»AS BLATT DES LANDWIRTS
Dochen-Äeilage der Kasseler Neuesten Nachrichten / Verantwortlich: Sernhard Schorbach / Freitag, den ^Z. April 1932
Landwirischastliche Wochenschau
Kassel, den 15. April.
Ein betrübliches Bild gibt der Bericht der preußischen Landwirtschaftskammern über die «age per Landtvirtschast im März. Danach ist zwar eine Vergrößerung des inländischen Anteils an der deutschen Lebensmittelversorgung eingetreten, die Remabili- tätsfrage der landwirtschaftlichen Betriebe aber noch immer nicht gelöst worden, solange die Preise für Erzeugnisse der bäuerlichen Veredlungswirtschast auf dem jetzigen Tiefstand bebarren, ohne daß die Preise für die Betriebsmittel folgen, ist eine Aendernng nicht möglich. In gleichem Maße, wie die Wirtschaftsein- natzmen zurückgingen, stieg der Steuerdruck an; säst allenthalben vergrößerten sich daher die Steucrrück- stände. Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Kulturen im Frühjahr wurde durch den noch fast bis Ende März anhaltenden starken Tcmperaturwechsel von Tag und Nacht sehr verzögert. Wie weit die Saaten vurch Nachtfröste geschädigt sind, ließ sich bis Ende Marz noch nicht übersehen. Jedenfalls sind durch diese Witterungsverhältnisse die Bestellungsarbeiten stark verzögert worden.
Die Preisgestaltung landwirtschaftlicher Erzeugnisse hat nach anfänglicher Besserung für Butterund Eierpreise wieder finkende Tendenz aufzuweisen. Die Viehpreise blieben nach wie vor auf dem außerordentlichen Tiefstand stehen. Abgesehen von dem Steigen der Ferkelpreise war eine gewisse, durch das Osterfest verstärkte Belebung der Kälbermärkte zu verzeichnen. Die Getreide- und Kartoffelpreise können im allgemeinen als befriedigend bezeichnet werden. Eine gewisse Erholung war auch auf dem Pferdemarkt sest- zusteklen. Dagegen ist die Lage auf Rindvi'ehmarkt nach wie vor äußerst schwierig. Im großen und ganzen waren die Absatzmöglichkeiten für Zuchtvieh wie im besonderen für Schlachtvieh unzureichend. Infolge des hohen Viehbestandes'und der geringen Verfiitte- rung von Kraftfuttermitteln ist das Vieh oft in einem sehr schlechten Ernährungszustand, woraus bei einer infolge der geringen Niederschläge sich ergebenden Miyderernte eine weitere Verschlechterung der Lage der Viehwirtschaft eyolgen kann. Der Schweineabsatz hat sich ebenfalls gegenüber dem Vormonat nicht ge- beffert, doch zeigte sich erfreulicherweise eine gesteigerte Nachfrage nach Ferkeln.
Die Erhebung der Preisberichts stelle beim Deutschen Landwirtschaftsrat über die Bestände an Getreide und Kartoffeln in erster Hand am 15. März 1932 ergibt im allgemeinen das Bild einer ausreichenden Versorgungslage bei allen Getreidearten. Beim Winterweizen beliefen sich die noch vorhandenen Bestände im Reichsdurchschnitt auf 15,5 v. H.. dürfte die noch vorhandene Menge rund 550 000 Tonnen betragen und damit rund 100 000 Tonnen größer sein als vor einem Jahr. Beim Sommerweizen ergibt sich ein Bestand von 200000 Tonnen gegenüber 100 000 Tonnen im Vorjahr. Beim Winterroggen ergab die Bestandserhebung einen Bestand von 18,6 v. H., was etwa 1/2 Mill. Tonnen ausmachen dürfe; etwa 700 000 Tonnen weniger als vor einem Jahr. Da aber die Vorräte gegenüber dem 15. Februar 1932 nur um 430 000 Tonnen, im gleichen Zeitraum 1931 dagegen um 700 000 Tonnen abgenommen haben, dürfte die Roggenverfütte- rung eine starke Einschränkung erfahren haben. Bei
der Sommergerste ergibt sich ein Bestand von 530 000 Tonnen, etwa 140 000 Tonnen mehr als im Vorjahr; die Kartoffelbeständc beliefen sich aus etwa 15,3 Mill. Tonnen, aiso fast ebenso viel wie 1931.
Die Gesamtindexziffer ist gegenüber der Vorwoche um 0,7 Prozent von 99,3 auf 98,8 gesunken. Agrarstoffe fielen um 1,1 Prozent (94,7 gegen 95,8). Im einzelnen stiegen pflanzliche Nahrungsmittel um 1,0 Prozent (123,1 gegen 121,9) und Futtermittel um 0,3 Prozent (100,5 gegen 100,2). Stark gesunken sind Vieh um 4,3 Prozent (63,0 gegen 65,8) und Vieherzeugnisse um 3Z Prozent (90,5 gegen 93,6). Kolonialwaren fielen um 0,6 Prozent (88,3 gegen 88,8), industrielle Rohstoffe und Halbwaren um 0,8 (89,5 gegen 90,2) und industrielle Fertigwaren «m 0,2 (119,8 gegen 120,1).
Verlauf der Bullenversteigerungen
Der Verband Kurhessischer Fleckviehzüchter hielt vor kurzem in Treysa, Fulda und Hersfeld je eine Bullcnverstcigerung ab, zu denen insgesamt 173 Bullen angemeldet waren, von denen 159 ausgetrieben wurden. Gekört wurden hiervon 130 Bullen, von denen abzüglich der 9 Bullen, die lediglich zur Körung vorgesührt wurden, 121 Bullen zur Versteigerung gelangten. Von diesen 121 Bullen wurden 98 Bullen verkauft, und zwar zum Durchschnittspreis von 354 RM., gegenüber einem Durchschnittspreis von 333 RM. aus den vorletzten Versteigerungen. Ter höhere Durchschnittspreis dürfte auf die etwas gestiegenen Schlachwiehpreise zurückzu- jiihren sei. In Treysa'betrug der Durchschnittspreis 370 RM., in Fulda 350 RM. und in Hersfeld 342 RM. Der teuerste Bulle kostete in Treysa 470 RM., in Fulda und Hersfeld 610 RM. Ter Verlauf der Versteigerung war in Treysa, wo ausvcrkaust wurde, flott, in Fulda und Hersfeld langsam.
In Treysa waren die zuletztverkausten Bullen die Teuersten. Die Qualität der vorgesührten Tiere war in Fulda gut, in Hersfeld und Treysa befriedigend. In Treysa wurden 3 Bullen mit „gut* gekört. Es waren dies die Bullen von Prediger-Kirchhain, bei dem die Mutter des Bullen eine Milchleistung von 5060 Kilogramm aufzuweisen hatte und die Bullen von Psafs und Freund in Todenhausen, die nachträglich mit „gut" gekört wurden, da festgestellt wurde, daß die geringere Milchleistung der Mütter darauf zurückzuführen war, daß es sich um Rinder handelte. Den teuersten Bullen erwarb in Treysa die Gemeinde Niederofleiden in Oberheffen. In Fulda konnten 6 Bullen mit „gut" gekört werden, von denen 3 Bullen aus dem Kreise Gersfeld stammten. Züchter dieser Bullen waren Hermann M ü l - ler-Gersseld, Karl Schüßler-Gersscld und Goldbach-Brembach.
Die Mütter dieser Bullen hatten Milchleistungen von 5174 Kilogramm mit 4,18 Prozent Fett bzw. 5675 Kilogramm Milch aufzuweisen, mithin Bullen, die nicht nur in der Form sehr ansprachen, sondern auch sehr beachtenswerte Milchleistungen mütterlicherseits nachweisen konnten. Auch der mit „gut" gekörte Bulle der Braunschen Gutsverwaltung in Wehrda, Kreis Hünfeld, hatte mütterlicherseits eine Milchleistung von 5037 Kilogramm mit 4,27 Proz. Fett. Dieser Bulle erzielte den höchsten Preis und wurde von der Gemeinde Marjohs im Kreise Schlüchtern gekauft. Ferner wurden die Bullen von Adam Scheel in Hutten und Adam Zeder in Willingshof, Kreis Schlüchtern mit „gut" gekört. Die nächsten
Bullenversteigerungen finden am 25. Mai in Fulda, am 26. Mai in Treysa und am 27. Mai in Hersfeld statt. Anmeldeschluß ist Mittwoch, den 11. Mai d. I.
Traurige Statistik
In der Provinz Hessen Nassau.
■ HSt. Wenn man Beweismittel für die Not der Landwirtschaft beibringen sollte, wäre der stärkste Beweis die Zunahme der Verschuldungen und Zwangsversteigerungen. Während vor dem Kriege die jährliche Zunayme der Landwirtschaftlichen Verschuldung in Preußen auf etwa -)4 Milliarden Mark beziffert werden konnte, war dieser Jahresdurchschnitt in den Jahren 1924—1929 auf 1,1 Milliarden Mark gestiegen. Erschwerend kommen hinzu die gegenüber der Vorkriegszeit 2—3-fach so hohen Zinsen und die niedrigen Preise für landwirtschaftliche Produkte. Da ist es dann kein Wunder, wenn in steigendem Maße landwirtschaftliche Betriebe denn auch in Preußen von Jähr zu Jahr höhere Zwangsversteigerungsziffern festgestellt werden. Nach einer neuen Veröffentlichung des P. St. L. wurden in Preußen land- und forstwirtschaftlich genutzte Grundstücke zur Zwangsversteigerung angemeldet werden:
Hauptberuflich 1924/25: 35 mit 1417 Hektar Fläche nebenberuflich 49 mit 100 Hektar Fläche: 1925/26: 120 mit 5403 Hektar Fläche, 216 mit 1041 Hektar Fläche; 1926/27 : 416 mit 27092 Hektar Fläche, 452 mit 2876 Hektar Fläche; 1927/28 : 471 mit 27624 Hektar Fläche, 588 mit 4347 Hektar Fläche; 1928/29 : 755 mit 39241 Hektar Fläche, 618 mit 4297 Hektar Fläche; 1929/30: 1258 mit 96433 Hektar Fläche, 924 mit 6480 Hektar Fläche; 1930/31: 1518 mit 97622 Hektar Fläche, 853 mit 5950 Hektar Fläche: 1931/32: 1174 mit 74678 Hektar Fläche, 435 mit 3459 Hektar Fläche; 1. und 2. Vierteljahr.
Zu dieser Zusammenstellung sei bemerkt; daß in allen Jahren rund die Hälfte der hauptberuflich landwirtschaftlich genutzten Grundstücke auf die sogenannten Mittelbetriebe zwischen 20 und 50 Hektar Größe sollen. Ungleich höher ist natürlich die Zahl der Grundstücke, über die ein Zwangsversteigerungs- Verfahren eingeleitet war. In vielen Fällen gelingt es ja noch im letzten Augenblick, die Versteigerung abzuwenden. Tatsache ist aber, daß alle diese Betriebe sich in Zahlungsschwierigkeiten befunden haben, lieber die eingeleiteten Zwangsversteigerungen sind jedoch Feststellungen erst seit 1928 gemacht worden. Hier gibt sich folgendes Bild:
Hauptberuflich 1928/29: 3820 mit 137350 Hektar Fläche, nebenberuflich---; 1929/30: 4468 mit
185982 Hektar Fläche, 6386 mit 22416 Hektar Fläche; 1930/31: 5258 mit 204038 Hektar Fläche, 6143 mit 21977 Hektar Fläche; 1931/32 : 2016 mit 80410 Hektar Fläche, 2139 mit 7287 Hektar Fläche; 1. Vierteljahr.
Oie Forstschädlinge
in der Provinz Hessen Nassau
Aus Grund der Berichte der Regierungen wird vom Preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten soeben über das Auftreten der sorstschädlichen Insekten und Pilze im Jahre 1931 berichtet. Jin allgemeinen kann gesagt werden, daß in der Provinz Hessen-Nassau die Forstschädlinge verhältnismäßig geringen Schaden angerichtet haben, wenn auch zur Abwehr sorgfältigste Beobachtung notwendig war.
Unter den sorstschädlichen Pilzen ist zunächst die Kiefernschüttc zu nennen, die im Regierungsbezirk Kassel in beschränktem Matze ausgetreten ist. — Der Eichenmehltau ist im Regierungsbezirk Wiesbaden hauptsächlich in den Haubergswaldungen von Ebersbach festgestellt worden.
Von den Käfern sei zunächst der Buchdrucker genannt; in Rod a. d. Weil (Regierungsbezirk Wiesbaden ) ist er im Staatswald gering, im Gemeinde- wald allerdings stärker zu finden gewesen.
Die Forleüle ist in ganz geringem Umfange im Regierungsbezirk Kayel aufgetreten, ebenso auch der Kiefernspanner.
Von den anderen gefährlichen Forstschädlingen — großer brauner Rüffelkäfer, Waldgärtner, Ulmen» spliittkäfer, Maikäfer, Buchenrotschwanz, Kiefemspin- ner, Eichenwickler, Kiefernbuschhornblattwespe, Fichtenkotsackblattwespe und kleine Fichtenblattweive — ist die Provinz Hessen-Nay an erfreulicher Weise verschont geblieben.
Die Kreisjungviehweide in Homberg
soll wieder anfangs Mai ds. Js. eröffnet werden. Anmeldungen werden bis zum 25. April d. Js. entgegengenommen und sind schriftlich oder mündlich au das Kreisausschußsekretariat zu richten. Bei der Anmeldung ist die Stückzahl, Alter, Raffe und bei Rindern auch das Gewicht der Tiere anzugeben. Zulassung der Tiere erfolgt in der Reche der Anmeldun gen. Bullen und Hengste sind ausgeschloflen. Das Werdegeld beträgt: Fohlen schwere Rasse: Ijährig 50 Mark, 2jährig 65 Mk., leichte Raffe: Ijährig 45 M. 2jährig 60 M. Rinder über 8 Zentner 45 Mark, 5—8 Zentner 40 M., unter 5 Zentner 35 Mark.
Verzögerte Frühjahrsbestellung und ihre Gefahren. In weiten Gebieten wird darüber geklagt, daß der lang andauernde Frost zusammen mit einem Mangel an Feuchtigkeit die Saaten sehr geschwächt hat. Das birgt die Gefahr einer geringeren Emre in sich.
Das wirksamste, wenn nicht einzige Mittel hiergegen besteht in einer sofortigen ausreichenden Stickstoffdüngung mit schnell aufnehmbaren Salpeterdüngern. Für die Kopfdüngung der zurückgebliebenen Saaten eignet sich der Kalisalpeter vorzüglich. Er ist dem Natronsalpeter insofern überlegen, als er bei gleicher Wirkung billiger ist.
Auch bei der noch bevorstehenden Stickstoffdüngung der Rüben spielen die reinen Salpeterdünger eine hervorragende Rolle, weil die Rübe für den Stickstoff in der Salpeterform besonders dankbar ist. Hier wird man neben dem Kalksalpeter den Natronsalpeter überall dort anwenden, wo man auf die Zuführung von Natrium Wert legt.
Der Regierungsprästdent gibt bekannt.
Aus Grund des § 22 der Preuß. Durchführungsverordnung vom 16. 12. 31 zum Milchgesetz vom 31. 7. 1930 bestimme ich hiermit für das Gebiet des Regierungsbezirks:
Der Inhaber eines landwirtschaftlichen Betriebes bedarf zur Abgabe der darin gewotinenen Milch, auch wenn er außerhalb der landwirtschaftlichen Betriebs- ftätte Milch unmittelbar an den Verbraucher abgibt, nicht der Erlaubnis, wenn die Milchmenge 30 Liter täglich nicht übersteigt und die Abgabe der Milch im Gemeindebezirk der Betriebsstätte erfolgt.
Oer Kuckucksruf
Dorfgeschichte ans Hessen von Bernhard Schorbach.
Der Mai jubelte durch das Land, die alten Lindenbäume, welche in Riedhagen den kleinen Tanzplatz umsäumten, standen wie lachende Burschen, die sich auf ein Fest freuen. Mit ihren knorrigen, langen Aesten machten sie den Eindruck, als wenn sie mit ausgebreileten Armen vor dem großen Schneidermeister. Mai zur Anprobe ständen. Wenn der warme Südwind über die Häuser sprang, bewegten sie sich wie in Unruhe, daß es nicht schneller ging mit dem Meister und ihrem Festkleid. Doch cs wurde von Tag zu Tüg vollständiger, das grüne, wunderbare Gewand, das aus grünen Blättern bestand. Nun kamen wonnige Tage und auch das Liebesleben der Vögel spielte sich in ihren Zweigen ab. Der Star, der Sperling, der Buchfink, die Bachstelze zwitscherten und trilierten verliebte Töne, klagten an stillen Abenden, wenn der Fliederdust aus den Hausgärten der Bauern und der Arbeiter herüberwehte, ihren Liebeskummer über den kleinen Tanzplatz, oder wenn die Morgensonne mit ihren goldenen Strahlen durch das grüne Blätter- kleid zu bringen versuchte.
Ganz nahe beim Dorf drang plötzlich aus dem Walde der erste Ruf des Kuckucks herüber zum Häuschen des Schneiders Jockeli. Jockeli saß gerade auf feinem Schneidertische. In dem Garten, in dem die alten Aepfelbäume just im Blütengewand steckten, von denen sich einige an das alte, windschiefe Dach der Behausung Jockelis anlehnten, saß des Meisters kränkliche Frau in einem alten Rohrsessel in der Mittagssonne.
Als der erste Kuckucksruf an das Ohr Meister Jockelis drang in diesem Jahre, warf er die halbfer- tige neue Zwirnhose neben sich aus den Tisch, rückte seine Brille hoch und rutschte vom Schneidertische herunter. „Dieser Kuckuck!" sagte er zu sich selbst, lächelte leise und tastete in seine Hosentasche, um sest- zustellen, ob er Geld im Beutel habe. Er sand den Geldbeutel nicht, aber nachdem er mehrere Läppchen und das rote Taschentuch hervorgekramt hatte, entdeckte er zwischen Blechknöpfen doch noch dreizehn rote Pfennige in der rechten Hosentasche. Das war gut so: er hatte also beim ersten Kuckucksruf Geld im Sack und würde auch im ganjen Jahre im Besitze von Geld sein. Wenns auch eine geringe Summe war, machte nichts aus: es war eben Geld da. So hatte es fein Großvater zu feinem Vater gesagt, der hatte es ihm und feinen Gefchwistern gemeldet und alle hatten es geglaubt: Wenn ihr zum ersten Male im Jabre den Kuckuck rufen hört und wenn ihr bann Geld bei euch tragt, werdet ihr es immer haben!"
Jockeli schlich jetzt frohen Mutes in seinen „Füßlingen" zum Kammerfenster, durch das man in den Garten sah, über ein Fensterbrett mit allerlei Töpfen und Geschirr hinweg. Er berührte die alten Fensterflügel kaum mit der Hand, da flogen sie nach innen auf mit einem lauten Aufschlagen an die Fensterbe- kleidung, die bei jedem Oefsnen etwas Wurmmehl niederrieseln ließ. Das alte Kammerfenster war längst nicht mehr zu schließen, daran war der bundskältige Winter schuld, der bis mitten in den April hinein wie wütend an die alten Fenster gebissen batte.
Jockeli lehnte sich weit in das Fenster und spähte durch die Blütenbüsche nach seinem Weibe aus, das erst sechsunddreißig Jahre zählte und an einer Leber- krankbeii schwer zu leiden hatte.
„Bärbchen, ei Bärbchen. wo bist du denn!'?" „Hier oben!", die kranke, dünne Stimme seines Weibes vernahm der Meister kaum. „Ach, Gott, ja," seufzte
Jockeli plötzlich, „was e Piepchestimme beut’, und was war es für ein kurant Mensch mit einer Donnerstimme und mit roten Backen und Händen; beut vor zehn Jahren! Da holte ich sie als vierzigjähriger Kerl zur Frau ins Haus! Die Wände haben gewackelt vor lauter Glück in der Bude, ach Gott, ja . . ." Er strich sich das Haar zurück. Um die Ohren wurde es schon silbrig. Ja, die Fünfzig kommen, Jockeli!
Die schmale, mit Tüchern behängte Gestalt Bärb- chens schlich zwischen den Bäumen näher. Unter dem Kammerfenster lehnte sie sich gegen einen jungen Baumstamm. „Wolltest du was, Adam, daß du mich riefst?" sagte sie, und ihr bleiches, schmales Gesicht war zur Erde gewandt. Seit den letzten Monaten hingen ihre Blicke viel an der Erde, wie wenn sie dort ihre Ruhe, ihr letztes Glück zu finden trachte, dort unter dem schönen, blumengeschmückten Rasen. „Ach ja," sagte Jockeli, „ich war lustig und wollte dir das mit dem Kuckuck sagen, doch ich bin nicht mehr aufgelegt dazu." „Na, sage mir es nur," erwiderte die Kranke im Flüstertöne, dabei aber schnürte ihr ein Weh fast das Herz zusammen. Sie ahnte es schon, was er sagen wollte. Jockeli blickte auf in die Blüten der Bäume, und es währte eine Weile, bis die Stimmung wieder über ihn kam.
„Du hast doch vorhin den Kuckuck auch zum ersten- male gehört, Bärbche?! Oder hast ihn nicht gehört?" Er sprach es zögernd heraus, als hätte er Angst. Ein Angstgefühl beschlich ihn plötzlich. Doch wovor denn? Ei was! Man dars doch auch einer Kranken einmal Spaß sagen und er fuhr fort: „Ich habe Geld in der Tasche gehabt, Bärbchen! Dreizebu Pfennige! Es war doch Geld und nun werde ich das ganze Jahr Geld haben." Dabei zwang er sich zu einem Lächeln, als die Kranke gerade für einen Augenblick den Blick zu ihm hob. „Hast du denn auch etwas bei dir gehabt, wie er gerufen hat?" fuhr er zögernd fort. Da schül- telte sie mit dem Kopse, und lehnte wie in Ohnmacht ihren ganzen Körper gegen den Baurn. ,Lch habe nichts bei mir gehabt," sagte sie mit leiser, zitternder Stimme. „Ich habe auch keins mehr nötig, bald, und deine dreizehn bedeuten nichts Gutes." Jockeli erschrak über den gereizten Ton ihrer Stimme, und indem er sie trösten wollte, sagte er: „Es macht sich noch alles wieder besser, Bärbche, sollst mal sehen, und du kriegst wieder rote Backen. Ja, rote Backen wirst du wieder bekommen wie einst, als der Flieder auch so dick blühte wie heute, brühe im Grabegärtchen.'
Die Kranke krampfte ihre Hände um das Bauin- stämnichen, und indem sie die Augen schloß, sagte sie: „Ist es dir einerlei, daß wir kein Kind haben, du, Adam?" Diese Frage kam ihm unverhofft. Was sollte er ihr darauf antworten? „Ja, einerlei ist mir's und dann doch wieder nickt einerlei. Das Glück wurde uns eben nicht zuteil, vielleicht wird’s noch . .." antwortete er freundlich.
Da erwiderte die Kranke nichts mehr und wehen Herzens schlich sie wieder zu ihrem Seffel. Tie quälte sich mit furchtbaren Gedanken. Also war’s doch wahr, was ihr die „Latschgorrel", die Hausiererin, gestern zugeflüstert hatte, daß sich ihr Adam aus eine zweite Ehe spitze, wenn sie unter dem Rasen liege? War das von ihm zu glauben? Mußte man darüber nickt ins Wasser gehen? Seine Worte, die er vorhin zu ihr gesagt, konnte man wahrhaftig bald so auslegen.
Aber es konnte schließlich auch gut gemeint fein. Doch nein, nein! Eine Stimme, die ihr fo fremd klang, rief es immer wieder: „Nein, er ist fo, er ist fchlecht!" aD knirfchte sie plötzlich mit den Zähnen vor Wut und Schmerz. „Lump du!", kam es von ihren Lippen, in dem sie das Gesicht zum Haufe wandte. Und jetzt >
wurde die fremde, häßliche Stimme in ihr immer lauter: „Ja, der tät dich gerne lebendig begraben, der--— Schau ihn nur an, wenn er mit der jun
gen Bollhöfner Gret drüben schwätzt!"
Jockeli saß wieder auf seinem Schneidertische und nähte die letzten Stiche an der neuen Zwirnhose. Er dachte an nichts weiter als an seine kranke Frau. „Das wäre ja ein Gottesglück, wenn sie wieder gesund würde! Um Gotteswillen darf sie nit sterbe!", betete er inbrünstig, als er mit den Zähnen den Faden durchbiß.
An dem Nachmittage kam auch der Arzt wieder einmal mit seinem grünen Auto um die Gartenecke und hielt an. Die Kranke antwortete kaum auf seine Fragen, und der Doktor wunderte sich, daß es plötzlich so schlecht mit ihr stand und vorige Woche hätte er gewettet, daß sie wieder gesund würde. Jockeli sah die Falten aus des Arztes Stirn und es siel wie eine schwere Last aus seine Seele.
Der Arzt verschrieb ein neues Rezept, das er dem Meister reichte; Kann suhr er das Dors hinab. Jockeli steckte den Zettel in die Westentasche und ging erst noch einmal an die Arbeit, ehe er sich auf den Weg zur Apotheke im Städtchen machte. Die Hose für den Bollhöfner mußte um vier Uhr fertig sein und die Knöpfe waren noch anzunähen. Dann gab es sofort Geld und.er wollte auch nicht ohne Geld zur Apotheke. Das war ihm doch so lumpig, wenn der Apotheker die achtzig Pfennige ankreiden mußte. Lieber wollte er nähen „auf Temanäh", als wie Klapperschulden machen.
Photohaus Weiffenbach, Kleine Rosenstr. 2-
ZlehQii LKL11 a.23. April
2Z81MM.
1/4
m
12 Gewinne a rsooo rm
Neu treten hinzu
ICO ScbluBprämien zu je 3000 RM.
8 HohenzoIlernstraBe 8
4 Prtmien 8 sooooo rm 4 Heuptgew. 8 soo ooo rm
spiel! jährlich die Preußische Staafs-Klassen-Lofterie aus
11/
RM.
HAACK/
^^assel/
8 300 OOO RM 8 200 000 RM
8 1OOOOO RM
4
4
24
Die Kranke lehnte wieder in ihrem Sessel im Garten und schloß die Augen. Als sie diese nach einer geraumen Zeit einmal öffnete und zufällig hinüber zur Straße blickte, erschrak sie. Am Grabegärtchen sah sie eine Frauengestalt vorbeihuschen, in ihr Haus.
War das nicht die Bollhöfner Gret gewesen? Was wollte die bei „ihm*?. Die Worte der.Latschgorrel" kamen ihr wieder in den Sinn. Ach Gottche, das regte auf! Es brauste in ihrem Kopse, als wollte das Blut aus den Schläfen herausbrechen. Jetzt galt's, jetzt mußte sie Klarheit haben und Wenns ihr Tod war! Sie wankte zum Haus hin. Das Kammerfenster stand nach offen und jetzt mußte sie ihn einmal beobachten, ob's^auch wahr sei, was die „Latschgorrel" gesagt.
Sie schlich unter das Fenster und war in ihrer Aufregung so kräftig, daß sie sich auf einen alten Baum schwingen konnte. Dort stand sie nun an einen Ast gelehnt und konnte bis vorn in die Stube aus den Werktisch sehen, wo er noch saß und nähte. Als die Kranke eben noch sah, wie der Adam der Gret die neue Zwirnhose reichte und den Lohn in Empfang nahm, ohne daß er ein Wort zu ihr sagte oder sie ansah und er ihr nur ein rauhes „Adieu" sprach, da krachte es hinter ihr und mit dem abgebrochenen, dürren Aste fiel sie rücklings ab zur harten Erde.
Ehe sie dort im nächsten Augenblick ihr Leben aus- hanchte, drang es vom Walde her an ihr Ohr: „Kuckuck, Kuckuck!". Dieser Ruf machte der Bärbel das Sterben leicht. Er verkündete ihr nur noch, daß Jockeli sie, seine kranke Frau, bis zum Tode treu geliebt hatte.
Kalksalpeter IG
und
N atronSalpeter
bringen den Pflanzen schnelle Kräftigung.
STICKSTOFF- SYNDIKAT