15 z Zweiund wanzigster Jahrgang
Kasseler neueste Nachrichten
Freitag, 21. Zanua'-1932 / 2. Beilage
GEHEIMNISVOLLES HAITI
Rätsel und Symbolik des Woduku 1 ts / Don W. B. Seabrook
Nach seinem einleitenden Bericht über Kult unb Sprache der Haitianer, beginnt Seabrook heute mit der eigentlichen Erzählung seiner Erlebnisse aus Haiti.
, I. K a p i t e l.
Heimliche Keuer
In Port-au-Prince,
Louis, Sohn der Katharina Ozias aus Orblanche und eines unbekannten Vaters — genau so, ohne . Zunamen, wurde er im haitianischen Zivilrcgister geführt — gehörte zu der phantastischen Schar der „Heiligen", der Dichter und der Idioten. Er lag zuweilen sinnlos betrunken in einer Ecke und hielt lange Diskurse mit Engeln und Dämonen, gelegentlich auch mit seiner verstorbenen Großmutter, die zu ihrer Zeit eine berühmte Zauberin war.
Außerdem war Louis unser treuergebener „yard- bmj,“, unser Hausbursche, der uns, wenn er nüchtern war, mit leidenschaftlicher und restloser Hingabe diente.
Wir hatten nicht etwa Louis als Hausburschen angenommen. Im Gegenteil, er hatte sich unserer angenommen und sogar das Haus für uns ausgesucht, das wir in Port-au-Prince bewohnten. Das alles hatte sich ganz von selbst ergeben, als wir noch im Hotel Montagne wohnten. Es war uns damals ein wenig rätselhaft vorgekommen, obwohl es sich wahrscheinlich auf ganz natürliche Weise erklären ließ, wenn man das System der. Hintertreppentelegraphie kannte, dessen sich die einheimischen Hausangestellten in Port-au-Prince zu bedienen pflegen. Käte und ich wollten ein Haus mieten. Man hatte uns unbewohnbare Stukkopaläste mit herrlichen Gärten und bewohnbare Holzvillen mit unzureichenden Gärten oder ganz ohne Gärten gezeigt. Wir waren schon nahe daran, jede Hoffnung aufzugeben.
Als wir eines Nachmittags das Hotel verließen . und auf dem Weg zu Ash Pay Davis den Berg hinabschlenderten, sprach uns ein barfüßiger junger Neger an, der so abgerisien aussah, daß wir ihn zuerst für einen Bettler hielten. Als ob er uns sein ganzes Leben lang gekannt habe, sagte er mit gewinnender und selbstverständlicher Vertraulichkeit zu uns: ,,M' te joind' caille ou" — Ich habe Haus für Sie gefunden.
Was wir taten, mag töricht klingen. Wir kehrten nach dem Hotel zurück, holten unser Auto, veranlaßten Louis, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen — er wollte durchaus auf dem Trittbrett mitfahren —, und überließen uns seiner Führung. Auf seine Weisung hin ging es zunächst durch die elegante Rue Turgeau in der Richtung auf den Amerikanischen Klub und die amerikanische Kolonie zu. Ehe wir jedoch dieses ex- klufrve Viertel erreichten, bogen wir links in eine uns unbekannte Seitenstraße ein, die schließlich in einen Feldweg mündete, der durch das Dschungeltal nach Pätionville führt. An der äußersten Grenze der Stadt, wo der Dschungel begann, kamen wir an einen verwilderten, aber schönen Garten, der einige Acker groß sein mochten inmitten des Gartens lag ein niedriges, langgestrecktes, einstöckiges Haus, desien rosarote Farbe schon stark verblaßt und das zu ebener Erde von einer riesigen Veranda umgeben war.
Die Türen waren zum Teil verschlossen, zum Teil mit Brettern vernagelt. Hinter dem Haus lagen die aus Stein erbauten Quartiere für die Dienerschaft und eine Küchi, die gleichfalls abgeschlossen war. Im Garten gab es auch ein Schwimmbassin, mit Geröll und halbverfaulten Blättern ungefüllt.
Wem dieses verwunschene und verwilderte Paradies gehörte, ob es zu vermieten war, wieviel Miete verlangt wurde — das waren Fragen, mit denen sich Louis' erhabener Geist nicht weiter beschäftigt hatte. Er hatte es nicht für nötig befunden, Erkundigungen einzuziehen, ehe er sich an uns wandte, und sah sich jetzt außerstande, irgendwelche Vorschläge zu machen.
Wir dankten ihm, setzten ihn in Sacra Coeur ab und sagten ihm, er möge sich am nächsten Morgen im Hotel bei uns melden. Dann fuhren wir zu Ash Pay und stellten nach vielem Herumtelephonieren fest, daß das Anwesen dem Herrn Morel gehörte und für dreißig Dollars monatlich zu mieten war. Toussaint, der schwarze Dolmetscher der amerikanischen Truppen, versprach, uns am darauffolgenden Mittwoch, an dem Herr Morel zurückerwartet wurde, die Schlüssel zu besorgen.
Louis ließ sich weder am nächsten noch am übernächsten Tage im Hotel blicken. Als wir aber drei Tage darauf mit Tousiaint hinausgingen, um das Haus aufzuschließen und zu besichtigen, wurden wir von Louis sanft lächelnd empfangen. Er hatte sich inzwischen in einer Ecke der mit Ziegelsteinen gepflasterten Veranda häuslich niedergelassen und seine ganze bewegliche Habe dort untergebracht. Sie bestand aus einem Strohsack, einer alten Decke, einem eisernen Kochtopf, einem Kerzenstummel und einer kleinen Holzkiste, die zweifellos seine ihm teuersten Schätze enthielt. In dem Topf befanden sich noch einige lleberreste von gekochtem Pisangbrei, der anscheinend seine einzige Nahrung bildete.
Weder er noch wir sprachen auch nur mit einem Wort davon, daß er in unsere Dienste treten solle. Trotzdem übergab ich ihm sofort die Schlüsiel zum Haus, da es infolge der notwendigen Reparaturen noch einige Tage dauerte, bis wir einziehen konnten. Ferner gab ich ihm zehn Gourdes, etwa soviel wie acht Mark, nach haitianischen Begriffen eine sehr beträchtliche Summe, und sagte ihm, daß er sich damit kaufen solle, was er brauche. Ich erwähnte dabei, daß es vielleicht ratsam für ihn sei, sich ein neues Hemd und einen neuen Vorrat von Lebensmitteln anzuschaffen. Er war offensichtlich unterernährt, und mit dem Eelde, das er nun besaß, hätte er eine volle Woche lang wie Gott in Frankreich leben können. Ein ganzes Huhn kostete damals in Haiti achtzig Pfennige.
Als ich einige Tage darauf wieder hinkam, lag er selig und sanft betrunken im Schatten eines Mangobaumes im Gras und sang vor sich hin. An den Füßen trug er ein Paar funkelnagelneue Tennis- schuhe, um den Hals hatte er sich einen knallig farbenfrohen Schal gebunden. In dem Lied, das er improvisierte, lud er die Vögel des Waldes ein, herbeizukommen und zu sehen, wie prächtig er gekleidet sei. Sein Hemd war noch genau so zerlumpt wie ehedem. Es hatte einen Riß, der die ganze Schulter entblößte. Ich untersuchte den Kochtopf. Er enthielt die lleberreste von gekochtem Pisangbrei und hatte
offenbar in der ganzen Zwischenzeit nichts anderes enthalten.
Nachdem wir das Haus eingerichtet und bezogen hatten, engagierten wir noch einige andere Dienstboten — einen ebenso stumpfsinnigen wie tüchtigen Diener, eine Köchin mittleren Alters und als Wäscherin ein rundliches kleines Frauenzimmer mit leuchtenden Zähnen und munteren Kulleraugen, das sich prompt in Louis verliebte und ihm Geld, sowie auch zartere Beweise ihrer Huld gab, ■'wenn er es gnädig gestattete. Eine Dienerschaft von vier Köpfen bildete in Port-au-Prince keinen außergewöhnlichen
wickelt war und oben einen schwarzen Federbusch trug. Louis hatte gesehen, daß ick> lesend im Wohnzimmer saß, und war aus Zehenspitzen hereingekommen. Käte befand sich auf einem Tanzvergnügen im Klub. In der Stille der Nacht konnte man zuweilen gedämpft die Musik von Turgeau herüberklingen hören. LouiS berichtete mir flüsternd, daß eine „my- fterc", ein „toi“, also ein Gott oder Geist, in Den Körper eines Mädchens gefahren sei, das in dem Hohlweg hinter unserem Haus in einer Hütte wohnte. Ueberall in der ganzen Gegend, sowohl in den strohgedeckten Hütten des Hohlwegs wie auch in den
Wie eine europäische Hauptstadt: Lm Zentrum von Schanghai
W
i
* n
ML
MW
|
M <*: ■
Nachdem schon seit Wochen die japanseindliche Stimmung in Schanghai sich durch kleinere Zusammenstöße zwischen chinesischen Nationalisten und den Soldaten der japanischen Konzession bemerkbar machten, sind jetzt schwerste Tumulte zum Ausbruch gekommen. Japan hat mehrere Kriegsschiffe nach Schanghai entsandt, um feine Interessen wahrzunehmen, so daß jetzt in dieser größten Hafenstadt des Fernen Ostens sich ein ähnlicher Zustand vorbereitet wie in der Mandschurei zu Beginn Les japanischen Vormarsches.
Luxus, auch nicht für uns, die wir uns in Neuyork ganz ohne Dienstboten zu behelfen pflegen. Alle vier zusammen erhielten als Monatslohn die gewaltige Summe von einunddreißig Dollars, und dafür mußten sie sich selbst beköstigen. Die drei, die wir von uns aus engagiert hatten, waren recht tüchtig und taten in der Regel, was man ihnen sagte; aber Louis, der nie das tat, was man ihm sagte, war uns trotzdem der liebste von allen,
Louis besaß eine geradezu phantastische Fähigkeit, sich beliebt und unentbehrlich zu machen. Die Dinge, die er tun wollte — und es waren ihrer viele —, tat er unaufgefordert. Da war zum Beispiel unser Auto, ein kleiner geschlossener Wagen. Er verstand nichts von..seinem Mechanismus und lernte auch nie, einen Reifen zu montieren, aber er setzte einen geradezu leidenschaftlichen Stolz darein, den Wagen blitzblank und sauber zu halten. Er pflegte ihn, als ob es sich um ein lebendes Wesen handele. Wenn wir von einer längeren Fahrt heimkehrten und das Auto über und über mit Kot bedeckt war, dann ließ er alles andere stehen und liegen und arbeitete mit einem wahren Feuereifer an dem Wagen herum, bis das Objekt seiner besonderen Fürsorge wieder in strahlendem Glanze dastand.
Es machte ihm Vergnügen, uns kleine persönliche Gefälligkeiten zu erweisen. Manchmal, wenn wir glaubten, ihn nicht entbehren zu können, war er spurlos verschwunden, oder lag er beschaulich betrunken in einer Ecke, wie ein Chinese, der gerade seine Opiumpfeife geraucht hat. Dann erschien er wieder zu Zeiten, zu denen wir es am wenigsten erwarteten, plötzlich mit einem Arm voll Rosen für Käte, oder mit einem Korb voll exotischer Früchte für mich. Hier und da geschah es, daß er unter dem Einfluß des Alkohols oder auch ganz ohne alkoholische Stiinulan- tien das graue Elend bekam. Dann war et tief unglücklich, ließ sich gar nicht trösten und gebärdete sich ganz hysterisch. Aber zumeist war er fröhlich und guter Dinge.
Der Leser mag fragen, was alles das mit den düsteren Mysterien des Wodu-Kultes zu tun hat. Kein anderer als Louis wies mir den Weg, der durch die Wüste und den Dschungel, durch Flüsse, Täler und wilde Schluchten, über die Berge und durch die Wolken zu dem innersten Heiligtum des Wodu führte. Das sind keine bloßen Metaphern. Topographisch ge- iprochen, ist
Haiti ein tropisch-wildes, chaotisches Durcheinander von Paradies unb Hölle.
Da gibt es weite fruchtbare Ebenen mit wogenden grünen Felsern von Zuckerrohr; Korallenküsten, an denen die schlanken Palmen Schildwache stehen; un- durchvringliche Dschungeln mit ungeheuerlichen, wirt sich durchrankendeit Gewächsen; unfruchtbare Wüsten, in Denen obszöne Kakteen, dichtbehaart unb stachelbewehrt, bis zur dreisachen Höhe eines Reiters empor- wachsen und farbenprächtige Salamander sich im Sande tummeln. Da gibt es schwarze Schluchten, deren steile Wände vierzehnhundert Meter tief jäh ab- sallen, und dräuende Berge, die sich bis zu einer Höhe von mehr als dreitausend Metern erheben Aber der Weg, der durch die Wildnis bis «dorthin führte, wo ich eines Nachts vor den großen Rada-Trommeln kniete und meine Stirn mit Blut gezeichnet wurde, dieser Wey begann an meiner eigenen Haustür, und die erste Station auf ihm bildete der armselige kahle Raum, in dem Louis hauste.
In einer Ecke des Raumes brannte ein winziges Licht. Ein kleiner brennender Docht schwamm in einer mit Oel gefüllten Kokosnußschale, und seine klare Flamme war etwa halb so groß wie die einer Kerze. Vor dem Licht war einige Handbreit hoch ein Steinhaufen aufgeschichtet, wie ihn ein Kind im Spiel zusammengetragen haben mochte, und daraus stand ein praller Sack aus scharlachrotem Tuch, der die Form eines kleinen Kruges hatte, mit bunten Bändern um»
Dienstbvtenquartieren der Stukkopaläste, die von den amerikanischen Offizieren bewohnt wurden, brannten in dieser Nacht Hunderte solcher kleinen heiligen Mammen.
Im Laufe der nächsten Wochen mehrten sich die Zeichen des Vertrauens, das Louis mir entgegenbrachte. Dabei tarn mir allmählich zum Bewußtsein, daß wir weißen Fremden, die wir mit unserem elektrischen Licht, unseren Autos, unseren Klubs üi dieser Stadt des zwanzigsteit Jahrhunderts lebten, von einer anderen, unsichtbaren Welt umgeben waren, ei- ncr seltsamen Welt von Rätseln und Wundern eines mystischen Glaubens —
einer Welt, in der die Toten aus ihren Gräbern stiegen und durch die Straßen schritten, in der ein Mann in Rufweite des Hauses, in deut wir wohnten, im Sterben lag, uns zwar nicht infolge einer gewöhnlichen Krankheit, sondern weil draußen in Leogane eine alte Frau langsam den Faden abwickelte, der um sein aus Holz geschnitztes Ebenbild gewunden war; eine Welt, in der Bäume und Tiere zu denen reden, deren Ohren auf ihre Sprache abgestimmt sind, in der Götter, wie einst auf dem Berge Sinai, sich ans brennenden Dornbüschen den Menschen offenbaren und gelegentlich, wie im alten Paradies, in Menschengestalt auf Erden wandeln.
Ich erfuhr auch von Louis, ober begann doch wenigstens zu ahnen, was, wie ich glaube, niemals so recht erkannt und gewürdigt worden ist, daß nämlich Woou eine tief empfundene und außerordentlich le» benbige Religion ist — so lebendig, wie es Las Chri- ftentum in seinen Anfängen und im frühen Mittelalter war, als Wunder und mystische Offenbarungen als etwas ganz Alltägliches betrachtet wurden. Wodu ist in erster Linie eine Art von Gottesdienst, und seine ganze magische Symbolik, feine Zauberei und Hexerei, alles das ist nur ein nebensächliches, untergeordnetes Beiwerk, Das manchmal groteske Formen an- nimmt, ganz so wie hier unb da vas Christentum im mittelalterlichen Europa.
Kur; unb gut, ich erfuhr von Louis, daß zu der gleichen Zett, zu der der amerikanische Oberkommissar unb seine Gattin uns sie Ehre ihres Besuches gaben unb in unserem Salon Tee tranken, eie haitianischen Götter durch eie Hintertür eingetreten waren uns sich in der GesinLestube häuslich niedergelassen hatten.
Louis une ich gewöhnten uns an, zusammen in den Bergen umherzüschweifen ober auch stundenlang plaudernd unter Bäumen zu sitzen. Eines Rachmit- tags begann er ganz ans freien Stücken, mir von Den rituellen Zeremonien des WoDtt-Gottesdienftes zu erzählen. Er erzählte mir in seiner bilderreichen Kreolensprache von Prozessionen weitzgekleiLeter Priesterinnen, von Frauen- unb Mannerchören im Wechselgesang, von einem heiligen schwarzen Stier, vcr mit reichbestickten Tüchern unb glitzerndem Schmuck bedeckt unb mit brennenden Kerzen an seinen Hörnern zum Opferaltar geführt wurde . . . „Ah, monjteur“, rief er voller Begeisterung aus, „li belle! belle! bette!“ Während er dort faß, zog alles wieder an seinem gei- ftigen Auge vorüber. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, auch mich an bei Vision teilnehmen zu lassen, aber sie Erinnerung übermannte ihn uns er konnte nur stammeln: Es war schön! schon! schön!
Als er eines Tages in der Erinnerung schwelgend wieder einmal die Vision einer unerhört phantastischen Opferhandlung heraufbeschwor, sagte ich zu ihm: „Louis, ich würde viel darum geben, wenn ich das einmal mit ansehen könnte. Rur zu diesem Zweck einzig und allein bin ich nach Haiti gekommen. Ich würbe unter Umstänven auch mein Leben aufs Spiel fetzen, verstehst ou, — aber das ist natürlich nicht das Richtige, es wäre mir lieber, wenn ich als Gastfreund Gelegenheit hätte, es mitzuerleben.“
„Ah, rnonsieur,“ meinte Louis bekümmert, „wenn Sie nun schwarz wären!“
Einige Tage daraus sagte Louis anscheinend ganz von ungefähr: ,Es ist schon über einen Monat her, seit ich meine Mutter in Orblanche besucht habe. Es nimmt mich einen Tag für den Hinweg und einen Tag für den Rückweg.“
Ich sagte: „Schön, Louis. Aber seit wann hast du -dir angewöhnt, irgend jemanden um Erlaubnis zu bitten, wenn du auf zwei Tage sortgehen willst?“
„Das ist es auch nicht,“ erwiderte Louis, „ich dachte nur, daß Sie vielleicht mitkommen würden.“
Verhinderte Kenerköschung
Ein einzig dastehender Sabotageakt.
Hamm, 22. Januar.
Der stellvertretende Gemeindevorsteher Bernhard Pflug in Callenhardt (Kreis Rippstabt) wurde vom Paderborner Schöffengericht wegen öffentlichen Aufruhrs und Widerstandshandlung zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Der Anklage lag folgender, bisher wohl kaum in der Kriminalgeschichte verzeichnete Tatbestand zugrunde: Im vorigen Jahre brach im Hause des Landwirts R. in Callenhardt ein Brand aus. Keiner der Ortsbewohner machte Miene, sich an den Löscharbeiten zu beteiligen. Daraufhin wollte ein Landjäger allein das Feuer bekämpfen. Jetzt griff die umstehende Menge unter Johlen und Drohungen ein und versuchte, den Beamten zur Einstellung' der Löscharbeiten zu bewegen unb ihm den Schlauch zu entreißen. Als er unbeirrt an seinem Rettungswerk weiterarbeitete, drehte die Menge kurzerhand das Wasser ab. Dann gingen die Leute in das brennende Haus, wo sie das Stroh auf dem Boden auflockerten, damit es besser brenne. Die noch stehengebliebenen Mauern und Wände wurden absichtlich zertrümmert, und als bas Feuer zu erlöschen drohte, trug man rings um das Haus Stroh zusammen. Der Grund zu dieser Sabotage mar, daß man dem stark verschuldeten Landwirt helfen wollte, wieder auf die Beine zu kommen. Er hätte, wenn das Anwesen nicht restlos niedergebrannt wäre, statt der vollen Versicherungssumme nur wenige tausend Mark ausbezahlt erhalten.
Kleine ßbrottif
Zwangsversteigerung droht dem bekannten Bad Mergentheim, nachdem die Württembergische Hypothekenbank einen dementsprechenden Antrag gestellt und genehmigt bekommen hat; man nimmt aber an, daß der württembergische Staat doch eingreifen wird.
*
Das Nürnberger Schöffengericht verurteilte den Kassierer der Nürnberger Zweigstelle der Coburger Sparkasse, Wilhelm Schmidt, wegen Unterschlagung von 100 000 Mark und wegen schwerer Urkundenfälschung zu zwei Jahren zwei Monaten Zuchthaus.
Das Greifswalder Schöffengericht verurteilte den Privatförster Blinzler, der durch eine zum Witdfang ausgestellte Schutzwaffenfalle den Tod der Ehefrau des Rittergutsbesitzers von Hennings herbeigeführt hatte, wegen fahrlässiger Tötung zu sechs Monaten Gefängnis mit Strafaussetzung nach Verbüßung von drei Monaten.
*
Ein Stratosphärenflug soll demnächst in Wien unternommen werden. Ter ungarische Rennfahrer Gras Zishy hat mit dem Wiener Ingenieur Braun ein Uebereinkommen getroffen, wonach die beiden in kurzer Zeit gemeinsam einen Strawsphärenflug unternehmen wollen. Der Flug soll mit einem Ballon, ganz ähnlich wie demjenigen Piccards, erfolgen, nur wird der Abstieg nicht durch die Reitzleine erfolgen, deren Vorrichtung bekanntlich beim Piccard-Flug versagte, sondern durch die Ablösung der Gondel vom Ballon. Ein riesiger Fallschirm soll die Gondel zu Boden bringen. Die Gondel wird größer fein als die Piccards und eine Radio-Seudeanlage enthalten. Die Vorarbeiten sind bereits ziemlich weit vorgeschritten, so daß der Start etwa in eine mMonat erfolgen kann.
*
In Fez (Marokko) wurden drei Fremdenlegionäre deutscher Staatsangehörigkeit verhaftet, die sich die Regimentskaffe mit etwa 150 000 Franken zur Durchführung ihrer Flucht angeeignet hatten. Bei ihrer Verhaftung wuroen die 150 000 Franken borgefunbeit.
Der Zirkus des bekannten Löwendompteurs Kapitän Schneider ist in Neapel, wo er seit einigen Wochen Vorstellungen gibt, in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Nicht nur die Lieferanten haben große Beträge zu beanspruchen, sondern auch die Stadtverwaltung fordert an Steuern über 30 000 Lire von Kapitän Schneider. Als der Zirkus seine Zelte abbrechen wollte, um Neapel zu verlassen, wurde bas Inventar auf Veranlassung der Gläubiger beschlagnahmt.
Die Fliegerin Elly Beinhorn ist auf ihrem Weiterflug von Kalkutta nach Nieberländisch-Jnbien in Rangoon gelandet. Sie verließ Kalkutta gegen Mittag, um ohne Zwischenlandung Rangoon zu erreichen. Enoe dieser Woche will Elly Beinhorn nach Bangkok fliegen, wo sie sich mit der Tokio-Fliegerin Marga von Erdorf treffen will, die mit ihrem kleinen Junkers-Flugzeug von Tokio nach Deutschland unterwegs ist.
HEUTE
VOR HUNDERT JAHREN
22. Januar 1832.
. . . erhält der Kunstakademie-Direktor Schadow zu Berlin den Roten Adlerorden 3. Klasse.
. . . melden bie Zeitungen: „Der reichste Jude ist bet dem höchsten Christen gewesen. Der Herr von Rothschilb hat ben Papst besucht. Der Heilige Vater war überaus gnädig, unb Herr von Rothschilb küßte ihm statt des Pantoffels die Hand.“
... hat ein Mann zu Glasgow ben Leichnam seiner Fran für 12 Guineen an einen Arzt verkauft. Dieser Zug roher Herzlosigkeit erregte Aufsehen. Sogleich grünbete der Mann eine Spekulation daraus. Er ließ das Faktum aufseyen, drucken und verkaufte das Pamphlet selbst in den Straßen, indem er ausrief: „Kauft, kaust, die Erzählung von dem Mann, der den Leichnam seiner Frau verhandelt hat!“ Diese letzte Spekulation soll ihm noch mehr als die erste eingebracht haben.
Gegen Röte der Hände und des Gesichts
In allen Chlorodont -Verkaufsstellen erhältlich.
dies mehrmals täglich, abends in stärkerer Schicht. Der nachhaltige Duft dieser Creme gleicht einem taufrisch gepflückten Frühlingsstrauß von Maiglöckchen, Veilchen und Flieder, ohne jenen berüchtigten Moschusgeruch, den die vornehme Welt verabscheut. — Leodor - Kühl - Creme, rote Packung; Leodor-Fett- Creme, blaue Packung. — Wirksam unterstützt durch Leodor - Edel - Seife. — Untvr-Vorkriegspreise. —
«rwuto unschöne Hautfarbe verwendet man am besten die schneeig - weiße Creme Leodor, die gleichzeitig ' unrrfioliche Unterlage für Puder ist. — Die kühlende und heilende Wirkung tritt besonders im Winter in Frcrhpinunö wenn Hände und Gesicht durch Einwirkung der Kälte stark gerötet sind. Auch bei spröder und aufoesorungener Haut, insbesondere bei dem so lästigen Juckreiz der Haut, leistet die Creme vorzügliche Dienste. In allen diesen Fallen trägt man sie in dünner Schicht auf und wiederholt