Nr 39
Kasseler Neueste Nachrichten
Dienstag, 16. Februar 1932 2 Beilage
DER KURIER ZWEIER KAISER
Odyssee eines deutschen Agenten in Abessinien / Von Rene Kraus
XI.
Das Dokument in der Dolchscheide
Das Danacil-Land, ein schmaler Streifen, der Abes- slmen mit der Küste des Roten Meeres verbindet ein« Sep»anflt zwischen Französisch-Somali und ver italie- nlzchen timtraca, ist neutraler Bosen, der beim Streit um die Abgrenzung der Kolonien übrig blieb. Holtz vermerdel es aufs allerpeinlichste, das neutrale Land Zu verlassen. Es wäre wahrscheinlich möglich gewe- >en, über die an der Küste gelegene Landschaft Sa- gallo zur Küste zu gelangen, von der aus er arabische», Boven zu erreichen hofft. Aber obgleich keine menschliche Seele Viesen Landstrich bewohnt, hütet er sich Doch vor jeder Provokation. Er hält es streng mit bem Völkerrecht. Die Franzosen, wir werden es gleich sehen, sino nicht so engherzig.
Auf dem Boden der Daneali, nahe der Küste, lagert er. Einen Tagmarsch von Abu Bkr Pascha entfernt, dessen Freundschaft er sehr mit Recht mißtraut. Die Küste ist von französischen und englischen Schiffen blockiert. Die ganze Flottille ist ausgeboten, ven Deutschen abzufangen, sobald er Vie Meerenge zu überschreiten sich unterfängt. Holtz weiß, was auf dem Spiele steht. Es geht um sein Leben. Aber mehr noch, sagt er sich, um die Sicherheit ver ihm anvertrauten Papiere. Er wird gut daran tun, sich von diesen zu trennen. Auf ihn selbst macht ja das ganze interalliierte Kolonialheer Jagd, das er nun schon an die fünf Monate in Bewegung hält. Sein Leben ist in jedem Augenblick bedroht und wenn es ihm gelingt, sich zu den Türken durchzuschlagen, hat er den Haupttreffer in der Lotterie gezogen, das Weitz er.
Er entschließt sich, den! Scheich Issa, einem der vertrauenswürdigen unter den braunen und schwären Fürstlichkeiten, die seinen Weg kreuzten, die wichtigsten Papiere anzuvertrauen. Sie werden in die Lederscheide eines landesüblichen Dolches eingenäht. Scheich Jffa erbietet sich zu einem Schwur, daß er den kostbaren Dolch dem türkischen Oberkommandanten Said Pascha überreichen werde. Holtz verzichtet. Er weiß, daß ein Moslem sich einem Christen gegenüber doch nie gebunden fühlt. Die in Aussicht gestellte Belohnung, die Said Pascha auszahlen soll ist eine stäri re Bindung denn alle Schwüre. Tatsächlich wurden die Dokumente auch ordnungsmäßig über« liefert und vom türkischen Hauptquartier auch nach Berlin weiterbefördert. So hat Arnolv Holtz, der deutsche Kurier, seine Pflicht erfüllt. Er hat diese Pflichterfüllung freilich mit unsagbaren Leiden und Grauen zu bezahlen.
XII.
Die tödliche Schlinge
Holtz weiß, daß die Lage unhaltbar geworden ist. Seine Karawane ist durch die Erschöpfungen dieser fünf Monate aufgerieben. Viele der Reitkamele und der Maultiere sind gestohlen. Seine Truppe, von Haus aus verdächtig genug, ist durch Desertion und fremden Zuzug zu einem noch unzuverlässigeren Hausen schwarzer Abenteuerer herabgesunken. Er mutz es dulden, daß Spitzel und Spione ihn auf Schritt und Tritt begleiten, ja, mit längst durchschauten Verrätern wie dem König Loeta und dem Sklavenhändler Abu Bekr muß er Freundschaft halten, weil er gegen einen bewaffneten Ueberfall machtlos wäre. Seine wenigen Getreuen >hat er als Boten nach verschiedenen Richtungen sortschicken müssen. Seine Geldmittel gehen zu Ende. Seine körperliche Widerstandskraft ist aufgeriehen.
Noch hält er sich auf einem sicheren Ort auf. Aber alle Bewegung ist ihm abgeschnitten. Auf der Meerenge kreuzen die französischen Schiffe zur Menschenjagd. Uniformierte Senegal- und Somalineger versuchen unter der wehenden Trikolore Ueberfälte auf den neutralen Boden, um des gottverfluchten Deutschen endlich habhaft zu werden. Verrat, Raubgier und Blutdurst umwittern ihn.
Am 28. August 1917 zieht Holtz sich mit den Trümmern seiner Karawane an den Salzsee von Assal zurück. Hoch auf dem Felsuser wird das Lager aufge
schlagen. Am nächsten Morgen erscheint Abu Bekr, des Sklavenhändlers Bruder Ebrahim mit vierzig Somali. Sie sind ihrem deutschen Freund nachgestiegen. Noch sind sie Freunde. Es dauert einige Zeit, bis ver Orientale seine Maske fallen läßt. Schließlich fragen sie: Was zahlt der deutsche Bruder, wenn wir ihn den richtigen und sicheren Weg führen, den einzigen, auf dem die Franzosen ihm nicht auflauerten.
Holtz pariert den Erpressungsversuch. Schön, sagt er nach einiger Verhandlung, sie wollen sich am nächsten Tage am Ceeaitoberg treffen. Die Somali ziehen sich hochbefriedigt zurück. Beim Morgengrauen aber marschiert Holtz mit dem Reste seines Rudels statt zu dem vereinbarten Treffpunkt westwärts, um womöglich noch lebens die abessinische Grenze zu erreichen. Er mißtraut dem sranzösischen Respekt vor Völkerrecht uno Neutralität des kleinen Dancali- landes.
Auch in die Reste des Rudels haben sich Verräter eingeschlichen. Ein paar Stunden dauert der Marsch. Zu Mittag, im glühenden Sonnenbrand, wird Rast gemacht. Plötzlich taucht ein Haufen bewaffneter Schwarzer auf. Sind das schon die Schlächter? Nein, Freuno e, Freunde, Freunde! Sie wollen nur mitteilen, daß jeden Augenblick Franzosen da sein können. Und Patronen wollen sie für ihre Flinten haben, die von Allah verdammten Franzosen totzuschießen und ven deutschen Bruder zu schützen. Holtz verjagt die Aasgeier. Da stimmen sie ihren Kriegsgesang an; eine alte Vettel, hochgeehrte Seherin, führt den'Chor. Unverständliche Rhythmen münden in einen sehr verständlichen Schrei: Sie kommen! Sie kommen!
Auf der Höhe des Bergrückens ist eine im Laufschritt heranmarschierende Truppe zu scheu. Die Entfernung beträgt noch drei Kilometer. „Zu den Waffen!" kommandiert Holtz. Aber keine Hand voll Leuten umgibt ihn mchr. In wilden Sprüngen reißen Araber, Somali, Dancali aus, trotz aller Todfeindschaften aus der Flucht brüderlich vereint.
Die französische Truppe steigt den Berg hinab Vo»n Hügel aus sind Maschinengewehre auf vas armselige deutsche Laaer aericktet. Sie haben zumindest zweihundert Mann. An Widerstanv ist nicht zu denken Der Negerkoch Jussuf befestigt das weiße Tisch- tuch auf einem langen alten Stock als Parlamentärflagge. Indem er sie heftig schwingt, geht er dem weißen Offizier im Tropenanzug, der die Somalisoldaten befehligt, entgegen.
Aber was liegt an einem kleinen Völkerrechtsbruch mehr, wenn dieser ganze Ueberfall auf neutralem Boden eine Verhöhnung allen Völkerrechtes ist? Dem französischen Leutnant,Mermet heißt der Evle, ist die weiße Fahne hochgradig gleichgültig. „Feuer!" kommandiert er und schon knattert es von den Maschinengewehren uno aus der Schützenlinie. Unmittelbar neben Holtz, der hochaufgerichtet stehen bleibt, fallen drei seiner Araber. Es waren noch fünf oder sechs Mann von ihnen va, aber Nun entfliehen auch sie in langen Sprüngen.
Einsam steht der deutsche Kurier. 200 Mann mit einer Masckinengewchrabteilung umzingeln ihn. Der erste Held, der ihn anspringt, ist der französische Sergeant Perou. Ein rascher Griff — und schon ist Vie goldene Taschenuhr gestohlen. Darauf verhaften sie ihn im Namen der französischen Gesetze: Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!
XIII.
Französische Damen — Mohammedanisches Volk
Drei Tage und drei Nächte Fußmarsch bis ins französische Gebiet. Der Leutnant Merlet treibt seine Schwarzen zur Eile an, denn er ist sich der Widersetzlichkeit des Aufenthalts feiner Truppe auf neutralem Boden wohl bewußt. Er möchte ihn seo sehr als
Dänemark plani die längste Brücke Europas
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Das dänische Parlament ist zur Zeit mit der Beratung eines großen Eisenbahnbrückenprojektes beschäftigt, dessen Unkosten sich auf 75 Millionen Kronen, die auf 9 Jahre verteilt werden sollen, beziffert werden. Der vom dänischen Verkehrsminister eingebrachte Gesetzentwurf sieht den Bau einer Hochbrücke über den Storström vor, deren Länge mit 3300 Metern alle anderen europäischen Brücken übertreffen wird. Die Brücke soll neben den Eisenbahnlinien auch eine Autostraße aufnehmen, und so die Verbindung auf der Strecke Kopenhagen—Warnemünde bedeutend beschleunigen. Links: Das Brückenprojekt über den Storström, das an die Stelle der Fährverbindung Masuedö—Orehoved zwischen Seeland und Falster treten soll. Oben: Situationsplan für die durch den Brückenneubau erschlossene Verkehrsoerbindung. Unten: Die geplante Storchröm-Brücke in ihrer gesamten Ausdehnung.
möglich abkürzen. Er sitzt hch zu Roß, tue Schwarzen besteigen die erbeuteten Rettmaultiere, Holtz schleppt sich mit blutenden Füßen über den steinigen Boden. In diesen Brei Tagen wird er mit etwas schwarzem Kaffee und steinhartem Zwieback genährt. Sie haben sein Rcitkamel geschlachtet und bieten ihm davon Schnitzel an Er schaudert zurück. Die Franzosen Haden ihren Train. Da fehl; es an nichts.
Am dritten Abend ziehen sie im französischen Grenzfort Ali Sabieh em. Eine versoffene Siegesfeier beschließt die fünfmonatliche Menschenjagd. Holtz ist in einer stinkenden Zelle eingesperrt. Er muß auf nacktem Stein schlafen. Nahrung erhält er überhaupt nicht. Im Morgengrauen, als ine Siegesfeier im Fort den Höhepunkt erreicht, erscheint ein Sergeant im Auftrag des Höchstkommandierenden, des Leutnants Grange. Dem Holtz werden Hände und Füße mit Stricken zusammengebunven. In diesem Zustand muß er noch Brei Tage und drei Nächte verbringen. Trotz aller Grausamkeiten, die im grausamsten und fürchterlichsten aller Kriege vorgekommen sind, kann man wohl behaupten, daß kein zweiter Fall geschah, in dem ein Gefangener, ver zugleich eine offiziell akkreditierte Diplomatische Persönlichkeit war, in solch viehischer Weise gemartert wurde.
Am dritten Tage wird er mit Fußtritten und Kolbenschlägen auf die Eisenbahnstation geprügelt. Der Zug steht schon da. Aber er darf ihn nicht besteigen. Er muß zwei Stunden lang im Wüstensand liegen, als Schauobjekt für die Eingeborenen, die ans dem ganzen Lande zusammenströmen. In diesem Wahnsinn steckt Methode. Die Gestalt des gefesselten, feit sechs Tagen ungewaschenen und unrasierten Deutschen, dem die Kleider in Fetzen vom Leib hängen und der sich da im Wüstensand windet, von zwanzig Negersoldaten bewacht, soll so recht den Nnierschicd zwischen der französischen Herrlichkeit und dem deutschen Elewb klar machen, umso deutlicher, als es im ganzen Land kaum einen Schwarzen gibt, der Arnold Holtz, den deutschen Kurier, nicht gekannt oder respektiert hätte.
Mit der Winkelbahn in die Kolonialhauptstadt Djibouti. Die lebende Siegesbeute wird unter ungeheurem Zeremoniell ausgeladen. Vom Gouverneur bis Mm letzten schwarzen Sklaven ist alles am Bahnhof versammelt. Auf klingt die Marseillaise. Die Trikolore weht im Wind. Eine Kolonne Soldaten marschiert. In ihrer Mitte das deutsche Menschenwrack.
„Vive la France!" jubelt das Spalier. Am wildesten jubeln die Damen der französischen Kolonie. Endlich einmal ein erregendes Schauspiel in dieser Einsamkeit, die an Erregungen so arm ist. Nun können sie sich austoben. Die Damen sind es, die sich auf den Gefangenen stürzen, um ihn zu lynchen. Die Wache muß fein Leben retten.
Die mohammedanische Bevölkerung von Dftbouli ist inzwischen durch einen doppelten Polizeikordon vom Bahnhof weggesperrt. Man fürchtet eine Sympathiekundgebung für Deutschland.
(Fortsetzung folgt.)
HEUTE
VOR HUNDERT JAHREN
16. Februar.
.... werden in Washington, das 19 000 Einwohner zählt, 400 Branntwetnhändler statistisch sestge- stellt. Auf jeden Einwohner kommt ein jährlicher Verbrauch von 26 Quart Branntwein. Die Vereinigten Staaten verlieren jährlich fast 95 Millionen Dollar durch IM Pationallaster des Trunks. Es gibt 12009 Gefangene in den Staaten, dreiviertel davon sind verurteilt wegen Verbrechen, die sie in der Trunkenheit begangen haben.
*
. . . überreicht eilt Abgeordneter des englischen Unterhauses eine Petition, in der die Abschaffung der Todesstrafe bei ^Verbrechen gegen das Eigentum gefordert wird.
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. . . verfertigt in Nürnberg ein Büttnermeister Wild Waschmaschinen, die kaum 5 Taler kosten. Die Ersparnis an Holz, Seife, Zeit und Schonung der Wäsche soll außerordentlich sein.
. . . bricht wider Erwarten die Cholera doch noch in London ans.
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, . . entweichen einige Inhaftierte ans dem Pariser Gefängnis, indem sie eine täuschend nachgemachte Puppe für die Kontrolle ins Bett legen. Der „Visitator" fällt auf diesen Streich auch richtig hinein, die Gefaugennen können flüchten.
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