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Montag, IS. April 1S3L / 2. Vkila».

Kasseler Reueste Rachrichten

BERLIN im ersten Augenblick

Was einem jungen Kasselaner beim ersten Besuch in der Reichshauptstadt auffiel

Zur Hundertjahrfeier des Hambacher Festes

Tkr^SV / Zweiundzwanzigster Jahrgang

Nur ein Pferd

den er- wie

Der Dreijährige sieht, siegt ununterbrochen, lieber Nacht fast läuft er zu einer Form auf, die man in Australien bisher noch nie gesehen hat. Fünfzig Rennen läuft er auf australischen Bahnen davon ge­winnt er sechsunddreißig als Haushoher Sieger und heißer Favorit. To daß schließlich Rennen, in denen er starten soll, überhaupt nicht mehr zu besetzen find und Wetten gegen ihn nicht mehr abgeschlossen werden.

Phar Lap aber mußte laufen! Denn da er 1 als Wallach für die Zucht ausschieü, war er wertvoll nur

S überreichend schnelle Sdimerxbeleitigung "C) bei Kopfschmerzen jeglicher Art, Migräne, j Neuralgien und rheumatischen Besch wen. den durch das ärztlich bestens empfohlene

f) Citrovanillp. UnschädlichfürHerzu.Magen.

kj 6 Pulver- od. 12 Oblaten-Packung RM i-O."»

In seiner Wiesbadener Villa hat sich der Kauf­mann Hermann Deppe in dem Augenblick erschaffen, als er wegen Verschiebung von 800 000 Mark nach der Schweiz verhaftet werden sollte, Deppe, früher Casö- befitzer, wurde auf etwa eine Million Marl geschätzt, hat es also fertiggebracht, fast sein ganzes Vermögen ins Ausland zu schaffen:

auf dem Turf. Rach schweren Bedenken ging feilt Besitzer mit ihm auf Tournee in die USA., wo er zu­nächst in Kalifornien startete.

Drückende Hitze, völlig veränderte klimatische Ler- hältniffe, anderes Heu, anderes Wasser, schwüle Ställe . . . jedes andere Pferd hätte unter diesen Umständen versagt. Aber Phar Lap an dessen Sieg kein Mensch glaubte, gewann das reichste ame­rikanische Rennen, das Agua Laliente Handicap spie­lend, obwohl er mit seinem Jockei W. Elliot 58% Kilo zu tragen hatte!

15 000 Zuschauer brüllten sich bei diesem Sieg die Kehlen wund vor Begeisterung. 50 000 Dollar brachte einem Herrn dieses Rennen. . .!

*

Phar Lap war nur ein Pferd und trotzdem ein Star, gehaßt und geliebt. Man hot mehrfach ver­sucht, ihn zu vergiften, ein Mowrradfahrer unter­nahm ein Revoloerattentat aus ihn, seine Stalleute wurden überhäuft mit Geschenken, damit fie die Backfische des Rennsports den Wallachnur einmal anfassen" ließen.

Das Pferd hatte einen eigenen Trainer, einen ei­genen Jockei, W. Elliot, zwei" eigene Stallburschen, einen eigenen Salonwagen für Eisenbahnfahrten, einen Tierarzt, der auf die Reise mitgenommen wurde. >. Phar Lap wurde nur wenig trainiert, weil er Ehrgeiz in den Knochen hatte. Ohne Hilfe startete der Wundergaul und gab von vornherein das Beste her, konterte alles in Grund und Boden, was sich ihm in den Weg stellte.

Rur einen Gegner bezwang er nicht, weil der sich ihm nicht stellen wollte und konnte: Sun Beau, das erfolgreichste Rennpferd der Welt, das es auf Ge­winne von insgesamt 75 000 Pfund gebracht hat.

Als Phar Lap noch jung war, wurde er als das bezeichnet, was man bei Menschen einenschlechten Schüler" nennt. Er war bockbeinig, behauptete durch passiven Widerstand zum Rennpferd gänzlich ungeeig­net zu sein und weigerte sich entschieden, unter dem Sattel zu gehen.

Sein Besitzer war verzweifelt und so wütend, daß er den jungen Hengst zum Wallach degradierte. Als auch das nichts nutzte und Phar Lap blieb, was er war: bockig, eigensinnig und faul, wurde er zum Ver­kauf gestellt.

160 Pfund, das sind 3200 Reichsmark, lautete das Höchstgebot, das Herr D, I. Davis, ein australischer Farmer und Stallbesitzer, abgab. Der Vorbesitzer grinste:Viel Geld für den Bock!" Und das Geschäft war perfekt.

Phar Lap ging von seiner Heimat Reu-Seeland nach Australien bekam einen eigenen Trainer und einen eigenen Jockei--und sechs Monate später

war Phar Lap das Tagesgespräch aller Turffreunde in Sidney und Melbourne.

Ein zeitgenössischer Stich, der den Zug der 20 000 Patrioten zum Hambacher Schloß darstellt. Im Mai wird eine große Volksfeier, an der Reich und Länder teilnehmen, an den historischen Zug zum Hambacher Schloß (bei Neustadt a. d. Hardt), der am 27. Mai E stottfand, ermnern. Dos Ham­bacher Fest war eine große republikanische Versammlung, in der mit leidenschaftlichen Reden Volks­souveränität und die deutsche Einigkeit gefordert wurden. Die Reden erweckten damals tn ganz Deutschland einen begeisterten Widerhall.

seine Gunst zugewandt hatte. Sie einigten sich schließ­lich auf ein Pistolenduell mit zehn Schritt Abstand, das auf freiem Felde durchgeführt wurde. Die Ge­liebte traf die Frau tödlich.

In Winnipeg (Kanada) brachen 200 Sträflinge aus ihren Zellen aus, griffen die Wärter mit Häm­mern an und wurden beim Durchbruch durch das Haupttor mit Maschinengewehren beschossen. Ein Sträfling ist tot, zwei sind schwer verletzt.

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In der ostasiatischen Presse wird darauf hinge- wiesen, daß im nächsten Jahre Japan im Zeichen des Hahnes steht, der für die asiatische Zahleninvstik das Symbol für Unruhen bedeutet. Im Jahre 1932 steht Japan im Zeichen des Affen, während es 1931 im Zeichen des Bockes stand. Die Kinder, die im Zeichen des Affen geboren werden, gelten als schlau, gerissen und unbeständig.

Arn Sonnabend machte der Bürodirektor der Emdener städtischen Verwaltung, Bornscheuer, seinem Leben ein Ende. Bornscheuer hatte sich mittags in seinem Büro verabschiedet, traf aber nicht in seiner Woh­nung ein. Als die Polizei Nachforschungen nach sei­nem Verbleib anstellte, sand man ihn in einem Dors in der Nähe der Stadt Emden im Ems-Jadekanel tot auf. Man nimmt an, daß ein nervöser Zusammen­bruch der Grund zu der Tat war.

*

Die Fliegerin Marga von Etzdorf ist in Rangkok über dem dortigen Flugplatz abgestürzt. Ihr Flug­zeugKiekindiwelt" ist völlig zertrümmert. Die Flie­gerin selbst hat Verstauchungen und Schürfungen er­litte», die aber, da der Abstutz aifs geringer Höhe erfolgte, nicht gefährlich sind. Marga von Etzdörske findet sich auf dem Rückflug nach Deutschland. Als sie am Sonntag früh kurz nach dem Start in eine Kurve ging, setzte plötzlich der Motor aus. Es gelang der Fliegerin, die Maschine wieder zu Boden zu bringen, wo sich diese aber überschlug.

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In Zagrzvn (Polen) gerieten zwei Frauen in Streit, um den Mann der einen, der der anderen

phar Lap, das Millionen gewann

Von uitserem Korrespondenten George O'Claren.

Aus Kalisornien wird gemeldet, daß dort das Wunderpferd Phar Lap, das seinem Be­sitzer insgesamt 66 000 Pfund an Renngewin­nen eingebracht hat, an Kolik gestorben ist.

Phar Lap ist nur ein Pferd--und war doch

ein Millionär! Und ein bissiger Turfwitz fügte hin­zu:Phar Lap war ein Millionär und hat sein Geld trotzdem ehrlich verdient!"

66 000 englische Pfund, das sind rund 1 320 000 Reichsmark, hat Phar Lap in den wenigen Jahren seines merkwürdig uneinheitlichen Lebenserlaufen" und seinem Besitzer der ihn irgendwann einmal billig ersteigerte damit zum vielbeneideten Turf­könig gemacht. Er war ein Pferd ganz großer Klasse, einer der letzten und fast schon historischen Vertreter edelsten Rennblutes, das arbeiten und sie­gen kann unter allen, auch unter den schwierigsten Bedingungen!

Daneben aber war sein Leben auch.sensationell ge­nug, um hier einmal kurz geschildert zu werden.

Wer hat noch keine Goethe-Schaumünze? Wie -uns mitgeteiH wird, liegt die Einzeichnungsliste zum Erwerb einer Goethe-Schaumünze bis zum 25. d. M. im Städtischen Presseamt, Rathaus, Zimmer 77, auf. Wer eine Goethe-Schaumünze kauft, fördert damit die Deutsche Volksspende zur Erhaltung von Goethes Ee- burtsstätte. Die zum 100 Todestag Goethes geprägte Münze kostet in Fünfmarkstückgröße tn Silber 6 RM., in Gold 100 RM., und in Größe eines Zwanzigmark­stückes in Gold 25 RM einschließlich Etm. Im Inter­esse der Erhaltung der Eeburtsstätte unseres großen Dichters möchten auch wir den Erwerb der Denkmünze empfehlen.

Angeblich ist Phar Lap einer Kolik erlegen. Wahrscheinlich aber hat sein verwöhnter Magen die vielen Dopingmittel nicht vertragen, die er im Laufe der Zeit erhielt, um seine Form verbessern oder zu handicapen. Aber das ist unwichtig. Wichtig er­scheint an seinem Leben nur die Tatsache, daß bei Tieren das gleiche zu gelten scheint wie bei " Menschen: Daß man nämlich ein tüchtiger und folgreicher Kerl werden kann, auch wenn man Phar Lap ein schlechter Schüler war.

Aus aller Well

Gaswolke über Harburg

Rätselhafte Schwefeldämpfe.

Hamburg, 18. April.

Stuf dem bei den Landungsbrücken in Harburg liegenden DampferCourier" der Harburger Dampf­schiffahrtsgesellschaft wurden Sonntag morgen gegen 7 Uhr siebeit Personen der Besatzung und ein Passa­gier durch Einatmen von Gas unwohl. Die Erkran­kung, die eine lähmende Wirkung auf die Atmungs­organe hatte und Hustenreiz und starke Kopfschmerzen verursachte, nahm keinen ernsteren Charakter an. Die Ursache war eine starke Gaswolke, die bei nördlichem Winde aus Richtung Harburg-Wilhelmsburg kam und ihren Niederschlag auf dem Dampfer sand. Sämtliche Metallteile aus dem Dampfer, besonders die Meffing- und Kupferteile, waren mit einer weißen Schicht über­zogen. Die Harburger Polizei gibt darüber folgen­den Bericht:

Aut Sonntag morgen kurz vor sieben Uhr spürten mehrere Personen der Besatzung des Hamburg-Har­burger DampfersCourier", der an der hiesigen An­legebrücke lag, plötzlich einen schwefelartigen säuer­lichen Gasgeruch, der bei ihnen Hustenreiz und ein Uebelbefinben hervorrief. Bei einigen Personen stell­ten sich auch Kopfschmerzen ein. Nach Verlauf von 2 bis 3 Minuten war der üble Geruch verschwunden. Ernste Erkrankungen sind nicht erfolgt, weswegen die betreffenden Personen auch ärztliche Hilfe nicht in Anspruch nahmen. Der Geruch war durch den Wind aus Richtung über Wilhelmsburg her.bergezogen. Ob­wohl die Polizei sofort Ermittlungen anstellte, konnte die Ursache des Gasgeruchs nicht festgestellt werden

Roheit eines Bettlers

Berlin, 16. April.

Einen ungeheuerlichen Roheitsakt verübte ein Bettler im Osten Berlins. Er klingelte an einer Woh­nung. Als ihm nicht gleich geöffnet wurde, löste er eine Meffingstange von der Treppe, und als die Woh­nungsinhaberin, eine 26 Jahre alte Frau, an die Tür" kam und durch das Guckloch schaute, stieß der Bettler mit der Stange durch das Guckloch. Der Stoß traf die Frau mit voller Wucht ins Auge. Die gel­lenden Schmerzensruse der Frau alarmierten die Hausbewohner. Während einige sich um die Frau be­mühten, eilten andere dem Bettler, der inzwischen aeflüchtet war, nach. Auf der Straße schloffen sich Passanten und Polizeibeamte den Verfolgern an. Der Bettler wurde eingeholt und festgenommen. Da der bedauernswerten Frau durch den Stotz mit der Stan­ge auch Glasfplitter der Gucklochscheibe ins Auge ge­drungen sind, werden die Aerzte das 9(uge wahrschein­lich entfernen müssen.

Lebenslängliches Zuchthaus für einen Sittlichkeits-Verbrecher

Düsseldorf, 16. April.

Nach zweitägiger, zum Teil unter Ausschluss der Oeftentlichkeit geführter Verhandlung, verurteilte das hiesige Schwurgericht den 41jährigen Arbeiter Paul B isch o f s aus Düffeldorf wegen Verbrechens und Vergehens gegen die Par. 175, 176 Abf. 3 und 178 zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe und zu dauernder Ab­

erkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Bischoff hatte im Juni 1928 einen achtjährigen Schüler bei einem Sittlichkeitsverbrechen ums Leben gebracht. Die Leiche des Knaben wurde später von spielenden Kindern auf einer Schuttabladestelle gefunden.

Oie Ueberschwemmungen in Südslawien

Halbe Million Hektar unter Waffer.

Belgrad, 18. April.

Die Ueberschwernmungen in Südslawien nehmen immer verheerenderen Umfang an. Infolge der un­unterbrochenen Regenfälle im ganzen Staate führen die großen Ströme immer gewaltigere Wasserrnaffen heran. Der Wafferstand an der Theiß und Save ist höher als bei allen großen Ueberfchwemmungen in den letzten Jahrzehnten. Die Save hat alle Not­dämme hinweggespült und ergießt hemmungslos ihre Fluten in das flache Land. In den letzten 24 Stun­den sind wieder etwa tausend Häuser unter Waffer gesetzt worden. Die Überschwemmte Fläche beträgt schätzungsweise bereits eine halbe Million Hektar. Die Lage der Bevölkerung, die vor dem Waffer, wie in Kriegszeiten vor dem Feind, flieht, ist äußerst ernst Ter Staat läßt Geld und Lebensmittel unter den Flüchtlingen verteilen. Auf Anordnung des Flug- hafenkommandos in Neusatz kreisen ständig Flugzeuge über den Ueberschwernmungsgebieten. Fachleute beob­achten von den Apparaten aus ununterbrochen die Entwicklung der Lage.

Bon den Flugzeugen aus werden durch Bomben­abwürfe auch Dammsprengungen vorgenommen um den Abfluß der Fluten z» ermöglichen. Infolge des Regens mußten mehrere Landesbahnen den Ver­kehr einstellen, da große Erbmassen die Strecke ver­schüttet hatten. Auch der Verkehr zwischen Belgrad und Sarajewo ist unterbrochen, da bei Uschitze ein Lastzug entgleist ist.

Kleine Gbronil

Das Gericht in Pirmasens verurteilte den Ko- merzienrat Goet, Vorstandsmitglied der Pirmasenser Lederfirma Fahr, wegen Unterschlagung ^u 1% Jah­ren Gefängnis. Der mitangeklagte Rechtsanwalt Kö­nig wurde freigesprochen. Das Urteil gegen den Vor­sitzenden des Aufsichtsrates, Geheimrat Brosien, wur­de ausgesetzt, weil der Angeklagte infolge eines Schlaganfalls darniederliegt.

Das LuftschiffGraf Zeppelin' ist kurz nach Mit­ternacht um 0,08 Uhr zu seiner dritten diesjährigen Iüdamerikafahrt gestartet. Dr. Eckener selbst hat die Führung des Schiffes übernommen.

Auf dem Uckersee in der Uckermark ereignete sich am Sonntag ein schweres Bootsunglück. Fünf Mit­glieder der Freien Turnerschaft unternahmen in einem Vierer einen Ausflug. Bei dem herrschenden Sturm schlug das Boot um. Drei Insassen ertranken; einer der beiden Geretteten starb kurz nach der Bergung

*

Das Schloß des rumänischen Königs in Foischor bei Sinaia, der rumänischen Sommerresidenz, wurde durch ein nächtliches Großfeuer völlig zerstört. Kost­bare Möbel find vernichtet worden.

I.

Ankunft.

Anhalter Bahnhof: Wo bleibt die Millionenstadt? Nicht besonders groß, nicht besonders schön, nicht be­sonders lebhaft die erste Berliner Enttäuschung.

Trambahn, Autobus, Untergrundbahn, Taxi alle Wege führen nachRom'. Nur merkwürdig, daß für mich am ersten Tag Rom immer da liegt, wo ich nicht hin will. Das richtige Vehikel ausknobeln, das Umsteigen nicht Übersehen und nicht in verkehrter Richtung fahren einmal wird wohl jeder durch Erfahrung klug.

*

Ein hellbrauner Wagen mit 2 PS. jawohl mit zwei richtiggehenden lebendigen Pferden wackelt durch die Straßen.Hermann leuchtet in wun­derschönen goldenen Buchstaben an der Seitenwand ein Begriff, mit dem man im allgemeinen nur noch Autos, "Aufzüge, Rolltreppen verbindet. Aber ein Warenhaus muß ja schließlich alles haben, auch Pferde.

II.

Sinnbilder der Stadt.

Wo nun eigentlich das Herz dieser Stadt ist, darüber sind sich selbst die Berliner nicht ganz einig. Am Potsdamer Platz meint der Eine, am Kurfürsten- damrn der Slnbcrc, Unter den Linden, oder gar am Alexanderplatz, Vier Harzen und ein Schlag.

In der Nähe von Unter den Linden: Ein großes prächtiges Gebäude, der vergoldete Turm über dem Mittelbau leuchtet in der Sonne.Dem deutschen Volke' steht über dem Portal.Das ist unsere Quas­selbude" erklärt mir ein sachverständiger Berliner. (Es wird doch kein Reichstagsabgeordneter gewesen fein?)

*

W ihnungsnot einesteils, straßenweis' leere 8-, 9-, 10-Zimmer-Wohnungen andernteils. Dringender Be­darf und unverwerteter Ueberfluß eine der fatalsten Seiten der Wirtschaftskrise fällt einem in Berlin am eindringlichsten auf.

III.

Zeitungen beherrschen die Straße.

Der Zeitungskonsum ist ungeheuer. An allen Ecken und Plätzen haben sich Tankstellen für diese geistige Nahrung aufgetan. Sensationen am laufenden Band füllen die zu fast jeder Tages- und Nachtzeit neu er­scheinenden Blätter: Berliner Morgenzeitung, B. Z. am Mittag, Welt am Abend, Nachtausgaben . . .

8 Uhr abends am Potsdamer Platz: Die Autos der großen Zeitungsverlage kommen angefahren. Im Sturmschritt eilt das Heer der Ausrufer herbei, um neues Material zu fassen. Ein kurzer Blick auf den Leitartikel und bann beginnt die Arbeit. Ullstein, Scherl, Moffe, Bässe und Tenöre in allen Tonlagen, Stimmformen und Klangschattierungen ein wil­des, atonales Feldgeschrei hebt an, stundenlang bis in die tiefe Nacht hinein.

*

Belebte Verkehrsstraße: An einem Baum hängt ein Zeitungsständer und darunter gleich die Kaffe für den Obulus. Kein Mensch wacht in. der Nähe.

Berlin ist ehrlicher, als man denkt besonders in klei­nen Dingen.

Dien st am Kunden.

Ueberhaupt die Bäume spielen ein große Rolle, sie sind die Plakatsäule des kleinen Mannes. Hängt da an einem Ahorn ein Zettel:Bücherregal, womög­lich gebraucht, zu laufen gesucht" und am nächsten: 12 möbl. Zimmer an ruhiges Ehepaar abzugeben." So gebt es ein ganzes Stück weiter. Jeder, der vor­beigeht, wirft einen kurzen Blick darauf. Gibt es eine bessere uns billigere Reklame?

*

Was Dienst am Kunden ist, das weiß der Ber­liner. Kein Schaffner läßt es sich nehmen, einer Dame beim Ein- und Aussteigen den 2Irm zu reichen: und schlechte Launen sind jeder Verkäuferin strengstens untersagt.

Kartoffeln, Kartoffeln, prima mehlige Industrie- Kartoffeln". Durch alle Straßen hallt der Ruf. Ein kleiner Wagen hält vor jedem Haus. Ein Berus, der in der Kleinstadt ausgestorben ist, lebt in der Groß­stadt wieder auf.

V.

Vergnügen über Vergnügen.

Ein allzulanger Blick auf eine Berliner Plakat­säule kann sehr leicht zu momentaner Geistesverwir­rung führen: Furtwängler dirigiert, Reinhardt insze­niert, Sonja, Henie tanzt auf Eis, Tauber singt Entschlüsse fassen ist manchmal schwer. Wer sich nicht schnell entschließt, wird sich nie entschließen. Um 8 Uhr ist es schon höchste Zeit, um 10 Uhr ist es schad ums Geld, um 11 Uhr ist man reif zum Selbstmord, um 12 Uhr schleicht man müd nach Hause ein Abend Berliner Nachtleben.

*

Es fehlt an garnichts in Berlin. Auf der Friedrich­straße kann man mit Luftgewehren Kegel schießen, darf Kraft meffen. Handschrift deuten lassen alles gibt's da für 20 Pfennig Jahrmarkt das ganze

Abend und Nacht.

Die Eleganz am Kursürstendamm kommt auch nach Mitternacht nicht zur Ruhe die Armut ebenfalls nicht,dich, guter Herr, kaufen Sie mir doch bitte einen Ichuhriemen ab, noch nach Mitternacht ver­hallen diese Rufe unerhört. Mit leeren Händen ziehen die Jungens spät nach Hause. Tie einen haben es ausgegeben, die anderen haben es nie besessen zweierlei Armut.

Jeden Abend räumen Pelzgefchäfte und Juweliere ihre Schaufenster aus, um nächtlicher Kundschaft vor­zubeugen. *

Die Abneigung DerProvinz" gegen Berlin ist durchaus einseitig. Man sieht sivar außer auf Jahrmärkten hn Lande keine Berliner Pfdnn- kuchenbäckerei, dafür aber in Berlin umsomehr origi­nal Münchner Bräüstübl mit Eingeborenen-Kapellen, Rheinländische Bäckereien, Württembergische Wein­stuben und Verkäufer von heißen Frankfurtern. H. F.

CITR O V AR IT