Donnerstag, Z. März 1932
Kasseler Neueste Nachrichten
Seit» !
Rene Kraus:
DER DEUTSCHE DREYFUS
ALFONS PAOLI SCHWARTZ, DER LETZTE KRIEGSVERBRECHER
Aus ZMKrRra
..Rauch an der Radi", der von der Ltaüt Lffen vnssae- krönte Roman von dem Tortmunder Felir Wildel« Beiel- ftein beginnt im Märzhcft von Velöaaen u. Llastugs Monatsheften zu erscheinen (Preis des Heftes nur noch 2.10 RMt. Man hat das Werk weit über die Grenzen des In- ouitriereviers mit Spannung erwartet. Der fest vor eine arotze Leifenllichkeit tretende erste Teil erweist den bisher so gut wie unbekannten Dichter als einen kräftig zuracleIlsen Gestalter, der sein Vand und seine Veute bis inS letzte kennt und eine bewegte Handlung in schnellem Fluß vorzutragen verfteht.
XII.
Oer Proletarier von -er Teufelsinsel
So ist Schwartz also weiter verurteilt in der grauenhaften Einöde der Teufelsinsel auszuharren. Es ist nicht das Fieberllima allein und nicht die Brutalität der Verwaltung, die den Gefangenen hinmorden, Tag für Tag, Stück für Stück. Vollends unerträglich ist das furchtbare Einerlei, die Gebundenheit an ein Stück meerumspülten Felsen, dieses aussichtslose Ringen eines neuen, von den Menschen in die Wildnis verfehmten Robinson Crusoe, um das Mindestmaß menschenwürdiger Zivilisation. Gewiß, die Ausgestoßenen haben sich zusammengefunden. Sie haben so etwas wie ihre eigene - soziale Ordnung. Ähre tägliche Piquet-Parlie haben sie. ihren Hausgarten, sogar eine Leihbücherei, die ein erfindungsreicher Deportierter angelegt hat und die er zu zehn Centimes für den Band zur Benutzung überläßt. Aber es bleibt unerträglich, wie die Tage sich im Kreise drehen: aufstehen um halb sechs, um sechs Uhr wird das Haus von außen aufgesperrt um acht erfolgt die Lebensmittelverieilung. Der Gefangene bekommt täglich sein halbes Pfund Fleisch, was viel zu viel ist im Tropenklima, dafür aber wieder kein frisches Gemüse — sieben Monate hindurch erhielt Schwartz ragtäglich nur Reis — fünfzebn Gramm Kaffee, neun Gramm Fett. Von jenen Lehensmitteln deren Menge nicht genau vorgeschrieben ist, bekommt man beinahe garnichts. Diese Waren werden gleich in der Material-Verwaltung verschoben. So kommt es. daß ein paar Körnchen Salz und ein bißchen Pfeffer Delikatessen und nur zu Wucherpreisen im Schleichhandel zu haben sind. Aller freie Handel ist theoretisch verboten. Praktisch wird er nicht unterbunden, weil die Wucherpreise ihn ohnehin eng begrenzen. Ein Paar Stiefel aus ganz gewöhnlicher Pappe kosten sechzig Francs, ein Pfund Karwfseln zwei Francs, ein Pfund Zwiebeln sechs Francs. Für Tabak verlangen die Geichäftsleute aus dem Gua- vanastädtchen Saint Laurant Phantasiepreise. Mancher Deportierte, der von seiner Heimat unterstützt wird, kann sich das leisten. Schwartz nicht. Man hat ihm seine Heimat gestohlen. Und als ihn sehr viel später ein Mann tn der Heimat gewissermaßen aus- gräbt, bleibt das Auswärtige Amt, das in der Nachkriegszeit andere Sorgen hat. kühl bis ans Herz hinan. Der Geldbedarf ist schon gvß genug. Man weiß, wie teuer der diplomatische Dienst und wie kostspielig das Leben der Diplomaten ist. Kein Wunder, daß nur ganz gelegentlich einmal hundert oder zweihundert Francs amtlicher Gelder für den letzten deutschen Kriegsgefangenen abfallen. So bleibt er der Proletarier von der Teufelsinsel.
XIII.
Ookior Grimm greift ein
Der Mann, der den von der Menschheit vergessenen Schwartz förmlich wiedererweckt, ist der Dokwr Grimm, Rechtsanwalt in Essen und Staatsrechtler,an der Universität von Münster. Er nennt sich schlicht „Fachanwalt für das Auslandsrecht". Unter dieser bescheidenen Bezeichnung verbirgt sich jener Jurist, der sich das höchste menschliche und nationale Verdienst um die Befreiung von Deutschen erworben hat, die sich in den Paragraphen französischer Hahjustiz verfingen. Alle Welt kennt Dr. Grimm's Namen aus dem Ruhrkampf her, da er sämtlichen deutschen Angellagten vor den französischen Kriegsgerichten furchtlos zur Seite stand.
Dr. Grimm nahm auch die Fälle der letzten sechzig Kriegsgefangenen in Behandlung. Der verstorbene deutsche Botschafter in Paris, Dr. Mayer, hatte ihn darum ersucht. So stieß Grimm auch auf den Fall Schwartz. Er Hai diesen beinahe ein Jahrzehnt lang durchgekämpft. Eingabe über Eingabe, Rechtsgutachten, Gesuche, Anträge folgten einander. Grimm ist bis zu dem damals allmächtigen Poincars vorge- drungen. Es ist der einzige Fall, daß Poincars, der sich selbst vor allen Dingen immer als Jurist gefühlt hat, mit einem deutschen Juristen tn unmittelbaren Kontakt trat. Der eiserne Lothringer beehrte den deutschen Anwalt sogar mit handschriftlichen Briefen — Mon
sieur Poincar« haßt die Schreibmaschine — aber der unendliche Jnstanzenzug der milleidlosen französischen Bureaukratie legte immer neue Schwierigkeiten in den Weg. Sie wollten ihr Opfer nicht hergeben. Das Kriegsministerium, das damals der höchst pazifistische Professor Painlevs leitete, schob den Fall Schwartz dem Justizministerium zu, dieses wieder der Gnadeuabteilung, jene dem diplomatischen Dienst. Man kennt das grausame Spiel der Kompetenzen. Grimm wußte ehrenhafte französische Politiker für seinen Schützling zu interessieren. Der Abgeordnete Eugöne Frot, der besonders günstige persönliche Beziehungen zu den Männern in der Regierung unterhielt, legte sich ins Mittel. An die zehn Jahre dauerte dieses Spiel um das Schicksal des Schwartz. Schließlich erhielt am 13. August 1931 der Abgeordnete Frot den endgültigen Bescheid vom Justizministerium: dem Deportierten Alphons Paoli Schwartz wird sein immer in Anspruch genommenes Recht auf das deutsche Staatsbürgertum anerkannt.
Damit fällt die Verurteilung wegen Wassentra- gens gegen das Vaterland in sich zusammen. Es ist keine Frage mehr, daß Schwartz die Marter von der Teufelsinsel unschuldig über sich ergehen lassen mutzte Er ist frei.
XIV.
Gerichtet — Gerettet?
Nein, er ist noch lange nicht frei. Auch heute noch sitzt Alphons Paoli Schwartz, das letzte Kriegsopfer, aus Cayenne. Seine Freunde in Deutschland wissen zur Stunde immer noch nicht, was nun aus ihm wird. Trotzdem wir im Zeitalter des Rundfunks, der Telephongespräche über den Ozean leben, hat sich die Sinneswandlung der französischen Regierung
offenbar noch nicht bis nach Guayana herumgesprochen.
Dort ist der Schwartz nun Heilgehilfe im Krankenhaus von Cavenne. Vor zwei Jahren wurde er in Anerkennung seines musterhaften Verhaltens von der Teufelsinsel auf das Festland überführt. Er versuchte sich in der Strafkolonie zunächst als Schlosser. Seine wissenschaftlichen Kenntnisse verschafften ihm eine Stellung im Lazarett, wo der Chefarzt, ein liebenswürdiger aber nicht gerade arbeitssanatischer Herr dem deutschen Gehilfen erst die bakteriologische, dann auch die klinische Arbeit neidlos überließ. Nicht ganz so neidlos zeigte sich die Verbrecherkolonie der Forcats. Wie. ein Deutscher soll einen guten Posten bekommen, während die Pariser Apachen zum Straßenbau und zum Trockenlegen der Sümpfe verwendet werden? Eine Logik, die den Söhnen der granbe Nation nicht einleuchtete. Und da die deportierten Mörder und Berufsverbrecher grade Kerle sind, die kein Hehl aus ihrer Abneigung machen, ereignete sich bald der erste Mordversuch. Eine Morgens war das Frühstück des Monsieur Schwartz vergiftet. Zum Glück hat dieser eine indianische Haushälterin, die er selbst einmal aus schwerer Lebensgefahr gerettet hat Run rettete sie ihrem Herrn, dem Boche, das Leben. Von den Verbrechern ins Vertrauen gezogen, gelang es ihr, den Anschlag noch zur Zeit zu vereiteln. Ebenso mißlang ein ähnlicher, zweiter Giftmordver- snch.
Sind das die letzten Gefahren gewesen, denen Alphons Paoli Schwartz entging? Keiner, weiß es. Tas letzte Kriegsopfer ist erst in Sicherheit, sobald es deutschen Boden betritt. Und erst an diesem Tag, von dem man nicht begreifen kann, warum er immer noch hinausgezögert wird, ist der Gerichtete gerettet.
— Ende —
Oer:
'XX
elttufischiffverkehr beginnt!
Zehn Fahrten nach Brasilien / ,£129* wird in Fahrt gestellt
Für den Weltlufischisfverkehr zwischen Amerika und Europa wird dieses Jahr von besonderer Be- deutung sein. Den drei glänzend verlaufenen Fahrten des „Graf Zeppelin" nach BrasUien während des vorigen Sommers werden in diesem Jahr nicht weniger als zehn Brasilien-Fahrten folgen. Bereits am 19. März tritt „Graf Zeppelin", der bisher nicht weniger als insgesamt 230 Fahrten ausgeführt und 340 000 Kilometer zurückgelegt hat, seine erste Ausfahrt nach Pernambuco an.
Ein Brief in drei Tagen nach Südamerika.
Dr. Eckener hat inzwischen mit der Leitung der französischen „Aero postale" wegen einer Zusammenarbeit verhandelt. Die „Aero postale" benötigte für den Postverkehr von Europa nach Südamerika a!4 Tage, während „Graf Zeppelin" die Strecke Friedrichshafen—Pernambuco in genau drei Tagen zurückzulegen vermochte. Die „Aero postale" lietz bisher die Post durch Flugzeuge nach Dakar (Westküste von Afrika) bringen, wo sie von Torpedobooten übernommen und nach Port Natal, dem nächsten Punkt an der südamerikanischen Küste geschafft wurde. Von dort brachten französische Flugzeuge die Post nach Rio de Janeiro. Nach dem neuen Abkommen werden französische Flugzeuge die Post, die bisher von der „Aero postale" befördert wurde, nach Friedrichshafen (oder nach Lyon oder Marseille) bringen, wo sie vom „Graf Zeppelin" übernommen wird, wodurch der französtichen Gesellschaft eine bessere Ausnutzung ihres Postmonopols für Argentinien ermöglicht wird.
Der neue „L. 129".
Der geplante ständige Luftschiffverkehr mit Nordamerika soll von vier Luftschiffen (je zwei deutschen und amerikanischen) bewältigt werden. In wenigen Wochen wird das neue Zeppelin-Luftschiff („L. 129“) fahrtbereit fein, auf das man besondere Hoffnungen setzt. Das Luftschiff, das bekanntlich Helium als Tragstoff erhalten wird, besitzt eine Länge von 246 Meter, einen größten Durchmesser von 41 Meter und
einen Gasgehalt von 200 000 Kubikmeter, während „Graf Zeppelin" nur 105 000 Kubikmeter faßt. Die Nutzlast, die ,K. 129" zu befördern vermag, beträgt 52 Passagiere, 8 Tonnen Gepäck und Post, 2 Tonnen Trinkwasser, 2 Tonnen Gebrauchswasser, 6 Tonnen Ballastwasser und 60 Tonnen Treiböl. Die Fahrgasträume werden so ausgebaut, daß sie die größte Bequemlichkeit bieten. Sie enthalten u. a. einen Speisesaal, einen Gesellschaftsraum und einen Rauchsalon. Der Antrieb wird von vier Maybach-Motoren von je 1000 PS. besorgt, die eine Leistung von 130 Stundenkilometer gewährleisten. Die Strecke, die ohne Zwischenlandung durchflogen werden könnte, beträgt 13 000 Kilometer. W. R.
Ein folgenschweres Großfeuer brach in der vergangenen Nacht in. einer kleinen etwa 22 Häuser umfassenden französischen Ortschaft in der Nähe von Rennes ans. Noch ehe die Feuerwehr zur Stelle war, hatte der Wind die Flammen, die ursprünglich in einem Viebstall ihren Ausgang genommen hatten, auf die benachbarten Häuser übergeweht, sodaß in kurzer Zeit das ganze Dors ein einziges Flammenmeer bildete. Das gesamte lebende und tote Inventar wurde ein Raub der Flammen. Der Sachschaden beläuft sich auf mehrere Millionen Franken und über 60 Personen sind obdachlos geworden.
In München ist ein eigenartiges Natnrschauspiel beobachtet worden: die Nebeldecke, die über der Stadt lag, wurde nicht nur von der Sonne durchbrochen, sondern obendrein von zwei weiteren ringförmigen Nebensonnen. Dieses seltsame Himmessphgnomen, das teilweise im Publikum Beängstigung hervorries, stellte einen sogenannten Halo dar, der durch Sonnenreflexe an den Eiskristallen der Zirrhus-Wplken hervorgerufen wird. Solche „Nebensonnen" sind in Deutschland selten, nur bei großer Kälte, zu sehen.
..Ruser und Hörer“. Nachdem vor einer Reifte von Mo- naien ein evangelischer Geistlicher die Grundsätze heraus- aestellt batte, nach denen die religiösen Morgenfeiern vom Protcsianrismiis her im Rundfunk ausgebaut «erden, nimmt im elften Heft der Zeitschrift „Ruser und Hörer“ jetzt Bernhard Marschall, dem die katholische Rundfunkarbeit unterstellt ist und der auf die Gestaltung der Mvr- genfeiern entscheidenden Einflutz hat. zu dem g'eichen Gegenstand von «einer religiösen und bekenntnismätzigen Einstellung her das Wort. Der Unterschied liegt darin, datz Marschall die Ueberiragung von Gottesdiensten ableftnt und höchstens bei besonderen Gelegenheiten einen Hörbericht zulätzt, mährend Pfarrer Vic. Wallau seinerzeit ausdrücklich vom evangelischen Gottesdienst im Rundfunk gesprochen batte.
200 Mark
ist der erste Preis im Preisausschreiben der
Kasseler Neuesten Nachrichten
Das Februarheft der Basler Monatsschrift „Svgieja“ berichtet u. a. über interessante Wandlungen in der Medizin, über Selbstvrüfnng auf Berufseignung, über die Sorgfalt, mit der beute bei der Herstellung guter Konserven die Räbrsalze und Bi'amine geschont werden. über die Schäden durch Ltadtluft, über chemische und elektrische Gesaftren im Haushalt, über Diphtherie-Schutzimpfung. Wöchnerinnen- Diät. Sport im geschlossenen Raum und vieles Wissenswerte, was einer gesunden Lebensgestaltung dient. (Berlag: Basel. Klosterberg S7.i
Das Febr«ar-Hest der Zeitschrift „Die Büchergilde" macht die größere Oesfentlichkeit zum ersten Male mit ernenn Künstler bekannt, der es verdient, an die Seite eines Frans Masereel gestellt zu werden. Professor Karl Rössing, von dem die Büchergilde ein großes Holzschnittwerk „Mein Borurteil gegen diese Seit" in Vorbereitung hat, ist in der vorliegenden Zeitschrift mit drei Arbeiten vertreten. Das Heft enthält Beiträge u. a. von Fredrik Parelius und Otto Gras, und es zeigt die Preisherabsetzung an, die den Monatsbeitrag für die Mitglieder der Büchergilde auf 90 Pfennig festsetzt und damit eine Verbilligung der Bücher um 10 Prozent bringt.
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„Du bist ja tüchtig gewachsen, Willi!"
Onkel, aber itu erst — bei dir ist ja der Kopf durch die Haare durchgewachsen!"
Die Heutige Nummer umfoBt 12 Selten
Verantwortlich für den politischen Teil: Dr. Walter Pehnt: für das Feuilleton: German M. Bonau: tiir den lokalen Teil: Dr. Hans Foachim Glatzer: für den Seimaneil: Rudolf Gläser: für Handel: Dr. Ha^ns Langenberg: für den Sportteil: Herbert L-veich: Phou-Redakteur: Eduard Schulz» «essrl: für Anzeigenteil: Konrad Wachsmanu. — Berliner Schriftleitung- Dr Walter T b u m . 53er» Ün 68. — Druck und Verlag: Kalleler Neueste Nachrichten G. m. b. H. Staffel. Kölnische Strafte 10.
Ein Zubettag der Medizin:
ie Robert Koch Bakteriologe wurde
Don Dr. med. et phil. Gerhard Denzmer
Die 50. Wiederkehr des Tages, an dem Robert Koch feine Entdeckung des Tuberkelbazillus bekanntgab, wird von der Reichsregierung am 5. März offiziell gefeiert.
Zn den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lebte ein unbekannter junger Mediziner in einem entlegenen Dorf im Pofenfchen. wo er sich in aufreibender landärztlicher Tätigkeit schlecht und recht durchs Leben schlug. Er hatte eigentlich Schiffsarzt werden wollen, hatte während seiner Tätigkeit als Assistenzarzt an einem Hamburger Krankenhause oft mit sehnsüchtigem Blick die Ozeanschiffe den Hafen verlassen sehen, hatte von fremden Ländern und Meeren, von Palmen und Moscheen, von braunen Menschen, von seltsamen Tempeln und Pagoden geträumt. Aber dann war etwas gekommen, was stärker war als alle feine Pläne: er hatte seine spätere Frau kennen gelernt. Frauen haben oft ein Mißtrauen gegen das leichte Leben an Bord; und da sie im übrigen ja immer das durchsetzen, was sie wollen, so gelang es auch dieser Frau unschwer, ihren zukünftigen Gatten davon zu überzeugen, daß ein geordnetes Leben am Lande dem Herumvaga- bundieren auf den Meeren vorzuziehen sei.
Aber als Robert Koch, so hieß der junge Landarst, dann in seinem weltentlegenen Nest saß und durch die geisttötende Alltagsarbeit hindurch in Gedanken immer noch das Tuten und Brummen der Ozeandampfer hörte, tat er ihr doch leid; und um ein Pflaster auf feine Wunde zu legen, schenkte sie ihm zu seinem achtund- zwanstgsten Eeburtstaa ein Mikroskop. Das hatte Robert Koch gerade gefehlt. Von Stund an benutzte er jede freie Minute, um durch seinen Kleinseher zu schauen; anfangs wähl- und ziellos, dann aber mit ganz bestimmten Absichten. In der llnmebung feines ländlichen Wohnsitzes war nämlich der Milzbrand eine besonders häufige Viehseuche, die gar nicht selten auch auf den Menschen übersprang; wenn alio lener Pariser Chemiker, Louis Pasteur von dem die Menschen so viel redeten, mit feiner Vermutung winzioe^ lebendiger Erreger der ansteckenden Krankheiten Recht hatte, so mußten sich diese lleheltäter ja irgendwie finden lassen.
Kein f^unbet also, daß das leicht beschaffbare Blut von an M lckcand verendeten R'n^ern und Sma, n bald einen bevorzugten Untersuchungsstosf Robert
Kochs bildete. In unendlich mühseligen, gewissenhaften und aufoptferungsvollen Versuchen ist es ihm damals gelungen, nicht nur den Milzbranderreger selbst zu entdecken, sondern auch seine verwickelte Uebertra- gungsweise restlos aufzuklären.
Diese bahnbrechende Entdeckung, die nichts Geringeres bedeutet als den Beginn eines neuen Abschnittes in der Geschichte der Heilwissenschaft. trug Robert Koch eine Berufung als Stadtarzt nach Breslau mit einem Monatsgehalt von 150 Mark (!) ein; und erst zwei Jahre später, im Zähre 1880, wurde er an das Reichsgesundheitsamt nach Berlin berufen.
Fortan gab es für ihn nur noch einen Wunsch: Die furchtbarste Geißel der Menschheit, den geheimnisvollen Erreger der Schwindsucht, zu entlarven. Er ging in die Krankenhäuser, sezierte die Leichen der an Schwindsucht Verstorbenen, und von den charakteristischen, knötchenförmigen Gewebeveränderungen, den „Tuberkeln", nahm er Proben mit in sein Institut. Dort wurden die Knötchen den verschiedensten Verfahren unterworfen, zerschnitten, zerquetscht, verstrichen und mit allen erdenklichen Methoden unter dem Mikroskop durchforscht. Aber so starke Vergrößerungen Koch auch immer an- wanbte: Außer den Zellen und Zellresten des untersuchten Gewebes ließ selbst vielhundertfache Vergrößerung nichts erkennen, was auf die Anwesenheit eines besonderen Erregers der Tuberkelkrankheit hingewiesen lätte. Erst als er ein neues Färbeverfahren entdeckte, bei dem die Mikroorganismen sich lebhaft färbten, während dem übrigen Gewebe der Farbstoff wieder entzogen wurde, fand Robert Koch zwischen den Körver- zellen die w nzigen, zu Häuschen und Nestern geballten Stäbchen, die den Keim der Tuberkulose darstellen.
Es lag ihm aber nichts ferner, als feine Entdeckung sogleich in die Oeffentlichkert hinauszuposaunen; in vorbildlicher, gewissenhaftester, systematischer Forscherarbeit wurde nun, nachdem der Tuberkelbazillus gefunden war, der gefährliche Schmarotzer unter erheblichen Schwierigkeiten isoliert im Keagenwlas gezüchtet. Und erst als die solcherart durch viele Generationen hindurch „künstlich" weiter gezüchteten Mikroben nach ihrer lleberimpfung auf gesunde Versuchstiere do»t wieder eine erbte. regelrechte Tuberkulose hervorriesen, schien dem unermüdlichen Forscher seine
Entdeckung reif, der Oeffentlichkeit übergeben zu werden. Am 24. März 1882 — vor 50 Jahren also — trug er feine umwälzende Entdeckung zum ersten Male in der Berliner Physiologischen Gesellschaft vor.
Rodert Kochs Hoffnung, aus den Tuberkelbazillen einen Stoff zur Behandlung der Tuberkulose zu gewinnen, hat sich nicht erfüllt; das „Tuberkulin" dient heute so gut wie ausschließlich nur noch diagnostischen Zwecken. Und auch die vorbeugende Impfung m't abgeschwächten Tuberkelbazillen oder ihren Produkten ist. wie die beklagenswerten Vorfälle in Lübeck gezeigt haben, ein noch durchaus problematisches und umstrittenes Gebiet. Das ändert indessen nichts daran, daß Robert Kochs Forschung zu den ganz großen Taten wis- fenschaftlichen Geistes gezällt werden muß; denn erst durch seine Entdeckung des Tuberkelbazillus ist es dem Arzte möglich geworden, auch in zweifelhaften Fällen sogleich mit Sicherheit das Vorhandensein einer Tuberkulose zu erkennen, so den Kranken rechtzeitig geeigneter Behandlung zuzuführen, die Gesunden vor Ansteckung zu 'schützen und unsere gesamte Hygiene auf eine neue, sichere Grundlage zu stellen. —
Klavierabend Ankon Rohden
Werke von Liszt, Chopin und Schumann.
Kassel, 3. März.
Man wird der Konzertdirektion Reinhold dankbar sein, daß sie Anwn Rohden auch in diesem Winter wieder nach Kassel brachte und so die magere Reihe der Solistenkonzerte um ein starkes Erlebnis bereicherte. Tenn das bedeutet Rohden zweifellos schon durch die charaktervolle Art seiner hoch entwik- kelten Künstlerschaft und das bewies der Verlauf des Abends in jeder Hinsicht: in der großen Gemeinde, die ihn im Vereinshaussaal begeistert lauschte, in der vielseitigen Programmfolge, in den Zugaben, die man ihm abrang, überhaupt in der glänzenden Darbietung von souveräner freier Spielbegabung, lebendigstem Farbengesühl und geistigem Gestaltungswillen, die man gleich tn den ersten Takten bei ihm spürt und die ihn besonders befähigt, so verschiedenartige Spiegelungen der Romantik, wie sie Liszt, Schumann, Chopin darstellen, stilsicher, klanggewaltig und mit hinreißendem Schwung bis in ihre letzten Möglichkeiten auszuschöpfen.
Rohden kann nicht verleugnen, daß bei ihm nicht die Form, sondern die Farbe, nicht rhychmischc Strenge, sondern improvisatorische Kühnheit, nicht die Wucht der Architektur, sondern der leidenschaft-
ltche zündende Impuls, nicht großlinige Objektivität, londern vielseitigste Feinnervlgkeit triumphiert. Er erreicht dabei die Geschlossenheit des Wurfes und die eindringliche Größe packender Innerlichkeit, weil es für ihn Hemmungen in technischer Hinsicht nicht gibt, weder in der Nuancierung des Klaviertones noch in der Beseelung des Vortrags, weil er mit der Melodik, den Passagen und den Details des Satzes souverän schalten kann und der intellektuelle Virtuose sich immer rückhaltlos dem Tondichter und Klavierpoetert unterordnet.
Für einen Meister der Phantasie tote Rohden war Ltizt's zauberische h-moll-Sonale ein imponierender Auftakt. Hanslick sprach einst respektlos von einer „Genialitätsdampfmühle, die fast immer leer geht", von einem „fast unausführbaren musikalischen Unwesen" — Wagner nannte sie „Über alle Begriffe schön, groß, liebenswürdig, tief und edel — erhaben" wie Liszt selbst. Wenn wir rhapsodische ungehemmte Breite auch heute nicht mehr so überschwänglich beurteilen, das dramatische Gemälde ans Lvrik und Kampf, Jubel und Klage, Sehnsucht und Erlösung offenbart die ganze Inbrunst und Ueberfchwenglich- keit eines übervollen rühmlosen Herzens. Scharfe ausgeprägte Akzenmation, reiche Kontrasiierung, gewaltig ausladende Steigerungen und bildnerische Al- fresco Manier bewiesen bier die völlige Durchdringung der Liszt'schen Empfindungs- und Gefühlswelt in Auffassung und Ausführung.
Nicht minder galt das von dem Meisterwerk Sckiu- mann'scher Variationskunst, den sinfonischen Etüden mit dem Melodiechsma eines Amateurs „im Orchestercharakter von Florestan und Eusebius". Ta formten sich die einzelnen Sätze zu anschaulichsten Bildern, zu geistreichen Intermezzi und einem Phantastischen Kaleidoskop, dessen liebevolle reizvoll schildernde Kleinarbeit ebenso wie seine bravouröse Energie, Straffheit und innere Geladenheit den Hörer in Bann schlug. Bei Chopin aber in dem dämonisch- zerrissenen Scherzo, in der süßen Sinnlichkeit des betörenden Nocturno Des-dnr, in Walzer,unb Etüden bekannte sich Rohden ganz zu der slawischen Klang- wunder-Herrlichkeit sensibler Miniaturen und romantisch-weicher Lieder ohne Worte und zu ihrer lockenden Mischung von graziösem Raffinement und sinniger Naivität. Mit feinstem Geschmack wurde hier im Kleinen die Intensität des Suggestiven ins Impressionistische Vorgetrieben und dann in einigen Zugaben über Schumann und Chopin andächtig weit Sesponnen. Die begeisterten Zuhörer bereiteten dem ervorragenden Leipziger Pianisten, der sich auch in Holland und der Schweiz bereits starke Erfolge errang, wieder herzlichste Ehrungen. Dr. G. St.