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Den neuen Beruf desBierschlcppers" hat »er Hamburger Bicrkricg gcieitigt; &te Aufgabe des Bier- schleppers ist, ocn Durstenden ;u heimlich ilic6ciuccn Bierquellen ,it führen, denn augenblicklich ist es 'Mik­lich nicht einfach, in Hamburg zu einemkleinen Hel­len" zu kommen.

Gegen sas Uebertzandnohmen des Schmuggclbelrie- bes scheint man jetzt wirksaencr vorgchen zu wollen; das Essener Schöffengericht hm jedenfalls drei Tabak­schmuggler, die mit einem eigens für Lchmuggelzwecke gebamen Auto arbeiteten,' zu je 300000 RM Geld strafe verurteilt. Das wird wahrscheinlich besser wir­ken, als Freiheitsstrafen.

*

Aus den verschiedenen Gegenden Frankreichs Wer­den infolge der Trockenheit große Waldbrande gemel­det, die eine Ausdehnung von 20 bis 40 Kilometer angenommen haben. Besonders in der Gironde ist die Lage so ernst, daß Militäf eingesetzt werden mutzte.

In der ungarischen Ortschaft Udvarnok bei Thrnau fand am Sonntag ein Maskenball statt. Zwischen den einheimischen und den fremden Bauernburschen ent- stand aus Eifersucht ein Streit, Bet zu einer förmli­chen Schlacht ausartete. Im Saal entstand eine Panik, bei der -fünf Personen niodergetramhelt und tödlich verletzt wurden. Im Lause der Schlacht wurden 50 Revolverschüsse abgegeben. Außer den fünf Toten wurden 14 Schwerverletzte ins Krankenhaus eingelie­fert. Zehn Bauernburschen wurden verhaftet.

HEUTE

VOR HUNDERT/AUREN

23. Februar.

. . . komm, aus Jamaika die Rackricht, daß bei einem dort ausgebrochenen Sklavenausstand 3 Mtsfio nare sich auf Seiten der Sklaven gestellt und die Füh­rung der Bewegung in die Hand genommen haben.

. . . werden in Paris die Herren Daumter, Zeich­ner, und Aubert, Kupserstichhandler, zu je 6 Mönchen Gefängnis und 500 Francs Geldstrafe verurteilt, well sie eine Zeichnung hergestellt und verkauft haben, dle das Budget darstellte. Die Figur trägt einen unge­heuer aufqeschwellten Leib, der einem Sack mit Golde gleicht das Gesicht ist eine Karikatur des Kömgs Ludwig Philipp. *

. . beschweren sich die Göttinger Studenten, daß mau sie wie Gesindel fortgeschleppt und mit Arrest bestraft, wenn sic an ihrer Haustür ein Pfeifchen rauchen wollen

Karikatur des Tages

£3

-V t. k

47

Ter Völkerbund schießt Noten der Japs bevorzugt Granaten.

Dienstag, 23. Februar 1982

Rulicler Neueste Nachrichten

DIE SELTSAME INSEL

Querschnitt durch die Aegerrepublik Haiti / Don W. B. Seabrook

Zweites Kapitel.

Am /»Hofe" der Königin Ti Meminne

. Zirkus lachte, als er mir davon erzählte, wie man 'n zum .König von La Gonave" gemachi hatte, und war sich anscheinend der komischen Seite des Vor­gangs «durchaus bewußt. Aber seine Untertanen uab- men bie Sacheverviuumt ernst".

Wie ernst sie die Sache nahmen, das erfuhr er ein NarSodKn nach seiner Krönung. Er hatte sich ent- Ichlossen, in Anse-s-Galets einen Kai zu bauen. Es war int Januar und er rechnete sich aus, daß er es mit einem Dutzend Leute bis Ddai schaffen könne. <aie hatten etwa zwei Wochen gearbeitet, als er eines Morgens durch einen Höllenlärm aufgeweckt wurde. Als er vor 6ie Tür trat, sah er, daß die gesamte Ar­mee der Königin Di Meurine in Stärke von etwa fünfhundert Mann mit gewaltigem Spektakel une in feldmarschmäßiger Ausrichtung mit ihren Frauen und etnem langen Zug von Packeseln in Anse entrückte, uüe schlugen ihre Trommeln, bliesen ihre Muschelhör- uer, schrien und vollführten einen Heidenlärm. Die Packesel waren mit großen Tragkörben voll Nah­rungsmittel und Kochgeschirr beladen. Sie führten sogar Hunde, Hühner und Schweine mit. Aus toem freien Platz vor seinem Hause wurden Fahnen aufge­pflanzt, der alte Kriegsminister ließ seine KonMiando- ruse erschallen, und sie begannen, gleich an Ort und Stelle ihr Lager aufzuschlagen.

Wirkus stand in der Tür und wußte nicht recht, was er davon halten solle. Er ging ins Haus zurück, stülpte seinen Offiziershelm auf und schnallte seinen Armeerevolver um. Seine sechs Gendarmen standen, wie er feststellte, am anderen Ende des Platzes und sperrten vor Staunen Mun» und Nase auf. Es war wie er mir sagte, das erste und letzte Rial in Den vier Jahren seines Aufenthalts in La Gonave, daß er sei­nen Revolver umschnallte. Er backte nicht im ent­ferntesten daran, >daß der ganze Tumult mit den Ar­beiten am Kai in irgendeinem ursächlichen Zusam­menhang stehen könnte.

Schließlich erschien der Kriegsminister mit seinem Gefolge und mit wehenden Fahnen bei ihm und er­klärt ihm, daß sie gekommen seien, um ihm bei sei­nen Bauarbeiten behilflich zu sein. In genau vier Tagen hatten sie unter seiner Aufsicht den Kai gebaut und bis auf den letzten Stein fertiggestellt. Sie nahmten weder Bezahlung noch Geschenke an, lehnten sogar die angebotene Verpflegung ab und duldeten auch nicht,, daß die Dorfbewohner bei Sen Arbeiten Han« mit anlegten. Als sie mit dem Kai fertig waren, mar­schierten sie mit ihren Fahnen in geschloffenem Zuge dreimal um sein Haus, fangen eine Art Königshymne und Zogen wieder den Berg hinauf nach Hause,Ver­dammt und zugenäht!" sagte Wirkus und lachte über das ganze Gesicht bei her Erinnerung daran, wie sein Kai in vier Tagen gebaut worden war.

Also, das ist die Geschichte, wie ich zum König gekrönt wurde. Es hat natürlich nichts weiter aus sich;-aber diese Haittaner, wenigstens die hier im birge sind ja, wie Sie wissen, mordsmäßig aberglLü- big. Sie haben es sich nun mal in den Kopf gesetzt, daß ich ihnengesandt" sei. Das stimntt ja auch im Grunde, ich bin ia gesandt worden, nämlich vom Kom­mando des amerikanischen Marinekorps."

*

Am folgenden Morgen ritten wir hinauf nach dem Bois Noir und erreichten das Gehöft der Köttigin früher, als sie uns erwartet hatte. Sie war gerade beschäftigt, das Gesinde zu beaufsichtigen, das in der königlichen Backstube Brot und Kuchen für die Fest­lichkeiten buk, die abends zu unseren Ehren stattfin- den sollten. Die Königin erwies sich als eine dicke, untersetzte Negerin in den Fünfzigern. Sie war eher massiv als fett. Ihr Kopf war auffallend groß, und sic hatte plumpe, aber keineswegs gewöhnliche Ge- sichtszüge. Offenbar war sie eine sehr energische, aber nicht sehr anmutige und liebenswürdige Frau. Als wir in den Hof ritten, saß sie unter einem Baloachin von Palmblattern auf einem Stuhl, gab mit einer tiefen, heiseren, gebieterischen Kommandostimme ihre Befehle aus und kaute derweilen an einem Stuck Zuckerrohr.

Sie trug ein gewöhnliches Hauskleiv, ein blaues Kopftuch, Armbänder und Ringe und war barfuß.

Wahrend wir abstiegen, erhob sie sich und kam auf uns zu gewatschelt. Sie begrüßte Wirkus freundlich und respektvoll, aber ohne Formalitäten. Alle Zeremonien,' Titel unv Huldigungen blieben, wie ich erfuhr, auf offizielle Gelegenheiten, auf Versammlungen und Festlichkeiten, beschränkt. Sic erteilte »em Gesinde mit lauter Stimme Befehle, Daß für Speise uns Trank und auch für unsere Pferde gesorgt werde. Es wim­melten etwa zwölf Personen herum, die ihre Befehle ausführten, Darunter splitternackte Kinder und stein- alte Weibsen. Vermutlich rekrutierte sich die Die­nerschaft zum größten Teil aus ihrer Verwandtschaft. Ti Meminne war Wittvc und nickt nur Königin, sondern augenscheinlich auch Herr in ihrem Hause. Nachdem wtr es uns bequem gemacht und Die dienst­baren Geister alle möglichen Leckerbissen vor uns auf­getischt hatten, nahm sic wieder ihren Platz auf dem Stuhle unter deut Baldachin ein und tvivmote ihre Aufmerksamkeit von neuem Der Backstube.

Es war etwas Märchenhaftes um diese dicke Kö­nigin mit ihrer grimmigen, herrischen Miene und ihrer Backstube, um die Pfefferkuchen und Kassawa- kuchen, Die sich auf einer großen Decke zu ihren Füßen scheffelweise auftürmten, unv um das Stück Zucker­rohr, an Dem sie knabberte. Es leuchtete goldgelb in der Sonne, und mit etwas Phantasie konnte man glauben, daß die Königin im Zorn ihr eigenes Szep­ter aufaß. -

Durch eine offene Tür sah matt in die Backstube. Drei Mädels staudert vor einem großen Tisch und toaren Dabei, gewaltige Teigfladen in Stücke zu schneiden. An einem anderen Tisch wurde Teig ge­knetet und ein dritter Tisch war mit einer weißen Mehl schicht -bedeckt.

Tie Kassawakuchen wurden auf dem Hof unter einem Zeltdach von einem Mann und zwei Halbwüch­sigen Jungen gebacken, und zwar aus einem runden Eisenblech von. fünf Fuß Durchmesser, das auf Pslök- ken etwa bandbreit über dem Boden angebracht war, und unter dem sich glühende Asche befand. Der Ofen, in Dem die Pfefferkuchen gebacken wurden, bestand in einem tiefen horizontalen Loch, oas man in die schräge Wand eines KMsteinhügels gebohrt hatte. Eine alte Frau schob mit einer langen S.ange die länglichen Kuchenbleche tief in die Oeffnung hinein. Zum Schutz gegen Die Sonnenstrahlen hatte sie sich aus Pisang- blättern eine Art Baldachin gebaut.

Wirkus zeigte mir auch die große Trommel, die unter einem Baum stand. Es war ein Ungetüm von einer Trommel, aber entsprach doch nicht gatt) meinen Erwartungen. Die Wirklichkeit bleibt ja meist hinter der durch die Phantasie künstlich gesteigerten Erwar­tung zurück. Fast jeder wird ein wenig Enttäuschung empfinden, wenn er zum ersten Male einen Walfisch oder Das Woolworch-GebäuDe oder die Niagarafälle zu Gesicht bekommt. Immerhin wat die Trommel mehr als mannshoch. Sie wurde, wie mir Wirkus erklärte, mit beiden Fäusten geschlagen, uns der Trommler stand dabei aus einer erhöhten Plattform,

Die Ereignisse des Abends gestalteten sich recht dra­matisch. Bet Anbruch Der Dunkelheit begann die große Trommel zu -dröhnen, und aus -den engen Pfaden, die sich den Berg hinanschlängelten, tarnen lauge Pro­zessionen von Männern und Frauen anmarsckierk. An der Spitze eines jeden Zuges schritten grauen mit einer Fahne und fangenDrapeau! Drapeau! Dra­peaul" Die Männer bliesen auf Muschelhörnern. Wenn eine Gruppe das königliche Gehöft erreichte und ihr Getute und Gesinge einstellte, dann hörte man schon in der Ferne die nächste Prozession mit Gesang und Hörnerblasen heran nah en. Tie Fahnenträger waren meist Frauen und zwar ausgesuchte hübsche, Frauenzimmer, groß uns ebenmäßig gebaut, mit ho­hen Brüsten und breiten Hüften. Sic waren mit dün­nen, fadenscheinigen Gewändern bekleidet, unter de­nen sich im Schreiten die Brüste und Schenkel prall abzeichnetcn, und trugen grellfarbige, rote, gelbe oder blaue Kopftücher, goldene Ohrringe sowie Halsketten aus Korallen oder bunten Glasperlen. Alle Fahnen wurden mit den Schäften in das Strohdach der gor- ßen offenen Halle gesteckt, in der sich der Festakt ab- fpielen sollte. Das königliche Orchester bestand aus Drei Trommeln, einem hölzernen Kasten, auf Bem ein Mann mit zwei Stäben lustige Wirbel schlug, und ei­ner Rassel, einer gewöhnlichen Blechbüchse, in der sich ein paar Kiesel-stet ne befanden.

König Wirkus und Königin Meminne saßen hinter den Trommeln auf einer etwa drei Fuß hohen Platt­form. Er trug eine hohe Krone auf Dem Kopf, die

aus einem Kran; von gelben yeeern bestand, zwilchen die kleine Stücke Spiegelglas entgenam waren. Die Glasscherben glitzerten im Lickt Der Fackeln wie Rhcinkicsel oder Diamanten. Wirkus hat mir mc- mals gestattet, ihn mit der Krone zu photographieren. Er wär Der Ansicht, saß er unsterblich blamiert fei, wenn ein derartiges Bild jemals in den Vereinigten Staaten veröffentlicht würde. In Wirklichkeit machte er mit feinem ernsten und energischen Gesicht in die­sem Rahmen gar keinen so lächerlichen Eindruck. Seine schwarzen Untertanen nahmen ihn und sich jedenfalls sehr ernst. . , ,

Unter den einzelnen Gruppen, die nach und nach eintrafen, befanden sich auch zahlreiche Persönlichket­ten von Rang, nämlich Die Präsidenten undMini­ster" der versckiedenen Gongo-Gesellschaftcn, meist alte Männer. Die Crgantfanoncit, die sie vertreten, führten sehr poetische Namen: La Belle Etoile, Fleur De Jeunesse, Reservee la Familie, La Samte Trintte. Jede Organisation hatte auch eine Uitler-Kontgrn. Sobald diese illustrcn Gäste erschienen, wurden ihre Namen von einem Herold mit einer wahren Stentor­stimme ausgernfen. Es waren sehr schöne.Namen Baruntcr. Ich erinnere mich eines alten Mannes, der August TranqiM, unB einer Frau, die La Reine Ma- selie hieß. Alle diese besonderen Persönlichkeiten wurden mit großer Förmlichkeit in die Säulenhalle geleitet. Meist schritten neben ihnen zwei junge Mä­dels, die zwei Fahnen der betreffenden Gesellschaft über dem Haupte Des Präsidenten oder der Bizeköni- gin gekreuzt trugen. Man sah seidene und -baum­wollene Fahnen aller Farben. Die Der Sockte Belle Etoile bestand aus blauer Seide, auf die weiße Ro­setten aufgenäht waren. Ein anderer Verein führte eine -blutrote Fahne mit drei schwarzen Winkel­streisen. . ......

Sobald ein Präsident oder eine Vizekotngtit in die Halle eintrat, gaben Die Trommeln das besonders rhythmische Signal der Gesellschaft an, der die be­treffende Persönlichkeit angehörte. Diese marschierte indessen an der Spitze -der Vereinsmitglicder dreimal um die Halle herum und machte Bann vor Ben Trom­meln Halt, um König Wirkus und Königin Meminne -ihre Referenz zu erweisen. Die Frauen ließen sich in einer Art Hofknicks auf ein Knie nieder, während die Männer mit weitausholenoer Geste den Hut abneh- men und ihn in feierlicher Posse mit aus-gestrecktem Arm vor sich hinhielten. Nachdem die Versammlung vollzählig war, übernahm Königin Mcminnes Zerc- moniennteifter. mit einem großen Stab bewaffnet, das Kommaddo und ließ vor den Trommeln sämt­liche Würdenträger, Beamte und Fahneiijungferit des Königlichen Hofes ausmarschieren. Während sie sich versammelten, rief er mit lauter Stimme:Attention! Sie Roi! Le Roi! Le Roi!" (Achtung, Der König!!) Die Trommeln schlugen einen Wirbel und die Menge rief: Helloi! Helloi! Helloi! In gleicher Weise wurde die Königin um> die Minister ,chorgestellt"

Nunmehr wurde Der Königin ein blaßgelbes sei­denes Tuch gereicht, das sic Wirkus um die Schultern legte und mit einem Knoten befestigte. Vier stäm m'ige Neger -betraten dann Die Platteform, hoben Wir- kus mitsamt dem Stuhl auf ihre Schultern und tru­gen ihn zunächst dre Unat in «er. .Halle herum. Tann schritten sie mit ihm hinaus auf den Hof, wo Die Menge ehrfurchtsvoll den Vorgängen in der Halle ge­folgt war, uns paradierten mit ihm eine ganze Weile Herum, während Das -begeisterte Volk sich in Reih und Glied zusammenschloß und hinterdrein marschierte. Alle schrien sich heiser, die Fahnen wurden gesckwenkt und die Musckelhörner geblasen. Damit sand der of­fizielle Teil der Festlichkeit sein Ense.

Hieran schloß sich eindanse Condo" und ein Schmaus an. Das dauerte, wie üblich, die ganze Nacht.

Ich habe Wirkus versprochen, in Diesem Zusam- menhang die eigentlich ganz überflüssige Feststellung zu machen, daß er weder mit der Königin Ti Me- ntinne noch mit sonst jemand verheiratet ist.

Gin Tam.vfcr mit einer aus Rum und Whisky be­stehenden Ladung ist jetzt in den Hafen von Halifax eingeschleppl wovseit, nachdem er Drei Monate infolge Maschincnvefekts hilflos umljergetricben war. Ta die Wasser- und Lebensmittelvorräte nach kurzer Zeit zu Ende gegangen waren, Hatte -die Mannschaft die letz­ten 16 Tage von kleinen Brotresten und Alkohol leben muffen.

Die heutige Nimmer umW 12 Seiten

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Verantwortlich für beit politischen Teil: Dr. Walter P e 6 n t; für das Feuilleton: German Äi» Vonau: für den lokalen Teil: Dr, Hans Joachim Glatzer; für den Heimatieil: Rudolf Gläser: für Hansel:

Dr. Hans L a n a t n b e r a: für den Svortt« Bert Svcich: Moto-Redakteur: Eduard sie fiel: für Anzeigenteil: Konrad ÄachSmanN- Berliner Lchriftleilung: Dr. Walter Thum, Ber­lin §W. 68. Druck und Verlag: Kasseler Neuem Nachrichten G. m. b. H.. Kassel. Kölnische «tratze tu.

Musik in Berlin

Von Dr. Fritz Stege.

Die Frage des Berliner Generalmusik- direktors

ist zur Zeit das Tagesgespräch Berlins. Der Schrei nach dem nmsckalischen Führer wird in allen Zeitun­gen jeder politischen Richtung zum Ausdruck gebracht. ES ist Tatsache, daß wir an den Berliner Opern­häusern nur T-itularmusikdirektoren haben, aber keinen Dirigenten mit den wirklichen Funk tonen eines. Generalmusikdirektors. In der staatsoper Unter den Linden sind Kleiber und Klemperer gleichberechtigt nebeneinander tätig, und ebenso fehlt in der Städtischen Oper die einheitliche musika- liscke Führung. Wie verlautet, hält Jndendant Ebert bereits Umschau nach einer geeigneten Per- sönlichkeit und in diesem Zusammenhang wurde be­reits der Dresdener Fritz Busch genannt. Dieser gab indessen die Erklärung ab. daß er noch keine Ge­legenheit gehabt habe, diesem Vorschlag näher.zutre- ten. Eine deutliche Abfuhr für Ebert. Man darf gespannt fern, wie sich die Verhältnisse entwickeln werden. Ein Erster Dirigent mit den Ansprüchen eines Fritz Busch würde sowieso den Sparsamkeits- rnaßnahmen der Berliner Stadtover widersprechen. Man erinnert sich der toftWigen Aera Bruno Walter, des letzten .Generals" der Städtischen Oper. Daß aber schon allein um die Ouali ät des Orchesters auf gleicher Höhe zu halten eine eiirhcit- licke musikalische Leitung vorhanden fern mußte, steht außer Frage. Merkwürdig genug ist die Tatsache, daß trotz der Zahl ses angestellter Dirigenten ein Gast aus Schwerin herbeigeholt wurde, um die Erstausführung der Oper .Friedemann Bach" von Paul Graener zu leiten.

Das 2 Pern leb en Berlins

stagniert zur Zeit vollkommen. Mehrere Wochen vergingen ohne die kleinste Neuinszenierung oder Neueinstudierung. Auch hier herrscht der Zwang zur Sparsauckcit. Das einzige Ereignis war die be­sagte Bach-Oper von Graener, dem Sechzigjährtgen. Die äußerst volkstümliche Musik fand in Berlin lei­der nicht den gleichen gediegenen szenischen Rahmen, den ich anläßlich der Uraufführung im stimmung^ vollen Hoftbeater von Schwerin feststcllcn konn.e. Es geht nun einmal bei uns nicht ohne Exverimettte. Die SBegetfierung des Prcmierenpublikums war an- gesichts der ausgezeichneten Besetzung mit Hans Fi-

desser, Mafalda Sawattni, Rosalind von Schttach u. a. wohlverdient. Trotz mancherlei Bedenken gegen das Libretto darf diese Oper als eines der sympa­thischsten musikalischen Volksstücke gelten. Graeners ' vornehme und einfallsreiche Musik sichert diesem Werk einen bleibenden Erfolg unter den sonst so minderwertigen neuzeitlichen Produktionen der Opernlitera-ur.

Das Berliner Kon zart leb en

mit dem Planlosen Nebeneinanderarbeiten der verschiedenen Konzertdirektionen zeigi das übliche Bild regellosen Durcheinanders. Nach wie vor er­freuen sich die großen Konzerte Furtwänglers eines besonderen Interesses. Eine Musterleistung ungewöhnlicher Ar, war die Aufsührmrg der Neun­ten von Bruckner, die in überaus sorgfältiger Dar­stellung unter Furtwänglers Stabführung auch die letzten äfchctischen Geheimnisse enthüllte. Es ist be­zeichnend für die Lage des heutigen Musiklebens, daß einer anderen .Neun en", nämlich der Beetbovcn- Sinfonie das Schicksal der Konzertabsage nicht er­spart blieb. Wenige Stunden vor Beginn des Kon­zertes war kaum eine Karte verkauft. Die Miete für den Saal konnte nicht hin erlegt werden, die Mitglie-der des Arbeitslosenorchesters kamen um ihr Honorar, und die Solisten, die zum Teil von außer­halb verpflichtet waren, halten teilweise nicht einmal das Gels für hie Rückfahrt. Und die wenigen Zu­hörer. die am Konzertabcnd einen verdunkelten Saal antrafen, schimpften weidlich über das hinausgewor sene Fahrgeld. Für den Dirigenten, den immerhin nicht unbekannten Paul Schetnpslug, war dieses Fiasko nicht gerade eine Empfehlung. An der ver­gleichsweisen Gegenüberstellung dieser beiden Kon­zerte Furtwängler und Zcheinpflug ersieh man wieder, daß nur der große Name und die bestmög­liche Leistung im Musikleben Aussicht auf Erfolg und Publikumszuspruch haben.

Jni übrigen sind selbst Solistenkonzerte gut besucht, Ja ausverkaust, wenn es sich um Namen von besonderer Bedeutung handelt. Tie Pianisten Edwin Fischer. Rudolf Serkin, Wilhelm Kempfs dür­fen dank ihrer anerkannten künstlerischen Fähigkei.en stets aus ein volles Haus zählen. Neue Musik meldet sich wieder etwas häufiger zu Worte. Litauische Musik von Gruodis u. a. erklang in einem Sonntags­konzert des Berliner Sinfonieorchesters, ohne son­derlich von der künstlerischen EigenHeit des Kompo­nisten icherzeugen zu können. In einem Kanwier- musiklonzert des strebsamen Michael Taube wurde eine Ballade für Klavier und Drckestcr von Vera Winogradowa aus der Taufe gehoben, ein Werk,

das in seiner Mischung von Tschaikowsky und Slra- wiusiky keinen nachhaltigen Eindruck hiincvließ. Zn einem Konzert der StaatSoper unter Leitung von Erick Kleiber machte man die Bekanntschaft mit einer gehaltlosen, äußerlichen und oberflächlichenPassa­caglia für großes Orchester" von Jaromir Wein­berger und einer charakteristischen, wenn auch moti­visch einförmigenMusik für Orchester und eine Bari« cm stimme" von Ernst Toch. Da unser General­musikdirektor Erich Kleiber in der Zahl seiner Kon­zerte von Klemperer beeinträch.igt wird, mit dem er seine Kothertreihe teilen muß, so hat er sich dazu aufgerafft, drei Veranstaltungen mit dem Philhar­monischen Orchester in der Philharmonie zu diri­gieren.

Eines der merkwürdigsten Konzerte

mit politischer Tendenzmusik war eine Ehoraus- führung des Avbeitersängerbundes in derSing­akademie". Hier hörte man dieSecks Stücke für Mannerchor" von Arnold Schönberg, die außerhalb jeder ernsthaften Diskussion stehen. Man sagte mir, daß zur Einstudierung dieser unerhört funb dabei so sinnlos) schwierigen Gesänge nickt weniger als dreihundert Proben erforderlich waren. Nicht weniger albern waren dieEhorburleskcn im Zoo" von Hugo Herrmann. Es ist geradezu eine Kater­idee, Texte von Ringelnatz zu vertonen wie das Lied vom Bandwurm, der Wctrmer batte, die ihrer­seits wieder an Würmern litten.Nachbarin, euer Fläsckchen!" Der Schluß des Kcmzertes war Jazz­musik. Foxtroitrhythmen mit sozialistischen Texten in Schlagersorin.

Einer kleinen intimen Feier

sei zuletzt noch gedacht. ImVerband der kon­zertierenden Künstler D.utschlands" fand die Ein­weihung eines neuen Konzertraumes zu Srudier- zweckcn statt. Es gab dqi geladenen Gästen ein künstlerisch wertvolles Programm, das auck auf den Rundfunk, zum Teil sogar auf beit amerikanischen Kurzwellensender übertragen wurde. Es wirkten mit Heinrick Schfttsnus, Lotte Leonard, das Kling- kr-Cuaitctt, Pros. Meyer-Mahr, Pros. Gustav Ha- vcmann, Franz Rupp, kurzum, es war eine ange­nehme Stunde wertvoller Unterhaltung, die nur durch einige alberne Witze von I. Plaut etwas ge­trübt wurde. Der Verband, der in der Konzerlwelt eine wichtige Rolle spielt, ist unter seinem neuen Vorstans nach oem Ausscheiden von Dr. Rudolf Cahu SPeyer sicherlich zu weiteren kulturell bedeu­tungsvollen Aufgaben befähigt.

Goethe und die Buchkunst der Welt^

Eine Welt-Huldigung

des Buchgewerbes in Leipzig.

Ter Verein Deutscher Buchkünstler veranstaltet anläßlich ses 100. Todestages von Goethe gemeinsam mit dem Börsenverein der Deutschen Buchhändler und dem Deutschen Buchgcwerbevcrein im Museum der bildenden Künste in Leipzig eine AlksstellungGoethe in der Buchkunst der Welt", in der die künstlerisch und techuisck einwandfrei gestalteten Ausgaben Goethescher Werke gezeigt werden sollen. Was in den letzten 30 Jahren an Goethes Werken und Büchern über Goethe in Deutschland und im Auslande erschienen ist, ein- fache und kostbare. Gesamt- und Einzelausgaben. Bücher über Goethe und Musikalien, Kalender usw.. soll hier zusammengetrageii werden. Tie National­bibliothek in Paris wird eine Auswahl der besten französischen Goctheausgabcn senden, die Aale-Uni- versität in Amerika wird ihre berühmten Goetheana zur Verfügung stellen, die Sowjetunion schickt neue russische Ausgabcu von Faust, Werther und Gedich­ten; türkische und arabische, persische, indische, chine­sische und japanische Goethcauszaben werden sas Bild vervollstänvigen.

Zwei Sonderveranstaltiingen, von denen die eine sich an die Künstler aller Länder, die andere an über hundert Buchdrucker der Welt wendet, werden die Ausstellung ergänzen. Besonders ausgewählte Künst­ler der Wett, S) deutsche und mehr als 100 des Aus­landes, werden ein besonderes Blatt zumFaust" in beliebiger Technik herstellcn, und 50 deutsche und 80 ausländische Trucker werden sich an der Goethe- Ehrung des Vereins Deutscher Buchkünstler beteili­gen. Aus England, Frankreich, Holland und Belgien, aus Dänemark. Norwegen und Schweden, aus Finn­land, Rußland, Bulgarien, Rumänien und Griechen­land, aus Oesterreich, der Tschechoslowakei und Jugo- slavien, aus Ungarn, der Schweiz, Italien, Spanien und Polen, aus der Türkei, Armenien und Aegypten, aus Amerika, Japan und China haben Künstler und Trucker ihre Mitwirkung zugesagt.

Tic Ausstclliiiig wird im Mai eröffnet werden und bis zum September dauern.

Beweis.

Mutter:Bring die Streichhölzer zum Kaufmcuut zurück!"

Sohn:Was ist damit los?"

Mutter:Sie sind nicht gut! Sic wollen nicht brennen

Sohn:Dos stimmt nicht! ^>ch habe jedes einzelne

versucht!" l.Zkew Aark Herold")