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Freitag, den 11. März 1932
22. Jahrgang
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Frankreich und der deutsche Wahlkampf
Starkes Interesse der pariser Presse / Hindenburg über den Sinn seiner Kandidatur / Oie Schwierigkeiten des Arbeitsbeschaffungs-Programms
Tardieu zweimal in der Minderheit Hindenburg gibt Rechenschaft
eigener Drahtbrricht. (Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 11. März.
Die Regierung wurde in der Nachtsitzung der Lämmer bei der Beratung des.Haushaltsabschnittes über die Pensionen der Staatsbeamten und der staatlichen Grubenarbeiter zweimal in die Minderheit gesetzt.
Die Sozialisten hatten die Rückverweisung des Kapitals über die Pensionen für Staatsbeamte an den Finanzausschuß verlangt. Finauzminister Flandin erklärte demgegenüber, daß die Streichungen, die im Gesamthaushalt vorgenommen worden seien, im Interesse des Haushaltsgleichgewichts notwendig gewesen seien und bestand aus der Verabschiedung des Artikels, nach der von der Regierung eingebrachten Form. Bei der Abstimmung blieb die Linke jedoch mit 314 gegen 245 Stimmen siegreich.
Bei der Beratung über die Pensionen der staatlichen Grubenarbeiter kam es ebenfalls zu einer lebhaften Aussprache, da die Sozialisten eine Erhöhung der Pensionen verlangten. Ihrer Forderung aus Rückverweisung an den Finanzausschuß wurde gegen den Antrag des Arbeitsministeriums mit 285 gegen 261 Stimmen stattgegeben.
Oer französische Senat ehrt Brian? f
Paris, 11. März.
Im Senat wurde am Donnerstag nachmittag aus Vorschlag des Auswärtigen Ausschusses ein Gesetz an
genommen, dessen einziger Artikel lautet: „Der Präsident Aristide Briand hat sich um das Vaterland verdient gemacht". Damit ist dem verstorbenen Außenminister die gleiche Ehrung zuteil geworden, wie bereits Clemenceau, Fache, später auch Poincars. Die Annahme des Gesetzesvorschlages erfolgte mit 261 gegen eine Stimme.
Zuletzt beschloß der Senat mit 150 gegen 130 Stimmen die Aussprache über das Frauenwahlrecht zu vertagen. Auf Vorschlag des Präsidenten wurde die Behandlung der Vorlage auf den 21. Juni angesetzt.
Kein Geld
für Arbeitsbeschaffungspläne?
Berlin, 11. März.
Der „Berliner Börsenkurier" gibt eine Korrespondenzmeldung wieder, wonach es unwahrscheinlich sei, daß die Regierung ein umfangreiches Arbeitsbeschaffungsprogramm beschließe, denn Reichsbank, Reichsfinanz- und Reichswirtschaftsministerium, die die Angelegenheit von der finanziellen und wirtschaftlichen Seite her zu bearbeiten hätten, feien übereinstimmend der Auffassung, daß keine» der bisher gemachten Finanzierungsvorschläge in größerem Stil durchführbar fei, ohne daß sie Währung in Gefahr gebracht würde.
Berlin, 11. März.
Sämtliche deutschen Sender übertrugen gestern abend folgende Ansprache des Reichspräsidenten von Hindenburg an das deutsche Volk:
Deutsche Männer und Frauen!
Als vor sieben Jahren zum ersten Male die Frage an mich herantrat, mich für Deutschlands höchstes Amt zur Verfügung zu stellen, habe ich es absichtlich vermieden, vor parteimäßig aufgezogenen Versammlungen zu reden und deshalb nur einmal int Rundfunk vor dem gesamten deutschen Volke gesprochen. Jetzt, wo mir zum zweiten Male die Präsidentschaft des Deutschen Reiches angetragen worden ist, wollte ich mich im Wahlkampf völlig zurückhalten. Der Verlauf desselben nötigte mich aber, aus meiner Zurückhaltung herauszutreten und im Rundfunk zu dem gesamten deutschen Volke zu sprechen; denn
alle sollen es aus meinem Munde hören, warum ich die neue Kandidatur angenommen habe.
Zugleich will ich durch diese Ansprache dartun, daß ich nicht gewillt bin, die in der letzten Zeit über mich verbreiteten Unwahrheiten unwidersprochen zu lassen. Eine politische Programmrede will ich also nicht halten, weil ich es nicht für nötig halte: Mein Leben und meine Lebensarbeit sagen Ihnen von meinem Streben und Wollen mehr, als es Worte tun können.
„Die Tatsache Deutschland"
Wenn ich mich nach ernster Prüfung entschlossen habe, mich zu einer Wiederwahl zur Verfügung zu stellen, so habe ich es nur getan in dem Gefühl, damit eine vaterländisch^ Pflicht zu erfüllen. Hätte ich mich versagt, so bestand die Gefahr, daß bei der starken Parteizersplitterung, insbesondere der Uneinigkeit der Rechten, int zweiten Wahlgang entweder der Kandidat der radikalen Rechten oder ein solcher der radikalen Linken zum Präsidenten des Deutschen Reiches gewählt würde. Die Wahl eines Partei mannes, der Vertreter einer einseitigen und extremen politischen Anschauung sein und hierbei die Mehrheit des deutschen Volkes gegen sich haben würde, hätte aber unser Vaterland in schwere, nicht absehbare Erschütterungen versetzt. Das zn verhindern, gebot mir meine Pflicht.
Ich war mir dabei wohl bewußt, daß diese meine Entschließung von einem Teil meiner alten Wähler, darunter leider manchem alten Kameraden, nicht verstanden und ich deshalb angeseindet werden würde. Aber ich will lieber verkannt und persönlich angegriffen werden, als daß ich sehenden Auges unser Volk, das so viel Schweres in den letzten anderthalb Jahrzehnten getragen hat, in neue innere Kämpfe geraten lasse. Um Deutschland hiervor zu bewahren, um ihm eine Zeit der Ruhe zu geben, in der es die für unsere Zukunft so entscheidenden großen Fragen im Innern und nach außen lösen soll, würde ich mein Amt int Falle meiner Wiederwahl weiterführen. • • • - y •
Gewisse politische Kreise haben meinen Entschluß, wieder zu kandidieren, anders gedeutet. Auch sind Unrichtigkeiten, wenn nicht gar bewußte Lügen über mich im Umlauf. Dagegen wende ich mich nun:
(Bon unserem Pariser Korrespondenten.)
Dr. Pz. Paris, 11. März.
„Sie Tatsache Deutschland": so heißt ein neues Schlagwort, das gegenwärtig in Frankreich auf aller Lippen ist. Man meint damit: Wir wollen Deutschland einmal ohne Haß noch Liebe betrachten, sondern nur sachlich, kühl, wissenschaftlich. Denn mit der „Tatsache Deutschland" ist, so sagt man hier weiter, das „Schicksal Frankreichs verknüpft, indem eine rechtzeitige, richtige Erkenntnis diejenigen Maßnahmen ermöglicht, die geeignet erscheinen, die weitere Entwicklung des „biologischen Phänomens" günstig zu beeinflussen. Sie Wahl des Reichspräsidenten wird in Frankreich als ein Vorgang von entscheidender Bedeutung angesehen. Man erwartet davon nämlich irgendeine grundlegende Erkenntnis über das Wesen Deutschlands, das zu ergründen bis jetzt anscheinend noch niemand gelungen ist . ..
Die meisten Blätter haben einen oder gleich mehrere Sonderberichterstatter in das Reich gesandt, und sie waren dabei besorgt, weniger berufsmäßige Journalisten, als bekannte Schriftsteller, Weltreisende, Dichter und ähnliche unpolitische Leute auszuwählen.
Beginnen wir mit dem „M a t i n“, der Briands Tod nicht abgewartet hat, um feine Deutschlandpolitik in chauvinistisches Fahrwasser zu lenken. Er hat als Sonderkorrespondent den bekannten Romanschriftsteller Josef Kessel nach Berlin geschickt, der nach seinem eignen Geständnis — oder will er sich dessen rühmen? — fein Wort deutsch sprechen kann, ohne von jedermann sofort als Franzose erkannt zu werden; Kessel geht mit Vorliebe dorthin, wo es am lärmendsten zugeht, nach Reinickendorf etwa, in eine Hitlerversammlung. Dabei glaubt Kessel mit naivem Stolze, das anwesende Rote Kreuz sei eigens für ihn da, um ihn nachher zurechtzuflicken; doch außer „harten Blicken", die man ihm allseitig zuwirft, geschieht ihm kein Leid, was er wiederum einzig und allein der Schupo zuschreibt. Wenn nach einem solchen Bericht die „Matin"leser nicht über die Sage in Deutschland genau Bescheid wissen, ist ihnen wohl nicht zu helfen....
Ernster packen die beiden großen Dupuyblätter „Petit Parisien" und „Ex c e t f i o r", die Sache an. Ihr Sonderkorrespondent ist Henrv Bidou, ein zwar rechtsstehender, aber doch sachlicher Schriftsteller, der trotz seiner literarischen Einstellung im großen und ganzen ein objektives Bild entwirft: „Das deutsche Volk hat, zu Recht oder zu Unrecht, das Gefühl, lief gebemütigt zu fein, ohne Wehr noch Waffen Nachbarn gegenüber, die es ungestraft beschimpfen und überfallen können; daß es zu unerschwinglichen Tributzahlungen verurteilt ist, und daß ein Staat wie Litauen sich erdreisten darf, es zu verhöhnen. Es leidet darunter, viel stärker als die Franzosen sich
vorstellen, daß der Friedensschluß das Reich in zwei Stücke gerissen hat..." Bidou betont
die Einigkeit aller Deutschen in den beiden Grund forderungcn: Rüstungsgleichheit und Beseitigung des
Korridors;
beschreibt ehrlich und zutreffend das wirtschaftliche, finanzielle und soziale Elend einer Ration, die doch nur arbeiten will; schließt mit dem Hinweis, daß sie dafür Frankreich verantwortlich macht — was kein einziger Franzose, auch Bidou selber nicht, zu begreifen vermag!
Die größeren Linksblätter wie „Volonts", „Oeuvre", „Republique" veröffentlichen Gelegenheitsberichte über den Wahlkampf und die Lage in Deutschland, worin die trübe Note vorherrscht. Sie radikale „Republique" stellt sogar die Behauptung auf, man müsse sämtliche nationalsozialistischen, kommunistischen und sozialistischen Stimmen zusammenrechnen, denn sie alle seien für die Revolution. Demgegenüber setzen die Blätter der Rechten, so besonders „Echo de Paris", „Action Franccaile, die „Coty- und de Wendelpreffe" ihren Lesern auseinander, es sei im Grunde belanglos, wer am 13. März oder einen Monat später als Sieger erscheine:
Frankreich habe sogar von Hindenburg viel mehr zu fürchten als von Hitler,
denn die „langsame Methode" sei ungleich gefährlicher als die „rasche", und die Wahl des alten Marschalls würde als einen „Sieg des Friedens" gefeiert, der Frankreich feine gute Wehr aus den Händen reiße. Lieber also Hitler: dann werde man sich sogar in Gens zu den französischen Rüstungen beglückwünschen und der Ring der militärischen Bündnisse schlösse sich enger denn je.
Das große Abendblatt „Pariser Soir" hat gleich drei Spezialberichterstatter nach Deutschland gesandt, die das Volk auf Herz und Nieren prüfen sollen: Jules Sauerwein, Maurice Dekobra und Pierre MacOrlan, ein jeder natürlich mit einer besonderen Mission. Sauerwein, der infolge der neuen Richtung den „Marin" verlassen mußte, schildert das politische Leben in Deutschland, indem er möglichst viele Wahlversammlungen aufsucht und darüber mehr ober minder getreu berichtet. Maurice Dekobra, der bekannte Weltenbummler und mondäne Schriftsteller, bat sein Hauptquartier im Hotel Adlon aufgeschlagen und macht die kleinbürgerlichen Leser des „Pariser Soir" mit den vornehmen Berliner „Vergnügungsstätten" bekannt, wo der Sekt nur so in Strömen fließt. Er entdeckt etwa in einer Gesellschaft von Baronen, Nutten und Bankiers das Tischtelephon— ein in Frankreich ganz unerhörter Lurus — und schildert in übrigen, wie alles so herrlich eingerichtet ist. Dem sparsamen Franzosen gehen dabei die Augen über, und nebst der neidischen Be
wunderung denkt er sich seinen Teil: wenn diese Deutschen so irrsinnig reich und verschwenderisch sind, dann
können sie doch auch den Pappenstiel von Repa rationen und sonstigen Schulden bezahlen.
Zum Glück koml gleich in der nächsten Spalte der dritte Korrespondent MacOrlan zu Wort, um in romanhafter Weise das schreckliche Elend zu schildern, dem die breiten Volksmassen preisgegeben sind, und aus diese Weise drängt sich der Schluß auf: Deutschland ist ein Land, wo die stärksten Gegensätze aufeinanderprallen, und es ist einer mangelhaften Verwaltung nicht gelungen, diese Gegensätze auszugleichen.
Als letztes Blatt kündigt „Paris-Midi" eine große Ueberraschung an: Zwei Tage vor der Präsidentenwahl will es den Schleier lüften, der „die drei rätselhaften Persönlichkeiten des märzlichen Deutschland" umhüllt! Der „glänzende Chronist" Pierre-Plessis sei nach Deutschland geflogen und habe „in ihrem wirklichen Rahmen" und „in ihrer tätigen Heimlichkeit" die genannten Persönlichkeiten überrascht. Endlich wird also der ahnungslose Franzose die Wahrheit über Deutschlands Führer erfahren, endlich in Geheimnisse einbringen, die bis jetzt niemand ergründete. Unsere Neugierde und Spannung ist natürlich nicht geringer als die des ahnungslosen Franzosen . . .
Warum Schallplatteu-Lleberiragung?
th. Berlin, 11. März.
Die Rundfunkansprache, die der Reichspräsident von Hindenburg gestern abend gehalten bat, ist. um - technische Störungen, wie sie am Silvesterabend leider stattgefunden haben, in jeder Weise auszuschalten, vorher a u f Schallplatten übertragen worden und ist dann gleichzeitig auf dem Sender Berlin und auf dem Sender Königswusterhausen von diesen Schall Platten über alle deutschen Sender geleitet worden. Das ist eine technische V o r s i cht s m a ß na h - nt e gewesen, die aus Grund der bedauerlichen Erfahrungen früherer Vorkommnisse für notwendig gehalten wurde.
Von amtlicher Seile wird selbstverständlich ohne Weiteres zugegeben, daß abends 7 Uhr 30 nicht der Reichspräsident persönlich sprach, sondern daß die Rede Hindenburgs einige Zeit vorher gehalten und aus Schallplatten übertragen wurde, weil eben aus oben erwähnten Gründen der Sicherheit dieser Rundfunkübertragung die gleichzeitige Weitergabe auf zwei Sendern durch Schallplatten sich als erforderlich erwies.
Es ist behauptet worden, ich hätte meine Kandidatur aus den Händen der Linken oder einer schwarz- roten Koalition entgegengenommen. Das ist falsch.
Die Kandidatur ist mir aus allen Schichten und allen Kreisen des deutschen Volkes angetragen worden, sowohl von einem großen Teile meiner alten Wähler, als auch von solchen, die 1925 ihre Stimmen anderen Bewerbern gegeben haben. Sie ersten Ersuchen an mich, wieder zu kandidieren, gingen von Gruppen der Rechten aus.- Siefem Vorgehen schlossen sich andere Parteien und Verbände an. Ich selbst habe meine Zustimmung zu meiner Kandidatur erst dann gegeben, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß — unbeschadet der Parteizugehörigkeit im einzelnen — in ganz Deutschland weite Schichten den Wunsch haben, daß ich weiter in meinem Amte bleibe.
Kandidat einer Partei oder einer Parteiengruppe zu sein, hätte ich abgelehnt, ebenso wie ich Bedingungen und Verpflichtungen zurückgewiesen habe. Aber auf überparteilicher Grundlage der Kandidat des deutschen Volkes zu fein und als solcher denen entgegenzutreten, die nur Kandidaten einer Partei sind, das hielt ich für meine vaterländische Pflicht. So werde ich, wenn ich nochmals gewählt werden sollte, nur Gott, meinem Gewissen und dem Vaterlande verpflichtet fein und als der Treuhänder des ganzen deutschen Volkes meines Amtes walten können.
Im Wahlkampf sind aus meiner bisherigen Amtsführung persönliche Angriffe gegen mich gerichtet worden. Ich greise die schwerwiegendsten heraus; das Urteil über das mir zugefügte Unrecht überlasse ich jedem einzelnen: In erster Linie wird mir die
Unterzeichnung des Aoungplans vorgehalten, durch die ich mich in einen offenen Gegensatz zu der sogenannten nationalen Front gesetzt hätte. Die Unterschrift ist mir wahrlich nicht leicht geworden, aber ich habe sie gegeben in der Ueberzeu- gung, daß auch diese Etappe notwendig war, um zu unserer nationalen Freiheit zu gelangen, und ich glaube, ich habe recht gehandelt. Das Rheinlanb ist srei, die fremden Aufsichtsbehörden sind verschwunden, der Avungplan mit feinen Voraussetzungen ist durch die tatsächliche Entwicklung bereits überholt. Ich glaube nicht, daß wir bei allen Schwierigkeiten der außenpolitischen Sage heute o weit wären, Wenn ich damals dem Rat, nicht zu unterschreiben, gefolgt wäre.
Ein weiterer Vorwurf, der in der Agitation gegen mich eine Rolle spielt, ist der, dass ich
die Notverordnungen unterschrieben habe. Ich weiß wohl, daß ich durch ihren Erlaß dem deutschen Volke schwere Lasten zu- gemutet und mich der persönlichen Kritik sehr ausgesetzt habe.
Wir standen im letzten Sommer vor der Frage, ob Wir durch politische Unterwerfung unter das Aus-