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Kasseler Abendzeitung
6rf6einttna8tvetfe: ,w6*ei trägerlobn btt freier Zu aitSW. Zustellgebühr. Rt
22. Jahrgang
Montag, den 25. April 4932
Nummer 96*
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KOler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Starke Kräfteverschiebung in den Landtagen
162 preußische Mandate für Me Nationalsozialisten — Da« preußenparlameni ohne klare Mehrheiisverhäliniffe
. Was wird Braun tun?
th. Berlin, 25. April.
Das preutzischeKabinett wird heute zu- sammentretcn, um zu dem Ergebnis der Landtags- wählen Stellung zu nehmen. Man nimmt an, daß Ministerpräsident Braun erst demissionieren wird, wenn der neue Landtag zusammentritt. Dann wird Braun allerdings wohl demissionieren, ohne erst ein Mißtrauensvotum abzuwarten. Bis zum Zusammentritt des neuen Landtags werden noch zwei Monate vergehen; solange wird also die Regierung Braun als geschastssührendes Kabinett weiter amtieren.
*
In Ergänzung dieser Mitteilung wird aus Berlin gemeldet: In Kreisen der preußischen Staatsregierung wird unabhängig von der sonstigen Beurteilung des preußischen Wahlergebnisses mit großer Befriedigung festgestellt, daß die Oppositionsparteien die absolute Mehrheit nicht erreicht baden. Nach der nur kurze Zeit „vor den Wahlen erfolgten Aenderung der (Geschäftsordnung des Preußischen Landtages sei daher das Verhalten der Regierung Brann gegenüber dem neuen Landtag bereits klar vorgezeichnet. Es sei eine Frage von nur untergeordneter Bedeutung, ob die Regierung Braun entsprechend den Gepflogenheiten formal zurücktrctcn wird oder nickt, denn in maßgebenden Kreisen der preußischen Staatsregierung wird kein Zweifel darüber gelassen, daß die Regierung Braun auf jeden Fall als geschastssührendes Kabinett weiter amtieren wird. Man hält es in diese» Kreisen auch für ausgeschlossen, daß die Kommunisten etwa der Reckisoppo- sttion zur Rückgängigmachung der Geschästsorvumtgs- änderung im Preußischen Landtag die Hand reichen werden. Zunächst wird noch der alte Landtag bis zum 19. Mai weiter bestehen. • /
Die Gewählten
In Preußen:
Unter den bereits als gewählt zu betrachtenden Abgeordneten befinden sich: Bei der SPD. die Minister Braun, Severing, ferner die Abg. Kuttner, Heilmaun, Lewerrentz, Oberbürgermeister Leineri, Landrat Hansmann, Prof. Nörting, Frau Wohlge- muth, Frau Kunert, Klupsch, Meier-Berlin, Weckemann, Brandenburg, Frau Bolmann, Wittmaack, Franken, Frau Jensen, Bugdahn, Jürgensen, Brandes, Frau Kähler, Schallok, Stahl, Frau Ryneck, Behrens, Frau Helfers.
Bei den Deutschnationalen: Die früheren Abgeordneten Henkel, Dr. von Winterfeld, Wenzlaff, Logemann, Oelze, Rüffer, Fritzsche, Koch-Berlin, ferner von Morozewizc, von Zitzewitz und Carlsen.
Beim Zentrum: Die Minister Dr. Steiger und Hirtsiefer, die früheren Abg. Dr. Cremer, Oberpräsident Eronowski, Hagemann, Prälat Linneborn, Kieker, Frau Weffel, Dr. Graß, Rhiel, Frau Dr. Lauer, Dr. Lauschern, Mallack, Frau Stoffels, neu u. a.: Graf von Dahlem, Graf Matuschka, Dr. Hettlage, Dr. Boden, Dr. Wcinand.
Bei der Deutschen Bolkspartei: Wie- gand-Berlin, Dr. Boehm.
Beider NSDAP.: Dr. Goebbels, Graf von Helldorf, Gauleiter Koch, General Litzmann, Meins- bausen, Freiherr von Reibnitz, Gauleiter Wagner, Freiherr von Eltz, Oberleutnant a. D. Schulz, Tr. Löpelmann, Kerrl, von Woyrsch, Lohse.
Bei den Kommun sten: Pieck, Floringen, Opitz, Kasper, Kuntz, Koenen, Suhr.
In Hessen Nassau:
Im Wahlkreis 19, Hessen-Nassau, sind demnach gewählt worden:
Von der Sozialdemokratischen Partei: Nölting-Frankfurt, Krast-Nieste, Röble-Frankfurr, Rehbein-Hanau, Hosacker-Kassel, Jourdan-Frankfurt. (Es ist anzunehmen, daß Braun und Severing, die an erster und zweiter Stelle stehen, den folgenden .Kandidaten ihre Plätze einräumen). Insgesamt 6 Mandate. „ ,
Bon den Deutschnationalen: Steuer-Kassel (durch Listenverbindung). Insgesamt 1 Mandat.
Pom Zentrum: Graß-Koblenz, Rbiel-Fulda, Roth-Montabaur, Fink-Wiesbaden. Insgesamt 4 Mandate.
Bon den Kommunisten: Opitz-Frankfurt, Müller-Frankfurt. Jnsgefamt 2 Mandate.
Von den Nationalsozialisten: Wetnrtch Kassel, Krebs Homburg, Kramer-Frankfurt, Vetter- Wanfried, Freister Kassel, Metz-Tiezland, Buckcrli- Frankfurt, Schneider-Melsungen, Pickarsk,-Wiesbaden, Vern.-Kassel, Schmidt-Wiesbaden, Becker-Frankfurt. Insgesamt 12 Mandate.
In Schmalleningken (Memelgebiet) kam es am Sonnabend bei einer Wahlversammlung der memelländischen Landwirtjchastspartei zu einer schweren Schlägerei zwis^n Memeldeutsch e n und Litauern. Sechs Personen nick zum Teil schwer verletzt worden.
*
Der frühere Präsident des österreichischen Verfa>- fungsgerichtshofes, Dr. Paul Vittorellt.tst nt Wien am Mittwoch int 82. Lebensjahre gestorben. Er gehörte zu den Mitgliedern des letzten Kabtnetts der österreickisch-unaartschen Monarchie, in dem er den Poste» des Iustizministers bekleidete.
Das vorläufige Endergebnis
in Preußen (in Tausenden)
Partei
Stimmen
Mandate
Landtagswc Stimmen
chl 1928 Mandate
Reichstagswahl 1930
Präsidei
I.Wahlg.
»tenwahl
2.Wahlg.
Sozialdemokraten ..
• • •
4 674,9
93
5467,2
137
4 989,5
Oeutschnationale......
1 524,9
31
3 276,4
71
1968,7
1820,6
Zentrum............
3 374,4
67
2738,9
71
3158,1
Kommunisten.........
2M9,6
57
2 238,4
48
3141,5
3280,1
2441,3
Deutsche Volkspariei
*
3303
7
1602,8
40
1004,2
Dolksrechtspartei......
44,1
—
236,4
19*)
Wirtschaftspartei ...
191,0
—
855,7
16
803,1
Landvolk............
153,5
—
277,5
19*)
579,0
Staatspartei.........
332,4
2
840,3
22
681,0
Nationalsozialisten..
• •
8008,2
162
552,7
4
3968,0
6832,1
8202,4
Christi. Soz. Dolküdienst.
255,0
2
72,9
4
'509,4
*) (Volks echtsp^ Landvolk u. Dtsch/Lannover. bilden d. Dtsch. Fraktion
Sozialist. Arbeiterpartei.
80,4
3
• Die Mandatszahlen geben die Zusammensetzung des alten Landtags am
Sude der Wahlperiode wieder.
Die Splitterparteien Radikaler Mittelstand
erhielten folgende Stimmen 9944, Zunge Rechte 13 942,
deutsche Liste Schmalix 4570, Deutsche Einheitspartei 3129. Landhaus- und Erundbesitzerpattei 67 405.
Deutsch-Hannoversche Partei 63 803, Nationale Sammlung 6518, Interessengemeinschaft der Kleinrentner 25 518, Polnische Bolkspartei 57 731, Nationale Be-
♦
Ein Mandat wird noch auf die Deutsch-Hannoversche Partei entfallen. Insgesamt beträgt die Zahl der Mandate im neuen Landtag 422. Die Parteien der
amte 3885, Schleswig-Holsteinische Heimat 2301, Erwerbslosenpattei 3461, Preußische Bolkspartei 363, Nationale Deutsche Arbeiterpartei 11592, Groß-
Weimarer Koalition erhielten 162 (gegen 230), die der Rechtsopposition einMießlich der Halbrechts- Gruppen 203 Mandate.
Sn Hessen-Nassau:
Das Ergebnis im 19. Wahlkreis
TU. Kassel 24. April. Das amtlicheSesamt» ergebnis der Wahle» zum Preußischen Landtag im Wahlkreis 19 (Hessen-Nassau) Intet:
SPD 309 561 (371700) (353 100)
Dn. Bpt. 49 010 (114 200) ( 44 600)
, D. Landvolk 15 712 (82600) (86 000)
D. Staatsp. 25 670 (65 700) (54 600)
Rat.-Soz. 606 725 (47 000) (285 100) (583 900)
D.-Hanv. 568 (—) (—)
i Christ.-Soz. 28 426 (—) (60 400)
Soz. Arbp. 7 519 (-) (-)
1 Znsges. finit. St. 1439 979
Die Zahlen in der erfteu Klammer beziehe« sich aaf die Landtagswahl 1928, die i« der zweiten auf die Reichstaaswahl 1936, n«d die (bei den Rat.-Soz.) ia
Rad. Mittelstand 3481
Zentrum 207 388 (172 200) (192 700)
Kommunisten 136 275 (92 600) (137 100) D. Bpt. 35103 (11360) (76 300)
Bolksrechtsp. 1913 (12400) (8 400)
Wittschp. 12694 (51 800) (52 900) ' der dritten auf de« 2. Wahlgang der Präsidentenwahl.
GHMaaÄinaM in H/lftiwn
III V
Landlagswahl 1928
Reichstag-- wähl 1930
Reichsprändentenwahl
l.Wablaana 12.9Rahlaann
Bayerische Volkspartei .......
1272 074
1046 0
1175,1
Sozialdemokraten.........
609098
803,0
. 787,7
Bahr. Bauernbund ». Staatspartei
253260
490,9
351,0
127963
306,6
75,1
113,2
677,9
12704
1364,4
Nationalsozialisten . ........
1270602
203,1
Kommunisten............
259400
125,8
2247
t 311,6
. 225,7
Christi. Soziale....... ..
45109
43,9
66,7
D.V.P. und Wirtschaftspariei
66012
215,3
176,7
Die 128 S'tze im neuen Bayrischen Landtag ntrtei: I 20, Bauernbund 9, Dn. Ppt. 3, Rat.-Soz. 43, S. P.
len sich wie folgt: Payr, Lp. 15, Sozialdemokraten | D. 4,
Das ungelöste Rätsel
W. p. Der Tag der Länderwahle« ist vorüber. Mehr als 34 Millionen Wähler war Gelegenheit geboten, noch einmal ihr Vowm, jetzt nach parteipolitischen Gesichtspunkten bestimmt, abzugeben. Sie haben von diesem Recht weitgehend Gebrauch gemacht; die Erkenntnis, daß den Länderwah- len eine große, innenpolitische Bedeutung zukommt, und die starke Politisierung des deutschen Volkes haben dafür gesorgt, daß der Prozentsatz der Wahlbe- telligung zumindest in vielen Gebieten recht hoch» wenn auch nicht ganz so hoch, wie man erwartet hatte, liegt. Erbittert und mit aller Energie ist von den Parteien um die Entscheidung gerungen worden. Die Gewinn- und Verlustkonten der meisten Parteien haben ein völlig verändertes Aussehen bekommen; hinter den Umbuchungen taucht aber die Frage auf, ob mit der Wandlung des politischen Kräfteverhältnisses in den fünf Ländern, in denen gewählt wurde, auch wirklich die Voraussetzungen für Kursänderungen geschaffen, ob — mit anderen Worten — wirklich endgültige Entscheidungen gefällt worden sind.
Unter den zur Wahl aufgerufenen Ländern nimmt Preußen selbstverständlich nach Umfang und politischer Bedeutung eine Sonderstellui ein. Was erwartet wurde, ist eingetretcn: Es hat einen gewaltigen Bergsturz gegeben; der neue Landtag trägt ein ganz anderes Aussehen als sein Vorgänger. Zunächst einmal ist die Zahl der Abgeordneten von 450 auf 422 gesunken. Die Erwartung, daß die stärkere Wahlbeteiligung hnd die Zunahme der Wählerschaft den-Ausfall an Mandaten, den die Erhöhung der Wahlqüötienlen verursachen mutzte, ausgleichrn werde, ist also nicht in Erfüllung gegangen. Sondert man nun die Parteien nach Gewinnern und Verlierern, so ist am sichtbarsten und eindruckvollsten der Gewinn, den die Rationalsozialiste« errungen haben. Mit einem Grüppchen von sieben Mann saßen sie im alten Landtag, als weitaus stärkste Partei ziehen sie mit 162 Abgeordneten in das neue Parlament ein. Es kennzeichnet die Größe ihres Erfolges, daß sie selbst die beim zweiten Wahl- gung zur Reichspräsidentenwahl erzielte Stimmenzahl in Preußen bis auf 200 000 Stimmen zu erreichen vermochten, obwohl in dem Ergebnis vom 10. April doch offenbar noch eine ganze Anzahl von früheren Duesterbergstimmeu enchalten war. Gerade die antinationalsozialistischen Maßnahmen der preu- ßiscken Regierung haben anscheinend hier noch ihre Wirkung getan. Außer den Hitlerwählern hat nur noch die kommunistische Partei einen fren'ch um vieles geringeren Mandatsgewinn erzielt. Die Bilanz aller anderen Parteien dagegen steht mehr oder minder tief im Debet. Das Zentrum hat zwar auch diesmal seine Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt, es sitzt aber trotzdem mit ein paar Abgeordneten weniger als früher im Vreußenhause. Sehr erhebliche Verluste hat die zweite der bisherigen preußischen Regierungsparteien, die Sozialdemokratie, erlitten; mehr als vierzig Mandate sind ihr in diesem Kampfe verloren gegangen. Ungefähr gleich groß sind die Verluste der Deutsch- nat tonalen, obwohl diese Partei ja bekanntlich in der Opposition stand. Die Konkurrenz auf der rechten Seite hat geerbt, was die Hugenbergpartei verloren hat- Alles, was sich bürgerliche Mittel- Parteien nannte, ist, mochten diese Parteien nun im Regierungs- oder oppositionellen Lager ^stehen, schwer zusammengeschlagen worden. Nur die Staatspartei, die Christlich-sozialen, die Deutsch-Hannoveraner und die Deutsche Volkspartei, die durch Listenverbindung noch etwas günstiger wegkommen, ist als die der Stimmenzahl nach ungefähr gleichstarke Staatspartei, haben wenigstens einige Mandate retten können. Nicht gering wird im übrigen die Zahl der Splitterstimmen sein, die wirkungslos geblieben sind. Jedenfalls ist die Abkehr der Wähler von den kleinen zu den großen Parteien in noch gründlicherer Weise einoetreten, als erwartet wurde.
In unserer Vorschau auf die Preußenwahl hatten wir die Frage „Für oder wider die Weimarer Koa- litioit" als das Generalthema der preußischen Landtagswahl bezeichnet. Die Antwort, die von der Wählerschaft auf diese Frage erteilt ist, scheint uns ziemlich eindeutig zu sein. Die Tendenz, die aus dem Ergebnis des 24. Aprils abgelesen werden mutz, ist eine Absagean die Weimarer Koalition. Die Mehrheit von zehn Stimmen, die die Regierungsparteien im alten Parlament hatten, ist in eine Minderheit von fünfzig Stimmen verwandelt worden. So stark aber auch die Verschiebung der politischen Kräfte ist, sie reicht nicht aus, um nun klare Mehrheitsverhältnisse zu schaffen, und wenn man dies Problem der M c h r h e i t s b i l d u n g int neuen Landtag untersucht, so steht man vor einem Rätzel, dejzeu Lösung schier unüberwindliche