Donnerstag. 21. Januar 1932
Kasseler Treueste Tlachrkchlen
Lette 1
KARL ey: ABE NT EU ER DER LANDSTRASSE
Weit über 100 000 Menschen beleben nach zuvcr. lässige» Schätzungen Lie deutschen Landstraßen: Baga- Butticn und fahrendes Volk, Arbeitslose und Abenteuerlustig«. Hassende und Verzweifelte. Wer kennt sie, chre Welt, ibr Leben, ibre Sorgen und ihre Freuden?
Karl Eu. der meisterhafte Schilderer des Alltags- abenteuers. bat in unserem Auftrage zu ftu6 die Landstraße von Hamburg nach Berlin durchwandert, ein Soldat in jenem Riesenbeer von Wanderern, ein Namenloser unter bunderttausend Namenlosen. Hier sein erster Bericht:
Es sind nur rund 300 Kilometer, die Hamburg von Berlin trennen. Mil dem Flugzeug schafft man es in einer guten Stunde, der D-Zug braucht das Drei-
Bor bet Tür stand rin rauu>»«ierter Kinderwagen
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fache und wer ein Auto hat, kann in Berlin frühstücken und in Hamburg Mittag essen. Das ist in der heutigen Zeit der Rekorde keine Weite, keine Entfernung. Der Hamburger nennt es einen Katzensprung, der Berliner eine Spritztour. Und doch liegt mehr zwischen den beiden deutschen Millionenstädten, als die paar Hundert Kilometer. Es liegt die lange Schlange der Landstraße dazwischen. Vom Flugzeug aus ist sie ein dünnes Band mit kribbelnden Figuren und kriechenden Fahrzeugen, vom D-Zug aus gleicht sie einer endlosen Reihe flitzender Telegrasenstangen. Für den Autler ist sie eine Unterlage für seine Pneus mit teilweise schlechtem Pflaster und teilweise guten Erfrischungsetappen und unwahrscheinlich großen Heidmärker-Schnapsgläsern zu unwahrscheinlich billigen Preisen.
Aber das Flugzeug fährt über das Leben auf der Landstraße hinweg, der D-Zug daran vorbei und das Auto dazwischen hindurch. Wer die große Chaussee beobachten will, muß zu Fuß gehen, wer sie erleben will, muß den Weg als Wanderer machen, muß einer der Tausende werden, welche die große Straße bevölkern, muß sich unauffällig der Menge einzufügen wiffen, die unaufhörlich zwischen Hamburg und Berlin pendelt, die Herbergen zur Heimat füllt, Hilfsdienste bei den Bauern verrichtet, heute in einem bescheidenen Dorfgasthaus schläft und morgen in einem leeren Stall oder auch nur neben der Hecke, den Mantel über den Kopf gezogen und im Kopf eine Hoffnung auf das Glück im nächsten Dorf, im nächsten S ädtchen, im tosenden Berlin oder im nebligen Hamburg.
Es liegt wie ein matter Schimmer der Zuversicht auf bessere Zeiten über der großen winterlichen Landstraße. Der Optimismus marschiert und sucht, er hungert ein bißchen und friert manchmal sehr, er nimmt das Leben, wie es ihm aus den Knicks entgegentritt. Der Optimismus sitzt nicht mit weich gewordenen und doch verarbeiteten Händen in den großen Städten. Er geht zu Fuß über die im Frost klingende Landstraße. Rur der Pessimismus fährt Flugzeug, D-Zug oder Auw.
Die Fahrt beginnt.
-Wenn man im Winter auf die Walze geht, so sind das vielbesungene Sträußchen am Hute und der Stab in der Hand romantische Requisiten, die man entbehren kann. Warme Unterwäsche, derbe Stiefel, Gamaschen und Manchesterhosen, eine dicke Joppe und ein Halstuch tun einem auf der winterlichen Landstraße weit bessere Dienste. Ja, zuerst hatte ich auch noch eine Aktentasche bei mir, die ich aber schleunigst in einen Graben warf, als ich merkte, daß mir dieser tägliche Gebrauchsgegenstand des Städters hier
auf dem Lande schlechte Dienste tat. Ich sah nämlich trotz meines wetterfesten Aeutzeren nicht gerade wie ein Vagabund aus. und die Tasche verhalf mir anfangs zu manchen schrägen Blicken und manchem anzüglichen Wort, denn aus der Torsstraße ist die Aktentasche das verachtete Svmbol der beiden bestgehaßten Kategorien von „fliegenden Besuchern", des Versicherungsagenten und des Gerichtsvollziehers.
Obwohl ich also im wahrsten Sinne des Wortes unbeschwert auf die Landstraße trat, kein Fahrplan und keine Zuganschlußängste mir die Ruhe zu rauben vermochten, so habe ich vor Antritt dieser kurzen Reise auf Schusters Rappen doch länger geschwankt, als wenn meine Redaktion mich nach Paris oder London hätte schicken wollen. Den Ausschlag gab schließlich ein Gespräch mit einem Beamten des Hamburger Meldeamtes, der mir erklärte, man habe dort in einer Woche 15 000 Abmeldungen „auf Reisen" vorgenommen, und zwar nicht nur für zünftige Handwerksburschen und berufsmäßige Wanderer, sondern für Angehörige aller Berufe, oder besser ehemalige Angehörige aller Berufe, von Leuten, die das Nichtstun in der Stadt zu einem verzweifelten Versuch trieb, herauszukommen aus der steinernen, fast hoffnungslosen Wartezeit, die es mit dem Wort hielten: Die einen weinen, die andern wandern.
Fünfzehntausend machten sich in einer Woche auf die Wanderschaft über die winterliche Landstraße. Fünfzehntausend, die alle korrekte Papiere und wenig Geld hatten. Und einer davon war ich.
Peter Putt, der Hühnerfreund.
Ich hatte bis Bergedorf die Vorortbahn benutzt. Vier Mark und einige Groschen, das Wechselgeld aus einem Fünfmarkstück, das ich im Hamburger Haupt- bahnhos auf das Schalterbrett gelegt hatte, klimperten in meiner Tasche. Ich hatte keine Karte und keine Ahnung, wohin mich mein Weg führen würde, welches die nächste Stadt oder das nächste Dorf sein würde, wo ich eine Schlafstätte finden könnte. Rur daß ich auf der großen Straße nach Berlin war, wußte ich. Und fo habe ich es auch während der Tage auf der Chaussee gehalten: mich wenig um die Ortsnamen und desto mehr um die Menschen gekümmert, die in diesem Notwinter die Straße bevölkern. Wer deshalb meine Wanderung mit dem Atlas verfolgen will, wird manche Enttäuschung erleben. Und schließlich ist es ja auch nicht der Zweck dieser Schilderung, ein Wanderbuch mit drei Sternchen vor den behaglichsten Herbergen zur Heimat zu ersetzen.
Ms ich Bergedorf hinter mit liegen hatte, brach bereits grau und milchig die erste frühe Dämmerung herein. Ich war aber noch rüstig auf den Beinen und ließ das kleine Gasthaus „Zum grünen Jäger" links liegen, obwohl ich zuerst große Lust hatte, dort einzukehren. denn vor dem Hause stand ein etwas reichlich baufälliger Kinderwagen mit einem großen Segel, auf dem in ungelenker Schrift die Worte geschrieben waren:
„OHNE GELD DURCH DIE WELT"
Weltreise 1931 bis 1945. Peter Putt.
Ich hätte aber auch garnicht das kleine Wirtshaus zu betreten brauchen, um die Bekanntschaft des merkwürdigen Weltreisenden zu machen. Nach einigen Stunden, als schon die hotte Dunkelheit eingetreten war, es vom Kirchturm des nahen Dorfes neun schlug, in der Ferne die Hunde den Mond anbellten und ich mich in einer leeren Scheune am Wege, deren Tür sperrangelweit öffenstanL, einquartiert hätte, um die Nacht zn verbringen, hörte ich zuerst ein erbärmliches Quietschen, dann eine etwas krächzende Stimme, die begütigend „put, put, put" sagte und darauf die an mich gerichteten Worte in demselben krächzenden Tonfall:
„Nichts dran, nicht fett genug, zu jung, zu jung."
Gleichzeitig schien mir eine kleine Petroleumlampe ins Gesiebt, eine unklar erkennbare Gestalt ließ sich auf dem Stroh neben mir nieder, nachdem sie vorher einen quietschenden Kinderwagen hineingeschoben hatte, und dann hörte ich, daß sich in dem Wagen etwas wie in Todesangst bewegte.
Eine halbe Autostunde aus Hamburg heraus, in unmittelbarer Nähe der Chaussee, auf welcher alle paar Minuten ein huschender Lichtschein und ein dumpfes Surren daran erinnerten, daß auch in der Nacht der Kraftwagenverkehr zwischen den beiden Millionenstädten nicht ruht, muß man schon empfindlichere Nerven haben, um gruselig zu werden. Mein merkwürdiger Besucher flößte mir deshalb auch in erster Linie Neugierde ein und ich fragte:
„Wo ist nichts dran? Was ist nicht fett genug?
Wer ist zu jung?" .
„Die vertrackten Hühner", sagte der Mann vorwurfsvoll und zog einen allerdings recht mageren Hahn aus dem Kinderwagen hervor, um ihm immer unter begütigendem „Put, put, Put"-Zuspruch die Kehle umzudrehen.
Aus guten Gründen schwieg ich, machte dafür aber dem Mann etwas mehr Platz und verfolgte wortlos, aber mit wachsendem Appetit die Vorbereitungen des Hühnerfreundes. Er zog einen stattlichen Spirituskocher aus dem Kinderwagen hervor, hatte das Hähnchen in Windeseile gerupft, ausgenommen und es in die Pfanne aelegt, nachdem er zuvor die Scheunentür mit einem Segeltuch verhängt hatte, welches der Um-
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Gleichzeitig schien mit eine kleine Peitoleruulamve Ins Gesicht weit ankündigte, daß sich Herr Peter Putt ohne Geld auf einer Weltreise befinde.
Mein Schweigegrund lag darin, daß ich einerseits kräftigen Hunger hatte und Hühnerbraten liebe, andererseits aber erst bann über den Erwerb des Bratens aufgeklärt zu werden wünschte, wenn ich meinen Teil intus hatte und sich nichts mehr daran ändern ließ. Es gelang mir denn auch, alle etwaigen unangenehmen Gewtssensregungen zu unterdrücken, bis ich mich eine Stunde später satt und zufrieden in das Stroh kuschelte und Peter Purt unumwunden zugab, die Hühner auf der Chaussee in der Nähe eines Geslügel- hofes „gesunden" zu haben. Ein Staatsanwalt würde allerdings gewisse Bedenken in diesem Fund erblickt haben, denn Peter Putt erzählte nicht ohne Stolz, daß er immer eine Konservendose mit Mats bei sich habe, um dadurch das „Finden" von herumwandernden Hühnern zu erleichtern.
Am Morgen, als der Raureif nicht nur die kahlen Aeste 6er Landstraßenbäume mit Zucker übergossen, sondern auch mir durch alle Knopflocher an den Leib wollte, Hatte ich neue Gelegenhoit, tr.e Kochkünste des Hühnerfreundes zu bewundern. Es war ein guter Kaffee, den er braute und für den ich mich mit einer Schachtel Zigaretten revanchieren konnte.
Ich mußte aber nebenbei feine Kurage bewundern, denn wenn auch feine Weltreise erst in Bar mb eck begonnen und noch keine fünfzig Kilometer lang war, so mußte doch eine wahrhaft heroische Uebertotnbung dazu gehören, mit dem quietschenden Kinderwagen die Chaussee entlang zu gondeln. Was mir aber Peter Putt aus der halbstündigen Wanderung bis zur nächsten Kreuzstraße von einere gewissen Frau Eugenia Putt, MittagstischinHaberin tn Barinbeck und angetraute Gattin ves Weltreisenden, erzählte, ließ den Glorienschein des Heldentums um fein kahles Haupt etwas verblassen.
Klein» Sbroni!
Der Westerländer Stadtbaumeister Peter Johann» fen lat Selbstmord durch Erschießen begangen. Ein Beleidigungsprozeß hatte ergeben, daß bei der Vergebung von Aufträgen unsauber verfahren wurde. Johannsen wurde in dem Haus der Schauspielerin Leopoldine Konstantin, dessen Beaufsichtigung ihm übertragen war, tot ausgefunden.
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Der Ufa-Ton-Film „Porck" mit Werner Krauß in der Hauptrolle, wurde in ganz Eüdslawien verboten. Die Gründe für dieses Verbot sind noch unbekannt.
In ihrer Wohnung in Bukarest wurden der pensionierte Generaldirektor des Ministeriums für öffentliche Arbeiten, Ingenieur Dumitrescu, und seine Tochter ermordet aufgefunden. Die Köpfe der Opfer waren vollkommen zerschlagen. Auf dem Schreibtisch wurde ein Zettel mit den Worten gefunden: Bemüht euch nicht mit den Nachforschungen. Unsere Herren haben wir, Vasilie und Eugenie, ermordet. Die Unterzeichner find der Diener und die Dienerin der Ermordeten. Sie find seit Montag verschwunden.
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Das Schwurgericht München verurteilte den Gastwirt Schlegl wegen zweifachen Totschlags zu einem Jahr Gefängnis. Die Strafe wurde ihm unter der Bedingung erlassen, daß er sich bis zum 1. Januar 1937 gut führt. Schlegl hatte am 22. Juli 1931 in einem Münchener Gasthof seine Frau und bereit Geliebten durch Reooloerschüss« tödlich verletzt.
In allen Gesellschaftskreisen legt man Wert auf ar- ~ pflegte Zähne. Eine zielbewußte Mundpflege betreibt man durch regelmäßigen Gebrauch her bekannten und beliebten Chlörodont-Zahnpaste. Unter Vorkriegs- preise. Versuch überzeugt.
Nächtliches Feuergesechi
Einbrecher gegen Landjäger.
Tribsee (Kr. Grftmnen), 21. Januar.
Zwei Landjäger bemerkten abends in der Nähe von Tribfee ein anscheinend mit einer Panne im Sommerweg stehendes Auto. Auf der Rückfahrt abends gegen 11 Uhr fanden die Beam en diesen Kraftwagen immer noch vor. Ms die Landjäger barouf nach den Ursachen der langen Aufenthaltes forschen wollten, zogen der Wagenführer und ein Wageninfafle ihre Pistolen und feuerten auf die Beamten, die Deckung hinter dem eigenen Wagen suchten und das Feuer erwiderten. Insgesamt sotten etwa 30 Schüsse gewechselt! worden fein. Nachdem die Landjäger ihre Muni ion verschossen h-atten, gelang es ihnen, sich mit ihrem Wagen, trotzdem die Reisen zerschossen und auch der Kühler durch Kugeln beschädigt worden war. in Sicherheit ju bringen. Als die herbeigeeUve Verstärkung an den Tatort kam, war das fremde Auto verschwunden. In der Nacht daraus wurde der Wagen kurz vor Rostock auf der Chaussee auf gefunden. Die von der Rostocker Kriminalpolizei aufgenommenen Nachforschungen haben zur Verhaftung von vier verdäch.igen Mannern geführt.. Bei den Verhafteten, in denen man eine Cmibrecherbande vermutet, wurden zwei 9-rnrn- Armeepiswlen, eine Mauserpistole und etwa 450 M. Bargeld gesunden. Der Wagon trägt das Kennzeichen aus Naumburg-Saale.
62000 kg Aairium explodiert
Mehrere Fabrikgebäude verbrannt. Die Bevölkerung flüchtet in die Berge.
Oslo. 21. Januar.
Eime außerorden lich schwere Explosion ereignete sich in dem norwegischen Ort Badheim bet Bergen. Infolge der Ueherschwemmungen, von denen ganz Norwegen augenblicklich heimgesucht wird, drang das Wasser in das Natrium'vgeryauz einer elektrochemischen Fabrik. Sogleich nad) der Berührung des Natriums mit dem Wasser ereignete sich eine schwere Explosion, durch die das Fabrikgebäude und ein daneben liegendes zweites Natriuntlager wi Brand gesteckt wurden. Im ganzen sind 62 000 Kilogramm Natriumme.all explodiert. Der Fluß riß die brennenden Natriummengen mit sich und spülte sie durch den ganzen Ort, wodurch andere Säufer ebenfalls in Brand gerieten und die Gasentwicklung so stark wurde, daß die gesamte Bevölkerung in die Berge flüchten mußte, um nicht zu ersticken. Eine Holz- ., waren- und eine Tonnewfabrir sind ebenfalls in Brand gera en.
Die Natriumexplosion konnte nach längeren Bemühungen erstickt werden. Das Feuer hat zwei La- gergebäude völlig zerstört, ferner eine Anzahl kleinerer Läufer und einen Tail der Fabrikanlagen vernichtet. Mehrere Personen, die sich an den Rettungs- atfbeiten beteilig en, erlitten durch den mit Gas vermischten Rauch starke Verbrennungen. Die Höhe des Schadens läßt sich jur Stunde noch nicht an geben, um so weniger, als das Feuer noch immer weiter glimmt Die Verbindung mit der Brand stelle ist auch noch dadurch besonders erschwert, daß die verschiedenen Telephonleitungen durch einen Erdru sch zerstört worden sind, der eine Folge der durch das melde Wetter verursachten SchneeschmeLze in den Bergen ist
Mensch und Hund
Bon
Rudolf Jeremias Kreutz.
Gs ist ein Ehrenzeugnis für die verarmende Menschheit, baß sie jetzt ihres besten außermenschlichen Gefährten mehr benn je Acht hat, baß sie, an Vertrauen betrogen, an Gläubigkeit verelendet, an heiligsten Gütern beschwindelt, Klammer und Stütze sucht beim zuverlässigsten Tier. Was kann die Ursache sein? — Sehnsucht nach Wärme: Unterschlupf bei der „unvernünftigen" Kreatur, die zärtlich ist und es in allen Zeitläuften bleibt, selbst bann, wenn sie hungert und ihr kein gutes Wort geschenkt wird und kein Leckerbissen. Wenn es einem Menschen schlecht gebt, rücken jene, die besser daran sind, von ihm ab. Witterung des Leides isoliert. Ter „Nächste" fürchtet die Ansteckung, nimmt Distanz. Er mag Trost spenden, mitleidig, hilfreich sein. Zugegeben. Wer aber wollte wagen, unter Beweis zu stellen, daß Einsamkeit den Verarmenden, also „Unerfreulitfien", nicht bis zum verzweifeltsten Allein umwächst, sobald er vom Spender am Lebenstisch zum Almosenempsänger — figürlich und wörtlich — herabsinkt?!
Dem Hund gilt Reichtum ober Armut, Schönheit oder Häßlichkeit seines Herrn gleich. Sicher, auch er wird auf schwellenden Polstern lieber liegen als auf hartem Estrich, er wird sich wohler fühlen in einem behaglich durchwärmten Heim, als im fauligen Stroh einer kalten Hütte. In seinem Hang zu möglichst bekömmlichen Dasein gibt er dem Meirichen nichts nach, aber er wird dem unter uns, dessen Gc'chöpf et durch Gewöhnung und ein bißchen Güte geworben war, auch dann bie Gefolgschaft nicht weigern, wenn dieser selbst nur Stroh als Lager und bas Himmelszelt als Bettdecke hat.
Was wir untereinander schwer und schwerer finben — Vertrauen, was wir in tausenb Verkleidungen meist vergebens suchen — Zuverlässigkeit, wonach unser Herz dürstet — Liebe: das alles schenkt uns um geringes Entgelt für ein wenig Garsein der vierbeinige Gefährte. Unverstand schilt ihn darob' unterwürfig und fllavisch. Jeder Hundekenner weiß, daß diese Bezichtigung grundfalsch ist. Des Hundes steter Zärtlichkeitshunger entspringt lediglich einer unerhört heftigen Zuneigung, einem tollen Fanatismus höriger Treue, der seines- aleichen sonst nirgends in der Welt hat. Der Hund ist bas einzige Geschöpf, bas uns nicht nur fürchtet, sondern auch liebt.
Beri Brechi: „Oie Mutter"
Uraufführung im Komöbienhaus-- B er Hin.
Berlin, 21. Januar'.
Wer den Roman »Die Mutter" von Maxim Gorki gelesen hat, wunderte sich ch>as man alles aus einem stellenweise — dichterischen Szenen aufsteigenden Buche, bas den Wem des vollen Lebens ausströmt, machen kann. Wenn man dann in der Panse hie theoretischen Ausführungen Bert Brechts über das „epische Theater" las, wußte man Bescheid. Die Theorie vom epischen Theater ist Nichts weiter als das Mittel zu verschleiern, daß Bert Brecht keine Lust mehr hat, sich um die dramatische Form zu bemühen- Ihm kommt es in Wirklichkeit weder aus Drama noch Epik, weder auf Dichtung noch Theater an, sondern einfach auf politische Propaganda.
Gorki beschreibt «in seinem Roman, wie eine völlig ungebildete Frau aus dem Volke durch ihren Sohn zur Kommunistin wird und nach verschiedenen revolutionären Taten als Märtyrerin stirbt. Während Gorki noch das Menschliche aus diesem proletarischen Lebensweg beraushebt, ist für Brecht, der erst über eine Dramatisierung des Romans durch Günther Wsißenborn zu dem Stoffe kam, nur noch das Kommunistisch-Propagandistische wichtig. Mit einer primitiven Montage, mit dem Bonifazius- Zsigefinger entwickelt er feine Erziehung zum Kom- inuUismus. Ungeheure Langeweile steigt auf. — Daran kann weder die „Aufricht-Produklion", die die wirtschaftliche Verantwortung für die Aufführung trägt, noch die »Gruppe junger Schauspieler", die für Spiel und Regie zeichnete, etwas ändern. Aus Hans Eislers übliche Katzenmusik als „Begleitung" hörte man schon garnicht mehr. Allein Frau Weigel durch ihr Spiel in der Mutteirolle wußte unser Herz zu rühren, wenn man sie auch oft wegen der Papiersätze, die sie zu sagen hatte, bedauerte.
Hanns Martin Elster.
Kunst und Wissenschaft
Von kommenden Uraufführungen. Kurt Strieglet: „Dagmar", Oper (Dresden, im März, unter Leitung dez Komponisten). — Erwin Treffei: „Die Zwillingsesel", Oper ^Dresden, Ende April). — Rudolf Sen- der: „Der Berggeist", Ballett nach Motiven Offenbachs (München). — Meverbeer: „Die Hugenotten", neue Bearbeitung von Dr. Julius Kapp (Berlin, En
de Januar). Franz Schreker: Vier Stücke für großes Orchester (Krefeld). — R. I. Beck: Psalter-Kantate für Solo, Chöre, Blechbläser, Pauken und Orgel (Teplitz, 15 Februar.) *
Paul Graener arbeitet nach feiner letzten Oper „Friedemann Bach" an einem neuen Bühneuwerk, und zwar an einer Vertonung des „Prinz vom Homburg"
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Eine drollige Konzert-Episode erzählt der bekannte Geiger Bronislav Hubermann. In Riga war das Publikum seines Konzertes mit dem begleitenden Pianisten unzufrieden, und als er die Ciaconna von Bach vortrug, die bekanntlich keiner Klavierbegleitung be» darf, brach ein geradezu demonstrativer Beifall aus. Und der Grund für diesen erstaunlichen Applaus? Das Publikum war der Meinung, Hubermann fei mit dem Pianisten unzufrieden und habe es deshalb vorgezogen, die Ciaconna — ohne Klavierbegleitung zu spielen!!
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Wolfgang Fortners „Chor der Fräuleins". In einer neuzeitlichen Chorsammlung ist ein etwas merkwürdiges Chorlied erschienen, das mit Recht Anstoß erregt hat. In diesem „Chor der Fräuleins" heißt es u. a.: „Wir winden keine Jungfernkränze mehr, wir überwanden sie mit viel Vergnügen", und in weiteren Einzelheiten wird eine bedenkliche erotische Moral 6er« kündigt. Stoch peinlicher wirkt die Tatsache, daß der Komponist Wolfgang Fortner durch Kompositionen religiösen Inhalts hervorgetreten ist und zur Zeit sogar — eine pädagogische Tätigkeit am kirchenmusika- lischen Institut zu Heidelberg auSübt. Die vielfachen Angriffe haben nun Fortner veranlaßt, feine Zurückhaltung aufzugeben. Er entschuldigt sich damit, daß er in den Chören lediglich die „soziale Tragik zur Diskussion stellen" wollte, und daß es sich nur um „unwesentliche und längst überholte Nebenarbeiten" handele. '
Das Theater ohne Bühne., Ein eigenartiger Versuch ist der Bau eines Theaters ohne Bühne und ohne Dekorationen in Moskau. Tas neue Amphitheater wird sich lediglich mit Lichteffekten begnügen. Dadurch soll eine erhöhte „Aktivität und Mitarbeit des Zuschauers" erzielt werden. — Auf welche Weise dieses Ziel erreich) werden soll, ist im Einzelnen nicht be- kannt. Sicherlich ist die „Aktivierung deS Zuschauers" ein Problem von zeitgemäßer Bedeutung. Ober aber das „Theater ohne Bühne" der geeignetste Weg zur Lösung dieser Frage ist, muß mit Recht bezweifelt werden.
Schallplatte«
Mbers auf Tchallplaften. Hans Mbers, der tat Tonfilm überraschend schnell ein Dutzend Kollegen in der Gunst des Publikums puttgestochen hat, ist nun auch auf der SchallPLatte zu hören. Die Albers-Verehrerinnen können nun bie Stimme Ihres Lieblings, in Schellack eingraviert, als Fetisch mit sich herumtragen urib sie, so oft sie wollen, zum Tönen bringen. Was sie bann höre«, ist ein sehr tröstliches Kompliment unb bie gesungene Aufforderung, immer zum „Hans zu kommen", Wenns irgendwo .brennt". Um es sachlich auszudrücken: Albers singt auf Parlophon unb Odeon den frischen Schlager »Kind du brauchst nicht weinen" aus seinem jüngsten mit Recht erfolgreichen Tonfilm „Der Draufgänger", der dieser Tage in Kassel lief. Auf der Rückseite singt WLers' Partnerin Märta Eagerth ihr Walzerlieb »Ich hab ein Herz, das nach Liebe üch sehnt".
Das Lindstrom.Programm bringt im Januar noch weitere .Treffer": Eine der beliebtesten Ouvertüren auf SchaÜplacken. bie zu Suppks »Dichter und Bauer" ist jetzt von Tajos Bela mit 200 Künstlern für Odeon gespielt worden, eine Platte von überraschend großem und schönen Ton. Richard Tauber singt aus „Hoffmanns Erzählungen" das übermütige Lieh des Klein zack. Georges BaNa no fs, den wir bet seinem Kasseler Gastspiel als einen hinreißend ausdrucksvollen Darsteller kennen lernten, singt in höchst persönlicher Auffassung zwei russtche Lieder, das bekannt Wolgaschlepperlieb und „Im ©efängnii". Das schönste Potpourri des Monats ist aus Millöckers „Gasparone", dirigiert von Dr. Weißmann. Mr das Hauskadarett bringt Parlophon zum ersten Mal den erst kürzlich auch für den Tonfilm entdeckten berliner Komiker Fritz Grünbaum der in einem witzigen Sketch beweist, daß er auch aus dem faulsten Schuldner noch Geld heraushdlen kann.
Im klassischen Programm führt eine große Kammer- musikaufnadine mit Bee.Hoven- ©elfter tri o. (Odeon). Eine Klavierplatt«, von dem Würzburger Mademiedirektor Zklcher gespielt, enthält Präludien Von Chopin unb Scarlattj-Sonaten. Columbia veröffentlich« Haydn- Kinber-Svmphonie, von Felir Weingartner dirigiert. Die geniale Begabung Bro- niSlaw Hubermanns außen sich In zwei virtuosen Stücken, bie der berühmte Geiger jetzt für Odeon geradezu bezaubernd gezielt hat: Chopins Walzer in Cis-Moll und Elgars »La capricieuse". Gerade tn dem Chopin-Walzer zeigt sich Hubers- manns Fähigkeit, oft Gespieltes ganz neu erleben zu lassen. v.