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Montag 1. Februar 1932

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Unsere Darstellung veranschaulicht die Zusam« eusetzuug der deutschen Tribntleistnngen seit 1318. Deutschland hat im ganzen mehr als 67 Milliarden an Bar- und Sachleistungen aus­gebracht, wovon jedoch nur rund 20 Milliarden Marl aus Reparatiouslouto gutgeschrieben worden find.

Ltnerfreuliche Vorzeichen

Dor der Eröffnung der Abrüstungskonferenz / Amerikanische Anklagen gegen Frankreich

deren einzige Aufgabe die allgemeine Abrüstung sei, dle Hoffnungen der Völker nicht enttäuschen werde.

Eens, 1. Februar.

Die Abrüstungskonferenz wird, wie ent­gegen allen Dertagungsgerüchten bestimmt erklärt wird, am Dienstag, den 2. F e b r u a r, um 16.30 Uhr zusammentreten. Die Sitzung ist auf den Nachmittag verlegt worden, um auch der amerikani­schen Oefsentlichkeit das Anhören der durch Radio übertragenen Rede des Präsidenten Henderson zu ermöglichen. Die Konferenz wird sich in ihrer ersten Sitzung wahrscheinlich darauf beschränken, je einen Aus ich utz zur Prüfung der Vollmachten und zur Auf­stellung der Eeschästsordnung einzusetzen. Der Be- "^gemeinen Aussprache ist frühestens Ende der Woche zu erwarten. Von da an rechnet man auch mit dem Eintreffen einiger der maßgebenden euro­päischen Staatsmänner, insbesondere des deutschen Reichskanzlers und des englischen Premierministers.

*

Washington, 1. Februar. Dem Weißen Hanse nahestehende Kreise find davon überzeugt, daß die französisch« Unterstützung des japanischen Vorgehens in China (siehe Seite 1!) die letzte Hoffnung für einen Erfolg der Genfer Abrüstungskonferenz raubt. Staatssekre­tär Stimson trifft auch vorläufig leine Vorbereitun­gen für die Abfahrt nach Genf. Es herrscht die Ueberzengung vor, daß Japan die französische Hilfe durch Zugeständnisse für Genf erlauft« und ebenfalls für den Grundsatz: Keine Abrüstung ohne Sicherheit eintretea würde.

positive Politik!

Nadolny über Deutschlands Stellungnahme zur Abrüstungsfrage.

London, 1. Februar.

Ter Führer der deutschen Abordnung zur Ab­rüstungskonferenz Nadolny hat demObserver" eine Unterredung über die deutschen Ziele gewährL Deutschland, so sagt er, werde eine positive Politik verfolgen. Deutschland habe als ein entwaffneter Staat ein besonderes Interesse an der Abrüstung der anderen und werde darauf bestehen, daß die' Ab­rüstung effektw sein werde. Es halte die Art der Begrenzung der Rüstungshaushalte nicht für aus­reichend, sondern werde unmittelbar Abrüstung for­dern. Besonderes Gewicht legte Nadolny darauf, daß zwischen den Staaten keine unterfchiedliche Behandlung stattfinde. Die gleichen Grundsätze müßten sowohl für Dutschland wie für die anderen Mächte gelten.

Nadolny bezeichnete die Gerüchte über geheime Rüstungen als völlig unbegründet. Sie seien anscheinend nur in die Welt gesetzt worden, um die Konferenz zu wrpedieren und eine für Deutsch­land ungünstige Atmosphäre zu schaffen. Deutschland werde sich auf der Konferenz von dem guten Willen der Zusammenarbeit leiten lassen.

Appell an Ll S A.

Gens, L Februar.

Freiherr von Rheinbaben, der der deutschen Abrüstungsdelegation angehört, sprach Sonntag im Rundfunk in einer Rede, die nach Amerika übertra­gen wurde, über den deutschen Standpunkt in der Abrüstungsfrage. Er erklärte, die Lage Deutschlands sei der beste Beweis, daß der Weltkrieg immer noch nicht liquidiert sei. Zwei Haupchinder- uiffe ständen der freien und unabhängigen Entwick­lung der deutschen Nation entgegen: die Reparations­zahlungen, deren Weiterbezahlung sich als unmöglich erwiesen habe, und die ständige Bedrohung durch übergerüstete Nachbarn. Deutschland habe das Recht, aufgrund des Versailler Vertrages zu verlangen, daß die Sieger st aalen ebenso und nach den gleichen Mechoden a b r ü st e n wie es Deutschland getan habe. Ein Abrüstungsabkommen, das die bisherige Diskri­minierung in den Rüstungen aufrecht erhalte, sei für Deutschland unannehmbar.

Freiherr von Rheinbaben ging zum Schluß seiner Ausführungen kurz aus die Sicherheitsfrage ein und gab der Erwartung Ausdruck, daß die Konferenz,

Ole Krtegsfchuwklausel unhaltbar!

Genf, 1. Februar.

Der Erzbi-schof von York, William Temp­ler, zweiter Geistlicher des englischen Königreiches, hielt am vonntag anläßlich bei bevorstehenden Er­öffnung der Abrüstungstonserenz einen Gottessienst ab, in dem er eine schriftlich ssstqelegte Rede rein po­litischen Charakters hielt. Der Gottesöienst, dem der Präsident der Abrüstungskonferenz, Henderson, der Führer der englischen Abordnung, Kabinettsminister Thomas, Lord Roben Cecil und zahlreiche Mlglie- iber der verschiedenen Abordnungen beiwohnten, hat hier größtes Aufsehen erregt.

Der Erzbischof von York verlas wörtlich den ent­scheidenden Teil der berühmten auf der Versailler Konferenz aboefaßten Mantelnote der alliierten Mächte, in der die allgemeineAbrüstung als eine E h r e n v e r p f l i ch t u n g der alliierten Mächte bezeichnet und erklärt wird, daß die Entwaffnung Deutschlands den Beginn der allgemeinen Abrüstung einzuleiten habe. Der Erzbischof betonte, daß die Ab­rüstung eine internationale, sämtliche Mächte binden­de Verpflichtung darstelle. Zur Sicherheitsfrage er­klärte er, das Verlangen nach Sicherheit wäre zwar gerechtfertigt, aber diejenigen Mächte, die bereits über die notwendigen Sicherheitsgarantien verfügten, dürften die Sicherheit nicht denjenigen Mächten ver­weigern, die heute keine Sicherheit hätten.

Die heute bestehenden internationalen Verträge enthielten unhallbare Bedingungen. Hierzu gehöre in «ster Linie die Kriegsschuldklausel. Die­jenigen Mächte, die diese Klausel geschaffen hätten, müßten jetzt selbst diese Klausel wieder uuslöschen. Als 1919 die Kriegsschuldklausel geschaffen wurde, schien es einzig und allein denkbar, daß ste nur wäh­rend einer kurzen Frist gelten könnte. Jetzt könnte diese Klausel nicht mehr weiter aufrecht erhalten werden. Die Schuld am Kriege treffe nicht eine ein­zelne Macht, nicht denjenigen Staat, der das Zünd­holz ins Feuer warf, sondern diejenigen, die den Zündstoff zusammengetragen haben.

Deutschland-Schweiz

Rach Beendigung beS Handelsvertrages.-

Basel, 1. Februar.

Das Bolkswirtschaftsdepartement des schweizeri­schen Bundesrates gibt die nach der Beendigung des deutsch-schweizerischen Handelsvertrages in Kraft tre­tenden vorläufigen Maßnahmen bekannt. Die gegen­seitige Wareneinfuhr wird auch nach dem 4. Februar auf dem Fuße der Meistbegünstigung behandelt wer­den. Zollerhöhungen treten nur insoweit ein, als die beiden Staaten diese Zölle auch »ritten gegenüber festgelegt haben. Di« handelsvertraglichen Bindungen fallen für etwa 200 Positionen des bis­herige« Handelsvertrages fort, für 56 Positionen werden die Ansätze auf die ursprüngliche Höhe des Gebrauchstarifs von 1921 wieder heraufgefetzt, für 24 Positionen werden neue Kontingentierungen und Zollerhöhungen geschaffen.

Das Entscheidungsjahr 1932

Stegeewald in Trier.

Trier, L Februar.

Auf einer Zentrumstagung in Trier sprach am Sonntag Reichsarbeitsminister Dr. S t e g e r w a l d. Er gab einen Ueberblick über die wirtschaftlichen und politischen Aussichten des Entscheidungsjahres 1932, das für alle noch harte Entbehrungen bringen werde. Ausgehend von der Notwendigkeit einer Sicherung der Währung, behandelte Dr. Stegerwald u. a. die Schwierigkeit des Finanzwesens, das in Deutschland keine Reserven kenne. Vor der Notver­ordnung seien für 1931 1 Milliarde und für 1932 2 Milliarden Fehlbetrag zu erwarten gewesen. Da neue Steuern zur Ausbalanzierung des Haushalts nicht möglich gewesen seien, habe zu einer Beschneidung der Personalausgaben geschritten werden müssen. Wenn die Drosselung der Personalausgaben nicht schon vor Jahresfrist eingesetzt hätte, hätten heute die Beamten nur noch 30 bis 50 v. H. der früheren Bezüge ju er­warten. Von neuen Gehaltskürzung enkonne keine Rede sein. Auch an dem Gerücht einer Entwertung der Reichsmark auf 80 Pfennige sei kein wahres Wort, da die Regierung dem Volke eine zweite Inflation nicht zumuten werde.

Der Minister wandte sich sehr scharf gegen die Verfehlungen der letzten Zeit in der Privat­wirtschaft (Favag, Nordwolle, Schultheiß-Patzen- hofer usw.), bekannte sich aber durchaus zu dem Ge­danken der Privatwirtschaft, die allerdings auch allein das Risiko ihrer Erzeugungskosten tragen und sich von ungesetzlichen Preisbildungen befreien müsse. Gin großzügiges Arbeitsbeschaffungsprogramm scheitere vorläufig noch an mehreren Gründen, die in dem Fehlen von Steuerquellen, der Unmöglichkeit weiterer Auslandskredite und einer inneren Anleihe begrün­det feien.

Gördelers Ziel

Verhältnis von Kaufkraft und Pressen muß noch stärker verbessert werden."

Berlin, L Februar.

,.®lr Reichskommissar für Preisüberwachung Dr. Gordeler teilt folgendes mit:

Verschiedene mir soeben bekannt gewordene Mittei­lungen, die hier und da über meine Pläne und Ab- sichten verbreitet worden sind, veranlassen mich, die Oetjentlichkeit zu umerrichten und zu bitten, hierzu mtr die Mitwirkung der Presse jh gewähren:

Der Preisindex ist gegenüber der letzten Zahl vor meiner Amtsübernahme um 6,3 v. H. gefal- l e n. Damit ist bei den durch den Index erfaßten Bedarfsartikeln die Senkung erhielt, die bis Ende Januar zu erreichen ich bei Amtsübernahme fitr mög­lich erklärt hatte. Ich bin hiervon aber nicht befrie­digt, obgleich die Preissenkung au» dem außerhalb des Index liegenden Gebiet noch großer ist. Im Jnter- effe der Belebung der Wirtschaft ist es notwendig, das Verhältnis zwischen Kaufkraft und Preisen noch stärker zu verbessern. Die Elastizität meiner Befugnisse und das bisherige Ergebnis geben die Möglichkeit, die Methoden der Preisüberwachung so zu gestalten, daß das Ziel erreicht wird. An den Orten, Mr die ich festgestellt habe, daß die zentralen Vereinbarungen über Lebensmittelpreise nicht durch­geführt find, wird mit besonderen 2tnoDünungen ein» gegriffen werden.

Zu einer Beunruhigung wegen des Brotprei» s e s Hegt keine Veranlassung vor. Von allen Sach­verständigenstellen ist festgestellt, daß die Brotgetreide- Versorgung für das ganze Jahr absolut sichergestellt ist. Die Preise werden also durch die Kaufkraft be­stimmt. Schwankungen in Getreide- und Mehlpreisen werden auf gefangen.

Was die in der Oeffentlichkeit jetzt vorzugsweise behandelten Tarife von Gas- und Elektrizi­tätswerken sowie der Beförderungsunterneh- mungen betrifft, so sind bei den meisten Straßen­bahnen nunmehr Senkungen von acht bis zwanzig vom Hundert durchgeführt. Eine beachMche Zahl von Gas- und Elektrizitätswerken haben ihre Preis« ge­senkt. Auch diese wichtige Frage, bei der der Zusam­menhang zwischen Preisgestaltung, allgemeiner Wirt- schaflslage und öffentlichen Lasten besonders klar in Erscheinung tritt, wird beschleunigt geklart werden.

OieRüstwoche" der Eisernen Front

Berlin, L Februar.

Die neu gegründete republikanische Sammel-Orga­nisation, die unter dem NamenEiserne Front" ge- btlbet worden ist, hat gestern ttt Berlin ihre erste große Kundgebung veranstaltet. Reichsbanner, Ge­werkschaften xl Arbeitersportvereinigungen waren an dieser Veranstaltung beteiligt. Es wurden Reden vom sozialdemokratischen Abgeordneten Crispien, Gewerk- schaftsführer Eggert, dem Führer der Arbeitersvort- organifationen Gellert und dem Reichsbanneriührer Höltermann gehalten. Dieser erklärte in seiner Rede, dieEiserne Front" wolle vor allem die Bürger­kriegs-Psychose brechen.

Die gestrige Kundgebung war von zirka 15 000 Personen besucht und ist ohne jeden Zwischenfall ver- Iwit. Es wurde damit zugleich die sogenannte Rüstwoche" derEisernen Front" eingeleitet, die darin besteht, daß an neunzig Stellen in Berlin Bücher ausgelegt werden, die zur Zeichnung von Geldspenden bestimmt sind.

Aus dem Hinterhalt befchoffen!

Politische Bluttat in Dortmund.

Dortmund, 1. Februar.

Im Anschluß an eine öffentliche nationalsoziali­stische Versammlung in Dortmund-Höchsten wurden am Sonnabend abend heimkehrende Versammlungsteil­nehmer in der Nähe des Versammlungslokals aus dem Hinterhalt beschossen. Der 22jährige Arbeiter Wilhelm Jäger aus Dortmund-Höchsten und der 23- jährige Arbeiter (Seife aus Dortmund-Loh wurden tödlich getroffen und starben nach kurzer Zeit. Schwer verletzt wurde der Arbeiter Wilhelm Scherer aus Dortmund-Loh. Den Tätern ist es Gelungen, im Dpnkel der Nacht zu entkommen. Die Getöteten sol­len keiner bestimmten politischen Richtung angehören. Der Regierungspräsident von Arnsberg hat zur Auf­klärung des Verbrechens 1000 Reichsmark Belohnung ausgesetzt.

Fliegender Holländer"

Neueinstudierung mit Hindernissen. Albert Lohmann - Darmstadt singt die Titelrolle.

und so den revolutionären ReformgM des Wer­kes zum konventionelleren Operngeist der Vergan­genheit zurückreyidierte. Die leibhafte BeisollsfreuSe, mit der auch diese Neubesetzung wieder von einer dankbaren Zuhörerschar ausgenommen wurde, hilft hoffentlich weiter die notwendige Front des Vertrau­ens für das Theater zu verstärken. Dr. G. St.

Kassel, 1 Februar.

Wagners frühstes Reformwerk, dieser klassische Typus der romantischen Gespensteroper, wie sie von Marschner bevorzugt wurde, -darf auch im Spielplan einer sich sehr fachlich vorkommenden Zeit natürlich nicht jahrelang fehlen, das erfordert schon die aus­gleichende historische Gerechtigkeit. Mag das Publi­kum auch heute nicht mehr so naiv-begeiste« mitge- hen, wie ehedem, da es sich mit seligen Schauern von dem bleichen Manne gruseln umchen ließ. Man weiß aber auch, daß gerade diese Tondichtung schwierigste großoperliche szenische Probleme zu lösen hat, ja als Ganzes höchste Anforderungen an die Technik der Bühne stellt, wenn man sie, wie es seit Bayreuth üblich geworden ist, pausenlos und ohne Unterbre­chung durchspielt. Daß sich der monumentale Gesamt­eindruck dadurch vertieft und die künstlerische Ge­schlossenheit außerordenllich gewinnt, ja eine nicht un­wesentliche Steigerung des Visionären sich erreichen läßt, braucht nicht weiter unterstrichen werden, auch wenn diese Forderung hier noch nicht erfüllt rour.be.

In unserer Notzeit des äußersten Sparzwanges mußte man sich dieses Mal leider mit Beicbeioenftern begnügen. Es gab teilte neuen Bühnenbilder. Ma- fchinerieoirektor W a ß m u t h hatte das Szenische schlecht und recht aus dem Vorhandenen hergenchtet. Man hätte allerdings f. 3t besser getan, die vorhan­denen brauchbaren Requisiten nicht früher zu verrrich- ien, als man schönere wieder hatte. Denn von der berüchtigten Berliner Inszenierung, demverklem- Pererten" Holländer vor 3 Jahren, zu dem Professor Ewald D üllber g, der ehemaliger Kasseler Akade­mie-Professor, eine grotesk stilisierte sensationelle Aufmachung geschaffen hatte, konnte man doch nichts erhoffen, sie hat damals schon in der verflossenen Oper am Platz der Republik stärkste Entrüstung her­vorgerufen und war selbst in der experimentierlusti­gen Metropole nicht zu retten. Wie man hört, hat Berlin in diesem Falle feine Hilfe bereitwilligst an­geboren, auf die man aber hier ebenso schnell ent­schlossen verzichten mußte.

Die Ungunst des Augenblicks verhinderte, daß sich sonst eine einheitliche große künstlerische Linie der Aufführung erreichen ließ. Für den erkrankten Viktor Mosii. der die Titelrolle studiert batte, mußte in letz­ter Stunde ein Darmstädter Gast cinfpringen. Das

störte unvermeidlich das Zusammenspiel und be­schränkte es vielfach auf typische Operngeste, wie Hanns Frieder ici bei seiner Regiearbeit nicht viel mehr tun konnte, als sich auch dem Gegebenen anpas­sen. Das Abfahren der Schiffe im 1. Akt mußte un­terbleiben. Wenn er es in der Bucht von Sandvike Bindfaden regnen ließ und der Steuermann dahei wie in schöner Sommernacht träumerisch auf Wache saß, so war diese Wasserfestigkeit wohl etwas über- trieben. Auch die Kubinsche-Micky-Maus-Gefpensterei auf dem Hollänoerschiff ist keine Verbesserung, da sie die Plastik der früheren stlhouettenhasten Erscheinung der Mannschaft bei roten Segeln nicht im entfernte­sten erreicht.

Albert Lohmann, der Baritonist des 'Darm­städter Landestheaters, besitzt ein vor allem in der Mittellage schönes klangvolles Organ von fattem Dimbre. Nach der Höhe zu singt er zu offen und na- lurhaft, wie er in der Darstellung und Akzentuierung die Dämonie und Theatralik (am fühlbarsten im Mittelakt) aufdringlich übertrieb, so daß ihm eine wirkliche seelische Vertiefung der Gestalt nicht gelang. Am eindrucksvollsten war die Schlußansprache, tote überhaupt die deklamatorische Klarheit die Gefamtlei- stunä besonders heraushob. Der schlicht-mädchenhaf­ten Senta von Hilde E i d e n s, die muftkalisch vor­nehm und klangschön durchgeführt in der Ballade von überraschender Weichheit und Rundung war und in Gesang und Haltung immer klug abgewogen und be­herrscht, fast zu beherrscht blieb, hätte man gern noch etwas mehr Temperament und Ekstase gewünscht. Sympachisch in feinem männlichen Ernst und dekla- matorisch-eindringlich verkörperte Fritz F i tz a u den Erik, prächtig und stimmfrisch Josef Niklaus den biederen, jovialen Taland. Maria Barth bewährte sich als ernste Mahnerin Frau Mary, Eugen Schü­rer als treuherziger Steuermann in der Wärme und Kfangsicherheit seines Liedes. Die Chöre hielten guten Durchschnitt.

Merkwürdig zurückhaltend, behaglich-breit und ge­bändigt rollte Kapellmeister Wilhelm Fran; R e u tz das musikalische Geschehen auf. so daß bei aller rhyth­mischen Prägnanz der feurige Impuls, der von hier aus eigentlich das Ringen der Mächte durchM- hen muß, vielmehr abschwüchend das Gegensätzliche dämpfte, die Stoßkraft des Dramas verlangsamte

*

Hilde Oldenburg verläßt Kassel

Die Koloratursängerin des Kasseler Staatstheaters HUde Oldenburg, wurde auf Gründ eines Gastspiels in Hannover, ab 1. August dieses Jahres an das Opernhaus in Hannover verpflichtet. Hilde Olden­burg, die in Kassel nicht nur in ihrem Fach erfolgreich beschäftigt- war, hat sich besonders als erste Operetten­sängerin die Sympathie des Kasseler PublUums er­obert. Man wird den Weggang dieser beliebten Künst­lerin sehr bedauern.

Fritz Revier ate Minister -er Regenkönigin

Es handelt sich um einen Namensvetter des großen Dichters. Tr. I. von Heimburg hat ihn in Trans­vaal kennen gelernt und plaudert von ihm und seiner Herrin im Februarheft von Velhagen und Klasings Monatsheften.

Den Hof der Segenfantgin Mudjadje zu besuchen, ist nur durch Fritz Reuters Vermittlung möglich Reuter ist das Original der ganzen Gegend. Missio­nar, 85 Jahre alt, leitet er schon seit über 50 Jahren die kleine Missionsanstalt im Gebiet der Regenköni­gin. Damals, als er 1870 den Todesritt von Mars la tour gegen schwarze Truppen gemacht hat, ohne verwundet zu werden, hat er sich geschworen, Missio­nar zu werden. Eine Gestalt, wie man sie nur ganz selten im Leben trifft. Fritz Reuter hat das Miß­trauen Mudjadjes ebenso überwunden wie das ihrer Vorgängerinnen. Er hat sogar vor einigen Jahrzehn­ten den seltsamen Ruhm erworben, Jahre hindurch ols Weißer über einen Negerstamm Recht zu sprechen. Und das kam so:

Eine lange Regenlosigkeit, unter der die Eingebo­renen schwer litten, führte man auf die Anwesenheit der Weißen zurück. Eingeborenenkriege entbrannten Im Verlauf blutiger Kämpfe nahm der Burengeneral JlUtbe« die Regenkönigut gefangen, deren Kunst Re­

gen zu machen bis in die entferntesten Winkel des regenarmen Landes berühmt war, und führte sie nach Pretoria, um sie dort zu hängen. Fritz Reuter jagt ihm zu Pferde nach und erreicht ihn, noch ehe das Unheil geschehen ist, welches das Ende feiner Mis- sionsstation bedeutet haben würde. Man verhandel! Schließlich sagt Joubert:Meinetwegen, nimm das alte Mädchen wieder mit!" Im Triumphzuge führte sie der Missionar zum Stamme zurück. Von dem Augenblick an hat er gewonnenes Spiel, und als die alte Königin stirbt, überträgt ihm der Stamm bis zur Mündigkeit der jungen Königin die Gerichtsbar­keit. Er lernt den Kodex der Schwarzen kennen, weiß bald, mit wieviel Ochsen er jeden Fall bestrafen muß. In seinem Garten schreitet man überdie Treppen «von Sanssouci" jeden Winkel seines kleinen tto- pifchen Gartens hat er ihm lieb gewordenen Stellen feiner Vaterstadt Potsdam nachgebildet zu einem Fleck unter alten Zypressen, wo er Jahre hindurch im Kreise der Aeltesten über den Stamm der schwarzen Regenkönigin Recht gesprochen hat.

Karnevals-Histörchen

In der Kölner Chronik steht ein komisches Karne­vals-Histörchen. Bevor Napoleon I. im Juli 1812 den Riemen überschreiten konnte, um feinen verhäng­nisvollen Vormarsch auf Moskau zu beginnen, war das Rheinland einer jener Sammelplätze, wo fran­zösische Reiterei sich alarmfertig zu hallen hatte. Gern stürzten sich die Franzmänner in den trotz aller Fremdherrschaft nich: zu unterdrückenden Karneval. Also beteiligten sich die gallischen Dragoner und Kü­rassiere auch an einer heute fast vergessenen Volks- siite, nämlich an der feierlichenVerbrennung des Prinzen Karneval". Ueblich war es, am Aschermitt­woch eine aus Stroh geflochtene Narrenpuppe, bett sogenannten Citoyen Bellegeck, coram publico auf dem Neumarkt anzuzünden. Also begleiteten die fremden Soldaten den Trauerzug mit melancholischer Musik, auch wurden alle Helme Und Flinten mit schwarzen Bändern umwickelt. Und das Drolligste: Tie Kölner hatten der Strohpuppe einen dreispitzigen Hut aufgesetzt, während das Gesicht des närrischen Monstrums dem des Grands Corse berteufelt ähnlich war! Das alles hinderte aber die Franzmänner nicht, den lodernden Scheiterhaufen zu bejubeln, «in Zei­chen, daß die martialische Begeisterung der Truppen nicht weit her war, da sie lieber dem Kölner Karne­val hnsdigten als dem frostigen Abenteuer, das in den Eisfeldern von Moskau ihrer wartete.