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Nummer 28*
Mittwoch, 3. Februar 1932
22. Jahrgang
Deutscher Schritt in Tokio und Nanking
Die Reichsregierung schließt sich den Protesten der Ratsmächte an / Oie Aktion des Hindenburgausschusses / Cuba von einem Erdbeben heimgesucht
Auftakt in Genf
Von unserem Genfer Sonderberichterstatter Rene Kraus
Gens, 3. Februar.
Mister Henderson ist optimistisch. Der Präsident der Abrüstungskonferenz ist, um es offen zu sagen, so ziemlich der e i n z i g e Optimist in Gens. Aber es muß ebenso offen festgestellt werden, daß die vorgefaßte Skepsis, die bleischwer aus der Konserenz- stadt lastet, Vie allerärgste Schwierigkeit der mühereichen Wochen und Monate, die uns nun bevorstehen, in sich selbst birgt. Solange die Allgemeinstimmung zwischen Resignation und Ironie schwankt, wie in diesen buntbewegten Eröffnungstagen, wird bas erlösende Wort, nach dem die ganze Welt dürstet, bas Wort von der Abrüstung ohne Vorbehalt und ohne Hinterhältigkeit bestimmt nicht gesprochen werden. Mehr denn je gilt heute die Erkenntnis: bas Wunder ist des Glaubens liebstes Kinv.
Wie sollte freilich eine internationale Diplomatenkonferenz noch wundergläubig sein? Man steht unter dem Eindruck der französischen Ereignisse, man hat Enttäuschungen überreichlich erfahren — von Spaa bis Basel, welch deutscher Passionsweg! —, und die Verbitterung ist unbeschreiblich. Der Berichterstatter, der alle großen Konferenzen der Nachkriegszeit mitge- macht hat, muß feststellen, daß noch aus keiner die Grunv stimmung derart mißtrauisch war und von Gegensätzlichkeiten gespannt wie auf dieser. Jedes Hotelhallengespräch, jede Unterhaltung an den Biertischen der „Bavaria", der weltberühmten Völker- bunbkneipe, alles Wandelhallengeflüster klingt nervös, überreizt und kriegerisch. Abrüstung? Sogar die Stimmen klingen metallisch und die in ihrer lächelnden Metierkenntnis immer sidele Konferenzgesell- schaft marschiert im Stechschritt aufeinander los.
Diese Gesellschaft ist seltsam erweitert. Tie im Lause eines Jahrzehnts eingebürgerten Stammgäste gehen unter in der Schar der Genfer Greenhorns. Wenn solche Grünhörner rudelweise auftreten, mit neugierigen, aber grundsätzlich mißbilli- genden uns immer abwehrbereiten Mienen die große Welt zu besichtigen, in die sie hier verschlagen sind — dann ist es natürlich wiederum ein Trupp polnischer Offiziere, die man eben ausgeladen hat. Es sind chrer fünfzig oder sechzig schon gekommen, aber nicht zur militärischen Besetzung des schönen westschweizer Kantons — bis an die Ufer des Lac Leman soll sich das „größere Polen" zunächst wohl noch nicht erstrecken — sondern allein zum Beweis, daß Polen kein Militärstaai ist und nichts anderes im Sinn hat als den Himmelsfrieden auf Erden.
Trotz allen Gegensätzen und kaum verhüllten Feindseligkeiten kann kein Staat, auch jener Pilsud- fkis nicht, der 40 Prozent seines Haushalts für Hee- resausgaben aufwendet, es wagen, sich gegen bas Programm der Rüstungsminderung auszusprechen.
Selbst die Lobensfremdheit, die sich zuwenen ün Palais der Nationen gefährlich breit macht, vennag sich der gewaltigen und völkerbewegenden AbrüstungSrdee nicht mehr offen zu widersetzen. Man braucht nicht in erster Linie an Hendersons Erössnungsrede zu denken, aber es ist bezeichnend, daß der Erzbischof von Jork, einer der beiden höchsten anglikanischen Kirchensürsten, der ganzen Völkerbundgesellschast einen tiefen Eindruck aufzwang, als er in seiner grandiosen Predigt in der Genfer St. Peters-Kirche die allgemeine, gleiche Entwaffnung forderte und mit glühenden Worten gegen die Thesen der Kriegsschulden und der einseitigen Schuld am Kriege sich wandte. Lebhafte Beachtung finden auch die Erklärungen einiger kleiner Staaten, die sich in die Front der vorbehaltlosen Rüstungsgegner einreihen. Der lettische Delegationschef erklärt am Tage seines Eintreffens, die neutralen und die kleineren Länder hätten gar keine andere gesicherte Lebensmöglichkeit als jene auf Grundlage der allgemeinen Abrüstung, Die gleiche Feststellung treffen die Litauer, die bisher weniger durch ihre unbedingte Friedensliebe —« stehe das Spiel mit dem Putsch in Memel —, als vielmehr durch ihren Liliputimperialismus bekannt waren. Besonders gewichtig klingt das Abrüstungs- manifest der Schweiz, eben durch seine Sachlichkeit und die Zurückhaltung im Ton. Dieses Manifest schließt, wie man weiß, mit einem Bekenntnis zur Miliz als zu jenem Wehrsystem, das am deutlichsten rein defensiven Charakter trägt. Die deutsche Abordnung wird gut beraten sein, wenn sie sich auf dieses Schweizer Dokument Beruft:
Damit deckt man zugleich die Unmöglichkeiten, eine Rüstungsminderung auf dem einseitigen Weg
Einzeichnung für H ndenburg
Die Einzeichttung in die Listen für die Kandidatur Hindenburg kann am heutigen Tage bis einschließlich Sonnabend, de» 6. Februar, stattsinden. Unsere Geschäftsstelle in der Kölnischen Straße, in der die Listen aufliegen, ist ohne Unterbrechung von Vi 8 Uhr vormittags bis ’/*< Uhr abends geöffnet. Besondere Ausweise sind für die Eintragung nicht nötig, die Unterzeichner muffen ihren Vor- und Zunamen, den Beruf und die Wohnung eintragen, Frauen auch den Mädchennamen. Eintragungsberechtigt find alle Kaffeler Einwohner, die das wahl- mündige Alter (20 Jahre) erreicht haben.
Betriebe, die von sich aus Listen auslegen wollen, können in unserer Geschäftsstelle Formulare erhalten.
OieAussichtenderVermittllmgsakü'on
(Von unserer Berliner Schriftlettung),
Brünings Reisepläne geändert?
Eigener Drahtbertcht.
th. Berlin, 3. Februar.
Die Reichsregierung hat sich gestern abenp ent- schloffeu, ebenso wie die anderen RatSmächte in Genf auch ihrerseits einen diplomatischen Schritt in der ostasiatischen Frage zu unternehmen. Auf Grund des Berichtes, den der deutsche Vertreter im Völkerbundsrat über die gestrigen Verhandlungen in Genf nach Berlin erstattet hat, fand gestern abend eine sogenannte Chefbesprechung im Auswärtigen Amt statt, bei der der Beschluß gefaßt wurde, noch im Laufe der Nacht Telegramme nach Tokio und Nanking abzuseuden, in der die dortigen deutschen Vertreter angewiesen werden, im Laufe des heutigen Tages die entsprchenden Vorstellungen bei der japanischen und der chinefi- schen Regierung zu erheben.
Schweres Erdbeben auf Euba
Habana, 3. Februar.
An der Südküste im Westen Kubas hat fich ein schweres Erdbeben ereignet. Besonders heimgesucht wurde die Stadt Santiago de Cuba, wo zahlreiche Gebäude zerstört wurden. Die Zahl der Toten soll außerordentlich groß sein. Sie läßt sich zurzeit auch nicht schätzungsweise angeben.
*
Rach einer späteren Meldung aus Neuyork ist der dritte Teil Santiagos zerstört worden. Die Zahl d e r T o t e n wird auf 15 0 0 g e s ch ä tz t.
Dieser diplomatische Schritt geht in der Richtung, daß Deutschland darum ersucht, «daß die Kriegs- vor Bereitung en und alle feindseligen Akte zwischen Japan und China eingestellt werden mögen, miiD vaß insbesondere die Truppen aus Schanghai zurückgezogen werden, ferner, daß die japanische und die chinesische Regierung zur Regelung ihrer Streitpunkte in Verhandlungen miteinander ein- treten.
Diese deutsche diplomatische Aktion entspricht genau der internationalen Rechtslage, in der Deutschland sich in dieser Angelegenheit befindet. Dabei ergeben sich gewisse Abweichungen von «er Situation der anderen Ratsmächte, wie ja auch Deutschland sich nicht ohne weiteres dem in Genf erhobenen Protest und z. B. der Forderung nach Schaffung einer neutralen Zone angeschlossen hat, sondern auf Grund seiner besonderen Position auch die Form der Intervention gesondert wählen mußte. Tie Engländer uns die Amerikaner sind Beispielsweise vertraglich verpflichtet, die internationale. Niederlassung in Schanghai zu schützen, die Franzosen haben eine ähnliche besondere Verpflichtung für die französische Niederlassung in Schanghai. Die Italiener sind nicht in dem gleichen Maße verpflichtet, weil sie an der internationalen Niederlassung in Schanghai nicht beteiligt sind. In ähnlicher Lage befindet sich Deutschland, welches ebenfalls keine Beteiligung an der Fremdenkolonie in
Schanghai besitzt und welches auch über keine exterritorialen Rechte in Schanghai verfügt. Infolgedessen konnten wir uns nicht ohne weiteres der sehr scharfen Erklärung der anderen Ralsmächte auschlie- ßen. Im übrigen ist ohne weiteres zuzugeben, daß die außerordentlich scharfe Zuspitzung der Verhältnisse im fernen Osten lediglich durch die Vorgänge in Schanghai bestimmt wird, tw an dieser Stadt die europäischen Mächte am stärksten interessiert sind, denn «ort konzentrieren sich ungefähr zwei Drittel des gesamten chinesischen Außenhandels.
Ma» hat in Berlin den Eindruck, daß die Vorstellungen, die in Genf erhoben worden sind, und die damit verbundenen diplomatische» Schritte, soweit Schanghai in Betracht kommt, zu einem positiven Erfolg führen werden, denn dort haben sich die Japaner ganz offensichtlich übernommen. Dagegen ist nicht damit zu rechnen, daß auf Grund dieser Aktion nun auch die Feindseligkeiten im ganzen übrige» China eingestellt werden.
Oie englisch amerikanische Aktion
Wie oben erwähnt wird, steht der deutsche Schritt in Zusammenhang mit der englisch-amerikanischen Intervention, von der der britische Vertreter Thomas in der gestrigen Genfer Sitzung des Völkerbundsrates Mitteilung machte. In der Erklärung des Ministers Thomas heißt es u. a.:
„Tie britische Regierung ist der Ansicht, daß es unmöglich ist, die gegenwärtige Lage in Ostasien andauern zu lassen. Es ereignen sich dort Dinge, die bis auf den Namen einen Kriegszustand darstellen. Die Völkerbundssatzung, der Kelloggpakt und der Neunmächtevertrag müssen allen Kredit in der Welt verlieren, wenn dieser Zustand andauert. Die Vereinigten Staaten haben von Anfang an erfreulicherweise dieselbe Auffassung über die Lage gezeigt. Leider haben alle bisherigen Bemühungen zur Besserung der Lage sich als fruchtlos erwiesen.
Im Einvernehmen mit der Regierung der Verein i g t e» S t a a t e n hat sich die britische Regierung nunmehr entschlossen, den gegenwärtigen bedauerlichen Zustand der Dinge zu einem Ende zu bringen und sie hofft, daß andere Staaten sich diesem Vorgehen anschließen werden. Die beiden Regierungen haben sowohl in Nanking als auch in Tokio das formelle Ersuchen übermittelt, alleGewaltakte und alle Vorbereitungen für Feindseligkeiten einzustellen. Sie haben die Zurückziehung der Truppen in Schanghai und die Errichtung einer neutralen Zone und sofortige Aufnahme von Verhandlungen zur Regelung der Streitpunkte im Geiste des Kellogg- paktes und der Entschließung des Völkerbundsrates vom 9. 12. gefordert.
Tard ieu und G r a n d i erklärten darauf, daß ihre Regierungen in Tokio und Nanking im gleichen oder ähnlichen Sinne vorstellig werden würden. Ter chinesische Gesandte Yen beschränkte sich auf die Erklärung, daß er feiner Regierung von dieser Aktion Kenntnis geben werde, während der japanische Vertreter das Vorgehen begrüßte und eine Darstellung der Vorgänge in Schanghai gab, die von den bisher bekannten Schilderungen erheblich abwich.
th. Berlin, 3. Februar.
Nachdem der vom Berliner Oberbürgermeister Dr Sahm gegründete Hindenburg-Ausschuß seine Tätigkeit ausgenommen hat, konzentriert sich die poAtiche Aufmerksamkeit jetzt vollMndig aus das Fortschreiten dieser Aktion. Man hat darüber ge- strit.en, ob es besser gewesen wäre, lediglich binnen kürzester Frist (evtl, in wenigen Stunden) die notwendigen 20000 Unterschriften zusammenzubringen, anstatt eine mehrtätige Auslegungsfrist vorzusehen. Demgegenüber scheint aber die Auffassung zu überwiegen, daß der politische Zweck, der mit einer dreitägigen Auslegung verbunden ist und der darin besteht, eine möglichst große Zahl von Unterschriften zu sammeln und damit eine Vertrauenskundgebung für Hindenburg herbeizuführen, als wichtiger anzu- sprechen ist.
Gewisse Schwierigkeiten liegen int Eintragungsverfahren insofern, als man dabei in erster Linie auf die Geschäftsstellen der Zeitungen angewiesen ist, die sich in den Dienst der Hindenburg-Propaganda gestellt haben. Von zuständiger Seite wird jedoch darauf hingewiesen, daß man nicht daran gebunden ist, persönlich eine derartige Geschäftsstelle aufzusuchen, sondern daß es ebenso zulässig ist, Sammellisten kursieren zu lasse», z. B. in einzelnen Betrieben, in die sich jeder ein tragen kann. Eine Erklärung des Reichspräsidenten über die Annahme der Kandidatur wird natürlich erfolgen, wenn das Ergebnis der Eintragungen feststeht. - /..
Ob der Reichstag vorzeitig evniberufen wird, nm den Wahltermin zu bestimmen, ist ebenfalls noch
1 nicht festgesetzt, besonders da im Augenblick die Reisedispositionen des Reichskanzlers wieder unsicher geworden sind. Da Laval die Absicht hat, zunächst noch nicht nach Genf zu kommen und da Macdonalo sich einer Operation unterziehen muß, ensällt für den Reichskanzler ein Hauptteil des Interesses, welches er an einer Reise nach Gens hatte, weil er dort mit Maedonald und Laval über Reparationsfragen konferieren wollie. Es steht daher nochnicht fest,.ob unb wann der Kanzler die Reise nach Genf antritt, und erst nach dieser Feststellung werden sich die Weiteren Dispositionen für die Maßnahmen in Berlin richten.
Tributkonferenz im Juni?
London, 3. Februar.
Im Unterhaus gab gestern der Schatzkanzler Neville Chamberlain eine Erklärung ab, in der er n. a. ausführte:
Die Politik der britischen Regierung geht dahin, daß eine umfassende unb dauernde Re- gelung der Reparationsfrage sobald wie möglich erzielt werden muß. Wir sind der Ansicht, daß dieses Ziel am besten durch eine allgemein« Streichung der Reparationen uns Kriegsschrklden verwirklicht werden kann. Es trat zutage, daß der gegenwärtige Zeitpunkt einer Regelung auf einer solchen Grundlage nicht günstig War. Wir haben daher einer Verschiebung der Konferenz, bis zum Mai oder Juni zugestimmt.
Japanischer Mißerfolg vor Tschapei
Schanghai, 3. Februar.
Rach dem großen Angriff der Japaner am Dienstag trat zunächst eine längere Waffenpause ein, die erst in den Morgenstunden des Mittwochs durch einen Artilleriekampf unterbrochen wurde. Der Erfolg des gestrigen japanischen Angriffs ist infolge des ungeheuren zähen chinesische» Widerstandes sehr gering. Die Japaner habe» lediglich die vordersten chinesischen Gräben an der Grenze des Hongkiu-'Ouar- tiers gestürmt. Der größte Teil von Tschapei ist nach wie vor im Besitze der Chinesen. I» den japanischen Stellungen richtete das chinesische Artilleriefeuer großen Schaden an. Hunderte von Häusern, darunter auch der Sitz des japanischen Hauptguartiers sind schwer beschädigt worden. Die Straße» wurden auf Weite Strecken durch Granateinschläge aufgeriffen.
Das Fehlschlagen des japanischen Vorgehens ist umso bemerkenswerter, als der Angriff eine endgültige Niederlage der Chinesen und die vollständige Besetzung von Tschapei bringen sollte, bevor die neutralen Verstärkungstruppen in Schanghai eintrafen. Wie verlautet, wurde der chinesische Bürgermeister eine halbe Stunde nach Beginn des japanischen Angriffes vom japanischen Konsul unterrichtet, daß der englisch-amerikanische Waffentzillstandsvorschlag für
I die Japaner nicht annehmbar sei. Der starke chinesische Widerstand wird von den Japanern damit begründet I daß neue chinesische Verstärkungen aus Nanking in Schanghai emgetrofsen seien
Japan gegen die Vorschläge der Mächte
Tokio, 3. Februar.
An zuständigex japanischer Stelle wird erklärt, Japan würde sich sehr glücklich schätzen, wenn die Feindseligkeiten eingestellt würden. Es sei jedoch nicht in der Lage, den Puilkt 5 der Vorschläge der drei Mächte anzunehmen der bestimmt, daß sofortige Maßnahmen zur Beilegung der Meinungsverschiedenheiten ergriffen würden.
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Schanghai, 3. Februar. Ter japa>n,cye Generalkonsul teilte dem britischen und dem amerikanischen Generalkonsul offiziell mit, daß Japan die Absicht habe, die Wusung-Forts sofort zu besetzen.
Das Bombardement der japanischen Kreuzer und Flugzeuge, das auf den Forts Wusung und Puschan liegt, ist außerordentlich heftig.