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4. Seite 4. Beilage

Kasseler Neueste Nachrichten

Sonnabend, 26., Sonntag, 27. März 1932

Die Grippe

Von

Noemi Eskul

Er wollte aufstehen, aber die Beine waren mit ei­nem Male schrecklich groß und schwer und führten ein eigenes Leben voller Tücke und Widersetzlichkeit. Wie tie so ui ihrer unbequemen und den übrigen Körper unendlich ermüdenden Lage verharrten und sich zu einer wohltuenden Aenderung ihrer Haltung nicht be­wegen ließen, erinnerten sie ihn an jene ungebetenen Besucher, die das Weggehen vergessen und in der quälenden Langeweile eines klebrigen, sinnlosen, eüdlos tröpfelnden Geschwätzes Stunde um Stunde bocken, während der einzige Wunschgedanke des Heimgesuchten an der trägen Masse dieses peinigen­den Fremdkörpers kraftlos zerschellt. Aehnlich ver­hielten sich auch seine Hände, die seltsam fremd auf den Sessellehnen lagen oder sich eigenwillig und ohne erkennbaren Grund hoben und wieder senkten, und auch der Kopf, der ins Ungeheure gewachsen und mit einer schweren und heißen Flüssigkeit angefüllt zu sein schien, die bei der geringsten Bewegung in die jeweilige Kopfhälftc flutete und von innen schmerzhaft an die Schädeldecke stieß.

Es fröstelte ihn, ein kalter Hauch berührte wie et­was Widerwärtiges seinen Nacken vor seinen halb- geschlossenen Augen ballte sich aus der grauen Däm­merung des Zinnners der kalrseuchte Leib einer Kröte, eines schleimigen Weichtieres, es kroch lang­sam den Hals herunter und setzte sich zwischen den Schultern fest. Gleichzeitig hörte er den geschäftigen. Lärm der Straße, der vor Ladenschluß besonders an­schwillt, um sich dann in einer knappen halben Stunde ganz zu verlaufen, hörte die sonoren Stim­men der Zeitungsmänner, die schon Abendzeitungen ausriefen, und merkte, daß der Fensterflügel noch im­mer ofsenstand, den er aufgerissen hatte, um den Zi­garettenrauch herauszulassen, der ihm heute trocken und brennend auf der Kehle lag.

Er richtete sich langsam auf, es war, als müßte er erst schön bitten, damit seine Füße sich vorwärts schie­

ben und sein Rücken sich aufrecht halte, dann er­reichte er doch das Fenster, schloß es und schaute stier und blicklos in die Lichter der gegenüberliegenden Butterbandlung, die sich aufregend und grell in den bläulichen Pfützen spiegelten. An der eigentümlichen Schwere der Luft, an der unruhigen Helle der Däm­merstunde, an den Fetzen durchsichtiger Himmelbläue zwischen treibenden Wolken konnte man erkennen, daß der Winter langsam abnahm und es zum Früh­ling ging.

Er schlug den Rockkragen hoch, vergrub die Hände in die Taschen und lehnte die Stirn an die kalte Scheibe des Fensters. Das war nur im ersten Augen­blick angenehm, aber ihm fehlte die Entschlußkraft, etwas anderes zu tun, und so stand er da und ver­suchte sich auszumalen, wie er Hut und Mantel neh­men und zu Betty binübergehen würde. Er batte es ihr ja versprochen oder nein, er hatte ihr nicht versprochen, aber es war in den letzten Wochen ein­fach zur Selbstverständlichkeit geworden, daß er täg­lich kam diese Selbstverständlichkeit irritierte ihn plötzlich. Widerwillig dachte er daran, daß es drau­ßen auf der Treppe muffig und kalt nach altem Staub riechen würde, der wie eine graue Maske über den Sluckverzierungen, über all dem falschen Pomp desAlten-Westen"-Hauses lag; daß auf Bet­tys Treppe die Stufen familiär und geschwätzig knar­ren würden, und er ertappte sich mit Verwunderung darauf, daß der Gedanke an Bettys süßlich-scharfes und sonst so erregendes Parfüm ihm plötzlich liebel« leit verursachte.

Ich bin krank," definierte er endlich nach einigen mühsamen Tenkversuchen,ich bin krank, ohne Zwei­fel." Aber ebenso zweifellos ging in ihm noch et­was anderes vor als das Brodeln der Krankheit so als wäre noch ein anderer in ihm erwacht und versuchte sich zu strecken, und für sie beide wäre kein Platz in dem heißen und engen Körper. Sie stießen sich, sie waren noch sehr verschieden. Und er war krank.

Er wollte Tee haben, heißen Tee, und vor allem einen lebendigen Menschen, der ihn brachte. Er raffte sich auf, ging zur Tür und drückte auf den Knopf der Klingel. Tas Läuten drang schrill und traurig in die Stille der sonntäglich leeren Wohnung. Richtig: die alte Dame, bei der er die zwei Vorderzimmer ge­mietet hatte, war bei ihren Kindern und das Mäd­chen hatte Ausgang. Die Leere schloß sich um ihn

wie die Hoffnungslosigkeit über einen Verlorenen lautlos und grau.

*

Die kühlen Laken des Bettes waren wohltuend wie ein Bad nach einer langen, staubig-heißen Wan­derung. Er empfand es als eine Wohltat, in einem großen, breiten, kalten Bett allein zu liegen. Es war eine Wohltat, daß Betty nicht da war. So sehr er sich nach der sürsorglichen Anwesenheit eines Men­schen sehnte, so stark war in ihm der krankhaft deut­liche Wunsch, daß Betty nicht kommen möge. Er glaubte, ihre aufreizende und schwächende Nähe, ihre heischende Körperlichkeit jetzt nicht ertragen zu können. Zum ersten Male seit Monaten dachte er an sie ohne Begehren. Monate inbrünstiger Selbstverleugnung, Monate heißer Fron, gegen die er sich nicht zu erhe­ben wagte, weil er nach ihrem Druck verlangte, sobald er nachließ, Monate unwahren, überspannten und gefährdeten Lebens lösten sich in einem Schüt­telfrost, in einem steigenden Fieber, in einem Flam­menmeer, das hinter den entzündeten Lidern wogte, in einem zerstörerischen Aufruhr des Körpers.

*

Als nach einigen Wochen ein sonniger Tag für den ersten Ausgang geeignet schien, ging er durch die nahen Schrebergärten, über die schlüpfrigen, seit dem vorigen Herbst iioch kaum begangenen Wege und pfiff leise und vergnügt, wie er nur als Junge gepfiffen hatte, im Vorfrühling, wenn es ihm mal gelungen war, die Schule zu schwänzen. Es roch kühl und stark nach nackter Erde, und der Wind strich den Atem weiter Ebenen, von denen er die Decken geris­sen hatte, wie eine himmlische Labung um Mund und Stirn. Hie und da waren die Beete schon um­gegraben und bereitet und das Erdreich schimmerte salbig und feucht zwischen verirrten Streifen dünnen und glasigen Schnees. In die schwarzen, winterlich steifen Neste der Weiden und Fliederbüsche stieg, schon drängend und sicher, ein bitterlich herber Saft.

Auswärtiger Erfolg eines Kasseler Künstlers. Im Rahmen eines geistlichen Konzertes in der Christus- kirche in Mainz wurden zwei Schöpfungen des Kasseler Komponisten Hans-Oscar Hieges ur­aufgeführt: die MotetteEs ist dir gesagt, Mensch", ein A-cappella-Werk, ferner die Sonate für Orgel, op. 32. . DieMainzer Volkszeitung"

schreibt darüber:.... Hiege stößt in seiner Sonate für Orgel in künstlerisches Neuland vor. In bewuß­ter Abkehr von der romantischen Auffassung der Or­gel als einer ArtUniversalinstrument" verzichtet er hier gänzlich auf die Nachahmung orchestraler Wirkungen...... Ein Experiment, zu dem immerhin

künstlerischer Mut gehört, bedenkt man, wie leicht mit solcher freiwilligen Selbstbeschränkung die Gefahr der klanglichen Eintönigkeit heraufbeschworen wird. Daß Hiege ihr in keinem Takt erlegen ist, sondern es im Gegenteil verstanden hat den Hörer unausgesetzt in Span» nunq zu halten, spricht ebenso für di« Kraft und Ursprünglichkeit seiner mu­sikalischen Einfälle, wie für sein rei­z' es gestalterisches Können...."Main­zer Anzeiger":.... Neuere Wege schlägt Hans- Oscar Hiege in seiner Orgelsonate op. 32 ein. Mag sie breiteren Hörerkreisen auch noch etwas be­fremdlich klingen, ihr stilistischer Ernst ist unver­kennbar und beachtlich für jeden, der an den Proble­men des neuesten Formwollens interessiert ist...

Die Sonate erlebt ihre nächste Aufführung Ende Mai in Darmstadt. Ferner hat das Mainzer Stadttheater Hieges Klavierkonzert:Jäger aus Kurpfalz" zur Erstaufführung in einer Matinöe angenommen.

TalhoffsZotenmal preisgekrönt! Bei dem P'* auqschreibcn derPsychologisch-ästhetischen schungsgesellschast" in Hamburg über das Tyc,a 3)ie Erneuerung der Bühne" erhielt den ersten Preis (2000 RM) auf Grund der vorgelegten drei­bändigen Partitur die dramatisch-chorische Vision des Dichters Albert TalhoffTotenmai" für die in ihr zum Ausdruck kommende praktische Synthese von Wort, Klang, Tanz und Licht. Wie erinnerlich, hat­ten die Aufführungen desTotenmai" in München 1930 zum Gedächtnis der Gefallenen im Weltkrieg internationales Aufsehen erregt.

Europäische Gespräche. Die bekannte Zeitschrift für aus­wärtige Politik, die im neuen Jahrgang ibre bisberigen Monatshefte ohne Schmälerung lies Inhalts und bei erheb­licher (Ermäßigung des Preises (halbjährlich jetzt 8 RM> zu Doppelheften zusammenfaßt, bringt in ihrem Iannar-Ke- brnarhcft eine Abhandlung des Herausgebers A. MendelS- fohn-Barthvldu zur Abrüstungsfrage. Der dokumentarische Teil ergänzt die Ausführungen indem die Sammlung der Dokumente zur Abrüstungsfrage, fortgesetzt wird. Neben M. Claars AufsatzDas erste Jahrzehnt Pins' XI" oer- dieitt» noch Otto frorst de BatagliaS kritische Auseinan­dersetzung mit der Geopolitik besondere Beachtung.

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Kölnische Straße 10.

V

Belohnung erhöht!

Bei einem Tresor-Einbruch im Warenhaus Leonhard Tietz A. G», Kassel, fiel den Dieben eine größere Summe Bargeld in Noten und Silber in die Hände. Für die Wiederherbeischaffung des gestohlenen Geldes oder eines Teils desselben werden 20°/o Belohnung des wieder" erlangten Betrages unter Ausfchluß des Rechtswegs zugefichert. Zweckdienliche Angaben, die auf Wunsch streng vertraulich befiandelt werden, erbittet die Kriminal - Polizei schriftlich oder mündlich auf Zimmer 72 des Polizei-Präsidiums Kassel.