reichswehrminister in seiner letzten Neujahrsbotschaft aussprach, keine Phrasen blieben, sondern Richtschnur des Handelns wurden.Mit allen Kräften soll die politische Tätigkeit jeder Art vom Heere ferngehalten werden," fo hatte Seeckt kurz und knapp formuliert, was Groener ein paar Jahre später in folgende Sätze faßte:Es gibt, weit über Parteiwüttfchen unb -zie-

Paris kann sich immer noch nicht beruhigen

Eigeirer Drahtbericht.