Dienstag. 2. Februar 1932
Kasseler Neueste Nachrichten
Leite 3
Die fetzten Deutschen
Clairvaux
von
der
Die heutige Nummer umW 12 Seilen
Hanns Martin Elster.
eigentliche Musik
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In diesem Jahre wird es uns noch schlecht werden vor lauter Goethe. Das steht bereits fest. Die Goeche - Marmelade, das Goeche - Bruchband und
Habt Mitleid mit Goethe!
. . . weigert sich ei« Pfarrer in Montceaux in Freankrsich, ein Kind zu taufen, weil sein Vater ein Violinspieler ist.
2. Februar 1832. «
. . . macht man in R^ew-Castle (England).eine» Versuch mit einem Drachen, um den Urfhruno der. Cholera festzustellen. Man befestigte an dem Drachen ein Stück frisches Fleisch, einen frischen Schellfisch und ein Brot. Der Drache stieg auf und blieb in beträchtlicher Höhe etwa 1% Stunden in der Luft.' Als man ihn wieder hinunterzog, sand man, -daß sowot-t das Fleisch als der Fisch in Fäulnis überge- ' gangen waren, und das Brot, bei mikroskopischer Beobachtung mit Millionen kleiner Tiere bedeckt ton.“ — Dagegen macht ein Frankfurter Arzt dar • auf aufmerksam, — »nicht im Scherz", meint eine Reifung ironisch bemerken zu müssen —, ob die Cholera nicht von winzig kleinen Wasserinsekten her komme, die sich mit den Nahrungsmitteln mti> dem Waller in den menschlichen Körper einschlcichen und wie scharfes Gift wirken.
lichc, allerdings örtlich begrenzte Epidemie im schönen Nürnberg, wo man den 400. Todestag Albrecht Dürers feierte. Wer jene schreckliche Zeit der Dürer-. Hosenträger mit erlebt hat, kann ermessen, was uns in diesem Jahr« von Goethe droht.
Dies umsomehr, als in der En gros-Branche die Goethe-Wogen schon zum Brechen hochgehen. Und' was soll man der übrigen Industrie noch übel nehme» wenn der deutsche Buchhandel folgende Produkte auf - den Mark bringt, die er in seinem „Börsenblatt" anzeigt:
„Goethe und das Welträtsel".
„Goethe und die Liebe". m
„Goethe und der Geist der Astrologie".
„Goethe-Worte-Postkarten".
„Ein roter Faden durch Goethes Faust"
„Goethe und Golgatha".
„Die Goethe-Postkarte „Mehr Licht!" Authentische
Wiedergabe der letzten Stunden des Dichter".' . „Goethe und die lustige Zeit in Weimar".
„Sturm um Lottchen".
„Goeches liebe Kleine". :
„Der Schlüssel zu Goeches Liebesleben".
Wir bemerken ausdrücklich: Goethe kann nichts dafür.
Geschäfte von heute.
„Sie haben immer noch zur zu tun in ihrem Grammophon-Laden? Tas ist >a erstaunlich!"
„Ja, in der vorigen Wöche habe ich tausend verkauft!"
„Himmel! Tausend Grammophone?"
„Aber nein — Grammophon-Nadeln!"
HEUTE
VOR HUNDERT JAHREN
. . . veröffentlicht das König!. Polizeipräsidium in Berlin folgende Bekanntmachung: „Es wird hierdurch bekannt gentacht, daß im abgelausenen Monat Januar in Berlin folgende Bäcker-die größten Semmeln, Weißbrote und Hausbackenbrote geliefert haben: (folgen die Namen von drei Bäckern). Dagegen wurden zum gleichen Preis die kleinsten Semmeln und Brote vovgefunden bei den Bäckermeistern: -V (folgen wiederum drei Namen von Bäckermeistern)!" &
^Dänemark"' in Westfalen
Was der Dialekt zustandebringt. ...
Eine im Süden der westfälischen Stadt Sckwelm gelegene neue Siedlung hat im Volksmund die scherzweise Bezeichnung „Dänemark" erhalten. Mit dem Land Dänemark hat diese Siedlung nichts als den Namen gemeinsam, es wohnen auch keine Dänen kort, die Bezeichnung ist lediglich auf eine dialektische Redensart zurückzuführcu. Die Siedlung Wird in der Hauptsache von jungen Paaren bewohnt, die natürlich viele Einrichtungsgegenstände auf Raten kaufen mußten. Wenn nun die Kassierer der einzelnen Firmen die Ratenbeträgc einziehen, holen sie — wie es im Dialekt heißt — ,,dä ne Mark int da ne Mark un dä ne Mark.? Und so hat man schließlich die ganze Siedlung „Dänemark" genannt...
... Goethe-Senf — wartet nur ab, sie werden schon noch kommen. Vor ein paar Jahren gabs eine ähn-
Aus unserer Antenne
Gmfonie aus Oesterreich
sind, sondern auch die Art, wie die Stärke des Klanges sich während des Ablaufs ändert. Bei der Orgel steigt die Tonstärke nach dem Niederdrücken einer ^aste sofort auf einen bestimmten Mert an, belält diesen Wert unverändert bei und fällt nach Loslassen der Taste wieder schnell auf Null ab. Es ist daher verständlich, daß ein solcher Klang, von rückwärts gehört, nahezu den gleichen Eindruck macht, wie von vorwärts. Anders dagegen beim Klavier. Hier ist die Tonstärke im Augenblick des Anschlags sehr groß und fällt zunächst schnell und dann immer langsame ab, bis der Ton schließlich verklungen ist. Ein solcher Klangverlauf muß, umgekehrt gehört, in der Tat einen ganz anderen Eindruck erwecken. Der Unterschied ist dementsprechend beim Klavier besonders groß, er besteht aber bei fast allen Musikinstrumenten.
Oie rückwärts gespielte Grammophonplatte
Ein interessantes Experiment.
Um zu hören, wie eine rückwärts gespielte Grammophon platte klingt, kann man nicht einen gewöhnlichen Schallapparat gebrauchen, da dieser die Platte nur in einer Richtung zu drehen erlaubt. Es erscheint auch vielleicht auf den ersten Blick als eine unnütze Spielerei, derartige Versuche zu machen, aber daß dies nicht so ist, mag voraus hervorgehen, daß Professor Hertz in seiner Erössnungsvorlesüna im neuen Physikalischen Institut der Technischen Hochschule zu Ehar- lottenburg u. a. als ernsten physikalischen Versuch eine rückwärts gespielte Platte vorführte.
Eine Bolksbibliothek auf Rädern. Die Stadt München hat einen Straßenbahnwagen als Volksbibliothek eingerichtet, um den zahlreichen Lesern aus den verschiedensten Sradwterteln den weiten Weg zum Gebäude der Bibliothek zu ersparen. Ter Wagen fährt morgens, reich beladen mit Lesestoff aller Art, vom Depot ab. An bestimmten Haltestellen wartet bereits oas lesehungrige Publikum, um gegen eine geringe Leihgebühr die Bücher in Empfang zu nehmen.
Gesanaswettftreil mit Fern.Kritik. In der Deutschen Sängerbundes-Zeitung wird jetzt gegen die verschiedentlich auftretenden Auswüchse und Unsitten bei Gesangswettstreiten Stellung genommen. So hatte kürzlich die „Interessengemeinschaft Großbamburger Gesangvereine" im Conventgarten einen SSngenveti- strcil veranstaltet und aus „Sparsarnkcitsrückfichlen" die Preisrichlernden Musiker daheim gelassen, um sie.
Der Sinn eines solchen Versuches ist, zu beobach welchen Einfluß die Richtung des Vorgangs auf Klangempfindung hat. Auf die eigentliche M kommt es dabei nicht an. Der Versuch, den Hertz Orgel und Klavier zeigte, ergab, daß die Orgel bei der Umkehrung fast natürlich klang, während das Klavier überhaupt nicht wiederzuerkennen war und auch nicht irgendeinem anderen bekannten Instrument ähnelte. Hierdurch wird überraschend deutlich klar, was man erst vor ziemlich kurzer Zeit durch umständliche Untersuchungen herausgefunden hat, daß nämlich für den Klangcharakter eines Musikinstruments nicht nur die im Klang enthaltenen Obertöne maßgebend
Dritter »av: -cherzo. Da wirbelt und jubelt .un» 'cherw es bunt durteinander und scheint des “ebene li-rmt nicht 5« begreifen. Und eine Krag« steht am schlug: ,.M das wahre Oesterreich wirklich fo, rote es Stint und Ka- E^K^Ggemgibt haben? - d«i»L Das Kina!« zeigt ä'.
mabre Gencht: Oeiterreicher tn Oesterreich, wo man U'wn tragt, sich aufbaumt gegen Not. roo ungewollt die Hande 'eiern münen. wo. aber unbeugsam, gestützt am die große Tradition tn Kumt und Wissenschaft, brt Llenschen arbetten und das Joch abzuwerfen gewohnt sind, wenn es zu schwer drückt, i nngiam verklingt die Sinfonie.
Dies schenkte uns der öfterreirftifrfte Rund'» nk in z,aej- ttun ger yrolge. Eine Hörfolge von t ül)i:ieu<;iü.ritt Konti. Vollendung, dje uns Bekanntes und Unbekannte« vorüber.
*»*fet lies: Wort und Ton in sinnvoller Berbürdmrg B ■
Re.no. Kraus
£e.gion d'ßorreur
gültig durchs Examen fällt, bricht wieder Haß in Ella bis zum Wahnsinn aus, sie jubelt über den Eramens- durchfall und Jim würgt sie. Sie verzeihen sich, aber Jitn^ fragt: wie kann Gott sich selber verzeihen?
So steht auch Eugene O'Neill keine Lösung, er zeigt zuletzt nur, dabei sich selbst als Anhänger der Humanitätsidee frei von Rassenvorurteil bekennend, den Zustand, wie er ist! Daß er dabei in Jim wohl einen vollwertigen, in Ella einen minderwertigen Menschen nebeneinanderstellt, ist ein dramatischer Fehler, durch den der Kampf der Rassen allzu ungleichmäßig wirkt. Die Frage müßte aus eine höhere Ebene gehoben werden. Das Spiel bewies es unwiderlegbar. Jetzt verlor es sich in Neger- und Ame- rikamilicuschilderungen von Niggersongs bis zu lokalen Anspielungen. Marcella Salzer als Ella und Herbert Berghof als Jim bewältigten unter Heinz Stroux- anständiger Regie ihre Stollen angemessen. Der Beifall war trotz der späten Nachtstunde^ heftig.
XIII.
Die Zuchihausvüla des He zogs von Orleans
Oh, die Zuchthausverwalwng weiß genau, was sie will. Erfahrene Aufseher können mit geradezu mathematischer Sicherheit den Tag bestimmen, an dem ihr Opfer in der Stra^'lle zusammenbricht und mit jeder Arbeit, ganz gleichgültig zu welchen Bedingungen, sich einverstanden erklärt, wenn man ihn nur wieder herausläßt in einen Raum, in dem er nachts sich richtig ausstrecken kann und wenn man ihm kaltes Wasser gibt, seinen Durst zu stillen. Kein Auf- bäumen^hilft gegen die Körperqualen jeder Stunde Jn- der Strafzelle. Nur, daß der eine den aussichts- loien Widerstand länger durchhält, der andere kürzer. Heinrich Füchter hat länger durchgehalten. Aber auch er klopft eines Tages an die Zellentür, den Aufseher zu verständigen, daß er bereit sei, sich zum Arbeitsantritt zu melden. Frankreich hat eine Bataille gewonnen.
Auf dem Pretpire, dem Hausgericht, in dem die Verwaltung ihre Disziplinarstrafen verhängt, wird Fuchter dem Direktor vorgestellt. Dieser, Monsieur Eatry, empfängt ihn freundlich. Er ist üoerhaupt ein
raiim, vom _
»rohen Veranstaltungen von Ml "mit "Neberftagung auf ’ 132 «enöer. Reue Melodien, härter uni) strenger rote doi= bet: «guernaufftani in Oberösterreich. Ta walzt sich das merkwürdige Heer mit dem febaurigen Ruf: 7.Ss «ntz 'ein! über die Landstrasien. Und von dort nur ein Lchrist ‘ zu Augenblicken des Weltkrieges.
Verantwortlich für beir politischen Teil: Dr. Walter Pehnt: für bas Feuilleton: German M. Bo ua m yr den totalen Teil: £r. H a ns Jo a ch t m® la d er: ur den Heimatteil: Rudolf Glaser: rur Handel: Dr. H an s Üangenberg: für den LvorUetl: Herbert Zveich: Phote-Redakteur: Eduard sichülr» Kessel: für Anzeigenteil: Konrad Wachsmann. — Berliner DchrifUeitung: Dr. W a l t e r T b ü m. Berlin TW. 68. — Druck und Verlas: Kasseler Neueste Nachrichten G. m. b. H., Kassel, Kölnische s?trage 10.
zogen, untersucht, ob sie Geld oder Tabak bei sich hätten und in zerfetzte Lumpen gehüllt. Dann führt man jeden in eine eigene „Empfangszelle". Dort legt der Aufseher dem Häftling einen Zettel mit der Bitte um Arbeitszuteilung zur Unterschrift vor.
Nun muß man wissen, daß die Deteutionaire im Gesetz ausdrücklich von jedem Arbeitszwang befreit sind. Nur, wenn sie freiwillig darum ersuchen, darf ihnen Arbeit zugeteilt werden, dann allerdings zu den gleichen Bedingungen wie dem delenue biföroit conmn, dem gemeinen Verbrecher. Wer dieses Arbeitsansuchen also unterschreibt, hat sich verkauft. Er darf die ganze Zeit seiner Gefangenschaft über nie wieder die Arbeit zurücklegen. Er muß jede Tätigkeit annehmen, die man ihm gibt. Dabei handelt es sich um Arbeit in Privatfirmen, die im Rahmen des ungeheuren Gefängniskomplexes ihre eigenen Fabriken und Betriebe unterhalten. Die Gefangenen erhalten knapp die Hälfte des Lohnes, der aus einem freien A-vettsmarkt gezahlt wird. Von dieser Entlohnung aber zieht die Gefängnisverwaltung nochmals die Hälfte für sich ab, als Entgelt für die Zuchthausverpflegung und erst die andere Hälfte, also nicht einmal ein Viertel normalen Arbeitslohnes, steht dem Gefangenen zur Verfügung, auch dieser winzigkleine Betrag nicht etwa in Bargeld, sondern lediglich zur Verrechnung in der Kantine, aus der er für seine At- beitsgroschen zusätzliches Essen, Kaffee und Wein be- ^fann. Füchter aber will keine Unterschrift
. Er hat schon zu schlechte Erfahrungen mit unterzeichneten Revers gemacht. Er beruft sich auf den politischen Charakter seiner Sttafe und erklärt, daß man ihn zu keiner Arbeit zwingen könne.
Schön, da zwingt man ihn eben nicht. Man begnügt sich, gegen den Geist der Unbotmätzigkeit, der in diesem deutschen Gefangenen augenscheinlich vr- körpert ist, mit den in der i-strrfvollzugsordnuna vor; gesehenen Disziplinarmitteln vorzugehen. Aus der Einzelhaft in der Strafzelle, in der einer keine zwei Schritte machen, ja kaum mit geraden Gliedern liegen kann, kommt Füchter nicht mehr heraus. Ernährung aus der Kantine gibt es nicht, also gibt es nichts anderes als lauwarmes Wasser und schimmeliges Brot. Dafür gibt es jeden Augenblick den Besuch des Prevost. Dieser angenehme Funktionär ist ein alt- gedienter Zuchthäusler, der für lange Jahre hindurch bewiesene Loyalität gegenüber den Strafanstaltsbehörden und für umfangreiche Spitzeltätigkeit in deren Dienst, eine Art Aufseherrecht über seine Mitgefangenen erhalten hat. Er hat insbesondere das Recht, widersetzliche Elemente zu verprügeln und wenn er bei dieser Gelegenheit einmal einen Neger totprügeft, wie Füchter es einmal mit grauengeblendeten Augen mitansehen mußte, bekommt der Prevost sogar eine reichliche Extraportion Wein für seine treuen Dienste. Mit sicherem Blick wählt die Verwaltung für solche Sklavenhalter-Posten die rohesten und gemeinsten unter den mehrfach vorbestraften der Zuchthausinsassen aus.
da die Veranstaltung durch den Sender gegeben / ■ wurde, am Lautsprecher urteilen zu lassen. Da die / Uebertragung von Männer-Chören bekanntlieb poch größeren Zufälligkeiten als solche splistischer Darbietungen unterliegt, muß das Ergebnis des Preisge- ; richtes, das alle acht mirwirkenden Vereine mit einem .. Preise bedachte, als sehr zweifelhaft angeseben • werden.
Max Regers letztes Werk. In der kommenden Sa«- fon wird in Wien die Uraufführung pon Max Regers letztem Werl stattsindeu. Es handelt sich um eine großangelegte symphonische Rhapsodie für Geige! J und Orchester, deren Vollendung jetzt von dem Kost,- ponisten und Geigenkünstler Florizel v. Reuter vor- < •• bereitet wird.
sehr freundlicher Herr, der ein Herz hat für seine Gefangenen. Später, zum Leiter der Sants, das Pariser Zentralgefängnisses befördert, hat er !n seiner Gutmütigkeit sogar den Royalist.mführer Leon Daudet „versehentlich" entwischen lassen. Die Gefangenen von Elairvaux haben sich über dieses bedauerliche Versehen freilich ihre eigenen Gedanken gemacht. Denn vor ihnen hielt Herr Eatry mit seiner royalistischen Ueberzeugung niemals zurück und, lange schon vor seinem persönlichen Zwischenfall mit Leon Daudet erklärte der Direktor immer wieder, daß dieser Führer der französischen Royalisten der größte Franzose sei, der Retter des Vaterlandes. Kein Wunder, daß er von der Gnade des Schicksals, den Retter selbst einmal retten zu dürfen, gerne Gebrauch gemacht hat.
Es gab überhaupt allerlei Operettenroyalismus in Clairvaux. Hier hat nämlich der Herzog von Orleans, der bourbonische Tbronprätendent, ein paar Jahre seines allerhöchsten Lebens verbracht: verurteilt wegen unerlaubter Rückkehr nach Frankreich, die nach dem Gesetz der Republik den Mitgliedern des früheren Königshauses verboten ist. Es läßt sich allerdings nicht leugnen, daß der Herzog von Orleans im Zuchthaus von Clairvaux etwas besser behandelt wurde als der Boche Heinrich Füchter. Ihm stand eine flugs erbaute Villa zur Verfügung, die Aufseher fungierten, in Uniformen des Hauses Orleans,- als Lakaien des Herzogs, für Herrn Eatry war es die allerhöchste Auszeichnung, daß er seinen Gefangenen manchmal auf die Jagd begleiten durfte und sogar zu manchen Hoffestlichkeiten in der Zuchthauspilla zugezogen wurde.
Von Vergünstigungen dieser Art also hatte Füchter eigentlich nichts verspürt. Immerhin wendet sich sein Schicksal mit seinem Arbeitsantritt rasch zum besseren. Der Segen der Arbeit ist vielleicht doch nicht eine Lssehuchphrase allein. Als et sich meldet, wird er nach Alter und früherem Beruf gefragt. Kaufmann "war er, gibt er an, und fei firm in allen Büroarbeiten. Den Herren von der Verwaltung scheinen solche Kenntnisse mächtig imponiert zu haben. Sie selbst sind nicht gerade Schriftgelehrte. Der Stellvertreter des Direktors, der auf den klangvollen Titel „Chef des Hauses" hört, kann nicht einmal orthographisch schreiben. Seine Berichte werden alle von intelligenten Gefangenen verfaßt und dem tadellosen buro- ranzösisch dieser Berichte merkt man wirklich nicht an, daß ihre Autoren fast durchweg deutsche Legionäre sind, die ihre Sprachkenntnisse erst in Marokko erworben haben. Sämtliche Aufseher sind Analphabeten. Wenn einer seinen Namen schreiben kann, gilt er schon als gebildeter Mann unter seinesgleichen Der innere Betrieb des Zuchthauses wird ausschließlich von Gefangenen versehen. Die Deutschen die heute noch in Clairvaux sitzen, haben fast alle Stellungen als Buchhalter, als Werkmeister und ähnliche ge- hobenere Posten inne.
(Schluß folgt.)
Trommelwirbel, Tusch und Tod
Das Kriegsgericht verurteilt Füchter zum Tode. Er lst angeblich überführt, em Komplott gegen die ^lcherheir des Staates angezettelt zu haben. Bemerkenswerte Begründung Wegen Vorbereitung einer ntctrt ausgesuhrten Flucht, wegen des einzigen Vergehens also, dessen Füchter sich wirklich schuldig ge- machi hat, gibt es keine gesetzliche Strafe Der An- llager aber bat einen Ausweg gewußt: Füchter und Genossen hatten einen bewaffneten Aufstand insze- utert, um eine marokkanische Sowjetrepublik aufzu-- Heißt nicht einer der Miwerschworenen Karl Marx? Weiß nicht alle Welt, daß Karl Marx der Begründer des Kommunismus ist?
Als sie ihn vor Gericht schleifen, sein Todesurteil ^^boren, kann Füchter kaum mehr torkln. Er ist ltchtblind geworden in seinem nachtdunklen Loch. Er lleht nichl, er hört nicht, kaum, daß er noch die Kolbenschlage der Eskorte fühtt.
Mit ihm zusammen sind der Horvath aus Wien und der Bechi aus Wiesbaden als Rädelsführer zum .höchsten Strafausmaß" verurteilt, die anderen zu langlährigem Zuchthaus.
Stal 20. Mai 1921 sind die Lofe gefallen Der Offizialverteidiger hat sich darauf beschränkt, den einen «atz auszusprechen: „Ich bitte um eine milde «strafe, und weigerte sich im übrigen, mit den Ange- Hagten a^ nur em einziges Wort zu reden. Drei ^aae nach der Urteilsverkündung werden diese ge- lesselt <mf den Kasernenhof gebracht, ein Carrs von Zenegalnegern uh gibt sie, das Urteil wird verlesen. Er» Offizier reißt dem Verurteilten die Knöpfe von der Uniform und trampelt auf seinem Käppi herum, J”®*5 Fenelaqneger zu solch weihevoller Handlung das Gewehr präsentieren und die Marseilleise hoch ausklingl. ' 1
Dann werden die Verurteilten im Carrö herum- llrtnbrt und leder Negersoldat hat das Recht, ihnen ins Gesicht zu spucken. Zur Ehre der Schwarzen sei daß kern einziger unter ihnen von diesem Recht, das ine französische Zivilisation ihnen verlieh, Gebrauch gemacht hat.
. Drei Monate noch qualvollen Kerkers in Rabatt. Inzwischen wird auf dem Gnadenweg das Urteil in fünfzehn Jahre Dctenlion — politische Haft — umae- wandelt Ms politischer Gefangener kommt Füchter nun nach Clairvaux. Er macht die Reise in einem Transport von vierzig verurteilten Arabern. Unter diesen ist eine Frau, die angeblich einem französischen
£ler Gurgel durchgebissen haben soll. Eines abends wird sie emgeliefert. Die ganze Nacht beten- für ihr Seelenheil zu Mohammed. Am nächsten Morgen wird die schwarze Frau aus dem Sammelgefangnis tn den Kasernenhof geführt. Die beiden Gewehrsalven sind noch deutlich zu hören.
XII.
Der Eingang zur Hölle
- „Maison de Detention" steht in großen Lettern über die Pforte geschrieben, durch die Füchter nun elNgeht ins Höllenreich: Eiairvaux, das Gefängnis der politischen Häftlinge. y
Ärmlich ist der Begriff der politischen Haft hier recht weit gezogen. Auch die Deserteure vom Batail- lon d Asrique, dem berüchtigtsten Strafbataillon, in dem die Pariser Apachen, die Berufsverbreeber, der Abschaum der Menschheit, unter gleichfalls verurteilten und bestraften Offizieren ihre Zeit abdienen — auch die werden hier als politische Gefangene gehal- ten, ia auf die Zähmung dieser wilden Tiere ist der ganze Betrieb der Anstalt zugeschnitten. Brandstifter und Totschläger m den ordentlichen Zuchthäusern haben es besser.
Zu sieben werden sie an der Bahn abgeholt und, m Ketten aneinander geschmiedet, quer "durch das Städtchen Clairvaux geführt: Fuchter mit seinen Freunden Becht und Horvath und vier französische Kavaliere vom Bataillon ü'Affique denen das Kriegsgericht wegen Meuterei zwanzig Jahre auf« diktiert hat. Man schleift die Neuelilgelieferten in einen Keller, dort werden sie splitterfasernackt ausge
,Mile Kinder Gottes haben $täger
Deutsche Uraufführung des neuen Dramas von O'Neill.
Berlin, 2. Februar.
; , Ws dies Stück, das die Rassenfrage in Amerika, de» schwarz-weißen Gegenfatz, mit der entfchiedenen Tendenz der absoluten Gleichstellung der Neger bei aller Lyrik scharf und klar beantwortet, vor zehn Jahren in Neuyork urauf geführt wurde, gab es einen großen T h e a t e r s k a n d a l. an dem sich Weiße und Neger gemeinsam beteiligten. Der Ire Euaen- O'Neill, bei uns feit feinem „Kaiser Jones" bekannt und verehrt, konnte denn wohl noch hauffger Aufführungen seines Stückes in aller Welt und vielen Sprachen veranstalten, am Negerhatz der Amerikaner hat er aber nicht das Geringste ändern können. Zehn Sabre sind seit dem offenen, humanen Wort dieses tückes vergangen und es ist alles noch wie zuvor...
Man verfolgt infolgeöeffen Handlung und Meinung des Stückes mit gemischten Gefühlen, zumal der schwarzweiße Gegensatz uns Deutsche nicht berührt. Wir. sind ja nicht, wie Frankreich in Gefahr, uns durch afrikanischc Staatsbürger in unserer reinen Weiße zu verfärben, nachdem wir nicht eine Kolonie mehr besitzen und auch wenig Neiguna zu Raffemischung kennen. Trotzdem haben pie Veranstalter, die Schaui'pielsr-,,Arbeitsgemeinschaft Berlin", geglaubt, daß die Raffefrage — aus politischen Gründen — aktuell sei. Dies selbst zugegeben, so liegen die Strömungen doch so ganz anders, als daß sie nur tm Entferntesten in Vergleich zum Schwarz-Weiß- Gegensatz gesetzt werden können. So töricht darf man die Entwicklungen und Erfcheinungen nicht anfehen und zwar grade aus Humanitätsgründen nicht!
Es blieb alfo schließlich bei dem besonderen Fall, daß der Neger Jim durch Leistung gern: das Vorurteil gegen seine schwarze Farbe besiegen möchte, durch Leistung als juristischer Student der Richter werden will, und durch Heirat mit einer Weißen! Als Junge hat er mal die kleine Ella geliebt und Ella hat ihn auch gerne gemocht. Inzwischen ist sie freilich in die Hände eines Boxers geraten, nach einem Kinde von ihm verlassen durch allerhand Abenteuer gewandert Als sie nicht mehr aus noch ein weiß kehrt sie zu Jim zurück, heiratet ihn, unter dem Haß der Wechen und Schwarzen, die beide sie Verräter nennen! Sie fliehen vor der Verfolgung durch Eurova. wo sie in Frankreich glücklich leben, bis das Raffegewissen sie wieder nach Amerika treibt Als Jim hier nun end
Goethe und die deutsche Gegenwart heißt eine Schrift von Walther Linden, die soeben vom Deutschen Verlagshaus Bong u. Co., Berlin, herausgegeben wird, hinter den zahlreichen Erscheinungen des Eoethejah- res nimmt das Büchlein Dr. Walther Lindens, des Neuherausgebers der Bielschowskyschen Goethe-Biographie, schon durch seine frische, zusammenfassende Darstellung eine besondere Stellung ein. Linden zeichnet den „lebendigen" Goethe in seiner wechselvollen und zugleich einleillichen Erscheinung — als Jüngling, Wann und Greis. Kein unsxfchüttexlich Ruhiger, sondern ein Kämpfender, Leidender, ewig Junger. Linden setzt Goethe zu her Gegenwart in Beziehung und hebt hervor, wodurch er dem lebenden Geschlecht ein Führer sein kann.
Erster Lab: Allegro ernt moto. Aus verklingende». ' Tonen befreit sich Stimmen der Tprecher und SoremeriN- »en, geben eine Uebersicht des Kommenden. Tann be- : > wundern ein Mann und eine Krau die Schönheit des KahlenbergeS und feiner Umgebung. Der Mann erinnert an die Vergangenheit dieser Landschaft. Und die Bergan- > - genhett io richt. Tos unbekümmert heitere Beilchensest klingt aufureö wird opu schlimmeren Augenolicken oer= frranat.. Die Türken vor Wien! Die Heere formieren sich W^ctietuitg der -tadl. Neue «ißer steigen auf: twee M4 'S MM.- «w*
'M und ivrgeht amug um: ^"W^miech.nd"K-
aleltet ibn. niemand. Uni) schon verkltngt der herbe fernen m Schuberts flnnft und^Grillvarzers Versen. Andante Maestoso. Lonnwendfeier in de» ■
Sergen Tirols und Erinnerung an die roechlelvollen Zeit- — Berg sticht und Andreas Hofer. Jetzt kommt »affburH. vom geitfoiel des 18. Jahrhunderts
iltungen uon 1631 mit Uebertragung auf '