Hummer 34*
Mittwoch, 10. Februar 1932
22. Jahrgang
Hessische Abendzeitung
!$ 111 breite 3etle 45 A C. fertgebubr 25 A (bet Zustellung 85 A I. — Für das Erstbeinen von Anzeigen tu Ausgaben, an befonbeien Platzen und für televbonifch erteilte Äustrige keine Gewahr. Rechnungsbeträge innerhalb von 5 Tagen zahlbar. Geriwisnanb Kassel. — Postscheckkonto Frankfurt a. M. 6380k
Kasseler Abendzeitung
’’n ,?on höherei Geivali besteht kein Ansvruch auf Lieferung der Zeitung oder auf SUckzahIung des Bezugsvrenes Erlagt.Lckmttleuung und Druckerei: Kölnische Strabe 10. - Televhvn: Sammelnummet 6800 Furtitnche svrechuunde» Dienst.,«» und Freitags 17—10 Uhr Kölnische Strabe 10 L
_ Einzelpreis *10 Pfennig
Kasseler Neueste Nachrichten
//Ohne Gerechtigkeit kein dauerhafter Friede!"
Italien gegen die Politik der Rüstungen und der nackten Ichsucht / Dor Hindenburgs Entscheidung / Rings um die Brüningrede
Präsidentenwahl und Kabinettsfrage
Von unserer Berliner Schriftleitung.
th. Berlin, 10. Februar.
2« Reichskanzler, der gestern abend 6 Uhr t»on Genf abgereist ist, wird heute mittag 1 Uhr 43 totebcr in Berlin Eintreffen. Für heute nachmittag ist eine Kabinettssitzung anberaumt, in der vor allem die Bankenreform erledigt werden soll. Dann wird sich jedoch der Kanzler sofort init den sonstigen innerpolitischen Problemen, vor allem mit der Präs ident schafts frage und mit der Kabinettsfrage zu beschäftigen haben.
Durch die Anwesemhpt Hitlers in Berlin und durch die Verhandlungen, die gestern zwischen Nattonalsozialisten, Deutschnationalen, Stahlhelm und Kyfshäuserbund geführt worden sind, sind diese Probleme wieder besonders akut geworden.
Verhandlungen durch Mittelsmänner
Die Verhandlungen, an denen auch der Staatssekretär Meißner beteiligt ist, sind gestern allerdings mit großer Vorsicht, im wesentlichen durch Mittelsmänner geführt worden. Der Reichspräsident Hai sich über die Annahme einer Kandidatur noch nicht geäußert, wie man hört, möchte er sich gern nicht nur auf die Stimmensammlung des unter dem Vorsitz des Berliner Oberbürgermeisters stehenden Ausschusses stützen, sondeni er legt Gewicht auf die Beteiligung einiger größerer Organisationen, wie z. B. Stahlhelm und Kyfshäuserbund. Bei diesen Verbänden hat sich in den gestrigen Besprechungen zweifellos eine gewisse Neigung herausgestellt, für Hindenburg zu wählen, aber zunächst sollen die Verhandlungen mit den Nationalsozialisten und den Deutsch- nationalen abgeschlossen werden. Ob es dabei zu einer Einigung auf einen Gegenkandidaten der Rechten gegen Hindenburg oder zu einem Einschwenken in die Hindenburgfront kommt, ist augenblicklich noch nicht sicher vorauszusagen.
Vor allem aber erscheint es dringlich, daß der Reichspräsident persönlich alsbald zur Kandi- datenfrage St e l l u n g nimmt. Wahrscheinlich wird der Reichskanzler dem Reichspräsidenten heute oder morgen die Bitte um eine Acutzerung in dieser Frage vortragen, weil damit erhebliche Unsicherheitsmomente aus der Welt gesck»asft würden.
Hitler spricht im Sportpalast
Die Nationalsozialisten haben gestern abend eine große Kundgebung im Berliner Sportpalast veranstaltet, an der Adolf Hitler teilnahm und die im wesentlichen in einem Aufmarsch der SA.-Forma- i i o n e n bestand. Dazu waren in erster Linie die Vertreter der ausländischen Presse und einiger ausländischer Gesandtschaften eingeladcn. Diese Tatsache wurde damit erklärt, daß der Parteileitung der NSDAP, daran gelegen war, dem Auslande vor Augen zu führen, daß die SA.-Formationen keine Vereinigungen seien, die politisch oder militärisch als gefährlich betrachtet werden müßten.
In politischen Kreisen bestand gestern abend die Erwartung, daß diese Kundgebung im Sportpalast zugleich die Einleitung einer Aktion zur Stimmensammlung werden sollte, wobei es sich aber nicht um die Aufstellung Hitlers als Kandidaten für die Prä- dcntschaftswahl. sondern um eine Stimmensammlung für eine rasche Einbürgerung Adolf Hitlers in Deutschland handeln sollte. Diese Erwartungen haben sich nicht bestätigt, und auch zu der P r ä s i d e n t e n- frage hat Hitler nur einige allgemein gehaltene Sätze gesprochen, aus denen nichts Bestimmtes über die weiteren Absichten der Nationalsozialisten entnommen werden konnte.
Gerüchte über Gerüchte
Im übrigen haben die Besprechungen zwischen Nationalsozialisten und Deutschnatwnalen, sowie den oben erwähnten Verbänden wieder Anlaß zu einer Reihe von Vermutungen und Erörterungen gegeben, die jedoch mit großer Vorsicht auszunehmen sind, weil sie nicht auf sicherer Basis stehen und außerdem von Tag zu Tag eine wechselnde Gestalt zeigen. So ist z. B davon die Rede, daß die rechtsstehenden Parteien eine Entscheidung bis zum Zusammentritt des Reichs ages hinausziehen möchten Andererseits wird davon gesprochen, daß die Nationalsozialisten die Entscheidung auch gegen die Deutschnationalen durchkämpfen wollen Alle diese Dinge sind unsicher und widerspruchsvoll, und man wird den weiteren Verlauf der Besprechungen abwarten müssen, die heute ihren Fortgang nehmen.
Dagegen bedarf ein Gerücht der stärksten Zurück Weisung, welches von der „Neuen ZüricherZet- tnn g* verbreitet wurde und worin gesagt war. daß zwischen dem Reichspräsidenten dem Reichskanzler und dem preußischen Miuisterprästdenlen eine Art Pafz zur gegenseitigen Unterstützung in den jetzigen
politischen Fragen abgeschlossen worden sei. Diese törichte Behauptung wird sowohl von der Reichsre- gicrung wie von der preußischen Regierung auf d a s schärfste in Abrede gestellt.
Zusammenfassend läßt sich die gegenwärtige Lage durch folgende Formel charakterisieren: Für die Parteien per Opposition der Rechten steht nach wie vor der Kamps gegen das Kabinett Brü- ning an erster Stelle, und der Kampf um die Reichspräsidentenschaft an zweiter Stelle. Findet der Reichs
präsident von Hindenburg sich bereit, das Kabinett Brüning zu einem Rechtskabinett umzubilden (die Bedingungen sinv nicht mehr so hoch wie im Anfang, wo man einen Kanzler Huzenberg und nicht nur einen Innenminister Gördeler neben einem Kanzler Groener verlangte), so wird die Rech e ihre Stimmen bei der Präsidentenwahl für Hindenburg abgeben . Hält Hindenburg an Brüning fest, so will die Rechte gegen Hindenburg stimmen und einen, oder wenn dies nicht gelingt, mehrere eigene Kandidaten aufstellen Damit soll dann Hindenburg veranlaßt werden, überhaupt auf eine eigene Kandidatur zu verzich en, und mit einem endgültigen Rücktritt Hindenburgs hält man auf bcr Rechten das Kabinett Brüning erst recht für endgültig erledigt.
Dieses System kann nur durch die unmittelbare Herabsetzung der Rüstungen überwunden werden. Reichskanzler Brüning hat bereits darauf hingewiesen, daß der praktische Wert der Sicherheitsabkommen von den Ergebnissen dieser Konferenz abhängt Die italienische Regierung schließt sich voll dieser Auffassung an. Die kriegerischen Ereignisse im Fernen Osten sind weniger eine tragische Ironie als eine ernste Warnung. Der Augenblick der Entscheidung ist eingetreten. Jede militärische Ueberlegenheit führe zwangsläufig zu einem schweren Druck auf die internationalen Beziehungen.
Es ist irrig, anzunehmen, daß eine militärische Ueberlegenheit gleichbedeutend mit Gerechtigkeit ist.
Im Gegenteil verdunkelt militärische Macht den Sinn für Gerechtigkeit. Das Vertrauen auf die Gerechtigkeit schwindet infolge ständiger Forderungen. Aufgabe der Konferenz ist es, die Gerechtigkeit zu stärken und nicht die Gewalt zu rechtfertigen. Alle bisherigen Theorien bilden nur eine Fassade, hinter der sich die Wahrheit verbirgt. Die Methode der Gewalt ist die für den Frieden denkbar gefährlichste. Wenn die Konferenz wirklich den Frieden schaffen will, so darf sie sich, keinen Illusionen darüber hingeben, daß
ein dauerhafter Frieden nur auf Gerechtigkeit aufgebaut
werden kann. Es ist eine sehr gefährliche Auffassung, die zuerst Frieden und dann Gerechtigkeit schaffen will. Der Friede ist nicht ein blinder Glaube oder ein leeres Ideal. Wenn man weiter wie bisher eine Politik der Rüstungen, der u a ck t e n I ch s u ch t und des Unverständnisses gegenüber den wahren Strömungen der Epoche zeigt, so muß der Frieden zusammenbrechen. (Die Rede Grandis dauerte bei Redaktionsschluß noch an).
internationalen Sozialismus sei die Sicherheit nicht die Beoingung der Abrüstung, sondern die Abrüstung fei die Bedingung der Sicherheit.
England:
London, 10. Februar.
In den Genfer Berichten der englischen Presse wird durchweg der große Beifall betont, den Kanzler mit seiner Rede in Genf erntete Gleichzeitig kommt eine gewisse Ueberraschung über die große Mäßigung in der Rede zum Ausdruck. Die Presse legt jedoch das Hauptgewicht aus die C.klärungen des Amerikaners Gib so n. Sie begrüßt sie, weil sie tut vielen Punkten dem englifchen Standpunkt sehr nahe komme. Hierdurch werde, wie „Times- sagt, eine feste und breite Grundlage geschaffen, an der auch Tardicu und Brüning Anteil nähmen. Die Aussichten der Konferenz werden, wie zum Beispiel auch von „Daily Telegraph". „News Chronicle" und anderen Zeitungen etwas optimistischer betrach et
„Der Daily Herold" meint, daß Brüning endgültig den deutschen Fehdehandschuh, wenn auch in der verbindlichsten Weise und so. daß man es kaum gemerkt habe, in die Ahrüstungskonseronz geworfen habe. Wenn Brüning auch nicht erwähnt habe, daß Deutschland im Falle der Rich abrüstung der anderen Länder das Reckt zur Wiederaufrüfung beanspruche, so sei dies doch klar aus seinen Ausführungen hervorgegangen.
1160000 Eintragungen
Berkin, 9. Februar. Wie der Hindenbnrgausschuß mUteilt, belaufen sich die bisher gemeldeten Einzeich mmgen für Hindenburg auf 1 160 000.
Abrüstung auf dem Pulverfaß
Diplomaten tagen — Rüstungslurse steigen.
Wenn Frankreich sich den japanischen Ueberfall auf China bestellt hätte, so hätte es sich den Zeitpunkt kaum günstiger wählen können, als es jetzt geschehen ist. Wie merkwürdig, daß gerade eine Woche vor der Abrüstungskonserenz, auf der Frankreich die schwerste Bewaffnung des Völkerbunoes forderte, die Kanonen vor Schanghai losgingen. Das sieht ja fast so aus, als sollte ausdrücklich bewiesen werden, wie notwendig ein bewaffneter Völkerbund sei, ausgestattet mit allen Mitteln, zu strafen und ju rächen.
Unter den Welvbörsen, auf denen eine bedenkenlose Spekulation sich an den Flammen von Schanghai zufrieden die Hände wärmte, hat die Pariser Börse sich besonders hervorgetan. Ein Berliner Blatt hat eine Anzahl von Kursen zusammengestellt, die offensichtlich unter dem Eindruck des japanisch-chinesischen Krieges Sprünge nach oben gemacht haben. So stieg Schnei- der-Ereuzot, die Aktie der großen französischen Rüstungsfirma zwischen dem 29. Januar und dem 4. Februar von 1271 auf 1395. Die Rüstungsaktie Hotch- kios, deren Firma an Japan Maschinengewehre lieferte, ging an der Pariser Börse an zwei Tagen von 1155 aubf 1305. Die Flugzeugmotorensarma Gnome et Rchöne stieg von 300 auf 330. Was nur irgendwie vom o staftatischen Krieg profitieren konnte, mußte der Pariser Börse zum Besten dienen; so ging die Suer- Kanal-Aktie von 13 750 auf 14140, weil man erhöht» Einnahmen vom Transport der Kriegslieferungen nach Ostasien erwartete.
' Uebrigens hat die „Hoffnung" auf Krieg im Fernen Osten auch andere Börsen munter gemacht. In London stieg die Notiz der Rüstungsaktie Armstrong von 0,6 plötzlich aus 0,7X- Oelwerte erhöhten sich in Hoffnung auf stärkeren Verbrauch der Kriegsflotten, so in Neuyork Royal Durch von 16 auf 18% und Standard . Oil of New Jersey von- 2554 aus 27/4; in Amsterdam stieg Koninklijke von 123% zeitweise auf 135%. Betlchem Steel, die große amerikanische Stahlgießerei, die als amerikanische Kriegslieferanten an Deutschlands Feinde im Weltkriege zu den größten Kriegsgewinnlern gehörte, zog von 15V» auf 17% an. Es verdient bemerkt zu werden, daß im Gegensatz zu diesen Auslandsbörsen im Telephonverkehr in Hamburg, wo Deutschlands wichtigste ostasiatische Interessen verwaltet werden, die Stimmung eher gedrückt war. Deutschland würde eben von einer „Kriegshausse" bestenfalls nur einen sehr indirekten Vorteil haben, denn Kriegsmaterial im engeren Sinne dürfen wir ja nicht Herstellen. Dieses Geschäft hat uns der Versailler Vertrag weggenommen.
Es ist notwendig, auf die börsenmäßigen und wirtschaftlichen Zusammenhänge mit dem Kriegsgeschehen gerade zu Beginn der Abrüstungskonferenz hinzuweisen. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß in Ostasien jetzt aus längere Sicht ein verstärkter Waffenbedarf entsteht. Schon einmal war China in den letzten Jahren ein guter Abnehmer für Waffenfabrikanten, nämlich im Jahre 1926, auf dem Höhepunkt der chinesischen Revolution. Wenn diese Konjunktur jetzt in gigantischer Erweiterung wiederkeh- rcn sollte, so werden die Rüstungsindustrien der ganzen Länder ein Wettrennen um diesen fetten Markt veranstalten. Versteht sich, daß dabei jeder neue Konkurrent nach Kräften niodergehalten werden muß. Ein solcher Konkurrent wäre Deutschland, wenn es eine Rüstungsindustrie hätte. Er hat aber keine, weil es keine haben darf. Das sind Erwägungen, die bei den Genfer Abrüstüngsverhandlun- gen ganz sicher eine erhebliche Rolle spielen werden, wenn auch sämtliche Staatsmänner offiziell sie entrüstet ableugnen würden.
Wenn Frankreich ernstlich und radikal abrüsten würde, so wäre das ein unermeßlicher Schaden für seine einträgliche Waffeninduftrie, die direkt oder in- direkr hunderttausenden von Menschen Brot gibt. Tas gleiche gilt für England und Amerika. Tie Rüstungsindustrie weiß gewöhnlich ihre Interessen bei den maßgebenden staatlichen Stellen durch wirksame Einflüsse wahrzunehmen. Während der vorbereitenden Abrüstungskonferenz in Gens ist es herausgekommen, daß die amerikanische Stahlindustrie durch zwei Agenten den Gang der Verhandlungen zu beeiflussen suchte. Noch viel zahl-reicher dürften die Agenten sein, denen man nidt* auf die Spur kam.
Es gibt aber immer wieder im Leben der Volker Augenblicke, in denen der politische Wille der^Massen über die geheimen Einflüsse der Interessen siegt. Leider sind es oben meist nur Augenblicke. Die Volksstimmuttg vermag sich für einen bestimmten Zeitabschnitt und einen bestimmten Fall unwiderstehlich durchzusetzen; aber dann verfliegt r- wieder, während die Minierarbeit der Sonderinter- effen fortdauert. Der Erfolg der Genfer Konferenz wird nicht zuletzt davon abhängen, ob der unzweifelhaft in den Völkern vorhandene Friedenswille über den bösen Geist der mit den Regierungen eng ber bundenen Sonderinteressen zu triumphieren vermag.
Grandi rechnet mit Krankreich ab (Eigener Drahtbericht.)
Genf, 10. Februar-
Der italienische Außenminister Grandi hielt heute in der Abrüstungskonferenz eine Aufsehen erregende politische Rede, in der er mit ungewöh n lichex Offenheit und größter Entschiedenheit Aushebung der Ungleichheit des Rn- stungsstande« zwischen Sieger und besiegten Staaten forderte. Die schwer gerüsteten Großmächte mußten die im Versailler-, im Völkerbund- und Locarno Vertrag übernommenen Verpflichtungen jetzt endgültig vollständig durchführen, da dies der tintige Ausweg aus der gegenwärtigen kawstropha- len Sage fei. In langen, rein politisch gehaltenen Ausführungen trat Grandi mit großer Schärfe der französischen Si ' erheitsthese und Gewaltpolitik entgegen, die er als die großen Gefahren der Zukunft bezeichnete.
Seit zehn Jahren drehen sich, so sagte Grandi n. a, die Verhandlungen um die ewige Frage, ob die Sicherheit der Abrüstung vorausgehen soll oder umgekehrt.
Taten beweisen jedoch, daß es ohne Abrüstung keine Sicherheit gibt.
Seit dem Ende des Krieges hat ein Wettrüsten ohnegleichen eingesetzt. Die Heereshaushallte in allen Ländern sind ins Uferlose angestiegen Das Wettrüsten hat merkwürdigerweise gleichzeitig mit dem Ausbau des Sicherheitsgedankens, mit dem Abschluß des Locarnovertrages und des Kelloggvertrages und des allgemeinen Schiedsgerichtsvertrages eingesetzt.
Hieraus geht deutlich hervor, daß der Ausbau von Sicherheitsgarantien allein weder das We.'trüsten aufhält, noch das System des bewaffneten Friedens beseitigen kann.
Das Ausland zur Brüning-Rede
Frankreich:
Paris, 10. Februar.
Die Rede des Reichskanzlers vor der Abrüstungskonferenz wird von der gesamten Presse in zurückhaltendem Ton besprochen. Im allgemeinen wird jedoch die Tendenz fü< Gleichheit der Rechte und Gleichheit der Pflichten abgelehnt. Im übrigen aber wird festgestellt, daß der Reichskanzler, wenn auch verschleiert, den alten deutschen Standpunkt in der Abrüstungsfrage insgesamt aufrecht erhalten habe.
Der offiziöse „Petit P a r i s i e n" hält die Rede Dr. Brünings für völlig negativ, spricht chr jede konstruk.'.ve Anregung ab und bezeichnet sie als eine Bekräftigung des moralischen und juristischen Rechtes, das das bewaffnete Deutschland angeblich habe, jetzt das Abrüstungsproblem auf der Grundlage gleicher Rechte und einer für alle Völker gleichen Sicherheit gelöst zu sehen.
Der Berichterstatter des „Matin" weist aus die besonders freundliche Aufnahme hin, die Dr. Brüning in Genf gefunden hat. Er schreibt, man dürfe die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß Deutschland in Genf Sympathien genieße. Zweifellos bestehe in Genf eine prodeutsche Mystik, die der Kanzler bewunderungswürdig fördere
„Echo de Paris" will in Dr. Brünings Rede nichts anderes erblicken als das Revancheziel. Die Anspielung auf die Reparationen und die angebliche Ungleichheit der Stiftungen als Ursache der Wirtschaftskrise sei grotesk.
Der sozialisttsche „Populaire" lehnt Brünings Rede deshalb ab. weil nach feiner Ansicht der Kanzler die Frage der Aufrüstung Deutschlands in verschleierter Form hab« hineingleiten lagen. Für den