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Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

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Nummer 97*

Dienstag, 26. April 1932

Einberufung des Landtags zum 20. Juni?

Dor einer Erklärung -er preußischen Regierung / Wahrscheinlich außerordentlicher Parteitag -es Zentrums / Groeners Reichsbannerbericht

Zentrum un- Nationalsozialisten

Von unserer Berliner Schriftleitung.

Französischer Wahlfilm

Groener berichtet Hin-enburg

Von unserer Berliner Schristleitung.

Brüning bei Mac-onal-

Genf, 2. April.

lehnen, daß seiner Regierung ein Sturz durch die Nationalsozialisten drohe, falls er nachgebe. Vom französischen Standpunkt sei es daher wünschens­wert, wenn von $u scharfen Forderungen Abstand genommen und die Stellung Brünings durch eine entgegenkommende Haltung gestärkt würde, so daß dieser ein annehmbares Abkommen abschließen könne.

„CUoyens, meine lieben Freunde!" Ist er bereits Abgeordneter gewesen, so legt er zunächst Rechenschaft ab über seine Haltung in der Kammer, die sich in den allermeisten Fällen aus die Abgabe eines weißen oder blauen Stimmzettels beschränkte. Dan» entwickelt er

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hier weilenden Staatsmännern ausgenommen. Er empfing gestern den spanischen Außenminister Zu­lu e t a und den polnischen Außenminister Z a l e s k i.

Am Montag abend begab sich der Kanzler zum englischen Minsterprästdenten M a c d o n a l d zu einer Unterredung. Tie Abendstunde wurde mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand Macdonalds gewählt, da .der englische Ministerpräsident auf Anordnung der ihn begleitenden Aerzte während der Tagesstunden nach Möglichkeit Ruhe haben soll.

„Brünings Trumpskarte"

22. Jahrgang

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th. Berlin, 26. April.

Die preußische Staatsregierung wird heute voraussichtlich die ersten Konsequenzen aus der Neuwahl des preußischen Landtages ziehen. Das Ka­binett wird heute eine Sitzung abhalten, in der vor­aussichtlich eine formulierte Erklärung er­lassen wird. Darin dürste zum Ausdruck kommen, daß die Regierung den Landtag zum verfaffungsmä- tzigen Termin, dem 20. Juni, einberufen wird, und daß sie dem neuen Landtag ihre Demission un­terbreitet.

Nach Artikel 17, Absatz 2 der preußischen Verfas­sung tritt der neue Landtag nach der Neuwahl am 30. Tage nach dem Beginn der Wahlperiode zusam­men, falls ihn das Staatsministerium nicht früher cinberuft. Die Wahlperiode, des alten Landtages en­det am 19. Mai, und die Wahlperiode des neuen be­ginnt am 20. Mai, so daß der 2 0. I u n i v e r s a s - sungsmäßig der Termin für den Zu­sammentritt des neuen Parlamentes ist. In rechtsstehenden Kreisen ist man der Ausfas­sung, daß dieser Termin vorvcrlegt werden sollte, aber der einzige Weg, um dieses Ziel zu errei­chen, würde in der sofortigen Auflösung des alten Landtages bestehen, wofür jedoch wiederum keine Mehrheit vorhanden ist. Es wird also wahrscheinlich beim 21). Juni bleiben.

Tic Demission, die das Kabinett Braun dann dein Landtag unterbreiten wird, hat den Zweck, ein Miß­trauensvotum zu vermeiden, und zugleich dem neuen Landtag die Aufgabe zu stellen, einen Ministerpräsi­denten zu wählen.

Reichskanzler Dl. Brüning hat nach feiner Rück- kehr nach Genf wieder die Besprechungen mit den

Das Land der Rhetoren — Im Hauptquartier der Wahlkandidatem — Hinter de« Kulisse» einer Wahl­versammlung — Der „Rolls Royce ohne Benzin"

den einzutreiben, während die Alliierten die Schulden von Deutschland eintreibeu wolltest. Das Ergebnis dieses Verfahrens habe dazu geführt, daß nicht nur ein Chaos eingetreten sei, sondern daß auch dieser Eintreibungsprozeß sein Ende erreicht habe. Jetzt sei man allgemein der Ansicht, daß Deutschland im Juli die Reparationszahlungen nicht wieder ausnehmen wird und auch nicht wieder aufnehmen kann. Unter Berücksichtigung der gegen­wärtigen Lage sei ebenso sicher, daß eine vernünftige Regelung, ein Moratorium für die nächsten Jahre mit der Verpflichtung, die ausgesetzten Zahlungen mög­licherweise später nachzuholen —, mehr im Interesse Amerikas und der anderen hauptbeteiligten Länder liege als eine Bankcrottervärung Deutschlands, die sonst den einzigsten Ausweg bilde. Mit Rücksicht auf die amerikanischen Steuerzahler fordert das Blatt eine endgültige Regelung der europäischen Angelegenhei­ten in Genf und erhofft diese Regelung nach den französischen Wahlen.

Vernünftige Regelung besser als -eutfcher Bankerott

Was Thälmann verhin-ern will

London, 26. April.

Thälmann erklärte dem Berliner Korrespondenten der „Daily Mail", die Kommunistische Partei werde alles tun, was in ihrer Macht stehe, um eine natio­nalsozialistische Regierung in Preußen zu verhüten.

atratiettipttife: 9ef6m- mtb Samillen.Slnreigen di« 80 mm -Sette 11 Sfemrig. Sieht« Knuiatn ee« Raffel das Wort 7 A, auswärtige Kleine Anzeigen die 90 mm breite Zelle 11 A. Anzeigen im Reklameteil 6te 78 mm breite Zeile 46 A. Cffertgebübr 25 A (bei Zustellung 85 4). — Kür daS Erscheinen von Anzeigen in bestimmten Ausgaben, an besonderen Plätzen und für televbonisch erteilte Aufträge keine Gewähr. Rech­nungsbeträge innerhalb von 6 Tagen zahlbar. Gerichts »tand Kassel. — Postscheckkonw Frankfurt e. St. 6380,

das, was er etwas pompös sein „Programm" nennt. Verspricht den Mond und die Sterne, die Abschaffung der Steuern, der verhaßten Sozialversicherung, der „Bürokratie", des „häßlichen Gespenstes der Krisis". Will er höher hinaus, so macht er einen Exkurs in die Fremdpolitik: Frankreich sei das friedfertigste aller Völker, es biete der ganzen Welt seine Freundes­hand, es habe bereits gewaltige Opfer gebracht und fei gewillt, noch weitere zu bringen, aber seine'Sicherheit müsse gewährleistet fein, und zu diesem Ende dürfe es in einer wäffenstarrenden Welt nicht abrüsten; ebenso müsse es seine Reparationen bekommen, denn sonst sei Deutschland nach wenigen Jahren wirtschaftlich viel stärker als Frankreich, usw. Folgender Vergleich macht gegenwärtig die Runde durch alle „republikanischen" Wahlversammlungen: Deutschland gleiche einem Manne mit einem 40pferdigen Rolls-Royce, dem augenblicklich das Benzin fehle, Frankreich einem solchen mit einem 6pfcrdigen Citroen, der aber noch genügend Betriebsstoff habe; Deutschland werde bald schon tanken können, und dann sause es stolz mit seinem Rolls an dem armseligen Citroen vorbei...

Eil« amerikanische Stimme zur Tributfrage.

Reuyork, 26. April.

In einem Leitartikel der „New Kork Herald Tribüne", der sich mit dem Reparationsbuch Lloyd Georges beschäftigt, wird festgestellt, daß die amerika­nische Regierung seit einem Jahrzehnt vergebens ver­suche, von den Alliierten uneintreibbare Kriegsschul-

Die lärmende, aufdringliche Wahlpropaganda ist in Frankreich verboten. Jeder Kandidat verfügt über ein ungehobeltes Brett, das wie eine Schultafel an gewissen Stellen des Wahlbezirks auf zwei Beinen aufgerichtet ist, und eine entsprechende Nummer trägt. Auf dieses Brett klebt er fein „Programm", und was er sonst noch seinen Wählern mitzuteilen hat: Mit Ausnahme von ein paar Karikaturen ist es nicht eben viel. Wichtig erscheint nur die Ankündigung: „Der Kandidat X wird am Samstag abend in der Z-Schule sprechen. Alle Wahlversammlungen finden in den gedeckten S Pie lh allen (preau, eigentlich „Wie­sen") der Volksschulen statt, die primitiv genug eingerichtet sind: Gestampfter Lehmboden, nackte Wände mit der unvermeidlichen Marianne ans Gips, ein paar schmale Bänke ohne Lehne und eine Art Kasperlbühne, dahinter, verstaubt und verwaschen, die Trikolore. Der Saal ist zum Erdrücken gefüllt, dichte Rauch- und Staubschwaden ziehen über die bemützten Häupter der „Bürger", wie in Wahlzeiten alle Franzo­sen heißen. Tas Gesetz schreibt die Bildung eines „Büro s" vor; ein Präsident, ein Sekretär, zwei Bei­sitzende sind längst bereit. Dann erhält der Kandi­dat X das Wort, und es wird lautlos still.

Ans diesen Darlegungen heraus herrscht beim Zentrum Die Ueberzeugung, daß man den Kurs nur dann nach rechts wenden solle, wenn auch im Reiche eine entsprechende Rechts- Wendung opportun erscheint. Ob aber im Reich in nächster Zeit ein Umbau des Reichskabinetts in der Richtung einer Rechtswendung, bzw. der Schaffung eines überparteilichen Beamtenkabinetts zu erwarten ist, darüber läßt sich im Augenblick noch nichts bestimmtes sagen.

Die Sozialdemokraten vertreten die Ansicht daß zunächst wenig Aussicht auf eine Koalition zwi­schen Nationalsözialisten und Zentrum im preußischen Landtag besteht und daß infolgedessen bis auf wei­teres das Kabinett Braun als geschäftsführende Re­gierung im Amte bleiben müsse.

Einfach bewunderungswürdig, wie ein solcher Saal organisiert ist: Hier offenbart sich die große strategische Kunst des Kandidaten und seines „Komitees". Die Anhänger, die Gegner, die „Klai- ser" und „Unterbrecher" sind geschickt verteilt, und ein jeder trägt auf feine Weise zum Gelingen der Ver­sammlung bei. Die Anhänger und Klatscher sorgen für die nötige Begeisterung, die Gegner und Unter­brecher für die nötige Abwechslung; in jedem Augenblick muß dem Kandidaten Gelegenheit gegeben werden, unsichtbare Feinde siegreich zu schlagen, und die Kampfesstimmung muß immer wieder in lachen­den Humor übergehen, denn so entspricht es dem -Herzenswunsch des hier versammelten Durchschnitts­franzosen. Daher werden die Wirkungen genau abge­wogen, wie in einem richtigen Boulevardstück; die Handlung schläft ein, springt wieder empor, rafft sich auf zu Höhepunkten, fällt ab, hakt erneut ein, um schließlich in sprühendem „Esprit" auszuklingen.

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Völlig ernst genommen werden eigentlich nur die Kandidaten der großen Parteien, die sich allerdings gegenseitig nicht selten bekämpfen, denn von einer Disziplin kann nirgends die Rede sein: Alle anderen spielen mehr oder weniger die Rolle von „lustigen Personen", die dazu da sind, das Publikum zu amü­sieren, sich selber jedoch furchtbar ernst nehmen. Mehr als 1000 solcher Bewerber, von denen gar manche als Volksvertreter ins Palais Bourbon einziehen wer­den, reifen gegenwärtig in den 615 Wahlkreisen herum, und die Chronik ihrer närrischen Extrava­ganzen würde ganze Bände füllen. Einer glaubt zum Beispiel die deutsch-französische Frage dadurch zu lösen, daß Frankreich Algerien, und Deutschland die Rheinprovinz abtritt: so hätte Frankreich sichere Grenzen, und Deutschland ein Absatz- und Auswan­derungsgebiet. Ein anderer will alle Straßen von Paris mit Obstbäumen bepflanzen und ins Bonlog- ner Wäldchen Kühe fetzen, um den armen Leuten Aepsel und Milch zu geben. Ein dritter fordert die Vorherrschaft von Montmartre, das die erste Macht im Staate bilden müsse. In einer royalisti­schen Versammlung des Jnvalidenviertels wurde die sofortige militärische Besetzung von Mainz verlangt, um den „unmittelbar bevorstehenden" deutschen An­griff abzuwebren: Wir reihen diesen Kandidaten un­ter die „lustigen Personen", aber es war ihm sehr ernst gemeint und die Sache ist auch nichts weniger als lustig. .»

Das Zentrum wird dabei eine Reihe verfassungs­rechtlicher Bedingungen stellen, von denen es frag­lich ist, ob die Rationalfozialiste» darauf eingehen Wahrscheinlich wird der in Hessen-Rassau gewählte Dr. Graß als Nachfolger des verstorbenen Abgeord, neten Dr. Heß, Fraktionsführer des preu­ßischen Zentrums werden. Er hat in einer Unterre­dung bereits erklärt, das Zentrum betrachte sich als den Garanten der verfassungsmäßigen Ordnung in Preußen. Im übrigen werde es in Ruhe abwarten bis es zutagetrete, was die großen politischen Grup­pen eigentlich wollten.

Die Entscheidung des Zentrums wird wahrschein­lich sehr stark von der Ueberlegung beeinflußt werden, ob es nicht angesichts des Anwachsens der National­sozialisten doch politisch ratsam erscheint, diese Partei an verantwortlicher Stelle in der preußischen Regie­rung Mitwirken zu lassen. Allerdings überlegt man sich dabei in Zentrumskreisen auch, daß es ein sehr großer Unterschied ist, ob eine in der Opposition groß gewordene Partei lediglich in einer Landesregierung oder in der Reichsregierung mitarbeitet. Ausschließ­lich die Reichsregierung hat sich mit den entscheiden­den politischen Problemen zu befassen (Reparations- frage, Steuerfragen, Arbeitslosenreform, Wirtschafts­politik usw.), mit denen man sich Die schwerste Verant­wortung auferlegt, und mit denen man immer Gefahr läuft, unpopulär zu werden. Volles Risiko würden die Nationalsozialisten nach Auffassung poli­tischer Kreise also nur bann tragen, wenn sie an der Reichsregierung, nicht aber lediglich nur an einer Landesregierung beteiligt sind, wo man mit Beam­tenpolitik, Kulturpolitik und ähnlichen Verwaltungs­zweigen keine derartigen Gefahren auf sich nimmt wie in der Reichspolitik.

Die Entscheidung über die Ministerpräsidenten wähl liegt im wesentlichen beim Zentrum. Tie Zentrumsfraktion des preußischen Land­tages hat für Anfang Mai einen außerordent­lichen Parteitag in Aussicht genommen, und man nimmt an, daß der Parteivorsitzende Kaas nach Berlin kommen wird, ebenso wie die Natio­nalsozialisten ihren Führer Adolf Hitler in Ber­lin erwarten. Wahrscheinlich werden also in näch­ster Zeit streng vertrauliche Vorbespre­chungen zwischen Zentrum und Natio­nalsozialisten stattfiilden, da man in rechts­stehende,, Kreisen mit der Möglichkeit einer Regie­rungsbildung zwischen diesen beiden Parteien rechnet.

Die Deutschnationalen halten sich vorläu­fig geflissentlich abseits, da das Zentrum und die Nationalsozialisten für sich allein bereits eine Mehr­heit im Landtag darstellen und die Deutschnationalen vorläufig größeres Gewicht darauf legen, die Rechts­opposition int neuen Landtag zu führen. Sie haben auch den Wunsch, bei der Platzverteilung im Sit­zungssaal auf dem äußersten rechten Flügel also noch rechts von den Nationalsozialisten, zu sitzen Ob das Zentrum sich mit den Nationalsozialisten zu einer Regierung zusammentun wird, ist selbst­verständlich noch eine völlig offene Frage

London, 26. April.

In der Londoner City, so meldet die „Finaneial News", hat das Ergebnis der Preußenwahl keine größere Besorgnis hervorgerufen. Man sei der An­sicht, daß die nationalsozialistischen Erfolge dem deut­schen Kredit nicht schadeten. Sie hätten im Gegenteil alle Befürchtungen hinsichtlich einer verfassungswidri­gen Haltung der Hitlerpartei befeitigt, und das fei ein Schritt auf dem richtigen Wege zur inneren Be­friedung Deutschlands. Die Lage der Gläubiger Deutschlands habe sich gebessert. Der nationalsozia­listische Sieg habe auch keineswegs die Aussichten aus ein Abkommen in Lausanne vermindert. Sollte Frankreich auf zu harten Bedingungen bestehen, so tonne Brüning sie jederzeit, mit der Begrünvung ob»

th. Berlin, 26. April.

Der Reichsinnenminister Groener, der gestern Von feiner Unterredung mit dem Reichskanzler in Sigmaringen nach Berlin zurückgekehrt ist, wird heute, fpätestens morgen dem Reichspräsidente,, von Hin­denburg Bericht erstatten und ihm wahr­scheinlich Vorschlägen, daß auf Grund der bis jetzt ge­führten Untersuchung von einem Verbot des Reichsbanners Abstand genommen wer­den könne. Die letzte Entscheidung darüber wird jedoch erst i,n Kabinett fallen.

Der Reichskanzler wird am Donnerstag nach Ber­lin zurückkehren, und dann ist mit einigen Kabinett- sitzungen zu rechnen, in denen die Einmütigkeit der Aabinettsmitglieder in der Reichsbannerfrage festge- stellt werden soll, und in denen sich das Kabinett ab­schließend mit einer neuen Reichstags­sitzung beschäftigen wird. Heute tritt der Aeliesten- rat des Reichstags zusammen, der wahrscheinlich die nächste Plenarsitzung des Reichstags auf Montag, den S. Mai, anberaumen wird.

Kasseler Abendzeitung

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Dr. Pz. Paris, 26. April.

Daß Frankreich das gelobte Land der Rhetoren ist, weiß mau schon lange. Nicht um­sonst heißt die oberste Gymnasialklasse „Rhstorique"), und regelrechte Rednerschulen tun sich in allen Städten auf. Schon aus diesem Grunde muß in Frankreich die Einzelwahl mit Mehrheitsprinzip beibehalten werden; nicht die Partei gilt, nicht das Programm, noch weniger die politische „Ueberzeugung" des Kandi­daten, sondern einzig lytb allein der persönliche Ein­fluß auf die Wähler, verbunden mit allerhand Kom­promissen und dunklen Kuhhändeln, womit diefer Einfluß gegebenenfalls .verstärkt" wird. Der fran- zösifche Kandidat muß reden können, sonst ist er von vornherein unmöglich. In den weitaus meisten Fäl­len genügt übrigens das Reden. Zu diesem Zwecke muß er mit feinen Wählern persönliche Fühlung ge­winnen; dies geschieht zunächst in der sogenannten „Permanenz", wo er sich eigentlich während der Wahl­zeit den ganzen Tag aufhalten müßte. Die „Per­manenz" ist eines jener kleinen, nicht ganz saube­ren Kaffeehäuser, die man in Frankreich „Bistro!" nennt, und worin ein gewaltiger „Zink" zu ausgie­bigem Trinken veranlaßt. Ein breites, weißes Tuch, das über dem Eingang ausgespannt ist, verkündet in roten Lettern, daß hier der Kandidat X sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. Treten wir ein: Am Zink wird zwischen zahllosen „Aperos" eif­rigst diskutiert. Das große Wort führen die Ver­trauensmänner des Kandidateu, die zugleich auch alle Untertäßchen zu sich heranziehen, sie bezahlen nämlich den ganzen Verzehr. „Und ich sage dir, Mon­sieur Dupont hat Ideale, und er sorgt wie ein Vater für das Volk. Wenn es nach ihm geht, brauchen wir alle keine Steuern mehr zu zahlen, und das Brot wird nicht mehr als zehn Sous kosten, vom Wein gar nicht zu reden." Viel höher wagt man sich nicht hin­aus, und es genügt vollkommen so. „Gareon, eine neue Runde für die ganze Gesellschaft."