Einzelpreis 20 Pfennig
22. Jahrgang
Gonnabend/Sonntag, 23./24. April 1932
Nummer 95*
Oer Endkampf um Preußen
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Oie letzten Anstrengungen der Parteien / Zweistündige Besprechung Brünings mit Tardieu / Reichstagseinberufung zum 9. Mai
Oer Tag der Länderwahlen
th. Berlin, 23. April.
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Brünings Unterredung mit Tardieu
Eigener Drahtbericht.
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W. P. Zum drittenmal im Zeitraum von sechs Wochen wird der größte Teil des deutschen Volkes an die Wahlurne gerufen. Nur ein Sechstel der Gesamtbevölkerung hat sich in diesen Wahlkampf, der die letzte der innerpolitischen Frühjahrsentscheidungen vorbereitet, von draußen ansehen können. In Preußen, in Bayern, in Württemberg, in der großen Hansastadt am Elbestrand und im Anhalter Ländchen — überall wurden wieder die Werbetrommeln gerührt, überall haben die Parteien die Feuer und Feu- erchen ihrer Begeisterung entzündet, und überall ist die politische Leidenschaft noch einmal aufs stärkste aufgewühlt worden.
Oer (Sinn der Länderwahlen
Länderwahlen! Vor ein paar Jahren noch wäre cs notwendig und nützlich gewesen, den Wahlpflichtigen eine kleine Lektion über die Bedeutung eines derartigen politischen Aktes zu lesen, um die Wahlmü-
gnMfs«» ««» Reklameieil die mit Anzeigen in ieroä&r. Rech» urt a. M. 6380,
und die Regierung wird dem Aettestenrat nunmehr den Vorschlag machen, den Reichstag für M o n t a g, d e n 9. Mai, einzuberufen.
In der letzten Woche vor Pfingsten, zwischen dem 9. und 15. Mai, wird es sich dann im Reichstag um eine allgemeine politische Debatte handeln, die wahrscheinlich zugleich als Etatsdebatte erster Lesung anzusprechen fein wird. Dann wird der Etat dem Haushaltsausschuß überwiesen werden. Die zweite und dritte Lesung des Etats kommt für die zweite Hälfte Juni in Betracht, und diese Zeit dürfte überhaupt zu einer politischen Hochkonjunktur ersten Ranges führen, denn dann wird man neben den Etatdebatten des Reichstags vor allem auch mit Verhandlungen des neuen Preußischen Landtages über die Neubildung der preußischen Regierung und außerdem mit der Reparationskonserenz von Lausanne zu rechnen haben.
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Oer Kampf um Preußen
Von den sünf Länderwahlen, die der morgige Sonntag bringt, verdient der Kampf u m P r e u - tzen, das allein zwei Drittel des ganzen Reiches umfaßt, selbstverständlich das stärkste Interesse. Mehr noch als in den anderen Ländern geht es hier um die bereits gekennzeichneten allgemeinen Probleme, daneben wird aber bei dieser Wahl dem preußischen Volke noch eine spezielle Frage zur Beantwortung vorgelegt: Die Frage nämlich, ob die Regierung der Weimarer Koalition, die das Wesen der preußischen Nachkriegspolitik bestimmt hat, bestätigt, oder ob sie aus dem Sattel gehoben werden soll. Die Verteidiger dieses Regierungs-Systems haben in den letzten Tagen eifrig und hingebungsvoll ihre Lobeshymnen gesungen, und die Vertreter der LPPosiriou siüd nicht weniger verschwenderisch mit ihren Worten der Kritik umgegangen. „Die preußischen Leistungen in den Nachkrieasjahren haben nicht nur der Bewahrung und dem Schutz vor Gefahren und Erschu,->un- gen, sondern auch der Entwicklung und dem An oan gedient. Sie stellen eine ungeheure Arbeit dar, aus die nicht nur Preußen, sondern das ganze Reich mit Stolz btiden kann." So sagen die einen, die Anwälte ^et Regierung Braun-Severing. „Preußen — eine Domäne der Parteiherrschaft, sein Beamtentum der Spielball der Parteiwirtschaft, seine Minister vom Unsinn sozialistischer Lustschlösser benebelt", so urteilen die anderen,die Männer aus dem Lager der Lp- position. Zwischen diesen beiden Extremen, zwischen höchstem Lob und schärfster Kritik bewegen sich die Urteile, die über die Arbeitsleistmig der Weimarer Koalition gefällt werden. Die preußische Wäbler- schaft hat zu entscheiden, welchen Argumenten sie zu folgen gedenkt.
Wahlprognosen
Die Wahlarithmetiker und die Wahlpropheten baden Hochkonjunktur. Sie rechnen und orakeln, und kein Tag vergeht, ohne daß uns ein neuer Tip vorgelegt worden wäre. In einem Punkt freilich decken sich fast alle Voraussagen: In der Erwartung nämlich, daß die Weimarer Koalition die knappe Mehrheit von 10 Stimmen, die sie im alten Landtage besaß, einbüßen wird. Welche politische Konstellation sie aber ablösen wird, und o b es überhaupt möglich sein wird, eine neue Regierungsmehrheit zu bilden — das sind Fragen, die recht verschiedenartig beantworte werden Zunächst ist zu beachten, daß der W a h l q u o t i c n t I von 40 000 aus 50 000 heraufgefetzt ist, das heißt also,
digkeit und die Wahlsaulheit zu bekämpfen. Heute stehen nur noch die ganz Unverbesserlichen abseits, und bei diesen Ewig-Uninteressierten, die selbst durch dte materiellen Nöte der letzten Jahre und durch die Erschütterung unserer ganzen Gesühls- und Gedankenwelt nicht aufgeschreckt und mit der Politik in Kontakt gebracht wurden, bleibt nichts anderes übrig, als daß man sie mit sich selbst und ihrer Zipfelmütze allein läßt. Sie würden an der Wahlurne doch nur dann erscheinen, wenn sie zwangsweise vorgeführt werden könnten. Die überwältigende Mehrheit des Volkes aber wird, mag auch die Wahlbeteiligung den Rekord des 13. März nicht wieder erreichen, wählen, weil sie erkennt, oder weil sie doch zum mindesten ahnt, was auf dem Spiel steht, und worüber mit dieser Wahl entschieden werden soll.
Die Weimarer Verfassung hat zwar den Ländern manche Rechte und Ausgaben, die sie in der früheren Zeit hatten, genommen, aber die Nachkriegsjahre haben andererseits doch zur Genüge bewiesen, daß dre Befugnisse, die den Ländern geblieben find, immer noch recht bedeutend sind, und daß vor allem die vollziehende Gewalt den 2änberrcgierungei< eine höchst reale Macht sichert. Zu dieser Erkcnrl- i nis kommt ein zweites Moment, das den Ländcr- ; wählen erhöhtes Interesse sichert: das Gefühl nam- Pck daß die Auseinandersetzung über die großen ^grundsätzlichen Fragen unserer Innenpolitik daß dieser Kamps um das politische System", der feit einigen Jahren begonnen hat, nicht zuletzt aus dem Wege über die Länderpolitik vorwärtsgetrieben werden kann. Denn gerade über die Länder wird dem Staatsbürger klargemacht, daß die P r o b l e m a- tik des Parlamentarismus keineswegs mit der Frage, ob der Reichstag und die Landtage arbeitsfähig sind oder nicht, erschöpft ist, sondern daß sie auch andere Dinge von großer Wichtigkeit, wie beispielsweise die Verwaltungspraxis und die Rechtsprechung, berührt. Und noch ein Drittes wirkt mit, um den Länderwahlen ihre große Bedeutung zu geben: Das ist die Ueberzeuguug, daß die Ergebinfse dieser Wahlen, die von fünf Sechsteln der deutschen Bevölkerung Urteil und Entscheidung fordern, nahezu eine Gesamtbilanz unseres politischen Denkens und Wollens darstellen, und daß diese Willenskundgebung doch irgendwie sich aus die Politik oe» Reiches auswirken mutz.
Genf, 23. April.
Die Unterredung, die der Reichskanzler in Anwesenheit des Staatssekretär von Bülow am Freitag nachmittag mit Tardieu hatte, schließt vorläufig die großen Besprechungen des Peichstanzlers
Mr kleine Zwischenfälle
Eigener Drahibericht.
mit dem in Genf anwesenden ‘Vertretern der Großmächte ab. Der Reichskanzler nahm am Freitag abend an einem großen politischen Essen teil, daß der Ge neralsekretär des Völkerbundes, Sir Eric L.rnm- mond, den führenden Staatsmännern gab.
In gut unterrichteten Kreisen wird die Ausfaffung bestätigt, daß die bisherigen Besprechungen im wescntlicheii nicht als ergiebig angesehen werden können. Der französische Ministerpräsident Tardieu hat im Hinblick auf die Unsicherheit der innerpolitischen Sage in Frankreich vor den Kammerwahlen in allen Fragen, insbesondere in der Reparalions- und Tonaufrage, große Zurückhaltung gezeigt.
Die Rücksichtnalniie aus die persönliche Stellung Tardieus int Hinblick auf die Kammerwahlcn hat in den laufenden Verhandlungen eine wesentliche Rolle gespielt. Tanrdieu hat, wie berichtet wird, in engerem Kreise erklärt, daß das wejentliche Ergebnis seiner Besprechungen mit Brüning in einer gewissen „Beruhigung" zu erblicken sei.
Wenig ist vom deutschen Standpunkte, daß der englische Antrag zur Abrüstungsfrage, der — wie wir bereits in einem Teil der gestrigen Ausgabe berichtet haben — von der Konferenz angenommen wurde, durch die Umwandlung in ein Kompromiß, wonach die „Internationalisierung ober die Abschaffung bert schweren Angrisfswaffen" ge- förbert wirb, veröffentlicht warben. Wie aus Pariser Pressemelbungen hervorgeht, ist man freilich in französischen Kreisen trotzdem von der Entwicklung der Dinge noch nicht befriedigt.
Man ist vielmehr der Ansicht, daß der französische Abrüstung!Vorschlag früher ober später doch abgelehnt würde, und daß die jetzt verschobene Krise der Konferenz bann boch noch kommen werbe. Andere Blätter erklären, baß Frankreich auch fetzt noch nicht aus seiner Jsoliernng herausgekommen sei.
Kens, 23. April.
Reichskanzler $r. Brüning hatte gestern nachmittag eine fast zweistündige Unterredung mit Tardieu.
Heber diese Unterredung berichtet der Außenpolitiker des „Petit Parisien", Tardieu habe nach der Unterredung erklärt, Brüning und er hätten keinen Besprechungsgegenstand ausgelassen. Ministerpräsident Tardieu habe, so fährt der Korrespondent fort, die Ideen, die bei diesem Meinungsaustausch zum Ausdruck gekommen feien, und den Gefamteindruck, der sich ergeben habe, für sich behalten.
Das Blatt berichtet im übrigen, daß hinsichtlich der Reparationen noch keine Entscheidung getroffen worden sei, weder über das Datum des Zusammentritts der Lausanner Konserenz, die nicht vor der zweiten Hälste des Juni beginnen dürfte, noch über den Vorsitz, obwohl die französische Regierung allerdings daran gedacht habe, als Vorsitzenden den Belgier Theunis vorzuschlagen.
Der Außenpolitiker des „Echo de Paris" dagegen erklärt, die Lausanner Konferenz könne kaum später als am 16. Juni zusammentreten. Hinsichtlich der Reparationen hätte weder die deutsche noch die französische Einstellung bisher eine Aendernng erfahren.
Genfer Zwischenbilanz
Der preußischen Wahlkampf wird heute abend mit der über alle Sender übertragenen Rundfunkrede des Ministerpräsidenten Braun seinen Abschluß sinden. Der Wahlkampf ist auch weiterhin ruhig verlaufen. Zwischenfälle wurden nur aus H a m- b o r n und Breslau gemeldet. In Hamborn schritt die Polizei bei einer kommunistischen Demonstration, bei der der Redner die Polizei in beleidigender Form angegriffen hatte, ein. Dabei mußte sie vom Guinmi- knüppel und von der Schußwaffe Gebrauch machen. Zwei Personen erlitten Schußverletzungen. In B res- lau kam es zu einer Schlägerei zwischen Noiional sozialisten und Kommunisten. Sieben Nationalsozialisten wurden verletzt, darunter drei schwer.
Ministerpräsident Brann hat gestern in der großen Versammlung der Eisernen Front im Berliner Lustgarten gesprochen, wobei er sich vor allem mit dem von der Rechtsopposition ausgegebenen Schlagwort „Preußen soll wieder preußisch werden" auä- einandersetzte. Er kam dabei zu dem Schlug, dar, Preußen republikanisch-preutzisch erhallen bleiben müsse, denn es gehe liicht nur um die Frage, ob am 24. April die preußische Regierung in andere Hände komme, sondern es gebe um Deutschland« Gettnna tr. ber Welt. Von führenden Persönlichkeiten aus dem sozialdemokratischen Lager sprachen S-vering tu Magdeburg und Löbe in Brexlaa.
Hitler sprach im überfüllten Berliner PPE- vaiast Seine Ausführungen deckten sich ungefähr mit dem Inhalt seiner Kasseler Rede. Nachmittags hatte Hitler in Frankfurt (Oder) und Neuruppin Wahlreden gehalten.
Eine Hugenberg-Kundgebung sand,in der Dortmunder Westsalenhalle statt. Der deutschnatio- nale Führer wies darauf hin, daß bei der letzten Landtagswahl 600000 Stimmen, die für Splitterparteien abgegeben wurden, verloren gegangen seien Seine Rede klang in dem Appellaus: Ein jeder möge durch Unterlassung der Stimmabgabe für bie Sllein- mittelparteien dazu beitragen, daß sich das nicht letzt im entscheidenden Augenblick wiederholt.
Von Interesse sind ferner die Ausführungen, d,e Abg Kaas in einer Berliner Versammlung über das SA.-Verbot machte: „Ich sträube mich", folgte Kaas, „in keiner Weise dagegen, daß von selten der Reichsregierung eine größere Prüfung durchgeführt wird, ob nach diesem Verbot sich auch die entsprechenden Konseguenzen für die anderen Kampforganisationen politischer Parteien ergeben. Es kann nicht von gutem fein, wenn man diese Dinge nur parteipolitisch betrachten will. Ich verstehe es, ans welchen Erwägungen das Reichsbanner gegründet wurde. Aber, wenn der Staat durchgreift, der einen Seite gegenüber, muß auch nach der anderen Seite die Grenze gezogen werden".
Der volksparteillche Führer Dingeldey !prach in Hannover, während Reichsminister Dietrich auf einer Altonaer Kundgebung der Staatspartei das Hauptreferat hielt.
politische Hochkonjunktur im Juni
th. Berlin, 23. April.
Der Reichskanzler wird nach seinem Wiedereintreffen in Berlin dem Kabinett vor allem auch Bericht über seine Genfer Verhandlungen erstatten. Dabei spielt int Augenblick die Reparatioussrage eine hervorragende Rolle und unter anderem wird dabei auch der Termin für die Konferenz in Lausanne vereinbart werden. Man hält es in Berlin für wahrscheinlich, daß dafür der 16. I u n i in Betracht kommt, obwohl das Datum noch nicht endgültig feststeht.
^as Kabinett wird Ende der nächsten und Anfang der übernächsten Woche den Etat endgültigverabschieden, dann wird dieser dem Reichsrat zugeleitet werden. Es ist in diesem Jahre jedoch (wie es vor einigen Jahren schon einmal der Fall war) wieder beabsichtigt, den Hausballsplan nicht nur durch den Reichsrat, sondern abweichend von der gewohnten Praris gleichzeitig auch dem Reichstag zu Überweisen, damit keme weiteren Verzögerungen mehr eintreten und der Etat vom Reichstag zu Ende Juni fertiggestellt werden fan$er Aeltestenrat des Reichstags wird am Dienstag, den 26. April, zusammentreten und den Termin der Wiedereinberufung des Reichstags bestimmen. Die Reichsregierung hatte ursprünglich die Absicht, dafür den 6. M a i in Vorschlag zu bringen, aber weil an diesem Tage die Eröffnung der neuen Bibliotbck des deutschen Musenms in München liatt- jinöct, wobei viele Abgeordnete anwesend sein werden, hat man von diesem Plane Abstand genommen.
r450 Sitze
hUPV
Preußen
20. 5.58
Württemberg
20.5.28.
ML
Die Länderparlamenle vorder Neuwahl
Bisherige Zusammensetzung
• >wQ
Anhalt
80.5.26,
Hamburg
27.9.31.
■3 Sitze E Bayern eo r 88.
Sitze