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Kasseler neueste Nachrichten

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^cge zu erreichen ist. heute noch nicht weiter eröricrt werden. Tie nächsten Wochen und Monate werden fo mit Kämpfen und Sorgen erfüllt feilt, daß für der­artige aus weite Sicht eingestellte Pläne nicht viel Raum und Zeit übrigbleiben, und was erstrebt wer­den muß, ist nur das eine: daß diese Stampfe, daß vor allem öer Stampf um d ie Reichspräsi- dentenwahl inritterlicher Weise" geführt wird. Aber werden die Dämme, die aus schönen und gewiß ehrlich gemeinten Versprechungen errich­tet sind, halten? Mit den gestrigen Abstimmungen über die Mißtrauensanträge, die der Regierung im Reichstag den erwarteten knappen Erfolg brachten, sind die Fronten für die Präsidentenwahl sestgelegt. Festgelegt wenigstens insofern, als die Offiziere die Kampsparolen ausgegeben haben. Ob die Mann­schaften diesen Parolen überall folgen werden, wird sich erst am Wahltage selbst zeigen. Jedenfalls wird

aber um jede einzelne Stimme erbittert gerungen werden. Hitler gegen Hindenburg es geht um einen hohen, ja um den höchsten Einsatz, und man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, was eine Nie­derlage für jede der beiden Gruppen bedeutet, um den ganzen Ernst der kommenden Situa­tion zu begreifen. Der Kampf um die innerpoli­tische Gestaltung der deutschen Zukunft ist in sein entscheidendes Stadium eingetreten, und wie auch der Ausgang sein mag, es muß damit gerechnet werden, daß die Kräfte von neuem in Bewegung geraten, und es muß darüber hinaus der Gefahr ins Auge gese­hen werden, daß aus dem Kampf um so gewichtige Begriffe wienational" undsozial" Spannungen entstehen, die jederzeit zu Explosionen sühren können.

Umso dringender ist der Appell, der an alle ver­antwortlichen Stellen in diesem und jenem Lager zu richten ist: Der Appell, den Kampf wirklich in der

versprochenenritterlichen" Weise zu sühren. Gerade wenn man sich der ganzen Schwere der be­vorstehenden Entscheidung bewußt ist, sollte man die Verpflichtung, sachlich zu kämpfen und ohne Verun­glimpfung des Gegners um die Seelen der Wähler zu ringen, doppelt stark empfinden. Die Reichsrags- debatte hat mehr als einmal gezeigt, wie leicht die Dämme des guten Tones und des Anstandes von den politischen Leidenschaften überspült werden, sie hat aber vielleicht auch manchem begreiflich gemacht, wie unerquickliche und peinliche Folgen diese Me­thode des Sichgehenlassens haben kann, und tote we­nig sie im Grunde den eigenen Interessen dessen, der sich an diese Leidenschaften verliert, dient. Wenn die Reichstagssitzung in diesem Sinne zur Selbstbesin­nung aufgerusen hätte, würde sie etwas geleistet ha­ben, was noch wichtiger und entscheidender ist als alle Abstimmungsresultate.

Sonnabend 27 /Tonntag, 28. Februar 1932 selbst bei unseren Schätzungen pessimistisch und vorsichtig genug gewesen, fo wie es angebracht war. Wir haben z. B. die Zahl der Arbeitslosen für diesen Winter um mindestens 1,5 Millionen höher geschätzt, als sie heute am Ausgang des Winters tatsächlich beträgt. (Lachen rechts.)

Der Minister beschäftigt sich weiter mit gewissen Angriffen des früheren Reichsbank- präsidenten Schacht und erklärt, die Summe der Reichsschatzwechsel belaufe sich heute auf den gleichen Betrag wie 1918, nämlich auf 400 Millionen Mark Dieser Betrag könne nicht den Grund zu irgend welcher Beanstandung geben. Der Minister ruft den Nationalsozialisten am Schluß zu: Sie ha­ben mir ja sogar im Haushaltsausschutz den Rat gegeben, eilte Milliarde mehr auszugeben! (Zuruf des Abg. Reinhardt (Nat.-Soz.): Das ist nicht wahr! Händeklatschen bei der Mehrheit.)

Kommunisten gegen Nationalsozialisten

Oie Abstimmungsschlachi im Reichstag

Ablehnung aller Mißtrauensanträge / Neichspräsidentenwahl am 13. März / Lleberraschende Abstimmungsergebnisse Oas Parlament vertagt sich auf unbestimmte Zeit

Berlin. 27. Februar.

Der große Entscheiüungstamps, den die Regierung fast eine Woche lang im Reichstag zu führen hatte, sand in der Schluß-Sitzung am Freitag fein Ende.

Bei der Abstimmung über den formalen Verhaud- lungsgegenstand der viertägigen Debatte zeigte sich so das seltene Bild eines einstimmigen Reichstags- befchlufses. Alle Abgeordneten stimmten dem Vor­schlag der Regierung zu, für die Reichsvräsi - dentenwahl den Termin des ersten Wahlganges auf den 13. März, des evtl, notwendig werdenden zweiten Wahlganges auf de» 10. April zu legen.

Die polttifche Entscheidung fiel bei der nament­lichen Abstimmung über die von den Rationalsoziali- jten, Kommunisten, Deutschnationalen und der Deut­schen Bolksparte; eingebrachte» Mißtraueusan- tröge gegen das Gefamtkabinett. Bei dieser Abstimmung blieb die Opposition mit 264 Stim­men in der Minderheit gegen 289 für die Regierung abgegebene Stimmen. 79 Oppositions-Stimmen stam­men aus dem Lager der Kommunisten und der so­zialistische» Arbeiterpartei.

Rach dem Mißtrauensaatrag gegen das Sefautt- kabinett wurde der Mißtrauensantrag gegen den Minister Dr. Eroeuer mit 305 gegen 250 Stimmen bei einer Stimmenthaltung und der gegen den Reichsfiuanzminifter Dietrich mit 291 gegen 250 Stimmen bei elf Stimmenthaltungen abgelehnt. Die von der Rechtsoppofition gegen den Reichstags- Präsident Loebe eingebrachte» Mißtrauensanträge wurden durch namentliche Abstimmung für unzu­lässig erklärt. Mit 299 gegen 228 Stimmen wurde ichließlich der Antrag auf Reichstagsauf- löfung abgelehnt.

Vor oen Abstimmungen gab es noch eine mehr­stündige Debatte, die gewissermaßen eine Nachlese in dem heftigen Streit der Parteien brachte.

Reichssinanzminister Dietrich trat bei dieser Gelegenheit Angriffen von nationalsozialistischer * Seite scharf entgegen. Der nationalsozialistische Ab- geordnete Reinhardt hatte nämlich u. a. ausge- . führt: Der Finanzminister Dietrich habe sich mit seinem Optimismus bei der Veranschlagung der Steuereinnahmen in ungeheuerlicher Weise verrech­net. Die Reichsfinanzen seien in viel traurigerer Verfassung als es vom Finanzminister zugegeben werde. Die Monatsausweise über die Reichsein­nahmen enthielten Unstimmigkeiten, die aufgeklärt werden müßten. Die Reichsregierung befinde sich in ihrer Haushalts- und Kreditgebahrung außerhalb der Verfassung. Ihre letzten Maßnahmen seien ver- sassungswidrig und kein gewissenhafter Beamter dürfe aufgrund solcher Regierungsmaßnahmen Schuldverschreibungen ausstellen.

Neichsfinanzminister Or. Dietrich

wandte sich zunächst gegen einen Zuruf, in dem be­hauptet worden war, die Regierung habe sich von den Banken beretnlegen lassen. Von einem Herein­legen der Reichsregierung könne nur jemand spre­chen, der sich mit dem Problem überhaupt nicht be­saßt hat. Seit dem 13. Juli habe es sich nur noch darum gehandelt, durch Zusammenarbeit zwischen

Reichsregierung und Reichsbank die völlige Rekon­struktion des Bankwesens in die Wege zu leiten. Ohne eine Rekonstruktion des Bankwesens konnte aus die Dauer die deutsche Wirtschaft nicht betrieben werden.

Gegenüber den Kritikern an der Finanzgebah- rung der Reichsregierung weist der Reichsfinanz- mimfter darauf bin, daß hier neun Milliarden Mark allein für Kriegsbefchädigtenversorgung, Hinterblie­benenfürsorgen, Wohlfahrtsfürsorge, Arbeitslosen- fürforge und Schuldendienst erforderlich seien. An diesen Hauptposten lasse sich wenig ändern. (Leb­hafter Widerspruch rechts große Unruhe im SSaufe.) 1,8 Milliarden Mark seien für Besoldun­

gen, Pensionen, Wehrmacht und ähnliche Dinge er­forderlich. Auch hieran sei nicht mehr viel zu er­sparen. Die eigentlichen Ausgaben seien auf den Vorkriegsstand zurückge­schraubt worden. Wenn nicht die ungeheuren Ausgaben für die Arbeitslosigkeit auszubringen wären, würde die Reichsregierung den Haushalt sehr bald in Ordnung gebracht haben. Wir haben niemals gesagt, daß wir die Umsatzsteuer nicht im Notfälle doch noch erhöhen würden, sondern wir haben uns diese Reserve stets noch Vorbehalten. Wo wären wir hingekommen, wenn wir in den vergan­genen Jahren nach außen hin so in Pessimismus gemacht hätten wie Sie (nach rechts) jetzt. Wir sind

Reichs-Noietat durch Notverordnung

Die Vorarbeiten für den Reichshaushalt 1932 nahezu beendet

Berlin, 27. Februar.

Wie das Nachrichtenbüro des VDZ meldet, sind die Vorarbeiten am Reichshaushalts­plan für 1932 soweit gediehen, daß der Etat be­reits in Kürze das Kabinett beschäftigen kann. Der Haushaltsplan, der ausgeglichen fein wird, wird hieraus in den Druck gegeben und könnte schon im Mai vom Reichsrat erledigt werden.

Wie erinnerlich, war durch Notverordnung bereits bestimmt worden, datz das Etatsjahr 1931 mit Rück­sicht auf die großen Schwierigkeiten, die sich der recht­zeitigen Vorlegung des Haushalts für 1932 entgegen­stellten, bis Ende Juni 1932 verlängert werde. Da der Etat als solcher jedoch Ende März 1932 abläuft, dürste das Reichskabinett Ende März durch Notver­ordnung einen Not-Etat verabschieden, der nur wenige Sätze «enthalten soll, in denen die Reichs­regierung ermächtigt wird, drei Etats-Zwölftel für die Monate April, Mai, Juni 1932 dem Ende Juni durch den Reichstag verabschiedeten Haushaltsplan für 1932 vorwegnehmen zu können.

Oie Sozialdemokraten

zur Präsidentenwahl

Berlin, 27. Februar.

Nachdem die parlamentarische Debatte vorüber ist, haben nun auch die Sozialdemokraten ihre Parole für die Präsidentenwahl ausgegeben. Man wußte zwar schon seit langer Zeit, daß die SPD. f ü r Hindenburg eintreten werde, aber die Formulie­rung die der heute imVorwärts" erscheinende Aus­ruf des Parteworstandes gefunden hat, ist doch in mancher Hinsicht recht interessant.

Es geht auch daraus wieder hervor, daß es der SPD. in erster Linie, man möchte sagen, einzig und allein, um den Kampf gegen die Na­

tionalsozialisten oder wie sie es nennen Abwehr des Faschismus" geht, und daß das Eintre­ten für Hindenburg sich lediglich als eine Folge aus diesem Abwehrkampfe gegen Hitler ergibt. Das kommt in dem Aufruf auch in ganz klaren Worten zum Ausdruck, denn es wird darin betont, daß es ne­ben Hindenburg ober Hitler keinen dritten Kandida­ten gäbe, der Aussicht auf Erfolg hätte, und es wer­den die Konsequenzen ausgemalt, die sich aus einer Wahl Hitlers ergeben würden. Der Aufruf sagt ferner, der Sieg des Faschismus würde ein unabseh­bares Unheil sein. Deshalb steht in großen Lettern über dem heutigen Aufruf das Wort:Schlagt Hit­ler!" und zum Schlüsse wird erst ausgesprochen: Schlagt Hitler, darum wählt Hindenburg!"

Auslegung der Stimmlisten

vom 3.-6. März.

Berlin, 27. Februar.

Der Reichsminister des Innern hat am Freitag durch Rundschreiben die Landesregierungen gebeten, alle Maßnahmen zur Durchführung der Wahl des Reichspräsidenten in die Wege zu leiten und die Ge­meinde- und Verwaltungsbehörden mit entsprechen­der Weisung zu versehen. Unter Hinweis auf die wesentlichsten Wahlverstöße bei den letzten Wahlen wurde ersucht, dahin zu wirken, daß die Gemeinde­behörden und Abstimmungsvorstände die Reichs­stimmordnung genau innehalten, um keinerlei Anlaß zu Klagen zu geben. Gleichzeitig wurden allgemeine Richtlinien für die Organisation und Durchführung der Reichspräsidentenwahl gegeben.

Der Reichsminister des Innern hat durch Ver­ordnung bestimmt, daß die Stimmlisten und Stimm­karteien für die Reichspräsidentenwahl vom 3.6. März auszulegen sind. Die Gemeindebehörde kann die Auslegung schon früher beginnen lassen.

Edzard H. Schaper:

Auf ein Schiff warten

Schon die dreizehnte Nacht lagen wir auf der Pier in Kopenhagen; dort wo die Küstenfahrer ...i- legen und immer ein wahres Gebirge von Fracht auf sie wartet. Jeder von ihnen hatte am Kai sei­nen Platz. Dahin kam er tote ein Star in sein Starenhaus zum Frühling, von da ging er wieder, wenn er sich gemästet hatte, mit Fracht. Indes sta­pelte sich auf jeden Schiffes Platz die neue Sen­dung an, höher und höher mit jedem Tag. Da lagen Bandeisen, Kreide-Fässer und Stolt, da lag alles, was man auf den Inseln im sund und Belt braucht und da lagen auch wir.

In einer windigen Septembernacht hatten wir dieses Quartier bezogen. Es laufen ja viele Män­ner :*n Hafen herum und haben kein Obdach. Sie stehen, die Hände in den Hosentaschen, Kragen aus- geschlagen gegen den Wind und spucken ins trübe X'afentoafler. Vom offenen Meer weht der Wind, so feucht, so frisch, so salzig; Schiffe kommen und Schiffe gehen, jedes hat seine Mannschash nirgends seist t ci..er, der man werden könnte. So hatten auch wir vier ein paar Nächte gestanden, kannten uns nicht, sahen uns nicht, denn der Hafen ist groß, und jeder hatte auf einem anderen schift einen Freiplatz erbettelt, wo er das übriggebltebene Essen verzehren durfte. Aber schlafen an Bord durften wir nicht. Vor uns waren viele gewesen, denen man es erlaubt hatte und die am Morgen nicht mehr auszufinden waren, mit der Matrosen Hab und Gut. So hieß es, wenn wir mit dem Esten fertig waren:Macht Beine..!" denn Seeleute sind nicht sehr daruiherzig und gastfrei, wenn sie bestoh­len wurden, und die wenigsten wissen, wie es an Land ist, wenn man auf ein Schiff wartet, Tage und Nächte, mit knurrendem Magen.

Aber dann fa,..:n sich vier aus der großen Schar, die von allen, die noch ein Schiff unter den Füßen bähen, Hhänen genannt werden. Wir pr. en auf der halbbuntien Pier der Küstenfahrer aufeinander, ein Ziel vor Augen: Die Warenberge, um uns dar­in zu verbergen und zu schlafen. Doch es gab da einen Wächter, der die Waren bewachen sollte, und mit dem tarnen wir nun in ..rieg. Aus der schö­nen Höhle, die wir mit Säcken gepol tert und mit einem Kistenwall gegen den Wind geschützt hatten, ttieb er uns fort >

Laßt Euch nicht mehr blicken!" sagte er, aber wir folgten ihm geduldig durch seinen ganzen Wach- Bezirk und hörten nicht auf, um Erlaubnis zu bit­ten.Laßt Euch nicht mehr blicken!" sagte er, das verstanden wir nun so, datz wir zurnckgehen tollten in die Burg. Dann erblickte er uns ja nicht mehr. Doch kaum hatten wir unsere Schlafstelle bezogen, so trieb er uns wieder hinaus.Wollt Ihr einen Pickel nach Euren Papieren fragen Horen .. .? Manche von uns wollten das nicht, und so fügten wir uns. m ... , .

Und dock siegten wir! Eines Nachts sagte er: Hört bloß auf mit dem Gerede und legt Euch hin. Aber vorher müßt Ihr mir Eure Papiere geben. Wenn Ihr stehlt, will ich auch wissen, wer gestohlen hat. Morgen früh, wenn meine Wache zu Ende ist, müßt Ihr ja sowieso aus der Gegend verschwinden, und bevor ich gehe, könnt Ihr Euch die Papiere wiederholen." Das war ein annehmbarer Vor­schlag. Er bekam, was wir befaßen und jetzt schlie­fen wir, während er über unseren Schlaf wachen mußte. Wir hatten es gut wie der König tm schloß zu Anialienborg.

Aber am Morgen! Durch den Hafen pfiff eisig- kalt der Wind, die Schornsteine rauchten, Nebel und Regen schlugen schwere Schwaden Rauch hernieder, wir bekamen einen faden, süßlichen Geschnurck un Mund, unseren leeren Mägen wurde noch übler, als ihnen schon war. Wir schüttelten uns in der Sack-Grube hinter dem Kisten-Wall, wir sprangen umher, wir schlugen uns, um warm zu werden, tm Morgengrauen trotteten wir auseinander und stro­merten und stahlen, wir gingen von Schiff zu Schift, aber niemand wollte uns haben, wir halfen bei den Schauerleuten und wurden fortgejagt, weil wir nicht zu ihrer Innung gehörten, wir standen an am Heuer-Büro, aber da war fein Schiff, das uns brauchen konnte. Das Abenddunkel führte uns wie­der zusammen.

Keine', fehlte, keiner hatte Heuer gesunden. Wir gaben dem Wächter die Papiere und krochen zusam­men, ftarrten in den hellen Himmel über Kopen­hagens Lichtern, lernten die Silhouette der Börsen auswendig und die der Kräne und Schornsteine am Kai gegenüber; wir rauchten und schwatzten, fluch­ten und Jammerten, wir trösteten uns und konnten

einander doch nicht mehr ausstehen, denn wir kann­ten das Einerlei unseres Elends Haarschars. Biel zu schnell kam der Morgen, wenn wir mit schweren Decken zugedeckt schliesen, viel zu langsam wenn uns Kälte und Hunger wachhielten. Wir besaßen nichts mehr und warteten. Heuer haben, fahren, arbei­ten, Löhnung bekommen, in andere Länder kommen das waren unsere Träume.

Wir stritten uns, wir hätten uns geprügelt, wenn der Wächter nicht achtgegeben hätte, aber wir stoben tm wildesten Handgemenge auseinander und liefen, wenn ein Schiff an den Kai legte. Jeder wollte den Steuermann zuerst sprechen, um Heuer fragen, jeder wollte die große Chance als erster ausnützen. Aber alle vier vereint schlichen wir wieder zur Burg. Niemaiid brauchte uns. Und wir konnten warten.

Und doch lehrte ich eines Abends nicht mehr in die Burg zurück. Ich fand Heuer. Ich blieb gleich an Bord. Glückstrahlend verbrachte ich die erste Nacht wieder in der engen Koje, mit meiner alten Jacke zugedeckt. Aber die Dampfheizung knisterte ja:Ich bin so warm . . .* Ja, wir waren unser überdrüssig geworden, als wir dreizehn Nächte zu­sammengepfercht in der Warenburg gelegen hatten. Die andern sah ich niemals wieder. Vielleicht san­den auch sie, was manihre Nacht" nennen kann, vielleicht auch nicht. Ich habe gelesen, daß zwölf­tausend deutsche Seeleute in den Häfen ohne Heuer find, weil die Welt voller Waren ist und voller Schisse, aber weil niemand die Waren ins Land gebracht haben will. Und das ist ja unsere Arbeit.

Go war der Krieg!

Das Front stück:Die endlose Straße".

Berlin, 26. Februar.

Wer wie der Unterzeichnete den Frontkrieg tm Osten wie Westen als Infanterist mit jeder Abwand­lung miterlebt hat, wird diesFrontstück" nur mit tiefster Erschütterung sehen können. Wenn er im Programmheft dann lieft, datz das Stück schon seit dem 1. Januar 1927 fertig an die deutschen Bühnen versandt wurde, aber nur in England einen Theater« und Bucherfolg errang, während unsere Bühnen, unsere Buchverlage schwiegen, begreift er mit selte­ner Schärfe, in welcher Lage wir uns nicht nur auf dem Theater, sondern in Wirklichkeit befinden! Dies Frontstück ist nämlich die erste tatsächliche und völlig wahrhaftige dramatisch-bildliche Darstellung des Grabenkrieges, wie wir ihn- während der Trommel» seuerfchlachten seit 1916 und 1917 in Frankreich zu bestehen hatten Die Wahrhastigkeit, die wir Front- soldaten uns tm Ernst des Kampfes erworben hat»

Zwischen den feindlichen Gruppen innerhalb der Opposition spielte der Streit um die Reihen­folge dc r Abstimmung eine große Rolle. Die Kommunisten warfen den Nationalsozialisten vor, daß sie wegen der von ihrer Führung mit der Aus­landspreise angelnüpften guten Verbindungen- große Angst vor dem kommunistischen Anttag hätten, der die sofortige Einstellung aller amtlichen und privaten Tributzahlungen an das Ausland verlangt. Die Rationalfozialisten würden deswegen vor der Ab­stimmung über diese Frage den Reichstag verlassen wollen. Um das zu vereiteln, setz«.n die Kommu­nisten mit Unterstützung der Sozialdemokraten es durch, daß ihr Tributantrag vor dem Antrag über die Reichstagsauslösuns, also noch in Anwesenheit der Rechtopposition zur Abstimmung kam.

Der kommunistische Antrag verlangt, in seinem ersten Teil die sofortige Einstellung aller Tributzahlungen auf Grund des Versailler Vertrages, in feinem zweiten Teil die Annullie­rung aller privaten Schuldverpflich­tungen an das kapitalistische Ausland.

Die Nationalfozialisteu erklärten, sie würden zwar dem ersten Teil des Antrages, nicht aber dem zwei­ten zustimmen können und da eine getrennte Abstim­mung abgelehnt war, könnten sie den Anttag nicht annehmen. Dieser Erklärung schloffen sich die Deutsch- nationalen und das Landvolk an.

So wurde der kommunistische Antrag mit 368 Stimmen gegen 75 Stimmen der Kommunisten bei Stimmenthaltung der 108 Nationalsozialisten abgelehnt. Das war der Agitationsersolg, den die Kommunisten mit ihrer Taktik erreichen wollten. Sie riefen höhnisch im Sprech Chor de» Rational- Sozialisten zu:Ihr Tributknechte des Auslands'. Bei diesen Auseinandersetzungen ging es natürlich lieh wieder recht geräuschvoll zu. Wen» em Kommu­nist sprach, erstickte» die Nat,onalfozialisten seine Stimme durch sirenenartiges Geheul und Gebrumm. Die Kommunisten reuangierten sich mit dem Gesang der Internationale. Der Vizepräsident Esser heft gleichmütig die Menge toben und meinte, letzt kurz vor Toresschluß feien Zwangsmaßnahmen nicht mehr nötig.

Auszug der ASDAP.

Gegen den Protest der Opposition wurden die Anträge aus Aufhebung der No tuet, ordnung d e m H a u Sh«il ksnn Aschn ßH.b c r° wiesen, wodurch sie zunächst praktisch unwirftani gemacht sind. Als dann noch ein nationalsoziÄisti- scher Antrag gegen die Versammlungs- und Rede­beschränkungen abgelehnt worden war, erHärte ber Nationalsozialist Strasser, daß seine Freunde nunmehr den Reichstag verlassen wurden.

Die Nationalsozialisten marschierten dann unter tobendem Lärm aus dem Saale. Die Zurückbleiben- deti riefen ihnen die BezeichnungPartei der Deser­teure" und ähnliche Liebenswürdigkeiten nach. Die Kommunisten meinten, dienationalsozialistischen Tributknechte" wollten sich nur der Abstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund entziehen. Tat­sächlich wurde der kommunistische Antrag aus Austritt aus dem Völkerbund auch ge­gen die Antragsteller abgelehnt. Die Deutsch- nationalen, die sich diesmal dem Auszug der Nationalsozialisten nicht angeschloffen hatten, erklär­ten, daß sie dem kommunistifchen Antrag wegen sei­ner Motivierung nicht zustimmen könnten.

Angenommen wurde gegen die Stimmen der Deutschnationalen, der Kommunisten und des Land­volks ein christlichsozialer Antrag, der die Sicherstel-

ten, wurde aber weder im Theater noch auch tonst so zugelassen, wie es notwendig wäre. Erst letzt und als Sympwin dafür die Aufführung diescs Stückes am staatlichen Schillertheater! erst nachdem wir den ausländischen Kriegsdramen von Raynal bis Sherriff, die zum Teil später geschrieben worden sind, den Vortritt gelassen haben, sind wir soweit, unsere Wahrhastigkeit wenigstens zu Worte kommen zu lassen. Meldete sie sich bisher einmal bei irgend­einer Gelegenheit, so wurde sie der Tendenz unter­stellt! Und wieder war eine Verzerrung des Ein­drucks das Ergebnis.

Hier aber wird einfach tendenziös geschildert, toa» war, was Wirklichkeit war. Es gibt kein Wort, keine Geste, kein Bild, keinen Vorgang, dem unser ehrlich­stes Erinnern zu widersprechen in der Lage wäre. So war und so ist der Krieg! Ohne Pathetik noch Phrase! Einfach die Tatsache, auf fein Schicksal zu warten, und wenn es etntritt, entsprechend seinen Forderungen und der persönlichen Natur des Einzel­nen zu handeln.

S. Graff und Carl Ernst Hintze dieser hat dig Freude der Berliner Ausführung nicht mehr erlebt, am 12. Dezember 1931 ist er, der dem bitteren Tode im Felde tausendfach getrotzt hatte, erst 32 Jahre alt, gestorben schildern in vier Szenen nichts als die Ablösung einer in der Kampffront unter Trom­melfeuer liegenden, schwer zusammengeschossenen Kompanie. Tie Ablösung kommt schließlich. Auf dem Rückmarsch wird die erste Ruhestatioii im Barackenlager der Reservestellung gemacht. Aiann- schaft und Offiziere freuen sich draus, nach drei Wo­chen harten Grabenkampses endlich einige Rnhe- wochen in Lille »erbringen zu dürfen. Aber in der Nacht wandelt sich das Schicksal: sie müssen einen Schanztrupp stellen, der Franzose und Engländer sind durchgebrochen und da müssen sie schließlich wie­der, um das Loch zu ftopfen, mit jungem Ersatz, der zu ihnen gestoßen, nach vorne^die endlose Straße" entlang, ins Feuer hinein, ^tumm und verbißen erfüllen sie als Männer, die sich keine Illusionen mehr machen, ihre Pflicht.

Die besondere Bedeutung des Stückes liegt in seiner mänlich-knappen, realistisch-echten (und nicht naturalistisch übertriebenen), auch die Gefühlswelt ernst berücksichtigenden Diction. Hier spricht der Krieg und der Krieger seine Sprache. Die Regie Leopold Lindtbergs vom Schillertheater unter­lag ihrem Banne mit aufrichtigem Dienen. Das war in aller Sachlichkeit eine Aufführung von mei­sterhafter Geschlossenheit. Das Publikum konnte erst nach einer langen Pause tiefer Ergrissenheit seiner Dankbarkeit stärksten Ausdruck geben.

Hanne Martin Elster, t