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Nummer 44*
Montag, 22. Februar 1932
22. Jahrgang
Letzte Vorbereitungen zur Reichstagstagung
Reichswehrerlaß wird interpretiert / Das Kabinett zur Bankenreform / Harter Widerstand der Chinesen in Schanghai
Am Mittwoch Kanzlerrede?
Von unserer Berliner Schrif Heilung.
tk. Berlin, 22. Februar.
Me Dispositionen für die bevorstehende Reichs la gssefsion gehen vorläufig dahin daß am Dienstag nachmittag 3 Uhr der Reichsinnenminister G r o e n er die Vorlage über den Termin der Reichspräsidentenwahl ausführlich begründen wird. Daran soll sich eine große politische Debatte anknüpfen, die voraussichtlich bis zum Freitag dauern wird, aber dann wird die Tagung des Reichstags mit der Abstimmung über die zahlreichen vor- liegendm Miß.rauensanträge höchstwahrscheinlich wieder beendet sein. An der Stabilität der für das Kabinett vorhandenen Mehrheit, die sich bei den erwähnten Abstimmungen am Freitag oder Sonnabend bewähren soll, wird in Regicrungskreisen nicht gezweifelt.
Im übrigen gilt es für wahrscheinlich, daß der Reichskanzler wohl am Mittwoch in die politische Debatte eingreifen und eine große Rede hallen wird. Jedoch ist zunächst die Sitzung des Aeitest e n r a t e s abzuwarten, der heute Abend Zusammentritt und der über alle technischen Einzelheiten der parlamentarischen Verhandlungen erst noch Beschluß fassen wird.
Friedensschluß mit der Wirtschaftspartei
Die Regierung wird durch die heutigen Verhandlungen über die Senkung der Bier st euer ihren Frieden mit der Wirtschaftspartei machen, sodaß eine Ahsplitteruna dieser Gruvpe von der jetzigen Parlmucntarischen Mehrheit nicht zu befürchten ist. Auch die Verstiinmungcn, die durch den Retchs- wohrerlaß des Ministers Groener bei der SPD hervorgerufen worden sind, werden wahrscheinlich sofort beseitiat werden. Man rechnet damit, daß der Roichswehrminister in Gestalt eines Briefwechsels mit dem Vorsitzenden der SMT eine Interpretation seines bekannten Reichswehrerlasses herausgeben wird, weil dieser Erlaß nicht nur bei der SPD sondern auch bei der Staatspartei und in anderen Kreisen Kritik bervoraerufen da». De'niäch dürfte das Kabinett Brüning also Ende dieser Woche kaum auf parlamentarische Schwierigkeiten stoßen.
Oie Bankenreform
Heute wird sich das Kabinett noch einmal mit der Frage der Bankenreform beschäftigen, um einige Ergänzungen zu den am Sonnabend bereits festge- lcgten Beschlüssen vorzunehmen. Dieses Material soll noch im Laufe des heutigen Abends durch Notverordnung geregelt werden, und der Reichsfinanz- ministcr Dr. Dietrich hat bereits für heute abend einen Rundfunkvortrag über das gleiche Thema angekündigt
Bekanntlich ist das Kabinett seit längerer Zeit schon bemüht, diese außerordentlich schwierige Materie noch vor dem Zusammentritt des Reichstages zum Abschluß zu bringen. Es wird sich dabei in erster Linie um weitgehende Kapitalsschnitte bei einer Reihe großer Privatbanken, sowie um neue Zusammenlegungen handeln. Dem Vernehmen nach wird vor allem der Zusammenschluß der Danatbank mit der Dresdener Bank perfekt werden,
und dabei wird eine Zusammenlegung der alten Aktien beider Banken im Verhältnisse von 10 zu 3 vorgenommen werden. Die Vorzugsaktien des Reiches, die aus der Sanierung der Dresdener Bank stammen, werden günstiger behandelt. Tas neue große Institut, welches aus der Dresdener Bank und der Danatbank bestehen wird, mutz selbstverständlich neues Kapital erhalten, und zwar ist dabei beabsichtigt, daß die Reichsbank bzw. die Reichsregierung einen Teil dieser neuen Aktien übernehmen wird, d. h. also erhebliche Geldsummen dafür zur Verfügung stellen wird
Auch personelle Veränderungen sind mit dieser Bankenreform verbunden.
Wie es heißt, wird Jakob Goldschmidt vollkommen ausscheiden und wird die Leitung einer neuen Privatbank übernehmen. In die Direktion der neuen großen Bank wird Direktor Ritscher von der Reichskreditgesellschaft eintreten, während von der Tanat- bank der Staatssekretär a. D. Bergmann und der Geschäftsführer Bodenheimer hinzukommen. Bei der Deutschen Bank ist eine Zusammenlegungen des Kapitals im Verhältnis von 5 ;u 2 beabsichtigt. Man wird jedoch wegen aller Einzelheiten die Bankbilanzen abwarten müssen, die zum großen Teil im Laufe des heutigen Tages in die Oefsentlichkeit gelangen dürften.
Reben der Frage der Bankenreform wird sich das Kabinett auch sehr crnschaft mit der Biersteuer- senkung zu befassen haben. Am Sonnabend abend
ist — wodurch insbesondere der oben erwähnte Friede mit der Wirtschaftspartei hergestellt wurde — ein offizielles Kommunique veröffentlicht worden, in welchem eine
Senkung der Biersteuer
zum 1. April in Aussicht gestellt wurde. Bisher hat man in Regierungskreisen immer auf dem Standpunkte gestanden, daß eine Senkung der Biersteuer aus Etatgründen und außenpolitischen Erwägungen nicht angängig sei. Inzwischen hat man aber Berechnungen darüber angestellt, daß die Biersteuer, wenn man ihre Sätze senkt, bei einem gesteigerten Bierkonsum ein größeres Aufkommen erbringen würde als bei den jetzigen Sätzen und bei einem derart zurückgegangenen Konsum, wie er augenblicklich besteht. Man erwartet von einer Senkung der Biersteuer eine ganz außerordentliche Steigerung des Bierkonsums, sodaß damit die Aussicht besteht, durch eine Senkung der Biersteuersätze ein nicht verkleinertes, sondern vergrößertes Aufkommen zu erhalten.
Kandidiert Hitler?
th Berlin, 22. Februar.
Die Besprechungen der Harzburger Front über die Aufstellung von Gegenkandidaturen haben noch nicht zum Abschluß geführt, aber die Möglichkeit einer Einheitskandidatur wird imincr gcringer einge-
Tokio, 22. Februar.
Bon amtlicher Seite wirh erklärt, daß die Operationen bei Schanghai, durch die die 19. Chinesische Armee 20 Kilometer zurückgedrängt werden soll, eine Woche bis zehn Tage beanspruchen werden. Dann sollen die japanischen Truppen sich h'nos der besetzten Linie in der Verteidigung halten, bis die Verhältnisse eine Zurückziehung der Truppen rechtfertigen lassen oder bis eine Vereinbarung über eine neutrale Zone abgeschlossen ist.
*
Wenn man demnach in japanischen Kreisen die militärischen Schwierigkeiten in Schanghai jetzt doch als recht bedeutend einzuschätzen scheint, so dürfte
Fort
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das auf den erbitterten Widerstand der Chinesen, die am Sonnabend di: Schlüsselstellung im Norden Schanghais verloren, dann aber in der Nacht zum Sonntag zurückerobert hatten, zurückzuführen sein. Wir verzeichnen folgende Darstellung der Kampftage:
Schanghin, 22. Februar. Der Kamps um Schang- hin ist am Sonntag wieder heftig entbrannt. In der Nacht zum Sonntag haben die Chinese» Kiang- w a n, die Schlüsselstellung im Norden Schanghais, zurückerobert. Dix Japaner hielten lediglich den Rennplatz östlich und einige strategische Punkte. Ki- angwan wurde den ganzen Sonntag über mit schwerem Geschütz beschossen, jedoch hielten die Chinese« ihre Stellung. Die Japaner melden, daß das Bom bardement gute Erso'ge zeitigte, so daß die Aussichten aus einen Durchbruch sich verbessert hät.cn.
Während des Sonntags zogen die Japaner Trup-
schätzt. Dagegen taucht neuerdings die Vermutung auf, daß A d o f Hitler vielleicht doch noch persönlich sich als Kandidat der Nationalsozialisten aufstellen lassen wird.
Dafür spricht unter anderem eine Aeußerung des Berliner Korrespondenten des „Giornale d'Jtalia". Dieser Korrespondent hat gestern im Kaiserhof eine Unterredung mit Adolf Hitler gehabt und er berichtet darüber, datz er die Antwort, die Hiller ihm auf seine Frage der Präsidentschaftskandidatur gegeben habe, nicht ohne weiteres veröffentlichen könne, aber er habe den Eindruck gehabt, daß sich in Deutschland die beiden Systeme, vertreten durch ihre volkstümlichsten Persönlichkeiten, alsbald gegenüber stehen würden.
Aus diesen Aeußerungen des italienischen Korrespondenten wird in Berlin der Schluß gezogen, daß es im Wahlkampf um die Präsidentschaftsnouwahl unter Umständen doch zu einer Gegenüberstellung Hitler- Hindenburg kommen könnte.
Frankreich und der Rediskontkredit
London, 22. Februar.
Die „Financial News" meldet, daß für den Fall einer Weigerung der Bank von Frankreich, ihren Anteil am Reichsbank-Rediskontkredit zu verlängern, die fraglichen 25 Millionen Dollar von anderer Seite bereitgestellt würden. Man könne Frankreich nicht gestatten, seinen verhältnismäßig kleinen Anteil dauernd politisch zu mißbrauchen und dadurch die finanzielle Festigkeit Deutschlands zu gefährden.
.Man.könne jetzt endlich sicher sein, daß das Stillhalteabkommen nicht zu Fall gebracht werde. Die Verhandlungen, die dieses Risiko glücklich beseitigten, hätten in ihrem Ergebnis auch den Weg zur Herabsetzung des englischen Bankdiskonts geebnet.
pen aus der Wusung-Gegend heran. Es wurde eine Armeegruppe gebildet, die den Befehl hat, durch Kiangwa« und Tasang durchzustoßen. Eine zweite Gruppe setzte südlich von Kiangwan zum Vorstoß aus Tschenju an, wo sich das Hauptquartier des chinesische« Oberbefehlshabers befindet, ohne aber Fortschritte zu machen, obwohl hier Tanks Verwendung sanden. Bisher sind die Kämpfe an die Hauptverteidigungsstelle der Chinesen, die acht Kilometer westlich der Schanghai-Wusung-Eisenbahn verläuft, noch nicht herangetragen worden.
Schanghai, 22. Februar. In den Morgenstunden des Montag wurde das Feuer an der ganzen Front nach kurzer Waffenpause durch die japanische Artillerie wieder ausgenommen und von den Chinesen erwidert. Während der Nacht waren hauptsächlich die Stellungen verstärkt und befestigt worden. Die Japaner versuchten am Montag früh an mehreren Stellen mit Jnsanterieabteilungen durchzustoßen. Ihre Bewegungen wurden jedoch durch den dichten Nebel behindert. Die Lage in Wusung ist trotz der ununterbrochenen japanischen Beschießung unverändert. Die Chinesen, die neue Munitionslieferungcn erhalten haben, scheinen nach verschiedenen Anzeichen nunmehr selbst zum Angriff überzugehen.
„Sentiments" und Notwendigkeiten
Was Japan nicht beabsichtigt.
London, 22 Februar.
Der japanische Außenminister Joschisawa erklärt in einer Verlautbarung: 1. Japan beabsichtigt nicht, ans Dem Völkerbund auszutreten, denn durch sein Verbleiben kann es übereilte Handlungen verhindern. Japan ist stolz auf seine Arbeit im Völkerbund, und die jüngsten Ereignisse haben Japans Achtung vor der Weisheit des Völkerbundrates (!) nur vermehrt.
2. Japan beabsichtigt nicht, sich dem Kelloggpakt oder dem Neunmächteabkommen zu entziehen.
3. Japan beabsichtigt nicht, chinesisch-japanische Gebiete südlich der Großen Mauer dauernd zu besetzen oder Teile der Mandschurei einzuverleiben.
4. Japan will die überlieferte Freundschaft mit Amerika und England, die einen hervorragenden Teil seiner Außenpolitik ausmacht, nicht aufgeben. Nicht nur „Sentiments", sondern auch Skonvendigkeiten veranlassen Japan zur Aufrechterhaltung der freundschaftlichen Beziehungen zu diesen Mächten.
5. Japan erwägt keine Schritte gegen Rußland, die chinesische Ostbabn oder irgend eine andere Eisenbahn, an denen ausländische Mächte ein Interesse haben.
Keine Forifchriite der Japaner
Eigener Drahtbericht.
Japans gewagtes Spiel
Von Dr. Paul Rohrbach.
Der japanische Angriff auf Schanghai ist ein schwer begreiflicher Schritt — solange man nicht die Rückwirkungen des chinesischen Boykotts gegen die Wareneinfuhr aus Japan nach China zur Erklärung heranzieht. Sie ist in so hohem Grade eine Lebensfrage für Japan, daß keine politische Handlung der Japaner unabhängig von ihr zu denken ist.
Während meines Aufenthaltes in Japan im vergangenen Herbst konnte ich selbst beobachten, wie der zunehmende Bevölkerungsdruck auf die ausgesprochenen wie auf die unausgesprochenen Tendenzen der japanischen Politik wirkt. Alt-Japan, ohne die Nordinsel Hokkaido, wo wegen des kalten Klimas Japaner sich nur ungern ansiedeln, hui fast 60 Millionen Einwohner und ist nur etwa so groß, wie die Halbinsel Italien. Sein anbaufähiger Boden macht aber nur ein Drittel der Gesamtoberfläche aus, und auf ihm drängt sich die Bevölkerung in unerhörter Weise zusammen. Sie könnte schon lange nicht mehr auf dem beschränkten Raum existieren, wenn nicht das Meer eine Fülle von Fischnahrung darböte. Dies ist die eine große Nahrungsreserve für das japanische Volk. Die andere ist die Industrialisierung für den Export.
In früheren Jahrhunderten, als cs noch keine japanische' Exportindustrie gab, brauchte man et« anderes Mittel, um den Bevölkerungsdruck in erträglichen Grenzen zu halten. Während der ganzen Tokugawazeit, vom 17. bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts, ist die Einwohnerzahl Japans nicht über 30 Millionen gestiegen. Mit dem 3. oder 4. Kind war die Familie in der Regel vollzählig; Kinder, die darüber hinaus noch geboren wurden, kamen nicht dazu, „das Licht der Welt zu erblicken". Mit der Reformära, die in den 60cr und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts sich durchsetzte, wurde das anders. Jetzt galt eine neue Parole: Der Kaiser braucht Soldaten! Bei dem Census von 1874 wurden 34 Millionen Japaner gezählt. Seitdem ist die Bevölkerungszahl unerhört rasch angestiegen. Gegenwärtig beträgt der Jahreszuwachs 0,9 Millionen. In einem Jahrzehnt wird Alt-Japan 70 Millionen und das ganze japanische Reich, mit Formosa, Korea usw., gegen 100 Millionen Menschen zählen.
Ich wurde in Japan einmal gebeten, in einem Kreise politisch interessierter Persönlichkeiten einen — deutsch gesprochenen und ins Japanische übersetzten — Vortrag über das Problem der Uebervölke- rung zu halten. Diese Diskussionen sind ein Symptom dafür, wie sehr die Frage verfolgt wird. Ich führte aus, daß es drei Mittel gegen die Uebervölke- rung von Ländern wie Japan oder Deutschland gibt: Auswanderung, Jndustriealisterung, Geburtenbeschränkung. Die letztere fängt an, in Japan Gegenstand einer vorläufig noch mehr theoretischen Erörterung zu werden. Die alte harte Methode der Tokuga- ivazeit läßt sich nicht wieder einführen, und die modernen Methoden lassen sich in einem Volk wie dem japanischen nicht ohne weiteres verbreiten. Länder, in die eine japanische Auswanderung größeren Maßstabes geleitet werden könnte, gibt es nicht. Korea ist schon stark bevölkert, und in der Mandschurei kann der japanische Bauer mit dem viel härteren und bedürfnislosen Chinesen nicht konkurrieren
So bleibt nur Die Jndustriealisierung. Ties war auch Das Ergebnis Der vorhin erwähnten Aussprache. Industrialisierung aber ist für Japan gleichbedeutend mit Offenhaltung und Ausdehnung des chinesischen Marktes. Ich habe mit japanischen Politikern, Nationalökonomen, hohen Beamten, Professoren gesprochen und bin immer auf den Ausdruck Der selben Ueberzeugung gestoßen: Der japanische Markt ist eine Lebensnotwendigkeit für Japan!
Ter Warenboykott gegen Japan begann in China schon vor Ausbruch des Konfliktes über die Mandschurei, weil Japan 'chi Der chinesischen Forderung Nachkommen wollte, seine exterritorialen Rechte, Gerichtshoheit über seine eigenen Untertanen in China, aufzugeben. Warm« die Japaner die Okkupation der Mandschurei durchgeführt haben, ist eine Frage verwickelter Natur, die hier außer Erörterung bleiben mag. Tie Rücksicht, einen Absatzmarkt von 30 Millionen Menschen (trotz aller Versicherungen wegen der offenen Tür) praktisch für Japan zu monopolisieren, hat hier auch mitgespielt. Vor dem Völkerbund hat man keine Angst; der wird in Ostasten nicht League of Nations genannt, sondern League of Humbugs. Tie Sache in Der Mandschurei zieht sich aber länger hinaus, als die Japaner gedacht haben. Die Chinesen geben nicht nach, und der Boykott schneidet die Japaner immer tiefer ins Fleisch. Japan kann Den völligen Ausfall des chinesisckieit Marktes, der normaler Weise den Hauptteil des japanischen Exports aus nimmt, einfach nicht länger aushalten. Tie japanische