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Nummer 61*

Sormabend/Gonniag, 12./13.März 1932

22. Jahrgang

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Oer Endspurt im Wahlkampf

Keme Verhandlungen Mische« 1. und 2. Wahlgang? / Die Regierung vor dringende« Ausgaben / Gesamiresuliai nachts gegen 1 llhr zu erwarten

Ein oder zwei

'W

ahlgänge?

Von unserer Berliner Schriftleitung.

. Berlin, 12. März.

Der Wahlkampf für die Reichspräsidentenwahl ist in sein Endstadium eingetreten. An politisch bemer­kenswerten Momenten ist aus den Auseinandersetzun­gen der letzten Tage vor allem noch zweierlei'hervor­zuheben. Zunächst ist der besonders in Regierungs­kreisen geäußerte Wunsch zu erwähnen, daß es über­haupt nicht zu einem zweiten Wahltag kommen möge, sondern daß, wie auch der Kanzler gestern abend ver­langte, bereits am morgigen Sonntag die endgül­tig e Entscheidung für Hindenburg fallen möge.

Für diesen Wunsch sind mehrere Gründe maß­gebend. Die Regierung braucht die nächsten Wochen dringend für wichtige politische Arbeiten, sowohl aus dem Gebiete der Reparatwns-Verhandlungen (was den Kanzler wahrscheinlich zu einer Reise nach Gens und zu einer Rücksprache mit Tardieu veranlaflen wird), als auch zu dringenden Beratungen über die Regelung der inneren Finanzverhältnisse besonders zur Ueberwindung der mit Ultimo März herannahenden Schwierigkeiten. Ob aber der Wunsch der Regierung in Erfüllung geht, muß wie an ande­rer Stelle dargelegt wird, zweifelhaft sein.

Das zweite interessante Moment ist der Linmeis daraus, daß die in letzter Zeit so viel besprochenen Verhandlungen, die nach den, 13. März einsetren sollen, um den zweiten Wahlkampf vorzu­bereiten und evtl, eine Regierungsumbildung vorzunehmen, jetzt von manchen Seiten demonstra­tiv ab gelehnt werden.

Derartige Aeußerungen wird man aber wohl ledig- lrch als Stimmungsmoment des Wahlkampfes aufzu- sassen haben, denn ob es zu solchen Verhandlungen zwischen Hindenburg bzw. Brüning und Hugenberq kommt, hangt selbstverständlich vollkommen von dem Ergebnis des morgigen Sonntags ab. Sollte Duester- berg sehr wenig Stimmen bekommen und sollte die Disserenz zwisch-n Ain^ei-bura und Hitler sehr groß fern st, haben Verhandlungen mit Hugenberg nach- traglich keinen Zweck mehr, denn dann würde der erste Wahltag nur ein Spiegelbild der Entscheidung

enge Gebiete gebunden, als daß man sie für das Reich verallgemeinern könnte, besonders weil, wovon noch zu sprechen ist, die Verteilung der Anhänger­schaft des einen oder des anderen Kandidaten in den einzelnen Reichsteilen sehr verschieden ist. Der Volks­entscheid war jedoch sowohl im Hinblick auf den zu­grundeliegenden Gegenstand wie im Hinblick auf die Technik seiner Durchführung eine vollkommen ab­seits liegende Aktion, die sich erst recht nicht mit der Reichspräsidentenwahl in Parallele stellen läßt. Of­fen bleibt schließlich die Frage, inwieweit der Name Hindenburg auch auf die Wähler, die in der Beurtei­lung der sonstigen politischen Fragen im rechtsoppo­sitionellen Lager stehen, suggestive Kraft ausüben wird. Ebenso läßt es sich nicht im voraus entschei­den, ob der Name Hitler tatsächlich noch zugkräftiger sein wird als die nationalsozialistische Parteiparole, oder ob manche Wähler, die sonst mit den National­sozialisten sympathisieren, sich doch nicht entschließen können, für einen Reichspräsidenten Hitler zu stimmen.

Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß die S ch ä tz u n g e n in Berliner politischen Kreisen sehr weit auseinandergehen und daß sie sich im allgemeinen viel weniger auf Berechnungen als aus die Bewertung gewisser Stimmungs- und Gefühlsmomente stützen. Gemeinsam ist allen diesen Schätzungen nur die Uebereinstimmung darin, daß der erste Wahlgang höchst wahrschein­lich noch keine endgültige Entschei- du n g bringen wird. Von dieser Auffassung hört man nur sehr wenige Ausnahmen. Wenn auch der Kanzler in seiner Sportpalastrede den Wunsch ausgesprochen hat, daß aus inner- und außenpoliti­schen Gründen die Entscheidung für Hindenburg schon im ersten Wahlgang fallen möge, so ist dieser Wunsch wohl begreiflich. Es sind aber auch im Regierungs­lager genug Stimmen vorhanden, die sich der allge­mein vorherrschenden Auffassung anschlteßen, daß ein zweiter Wahlgang notwendig wird.

Zahlenmätzig bewegen sich in Berlin die Schätzun­

gen für Hindenburg zwischen 10 und 18 Millionen. Man geht dabei allgemein von der Voraussetzung aus, daß rund 36 Millionen gültige Stimmen abgegeben werden, was einer Wahlbe­teiligung von etwa 85 Prozent entsprechen würde. Diese 36 Millionen werden aber auch in gutunter­richteten und urteilsfähigen Kreisen in der Wilhelm- straße, in parlamentarischen Kreisen und in dem gro­ßen parteipolitisch so bunt zusammengesetzten Berli­ner Zeitungsviertel außerordentlich verschieden ver­teilt. Die für Hindenburg günstigste Voraussage, die zugleich für Hitler die schlechteste ist, lautet: Hinden­burg 18 Millionen, Hitler 10 Millionen, Thälmann 6 Millionen, Duesterberg 2 Millionen. Die am wei­testen davon abweichende Schätzung ist folgende: Hit­ler 16 Millionen, Hindenburg 10 Millionen, Thäl­mann 7 Millionen, Duesterberg 3 Millionen. Zwi­schen diesen beiden Extremen liegen zahlreiche Ab­stufungen. So rechnet z. B. derTatkreis" mit 13,3 Millionen für Hindenburg, 11,5 für Hitler, 1,8 für Duesterberg und 6 für Thälmann.

Kann es angesichts der so weit voneinander abwei­chenden Schätzungen wundernehmen, daß sich auch in Berlin niemand auf eine bestimmte Voraussage fest­legen will? Anders lauten die Berichte, die aus dem Reiche nach Berlin gelangen. Diese sind im allgemeinen viel eindeutiger, weichen aber infolge­dessen um so mehr voneinander ab. Das liegt an der bereits erwähnten regionalen Verschiedenheit in der Einstellung der Wählerschaft zu den beiden Haupt- kandi,date.r. So wird aus dem Rheinland und aus großen Teilen Süddeutschlands berichtet, daß man dort der Kandidatur Hindenburg die besse­ren Aussichten gibt, und in einzelnen Städten am Rhein ist man sogar vollkommen fest davon über­zeugt, daß Hindenburg bereits am 13. Mär; endgül­tig gewählt wird. Anders liegt es in Mittel­deutschland und in einzelnen Teilen Nord­deutschlands. Aus manchen dieser Bezirke und Provinzen liegen Stimmungsberichte in Berlin vor, in denen von einem Abwandern der mittelpar- teilichen Wählerschaft zur Parole Hiller die Rede ist. Demgegenüber kommen aits Ostpreußen und aus Teilen von Pommern Meldungen, die von einer Wandlung dieser an sich stark nationalsoziaistisch ein­gestellten Gegenden zu Gunsten Hindenburgs spre­chen. Es ist außerordentlich schwierig, die Richtigkeit

dieser Stimmungsberichte zu beurteilen und sie der­art gegeneinander abzuwägen, daß daraus eine eini­germaßen brauchbare Voraussage des Gesamtresul­tates herzuleiten wäre.

Als ein erschwerendes Moment für die Beurteilung des Wahlverlaufes kommt noch die eigenartige ne­gative Einstellung sehr bedeutender Wählergruppen hinzu, sowohl auf der Rech­ten wie vor allem auf der Linken. Bei den Kom­munisten herrscht noch darüber Unsicherheit, ob die gesamte Anhängerschaft der Parole Thälmann Folge leistet ober ob die Kommunisten umgekehrt noch Zuzug vom linken Flügel der SPD. erhalten. Bei den Sozialdemokraten besteht ein Widerstreit der Auffassungen zwischen denen, die auf die unbe­dingte Parteioisziplin schwören und demgemäß überzeugt sind, daß jeder sozialdemokratische Wähler bis auf den letzten Mann seine Stimme für Hin­denburg abgeben wird, und denjenigen, die von der reinen Abwehrparole der SPD einen Rückgang der sozialdemokratischen Stimmzettel zu Ungunsten Hin­denburgs befürchten.

Die Unsicherheit, mit der in den Tagen des End­spurtes um die Präsidentschaft die Aussichten für den ersten Wahlgang beurteilt werden, wird auch durch die Erinnerung an den 14. September 1930 ver­stärkt, der für alle politischen Gruppen ohne jede Ausnahme eine Ueberraschung brachte, wie kaum ein anderer Wahlgang je zuvor. Diese Unsicherheit könnte die Gefahr in sich bergen, daß sie die Wahlmüdigkeit verstärken würde. Allgemein rechnet man aber, wie schon erwähnt wurde, mit einer reckt hohen Wahl- beteiligungsgnote, und in der Tai ij. es wohl auch wahrscheinlicher, daß in einer Zeit, die so an politi­schen Spannungen wie die unsrige erfüllt ist, die Un­gewißheit der Wahlchancen nur noch die Aktivität der Wähler steigern wird. Freilich bleiben aber im­mer noch Tausende und Abertausende abseits stehen, und an diese Lauen und Faule, an diese Weltfrem­den, die glauben, daß sie die Politik nichts angehe, und daß das Gärtchen ihrer Parteiinteressen gegen die Stürme der Zeit gefeit fei, und an diese Energie­losen, die zu keiner Entscheidung kommen können, muß auch diesmal der AppellWahlrecht ist Wahlpflicht" gehen. Auch der erste Wahltag hat, so ober so, schon entscheibende Bebeutung, unb wer heute an dieser Entscheidung nicht mitarbeitet; degra­diert sich selbst zum Staatsbürger zweiter Klasse. Darum:

Erfüllt am 13. Mürz Eure vornehmste Pflicht: wählt!"

Wenn aber die Wahl so ausfallen wird, daß Hu- S"sberg bei einer verhältnismäßig geringen Differenz zwlfchen Hindenburg und Hitler die Entfcheidung in der Hand hatte, dann ist es trotz aller vorherigen An- kundlgungen und Ableugnungen eine Selbstverständ- «chkeit, daß dle weitere Verantwortung aus den Wa^versammlnngen in die Verhandlungszimmer der Politik übergeht.

Die ersten zufammenfassenden Gesamtresul­tate werden vom Reichswahlbüro nachts gegen lUhrerwartet a

Wahlariihmest'k

Es ist eine durchaus selbstverständliche Beobach­tung, daß auch in diesen Tagen, wie vor jedem wich­tigen Wahlgange, zahllose Schätzungen des in Aus­sicht stehenden Ergebnisses angestellt werden, aber kaum jemals hat ein derartiges Maß von Un­sicherheit in allen Voraussagungen geherrscht wie diesmal. Während alle politischen Parteien und Verbände, die sich für die eine ober anbere der fünf Kandidaturen einsetzen, alle Kraft auf den Endspurt im Wahlkampfe verwenden, obwohl doch wohl nur zwei von den Prästdentschaftsanwärtern Aussicht daraus haben, in die engere Entscheidung zu kom­men, liegt ein dichter Nebel der völligen Ungewißheit über dem Ausgang des ersten Wahltages.

Die Ursache der in diesem Umfange kaum jemals beobachteten Unficherheit ist darin zu erblicken, daß beinahe alle Vergleichsmomente fehlen. Es sind zwar in letzter Zeit sehr viele fchassinnige Berechnungen angestellt worden, wie sich aus den Wahlergebnissen der letzten beiden Jahre Anhalts­punkte für die Vorausbestimmung der Ergebnisse des 13. März gewinnen lassen, aber alle diese Berechnun­gen tragen starke Fehlerquellen in sich. Mit der Reichstagswahl vom 14. September 1930 kann man bie Präsidentenwahl schon um deswillen nicht ver­gleichen. weil einmal anderthalb Jahre seitdem ver­gangen sind, die viele politische Ereignisse und Wand­lungen mit sich gebracht haben, und weil es zum an- bern bieSmal überhaupt nicht um Parteien, fonbein um Persönlichkeiten geht, bereit Namen eine wesentlich andere Wirkung auf bie Wäh­lerschaft ausüben, als es bei bloßen Parteiprogram­men ber Fall ist.

Inzwischen haben freilich andere Abstimmungen stattgefunden, wie z. B. die Landtagswahlen in Hes­sen, zahlreiche Kommunalwahlen und vor allem der Bolksentscheid gegen den Doungplan Auch hier sind jedoch Vergleiche nicht möglich. Die Landtagswahlen und die Kommunalwahlen sind regional an viel zu

Oie Kandidaten für den dreizehnten März

Paul tron Hiudettbirrg

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Hindenburg

lieber acht Jahrzehnte spannt sich der Bogen sei­nes Lebens. Dreiviertel dieser langen Zeit hat Hin­denburg seinem Voll unb seinem Vaterlanbe ge­dient: als Mitkämpfer von 1866 und 1870, als Offi­zier im Frieden, als Feldherr in dem großen Völker­ringen, als Führer der heimkehrenden Armee, als Staatsmann unb Reichspräsibent...

Von Pofen, wo bas Solbatenkinb Hinbenburg am 2 Oktober 1847 geboren wirb, führt ber Weg über bie Kabettenschule von Wahlstatt unb bie Kriegs­akademie Schritt um Schritt auswärts zu den höhe­ren Posten der Armee. Er endet zunächst in Magde­burg: Als Kommandierender General nimmt Paul von Hinbenburg 1911 den Abschied. Der Kriegsaus­bruch 1914 ruft den Siebenundsechzigjährigen, der sich nach Hannover zurückgezogen hat, wieder unter bie Fahnen. Tannenberg grünbet feinen Ruhm und ge­winnt ihm, was mehr ist, die dankbare Liebe eines ganzen Volkes. Spät, viel zu spät wird Hindenburg der Gesamtoberbefehl übertragen. Auch nach dem Zusammenbruch bleibt der Generalfeldmarschall aus

seinem Posten; er führt das Millionenheer in die Hei­mat zurück. Als das Versailler Diktat unterzeichnet wird, scheidet er aus dem Dienst aus.

Jahre der Ruhe folgen. Aber noch einmal ergeht an Hindenburg die Forderung, in die Bresche zu springen. Schweren Herzens entschließt er sich, diesem Ruf zu folgen. Am 26. April wählt ihn das deutsche Volk zu seinem Reichspräsidenten. Sieben Jahre hat Hindenburg die schwere Bürde dieses Amtes ge­tragen. Heute ist er bereit, für das Volk und Vater­land auch noch das letzte Opfer zu bringen: Er stellt sich zum zweitenmal zur Reichspräsidentenwahl, weil er sichvor Gott und feinem Gewissen und dem Vater­lande" dazu verpflichtet fühlt.

Hiiler

Der Präsidentschaftskandidat der Nationalsozia­listen, Hindenburgs schärfster Widersacher im Wahl­kampf, feiert im April seinen 43.Geburtstag. Aus Oesterreich ist er ein paar Jahre vor dem Kriege ins Reichheimgekommen'; in dem Grenzstädtchen Brau­nau hat seine Wiege gestanden. Früh auf sich selbst

angewiesen, hat er sich in der Hauptstadt der Doppel­monarchie schlecht und recht als Maler und als Ar­chitekturzeichner durchgeschlagen, bis ihm München zur neuen Heimat würde. Bei Kriegsausbruch tritt er in ein bayerisches Regiment als Freiwilliger ein. Er wird an der Westfront verwundet unb erhält das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Auch nach Kriegsenbe bleibt Hitler zunächst beim Militär. Dann kommt berBil­dungsoffizier", als der er damals fungierte, in Be­rührung mit der Deutschen Arbeiterpartei, einem kleinen Klub von sieben Männern. In diesem Kreise entdeckte Hitler sich und seine Fähigkeiten, fein Rede- und Organisationstalent. Er beginnt zu trommeln, und ans dem kleinen Verein ist im September 1930 die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ge­worden, die mehr als 6 Millionen Wähler hinter sich hat.

Diese Aufwärtsentwicklung ist nicht ohne Riick- fchläge vor sich gegangen. Der mißglückte Münchener Putsch vom November 1923 hatte zunächst einmal alles, was Hitler an organisatorischer Arbeit gelei­stet hatte, zerschlagen; dem Führer der Bewegung selbst hatte er längere Festungshaft eingebracht. Nach