JvtuSifc 'JlwatizYL /Crtz^crtw*
WÖCHENTLICHE BEILAGE DER KASSELER NEUESTEN NACHRICHTEN « Sonntag, 17.APRIL 1932
Politische Dichtung
Dichter stimmen vor dem Weltkrieg
Zn der groß angelegten Buchreihe .Deutsche Literatur", einer Sammlung literarischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Entwicklungsreihen ist das Gebiet der Politischen Dichtung von Universitäts-Professor Dr. Robert F. Arnold Wien, bearbeitet. Der soeben erschienene 7. und letzte Band der Reihe „Politische Dichtung" lVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig. Leinen 9 Mk.), der vom Frankfurter Frieden bis zum Ausbruch des Weltkriegs führt, zeigt an der Hand dichterischer wie prosaischer Erzeugn,sie aus jener Periode die Vormachtstellung des Deutschen Reiches, die überragende Gestalt Bismarcks, die Probleme der Weltpolitik, aber auch die inneren Schäden und Zwistigkeiten, die Kritik am Neuen Kurs, die Ahnung der kommenden Katastrophe. Schon das Krisenjahr 1888 läßt die drohenden Schrecknisie sichtbar werden: Einkreisung, Revolution, Krieg mit den Mitteln moderner Technik. Unter den Dichtern erheben darum Sozialisten, Nationalisten, Menschheitsfreunde ihre Warnerstimme. In Deutschland ist es Wildenbruch, in Oesterreich Ferdinand von Saar, der die Gewitterspannung der politischen Atmosphäre am stärksten empfunden hat. Doch neben
* 4
Otto Braun
Aus seinem Tagebuch.
14. Oktober 1911.
Ein recht interessanter Artikel im „Berliner Tageblatt" darüber, daß der Dreibund überlebt ist und nichts als eine leere Form darstellt.
Nur die Konsequenz, daß Deutschland und Oesterreich allein den gesamten Mächten die Front bieten können, scheint mir verfehlt, und der Hinweis aus die Annexion Bosniens als Begründung dazu kann nicht genügen, da die Mächte wegen Bosnien eben keinen Weltkrieg entfesieln wollen. Aber ich möchte gern (oder vielmehr sehr wenig gern) sehen, was Deutschland und Oesterreich anfingen, wenn England den ganzen Seehandel lahmlegte, Rußland kein Getreide und Argentinien und andere Länder kein Fleisch mehr lieferten, kurz alle Beziehungen zwischen uns und der übrigen Welt abgebrochen wären, wie es in einem Kriege, nicht in solch einer Minaturvor- stellung nach Muster Italien und Türkei, wirklich der Fall sein müßte. Die anderen können sich ohne uns schon eine Zeitlang behelfen ... Es wird sich wahrscheinlich ergeben, daß das ganze deutsche Volk bei geschlossenen Grenzen überhaupt nicht ausreichend ernährt werden kann. In dieser Lage würde jeder nach Möglichkeit für sich selbst zu sorgen suchen und ohne Rücksicht aus die Gesamtheit kaufen und bezahlen. Man darf als sicher annehmen, daß, wenn die Preise immer noch mehr gestiegen sein werden, dann eine Revolution kommen muß.
Christian Morgenstern
Aus den „Stufen" (1912).
Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor. daß er sich zu wenig mit Politik beschäftige. Er soll Partei nehmen; und wer da nicht „wählt", wird leicht Verräter -gescholten. Aber wie? Wählt er wirklich nicht, ergreift er wirklich keine Partei? Bil den die Stillen im Lande keine Partei, und ist es ihre Schuld, daß die höchsten Geister, die sie als Führer verehren und wählen,' im Land- und Reichstag ft* nicht einordnen lassen, weil sie im Parlament der Menschheit sitzen? ...
An der Vergeistigung, an der Pcrckristlickuna seines Vaterlandes arbeiten, das heißt lieben, das heißt mehr und anderes, als seinen unaufhaltsamen — Verfall wollen und mitbewirken
Ernst Stadler
Der Aufbruch.
Einmal schon haben Fanfaren mein ungeduldiges Herz blutig gerissen, .. .
Daß es, anfsteigend wie ein Pferd, nch wütend ins Gezäum verbissen.
Damals schlug Tambourmarsch den Sturm aus allen Wegen,
Und herrlichste Musik der Erde hieß uns Kugelregen. Dann, plötzlich, stand Leben stille, Wege führten zwischen alten Bäumen.
Gemächer lockten, es war süß, zu weilen und sich zu versäumen.
Von Wirklichkeit den Leib, sowie von staubiger Rüstung zu entketten,
den Hütern des Alten fehlt es nicht an solchen, die die Saat der Zukunft ausstreuen, indem sie entweder ihr Lied den neu entstehenden Parteibewegungen widmen, oder für neuen Gehalt entsprechenden künstlerischen Ausdruck suchen oder schließlich, allen Zeitfragen fern, den eigentlichen Sinn dieser zwischen zwei großen Kriegen eingebetteten Ruhezeit erfüllen, indem sie den Schatz der Seele wieder ans Licht fördern. Wenn ’ auch einzelne Kapitel, wie Kulturkampf, Eründerjahre, Nationalitätenkampf in Oesterreich, für sich abgeschlossene Formationen der Vergangenheit darstellen, so überwiegt doch, insbesondere was die moderne Arbeiterdichtung und die Auseinandersetzung mit dem Geist der Technik betrifft, der Charakter des Zeitgemäßen, für heute und morgen Gültigen. Der Weltkrieg hat das damals gewonnene Gedankengut nicht wertlos gemacht, er hat nach der theoretischen und dichterischen Vorbereitung die Periode des Tuns eingeleitet..
Wie weit Dichter jener Zeit das drohende Schicksal des Weltkrieges vorausgeahnt haben, mögen einige Prosa- und Versproben, die der 7. Band der Reihe „Politische Dichtung" enthält, belegen:
Wollüstig sich in Daunen lveicher Traumstunden einzubetten.
Aber eines Morgens rollte durch Nebelluft das Echo von Signalen,
Hart, scharf, wie Schwerthieb pfeifend. Es war wie wenn im Dunkel plötzlich Lichter aufstrahlcn.
Es war wie wenn durch Biwakfrühe Trompetenstöße klirren,
Die Schlafenden aufspringen und die Zelte abschla- gcn und die Pferde schirren.
Ich war in Reihen eingcschient, die in den Morgen stießen, Feuer über Helm und Bügel,
Vorwärts, und Blick und Blut die Schlacht, mit vor- gehaltnem Zügel.
Vielleicht würden uns am Abend Siegesmärfche umstreichen,
Vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt unter Leichen.
Aber vor dem Errassen und vor dem Versinkest Würden unsere Augen sich an Wel» und Sonne satt und glühend trinken.
Otto Braun
Bries an Julie V.
Zehlendorf, 2. August 1914.
. . . Mag auch alles so verhängt und dunkel feilt, daß wir nicht in die Zukunft zu blicken vermögen, das Eine ist nur sicher: Deutschland kann nicht untergeben. Und ich gründe diesen Glauben nicht wie die Prahler auf die Ueberzeugung von unserer Vollkommenheit und unseren Leistungen, sondern gerade aus dem Bewußtsein, daß wir uns noch nicht ersüllt haben, erwächst mir diese Gewißheit. Das Deutschland, das wir im Herzen tragen, ist noch nicht Gestalt, noch nicht Form geworden. Vielleicht haben wir in der Musik uns schon ausgesungen; in Bild- und Bauwerk, in Dichtung und vor allem in der Gestaltung des Lebens genügten wir unserer Bestimmung noch nicht. Die Ausgabe, die uns geworden ist, ist schwer, schwerer als die anderer Völker, weil wir vielfacher und vielspältiger sind. Wohl ist in Goethe als Mensch und Künstler der Reichtum, die Fülle, das Innige und Tiefe zu reinem Gebild geworden, aber immer ist es der Einzelne, der aus dem Chaos, aus dem llngeform- ten sich selbst Stil und Form schaffen muß. Hölderlins Sehnsucht bleibt noch heute unerfüllt.
„Schöpferischer, 0 wann, Genius unseres Volkes, Wann erscheinst du ganz, Seele des Vaterlands?"
Nicht die hohe Kultur des Einzelnen kann uns zur Vollendung führen; nur ans der großen Gestaltung des Lebens, der Gesamtheit, der Gemeinschaft, wird uns die Erlösung unseres wahren Seins werden. Dann erst vermögen wir das „neu Gebild" zu schaffen, von dem Hölderlin singt, daß es einzig sein und von uns zeugen werde. Dann erst wird sich erfüllen, was das deutsche Mittelalter versprach, was die Größten und Besten träumten, daß sie sich „alle finden am höchsten Fest".
In diesem Sinne, für dieses Ziel will ich hinaus, das heiligste Gut zu schützen: Deutschland. Verächtlich und töricht scheint es mir, sich zu sparen, sich zu schonen. Die Griechen wußten um den wahren Wert, wenn Aschylos es höher erachtete, bet Marathon mitgefochten zu haben, als ein Dichter ;n fein. Für die Erhaltung deutschen Wesens, für fetne Er füffung will ich kämpfen. Wer und was könnte mich da zurückhalten.
die sich nicht abfinden wollen mit der Realpolitik, die glauben, es könnte anders werden, wenn nur wieder Gut und Blut eingesetzt wird fürs Vaterland — mit Herz und Hand. Es ist, als habe er, der Dichter, unter ihnen, in ihnen gesteckt, so glüht es in diesem Buch von dem Geist, der diese Männer beseelt hat und den sie auch in Jahren der Kerkerhaft nicht aus- gegeben haben. So leidenschaftlich ist Ewers von dem patriotischen Impuls der Freikorpssührer erfüllt, daß seine Erzählung zunächst „in Fetzen und warben anhebt wie sein Roman aus dem Amerika der Kriegszeit. Aber aus den Fetzen und Farben wachst allmählich doch cine Komposition zusammen, die Ba-’ Vielsältige vereinheitlicht, die aus tausendfachem Wurzelwerk einen Baum erstehen läßt, der sich über dem Bilde Deutschlands wölbt und rauscht und in dem es klingt und singt von echtem, heißem Heldentum und von den Opfern, die die Herzen bringen und nicht bloß die Herzen junger Männer . . .
Ewers kann sich ja nicht verleugnen. Wie et in seinem früheren Schaffen den Patrioten nicht verleugnen konnte, so kann er hier den Phautasten nicht verbergen, den Dichter dämonischen Menschen
schicksals und des Grauens der Natur. Inmitten der auf dem geschichtlichen Hintergrund eines nationalen Schicksals ausgetragenen Begebnisse, bereit Ausstrahlungen bis in das gegenwärtige Jahr hmetn- reichen, inmitten historisch nachweisbarer, icbeni Lesenden erinnerlicher Vorgänge, in die der Held des Buches, führend und leidend, verwickelt ist, voll- 2leben sich in der Stille Spiralen weiblichen Lebens voll tiefer, qualvoller Tragik, und das Grauen, dessen Darstellung der Dichter meisterlich beherrscht, wirft seine Fratze empor, weist das Medusenhaupt, vor dessen Anblick das Blut in den Adern gerinnt. Dicht daneben aber rollt der Stirn. Hurtt le t Heiterkeiten und jenes alkohoUich-mctaphYsi- schen Humors, besten Töne Hanns Heinz Ewers schon in seinen frühesten Büchern so wirksam angeschlagen hat. Und bann gibt es wieber h ist 0r r icke ^z e- neu von ber unerhörten Bildkraft der Erschießung der psälzischen Separatistensührer in Speyer durch deutschen Selbstschutz, ober scharsäugig beobachteter Volksszenen aus beut Rheinlanb, ober jene.des em samen Leidens gepeinigter Herzen zwischen vier Wanden einer grausamen Welt. r-
Neue Romane
Sucher nach sich selbst
Ein neues Buch von Albert Steffen.
V. Der Schweizer Dichter Albert Steffen gibt schon im Titel feines neuen Romans „Sucher nach sich selbst", die Form seines Werkes zu erkennen, diese inbrünstige Vereinigung von Dichtung und Philosophie, die dieses und alle Bücher von Stessen kennzeichnet. Steffen, der von dem Naturglauben der großen schweizer Dichter über Nietzsche und Dostojewski zu der Anthroposophie Rudolf Steiners gelangte, ist immer ein Suchender geblieben. Er zeigt uns an dem Schicksal weniger um SinnerfuIIung ihres Daseins ringender Menschen, wie der Ungeist unserer Zeit immer wieder die Wege der Menschen zu sich selbst verschüttet. Und er findet in der Verbindung eines Menschenpaares glücklichste Synthese, eines Mannes, dessen Weltbild aus sinnlichem Erleben sich formte und vertiefte, und einer Frau, die die Welt in sich in ihren Träumen, Phantasien und Gedanken beschlossen fand und mit Hilfe ihres lebenzugewandten Freundes die Sterbekräfte überwindet, die von dem Sichversenken und Sichbeschränken auf die Jchwelt ausgehen. Steffen gelingen innerhalb seines philosophischen Romans zwei Dichtungen von tiefer Schönheit und Fülle: die Selbstbekenntnisse, die Lebensläufe feiner beiden Helden. Nicht Alles fügt sich im Verlauf des Buches fo klar und folgerichtig, nicht fo stark aus dichterischer Logik als aus der Logik des Traums entwickelt sich das Leben ber Sucher nach sich selbst", aber immer spricht bet lautere Wille eines echten Dichters zu uns, ber auf Grunb eigenen Erlebnisses Brücken zu schlagen vermag zwischen der sinnlichen und übersinnlichen Welt. (Der Roman „Sucher nach sich selbst" erschien im Verlag für Schöne Wissenschaften, Dörnach und Stuttgart, 336 Seiten, in Seinen 5,50. RM.)
Der Jüngling
im Feuerofen
Ein Nachkriegsroman von Heinz Steguweit.
Der Rheinländer Steguweit schreibt einen Roman, der den „Weg zurück" vom Fronterlebnis zum Nachkriegszustand nachzeichnet. Er schildert diesen Weg froh und hoffnungsvoll, erfüllt jede einzelne Station mit Humor und Lebenslust, mit Tatkraft und Glauben. Lebensbejahend ist dies Buch durch und durch. Wirklich ein „Weg", nicht ein Tasten oder ständiges Straucheln, wie in den beiden Büchern von Remarque und Ernst Gläser 3um gleichen Thema.
Ein hohes Lied ber echten Kamerabschaft, ber Blutsbrüberschaft im wörtlichen Sinne singt ber Dichter: „Wir Solbaten waren boch bic ersten Bruber" fo klingt bas Buch aus unb bas ist sein ganzer Inhalt. Die Kamerabschaft ber Kriegshölle auf das Nachkriegsdeutschland mit seinen vielen Friedenshöllen zu übertragen, das ist Zweck und Absicht von Ste- guweits Roman, dessen Held einfacher Muskate, Manes Himmerod, ein echter Kölscher Jung ist. Er geht durch die Holle des großen Krieges, durch Verwundung unb Urlaub. Dort erlebt Himmerob seine erste Station: bas Blutopfer für seinen Kompaniechef, den er fo vom sicheren Tode rettet. Doch als Himmerod etwas von Lob hört, reißt er aus. Tie zweite Sta- tion: er rettet ein Mädchen vom Ertrinken. Rettet unbewußt damit ein junges Leben, das in dem Mäd
chen wächst. Rettet zwei Mcnfchen für das trotz allem so schöne Leben. Wieder reißt er aus vor dem Lob. Auf abenteuerlichen Wegen kommt er nach Mostheim, einem kleinen Winzerdorf. Dritte Station ist Htm- merods Begegnung mit ber franzöpfchen Besatzungs- artnee unb bic Rettung von fünf Poilus aus bem Rhein. Nun muß er Lohn annehmen: 5000 Franken. Aber der Dickfelligkeit bes Kölners gelingt bas Meisterstück: nicht 5000 Franken will er, sondern er ertrotzt dem französischen General fünf Menschenleben für bic fünf geretteten Solbaten: fünf Mostheimer, die in französischen Gefängnissen sitzen. Manes wtrb Ehrenbürger von Mostheim. Daneben Fahrenschlffer, also beinahe Beamter. Die letzte, zugleich wichtigste Station ist wieber Mostheim: er heiratet bie Maria Sellbach, bas Mädchen, das er einst gerettet und gibt dem Kinde der jungen Mutter einen Vater. Ucber Separalistenfpuk und Franzosenwirr en, über eine knappe Fronzeit beim tyrannischen „Schwiegervater" landet Manes mit seiner Familie endlich bei feinem alten Kompaniechef und das Wort von der Kriegs- brüberfchaft wirb Tat. Manes wird Bauer, mit dem Bobeu verwachsen, im beutschen Lande verankert.
Dies alles wird erzählt mit einem stillen Humor, mit echter Gläubigkeit, mit Demut und Gottvertraucn, Steguweit ist ein ausgezeichneter Erzähler. Es wird einem warm ums Herz, wenn man dies Buch liest, das der deutschen Not Wege weisen will zur Erlösung und zutn inneren wie sozialen Frieden.
Ter Verlag Albert Langen näherte den Preis des vorzüglich auSgeftatteten Buches beinahe dem Preis einer Volksausgabe und gab damit auch äußerlich den Weg frei für bic breite Wirkung, bic das Buch verdient. Sch-T.
Gefährliche
Verallgemeinerung
3u Eva Leidmanns Roman: „Auch meine Mutter freute sich nicht."
Mit einer erstaunlichen formalen Begabung, bie bas einzig Bestechcnbe an diesem Buch von den „Fehltritten eines bayrischen Mädchens" (Zinnen- Verlag, Zürich) ist, überträgt Eva Seibmann ben naiven Jch-Stil von Lubwig Thomas Lausbubcngc- schichten auf ihren Erstlingsroman, der zweifellos einen positiven Wert hätte, wenn feine Autorin nicht ben zweifelhaften Ehrgeiz zeigte, Wesentliches über ben bayrischen Volkscharakter auszusagen. Wenn Herr Liepmann, der in einer ber angesehensten Berliner Blätter Eva Leibmann als eine „ganz neue Dichterin" feiert, diesen Roman ein kulturhistorisch wichtiges Werk nennt, ein „aufrichtiges Dokument", in dem die bayrische Volksseele bemerkenswert eindringlich klar wird, so sei ihm zum Studium echten Baycrntums das Werk Ludwig Thomas empfohlen, der bei aller köstlichen Ironie, bei allem gesunden, saftigen Humor nie die Wahrheit verfälschte, indem er eine Karikatur verallgemeinerte. Eva Leidmann bedient sich bei bei Erzählung des Lebenslaufes eines bayrischen Dorfmädels, bas über Malermodell und Kellnerin zur Schauspielerin unb Schriftstellerin „avanciert" unb aus diesem Wege ungezählte Male „fehltritt", zwar eines Stils, den ein echter Bayer oorgebildet hat, aber eines Geistes, der sich nach Kur- fütftenbamm, nicht nach Tegernsee orientiert. Wenn Eva Leibmann bas Sprichwort vom Unkraut, das nicht vergeht, illustrieren wollte, hätte ihr bas keiner ernstlich übel genommen, bas „bayrische Dokument" aber wirb man ihr überall, wo man auf künstlerische Ehrlichkeit sieht, als ersten und hoffentlich letzten Fehltritt energisch ankreiden. V.
„Reiter in deutscher Nacht“
Hanns Heinz Ewers klagt an.
Weltliteratur der Gegenwart
Es bedarf fchon eines beträchtlichen Mangels an Sachkenntnis, um darüber erstaunt zu fein, daß Hanns Heinz Ewers, ber Dichter des Dämonischen im Menschenschicksal, des Grauens in ber Natur und des Phantastischen in allem Sein schlechthin, auch patriotisch kann. Wer das Schaffen dieses Abenteurers aus vielen Dimensionen des Erlebens mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt hat, wird nicht übersehen haben, daß zu beit Grundkräften geistigen Auftriebs, die das Wesen und Wirken bei Ewers entscheidend bestimmen, eine unbedingte und vollkommen eindeutige Vaterlandsliebe gehört, die er praktisch genug während des Krieges betätigt hat, indem er sich nicht darauf befchrünktc, ein paar vaterländische Gedichte zu verfassen, sondern, aller persönlichen Gesährdung uncrachtet, in Amerika für das Deutschtum wirkte, — eine Tätigkeit, für die er dann in ben Jahren ber Kriegsgefangenschaft hin- reichenb peinlich gebüßt hat. Sein Roman »Vaim pir" ist ein Spiegel biefer Leidenszeit, in der er sich als deutscher Patriot vor aller Welt tatkräftig und opferfähig bewährt hat.
Wenn er nun in feinem neuen Roman „9t e 11 e r in deutscher Nacht" (I. G. Eotta'schc Buck banbhtng Nachs., Stuttgart und Berlin) einen aktuell vaterländischen Ton anschlägt, so ist das kein Grund, erstaunt zu sein. Er hat selbst, am eigenen Leibe, zu sehr gelitten für Deutfchland und für fein Deutsch tum um nicht aufs natürlichste mit denen und für die' zu fühlen, die auch ihrLebenfürDeutfch- land in die Schanze geschlagen unb bafür gelitten haben, — diejenigen nämlich, bic sich bei Schmach bes
Dei Sieben-Stäbe-Veilag in Berlin hat bas Verdienst, bie erste für bie große Masse ber Leser biauch-
Esn praktisches Nachschlage- unb Orientierungswerk.
Trüben fischen wollten.
Tcutschlanb, bas Reich, barf kein Heer halten, das ber Not genügt: ba traten aus dem Raum der Ka- merabschaftlichkeit, des Besten noch, was vom Krieg übrig geblieben war, bie Männer, bie im Kriege Menschen geworben waren unb nichts anderes als kämpsen konnten, in bic Freikorps zusammen, um bem Vaterlanb beizustchcn, wo bie Not es sor- bcrtc. Und sic forderte es oft. Hatten sie ihre Pflicht getan und manchen Kameraden begraben, der gegen die Polen fiel, der von Verrätern ermordet wurde, fo konnten sie gehen, das Reich, das sic doch eln- gesetzt hatte, ober mit dessen Wissen sie in den Kamps gegangen waren, durste nichts von ihnen wissen, wollte es sich nicht „schuldig" machen. Als es dann still wurde in Deutschland, ging bie Hetze los gegen die Männer, bie dem Reich geholfen hatten, unb viel irriges Tun anderer unb manches, das niemand getan hatte, wurde ihnen zur Last gelegt. Nicht wc-
Kriegs-Endcs nicht zu beugen vermochten unb ihr patriotisches Gefühl und ihre foldatifche Tüchtigkeit weiterhin dem Vaterland zur Verfügung stellten, wo es sic brauchen konnte, im Kampf um bie beutfchen Grcn jen währenb ber Abstimmungen, im Kampf mit dem u „1C ------
Spartakismus an ber Ruhr, nut dem Separatismus bare' 'UcbeIrl(f)t über bic neuzeitliche Literatur bes am Rhein unb nut ben Franzosen, bie bei allebem tm <■- - - —<■ «- ■ • • - —
Auslandes veröffentlicht zu haben. (.Weltliteratur ber Gegenwart", zwei ßetnenbänbe je 3,75 Mk., eine Büchertafel 1,75 Mk.) Herausgeber dieses Werkes ist bet Hamburger Büchcrcibircktor Dr. Wilhelm Schuster unb ber Bibliotheksrat Dr. Max Wieser- Spanbau. Die zeitliche Begrenzung ber Darstellung ergibt bas Auftreten bes Naturalismus, also ungefähr bas Jahr 1890 (wobei im Abriß stets auch der voraufgehenben Jahrzehnte gebacht ist), bie örtliche Begrenzung ist nicht so weit wie ber Begriff „Welt" gezogen, sonbern so weit als llebersetzungen ins Deutsche den Wert fremder Literaturen für uns bezeugen : in besonderen Abschnitten sind demnach behandelt — im ersten Band — England, Nordamerika mit Kanada, Skandinavien, Holland, Flamland und — im zweiten Band — Frankreich (mit Belgien und ber französischen Schweiz), Italien, Spanien, Portugal, Rußland, Polen, Tschechoslowakei unb Sübost- , europa bis hinunter nach Eriechenlanb. Die Litera-
nige mußten in ber' Fremde Frieden suchen, gegen tut biefer Cänbcr ül.^eyrknapp. über|td)tli$। unb einige aber gab es Prozesse, in denen ber Begriff verständlich, ""-^rAruckpchttgung ^„.^^"^üen, des Rechts fragwürdig wurde. . . ras emagigen wirftchaftlichen unb politischen Hmtci-
Davon erzählt Hanns Heinz Ewers in feinem grunbe in ihren Hauptcrscheinungen gewürdigt, wo- ncucn Buch „Reiter in deutscher Nackt", das sind bei das bereits ms Deutsche übersetzte Wert natnr- biese Abenteurer der Vaterlandsliebe, lich den Vorzug vor dem uns nicht zugänglichen er-
Die hier besprochenen Bücher
beztehen Sie 6urct
Carl Vieler, Sofbuchhandlung. Gustav R6m#t Stänbeplag 15 (Eingang Wllhelmstrahe
hielt. Besonders angenehm berührt das Vermeiden allzu akademischer Einteilung der Literaturen in Systeme unb Strömungen, wie überhaupt das ganze Werk von einem mit dem Leser unb seinen B«>ürf- nissen und Interessen vertrauten Geist diktiert ist.
Zusammen mit ber gleichfalls im Siebcn-Stäbe- Verlag erschienenen „Deutschen Literatur ber Gegenwart" von Mahrholz-Wieser unb ber als Bibliographie sehr wichtigen „Büchertafel" zur Weltliteratur der Gegenwart liegt hier ein ebenso wohlfeiles wie praktisches Weik vor, bas bem Leserpublikum nicht warm genug empfohlen werben kann. V.
Kommende Buch-Reucrschcinungcn.
,1m 'S. Fischer Verlag. Berlin, erscheinen im Krüb- jahr folgende neue Werke: Liam ETW.crtn. 'Zugen über Rußland. Deutsch von <xinrich Hauser: John Dos Paf- 108: Als der Krieg zu iSnbc ging .. . Deutsch von Paul Baudisch: August Lcholtis: Omvind. Roman der ober- schlestschen Katastrophe: Manfred Hausmann: Abel mit der Mundharmonika. Hans von Hülsen: i^erhard Hauvt- mann. 70 Jabre seines Lebens: Joachim Rlaatz: Der Widersacher: Jules Romains: Jemand stirbt. Teutich von 91. Collin: Lev Trotzki: Geschichte der rutliichen Revolution.
Lktober-Revolntion. Deutsch von Alerandra Ramm.
Im Paul Zsolnan Lerlaq ericbeinen: Leon Tchalit: Narrenparadics: Theodore Dreiser: Das Buch über mich selbst (Jugend!: Heinrich Mann: Das öffentliche Leben (Esiavs): Jean Richard Bioch: ^chickialswende.
Verantwortlich: German M. Von«.