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Kummer 52* Mittwoch, 2. März 1932 . 22. Jahrgang
Keine direkte Beantwortung des Hitlerbriefes
Oie nattonalsozialistifchen Beschwerden werden von Groener geprüft / Reichsregierung und Bierflreik / Japanische Erfolge bei Schanghai
Duesterberg und die Auslandspreise
Bon unserer Berliner Schriftleitung.
th. Berlin, 2. März.
Der offene Brief, den der Führer der nationalsozialistische» Partei Adolf H i t l e r vor kurzem an den Reichspräsidenten von Hindenburg gerichtet hat, und der dann an denReichsinnenministerGroener zur Nachprüfung der in diesem Briefe enthaltene» Beschwerden weitergeleitet wurde, wird nun keine »«mittelbare Antwort finden. Vielmehr ist beabsichtigt, die Beschwerden, die Hitler gegen die sozialdemokratische Propaganda und gegen die preußische Regierung vorgebracht hat, gründlich zu untersuchen und das Ergebnis dann in einer amtlichen Meldung öffentlich bekanntzugeben.
Hitler hat bei der Braunschweigischen Gesandt- fchaft in Berlin, bei der er seit kurzem als Regierungsrat angestellt ist, nur Wenige Tage Dienst getan. Seit gestern befindet er sich auf einer Urlaubsreise zum Zwecke der Teilnahme am Wahlkampf. Der Braunschweigische Gesandte in Berlin hat telegraphisch bei der Braunschweigischen Regierung wegen der Erteilung dieses Urlaubes Rückfrage gehalten, aber es konnten wohl keine Zweifel daran bestehen, daß die Braunschweigische Regierung diesen zunächst vierzehntägigen Urlaub für den neuen Regierungsrat Hitler bewilligt. Hiller hat gestern Berlin verlassen und sich zunächst nach Hamburg begeben, von wo er in der Zeit bis zum 13. März eine Reise durch ganz Deutschland zu Wahlzwecken anzutreten beabsichtigt.
In der Wahlarbeit Hitlers ist es wiederholt ausgefallen, daß er sich immer besonders an die ausländische Presse gewandt hat, auch in solchen Fällen, in denen er von seinen Absichten oder Unternehmungen der deutschen Presse überhaupt keine Mitteilung machte. Es ist bezeichnend für die Spannungen, die in der „Harzburger Front" bestehen, daß der Kandidat der Deutschnationalen, Oberstleutnant Duesterberg, von dieser Methode Hillers jetzt in geradezu demonstrativer Form abgerückt ist. Der Verein der ausländischen Pressevertreter in Berlin hat sich mit einer Anfrage an Duesterberg gewandt, ob er der ausländischen Presse Erklärungen über seinen Wahlkampf abgeben wolle. Daraufhin hat Duesterberg
durch die Presseabteilung des Stahlhelms antworten lassen, er lehne es grundsätzlich ab, in einer innerdeutschen Streitfrage an das Ausland zu appellieren oder auch nur den Anschein zu erwecken, als ob ein solcher Appell beabsichtigt sei.
Der Braunschweigische Landtag har gestern gegen die Stimmen der Sozialdemokraten den für Adolf Hitler neu geschaffenen Regierungsrats- posten bei der Braunschweigischen Gesandtschaft in Berlin bewilligt.
Oie Kampfstimmung flaut ab
th. Berlin, 2. März.
Die Entwicklung des Bierstreikes in Berlin hat insofern über die Reichshauptstadt hinaus größere Bedeutung, als dauernd der Gedanke erwogen wird, eine weitere Ausdehnung dieser Biegung auf das ganze Reich ins Ange zu fassen. Jedoch scheint beim Deutschen Gastwirteverband keine Neigung zu bestehen, die Streikparole fürdasganzeReichauszugeben, besonders da in Berlin bereits lebhafte Vermittlungsbestrebungen eing-'^-t haben.
Zunächst ist die Berliner Handelskammer Mm die Einleitung einer Verständigungaklian ersucht worden, und eventuell wird der Industrie- und Hand »s..g sch ebenfalls mit dieser Angelegenheit befassen. 1 ie Berliner Gastwirte haben es trotz eines Bes hl'isses eines Stadtverordneten-Ausschusses abgelehnt, die Gemeindeverzehrsteuer aufzuheben u. die Genteinde- Bicrsteuer auf die Hälfte zu senken, weil die Einn.ih- m-anellen für die Speisung der Wohlfahrtserwerbs- losenfürsorge dauernd gebraucht werden.
In Regierungskreisen lehnt man es n"ch wie vor ab, über die Senkung der Biersteuer zu verhandeln, so lange der Streik noch im Gange ist Aber es wird Gedanke erwogen, eine Senkung der Bierst uer an"!*ündigen und damit eine Aufforderung zum Abbruch d-° Streikes Z« verbinden. Im allgemeinen begeht der Eindruck, daß der Berliner Bierstreik nicht mehr lange andauern wird.
Oie Japaner rücken weiter vor
(Eigene Drahtmeldung.)
Schanghai, 2. März.
Am Mittwoch vormittag Ortszeit eröffneten die Japan nach einer während der ganzen Nacht andauernden Artillcriebeschießung der chinesischen Linie einen großen Angriff auf der ganzen Front zwischen Kiangwan und Schanghai.
In den späteren Morgenstunden gab das japanische Hauptquartier die Meldung aus, die japanischen Truppen seien auf keinerlei Widerstand gestoßen und seien in ununterbrochenem Vorrücken gegen Tasang begriffen. Die Chinesen hätten ihre Stellungen an der Kiangwan-Front verlassen, indem sic im Laufe der Nacht unter dem Schutze der Dunkel- hett de» allgemeinen Rückzug durchgeführt hätten. Die Chinesen, so meldet das japanische Hauptquartier weiter, feie« durch die heftige Beschießung in den letzten Tagen aufs äußerste demoralisiert worden.
*
Schanghai, 2. März. Die japanischen Streitkräfte find in Tasang eingerückt.
trauen könne und erst an ihren Rückzug glaube, wenn man ihn vor Augen sehe.
Hoesch bei Tardieu
Paris, 2. März.
Botschafter von Hoesch hatte gestern eine Unterredung mit Tardieu. Ueber diese Unterredung berichtet der „Malin", es seien dabei die Genfer Abrüstungsverhandlungen und die verschiedenen Besprechungen Tardieus mit dem Führer der deutschen Abordnung, Botschafter Nadolny, eingehend erörtert worden. Der Meinungsaustausch, der sowohl in Genf wie in Paris fortgesetzt werde, habe den Zweck, den Boden für eine Verständigung in der Abrüstungsfrage vorzubereiten.
Im Laufe der gestrigen Unterredung, an der auch der augenblicklich in Paris weilende französische Botschafter in Berlin teilnahm, wurde ferner der deutsch-litauische Streitfall erörtert, der demnächst dem internationalen Schiedsgerichtshos im Haag unterbreitet werden soll.
Oas alte Lied
10,50 Uhr (Ortszeit) morgens: Die chinesische 19. Armee befindet sich auf dem Rückzug.
Japans Wenn und Aber
Tokio, 2. März.
Amtliche japanische Kreise lassen nach wie vor verlauten, daß eine Zurückdrängung der Chinesen auf die 20 Kilometerzone die erste Vorbedingung für eine friedliche Beilegung des Streitfalles sei. Wenn bisher auch nicht viel Aussicht auf den günstigen Ausgang der örtlichen Vermittlungsverhandlungen in Schanghai bestehe, so seien die Vorschläge Paul Boncours doch vor allem deswegen genehm, weil ne den Zusammentritt einer Vermittlungskonserenz erst nachBeendignng des Kampfes bezw. nachZustandekom- men eines japanisch chinesischen Waffenstillstandes vorsahen. Eine gleichzeitige Zurücknahme der ,apa- nischen und chinesischen Truppen scheine aber deswegen unannehmbar, weil man den Chinesen nicht
Paris, 2. März.
Die französische Kammer begann am Dienstag nach Erledigung des Haushaltes für Elsatz-Lothrin- gen den Kriegshaushalt und nahm zunächst einen Bericht des Berichterstatters Bouilloux-La- font entgegen Der Abgeordnete wandte sich gegen die Ausführungen des Sozialisten Chousfet, der während der Beratungen des Knegshaushalts die Stärke der französischen Armee auf 727006 Mann geschätzt hatte. Er wurde in seinen Ausführungen vom Minister für national Verteidigung unterstützt, der noch einmal daraus hinwies, daß die von F-nnkreich in Gens angegebenen" Zahlen bei Tatsachen entsprächen, und die Esfekiivbestände des französischen Heeres 616(100 Mann nicht so-rtT^fen.
Bouilloux-Lasont stellte sodann einen Vergleich stoische» Eanrösischen und deutschen Heeres- haushalt an und wiederholt- seine auch in Deutschland bereits zur Kennae bekannlen Anschuldigungen, wonach Deutschland alles verjuche, um die M i-.
litärklauseln des Versailler Vertrags zu umgehen.
Die Beratungen, die in einer Nachtsitzung fortgesetzt wurden, stießen im ganzen Hans nur auf fehr geringes Interesse. In den Abendstunden waren höchstens 30 Abgeordnete anwesend und auch während der Nachisitzung, die sich bis kurz nach Mitternacht ausdehnte, blieben s:- m-iften Bänke leer. 65 des rfv” "00 Artikel umfassenden Haushaltsabschnittes wurden bereite * berab|<fOebet.
Neue polnische Unverschämtheiten
Warschau, 2. März.
Mit welcher Leichtfertigkeit unb welchem Zynismus man im polnischen Parlament ber vielleicht wichtigsten Frage bes Staates, ber Minderheiten- frage, gegenubersteht, zeigt eine Rebe bes Senators bes Regierungsblocks Evert, bie am Dienstag im Senat gehalten würbe. Evert frgte, es sei einfach erstaunlich, mit welcher Gebulb bie bauernben Klagen der Minderheiten im Parlament angehört würden. Es scheine kaum noch ein Gebiet des öffentlichen Lebens zu geben, auf dem den Minderheiten nicht irgendein Unrecht zugefügt werde. Es sei bekannt, wie frech sich die Deutschen in Warschau gebärdeten (!)
Nach Evert nahm sofort der deutsche Senator Utta das Wort. Er wies die Ausführungen des Vorredners aufs entschiedenste zurück. Auf Grund einer Reihe unbestrittener Tatsachen gab Utta ein Bild von der trostlos en Lage des deutschen Schulwesens, das zeigt, daß die Vernichtung des deutschen Bildungswesens und in weiterer Folge die Ausrottung jeglichen deutschen Volksbewußtseins oberster Grundsatz der polnischen Schulpolitik ist. Aus minderwertigen und käuflichen Kreaturen, aus ehemaligen Spitzeln und Sieben würden angebliche deutsche Vereinigungen ins Leben gerufen und die deutschen Lehrer und Beamten würden durch Terror unb Schikanen qejroungen, solchen Vereinigungen anzugehören. Diese Methoden. bie in letzter Zeit immer rücksichtsloser angeroanbt würden, seien menschenunwürdig und verwerflich.
Rediskontkredit
der Reichsbank verlängert!
Berlin, 2. März.
Wie wir erfahren, haben die Verhandlungen über die Erneuerung des Rediskontkredites ber Reichsbank zu dem Ergebnis geführt, daß der Kredit (100 Millionen Dollar) für drei Monate auf der Basis einer Rückzahlung von 10 Prozent innerhalb dieser Frist verlängert wird.
Kabinettskrise in Finnland Eigener Drahtbericht.
Helsingsors, 2. März.
Innerhalb der finnischen Regierungskoalition ist es zur Krise gekommen. Die der Lappobewegung nahestehende Konservative Sammlungspartei hat ihre Vertreter aus dem Kabinett zurückgezogen. Der Vizeminister des Innern Sollia und der Sozialminister Kilpae- leinen sind bereits zurückgetreten, während der Finanzminister Jaervinen erst zurücktreten wird, wenn sich für ihn ein Nachfolger gefunden hat. Der vielte Minister der Sammlungspartei, der Außenminister Baron K o s k i n e n, weilt zur Zeit in Genf. Durch diesen Beschluß, ihren Minister abzuberufen, stützt bie Sammlungspartei bie Forderungen ber Lappopartei moralisch. Der Gesamtrücktritt ber Regierung wirb erwartet. In einer Erklärung mißbilligt bie Sammlungspartei bas Vorgehen ber Regierung gegen Lappo.
General Wallenius unb Kosola haben sich zum Sammelpunkt ber Lappoleute nach Mäntsälä begeben, wo heute in ben Abendstunden große Mengen von Waffen, Munition unb Proviant eingetroffen sinb Die Lage ist nach wie vor sehr gespannt. Bisher hat bie Regierung noch keinen Oberbefehlshaber ernannt.
Auch blieb bie für heute erwartete Erklärung der Regierung über bie politische Lage im Reichstag aus. Die Parteien billigten lediglich bie Regierungsverordnung über den verstärkten Schutzzustand.
*
Helsingsors, 2. März. Die Regierung veröffentlichte am Dienstag eine Erklärung, in der es u. a. heißt, daß die Aufstandsbewegung von Mäntsälä all gemeint verurteilt wird. Armee und Schutzkorps seien bereit, alle Unruhen zu unterdrücken. Die Re- akrung hofft, daß jene Bürger, die sich durch die Lappo-Bewegung zum Ungehorsam haben verleiten lassen, ihre gefährlichen Pläne aufaeben werden.
Die Lappo-Leitung hat am Dienstag mittag einen neuen Befehl erlassen, wonach alle Lappo- Lente sich für vier Tage mit Lebensmitteln versehen, an ben Sammelpunkten einzufiuben haben. Ferner wirb noch einmal ber Rücktritt ber Regierung verlangt. Die Verhaftung der Lappoführer konnte bis- ber noch nicht erfolgen, weil sie sich von .s>aemän- linna weiter nach Norden, wahrscheinlich nach Lappo begeben haben.
Lappo führt wieder Krieg...
Kleiner Streifzug durch die Geschichte Finnlands.
In einem Meer von Blut brach das alte zaristische Rußland zusammen; langsam, etappenweise nur, bereitete sich in dem von wilden fanatischen Kämpfen zerrissenen Riesenreich im Osten das Nene vor: die neue Staassorm, die neue Gesellschafts- und soziale Ordnung.
Noch war alles erst im Fluß! Aber schon sahen die späteren „Nachfolgestaaten" an den Küsten der Ostsee die Gelegenheit gekommen, sich freizumachen von Moskau unb Peirograb, ihre alten Freiheits- Pläne zu verwirklichen. Das Königreich Polen würbe gebilbet. die kurländischen Staaten entstanden--
und endlich auch Suomi, das freie und unabhängige Finnland!
Im Jahre 1915 schon bahnten finnische Nationalisten Beziehungen zu Deutschland an, von dem sie die Rettung ihrer Heimat aus dem russischen Joch erwarteten. In Lockstedt bildete sich das 27. preußische Jägerbataillon, das ausschließlich aus finnischen Freiwilligen bestand. Am 18. Juli 1917 nahm der finnische Landtag das sog. „Machtgesetz" an, das alle staatliche Macht ihm selbst übertrug und der zentralruffischen Regierung entzog. Unb am 6. Dezember 1917 gab Svinhusvud, der Vorsitzende des Senats, die Unabhängigkeitserklärung im Landtag ab.
Das freie und unabhängige Suomi war geboren.
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Wilde Kämpfe folgten. Der russische Bolschewismus streckte seine Fühler aus auch in das Land der tausend Seen. In aller Eile bildete Freiherr von Mannerhetm „weiße Schutzkorps". Am 28. Januar 1918 konnte er mit diesen Korps bie roten Truppen in Ostrobotnien entwaffnen; bamit begann ber Freiheitskampf Finnlands, der nach den blutigen Schlach
ten bei Wiborg und Tannerfors mit dem Sieg der Weißen endete.
Unterstützt von dem deutschen General Graf von der Goltz (dessen Truppen am 13. April 1918 Helsing- fors erobert hatten) zog nunmehr der Reichsverwefer Svinhusvud die Verwaltung des Reiches auf, sodaß er dem am 9. Oktober 1918 zum König gewählten Prinzen Friedrich Karl von Hessen einen tadellos eingespielten Staatsapparat hätte übergeben können. Aber der Zusammenbruch der deutschen Armeen zwang Friedrich Karl von Hessen, zurückzutreten; Freiherr von Mannerhetm wurde nunmehr Reichsverweser, bis der Landtag am 17. Juli 1919 die republikanische Verfassungsform an- nahm und am 25. Juli 1919 Stahlberg zum Staatspräsidenten wählte.
Zur Ruhe kam aber Finnland immer noch nicht. Die Verhältnisse an de« Ostgrenzen blieben unsicher; erst der am 14. Oktober 1920 in Dorpat geschlossene Friede brachte die offizielle Anerkennung Suomis als selbständigen Freistaat durch Rußland. Der innere Ausbau des Reiches konnte beginnen...
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Ueberraschend schnell ist es dem Präsidenten Stahlberg und seinem Nachfolger Relander gelungen. Ordnung in die Finanzen des Staates zu bringen und freundschaftliche Beziehungen zu ben nächsten Nachbarn: zu Schweben unb Rußland anzubahnen. Beibe erkannten, baß dieser kleine, nur 388000 Quadratmeter große Staat mit feinen nur 3,6 Millionen Einwohnern daraus angewiesen ist, Frieden mit ben Völkern jenseits seiner Grenzen zu haften. Es wird diesen Führern der Liberale» nicht immer leicht gewesen fein, liberal zu bleiben. Als sich 1930 die kommunistische Bewegung in Finnland stark entfaltete, griffen die „Lapp o" zum ersten Male aktiv ein. Ihr Führer, Withori Kosola— der Muffolini in Bau- ernkleidern — organisierte den berühmte» Marsch auf Helsingsors, der Generalstabschef Wallenius ent-