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Kasseler Neueste Nachrichten

Sonnabend, 6./Sonnta", 7. Februar IdZL - 5 Vellage

DIE ABENTEUER DES KOCHS ASSAD

Von Selma Lagerlöt

In Kairo in Aegypten lebte vor mehreren hun- sert Jahren ein armer Koch, namens Assad. Er war der wohlmeinendste Mensch, den man nur .reffen konnte, und da er überdies sehr geschickt in feinem Fach war, hätte man erwartet, daß er in irgendeinem vornehmen Hause angestellt würde, wo man seine Diener lahraus jahrein behielt und ihnen einen guten Lohn zugestand Ader sv kam es keineswegs. Zu Anfang seiner Laufbahn

Selma Lagerlös. bekam der Koch oller«

, dings einige vortreffliche

Stellen, aber er verlor sie gleich immer wieder. Und immer ging es auf dieselbe Weise zu.

Der^arme Koch, der eine alte Mutter und eine lunge Frau zu erhalten hatte, sah sich genötigt, mit immer schlechteren und schlechteren Posten fürlieb zu nehmen und schließlich mutzte er sich bequemen, bei Said Effendi zu dienen, einem alten Geizhals, der fern Verulögen durch Wunder und Sklavenhandel er­worben halte und in dem denkbar schlechtesten Rufe stand. Dieser Mann war wie alle anderen überglück­lich, als er merkte, datz sein Koch Speisen bereitete, wie sie einem Grotzwesir angestanden hätten. Er wußte, daß Assad unzählige Male den Herrn ha.te wechseln müssen, aber er gelobte sich selbst, datz er nie die Dummheit Hegehen würde, ihn zu entlassen.

Das Unglück wollte es jedoch, daß in Said Effen- dis Haus zwei Backöfen waren, der eine war neu er­richtet und wurde jeden Tag benützt, der andere hin­gegen war so alt und zersprungen, daß er gar nicht mehr in Gebrauch genommen wurde. Kein Koch in Said Effendis Diensten hatte ihn auch nur eines Blickes gewürdigt, aber Assad war noch nicht lange im Hause, als er in diesen Backofen guckte, der dicht vor der Küchentüre stand und einem hohen, weißen Bienenkorb ähnelte. Er fand ihn bis zum Rande mit Kehricht und Fetzen angefüllt, und da er ein überaus ordnungsliebender Mann war, geriet er ganz außer sich. „Mag sein, daß dieser Ofen hier nicht mehr be­nützt wird", sagte er, „aber es ist doch auf jeden Fall ein Backofen, und es ist eine wahre Schande, daß man ihn als Mistkiste benützt. Said Effendi wäre mit Recht erzürnt, wenn er einen solchen Unfug ent­deckte."

Damit nahm der Koch eine Feuerzange, hob einen brennenden Ast aus dem Herd und steckte ihn in den Backofen. All der Plunder, der sich seit Jahren da an­gehäuft hatte, sing sofort Feuer und verbreitete dabei einen schweren, übelriechenden Rauch.

Als Said Effendi einige Stunden später aus sei­ner Kammer trat, um die Abendkühle im Hof zu ge­nießen, lag dieser unangenehme Rauch noch in der Luft. Er wollte sehen, woher er kam und begah sich sofort in den Küchenflügel, um dort zu fragen. Noch bevor er die Küebentüre erreicht batte, sah er jedoch, daß Funken und Rauch aus dem alten Backofen stoben, und im nächsten Augenblick stand er wutbebend vor dem Koch, fragte ihn, wie er sich unterstehen konnte, In dem ausgemusterten Ofen Feuer anzuzünden und befahl ihm, unverzüglich sein Haus zu verlassen.

„Aber Herr", sagte der Koch, der geglaubt hatte, dem alten Herrn eine Wohltat zu erweisen, „der Back- osen war doch voll Kehricht und ich dachte---"

„Man soll nie denken", rief Said Esfendi und hob den Stock „Hinaus mit dir!"

Der Koch wich dem Stock aus und näherte sich der Türe. Hier blieb er jedoch stehen, um an den Lohn zu erinnern, den er noch zu fordern hatte. Aber Said Effendi, der gleich allen wirklichen Geizhälsen sein Geld und seine Wertpapiere nicht feiner Kasse anzu­vertrauen wagte, sondern sie an allen möglichen und unmöglichen Stellen verwahrte, hatte vor ein paar Tagen einen Schuldschein auf ein paar tausend Zechinen in den alten Backofen gesteckt, und als er nun hörte, daß der Wtann, der die Ursache war, daß

dieses Geld verloren ging, noch Ansprüche auf Lohn erhob, geriet er vor Erbitterung ganz außer sich.

Said Effendi sah in feinem Zorn fo furchtbar aus, daß der Koch nicht wagte, ihm Trotz zu bieten. Er stürzte auf die Straße hinaus und lief noch lange immer weiter und weiter, aus Furcht, daß der Herr seine Diener auf ihn hetze. Endlich wagte er stehen zu bleiben, und als er sich nun klar darüber wurde, was ihm geschehen war, ergriff ihn die düsterste Hoff­nungslosigkeit.

Er erinnerte sich der reichen Kaufmannswitwe Fatima, die ihn ganze drei Monate in ihrem Dienst Debatten hatte. Sie war eine freigebige und kluge Herrin gewesen, und er hatte gehofft, sein ganzes Leben lang bei ihr bleiben zu dürfen. Aber einmal hatte er zufällig entdeckt, daß ihr kleines Söhnchen sich in seine Speisekammer schlich und feine Honig­kuchen und verzuckerten Früchte stahl. Er hatte es be­dauerlich gefunden, datz der Sohn einer so vortreff­lichen Mutter sich Unarten angewöhnte, die für seine Zukunft gefährlich werden konnten, und eines Tages erteilte er ihm eine recht ernstliche Züchtigung. Aber da war die Witwe so zornig geworden wie vorhin Said Effendi. Sie batte seine Erklärungen gar nicht anhören wollen, sondern ihn sofort weggejagt.

Er dachte ferner an Selim Bey, ) einen ersten Herrn, der ihn aus seinem Hause getrieben hatte, weil er ihn an das Verbot des Propheten, Wein zu trinken, erinnert hatte. Er dachte an all die andern, die ihm wegen Dingen gezürnt hatten, die er aus rei­nem Wohlwollen unternommen hatte.

„Allbarmherziger!" rief er ans, „warum verfolgst du mich in dieser Weise? Du verfolgst mich härter als wenn ich gestohlen oder gemordet hätte. Laß bie« ses Staubkorn, das nun zu dir ruft, doch wenigstens wissen, was es verbrochen hat."

Und er ging geradeaus weiter. Er ließ das Stadt­tor hinter sich, und nachdem er durch einige Fried­höfe gewandert war, kam er in die weite Sandwüste, die sich auf dieser Seite bis zur Stadt erstreckte. Bald stand er aus der großen Karawanenstraße zum Roten Meer, die sich hier zwischen niedrigen, mit Flugsand bedeckten Hügeln dahinschlängelte.

Aber beim Anblick dieser Hügelkette erwachte eine Kindheitserinnerung in dem verzweifelten Flücht­ling. Es kam ihm in den Sinn, wie er und fein Vater eines schönen Morgens zwischen diesen Hügeln ge­wandert waren, um Mustafa Halils Jahrestag zu feiern. Auf dem Wege hatte ihm der Vater von dem alten Mustafa erzählt, der einmal ein sehr heiliger Mann gewesen war, viele Wunder gewirkt und eine große Schar von Derwischen um sich versammelt hatte. Das Grab des Heiligen, em kleiner, weißer kuppelbedeckter Bau, batte so versteckt zwischen den Flugsandhügelchen gelegen, daß sie es kaum finden konnten, aber als sie glücklich bingelommen waren, batten sie gesehen, daß eine große Menschenschar sich dort oben schon versammelt hatte, und das Fest war in vollem Gange gewesen.

Jetzt, wo er sich traurig und erbittert über bie tiefen Furchen der Karawanenstraße schlepp e sagte er plötzlich zu sich selbst: „Es ist wahr, daß Mustafa Halils Derwische lot sind, und ich glaube kaum, daß nunmehr jemand daran denkt, seinen Jahrestag zu feiern, aber das bindert nicht, datz er noch heute im Besitze seiner Macht ist, und vielleicht könnte er mir die Aufschlüsse geben, die ich brauche, er erinnert sich vielleicht noch, datz mein Vater einer seiner ge­treuesten Anhänger gewesen war."

Ohne Sägern verließ er die Karawanenstraße und schlug den Weg durch die Hügel ein. Das Glück war ihm hold, so daß et nach kurzem Suchen das kleine Heiligengrab erreichte. Es sah wirklich aus, als wäre Mustafa Halil vollkommen vergessen. Der Flugsand hatte sich unbehindert vor den Wänden aufgehäuft, der Gebpfad war ganz verschüttet und die beiden Treppenstufen, die zu der Grabkammer hinaufführ- ten, waren kaum mehr sichtbar.

Als Assad diese Vernachlässigung gewahr wurde, geriet er so außer sich, datz er ganz vergaß, an feine eigene Rot zu denken. Augenblicklich machte er sich daran, mit den Händen den Sand von dem Gehpfad zu entfernen. „Wenn dies so weitergehi", dachte er, „ist ja bald das ganze Grab versandet, und man wird

TI

^5 '

Verantwortlich Siegfried Heinemann, Landesmeister des Niedersächs. Schachverb indes für 1931

Schach-Aufgabe Nr. 120

Bo« F. Möller-Barsinghausen.

Otto Fuß gewidmet lHann. Kurier 1931).

Schwarz

a b c d e f g h

a b c d e t g h Weitz

Weitz zieht an und setzt in 3 Züge« matt.

Lösung unserer Ausgabe Nr. 18 und 19 in der Montags- nummer.

Spielmann - der Gambitmeister 1

Die Schachwelt steht noch unter dem Eindruck des über­raschenden Sieges Lvielmanns über Deutschlands Bvr- kämvier Bogoliubow.

Wohl batte Sv-elmann 19-26 aus dem Semmering in «ttem groben Turiner den 1. Preis errungen und sogar ien späteren Weltmeister Aliechin hinter nch gelassen — aber die bisherigen Durchschnittsleistungen der beiden Sieb waren doch so. datz mau Bogoliubow als hohen Fa- troriteo bezeichnen mutzie.

Hefter den Verlaus des Wettkamvies haben wir beretts tu unterer Schachecke berichtet. Inzwischen Iwi uns die Kartiert des Wettkamvies oox. K -*ter Durchsicht tu auf­

fallend, wie oft Bogoliubow ht Ser Eröffnung Gewinn­stellung erreicht batte und im Endspiel durch Fehler die Partie nur zum Remis führte. Das ist nutzer der unseren Lesern bekannten 3. Partie itt der 6. und 8. der Fall, svrelmann dagegen spielte die Eröffnungen nicht so genau wie sein grober Gegner, aber im Mittelspiel war er hervor­ragend und wenn er einen Vorteil erlangt hatte, lieb er nicht mehr locker bis sein Gegner besiegt war. Oftmals ging er,in der Eröffnung von den bekannten Wegen ab und versuchte unerforschte VariaMen. So in nachfolgender Partte:

Siciltanisch.

Die Annahme des Gam­bits Ht lehr riskant.

e4Xf3

25.

Xg5

34.

und der

Sicherheit

in

die

34.

85.

36.

37.

38.

39.

Netzt ist verloren.

Weih: Svielmann

1. e2—e4

gestoppt. $efUj8 $»5X64

Schwarz: Bogoliubow

C7—c5 67—65 döxe4 f7—fö

Dd8—-7 3x6—64

C5X64 €5X64 8c8—e6 De7xe6 Dc6Xe1-i-

25.

26.

27.

Se3*fi5 »66X05 f3—f2+

5. f2—f3!

6. Sflixfä

67-65

Sg5—H6

SfS—e7 8e7—f6

Ta8—68 8f6—SS

Qualität nach 22.

hat letzt für

>ame 2 Türme

10......

11. Sc3—65

12. $€2—12!

13. ©65X64

14. Se3x64

15. Tgl—el

16. TelXe6 ‘

17. Tfl-el

18. ®f2Xel+

9. Tdl—e2

10. Sei—e3

öö. Sf2-—81 Sdz—cä

41. De4—e7 Sc5X67

Erzwungen.

42. $«7X67. Schwarz gab auf, denn der Turm ist gegen bie Dame bei der tajledrtn Königs stell uns machtlos.

Td8, gewinnt 23. 'Sf7+ ufw.. daher:

22: Sc4-lM+ TÜ8xd6 $: KfiC

Bogoliubow fucht das Spiel zu verwickeln. Er erkennt sofort feine ein­zige Chance. Aber svielmann lätzt sich nicht einfchüchieru. Er fviclt auf Kombination: Lg2—H3!

Fetzt droht Ld7si- und auf «68 8c6+ nebst $67+. $67 matt.

Schwam feine Da— - ----- 6ekommen, aber — Weitz verbinden durch seinen nächsten Zug die Ber­einigung dieser, denn Schwarz kann den Kö­nig nicht ~ lx bringen.

19. Tel—e6!

20. SfS—62

$^+ fö

Wieder droht matt auf

------- denn______ ®66+ drobl 38. Df7 matt und räumt der

28. $68^+ «86^6

„ Biel einfach, war Dxe7.'

29. .... . Se?

30. 62—64 f4-f3

»91—fl Nun ist die Parne bereits entschie­den. denn Weitz hat die Dame für den Turm Bauer f2 ist

bribauern. schwarz toll­te das zulasten und sich mit Se7 nebst 0—0 schleunigst weiter ent­wickeln. Aber Bogol» jubow versucht de« Bau- er«M halten.

es nicht von einem gewöhnlichen Flugsandhsigel unterscheiden können."

Es war eine fchwere, langwierige Arbeit, die der Koch begonnen harre, und er war kaum zu den bei­den Treppenstufen vorgedrungcn, als die Sonne ganz plötzlich im Westen versank und die Dunkelheit' sich beinahe unmittelbar darauf auf die Erde herabfenkte. Der Koch, der : ach einem fo anstrengenden Ltg recht müde war, empfand sofort heftige Lust zu schlafen. ,Ä;ch muß mich niederlegen und ein Weilchen ruhen", dachte er. „Es hat ja keinen Zweck, in der Dunkel­heit zu arbeiten. Sowie ich mich ausgeschlafen habe, werde ich weitergraben."

Kaum war er auf dem marinen Sandbett cinge- schlummert, als er im Traum sah. wie die Türe der Grabkammer sich öffnete und ein kleiner buckliger Alter aus der Schwelle erschien. Seine Gedanken waren so klar, als wenn er wach gewesen wäre und er entsann sich sofort, daß der fromme Mustafa Halil bei Lebzeiten bucklig gewesen war. Er zweifelte also keinen Augenblick, daß es der Heilige selbst war der sich ihm jetzt zeigte.

Seltsamerweise schien Mustafa Halil int höchsten Grade gereizt zu sein. Er schwang einen langen Wan­derstab durch die Luft, sein alter Kopf wackelte vor Erregung und aus seiner Kehle drang ein Heulen, das nicht drohender hätte klingen können, wenn ein Löwe oder eine Hyäne es ausgestoßen hätte. „Was soll das heißen, Wanderer, daß du den schützenden Sand von meiner Wohnstätte entfernst? Damals, als der Weg zu meinem Grabe noch offen und leicht zu befahren war", fuhr der Heilige fort, „war es ein Zufluckus- ort für eine Schar rauher Räuber. Diese Gottlosen machten mein Haus zum Schauplatz ihrer Trinkgelage und Ausschweifungen. Nun feit der barmherzige Sand den Weg hierher fernerer zugänglich gemacht hat, kann ich in Ruhe schlummern. Glaubst du, es wäre mir nicht am liebsten, wenn der ganze Bau vom Sand bedeckt märe. O du Missetäter! Ich sehe kein anderes Mittel zur Verhinderung deines bösen Vorsatzes, als dich unter dem Sande zu begraben, so datz du nie mehr das Licht des Himmels schauen kannst."

Kaum mar dies gesagt, als der entsetzliche 9tlte sich über den Träumenden beugte und Tand über ihn zu schütten begann, ohne daß dieser imstande war, ein Glied zu rühren, um dem sicheren Tode zu entgehen.

„Was um Himmelswillen soll ich tun?" dachte der Koch. „Wie wird es mir ergehen? Mustafa Halil wird sicher seinen Vorsatz ausführen und mich lebendig be­graben." Wie um die Gefahr noch furchtbarer zu machen, erschienen in diesem Augenblick drei neue Personen, zwei Männer und eine Frau auf dem Platze vor dem Grabe, alle drei mit riesengroßen Schaufeln bewaffnet. Mit flatternden Gewändern eilten sie zu Assad heran, kreischend vor Freude über das große Unglück, das ihm zugestoßen mar.

„Erkennst du mich, du Ungetüm von einem Koch?" rief die Frau. „Fch bin jene Fatima, die einst das Unglück hatte, dich im Hause zu haben Mein Sohn hatte eine schwere Ohrenerkrankung gehabt, doch sie war schon fast ausgeheilt, als du dir berausnahnist, ihm eine furch bare Ohrfeige zu versetzen. Da tarn das liebel wieder und jetzt ist er für fein ganzes Leben taub. Ich will nur zu gerne behilflich sein, dich zu begraben."

Und sie begann den auf den Boden ausgestreckten Träumer mit rasender Eile mit Sand zu überschütten. Der arme Assad, der ein guter, mitleidiger Mensch war, konnte nicht umhin, Schmerz über das Unglück zu fühlen, das er angestiftet hatte. Er wurde von solcher Reue befallen, daß er beinahe den Tod zu ver­dienen glaubte, der ihm drohte.

. "Latz mich auch bei diesem guten Werke mithelfen", jagte der andere der Neuankömmlinge „Du kennst mich doch, Freund Assad, ich bin Selim Bey, dein erster Herr. Eines Tages war ich sehr betrübt, weil mein bester Freund mich betrogen hatte, ich glaubte

mich mit Wein zu berauschen, um seine Miffeiat z» vergessen. Aber du hieltest mich ab. Mein Zorn wurde, nicht gestillt, und als ich ihm das nächste Mal begeg­nete, schlug ich ihm eine tödliche Wunde. Nun wage ich mich nicht mehr tu Kairo zu zeigen. Ich bin ein vogelfreier Wüstenräuber geworden und all das ist deine Schuld."

Damit schleuderte Selim Bey mehrere Schaufeln Sand auf den Liegenden, dessen Seele nunmehr eben­so belastet von Gewissensbissen war wie seine Glie­der tioft Sand.

„Netti, überlaß' auch mir etwas von der Arbeit", rief Said Effendi, der der dritte im Bunde war. •.~u heuchlerischer Schurke, du hattest natürlich Den Schuldschein entdeckt, der tm Backofen versteckt mar. Das Fetter legtest du nur an, um zu bemänteln, daß Du ihn gestohlen hattest. Tu Betrüger mit deinem scheinheiligen Gesicht: ich dachte, ich' glaubte — ich werde Dir schon einiges für das Denken geben!"

„Du sollst wenigstens nie mehr Gelegenheit haben, dich in das zu mischen, was dich nichts angeht", zeterte die Witwe und warf gleichzeitig eine große Schaufel Sand dem Träumer auf ' Brust und Schultern.

Dieser, der fühlte, wie sich der Sand über ihm häufte, ohne daß er auch nur einen Finger zur Gegen­wehr rühren konnte, sah ein, daß fein letztes Stünd­lein gekommen war. Sein Wille arbeitete, so daß der Schweiß ihm aus allen Poren drang, seine Muskeln spannten sich, aber es kam zu nicht». Er vermochte weder um Gnade zu bitten, noch zu entfliehen. Das Blut stockte ihm in den Adern, die Brust vermochte sich nicht zu heben und zu atmen. Der mehlfeine Staub füllte seine Augen, seine Nasenlöcher, seine Ohren, seinen Mund. In wenigen Augenblicken mußte er erstickt fein. In diesem Moment der Ver­zweiflung hörte er Mustafa Halils Stimme: „Genug jetzt, Freunde", sagte er. „Euer armer Diener hat jetzt seine Lektion bekommen, und ich glaube, wir können ihn laufen lassen. Sein Vater, der fromme Koch Jussuf, war einer meiner treuesten Anhänger, und ihm zuliebe habe ich versucht, feinem Sohn zu ein bißchen gefunbem Menschenverstand zu verhelfen."

Als dies gesagt war, merkte der Träumende zu seiner unsäglichen Erleichterung, wie der Sand von seinem Körper entfernt wurde. Die Brust konnte sich wieder zum Atmen heben und d'.e drückende Last, die auf ihm geruht hatte, hörte auf, ihn zu beschweren. Er konnte sich wieder frei umsehen. Die Drei Rach­süchtigen waren verschwunden. Nur Mustafa Halil neigte sich über ihn: „Vergiß nie die Lehre, die du heute erhalten hast", sagte er in ernstem Ton. „Wenn du in Versuchung kommst, dich in fremde Angelegen- beiten ju mischen, so wiederhole dir immer selbst diese Worte: Man soll nie denken. Aber glaube nur ja nicht, mein Sohn, daß ich dir Damit alles Denken verbieten will. Merke dir nur, daß, wenn ein Unglück eintrifft, wenn ein Haus brennt, wenn eine Brücke einstürzt, wenn zwei Schiffe zusammenstoßen, dann kommt dies meistens daher, daß irgendein wohlwol­lender Mensch da war und „gedacht" hat. Vor derlei will ich dich lehren, dich in acht zu nehmen. Erfülle deine Pflicht, tue, was dir aufgetragen wird, und fei gewiß, daß fogar Mohammed, Allahs Prophet, feinen Anhänger, Der schlicht uud formnt seinen Befehlen gehorcht, Den vielen vorzieht, Die klüger fein wollen als er selbst."

Als Koch AssaD am nächsten Morgen erwachte, er­innerte er sich haargenau an Den furchtbaren Traum, Der ihn in Der Nacht geguält hatte.

UnD von Diesem Tage an, erzählt die Geschichte, horte Der Koch AssaD auf, sich ungebeten in fremde Angelegenheiten zu mischen. Er befaßte sich nur Da­mit, was zu seinem Berufe gehörte und wurde so ein gesuchter Koch, haß eine Beförderung die andere ab- lojtc und er schließlich eine Stelle als Meisterkoch in Der Küche Des Sultans selbst bekam

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