Jlv.24 ' Zweiundzwanzigfler Jahrgang
Kasseler Neueste Tkachrichlen
Freitag, 29. Januar 1932 / 2 SeUage
Der Mordanfchlag von Konstanza
Eine Geschichte von Mördern und Spionen
Das Wrack von „M II" gefunden?
Völlige Ungewißheit über das Schicksal der Mannschaft
London, 29. Januar.
s8* *ie die Admiralität bekannt gibt, ist von dem Kapitän des Motorschoners „Krone von Dänemark" ein Bericht eingegangen, der es möglich erscheinen läßt daß das U-Boot „M II“ infolge einer Explosion unicrgcgangen ist. Ter Kapitän will am Dienstag nachmittag 16 Meilen südöstlich von Lync Regis pE list drei Sekunden lang einen Hellen Sck">n sehen staben, 10 Minuten später habe er dann zwei laute Explosionen gehört. Tas Wetter sei zu dieser Zeit außerordentlich neblig gewesen.
Nach einem neuen Bericht hat im Verlaufe der Sucharbeiten nach dem vermißten U-Boot „M II“ ein
Se—"lu^^ug etwa 8 Meilen nordwestlich des Leuchtturms Portland Bill einen Oelslecken entdeckt und späterhin hakten die Suchleinen der Minensuchboote dort an einem Hindernis fest, von dem man mit ziemlicher Sicherheit jetzt glaubt, daß es das Wrack vom „M II“ ist. Als das Suchfahrzeug „Sabre“ leit' Anker fallen ließ, f— itx.it-" Oel an die Oberfläche. Es wurden sofort Taucher in die Tiefe hinabgelasscir, die glaubten, Klopfzeichen gehört zu Haden. Ms zum Augenblick ho»>en ste den Mee- resarmrd noch nicht erreicht, w daß tttxf, keine völlige Sicherheit besteht, ob dos'Unterseeboot tatsächlich worden ist.
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Mit solche« Apparate« bemüA «an sich «« die Rcltnug eitt6tf»Io6tncr U-Bo»t-Ma««schaste«. Links: U-Boot. Matrose mit der S<merft»ssa«srüft««s, dem sogenannten „Tanchretter". Rechts: Eine Ta«chglocke mit Hilfsma««- jchasien wird ins Meer gelassen.
Ein künstliches Herz schlägi
Die Erfindung eines berliner Arztes
Vor mehreren Jahren vermittelte uns der Lautsprecher unseres Rundfunks ein sehr aufregendes Ereignis besonderer Art: die Töne eines Herzens wurden übertragen, so wie man sonst ein Konzert sendet oder eine Opernausführuna überträgt. Schlag für Schlag, kamen sie aus unserem Lautsprecher, seltsam packend in ihrer Gleichmäßigkeit. In diesem Rhythmus arbeiten Millionen von Herzen auf der ganzen Welt. So sieht der lebenspendende, leben- erhaltende Rhythmus- unseres edelsten Organes aus — oder vielmehr: so hört er sich an.
'Der Mann, dem diese seltsame Uebersenduna gelungen ist, der Berliner Arzt Dr. Leo Iacobsohn, hat jetzt eine neue Entdeckung gemacht, die nichts anderes darstellt als eine Analyse sämtlicher Herz- geränsche, die jeden Arzt auf krankhafte Veränderungen eines Herzens schließen lassen. Dr. Iacobsohn har eine Reihe bestimmter Herztonfolgen auf Tonfilmstreisen zusammengestellt, die typisch für gewisse organische Veränderungen sind. Er überträgt sie sozusagen durch einen Lichttonfilm ohne Bildwir- kung. Aus den entstehenden Klangfolgen kann dann jeder Arzt ohne Schwierigkeit ein besfimmtes Krankheitsbild erkennen, das zum Beispiel dem Gelenkrheumatismus, gewissen krankhaften Erscheinungen
Dr. Leo Iacobsohn mit seinem neuen Apparat
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bei erhöhtem oder besonders niiedrigem Mutdruck, gewissen Wirkungen eines Herzklappenfehlers und anderen organischen Leiden eigenartig ist. Mit anderen Worten: wenn früher ein ärztlicher Schulungskursus über Herzkrankheiten an die Gegenwart verschiedener Patienten gebunden war, die diese Störungen in besonderem Maße aufwiesen, so kann jetzt dieser Unterricht ohne lebendige Beispiele, einfach mit Hilfe des Iacobsohnschen Klangfilmes stattfinden.
Ealmeiie-Prozeß
Plädoyer für Professor Klotz.
Lübeck, 29. Januar.
Zu Beginn der Sitzung im Calmetteprozetz erhielt der Vertreter von Professor Klotz, Dr. Cuwie, das Wort zu seinem Plädoyer. Er ging die einzelnen Krankheitsfälle durch. Er bestritt, daß Professor Klotz bereits am 12. April etwas hätte unternehmen können. Auch bei den Kindern Neuner und Reimers habe Professor Klotz keinerlei Veranlassung gehabt, einzugreifen. Daß Professor Klotz auch alles getan habe, was er hätte tun müssen, gehe auch daraus hervor, daß er, als er nach reiflicher Ueberlegnng stutzig geworden sei, sich sofort in die Leichenhalle des Krankenhauses begeben habe, um sich noch einmal den Sellionebefund anzufehen. Ihm könnte nicht der geringste Vorwurf gemacht werden. Dr. Cuwie beantragte Daher Freisprechung Die Verhandlung wurde auf Freitag mittag vertagt. Dann erhalten die Staatsanwälte das Wort zur Entgegnung.
Or. Galabans Geständnis
Prägestöcke unter dem Fußboden.
Berlin, 29. Januar.
Der vor einiger Zeit verhaftete Falschmünzer Sa- laban har jetzt das Geständnis abgelegt, daß er be- rei.s seit dem Jahre 1929 falsche Zweimarkstücke hergestellt und daß er ohne jede Hilfe gearbeitet hat. Zn diesem Geständnis bequemte sich Salaban erst, als die Polizei die Wände und Fußböden abgeklopft und nach langem vergeblichem Suchen auf dem Bo- deu der Villa unter den Dielen vier Prägestöcke gesunden hatte, die in ganz rafsinierter Weife verborgen worden waren. Wie Salaban weiter angab, halt er sich eine zweite Prägepresse von einer Berliner Firma gekauft, die aber schlechter arbeitete, als die alte Presse. Er hat dann die neue Prägemaschine in einzelne Teile zerlegt, in Kisten verpack, und diese an verschiedene fingierte Firmen gesandt. Es ist wahrscheinlich, daß diese einzelnen Maschinenteile in verschiedenen Städten als Fnndgut betrachtet und inzwischen versteigert worden sind.
VonunseremPariserKorrespondenten.
Paris, Ende Januar.
Wird man je den letzten Zipfel des Geheimnisses lüften können, das über den, verfehlten Mordanschlag von Konstanza lagert? — Wohl kaum: Es müßte sich nicht um eine russische Geschichte handeln, wo Spione und Gegenspione, Verbrecher, Idealisten, entwurzelte Existenzen jeglicher Art in dunklem Wirbel durcheinander spielen. Suchen wir in diese romanlisch-ver- ' wirrte Angelegenheit an Hand der vorliegenden Berichte soviel Klarheit wie nur möglich zu bringen:
Vor etwa vierzehn Tagen saß ein eleganter Mann, augenscheinlich Russe, in einem vornehmen Lokal der rumänischen Hasenstadt Konstanza und ließ sich ein üppiges Nachtmahl wohlschmecken Da gab es draußen plötzlich Tumult: die Polizei nahm irgendjemand fest, der mit einem Revolver gestikulierte, und eine Kugel aus diesem Revolver war angeblich für den speisenden Gast im Restaurant bestimmt. Der Verhaftete hieß Alexeef und gab als Grund seines Anschlags persönliche Rache an. Wer aber war dieser Alexeef, und wer der dem Tode entronnene Gast?
Alexeef mußte nach anfänglichem Leugnen zu- gcben, daß er an Bord des kleinen Luxusdampsers „Philomena“ von Konstantinopel hergekommen war; aus seinen Geheimpapieren ging ferner hervor, daß er in Bunk-Dare wohnte, dem Sommerpalast der Sowjetbotschaft. Mit ihm befanden sich auf der „Philomena“ etwa 25 verdächtige Personen, die man rasch ausfindig machte und verhaftete: und schon nach oberflächlicher Untersuchung war die Polizei zu der Ueberzeugung gelangt, daß es sich hier um
eine Verschwörung großen Stils handeln mußte.
Denn der elegante Gast war kein Geringerer als der ehemalige Ches der G. P. U. in den Balkanländern, Agabekoff mit Namen, den Freund und Gegner als den schlauesten Mann Rußlands bezeichnen; ehemaliger Offizier, wegen kommunistischer Gesinnung nach Sibirien verbannt, erster Mitarbeiter Lenins, Augenzeuge bei der Ermordung der Zarenfamilie in Ekaterinenburg, die er im Namen der Zentrale zu überwachen hatte; Chef des Geheimdienstes in Persien, der Tscheka und der G. P. U. in verschiedenen Ländern — bis auch ihn das Schicksal erreichte. Es soll die Gestalt einer schönen Frau angenommen haben, fast noch ein Kind, seine heutige Gattin: jedenfalls leistete Agabekoff einem ausdrücklichen Befehl Moskaus keine Folge und verblieb, nachdem er aus Frankreich ausgewiesen, mit seiner jungen Frau in Brüssel, wo er natürlich nichts Eiligeres zu tun hatte, als in den Dienst der Gegenrevolution zu treten. Den Sowjets erwuchs ein gefährlicher Feind, der gefährlichste vielleicht auf dem ganzen europäischen Festland; kein Wunder, daß ste vor keinem Mittel zurückschrcckten, ihn unschädlich zu machen.
Was aber hatte Agabekoff gerade an jenem Januarabend in dem rumänischen Konstanza zu suchen?
Hier erst beginnt die eigentliche Geschichte. Wenige Tage nach dem Anschlag lief am Quai d'Orsay in Paris ein diplomatisches Telegramm ein, wonach unter den verhafteten Passagieren der „Philomena“ sich auch ein Franzose befinde, Alexander Lecocq mit Namen, Ingenieur und Besitzer des „Jpotct de Bretagne“ rue Richelieu in Paris; seine Angabe, zur Errichtung einer Heizungsanlage nach Konstanza gekommen zu sein, habe sich als falsch erwiesen; er sei in Wirklichkeit ein Agent der G. P. U. und beauftragt gewesen, den gefürchteten Agabekoff, den er sehr gut kannte, in die Hände seiner Mörder zu liefern.
Der Quai d'Orsay ersuchte um äußerste Eile, und die gesamte Pariser Präfektur wurde in Bewegung gesetzt, die Fäden der Verschwörung blotzzulegen. Das ebenso elegante wie verschwiegene Hotel in der rue Richelieu gehörte zwar nicht dem verhafteten Ingenieur Lecocq, aber doch seiner Schwiegermutter Frau Danton, die sofort vernommen wurde. Seit Jahren verkehrten in dem Hause hohe russische Offiziere und Würdenträger, und auch der verschwundene General Kutjepoff hatte längere Zeit hier gewohnt.
In diesem Hause hat der Ingenieur Lecocq zahllose Rnssenbekanntschaften gemacht, aus denen er im eigensten Sinne des Wortes Kapital zu schlagen suchte. Einer seiner besten Freunde war der georgische Flüchtting Philia, ein ehemaliger Kammerdiener des Genorals Sukhomlinofi, dessen Tochter er gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet hatte. Nachdem PHMa es in der Folge zu gewaltigen Reichtümern gebracht, mußte er im Jahre 1922 fliehen, wandte sich nach Paris, von wo aus er kein Mittel unversucht ließ, um Frau und Kind, die in Odessa verblieben waren, aus den Händen der Sowjets zu besreien: denn fein ganzes Vermögen war aus Sperrkonten in schweizer Banken angelegt, die den Namen seiner Frau trugen. So verband er sich unter vielen andern auch mit Lecocq, der über so viele und starke Verbindungen verfügte,
unschädlich zu machen: und dazu erschien ihm niemand geeigneter als der ausgezeichnete Kenner Agabekoff, der auch darin einwilligte, als Techniker die kühne Erpeditton nach oem Balkan zu begleiten.
Es ist immer Ml, wenn mail alle Trümpsc in seinem Spiele hat: dann ist der Gegner von vornherein berlorcn. So sagte sich ohne Zweifel auch Monsieur Lecocq, und er dachte daran, daß in seinem weilen Bekanntenkreis anch die Agenten der GPU. stark vertreten waren; mit ihnen setzte sich Lecocq in Verbindung und schlug folgenden Handel vor:
Die Bolschewisten lassen die beiden Damen Philia-Sukhomlinosf aus Odessa ruhig auf einem griechischen iPetrolennidampfer reifen, und dafür wird ihnen ihr gefährlichster Gegner Agabekoff ohne jedes Risiko in die Hände geliefert.
Die ‘Vertreter der russischen Geheimpolizei schlugen natürlich in einen solch vorteilhaften Handel ein, und Monsieur Lecocq war der Ansicht, daß das Unternehmen nunmehr mit 100 Prozent Aussicht aus Erfolg gewagt werden könne. Bis Konstanza ging auch alles gut: im Augenblicke jedoch, wo die letzte Entscheidung fallen sollte, geschahen zwei ebenso merkwürdige wie unvorhergesehene Dinge. Nämlich: hinter jedem Verschwörer standen gleich drei rumänische Polizisten, und der griechische Petroleumdampfer kam ohne die Damen Philia ans Odessa an. Des Rätsels Lösung war die, daß der schlaue Agabekoff rechzeitig Lunte gerochen und die Polizei bcnach- rich.igt hatte, während in Odessa die Damen Philia als Geheimagentinnen mit den Sowjets unter einer Decke steckten!
Soweit wir 'bis heute Einsicht in die verwickelte Geschichte gewonnen haben, sind die meisten Teilnehmer betrogen worden; der größte Gewinner aber ist unzweifelhaft der schlau,e Agabekoff, der eben den Brüsseler Journalisten lächelnd erklärte, er habe auf diese Weise Stofs zu einem sensationellen, demnächst schon erfdjeiinenben Buche erhalten.
Dr. A. Pütz.
Nicht nur die berühmten schwäbischen Hochzeiten des ungarischen Banats und der Batschka machen durch den gewaltigen Konsum an Lebensmitteln von sich reden; auch die ungarischen Hochzeitsfeste einzelner Gegenden sind durch die traditionelle Freigebigkeit der Brauteltern im ganzen Lande bekannt geworden, oder wenigstens, wie es im Volksmärchen heißt, in sieben Komitaten. In der Ortschaft Csani (Komitat Heves) hatte der 53jährige Landwirt Joseph Golya ein junges Weib heimgeführt. Die Hochzeit währte drei Tage und drei Nächte und die Gäste verzehrten drei Ochsen, 210 Hühner, 72 Truthennen und 120 Torten, während der Durst mit sechs Hektoliter Wein gelöscht wurde.
Oer Haupibeteiligte einer Iugendiragödie als Romandichter
Paul Krantz,
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der bei dem aufsehenerregenden Schülermord-Prozeß bekannt wurde, ist jetzt unter dem Pseudonym Ernst Erich Noth mit einem Roman („Die Mietskaserne“, Sozietätsverlag, Frankfurt) an die Oeffentlichkeit getreten, der in literarischen Kreisen große Beachtung gefunden hat. Krantz studiert zurzeit in einer süddeutschen Universität.
sagte ihm einen Betra» von einer Million Fran fen zu, wenn bürg, feine Vermittlung die Ent führung von Frau und Kind gelänge.
Lecocq packte die Sach- gleich sehr kräftig an und versah sich der Hilfe einer ganzen Zahl von Mitarbeitern. In erstcr Linie war Lecocq darum zu tun, etwaige Tschekaspione, die von seinem Plane Kenntnis erhalten haben konnten, von vornherein
überreichend schnelle Sihmerxbefeifigung bei Kopfschmerzen jeglicher Art, Migräne,
• Neuralgien und rheumatischen Beschwer- 7 den durch das ärztlich bestens empfohlene Citrovanille. UnschädlichfürHerzu.Magen.
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C I T R O VANILLE
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