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^ren Enöes um sie Fragen, die man kurz und knapp »aj die FormelParlcicnftaai oder neutraler Staat" gebracht hat, und es liegt klar zu Tage, vaß dieser Fragestellung nicht mehr allein mit Begriffen wie Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit beizukommen ist, son­dern daß ste bereits auf dem Gebiete des politischen Glaubens beheimatet ift.

Auch unter diesen Gesichtspunkten w-ill und muß die bevorstehende Reichspräsidentcnwahl betrachtet werden. Tic Wunden, die dem Staat von der Parteipolitik geschlagen wurden, stnd noch nicht verheilt, und cs wird jetzt daraus ankommen, die Gefahr, daß das parteipolitische Denken den Ausgang dieser Wahl bestimmt, auszuschalten. Diese Gefahr i st vorhanden, und es ist notwendig, sich alle Folgen, die ein Sieg des parteipolitischen Gedankens bei der Präsidentenwahl haben würde, vor Augen zu stellen. Wir können es uns in unserer heutigen Situation einfach nicht leisten, auch die letzte uttd festeste Bastion

Kasseler Neueste Nachrichten

Sonnabend, 6./Sonntag, "Februar 1932

der Ueberparteilichkeit den parteipolitischen Kräften freizugeben, und unse rWiderstandswillen müßte sich um so eher zu Taten aufraffen, als die Möglichkeit, diese Entwicklung aufzuhalten, besteht: Ter Mann, der ,-oas höchste Amt Deutschlands über alle Parteien und Klaffen* hinausgehoben hat, ist bereit, das Werk, dem er sieben Jahre hindurch treu und gewiffenhaft gedient hat, weiter zu verwalten. Keiner der anderen Kandidaten, die genannt werden, ist im gleichen Maße Wie Hindenburg Hüter des überparteilichen Getdankens und Sachwalter des Staatsintcreffcs. Hin­ter ihm steht die Autorität, die ein Leben selbstloser Arbeit und des opferbereiten Dienens gibt. Sich zu Hindenburg bekennen, heißt die außenpolitische Front Deutschlands verstärken, und es heißt zugleich, die in nerpolitische Entscheidung so vorzubereiten, daß der Staat immer mehr in seine Aufgabe, die Organisa- tlon aller lebendigen Kräfte der Ration zu sein, hin- einwächst.

Frankreichs Vorschläge für Genf

Tardieu überreicht ein neues Memorandum Der plan einer internationalen Streitmacht

Genf, 6. Februar.

. Freitag hat die französische Regierung rn Gens den erwartete» Bor stoß in der Rich­tung, die Abrüstungskonferenz auf die Sicherheits­frage festzulegcn, durchgeführt. Am Schluß der Boll- versaminlung überreichte Tardieu dem Präsidenten Henderson ein Memorandum, in dem der französische Standpunkt zu den Ausgaben der Abrüstungskonferenz in alle» Einzelheiten ausgearbeitet, ntedergelegt ift.

Das neue Memorandum entspricht im großen ganzen dem, das Frankreich am 15. Juli 1931 dein Generalsekretär des Völkerbuttdes zur Abrüstungs­frage übermittelt hatte. Die Vorschläge sind gleich­zeitig sämtlichen 64 Abordnungen übermittelt worden; sie stnd die erste ainiliche Stellungnahme, die die Kon­ferenz nach der Geschäftsordnung behandeln mutz.

Der Vorschlag der französischen Regierung besteht aus einer Einleitung und fünf Teilen. In der Ein­leitung wird erklärt, im Hinblick auf die gegenwär­tigen wirtschaftlichen und moralischen Spannungen und die allgemeine Beunruhigung der Geister sei eine besondere Organisation der Welt dringend not­wendig geworden. Der erste Teil der Vorschläge be­handelt

die Zivilluftfahrt und die Bombengeschwader.

In diesem Kapitel wird die Internationalisierung der zivilen Luftfahrt vorgeschlagen. Den Unterzeichner­staaten des kommenden Abrüstungsabkommens ist der Bau und die Verwendung von Flugzeugen unterhalb noch festzusetzender Tonnagen verboten. Gleiche Re­geln gelten sür Luftschiffe, die im international-fest­ländischen Dienst verwendet werden. Dem Völker- bunüsrat wird ein Recht auf Beschlagnahme einge- täumt lieber die großen Militärflugzeuge aller Staaten mit weiten Aktionsradien wird Dem Völker­bundsrat das völlige Versügungsrecht zugebilligt.

Die Militärflugzeuge von einer mittleren, noch fest­zusetzenden Tonnage bleiben zur Verfügung nur der­jenigen Staaten, die sich verpflichten, ste dem Völker­bund int Falle jeines gemeinsamen Borge ms zur Verfügung zu- stelle». Diejenigen Staaten, ue Opfer eines Flugangriffes stnd, können jedoch die Gesamt­heit ihrer Luftrüstungen verwenden und werden im Falle eines Angriffes unverzüglich von ihrm allge­meinen Verpflichtungen befreit.

Der zweite Teil bestimmt, daß die s ch W e r e A r- tillerie der Großniüchte, die Linienschiffe mit Geschützen von über 20,3 Zentimeter oder einer Tonnage von über 10000 Tonnen und die Unter­seeboote von einer noch zu bestimmenden Tonnage nur im Besitze derjenigen Staaten sein dürfen, die gegenüber dem Völkerbund die Verpflichtuna aus Ar­tikel 16 übernehmen. Die Verwendungsart ist wie bei den Fleugzeuaen. Der b'Hte Teil steht die Schaffung internationaler Polizeikräfte zur Verhütung des Krieges sowie

die Schaffung einer besonderen Streitmacht vor, die einem angegriffenen Staat unverzüglich im Falle eines Krieges zu Hilfe kommen muß. Die internatio­nale Polizeimacht steht ständig zur Verfügung des Völkerbundes, hat freies Durchzugsrecht und darf in Krisenzelten die Gebiete besetzen, in denen ein Kon­flikt auszubreche» droht. Frankreich ist bereit, eine

gemischte Brigade und eine Division leichter Kriegs­schiffe sowie ein gemischtes Geschwader von Jagd- und Bombenflugzeugen hierfür zur Verfügung zu stellen. Das Kommando über die internationalen Po­lizeikräfte wird vom Völkerbund bestimmt. Die in­ternationale Streitmacht wird entsprechend der Ver­wendung in den einzelnen Gebieten ausgestellt, je nachdem, ob es sich um einen Konflikt innerhalb oder außerhalb des in Betracht kommenden Staates han­delt. Die französische Regierung ist bereit, ihrerseits auch hierfür Streitkräfte zur Verfügung zu stellen. Für einen Konflikt in Europa, wobei der Angreifer eine gemeinsame Grenze mit Frankreich hat, stellt Frankreich weitere Streitkräfte zur Verfügung, die vom Völkerbund zu bestimmen stnd. Ferner sollen sich die Unterzeichnerstaaten, die über Tanks und ähnliche Kriegswaffen, über schwere Feldartillerie verfügen, verpflichten, diese dem Völkerbund für die interna­tionalen Streitkräfte zur Verfügung zu stellen. Der vierte Teil behandelt den

Schutz der zivilen Bevölkerung

und sieht vor, daß der Abwurf und die Beschießung mit Zündgasbomben, Gasbomben oder Giftgasbom­ben verboten sind. Ferner ist vorgesehen, daß eine be­stimmte Zone im Falle eines Konfliktes geschaffen wird, über die hinaus weder Bomben abgeworsen werden können, noch Artilleriebeschießung gestattet ist. Jeder Bruch dieser Bestimmungen löst zwangsläufig das Sanktionsverfahren des Artikels 16 des Völker­bundspaktes aus.

Der fünfte Teil behandelt die Organisation des Friedens.

Tie Durchführung der in den genannten Vorschlägen enthaltenen Maßnahmen schließt di« Verpflichtung zur Schiedsgerichtsbarkeit, die-Bestimmungen der An­greifergarantie für beschleunigte Entschlüsse, der An­wendung der dem Völkerbund zur Verfügung stehen­den Machtmittel und eine internationale Kontrolle der Rüstungen aller Staaten ein. N

Zum Schluß heißt es: Die gegenwärtige Konferenz bietet die einzigartige Gelegenheit, an Stelle eines Völkerbundes, der durch ihm feindliche Souveräni­täten gelähmt ist. einen feine Entscheidungen durchfüh­renden und erzwingende» Völkerbund zu machen.

Oie 14 Vizepräsidenten

Genf, 6. Februar.

Die Abrüstungskonferenz hat Freitag nachmittag in geheimer Abstimmung die 14 Vizeprä­sidenten gewählt, die zusammen mit dem Präsidenten Henderson und dem Ehrenpräsidenten Motta das Büro der Konferenz bilden. Unter Beteiligung von 54 Staaten wurden die Vertreter folgender Delega­tionen gewählt: Frankreich mit 54, Italien mit 54, Großbritannien mit 53, die Vereinigten Staaten von Amerika mit 52 und D eu tf ch l a n d mit 5 0 S t i m - men, ferner Schweden mit 48, Japan mit 47, Spa­nien, Argentinien, Belgien und die Sowjetunion mit 86 Stimmen, die Tschechoslowakei und Polen mit 33 und Oesterreich mit 32 Stimmen.

Deutsche Gegenmaßnahmen

Deutschland und die englische Schuhzollvorlage / Noch keine Stellungnahme der Reichsregierung

Berlin, 6. Februar.

Zn berliner pott».,uf«il Kreisen wird erklärt, daß die Ankündigungen des englischen Schatzkanzlers über die Erhebung eines allge- meinen Wenzolls von 10 Prozent auf alle Einfuhr­waren im wesentlichen den Erwartungen entsprach, die man nach den letzten englischen Kabinettsverhand- lungen haben mußte.

Für Deutschland bringt die Ankündigung In zweifacher Hinsicht Enttäuschungen. Einmal ist es bedauerlich, daß anscheinend bei den Ausnahmen Stahl und Eisen, die wir als Rohpro­dukt nach England einführen, nicht vorgesehen sind. Die zweite Enttäuschung ist, daß die Zollverordnun­gen, die England vor zwei Monaten erlaffen bat, nicht gleichzeitig mit der Einführung des Wertzolls aufge­hoben werden. Diese Zollverordnungen hatten haupt­sächlich die deutsche Einfuhr betroffen. Es wurden dort Waren mit einem 50Prozentigen Wertzoll be­legt, die 25 Prozent der deutschen Gesamteinfuhr nach England im Jahre 1930 ausmachten.

Die Reichsregierung hat zu den neuen eng- Hieben Ankündigungen noch keine Stellung genommen, schon deswegen, weil es sich noch nicht um eine ge­schlossene Vorlage handelt. Sobald der Beschluß vor­liegt, wird sich die Reichsregierung über ihre Haltung schlüssig werden. Auch von deutschen Gegen­maßnahmen kann deshalb noch keine Rede sein. Die Nachrichten über eine Drosselung der eng­lischen Kohleneinfuhr nach Deutschland treffen zu, die Drosselung ift aber nicht als Gegenmaßnahme gegen diese englische Ankündigung aufzufaffen. Der Retchs- kommiffar für Ein- und Ausfuhr, hat vom 1. Februar ab durch Mitteilung an die Kohlenimport-Firmen die Kontingente neu festgesetzt, sodaß sie jetzt etwa 30 Prozent niedriger als bisher stnd. Dies entspricht dem auch in Deutschland eingetretenen Verbrauchs­rückgang.

Man erwartet in Berliner politischen Kreisen, daß die englische Regierung bei der Handhabung des

neuen Schutzzollinstruments entsprechend ihrer bis­herigen Haltung auch weiterhin Vcrständnissür die allgemeinen Zusammenhänge an den Tag legen wird.

$ür und wider die Gefn'erfleischeinsuhr

Berlin, 6. Februar.

In der Aussprache des Haushaltsausschuffes über den Reichsratseinfpruch gegen vas vom Reichstag be­schlossene Gesetz über ine Gesrierfleifchein- fuhr hatte als Vertreter der Reichsregierung Mini­sterialrat Kürschner betont, daß eine Wiedereinfüh­rung des Gefrierflcischkoniingentcs auf dem Lande wie Sprengpulver wirken würde. Der Einspruch des Reichsrates treffe völlig das Richtige. Die Viehpreise seien seit Januar 1931 nahezu um die Hälfte gesun­ken, und der Bauer muffe infolgedessen zu Schleuder­preisen verkaufen. Sie Ausfuhrmöglichkeiten von Schlachtvieh und Fleisch seien infolge der Maßnahmen der Nachbarländer auf ein Mindestmaß zurückgegan­gen. Der Einfuhrüberschuß für Rinder betrage, trotz 6er Ausfuhr von 34 000 Stück 70 000 Rinder, und der Schweineeinfuhrüberschuß sei aus 30 000 Stück jil sckxitzen, obwohl 220 000 Schweine ausgeführt worden seien. Anzeichen einer Einschränkung der Visherzeu- gung seien bei der Schweinehaltung schon vorhanden. Eine Verminderung der Erzeugung müsse aber unter allen Umständen im Interesse der Verbraucher ver­mieden werden.

Nach Ablehnung des Reichsratsein» ip r u ch e s nahm der Haushaltsausschuß noch mit en Stimmen der Sozialdemokraten und Kommuni­sten einen neuen Gesetzentwurf der Sozialdemokra­ten an, wonach mit Rückwirkung vorn 1. März vori­gen Jahres jährlich 50 000 Tonnen Gefrierfleisch zoll­frei MI Einfuhr zugelassen werden sollen.

Reichswehr und NSDAP.

Berlin, 6. Februar.

Wie die Telegraphen-llnion erfährt, hat das Reichswehrministerium mit Verfügung vom 29. Ja­nuar die Vorschrift aufgehoben, die die Einstellung von Rationalfozialiste« in die Reichswehr verbot. Sine grundfätzliche Ablehnung national: sozialistischer Bewerbe» smdet künftig nicht mehr statt.

Keine Aushebung der Sparverorbnung

Berlin, 6. Februar.

Im Hauptausschutz des Preußischen Land­tags wuwe am Freitag die Beratung der vielen Anträge zu den letzten Notverordnungen ab- gesttztoffeH. Zunächst fauo-noch «ine Aussprache über die Bestimmungen statt, die Sparmaßnahmen für etc landwirtschaftliche Verwaltung vorsehen. Kritik und Bedauern wurde hier besonders wegen der Aufhebung der Kulturämter uufc verschiedener landwirtschaftlicher Forschungsanstalten geäußert.

Dann erfolgten die Abstimmungen über die An­träge. Die Aufhebung der Sparnotver­ordnung wurde mit 15 Stimmen der Regierungs­parteien gegen 13 Stimmen bei Enthaltung der Wirtschaftspartei abgelehnt. Abgelehnt wunden auch sämtliche Anträge wegen der Schließung von neun pädagogischen Akademien. Auch der Antrag, die Akademien noch weiter auszubauen, sand keine Zustimmung.

Aus Antrag der Staat spartet wurde beschlossen, daß bei der Durchführung der Verwaltungsreform die spätere Durchführung der großen Verwaltungs- reform und der Rcichsresorm nicht erschwert toeroen soll. Vor der Entscheidung sollen die örtlichen und provinziellen Instanzen nach Möglichkeit gehört werden. Bei der Neuregelung soll grundsätzlich die Leistungsfähigkeit der Verwaltungsbezirke entschei­

dend seien und auch auf die örtlichen und wirtschaft­lichen Verhältnisse Rücksicht genommen werden.

Bezüglich der Kürzung der öffentlichen Fürsor­geleistungen wunde auf deutschnationalen An­trag des Staatsministerium ersucht, Härten frei der Durchführung zu vermelden. Weiter wurde beschlos­sen, daß die verfügte Aufhebung von neun Gewerbe­aufsichtsämtern und vier Bergrevieren rückgängig ge­macht werden soll, wenn damit eine Verminderung des Arbeitnshmerschutzes verbunden ist.

Ein weiterer angenommener Antrag verlangt die Schaffung einer Zentralstelle für Leibesübmtgen in Berlin. Endlich wurde ein Antrag angenommen, wo­nach im Falle des Erlasses weiterer Sparnotverord- nungcn Laitdtag und Staatsrat vorher Gelegenheit zur Mitarbeit gegeben werden soll, sofern nicht zwin­gendes Reichsrecht daran hindert.

Thüringen und Frick

Weimar, 6. Februar.

v\ Das Thüringer Kabinett beschäftigte sich am Freitag mit dem Versuch Fricks, Hitler durch Anstellung im Staatsdienst die thüringische Staats­angehörigkeit zu verleihen, lieber den Verlaus der Sitzung wird amtlich bekannt gegeben:

Die Absicht, einem verdienten Frontsoldaten des deutschen Kriegs-Heeres alle Rechte eines deutschen Staatsbürgers zu geben, betrachtet man als durchaus verständlich. Tas Staatsministerium bedauert aber die versteckte uno unwürdige Art, mit der seitens des dant-aligen thüringischen Innenministers die Beam­tenanstellung Hitlers versucht wurde. Zudem habe das Vorgehen Dr. Fricks einem ausdrücklichen am 15. April 1930 gelegentlich der Beantwortung einer Klei­nen Anfrage im Beisein Dr. Fricks gefaßten Beschluß widersprochen, wonach die Staatsregierung nicht die Msicht habe, Adols Hitler den Erwerb der thüringi- Sen Staatsangehörigkeit dadurch zu ermöglichen, ß sie ihn pro forma als thüringischen Staatsbeam­ten anstelle. Die Staatsregierung ist einmütig der Auffassung, daß kein Anlaß vorliegt, gegen die beide» beteiligten Beamten ein Disziplinarverfahren ei n$u leiten.

A. Artur Kuhnert:

Abenteuer in

Wir waren siebe» Stunden lang mit unseren Skiern bergauf gelaufen, durch ein Tal zuerst, durch Wälder, durch Senken und steiler dann an den Hän­gen hinauf, bis wir langsam näher an den Kamm der Beskiden gekommen waren, der langgezogen den Himmel abschnitt. Ein alter Slowene hatte uns ge­führt, schweigend, mit den Augen immer die Schnee­decke abtastend und horchend, ob tief unter ihr der Bach noch rinne, dessen Lauf wir folgen mußten, und auch wir hatte» auf das verschüttete Rauschen ge­horcht und waren stumm immer weiter gezogen, schwer an unseren Lebensmittel» schleppend und abgeschlis- fen schon in unseren Gedanken von dem leisen Schür­fen der Skier. So waren wir endlich in die Hülle auf dem Beskidenkamm gekommen, und wenn wir auch froh waren, sie erreich: zu haben, blieben wir doch stumm, denn die Stille um uns war zu groß, und zu groß auch das Weiß all der Berge. Arn Morgen bann, als der Slowene feinen Talweg angetreten hatte und seine Spuren bald schon vom Wind verweht toarm, hatten wir allen Zusammenhang mit dem Tal, mit den Städten, de» Dörfern verloren, es gab nur die Berge noch, den Himmel, den Schnee überall, die Sonne und nachts auch Bilder der Sterne, den Orion und den großen Bär.

Fünf und sechs Tage vergingen in der Hütte. Sie schloß uns ein, wenn wir müde vom Schneeschuh­laufen zurückkamen, sie war warm und eng, sie rückte uns dicht zusammen und unsere Worte und Bewe­gungen, die die endlose Weite und Stille draußen fremd gemacht hatten, als gehörten sie nicht mehr zu uns, wurden um den Trsch und das atmende Licht der Lampe wieder beruhigend groß und vertraut. Am siebenten Tag daun verletzte sich einer von uns vier Kameraden das Bein. Er schleppte sich zurück, legte sich, das Bein sorgsam gestützt, vor die Hütte in die Sonne und wartete, daß di» Schwellung des Beines wieder zurückgehe. Aber die Schwellung ging nicht zurück, auch am nächsten Tag nicht, sie nahm noch zu am übernächsten, aber weil jeder von uns noch glaub­te, daß sie plötzlich besser werden könnte, biteben wir such am zehnten Tag noch in der Hütte, zwei Tage über die Zeit, sür di» die Lebensmittel berechnet ge­wesen waren, und zwei Tage über die Zeit, zu der der Slowene mit neuem Proviant zu kommen ver­sprochen hatte. Als die Vorräte zu Ende waren, schienten wir das Bein und brachen auf.

den Beskiden

Aus der Leiter, die in der Hütte stand, hatten wir durch die untergeschnallten Skier einen Schlitten ge­zimmert und den mit allen Decken und allen nur ent­behrlichen Kleidungsstücken umwickelten Kameraden daraufgesetzt. Wir versuchten ihn so talwärts zu schie­ben, aber Der primitive Schlitten sank sofort in den Neuschnee ein und blieb seststecken. Wir banden un­sere Leibriemen an und zogen, die Riemen risse», zentimeterweise nur kam der Schlitten vorwärts; wir fuhren Spuren vor ihm, ez half nichts; wir versuch­ten den Schlitte» zu tragen, da sanken wir selbst ein, wir zerrten an ihm, wir schoben, wir gruben ihn aus. aber nur Stückchen sür Stückchen kamen wir weiter mit ihm und mußten dabei immer wieder unseren Kameraden ohne Skier helfen, weil sie ohne Schnee­schuhe oft bis zum Hals einsanken. Wir hatten Hun­ger, aber keiner dachte daran, es waren zwanzig Grad Kälte, keiner spürte ste, unsere Hände waren von den Riemen und Stricken ausgeriflen, keiner beachtete es, nur die Entfernung zum Wald sahen wir. nur die Zett, die verging, fühlten wir, und quälte» uns mehr »och, weinend vor Wu; und Hilflosigkeit.

lLs wurde schon Abend, als wir keuchend vor Er- schoptung die Waldgrenze erreichten und damit eine vollkommen zerfallene, vom Schnee fast »ergrabene Hütte. Dcr eine Raum des Blockhauses war einge- brochen, war nur noch ein Gewirr verschneiter Bal­ken, der andere aber war noch brauchbar, wenn ihn das Dach auch nur halb bedeckte und wenn die Wände auch gesprungen waren. Wir hingen eine Decke vor vw Türöffnung, der Ostwind riß sie ein dutzendmal

W.ir, icharrte» den Schnee aus dem Raum, vom Dach siel neuer herab; wir gruben die Balken aus und junbeten sie an, aber da qualmte das morsche Holz, sodaß wir fast erstickten, und wir rissen andere Balken herab nur um zu arbeiten, nur um den Hun- gcr zu vergessen und nicht einzuschlafen, solange noch kein «euer brannte. Daun kam die Nacht, wir fühl­ten, daß wir am Morgen nicht weiter könnten, schön jagte einer, nichts hätte mehr Zweck, da brachen zwei von uns auf, um mit den Skiern ins Tal zu fahren und die Bauern um Hilfe zu bitten, die beiden ande­ren risse» Balke» auf Balke» ins Feuer, um nicht zu erfrieren.

Die Nacht war hell, unheimlich hell zwischen den riesenhaften Bäumen, schatten lagen wie Schluchten auf dem Schnee, und alles glitzerte, Klirre» war i»

dem Ostwind, der mehr und mehr zunahm, die Kälte schnitt in die Haut, bald war unser Hauch zu dicken Ballen um den Mund und die Nase gefroren. Aber wir tarnen bis In das Dorf, taumelten in die Schenke und redeten auf die Manner ein, daß sie gleich gingen bevor unsere Kameraden erfrören.

»Ruht euch aus, Pani", beruhigten uns die Bau­ern,wir nehmen Pferdeschlitten und holen di« an­deren, wir gehen gleich? Sie zogen ihre Pelze an, sie tranken noch einen Schnaps.Wir gehen schon, Panil* Und dann war nur noch das Läuten einer Schlittenglocke da.

Wir warteten eine Stunde, eine halbe noch, zwei, drei, darin kamen die Männer zurück. Sie traten zögernd ein, mit ernsten Gesichtern, die Bärte und die Brauen bereift.Es geht nicht, wir kommen nicht durch mit den Pferden, so viel Schnee hat noch nie gelegen, aber wartet, Pani, wir holen ste, wir gehen mit Handschlitten, das werden wir schassen, wartet nur, wir gehen!* Und sie gingen wieder, von neuem warteten wir, und wir horchten in das Pfeifen des Ostwindes, lange Zeit, es war ein heller, immer wachsender Ton, und wir horchten auf das Knirschen von Schritten, und wir sahen nichts als die Dämme­rung kommen und allmählich den Morgen, und wir schliefen dann ein, von dem Warten stumpf.

Endlich kamen die Männer zurück. Wir warteten nicht ab, bis sie teoeten, wir sahen nur, daß sie allein waren und ihre Hände vor die Gesichter preßten, um ne gegen ben Sturm zu schützen, dann rannten wir sckron, rannten ohne Besinnung in wütender Ver­bi, jenheit bergauf, zwei Stunden, drei Stunden, da sahen wir, daß das Feuer noch brannte, schrien die Namen hinaus und bekamen von beiden noch Antwort.

Stunden und Stunden hockten wir dann zu viert wieder um das Feuer. In unserer Wut hatten wir vergessen, Lebensmittel mitzubringen, es war alles sinnlos gewesen, auch der Handschlitten, den wir mil­gebracht hatten, hals nichts, er brach ein. Es hatte sich' noch ein wenig Tee gesunden, den kochten wir in der leeren Butterdose, und unsere Kameraden lauten Holz- ftuae, um wenigstens so den Hunger etwas zu däm­men. Ter Sturm fuhr noch immer über die Bäume bi», es war ein immerwährendes Rieseln draußen, und dann, als es spät wurve. begann ein jappendes Heulen rings um die Hütte. Keiner von uns hatte icmals Wölfe heulen Horen, aber wir spurten, daß es nur Wölfe waren, und saßen aufgerichtet da und horchten und warteten und horchten. Manchmal nur stieß einer die Balken liefet ins Feuer, einmal stand einer auf und verbarrikadierte schweigend den Raum m« de» Skier», dann war alles wieder still. Als so der Morgen kam, waren wir stumpf von Hunger «nd

Müdigkeit, taumelnd rissen wir uns hoch, einer fang, es waren sinnlose Worte, drückender wurde das Schweigen der anöeren durch dieses Singen, aber es kam dennoch wie von selbst, daß wir die Skier an? schnallten, unseren Kameraden wieder auf »en alten Schlitten luden und mit ihm weiter talwärts zogen, Zentimeter auf Zentimeter nur, immer versackend in ben Schneewehen.

Gegen Mittag waren wir auf einem Weg, den die Bauern getreten hatten, um Weniges später schon kamen sie uns entgegen, und dann war ein Pferde­schlitten da, ein Mann, der uns Schnaps gab, und die Schenke danach, Essen, ein Arzt und für jeden ein Bett! Heulten Wölfe draußen? Trieb der Sturm wie­der den Rauch herum? Rieselte der Schnee von den Bäumen? Sang der eine wieder das versluchte Lied, dessen Worte so sinnlos waren?Schlaft nur, Pani da ist nichts, ihr seid zu Hause schlaft nur, Pani? Und wir schliefen.

Bei diesem Akk...

Miszelle au5 der Goethezeit.

Goethe, als Mensch und als Schriftsteller, hat viele Gegner gehabt ,die, heimlich und offen, je nach Temperament und Charakter, ihm mit unterschied­lichen Waffen zusetzten. Graziöser aber konnte keiner seinen Tadel ausdrücken als Franz von Kleist (1769 bis 1797) ein fruchtbarer, mittelmäßiger und jetzt vergessener Dichter, in einem kleinen, gegen dieRö­mischen Elegien* gerichteten Gedicht. Diese, 1795 in Schillers ZeitschriftTie Ho en* veröffentlicht, hat­ten durch ihre hohe poetische Schönheit nicht nur den Freund hingerissen, der durch ihre Veröffentlichung zwar eine konventionelle, aber nickt die wahre und natürliche Dezenz verletzt glaubte, sondern auch viele andere Leser bezaubert. A. W. Schlegel nannte sie eine in der neueren Poesie überhaupt einzige Er­scheinung. Der Herzog Carl August freilich nahm Anstand an ihrer Veröffeniffchuna. die Herzogin Luise sand sie leichtfertig, und Herber meinte, die Horen* müßten nun mit demu* gedruckt werden. Franz von Klein aber lieft sich tn feinen Vermisch­ten Schriften* (1797) wie folgt vernehmen:

An P. Heber G(oethes) Elegien.

Wann! table mir mit finstern Kennerblicken ®en Dichter nicht! Sind die Herameter auch schlecht, So weicht hier gern der Billiakeit das Recht: Er zahlte ,a auf feines Mädchens Rücken Die e-Ylben ab, und kam bei diesem Akt Natürlich manchmal aus dem Takt,

y. A. Hünich.