Mittwoch, 2. März 1932 2 Beilage
Kasseler neueste Nachricht«
Rene Kraus
DER DEUTSCHE DREYFUS
ALFONS PAO LI SCHWARTZ, DER LETZTE KRIEGSVERBRECHER
IX
Haus. Im
Zoo würde sich schämen.
(Fortsetzung folgt.)
Weil — die Goethe- Postkarte sie ersetzt.
Donnerstag und Freitag früh eintreffend
. 30 Stück 95* |
I Grüne Heringe
3 Pfd. 38* I Holl. Heringe
Der ehemalige Lehrer und Beigeordnete der Stadt Moers, Walter Brinkhaus, wurde wegen Falschmünzerei verhaftet. Bereits seit zwei Wochen hatte die Polizei Brinkhaus im Verdacht. In der vergangenen Nacht beschlagnahmte sie in seiner Wohnung Falschstücke und eine Gußsorm. Brinkhaus war vorgestern mit frisch hergestelltem Falschgelde nach Effen gefahren, um es dort an den Mann zu bringen.
Sfr 52 ' * '»r tabroana
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Günther Ramin, der bekannte Organist der Thomas- kirche zu Leipzig, wurde als Nachfolger von Prof. Walter Fischer an die Berliner Hochschule für Musik berufen. Der Künshler wird neben seiner Tätigkeit in Leipzig, die er auch fernerhin beibehält, eine Orgelklaue an der Hochschule leiten.
Goetz bat vier Einakter unter dem Sammeltitel „Seitensprünge" dem Wiener Burgtheater zur Erstaufführung überlassen. — Der seinerzeit von Gemier gegründete Welttheaterbund wird, auf Einladung Mussolinis, im April einen Kongreß in Rom abhalten. Die Kongretzleitung hat den neuen Burgtheater-Direktor Röbbeling eingeladen, einen Vortrag „Das Theater als völkerverbindender Faktor" in deutscher Sprache zu halten.
„Warum keine Goeche-Marke?^
HEUTE
VOR HUNDERI JAHREN
die Gefangenen auch. Hinzugefügt soll werden, daß diese Art von Sträflingsarbeit gar kernen praktischen Sinn hat. Es handelt sich darum, Wege m Ordnung zu bringen oder Mauern aus Feldstetnen auszubauen. Beides ist in Wahrheit unmöglich, da jeder Regenguß die ganze Arbeit vernichtet. Man fangt also, Tag itm Tag' Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, das gleiche Werk von vorne an und Alphons Paoli Schwartz ist auch heute nicht weiter mit der Rodung des Boulevard du Diable, der Hauptverkehrsstraße der Teuselsinsel gelangt, als seinerzeit der Hauptmann Dreyfus, dessen Blockhaus der Elsäsier bezog.
XI.
Tauschgeschäfte im Fegefeuer
Für diese deutschen Verstiegenheiten haben sie nichts übrig auf der Teuselsinsel, aber schon gar nichts. Glaubt einer, daß das Leben so um den Aequator herum friedlicher wäre, paradiesischer als in nördlicheren Breiten? Hier dreht sich's um das Geld, dort dreht sich's um das Geld. Es ist ein bitterer Existenzkampf, jedes gegen jeden. Die zu gleichem Höllenschicksal Verdammten treiben noch im Fegefeuer Tauschhandel miteinander und die Brüderschaft im Leid endet vor dem Wert von zweit Liter Wein zum Tageskurs. Es ist ein geschästsgewandtes Inferno.
Die Strafverwaltung sorgt für Wohnung und Essen. Wohnung: das ist ein Blockhaus, das je zwei Deportierte gemeinsam bewohnen. Sein Bauzustand ist gesetzlich vorgeschrieben. Es muß einen Schlafraum enthalten, einen Wohnraum, Kabinett und Küche. Es ist eine hölzerne Hütte mit Schindeldach, Veranda und einem Stück Garten. Die Fensteröffnungen sind natürlich vergittert. Um sechs Uhr morgens sperren die Wärter diese Wohnstätten auf, wenn die Dunkelheit hereinbricht, in den Tropenzonen plötzlich und ohne Dämmerung, meist gegen sechs Uhr nachmittag,' mutz der Deportierte wieder in seiner Hütte fein, weil sie da wieder versperrt wird. Bei Nacht gibt es keine Bewegungsfreiheit wegen erhöhter Fluchtgefahr. Die Bewegungsfreiheit am Tage ist auch nicht allzu bedeutend: die ganze Teuselsinsel ist sechzehn Hektar grotz
Der Deportierte wirtschaftet für sich. Er erhält seine Stationen von der Verwaltung zugeteilt. Aber zu wenig und viel zu schlechte Nahrungsmittel. Vorn- Verpflegungsgeld müssen ja erst die Beamten der Verwaltung sich mästen, ehe die Gefangenen den ersten Bissen erhalten. Diese Verwaltung ist in für europäische Begriffe unvorstellbarem Maße korrupt. Sogar das Maschinengewehr, das die Teuselsinsel gegen Aufruhr schützen soll, haben die drei dort stationierten Wächter einvernehmlich verkauft. Sie verkaufen die Hälfte der Stationen, die sie abliefern sollen und von diesen ist der größte Teil ohnehin schon aus dem Zentraldepot verschwunden.
Diese Korruption hat auch ihr Gutes: sie schafft eine bemerkenswerte Intimität zwischen Aufsehern und Gefangenen. Das gilt vor allem für die Arbeit. Politische Gefangene sind von Zwangsarbeit gesetzlich befreit. Wer freiwillig arbeiten will, erhält einen Tageslohn von zehn Centimes und einen Liter Wein. Diese zehn Centimes sind naiürlich ein elender Bettel gar in der Strafkolonie, in der sämtliche Gebrauchsgegenstände und Waren, aus Frankreich ein» geführt, das zehnfache des europäischen Preises kosten. Der Liter Wein dagegen ist ein sehr wertvolles Gut. Er stellt gewisiermaßen die Währungsbasis der Teufelsinsel dar. Ein Liter Wein bedeutet insbesondere im ungemein wichtigen Wirtschaftsverkehr mit den Forcats, über den noch zu sprechen bleibt, fünf Francs. Und genau wie die Bank von Frankreich das Gold in ihren Kellern hamstert, die französische Hegemonie über Europa und den Rest des Erdballs aufzurichten, thesaurieren auf der Teufelsinsel geschäftstüchtige Gefangene den Wein, den sie selbst erarbeiten oder den sie anderen abknöpfen, in ihrem Keller der ihnen über ihre enge Umwelt ähnlich unbeschränkte Macht verleiht.
Um dieses Liter Wein willen muß also gearbeitet werden Gesetzlich vorgeschrieben ist der Achtstundentag Aber der Aufseher ist noch nicht geboren, der es ausbielte acht Stunden hindurch in der Tropensonne die Arbeii der Gesanaenen zu überwachen. Jnsolge- desien herrscht ein stilles Uebereinkommen dahin gehend, daß genau zehn Minuten am Tag gearbeitet wird woraus der Wärter wortlos verschwindet und
Seelachs-Filet.......Pfd. 23*
Kabeljau-Filet.......Pfd. 30*
Geräudi. Fellbückinge . . Pfd. 21*
1. März 1832.
. . . meldet die Mannheimer Zeitung: „Die Wirkungen der Deutschen Tribüne (der demokratischen Zeitung des Dr. Wirth) bringen ihre Früchte. Ein von Homburg gekommener glaubwürdiger Augenzeuge erzählt uns, daß man einen Freibeitsbaum errichtete, um denselben in Carmagnole-Sprüngen raste und dergleichen mehr. Eingerücktes baherisches Militär verscheuchte den ferneren Unfug, und der Freiheitsbaum wurde gefällt.
Farbenlehre, seine Ideen von einer Weltsprache, Mc aus dem Esperanto sich erst entwickeln werden. Cr hat Mutter und Sohn zu Haus. Er träumt vom I Städtchen Kehl im Lande Baden. Er hat noch ein Leben vor sich, ein Leben, hoher Ideen voll. Es kann nicht gelingen, die Flucht auf dem Bananenstoß. I gehn Meter von der Insel entfernt ist man der Haifische sichere Beute. Aber es muß doch gelingen! Be,- ser den Haifischen verfallen als dem Wahnilnn, der immer näher rückt und immer näher
Die Forcats zeigen sich als außerordentlich liebenswürdige Gastgeber. Sie wollen nur wenig Geld sehr wenig, dafür, daß sie den Boche mitnehmen. Er soll feine ganze Habe ruhig zu sich stecken, nichts wird ihm geschehen! Ta weitz der Schwartz plötzlich, daß ein netter kleiner Raubmord an ihm geplant ist. Der Leichnam wird dann vom Floß heruntergeworfen. Er verzichtet dankend. Tagelang versuchen sie an chm noch ihre Verführungskünste. Vergebens. Da stechen die drei Verbrecher vom Arbeitskommando eines Nachts, da sie dem Lager entschlüpfen konnten, ohne ihre lebende Beute ins Meer. SJlan merkt die Flucht, und es herrscht eine große Aufregung. Aber kern einziger Schuß wird von der Wachmannichaft abge- feüert. Sie haben's ja nicht notwendig. Die Soldaten am Strand sehen lachend zu, wie das Primitiv gezimmerte Floß aus Bananenstämmen sich aus- löst und wie ein SJlann nach dem anderen versinkt. Den Rest besorgen die Haifische. Frankreich hat em paar Kugeln erspart. _ „
Von diesem Tag an geht dem Schwartz aber das Zauberwort: Flucht! nicht mehr aus dem ©um. Er hat ein Paar gute Freunde, mit denen er täglich Piquet spielt: den Schweizer Bucher, die beiden Franzosen Viart und Richard und einen Argentinier, der Viktorica heißt und dessen seltsame Abenteuer noch berichtet werden sollen. Die Piquetpartie wird zum Komplott Wie, was diese elenden Forcats verstlchen konnten, sollen wir nicht durchführen können? Auch sie vernarren sich in den Gedanken, mit einem -rlotz aus Baumstämmen zu flüchten. Die ganze Teufels- insel weiß datz der Schwartz mit ein paar freunden die Flucht vorbereitet. Selbstverständlich, datz jeder den Mund hält. Am schweigsamsten ist der Spitzel. Ter ist ja säbst mit vom Komplott. Der französische Kavalier Viart. Erst am Abend, an dem die Flucht ausgeführt werden soll, wird er den Plan verraten. Wenn er das corpus delicti herzeigen kann: das Floß Ein Plan des Spitzels, so verflucht gescheit, datz man versucht, ist, ihn herzlich dumm zu nennen. Das Floß ist schon fertig. Morgen wird Via« zum Oberaufseher gehen. Aber wie sie das Jammerfahrzeug ausproben wollen, der Schwartz und der Argentinier Vw- torica, gelangen sie zur Ueberzeugung, datz es höchstens fünfzig Meter seetüchtig sein kann
Es geht nicht. Noch in der gleichen Nacht losen sie Baumstämme voneinander und schieben jeden einzeln, alle Männer gemeinsam unter ungeheurer Kraftanspannung ins Meer. Da schwimmt das corpus delicti nun. Viart, prämiengierig, läuft dennoch am nächsten Morgen zum Kommandanten. Er erzählt die Geschichte der nicht unternommenen Flucht Ob er feine Belohnung erhalten hat, bleibt unbe». .. tonnt. Mst steht, daß er von den Verratenen unvorstellbare Prügel erhielt. Aber auch solche Niedertracht wird im tödlichen Einerlei der Teuselsinsel vergessen. SJlan ist zu sehr gewöhnt an den Verrat im eigenen
Verkehr erst zeigt der Mensch sich als die mitleidloseste aller Bestien. Jeder beßere Löwe im
Oie Höllenhunde
Wichtiger ist die Arbeit im eigenen Garten. So ziemlich ein jeder zieht fein eigenes Gemüfe und hält sich ein paar Hühner. Natürlich braucht man irgendwelche Geräte zur Gartenarbeit: Spaten, Harke, ein paar Bretter und dergleichen. Von der Verwaltung ist das nicht zu haben. Bleibt der Weg über den Lieferanten: den Forcat. Diese Forcats sind Berufsverbrecher, Abschaum des letzten Gesindels aller Staffen, die aufs Festland von Guayana verbannt werden. Ihr Leben gilt keinen roten Pfennig. Bei den ©trapenarbeiten in den Sumpfgegenden sterben sie zu tausenden dahin. Kein Mensch kümmert sich um sie. Der tote Forcat lohnt nicht einmal einer Eintragung. Sie bleiben auch untereinander Raufbolde und Totschläger. Kein Aufseher kümmert sich darum. 'Wenn einer eine freche Antwort gibt, jagt ihm der Wächter ohne Auseinandersetzung eine Kugel durch den Schädel. Es bleibt ihm keine andere Wahl, selbst wenn er nicht, wie alle Wächter es übrigens sind, selbst ein verkommenes verrohtes Halbtier wäre. Der Forcat, der nichts zu verlieren hat, würde selbst ihm die Schädeldecke einschlagen. Dort unten hat der Tod feine Schrecken verloren, das Leben ist viel schrecklicher.
Diese Forcats werden nun in Arbeitskommandos vom Festland auf die Insel transportiert. Dort erwarten sie die politischen Gefangenen und am Strand entwickelt sich der Wochenmarkt. Die Forcats stehlen, was die Herren politischen Gefangenen brauchen. Werkzeuge, Kleidungsstücke, bitte nur anzuschaffen. Manchmal schmuggelt sich auch ein Stbete mit hinüber. Ein „Freigelassener" ehemaliger Forcat, der nun als Arbeiter oder Gewerbetreibender in der Kolonie von Guayana «fiedelt, Denn nach Europa darf a keiner mehr zurück. Der eine kommt als Schneider, )er andere als Lebensmittelhändler, als Schlosser dieser und als Tischler jener. .
Diese Liberos werden bar bezahlt, die Forcats mit Wein und Tabak. Für drei Liter Wein gibt es einen Gartenspaten und für ein Päckchen Rauchtabak jeden gewünschten Mord. Sie sind die Höllenhunde, diese blutigen Gesellen.
Flucht zwischen Haifischen, Raubmördern und Spitzeln.
Da haben einmal drei Forcats von einem Arbeitskommando eine ganz besondere Ware zu verlausen: ein Floß TiUS Bananenstämmen. Auf diesen foU_ die Flucht gelingen. Liegt doch nur ein kleines Stück Ozean zwischen der Teufelsinsel und der Küste von Holländisch-Guayana. Es ist Sommer 1923. Alphons Paoli Schwartz hat nun zwei Jahre abgesessen. Er weitz daß er verrückt wird, wenn es noch zwanzig Jahre so weitergehen soll. Er will nicht verrückt werden. Er hat seine Mondtheorie im Kopf, feine
Seelachs ohne Kopf . . . Pfd. 15»
Kabeljau ohne Kopf ... Pfd. 18»
Schellfisch ohne Kopf . . Pfd. 29*
oder
Nufer fünfter Reichspräsidenten Kandidat.
W. Z. Gleicht»« über $o»t ftttb die Deutschen durch die Mitten»»« überreicht worben, daß außer Hiudeubur«. Hitler. Düfterber« und Thälmann nach ei» tieftet Kandidat ans be» Reichsoräsidentenitnhl ansaetancht ist: Herr Winter. Wer ist Herr Winter? Die wenigsten wissen es. Wir veranlaßten deshalb unseren Mitarbeiter E«on Larsen, der kürzlich einen Besuch bei der - miPe des im Gefängnis sitzenden Winter «emacht hat, einen kurzen Bericht in schreiben.
„G." und „W." sind die Initialen der beiden schmiedeeisernen Torflügel, die das Gut des Herrn Winter von der Außenwelt abfchließcn. „G." und „W." sind die sorgsam gestickten silbernen Buchstaben auf der blauen Bluse eines Knaben, der die randalierenden Kettenhunde beruhigt und uns mißtrauisch einläßt. Steil führt der Weg vom Tor hinauf zur Villa Gustav Winters, die auf einem der vielen Hügel um Großjena bei Naumburg liegt In der guten Stube, die von irgendeinem internen Bockbierfest her noch mit bunten Girlanden dekoriert ist, macht der Knabe mit uns Konversation, bis fein älterer Bruder — sie sind beide Söhne des Herrn Winter — vom Feld hereinkommt.
Mit biefem „Feld" hat es eine merkwürdige Bewandtnis. Es ist zufolge den Flugblättern, die uns den Weg nach Großjena gewiesen haben, die erste erdmagnetische Versuchsanlage. Auf Grund ihrer Einrichtung hat sich Herr Winter beit etwas unklaren Titel „Betriebsanwalt" verliehen. Gespannt auf Näheres erwarten wir ben schon erwachsenen Stammeshalter ber Familie Winter. Geheimnisvoll unb wortkarg ftnb seine Andeutungen über ben Vater unb dessen verschiedenen Arbeiten.
Herr Gustav Winter sitzt im Gefängnis in Bautzen. Seit dem vergangenen Juni; im April erst wird er, falls bte Strafvollzugsbehörden kein Einsehen haben und ihn nicht vorher auf freien Fuß fetzen, nach Großjena zurückkehren, auf fein Gut, bas ihm nun feit einem Jahr gehört. Gustav Winter lebte früher in Hamburg, unb hier verstaub er es, ben Grunbstein zu feiner heutigen Popularität zu legen. Er fammelte alle jene Mißvergnügten um sich, beiten es nicht in ben Kops gehen wollte, baß bie schönen braunen Tausendmark- scheine mit bem roten Vorkriegs stem- pel nun für alle Zeiten wertlos fein sollten. Ter Verein „Deutscher Volksbunb für Wahrheit unb Siecht" würbe unter Winters Führung gegrünbet, unb feiner Propaganbatätigkeit ist es vor allem zu banken, .aß kurz nach ber Inflation im ganzen Reich ein schwungvoller Hanbel mit braunen Taufenbern einfetzte. Der „Volksbunb" versprach, bei ben Reichsbehörben bie hundertprozentige Auswertung ber alten Scheine burchzusetzen.
Als sich alle biese Hoffnungen nicht erfüllten und j bas Tausenbergeschäft zu erlahmen brohte, machte sich Herr Winter an ein neues Werk. Er stellte die Theorie auf, daß bie im Erbboben schlummernde Jnduktionskraft, der Erdmagnetismus, nur erweckt zu werden brauche, um dem Boden eine vervielfachte ungeahnte Fruchtbarkeit zu verleihen. Tie ersten Experimente fanden bei Hamburg statt, ein Stück Land wurde mit einem geheimnisvollen Gewirr von Drähten, Spulen und Kontakten versehen, Herr Winter verlieh sich den Titel Betriebsanwalt, der „Volksbund für Wahrheit und Recht" übernahm die | Propaganda. Bald kamen auch die Finanziers. Aber nun fing bie Sache an, weniger gut zu klappen: Man hängte bem Herrn Betriebsanwalt einen Prozeß wegen Krebitfchwinbels an den I Hals — und bas Resultat war breibiertel Jahr Ge- I sängnis in der Bautzener Landesstrafanstalt. Heute I bient bas Versuchsgut in Großjena lediglich ber I SBefriebigung bes eigenen Haushaltsbedarfs ber Villa Winter, unb man scheint sich auch über die I Zukunft des Erdmagnetismus keinerlei Illusionen I hinzugeben.
Aber es geschehen immer noch Dinge zwischen Himmel und Erde in Deutschland, von denen sich bie Schulweisheit ber Politiker nichts träumen läßt. Der „Deutsche Volksbunb für Wahrheit unb Recht", vor allem seine Filialen in Hamburg und München, stellt feinen Führer Gustav Winter als Kandidaten für bie Reichspräsidentenwahl auf. Unb es gelingt wirklich, bie erforderlichen Unterschriften für diesen Wahlvorschlag zu sammeln! Deutschland steckt voller Merkwürdigkeiten.
Die Partei dieser 35 000 ist die Partei derer, die nie alle werden; die des felsenfesten Glaubens sind, ber künftige Reichspräsident Winter werde mit einem Federzug die braunen, • rotgestempelten Tansend- markscheme in neue Gültigkeit versetzen und den Erdmagnetismus für bie beutsche Landwirtschaft obligatorisch einführen. Was schert diese 35 000 ber Kleinkram ber Weltpolitik, in der ein deutscher Reichspräsident immerhin eine gewisse Rolle zu spielen hätte? Könnte ber Glaube wirklich Berge versetzen — der Hügel von Großjena stände längst in ber Berliner Wilhelmstraße . . .
Flucht in den Siernenraum
Ein volles Jahrzehnt ist es nun her, baß der arglose, ahnungslose Vaterlandsverräter Alphons Paoli Schwartz auf der Teufclsinfel eingeliefert wurde Seine eiserne Gesundheil und ein Wille, den Tod und Teufel und, ärger noch, selbst die französische Buchthausverwaltung nicht brechen können, haben ihn über diese grauenhaften zehn Jahre hinübergerettet. Er ist freilich ein alter Mann geworden in dieser Zeit, grauhaarig und ein bißchen gebeugt. Ein Verstummter, der kein überflüssiges Wort über die Lippen bringt und der, in sich selbst verkrochen, nur mit den ewigen Sternen Zwiesprache pflegt. In unendlichen schlaflosen Nächten hat er eine Mondtabelle angelegt, bie den Versuch macht, die Auf- und Untergänge des Mondes zu errechnen. Später entwickelte er in meh«ähriger Arbeit eine neue Farbentheorie. Ohne Bücher, ohne Hilfsmitteln, die ihm immer verweigert wurden. Zur geselligen Unterhaltung hat er seinen Mitgefangenen Esperanto beigebracht, nachdem ihm ein Lehrbuch dieser Sprache in die Hände gekommen war. Einer, der vor Stacheldrahtkrankheit und Tropenkoller in die reineren Regionen der Denkarbeit flüchtet. Unverständlich, dieser Boche! Er bezieht von keiner Seite Unterstützungen. Die Angehörigen, die uralte Mutter und der halbwüchsige Sohn in Kehl sind selbst bettelarm. Die Mildtätigkeit der Welt hat ihn vergessen. Dabet hat er geschickte Hände. Zweifellos könnte auch er aus Kokosnüssen Zierrat und allerlei Gebrauchsgegenstände für die Beamten schnitzen, so wie der Häftling Bellon, Friseur aus Marseille, der dem Herrn Gouverneur eine Schildpattarbeit verehrte und von diesem sechshundert Francs zugesteckt erhielt. Kolonialkavaliere lassen sich nicht spotten! Und daß er sich lieber in Theoremen und Berechnungen versenkt, die jeder gottesfürchtige Negeraufseher zumindest für des Teufels Kabballa halten mutz — ja, also wenn das nicht Widerspenstigkeit ist!...
X.
Die Post hat 1926 in einer Serie berühmter Deutscher bekanntlich auch eine Marke mit Goethes Kopf herausgebracht. Diese Marke ist zwar noch gültig, aber nicht mehr im Verkauf zu haben. Soll man sie wieder heraus- bringen? Nein. Sie hat nur einen 3- Pfennigwert, und „’nen Joethe für n Dreier" zeugt doch für zu wenig Ehrerbietung im Volk der Dichter und Denker. (Außerdem gelangen 3-Pfepnig-Druck- sachen ja überhaupt nicht ins Ausland.)
1 Die Post bringt deshalb eine Karte heraus, die auf der Vorderseite neben der Adresse Goethes Kopf in einer Umrahmung trägt. Darunter Goethes Unterschrift in Faksimile. (Der Vorschlag, für das Bild eine Photographie Gerhart Hauptmanns zu verwenden, wurde abgelehnt.) Reichskunftwart Dr. Redslob betraute Professor E. R. Weiß von der Staatsschule für freie und angewandte Kunst in Berlin mit dem Entwurf. Dieser wurde sofort geliefert unb zeuch-
migt. Er zeigt Goethes Kopf nach einem Stich von Lips. .
Die Reichsdruckerei hat die Karten, die tn den Werten zu 6 und 15 Pfennig erscheinen werden, bereits gedruckt. Man hat diesmal auch Auslandskarten gewählt um gerade jenseits der Grenzen die Aufmerksamkeit auf das Jubiläum zu lenken und dadurch viele Freunde des Dichters in der ganzen Welt zu einem Besuche der Goethestätten zu veranlasien.
Theaternotizen. Die neue Operette von CSIar Straus, die, wie wir schon gemeldet haben, am 1. September im Berliner Metropol-Theater mit Frau Fritzi Mas sary zur Uraufführung fommmt, hat den Titel erhalten: „Das Strumpfband der Marquise". — Kurt
1832 1932