Kasseler Sport-Zeitung
Kasseler Neueste Nachrichten / Mittwoch, 6. April 1932
ctocWfrcke.
Ohne Nurmi?
- Es rast der See, er will fein Cofer haben. Ladoumdgue, öas 3i>of FrankreiHs, ist dem Amateurparasrauhen zum Cvfer gefallen und ihm soll einer folgen, der unvergleich- lick größer ist als alle Leichtathleten der Welt feit Anbeginn —: Paavo N n r m i. Es ist der Wille der Föderation Internationale d'Athlötisme, es ist der Wille -es Schweden Ekström, der Kille aller derer, die -en Amateur - Sport säubern wollen und die ja gewiss in gutem Glauben handeln. Das Material, heiß: es, fei schwer belastend für den großen Finnen. Die Födöration hat eine vorläufige Suspension ausgesprochen und das Material dem finnischen Verband weitergegeben, der ja allein für eine endgültige Regelung der Frage zuständig ist. Denn nur der Landesverband kann 'stürmt aus der Liste der Amateure streichen. Tut er es nicht, so bleibt Nurmi Amateur, aber er darf es nicht tun, wenn das Material wirklich stichhaltig ist. Nach den Ergebnissen -er Berliner FJA-Sibun« kann das Ende nicht zweiselhast sein — Nurmi wird von der Bildfläche verschwinden, Nurmi wird nicht in Los Angeles starten.
Hier steht also das zweite Opfer jener Jagd nach unechten Amateuren. Es ist überslufstg, sich mit der Frage des Amateurismus nüber zu beschäftigen, die Gründe hervorzuholen, die für und gegen sprechen. Was int Falle Ladoumögue Aufsehen erregte, ist int Falle Nurmi ein sporthistorisches Ereignis.
Paavo Nurmi ist 35 Jahre alt. Sieben Mal erhielt er die olympische Goldmedaille, 18 Weltrekorde sind mit feinem Namen unzertrennlich verknüpft, unzählige Mole zerriß er als Sieger das Zielband. Und dieser Mann, der feit 1920 die Sportwelt in feinen Bann gezogen hat, foll nicht mehr lausen können, bevor er selbst freiwillig zurücktritt. Dieser Mann foll nicht in Los Angeles starten, soll nicht die vierte Olympische Veranstaltung mitmachen, nachdem er dreien Glanz und Pracht verlieh? Läufer aus aller Herren Länder sollen kämpfen und der Name des großen Nurmi soll nicht ertönen, soll ausgelösckt sein?
Leichtathletik ohne Nurmi? Was ist fie ohne ihn?
Everton stellt sich vor...
. Eine enrenliche Kunde kommt vom Deutschen Fußball-Bund: Everton, der voraussichtliche Meister der 1. englischen Division, wird Ende fUiai und Ansang Juni in Deutschland gegen kombinierte Mannschaften insgesamt sechs Spiele austragen, die in der Hauptsache als Schulung für untere jungen aufstrebenden Talente gedacht sind. (Aber auch die erfahrenen Internationalen könne» von den Engländern lernen.) Der DFB. ist also damit von dem nicht sehr beliebten „Kurs-System" abgekommen und versucht es nun auf d i e f e Weise, die ohne Zweifel — wenn die richtigen Leute ausgewählt werden — mehr Erfolg verspricht. Tie englische Berussspieler-Mannschast wird nach den Plänen des DFB. in folgenden Städten antreten: 22. Mai in Hannover, 26. Mai in Köln, 28. Mai in Nürnberg, 1. Juni in Frankfurt a. M., 5. Juni in D resde it, 6. Juni in Breslau. Zu wünschen wäre nur noch, daß die Engländer diese Reise nicht auch als Sommer-Urlaub auffassen, sondern wirklich kämpfen ...
Mindest-Leistungen
Amerikas Olvmpia-Komitee gibt jetzt die Mindestleistungen bekannt, die von den Leichtathleten erzielt werden müßen, um zu den Endatisicheidungen für die olnmptschen Spiele zugelafsen zu werden. Für die 100 Meter werden 10,8 Sek. verlangt, was auch für europäische Verhältnisse, nicht zu schwer erscheint, ebenso für die 200 Meter, in denen 21,6 Sek. als Minimum gesetzt wurden. Schwieriger wird es schon bei den 400 Metern, für welche 49 Tel. nötig sind, um als Olympiakandidat zu gelten, während für 800 Nieter 1:56 und für 1500 Meter 4 Min. angegeben werden. Für 5 Kilometer mit 15:20 Und 10 Kilometer -mit 82 Min. ist es schon weit leichter,
in die Mannschast oder in die Ausscheidungen zu kommen, während bei den 110 Meter Hürden 16 Sek. verlangt werden. Bedeutende Ansorderungen werden in den technischen Hebungen gestellt. So mutz ein Athlet mindestens 1,905 Meter hoch, 7,21 Meter weit oder 4,11 Meter stabhoch springen, während im Wersen 14,94 Meter für Kugel, 44,20 Meter für Diskus, 47,25 Meter für Hammer und 58 Meter für Speer verlangt werden. Zu diesem Olvmpia-Erlatz der Amerikaner ist zu bemerken, daß sich nach diesen Anforderungen für jede Hebung mindestens em Dutzend Athleten aualinzieren wird und Satz unter diesen weitere Ausscheidungen und noch bessere Leistungen notwendig sein werden, um die wirkliche Olvmvia- m a u n s ch a s t der U. S. A. sestzustelleu.
Davispokal-Training
Der deutsche Tennisbund hat feine besten Spieler für Ende April nach Berlin zusammengeruse^. Er will auf Grund von Tennisspielen, Trainingsspielen, die Mannschaft für die erste Davis-Pokal-Begegnung gegen Indien
zusammenstellen. Daß diese Begegnung in der ersten Mar- woche und zwar, wie mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden darf, aus den Plätzen des Berliner Rot-Weitz-Clubs stattfindet .rechtfertigt die Wahl Berlins als Ort der Trai- ningsoorbereituugen. Sowohl Preu» als auch v. E r a m m haben inzwifchen mit ihrem Spezialtraining begonnen. Die Befürchtungen, daß die beiden deutschen Spitzenspieler für die erste Begegnung gegen Indien nicht zur Verfügung stehen könnten, hat sich also glücklicherweise nicht erfüllt. Indiens Mannschaft steht noch nicht fest. An den Leistungen gemeßen, die der indische Nachwuchs im letzten Jahre in Indien zeigte, mutz damit gerechnet werden, daß die Gäste aus dem Osten höchstens das Doppel gewinnen, aber im Einzel unter normalen Umständen kaum einen Punkt gegen unsere Spitzenspieler Heimbringen können. Daß Prenn und Erannu in diesem ersten Spiel zur Stelle ßnd, ist schon im Hinblick auf die nächste Begegnung wichtig, die aller Vorausstcht nach ebenfalls in Berlin stattfindet, und zwar wahrscheinlich gegen die Tschechoslowakei, die mit ihren Spitzenspielern nach der Papierform ihre erste Runde gegen Oesterreich gewinnen müßte.
GauzBestleifiungsliste im Schwimmen
Arbeit er-Turn- und Spottbmd
Am 10. April beginnt die neue Fußball-Serie.
Am kommenden Sonntag, den itf. April, beginnt im 1. Fu 8 ba l Ib eztr k die diesjährige Serie. Im vorigen Jahre wurde in zwei Gruppen gespielt, in diesem Jahre sind es d r ei Gruppen. Von den vorjährig ausgestiegenen Vereinen. Wolfsanger, Wellerode und Immenhausen, konnten stch nur Wellerode und Immenhausen halten. Wolssanger und Sportklub 1936 verfielen dem Abstieg in die 2. Klasse. Den Aufstieg zur 1. Klaffe erkämpften sich im neuen Spieljahr 1932 Bettenhausen 1895 und Niederkausungen. Homberg, das im letzten Spieljahr im 1. Bezirk spielte, ist diesmal in den 4. Bezirk ahaewandert. Dafür ist Tennhansen der Meister des 3. Bezirks, dem 1. Fußballbezirk ,»geteilt worden. Folgende Vereine sind in die drei Gruppen eingeieilt:
1. Gruppe: Eintracht Stoffel, Wilhelmsböhe 66, Ser» roärts, Bettenhausen 1895, Immenhausen, Rot-Weiß Kassel. Haun.-Mündeu.
2. Gruppe: FB. Eintracht Grotzeuritte, VfB. Harleshausen, Herkules, Alteuritte, Sandershauseu, Nieder- kaufuugeu.
3. Gruppe: Teuuhauseu, TV. Grotzeuritte, Oberkau- fuuge«, Waldau, Nieder,wehreu, Wellerode.
Zu der Einteilung der Gruppen läßt stch sagen, daß alle Gruppen als gleich spielstark anzusehen sind und wir wünschen sämtlichen Vereinen der 1. Klaffe im 1. Kußballbezirk am kommenden Sonntag einen guten Start im neuen Spieljahr 1932.
Aus den Verbänden
Diesesmal können wiederum zwei Bestleistungeil Ausnahme in die G a u re ko rd l i st e finden. Einmal war es van der Grinten (Duderstadt) der am 20. Marz in Göttingen eine neue Bestleistung für V. o. W.-Vereine ausstellen konnte und dann war es der noch sehr junge Löding vom Göttinger Schwimmverein, der mit der hervorragenden Zeit von 1,24,8 den Gau-Brustrekord über 100 Meter an stch brachte und somit den Kasseler Engelhardt von seinem Platz verdrängte.
Bei den Damen will es noch gar nicht klappen. Eigentümlich ist, daß diese Leistungen, die in der Gaurekordliste verzeichnet ßnd von den Vereinen nicht belegt werden. Es wird immer und immer wieder daraus bingewiesen. wie wichtig der Frauensport sei, aber man kann beinahe, wenn man das Ergebnis der Bemühungen um die Fertigstellung der Gaurekordlfite damit in Einklang bringt, zu der Feststellung komuren, daß die Damen selbst noch reichlich wenig Interesse für derartige Dinge zeigen.
Klaffe A: Vereine mit Winterbad.
Geschwommen
21. 2. 32
16. 2 32
28. 2. 32
in:
Göttingen
Marburg
am:
20. 3. 32
100 Meter Kraul: 1.08,8 Brehme (Mürbe fien). Kassel
200 Meter Kraul: 2,37,5 Brehme lKurheßeu) Kassel
400 Meter Kraul: Hier liegt keine Zettmeldung vor.
Klaffe B: Vereine ohne Winterbad.
Göttingen 17. 1. 32
Herren:
100 Meter Brust: 1,24,8, Löding
iS. V. Göttingen»
200 Meter Brust: 3,10, Engelhardt, (Kurhessen)
400 Meter Brust: Hier liegt keine Zeitmeldung vor
100 Meter Rücken: 1,25,4. Hansen (T. V. Göttingen)
200 Meter Rücken: Hier liegt keine Zeitmeldung vor
Herren:
Die strecken über 200 Meter Brust, 100 Meter Kraul. 100 Meter Rücken in beiden Klaffen, sind leider bisher ohne Bestleistungen. e—e
Wieder ein Ereignis im Handball
9. Jäger Kompagnie Kassel — Düffeldorf 99.
Ni it der Verpflichtung des Düsseldorfer Sport-Clubs von 1899 für Sonnabend, den 9. April nach Kassel haben dre Jäger einen guten Griff getan. Die Düsseldorfer geniesten in der westdeutschen Sportwelt den besten Rus. Seit Jahren,nt die Mannschaft in Düsseldorf führend. Dreimal konnte ne ichon die Gruppen meister schäft erringen. In Spielen gegen auswärtige Gegner zeigte 99 ebenso überragende Leistungen wie zu Hause. Außer zwei Niederlagen im vergangenen Jahr, gewann die Manmchaft alle Spiele. Verloren wurde nur gegen den Rheinbezirksmeister Alemania A«Ken (4:5) und gegen Tura Barmen (6:8).
Lb tue Jäger gegen diesen Gegner bestehen können, bleibt abzuwarten. In der letzten Zeit ist wieder eine Formver- befferuna restzustellen. An dem Höhepunkt ihrer Leistungen und fie aber noch nicht wieder angelangt. Für die Kasseler »zager ut letzt erhöhtes Arbeiten notwendig. Sie sollen in den kommenden Wochen Kassels sportlichen Rus außerhalb vertreten. Vielleicht kommt es im Herbst auch zur Austragung der Heeres-Handball-Meisterschast.
Jahreshauptversammlung des Rasensportverbandes Kaffel.
Der Kasseler Raseusportverband hält am Donnerstag, de» 7. Avril, abends 8.30 Uhr, tot Gasthaus zum heiligen Geist seine Jadresbauviversammlnn» ab. Die Tagesordnung sieht folgende wichttge Paukte vor: Entgegennahme der Jahresberichte, Neuwahlen, Besprechung des Jahresvrogramms, Erörterung der Abftiegssrage nnd di« Erledigung eiagegaageaer Anträge.
Güddeutfchland—Niederösterreich
am 22. Mai in Frankfurt?
Wie das amtliche Organ des Süddeutschen Futzball-Ber- bandes, „Der Kicker" meldet, stehen die Verhandlungen für ein Repräfentativtreffen Süddeutschland—Nie derösterreich vor dem Abschluss. Tas Spiel soll schon am 22. Mai ausgetragen werden, und zwar auf süddeutschem Boden. Der Austragungsort ist noch nicht bestimmt, jedoch besteht beim Verband die Abficht, das Spiel nach F r g n kf ii r t Main zn geben, da die Frankfurter Vereine den Verband bei der Ausstellung feiner Mannschaften tn selbstloser Weise unterstützt haben.
Aber auch in Frankfurt wird man für dieses Spiel nur daun ein Interesse haben, wenn die Oesterreicher mit ihrer wirklich stärksten Mannschaft und nicht nur rntt einer zweiten Garnitur kommen.
Kieninger-Köln ist Schachmeister
Oer Abschluß des Aufstieg-TurniereS in Bad Ems
100 Meter Kraul: 1,30. van der Grinten (Duderstadt)
200 Meter Kraul: Hier liegt keine Zettmeldung vor.
50 Meter Kraul: 0,36,9 Nolte (Du- derstadt)
100 Meter Brust: 1,36» Krajs (Osterode)
200 Meter Brust: 3.54. Schotte (Heiligenstadt)
50 Meter Brust: 0,41,8 Zimmermann (Tuderstadt)
100 Meter Rücken: 1,44 Nolt« (Du- derstadt)
50 Meter Rücke«: 0,42,5 Groß (Osterode)
Göttingen
Osterode
Duderftadt Heiligenstadt Osterode
Duderftadt
Osterode
20. 3. 32
2. 8. 31
28. 6. 31
21. 6. 31
2. 8. 31
28. 6. 31
2. 8. 31
Die 50 Meter-Strecken werden nur noch bis 31. Mai geführt, dann fallen diese fort.
Bei dem Damen stehen nur folgende zwei Leistungen als Bestlefitmtgen fest:
Klaffe A (Vereine mit Wiuierbud)
100 Met. Brust: 1,41,7. Ursel Hart-
• ivig (-S. V. Göttingen) Duderstadt 28. 6. 31
Klaffe B (Vereine ohne Winterbad)
50 Meter Brust: 0,49,4 Rudolf (S. C. Herzberg) Osterode
2. 8. 31
Am Montag wurde di« l«tzt« Ruud« im Ausstiegturniei d«s Deutsch«« Schachb»»d«s gespielt. Sie brachte lei«« Xenix nut« in bei Spitzengruppe. Kieninger (Köln) siegt« u«d wurde damit deutscher Schachmeister.
Endergebnis des Turniers: K ie » i n g e r (Köln) 5, B. Hennig (Kiel), Hnßong (Ludwigsbaseu) oud Käufer (Hamburg) je 4, Loose (Düffeldorf) und Blechschmidt (Plaue«) je 3%, Vitense (Neu-Brandenburg) 3% und Hahn (Nürnberg) V/2 Punkte.
Vor der letzten Runde
In der vierten Runde des Russtieg-Schachiurniers in Bad Ems kam es zu harten Kämpten um die Führung. Tas Tressen der beiden Vertreter von der Waterkante, Kapser (Hamburg) und von Hennig (Kiel), verlies äußerst spannend. Kapser wartete mit einem Königsgambit auf, und von Sennig wählte die schärfite Erwiderung, das sogenannte Falkbeer-Gambit. Schwarz tauschte die Damen und entlastete so seine Stellung. 'Nach 20 Zügen wurde die Parfie remis gegeben. Blechschmidt IPlauen) spielte gegen Huffong (Ludwigsbaseu) scharf auf Köntgsangriff. Huffong mußte schließlich die Qualität opfern und dann bald das hottnungslose Spiel aufgeben. Sheninger (Köln) zwang Vitense (Neu-Brandenburg) in einer glänzenden
Positionspartie nach hartem Kampse nieder. Ebenso schön siegte Loose (Düffeldors) über den süddeutschen Meister Hahn. Sicninger gewann seine Hängepartie gegen Blechschmidt, Huffong verlor gegen Kapser, Kapser gegen Vitense.
In der fünften Runde überspielte Hennig zunächst den sächßschen Meister Blechschmidt, kam aber bann in Nach teil und verlor schließlich im Endspiel. Die Parfie Huffong gegen Loose endete unentschieden. Hahn gewann gegen Vitense durch ein schönes Qualitätsvpser die Dame gegen Turm und Figur und siegte schließlich int Mattangriff. Die Partie Kieninger gegen.Kavfer wurde abgebrochen und später nach achtstündiger Spieldauer von Kieninger gewonnen.
Auch die f e ch st e Runde brachte einige Ueberraschungen. Blechschmidt (Plauen) verdarb seine Aussichten auf den ersten Platz durch eine Niederlage gegen Vitense, der durch eine Kombination die Qualität gewann und bann bas Endspiel zum Siege sührte. Hahn erlitt eine weitere Niederlage gegen Kavier, der als Nachziehender in stürmischem Angriffsspiel seinen Gegner überrannte. Der Kieler Meister von Hennig erlitt eine neue Niederlage. Huffong verteidigte sich in einer Karo-Kann-Partie ausgezeichnet, schlug den gegnerischen An«riss ab und gewann im Endspiel. Kieninger und Loose lieferten sich wie in der Vorrunde einen erbitterten Kampf Der Kölner versucht« im Endspiel die Enischeidung zu erzielen, jedoch konnte Loose durch gute Verteidigung die Partie halten und Remis erzwingen.
Matthys und Emilia »
Eine alphabetische Liebesgeschichte / Von Otto Brüei
Ach, die Seele eines preußischen Feldwebels gibt Rätsel aus. Schon die Tatsache, daß Matthys einen zweiten Bries zu bestellen bittet, reizt die Löwengröße des Vorgesetzten; der Umstand, daß diesmal ebenso viel Taler aufgezählt werden, mindert den Zorn des Altvaters nicht im geringsten; als sich aber herausgestellt, daß das Schreiben in eine Stadt soll, die nicht in Preußen liegt, nicht einmal in Rheinpreutzen, schlägt der Blitz ein, und der Donner solgt.
„Er ist verrückt. Ich soll ihn wohl als Spion behandeln? Was hat ein preußischer Rekrut nach Holland zu schreiben? Sei er froh, daß der erste Brief abgesendet ist, ich holte ihn sonst zurück! Wie steht er überhaupt da? Kaum gehen und stehen kann solch ein Filou und schreibt an die Feuerländer und Jndia- nesen! Aber wenn man euch einen kleinen Finger reicht, freßt ihr den ganzen Kerl. Er kann sich darauf verlassen, daß ich ihn mir ganz besonders ansehen werde!"
Da tut Matthtzs etwas, was er fi«y besser überlegen hätte müssen, er streicht die Taler — die zweite Reihe der Taler — wieder ein und sagt: „Wenn der Bries nicht abgesendet wird, muß ich das Porto wohl zurücknehmen?"
Da springt der Feldwebel an den Tisch, ergreift den Brief und zerschnitzelt ihn in fünfzig Stücke. Mat- tbvs steht wieder stramm, spürt wieder ein Zittern unter den Sohlen, schließt einen Augenblick die Augen und tut, was jedem Soldaten in solchem Falle zu tun srei ist: er denkt sich das Seine. Und das lautet in dieser Geschichte, in diesem Kapitel, an dieser Stelle so:
„Ich weiß, wo die anderen über die Maner gehen. Ich werde dabei sein und meinen Bries noch einmal schreiben. Ich werde ihn selbst an die Post geben. Ich werde nicht eber in die Flohkiste kriechen, als die anderen." So denkt er und sagt: „Gleichwohl gestatten Herr Feldwebel, daß ich mich für die Absendung des ersten Brieses gehorsamst bedanke."
Und in dieser Rächt entwischt er aus der Kaserne, tut, wie er gedacht, springt gegen Morgen Über die Mauer und brüllt, als der Feldwebel vor dem Abmarsch die Rainen verliest, mit schallender Stimme: „Hier"! und ist von da an seltsam fröhlich, obzwar der von Trotha wieder hinter der Kompagnie reitet und der Feldwebel dichi vor ihm marschiert.
<>rdres haben bisher sür Matthys zu den ange- nehmen Dingen des Lebens gehört: Ordres, mit denen Tuchballen oder Gelder angewiesen werden, sind nicht mit Liebesbriefen zu vergleichen; aber etwas Einträgliches, Bekömmliches haftet ihnen nun einmal an Wenn aber ein Kurier zu Pferde eine hand- schrifiliche Crbrc des Königs bringt, dann mag man ■auf Andres gefaßt sein. Der Marsch der Rekruten
kompagnie unter dem Hauptmann von Trotha hat unseren Matthys bis Magdeburg geführt.
Wieder sind sie ans einem öden, gelben Platz an- getreten, zum Stieselappell, der nicht besonders be- iiebt ist, da von jedem verlangt wird, er solle sich aus Schusters Leisten verstehen; da klappert der Platzkommandant von Magdeburg, ein General von Schlichen, ihm zur Linken der Adjutant, auf schwerem Rappen vor dem Hauptmann von Trotha. Sie bringen eine Ordre des Königs, die Rekrutenkompagnie solle anderthalb Tage nach dem Eintressen des Handschreibens in der Leibgreimdierkaserne zu Potsdam ein« rücken. Anderthalb Tage, das sind sechsunddreitzig Stunden für eine Strecke, die man fonst in geschloffener Formation in drei Tagen, zu bewältigen pflegt. Der Kurier selbst ist eine Nacht geritten. Bon Trotha läßt sofort packen, der Kurier muß Lebensmittel heranschassen, fünfzehn Minuten später schon, von den Kirchen schlägt's zehn, marschieren hundertsünfzig Rekruten zum Kasernentor hinaus. Herr von Schlicheri schickt bis Burg die Musik des Magdeburger Regiments mit, und wie Musik aus den Infanteristen wirkt, ist im Kapitel „M" schon ausführlich beschrieben Des Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse erscheint unserem Matthys gar nicht so wüstengelb, grüne Wiesen und blaue Seen grüßen allenthalben — ein Gefühl, das nach der dritten Stunde des Marsches abhanden kommt. Herr von Trotha hat seinen Rekruten keinen Zweifel gelassen; sie werden viermal sechs Stunden marschieren und dazwischen dreimal vier Stunden ruhen, macht zusammen sechsunddreißig Stunden. Ordre ist Ordre, und in diesem Zeitraum mutz die Strecke von Magdeburg nach Potsdam bewältigt sein. Uebrigens übergibt Trotha nach der vierten Stunde dem Burschen seinen Gaul, packt sich den Tornister eines Rekruten aus und»marschiert vor der Kompagnie her. Nach der fünften Stunde wird er gesprächig und erzählt den Leuten im ersten Glied, was des Königs Kurier dem General von Schlichen zu dem jähen Beseh! noch zu sagen wntzte.
„Ein Soldat tut seinen Dienst ohne zu {ragen. Heut' aber, wo ihr geschunden werdet, sollt ihr wissen, warum? Ich weiß auch nur, was der Kurier gesagt hat, und das ist vielleicht eine Latrinenparole. Flügelmann, du grinst wie ein Affe. Also hört!"
Sie hören aber lange nichts, der Hauptmann scheint mit sich selbst beschäftigt. Bis er dann aus seinem Denken erwacht und ferne Erklärung von sich gibt:
„Ter alte Dessauer kommt übermorgen nach Potsdam, zum König kommt er. Sie waren ein Menschenalter lang Freunde, dann haben sie sich verzankt. Wegen Grumbkow, der diplomatischen Kanaille. Und nun sollen sie sich versöhnen, und der König will ihm die langen Kerls zeigen, die das Dessanische Regiment in Wesel schickt. Habt ihr mich verstanden?"
„Zu Befehl", antwortet Matthys, aber so erwünscht und außerordentlich es sein mag, daß der Hauptmann überhaupt zu ihm und seinesgleichen spricht, es ist ihm gleichgültig. Ter König? Ter alte Dessauer? Können Sie einem die Blasen an den Fußen heilen?
Den Tornister von der Schulter nehmen? — Um zehn sind sie abmarschiert, nun geht es auf vier Uhr nachmittags an, die Sonne ist in dieser Zeit dizrch ihre Höhe gelaufen...
Von vier bis acht Rast auf einer Wiese unfern der Straße.. Die Bauern bringen Milch und Waffer. Brot und Wurst waren im Tornister verstaut, im übrigen schläft man nach zwanzig Minuten. Und auf Posten zieht, obwohl es ihm Leutnants wehren, der Hauptman von Trotha. Er schreitet am Lager seiner einukldeinhalbhundert Leute vorüber, hin und her, unermüdlich, und nach zwei Stunden löst ihn der Feldwebel ab. Doch von seinen Rekruten soll keiner wachen sie sind kaum vier Wochen Soldaten und unerprobt in solcher Entbehrung, und gemächlich zieht er seine Uhr auf...
Um acht Uhr abends Signal und Abmarsch, Dämmerung, Mond, eine gerade Straße und ein langer Zug schwarzer Menschen und eines Pferdes... Die bunten Farben sind längst verblaßt, aber das Ohr bekommt neue Kost, das Trappeln schweren Schuhzeugs, das Aechzen gespannten Leders, das Aufeinanderklackern fchweren Metalls und, gespenstisch genug um Mitternacht, das Bnmpern zweier Trommeln und Quinquelieren zweier Querpfeifen oder ein anfeuern- des Wort über die Kolonne hin. Bis um zwei Uhr in der Nacht, bann löst sich die Truppe auf, hart am Weg findet jeder fein Lager, den Tornister unterm Kopf, die Wolldecke umgeschlagen, und zwei Stunden an der Straße in Hab-Acht-Stellung der Feldwebel, zwei Stunden der Hauptmann, während die Sonne genau über der Stelle aufgeht, wo Potsdam liegen muß, und Mensch und Vieh in den Dörfern erwachen und die Lerchen stch in den Himmel schrauben.
Weiter um sechs Uhr morgens, ich mutz es erzählen, weil es sich um einen außergewöhnlichen Marsch handelt mit außergewöhnlichem Ende. Weitermarsch, genau gesagt, um halb sieben... denn als gegen sechs der Hauptmann auf feine Uhr blicken will, die et kurz vorher noch in feiner Weste wutzte, ist das Instrument ein Erbteil Trothas vom Erbvater her, nicht mehr an seinem Platz. Eine Uhr, die Trothas Großvater vom Großen Kurfürsten erhalten hat, eine Uhr, die also nicht nur die Zeit zeigt, auch die Gunst eines großen Fürsten, mehr, die Gnade eines großen Mannes: von Trotha gerät außer sich und schickt kopslos seine ganze Kompagnie auf die Suche. Matthys hat Glück, er findet den kostbaren eirunden Gegenstand, wirst schnell einen Blick auf die silberne Kapsel, das Zisserdlatt aus Email und die goldenen mit blitzenden Steinen besetzten Zeiger. Trotha möchte dem Rekruten einen Taler als Finderlobn schenken, Matthys errötet und wagt, ihn auszuschlagen, da bringt ber Hauptmann nicht länger in ihn.
Wir haben bie zweite Hälfte des Marsches vor uns, ber in einem Bogen etwa bem Laus ber heutigen Eisenbahn nach, über Genthin unb Brandenburg ans Ziel führt. Freilich, die Hälfte ist's bloß der Strecke nach; die Mühen wachsen von Schritt zu Schritt und selbst bie Uhr bes Herrn von Trocha zeig;
bie nachte Zeit an unb nicht wovon ihr Ablaus gefüllt ist. Das Pferb bleibt bes Reiters lebig, unb Sattel unb Satteltaschen brücken es weniger als ben Solbaten Gewehr unb Tornister. Genug, ihnen allen hängt, im wortwörtlichen Verstanbe, bie Zunge zum Halse heraus, unb als sie mittags um halb eins hinter Branbenburg Rast machen — es weht angenehm kühl von ber Havel her — fallen sie ins Gras wie Bleiklunipen. Tie größte Hitze wirb biesmal verschlafen, um halb fünf treten hunbertfiinfzig Rekruten an, in Trotha plumpert ein Stolz, baß keiner liegen blieb
Sechs Stunden noch, man muß einmal richtig bis sechs zählen, um ihre Länge zu ermessen, sechs stunden, zwölf halbe Stunden, vierundzwanzig Viertelstunden ...
Die Sonne ist wieder hinab, der Mond scheint aus einen öden gelben Platz mit grauen Bauien aus allen vier Seiten... aber der Kasernenplatz füllt sich mit Fackeln und aus einer Seite, dem Tor gegenüber, stehl ein kleiner, dicker Mann und stampft mit den Füßen. „Es ist halb elf", knirscht er „und um zehn soll die Kompagnie anmarschieren."
Da schreit am Tor, von seinem Pferd, der Hauptmann von Trotha: „Achtung, Parademarfch"! Der Kies dröhnt unter den schweren Sohlen, Fackellicht fällt auf eine einmarschierende Kompagnie, und dann, nach neuen Befehlen, steht eine >räfenticrte Front wie eine Mauer vor dem König. Der geht langsam auf den Hauptmann zu, der, eh' er feine Meldung vorträgt, vom Pferde springt. Und der Mann, den sie König nennen, kreischt:
Ach brauche die Kerls, Hauptmann. Er komn» dreißig Minuten zu spät!"
Trotha zittert und schweigt.
„Hat Er keine Uhr?" tobt Friedrich Wilhelm, „auf jedem Kirchturm kann er die Zeit ablesen!"
„Gestatten Majestät," antwortete Trotha, „die Uhr, in meiner Tasche, hat der Große Kurfürst meinem Aeltervater geschenkt, damals — nach Fehrbellin." „Und Er braucht sie, um meine Ordres falsch auszu führen? Um zehn sollte eine Kompagnie emrücken! Er will wohl noch diese Nacht auf Stubenarrest?" Trotha schweigt, der König rennt, von Fackelträgern begleitet, die Front entlang, zwischen dem ersten und zweiten Glied der noch immer präsentierenden Rekruten zurück und dann wieder vor den Führer der Kompagnie. „Sonst sehen seine Kerls anständig aus! Warum ist Er zu spät gekommen, Hauptmann?"
Trotha schweigt. Der König belauert ihn, und als auch nach langem" Warten keine Antwort kommt, hebt er seinen Rohrstock. Trotha springt zurück, reißt einen Revolver aus seiner Tasche unb ruft:
„Auch biefe Waffe haben bie Trothas vom Großen Kurfürsten unb verstehen, sie gegen ungehorfcme Offiziere zu gebrauchen!"
(Fortsetzung folgt)