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Kasseler Neueste Nachrichten

Der Aeltestenrat zu -en Zwischenfällen

Paris, 13. Mai.

Die große außenpolitische Rede Dr. Bru­ni n g s hat in Frankreich alle Leidenschaften geweckt. Während sich die Frühpresse zum größten Teile dar-- auf beschränkte, die Tribut- und Abrüstungsforderun­gen der Reichsregierung, so wie sie der Reichskanzler aufgestellt hatte, ausführlich wiederzugeben, bringen die Abendblätter ausführliche Stellungnahmen, in denen sie Deutschland der einseitigen Mißachtung der Verträge bezichtigen.

Die Ausführungen des Kanzlers, so schreibt der Temps", stellen hi der Geschichte der deutschen Au­ßenpolitik einen Markstein dar. Brüning habe dies­mal die Maske fallen lassen und sich mit brutaler Of­fenheit für die nationalistische These in der Abrü- stungs- und Reparationsfrage eingesetzt. Von nun an bleibe es sich ziemlich gleichgültig, ob die Nationalso­zialisten in die Regierung eintreten oder nicht, da dies an der Außenpolitik des Reiches nichts ändern würde. Die Erklärungen des Kanzlers könnten nicht anders ausgelegt werden als dahin, daß Deutschland

bat in polizeilicher Hinsicht eine Art Exterritorialität. Der Reichstagspräsidcnt kann für die Vornahme po­lizeilicher Handlungen Kriminalbeamte ansordern, die nach seiner direkten Weisung handeln, z. B. wenn es sich um die Entfernung eines widerspenstigen Ab-' geordneten aus dem Saale handelt. Er kann aber auch die Durchführung einer Untersuchung dem

Organisator und Truppenerziebcr genießt General von Hammcrstein hohes Ansehen.

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Admiral Dr. h. c. R a e d e r ist etwas älter als die beiden Generäle. Er stebt heute im 57. Lebens­jahre. Der Admiral, der seit dem 1. Oktober 1928 an Stelle Zenkers Chef der Marineleitung ist, war 1894 in die kaiserliche Marine eingetreten. Hebet mehrjährige Frontdienstzeit kam er 1911 zum Stabe des Befehlshabers der Aufklärnngsschiffe Nipper. Im Kriege tat Raeder Dienst als Chef des Stabes auf derSeydlitz", um später Kommandant der Köln- zu werden. In der Nachkriegszeit bekleidete er zunächst das Amt eines Inspekteurs des Bil- dnngswesens, um dann Befehlshaber der leichten Seestreitkräste der Nordsee und schließlich Chef der Ostseestation zu werden.

endgültig die Reparationslast abwälzen wolle und da­mit die im Haag freiwillig unterzeichneten Verträge vernichtet. Niemand könne heute annehmen, daß Deutschland sich als befriedigt erkläre und ehrlich mit den anderen Staaten zusainmen arbeiten würde, wenn man den großen Fehler begehe, seine Forderun­gen zu erfüllen. Die Rüstungsgleichheit und die Streichung der Reparationen seien nur die ersten Ziele der deutschere Außenpolitik, die man angesichts der au­genblicklichen Weltwirtschaftskrise am ehesten für die Verwirklichung bereit halte.

DasJournal de Debats" stellt ebenfalls fest, daß zwischen der Politik der Nationalsozialisten und der Dr. Brünings keinerlei Unterschied mehr bestehe. Heu­te handle es sich nicht mehr um Verhandlungen, son­dern um ein Ultimatum, das Berlin an die Welt und insbesondere an Frankreich richte. Von lieber- legung und Gerechtigkeit könne keine Rede mehr sein. Man stehe in Deutschland vielmehr einem geschlosse­nen Willen gegenüber, der sich auszwingen wolle und keinerlei Erörterungen zulasse.

Eine Erklärung der NSDAP.

Berlin, 13. Mai.

Der Vorstand der Nationalsozialistischen Reichs- tagsfraktion veröffentlicht zu den Vorkommnissen, die sich am Donnerstag im Reichstag abgespielt ha­ben, eine Erklärung, in der nach Schilderung des Nerlauss der einzelnen Vorfälle zum Ausdruck ge­bracht wird, daß der Reichslagspräsident, ehe noch die ausgewiesenen vier Abgeordneten den Saal hät- , ten verlassen können, die Sitzung aufgehoben und damit die Annahme der Mißtrauensanträge gegen die Minister Schiele, Schlange und Groener verhin­dert habe. Das sei von Anfang an der Zweck der Intervention gewesen. Die Tatsache der Zusammen­ziehung einer Reihe von Hundertschaften der Poli­zei im Reichstagsgebäude unter dem Kommando des Polizeivizepräsidenten von Berlin Dr. Bernhard Weiß und dessen Maßnahmen im Sitzungssaal stell­ten den größten politischen Skandal dar, den der Deutsche Reichstag bisher zu verzeichnen habe. Für die innen- und außenpolitischen Folgen mache die NSDAP, das Kabinett vor der ganzen Nation ver­antwortlich.

Neue Reichstagsfitzung am 6. Juni?

Das gewaltsame Ende der viertägigen Neichstagsseffion / Polizei im Reichstag

Abg, Hintzmann schließt sich der Deutschnationalen Bolkspartei an. Der Reichstagsabgeordnete Hintz- mann, der aus der Fraktion der Deutschen Volks­partei ausgetreten ist, hat sich jetzt als Hospitant der Fraktion der Deutschnationalen Volkspartei ange­schlossen.

Entscheidung in Wien erst nach Pfingsten. Die Verhandlungen über die Regierungsbildung sind entsprechend dem Ersuchen der Großdeutschen auf nächste Woche vertagt worden. In der Zwischenzeit soll das Programm der kommenden Regierung auf­gestellt und den beteiligten Parteien am Dienstag als Grundlage für die endgültigen Verhandlungen übermittelt werden.

der SPD Platz genommen. Dieser Jnurnaltst ge­hörte früher der nationalsozialistischen Partei an, ist dann ausgeschieden und hat vor kurzem eilte Bro­schüre über die bekannten Röhmbriefe veröffentlicht. Während er sich im Restaurant aufhielt, betraten mehrere nationalsozialistische Abgeordnete unter Füh­rung des Abgeordneten Heines den Raum schlu­gen auf Klotz ein und entfernten sich. Klotz verfolgte sie gemeinsam mit einem Reichstagsbeamten, um ihre Namen festzustellen, geriet aber dabei mit eiltet gro­ßen Zahl von Nationalsozialisten abermals ins Handgemenge und wurde ziemlich erheblich ver­letzt. Vom Präsidenten Löbe wurde nunmehr die Sitzung unterbrochen mit der Erklärung, daß dieser Vorfall zunächst polizeilich untersucht werden müßte.

Die Unterbrechung per Sitzung dauerte VA Stun­den und in dieser langen Pause wurden vielgestaltige Verhandlungen im Aeltestenrat und zwischen den Fraktionen geführt. Vor allem verlangten die Sozialdemokraten eine energische Sühne der Tat. Rach Wiedereröffnung der Sitzung teilte nunmehr Präsident Löbe mit, daß die vorläufigen Ermitt­lungen ergeben haben, daß die vier nationalsozialisti- schen Abgeordneten (ein fünfter war nicht zu ermit­teln) Heines, Weitzel, Stegman und Koch- Ostpreußen den Schriftsteller Klotz geschlagen hatten. Löbe erklärte, daß er zur gerichtlichen Verfolgung dieser Angelegenheit der Polizei das Recht zum selbständigen Vorgehen eingeräumt habe und außer­dem verhängte er den Ausschluß für biefe vier Abgeordneten aus 30 Tage. Er forderte sie aus, den Saal zu verlassen. Die Nationalsozialisten folgten dieser Aufforderung nicht und daraufhin erklärte Präsident Löbe, daß er die Sitzung unterbrechen müffe und daß er sich Vorbehalte eine neue Sitzung einzu- berufen.

Nachdem der Präsident seinen Platz verlassen hatte blieben die 9tbgeorbneten trotzdem im Saale. Die Nationalsozialisten machten keine Miene hinauszu­gehen und infolgedessen blieben auch die meisten an­deren zurück. So verging mehr als eine Viertelstunde.

Dann erschien Polizei-Vizeprüsident Weiß im Saale, begleitet von ungefähr 20 bis 30 uni­formierten Schupobeamten.

Er wurde von stürmischen Zurufen der National­sozialisten empfangen, die tbm,u. a. den Spottnamen Isidor" zuriefen. 'Die Polizchbeamten drangen nun in den Saal vor, wobei viele von ihnen über die Regierungsbänke hinwegsprangen. Die national­sozialistische Fraktion wurde umstellt und einige Ab­geordnete wurden unter stürmischem Protest der Frak­tion aber ohne tätlichen Widerstand zur Regierungs­bank geführt, wo ihre Personalien festgestellt wurden, und dann verließen die Beamten wieder den Saal.

Inzwischen hatte der Fraktionsführer Dr. Frick mit dem Polizeivizeprästdenten verhandelt und daraufhin begaben sich die vier Abgeordneten in ein besonderes Zimmer des Reichstags, wo sie von einem Kriminalrat vorläufig vernommen lvurden. Dabei gab der Abgeordnete Heines zu geschlagen zu haben. Ein anderer der vier bestritt, sich beteiligt zu haben.

Alle vier Abgeordnete wurden daraufhin auf das Polizeipräsidium gebracht, wo sie über nacht in Gewahrsam bleiben.

Heute sollen sie dem Schnellrichter vorgeführt werden da sie dringend verdächtig sind, eine Körperverletzung verübt zu haben. Inzwischen hatte sich der Sitzungs­saal langsam geleert.

Die Rechtslage ist folgende: Der Reichstag

Hessische Kunst im Rheinland. Dte Malergruppe Die Kurhessen", die zu Beginn des Jahres unter der Führung des Kasselers Malers Adalbert Metzger neu gegründet wurde, wird ihre ersten Ausstellungen junger hessischer Kunst in diesem Sommer im Rhein­land veranstalten. Die Gruppe, die die Künstler Jo­hannes Gott-Kassel, Walter Kramer-Borken, Adalbert . Metzger-Kassel, Heinrich Psorr-Hann. Münden, Arno Platzbecker Kastel, Rudolf Seiffert-Kastel und die Kasseler Malerin Maria Frieling umfaßt, wird auf Einladung des Museumsvereins in Aachen im dorti­gen städtischen Museum von 1. Juli bis zum 24. Juli und im Kaiser Wilhelm-Museum zu Kreield vom 1. August bis zum .30. September ausstellen, lieber weitere Ausstellungen im Rheinland schweben noch Verhandlungen.

th. Berlin, 13. Mai.

Wie wir bereits gestern im größten Teil nuferer Auflage gemeldet haben, hat die viertägige Reichs­tagssession ein völlig unerwartetes und gewaltsames Ende genommen durch einen Zwischenfall, der mit den eigentlichen Reichstagsverhandlungen überhaupt nicht in Zusammenhang steht, nämlich durch eine Schlägerei im Reichstagsrestaurant. Die Konsequenzen, die sich daraus ergaben, machten bie Weiterführung der Beratungen schlechterdings un­möglich und infolgedessen unterbrach der Präsident Löbe gegen t%4 Uhr die Sitzung mit der Bemerkung, daß er den Termin der nächsten Beratung noch anbe- raitmen werde. Der Aelte st curat hat gestern abend zwar noch keinen endgültigen Termin für die nächste Reichstagssitzung anberaumt, aber es gilt als sicher, daß das Parlament nicht vor dem 6. Juni zusammentreten wird, denn biefer Termin war schon in der Freitagsttzung des Aeltestenrates in Aussicht genommen worden. Es fehlt aber auch nicht an Stim­men, die der Meinung Ausdruck geben, der Reichstag werde vor der Beendigung der Konferenz von Lau­sanne, also vor Ende Juni überhaupt nicht mehr ein- berufen werden, denn im Reichstag bestehen zur Zeit derartig große Spannungen zwischen den verschiede­nen Parteien, daß jede Plenarsitzung eine Gefahr für das Kabinett Brüning mit sich bringt, und gerade angesichts der Konferenz von Lausanne will man jede Gefährdung der ReichSregie- rung unbedingt vermeiden.

Aus das parlamentarische Arbeitsprogramm hat diese gewaltsame Unterbrechung der Reichstagsver- handlungen keinen nenitenswerten Schaden angerich­tet, denn die beiden Hauptaufgaben, die für die dies­malige Zusammenkunft des Reichstags gestellt waren, sind wie wir gleichfalls schon in einem Teil der gestrigen Auslage'berichtet haben vorher gerade noch erledigt worden. Das Schuldentilgungs­gesetz einschließlich der Anleiheermächtigung ist vom Reichstage endgültig mit der erforderlichen Mehrheit angenommen worden, und die M tr an ens an­träge gegen das Gesamtkabinett sind mit 30 Stim­men Mehrheit abgelehnt worden. Was nun noch folgen sollte, war eine lange Kette von einzelnen An­trägen, darunter mehreren Mißtrauensanträgen gegen einzelne Minister, sowie eine Reihe kleinerer Vor­lagen. Die Abstimmungen darüber hätten den Reichs­tag wahrscheinlich noch 2 bis 3 Stunden beschäftigt. Der unfreiwillige Wegfall der Abstimmungen über die erwähnten einzelnen Mißtrauensanträge hat für meh­rere Parteien des Hauses vielleicht sogar eine recht fühlbare Erleichterung der politischen Situation ge­bracht, denn es wäre unter Umständen bei den Ab­stimmungen gegen den Minister Schiele und gegen den Minister Dietrich zu Schwierigkeiten bei der Mehrheitsbildung gekommen.

Oie Prügelei

im Reichsiagsrestaurant

lieber den Verlauf des Zwischenfalls im Reichs­tagsrestaurant ist was für einen Teil unserer heu­tigen Ausgaoe nachaetragen sei folgendes zu be­richten: Während tm Sitzungssaale die Verhand­lungen gerade bis zu dem Punkte gediehen waren, bei welchem man zu der Abstimmung über die Miß­trauensanträge kommen sollte, ereignete sich tm Reichstagsrestaurant der erwähnte Zwischenfall. Dort hatte der Schriftsteller Dr. Klotz an einem Tische

Berlin, 13. Mai.

Ter Aeltestenrat des Reichstages hielt, wie an anderer Stelle schon erwähnt wurde am Donnerstag nachmittag eine dreistündige Sitzung ab, in der er sich mit den schweren Zwischenfällen während und in der Plenarsitzung sowie mit der Frage des Wiederzusammentritts des Reichstages beschäftigte. Während der Sitzung des Aeltestenrates wurde be­kannt, daß auf das Zeugnis eines Journalisten hin, der gesehen haben will, daß auch Abg. Gregor Strasser (Natsoz.) sich an der Schlägerei beteiligt habe, die Polizei bestrebt sei, eine Zeugenaussage Strassers herbeizuführen. Da Strasser an den Ver­handlungen des Aeltestenrates teilnahm, warteten mehrere Kriminalbeamte vor dem Beratungszimmer mit sehr zahlreichen Journalisten auf das Ende der Sitzung. Als jedoch nach beendigter Beratung die Ab­geordneten das Verhandlungszimmer verließen, er­hielten die Kriminalbeamten weder einen Hinweis darauf, wer Strasser fei, noch Anweisung zum Ein­schreiten bezw. Vortrag ihres Ersuchens um eine Zeu­genaussage an Straffer. Infolgedessen konnte dieser das Zeppelin-Zimmer ohne weiteres verlassen.

Die Beratungen des Aeltestenrates galten vor allem der juristischen Frage, ob der Reichstagspräst- dent berechtigt fei, Ordnungsmatznahmen wie den Ausschluß von Abgeordneten auch für Vorgänge zu verhängen, die sich garnichl im Plenarsitzungssaal, son­dern in anderen Räumen des Hauses ereignet haben. Eine Einigung über diese Frage konnte im Aeltesten­rat nicht erzielt werden, zumal der Aeltestenrat nicht berechtigt ist, über die Zuständigkeit des Reichs- tagsprästdenten zu beschließen. Dies ist vielmehr Sache des Plenums. Man erwartet, daß aufgrund der be­reits eingebrachten Beschwerde der vier Nationalsozia­listen gegen ihren Ausschluß das Plenum die Zustän­digkeiten des Präsidenten prüfen wird.

Hinsichtlich der Wiedereinbernfung des Reichstages beantragten die Kommunisten eine neue Plenarsitzung bereits für Freitag, den 13. Mai. Tie­fer Antrag wurde gegen die Antragsteller fotoie die Deutschnationalen und die Nationalsozialisten ebenso abgelehnt wie der weitere kommunistische Antrag, am Donnerstag, den 19. Mai, das Plenum tagen zu las­sen. Die Opposition will sich jedoch bei diesen Ableh­nungen nicht beruhigen, sondern ein Staatsgerichtshof- urteil, das kürzlich hinsichtlich des Preußischen Land­tages erging, benutzen, um feststellen zu lassen, daß ein Drittel der nächsten Plenarsitzung im Einverständnis mit Aeltestenrat und Regierung zu bestimmen.

Weiter wurde bekannt, daß die Nationalsozialisten Strafantrag gegen den Berliner Poli­

zeipräsidenten Dr. Weiß stellen und den Reichstagspräsidenten ersuchen wollen, sich dem Straf­antrag anzuschließen wegen der Art des Auftreiens der Polizeibeamten im Plenarntzungssaal. Wie schließ­lich verlautet, wird der

Auswärtige Ausschuß

des Reichstages am 24. Mai die Verhandlungen durchführen, die durch die schweren Zwischenfälle des 12, Mai unmöglich gemacht worden waren.

resleitung ernannt wurde. General Hanimerstein, der heute 54 Jahre alt ist, stammt aus einer alten Soldatensamilie. 1898 trat auch er als Leutnant ins 3. Garderegiment zu Fuß ein. Als Hauptmann laut er am Vorabend des Weltkriegs in den großen Generalstab und damit in die Nähe Groeners und Schleichers. Als Generalstabsmaior erlebte er den Zusammenbruch des deutschen Feldheeres. Nach dem Kriege blieb Hammerstein in der Reichswehr. Als Bataillonschef und fpäter als Oberst machte er feine militärischen Vorgesetzten auf sich aufmerk­sam. In den Fememordprozessen und im Buch- ruckerprozeß vertrat er die Interessen der Reichs­wehr. Immerhin wurde er von manchen Kreisen etwas mißtrauisch beobachtet, weil er der Schwieger­sohn des bekannten Generals von Lüttwitz war, der beim Kapp-Putsch eine so große Rolle spielte. Als

Paris in Aufregung

Oie französische presse zur Brüningrede / Das Berliner Ultimatum

Die Mädchen dürfen weinen und wünschen, die Männer müssen handeln," hatten die Brüder einmal verächtlich zu ihr gesagt. Geweint hatte sie schon viel; aber was sollte sie sich wünschen?

Sie schaute in das leere Haus, darinnen nur die dunkeln Perlmuttermöbel glitzerten. Verzweifelt nahm sie ihren grünen Jadepfeil aus dem schwarzen Haar und wollte ihn sich ins Herz stechen. Aber der glatte Pfeil sprang ihr aus den Händen, fiel hinaus auf das Porzellanpflaster des Garten und zerbrach.

Ich wünfche also nicht zu sterben," fügte sie zu sich,ich wünfche alfo weiter zu leben, fönst wäre ber Pfeil nicht in meinen Händen zerbrochen. Der Pfeil ist vor meinem Lebenswunsch ausgewichen." Und das Mädchen war froh, daß sie doch noch den Wunsch zu leben hatte, denn eigentlich starh sie nicht gern.Aber was soll ich mit dem Lebenswunsch anfangen," dachte sie;den Vater kann ich nicht begraben lassen, wie die Brüder können, alfo ist mein Leben unnütz. Wenn ich doch den Vater begraben lassen könnt«, weil die Brüder jetzt kein Geld haben!"

Wie die junge Chinesin noch grübelte, was |te tun follte, begann der Fußboden zu zittern, die bunten Glasscheibenwände, welche die Wohnzimmer vonetn- ander trennte, begannen laut zu klirren, und tm klei­nen Gartenbof ertönte ein hohler Metallklang. Das junge Mädchen blinzelte erstaunt. In der Mitte des Hofes stand ein Silberbecken darin sonst auf einer Metallspitze eine kleine Silberkugel balancierte; die Kugel war mit weithin tönendem Laut in bas Becken gefallen, das bedeutete Erdbeben, und bei^bem Metall­ton mußten alle Hausbewohner flüchten."

Das Mädchen hörte Geschrei an allen Enden, es sah die Leute und di« Dienerinnen kreischend durch das Haus fortstürzen. Die Wände schienen plötzlich zu wandern, die Zimmerdecke hob und senkte sich die Blumentöpfe im Garten brebten sich alle im Kreis, die gelben und blauen Porzellanpflastersteine tanzten auf den Wegen. Das junge Mädchen _ sprang auf, aber wagte sich nicht vor und nicht zurück. Sie stand unter der Tür und klatschte in die Hände, um sich die Furcht zu vertreiben. Tann wurde die Lust grau von Staub, daß sie nichts mehr sah. Die Ratten aus dem Haus liefen an ihr hoch, und eine blieb auf ihrem Kopf fest sitzen. Da rannte das Mädchen mit der Ratte auf dem Kopfe gerade aus, durch die zerbroche­nen Glaswände der Wohnzimmer; sie mußte über ge­stürzte Stühle und große rollende Blumenvaseu klettern.

Sie lief blind durch die dicken Staubwolken, darin­nen Hunderte von unsichtbaren Gegenständen krachten und stürzten. Sie wagte nicht mit den kleinen Hän­den nach der großen Statte auf ihrem Kopf zu greifen. Aus dem Jadeladeu wäre» ihre fünf Brtzüer tu alle

Uax Dauthendey:

Oer unbeerdigte Vater

Winde fortgelaufen. Der rote Ahnenaltar am Ein­gang war eingestürzt, das junge Mädchen sprang übet die Trümmer und wäre längst liegen geblieben, hätte sie nicht noch immer die Ratte auf ihrem Kopf ge­fühlt. Sie stürzte durch die staubgefüllten Straßen, wie von der Ratte an den Haaren durch die Lust ge­zogen. Sie wußte nicht, daß sie durch brennende Häu­ser, über Tote und Verwundete hinweglief, bis es totenstill um sie wurde und sie sich auf einmal in dem Stadtviertel der Gräberhäuser, in der Grabkammer ihres Vaters sah. Dort sprang die Ratte mit einem Quietschlaut von dem Kopf des jungen Mädchen und grub sich vor ihr in die vorn Erdboden aufgewühlte Erde. Das Mädchen lauerte am Boden und bemerkte gar nicht, daß der Leichnam ihres Vaters samt den drei Särgen verschwunden war.

Als der Staub sich gelegt hatte, erschienen nach Stunden ihre fünf Brüder, einer nach dem andern, um nach dem toten Vater zu sehen. Aber wie erstaunten sie, als der Tote nicht zu finden war, und als sie am aufgebrochenen Fußboden entdeckten, daß die Erde ihren Vater famt feinen drei Särgen in die Tiefe gerissen und begraben hatte. Das junge Mädchen sah auf und sagte: .Ihr sollt nicht staunen, ich Ihabe als unnützes Mädchen gewünscht, den Vater zu begra­ben. Verzeiht mir, daß mein Wunsch für mich gehan­delt hat; ich weiß, daß ich als Mädchen kein Recht zu handeln hatte."

Da freuten sich die fünf Brüder und antworteten ihr:Die Sarghändler dürfen keinen Toten mehr ausgraben, der einmal unter der Erde ist. Wenn du den Vater mit deinem stillen Wunsch begraben konn­test Schwester, dann bist du als schwaches Mädchen stärker mit deinem Weinen und Wünschen gewesen als wir Männer mit allem Handeln."

Die Jadestraße von Kanton, die so genannt ist nach den Juwelenläden voll von kostbarem Jadestein, ist die prachtstrotzendste Straße der Stadt. Trittst du in dies« Straße, die wie alle durch ein Holzgitter von der Sargstraße, Metzgerstraße, Möbelstraße getrennt ist, glaubst du zuerst, du seist in eine übersinnliche Welt geraten. Die Jadeläden sind über und über ver­goldet und von künstlichem vergoldetem Holzgitter­werk umrankt. Keine Glasscheiben trennen die Laden­räume von der Straße. Waldäste, vergoldete, und ver­goldetes Blattgewirr, verschlungen in phantastischer Figurenwelt, hängen wie goldene Gardinen die Läden halb zu. Die Straße ist wie alle Kantonstraßen kaum für drei Menschen breit. Bei Regenwetter feucht und halbdunkel wie ein langer Kanal; bann grinsen bie golbnen Ladenreihen wie spukhafte, goldene Schei- terhausen, und smaragdgrün, indigoblau und purpur­rot leuchten die senkrechten Ladenschilder wie unzäh­lige Kulissen in der Straße. Drinnen laufen, lautlos gleich weißen Mäusen, bie Chinesen in weißen, lila unb hellblauen Harlekinkleibern, und ihre Köpfe er­scheinen und verschwinden wie gelbe Vollmonde hinter den goldenen Ranken und bunten Kulissenschilderu.

In dieser Gasse hatte Hei-Hee seinen Laden, hier hatte er sein ganzes Leben lang gelebt unb war kaum je aus den Holzgittern der Straße hinausgekommen; erst jetzt, wo er starb, verließ er seit Jahren zum ersten- und letztenmal den Jadelaben. Sem Leichnam würbe zu ben Grabkammern gebracht; bas sinb kleine Häuser in einem befonberen Stabtötertel an ben Mauern von Kanton, wo bie Toten aus bte Beerdi­gung warten müssen. Als Hei-Hees fünf Sohne bie brei Särge des Vaters bestellt hatten ben silbernen, ben elfenbeinernen unb ben Sandelholziarg, bte genau ineinanber paßten, unb darinnen man den reichen Jadehändler in der Grabkammer ausgestellt hatte, und ein Bonze den Tag prophezeien tollte, welcher der günstigste für die Beerdigung war, da landen bie Söhne inzwischen, daß ihr Vater nicht ber reiche Mann gewesen, für den ihn bie Leute bet Lebz^ten gehalten hatten. Rur Schuldscheine und kein Geld fand sich im Laden, und alle Jadekunstichatze des toten Händlers reichten knapp, um die schulden zu decken, aber nicht um die drei kostbaren >^arge zu be­zahlen Die fünf Söhne überlegten eine ganze Nacht unb wachten im Sarghaufe bei der einbalfamietien Leiche des Vaters. Die Sarghänbler tarnen am dritten Tage unb Jagten;

_______________Freitag, 13. Mai 1932 selbständigen Ermessen der Polizei überlassen. Das ist im vorliegenben Falle geschehen. Aus die gewalt­same Entfernung der vier auf 30 Tage ausgejchlossc- nen Abgeordneten ist verzichtet worden, da zunächst die polizeiliche bezw. gerichtliche Bestrafung ber» fclben vier Abgeorbneten durch bie Exekutivgewalt vollzogen werben sollte.

Wir geben euch unbegrenzten Kredit auf die drei Särge, nur darf euer Vater nicht mit den unbezahl­ten Särgen begraben werden und muß in der Grab­kammer bleiben, bis ihr bie Sargkosten bezahlt habt."

Das war nichts Außergewöhnliches in Kanton, und es ereignete sich öfters, daß die einbalsamierten Toten jahrelang liegen mußten, bis die Angehörigen die teuern Sargkosten bezahlen konnten. Hei-Hees Söhne fanden darum die Rede der Sarghändler recht und billig und murrten nicht dagegen.

Die fünf Söhne berieten von neuem, unb ber älteste sagte: ,

,Äch werde nach Japan reifen und will dort ver­suchen, alten chinesischen Jadestein billig aufzukaufen und ihn bann in China, wo es jetzt immer weniger Jabe gibt, teuer zu verkaufen, unb will mir bald ein Vermögen machen, um ben Vater zu beerbigen."

Der zweite ber Brüder sagte: «Du wirst mit Jade nicht viel verdienen; ich werde nach Hongkong reisen und einen großen Opiumhandel anfangen. Mit^niei- nem so erworbenen Vermögen wird ich die särge eher bezahlen können als du."

Der dritte sagte: ,^Jade und Opium stehen schlecht heute; ich werde nach Schanghai reifen und dort an der ausländischen Börse Geldmakler werden. Tort lehren uns die Fremden, deren Kriegs schtne den Schanghaihafen füllen, daß man ohne Waren ichneller ein Vermögen an der Börse machen tonn als nut einem Lager von Jade und Opium. Ich werde mit schnell erworbenem Geld den Vater früher beerdigen lassen können als ihr." , *

Der vierte der Brüder weinte und seufzte: ,^;ch werde hier am Sarge wachen bis ihr drei wieber- kommt unb werbe jeden Morgen tu bteptertaf;en frischen Tee aufsüllen unb Wachskerzen kaujen unb Sandelräucherwerk. Und der fümte Bruder^ soll in­zwischen den Laden hüten und mit den zzaderesten handeln, die wir noch besitzen, um wenigstens das Geld für die täglichen Ahnenopfer zu verdienen, so verabredeten es alle fünf unb kehrten aus der Grab­kammer zurück, um den letzten Nachmittag tm >cade- laben zusammen zu verbringen. Reiner ber fun; batte an bie einzige Schwester gebadet, an das junge Mäd­chen, das ohne Vater unb Muter allem hinter dem Laden in den Wohnzimmern zurückgeblieben war. Sie saß dort unbeachtet im hintersten Zimmer, in der kreisrunden Tür, hinter dem Topspfianzengarten und weinte in ihren seidenen Aermel.