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Kasseler Reueste Rachrichien

Sonnabend, IL/Sonntag, 17. Januar 1932

Peile 3

Wilhelm Sdimidtbonm

Der Arzt im Llrwald

Schlafkrankheit roitei ganze Dörfer aus / Or. Schweitzers Hilfswerk / Der Llrwald als Spital / Bilanz von 20 Jahren

msnnor wohl, wenn einmal nicht nur

dlockefeller oder Henry Ford als Vor- «n^,er<¥6lr angesprochen werden. Seit ein

paar Zähren geht ein stiller, täglich wachsender Ruhm n einem Mann ganz anderer Art aus. Von einem -vcann, der keineswegs darnach «trachtet, Milliardär zu Der es keineswegs für sein Ideal ansieht, oeu Menschen das Leben praktischer einzurichten. Von einem Mann, der vielmehr sein ganzes Leben opfert, nur um den Aermsten der Armen, den Verlassensten der Verlassenen das Leben zu retten. Dem der Ur- m.a}° nnt Feinen Gefahren, Entbehrungen. Strapazen nicht zu weit ist, um sein Hilfswerk in Gang zu setzen. ^. er dabei völlig darauf verzichtet, Geld zu veroie? neu vielmehr ausschließlich ein so veraltetes Ding wie sein Herz sprechen läßt. Es ist die Rede von je­nem Doktor Albert Schweitzer aus Straßburg, der als Philosoph, Pfarrer, Univerfitätsprofessor, Or- gelmrtuose, Musikhistoriker sich einen weiten Namen schuf, Konzerte in Berlin und Paris gab und eine tiefgründige Bachbiographie schrieb.

Dieser Dr. Schweitzer liest eines Tages in der Zei­tung von der unbeschreiblichen Not der Neger am Kongo, die von der Schlafkrankheit befallen sind Ganze Gebiete drohen auszusterben. Wenn alles so bleibt, wird Zentralafrika in fünfzig Jahren entvöl­kert sein. Aber selbst wenn es gelingt, Kranke am Leden zu erhalten, stechen die Unglücklichen in ent­setzlichen Schmerzen dahin.

Dr Schweitzer ist erschüttert. Millionen Menschen lesen dasselbe und find erschüttert. Einige tausend Aerzte lesen es, die in Europa, zumal in Deutschland überzählig oder mindestens leicht zu entbehren sind' Aber nur dieser eine Mensch, Philosoph, Prediger, Orgelvirtuose, beschließt in der gleichen Stunde Arzt zu werden und nach Afrika zu reisen, um zu helfen Dieser eine Mensch wirft sein ganzes bisheriges Da- sern fort, feine ganze materielle Existenz, fremder, un- endlrch entfernter Menschen wegen. Er hort auf keine Vorstellungen und Warnungen der Verwandten Freunde, Kollegen. Vom Professoren-Lehrstuhl begibt er sich wieder auf die Bank der Studenten, in Anato­mie und Laboratorien, unterzieht sich den Prüfungen wie ein funger Anfänger. Sein einziges Wort ist- Emer mutz anfangen! Muß! Dr. Schweitzer erlangt die notigen Mittel zur Ausreise von einer Missions­gesellschaft und steigt mit seiner tapferen jungen Frau 'M .^13 in Bordeaux auf den Dampfer" 72 Kisten mit, Medizin und Apparaten nimmt er mit st^^dazu eine kleine Orgel, ohne die der Künstler nicht leben kann. Wovon wird er da unten lebend Von den armen Schwarzen ist irgendein Arzthonorar Nicht zu erwarten.

. -Was ist die Schlafkrankheit? Sie hat anscheinend immer in Afrika geherrscht. Aber erst der Verkehr der Neuzeit hat ihr diese ungeheure Ausdehnung qe- gebcn Dringt die Krankheit in ein neues Gebiet so tritt sie anfangs besonders mörderisch auf Ganze Dörfer verschwinden in wenigen Jahren vom Erdbo- Die Amnkheit beginnt mit Fieber, unerträq- die zum Wahnsinn und zur Tobsucht treiben können. Manchmal ist ein er­schreckender Schwund des Gedächtnisses das erste Zei­

chen. Rach einigen Jahren beginnt die Zeit des ver­mehrten Schlafbedürfnisses, bis der Schlaf immer fester wird und endlich in volle Gefühllosigkeit über­geht. Wasser und Kot gehen unbeachtet ab, der Rücken bedeckt sich vom Liegen mit Geschwüren, die Knie find an den Hals gezogen. Tödliche Gehirnent­zündung tritt ein. Verursacht wird die Schlafkrank­heit durch den Stich einer kleinen Fliege, der Tse-Tse, die lautlos am Tage fliegt.

Dr. Schweitzer stand nun vor der Frage, welches Gebiet er zuerst besuchen und bearbeiten sollte. Er reiste zwar nach Afrika, von einer dumpfen Stimme in sich getrieben. Aber wie alle wahrhaften Männer der Tat, ging er nach gut überlegtem Plan vor. El­sässische Missionäre waren am Ogowe-Strom tätig. Er wandte sich an sie, und man wies ihm ein Haus auf der Station Lambarene zu. Der Ogowe strömt 1200 Kilometer lang parallel dem Kongo. 350 Kilo­meter von der Küste ist er schiffbar. Hier wachsen Kaffee, Pfeffer, Zimt, Vanille, Kakao, Oelpalmen. Aber der Haupthandel gilt dem unermeßlichen Holz­bestand des Urwalds. Die Jahrestemperatur hat einen Durchschnitt von etwa 30 Grad. Die Nächte sind ebenso feucht und heiß wie die Tage.

In Lambarene angekommen, entschloß sich Dr. Schweitzer sofort zum Bau eines Spitals. Spital! Ein Hühnerstall steht ihm zur Verfügung. Die Sprech­stunde wird draußen im Schatten abgehalten. Jeder Kranke erhält eine Pappscheibe um den Hals, auf der seine Nummer, seine Krankheit, seine Medikamente verzeichnet find. Schweitzers Frau hat Instrumente und Verbandmittel unter sich und assistiert bei Ope­rationen. Aber bald gelang es Schweitzer, von der Mission 2000 Franken zum Bau eines größeren Kran­kenhauses zu erhalten. Natürlich darf man nicht an ein Hospital im europäischen Sinne denken. Eg han­delt sich um nichts als um eine Wellblechbaracke. Die Fenster gehen bis unters Dach, so daß die heiße Luft sich nicht in der Höhe sammeln kann und jeher er­staunt ist, wie kühl es in einer Wellblechbaracke zu sein vermag. Unter dem Dach sind weiße Tücher ge­spannt als Schutz gegen die Moskitos. Heute gibt es sogar ein eigenes kleines Gebäude mit sechs Kammern für Geisteskranke.

Trotz allen Grauens bietet das Spital mit seinen Kranken ein unendlich abenteuerliches Bild. Die Kranken kommen mit ihren ganzen Familien an. Die männlichen Mitglieder der Familie gehen nach der Aufnahme des Kranken ein paar Schritte abseits in den llrwald und hauen gleich an Ort und Stelle das Bett für den Patienten zurecht. Die Kranken sind sehr abergläubisch und halten auch den europäischen Arzt für nichts anderes als einen Zauberer. Vom Zahnreißen bis zu den gefährlichsten Operationen macht er alles. Viele Kranke sind furchtsam. Ein kleiner Knabe weinte entsetzlich, denn er hielt den Doktor für einen Menschenfresser. Ein solcher war für ihn durchaus nicht eine Art Märchensigur, son­dern der Junge gehörte zum Stamme der Pahouins, in dem die Menschenfresserei noch bis heute nicht er­loschen ist.

Sonntags hält Schweitzer selbst Gottesdienst ab, und er hat eine Gemeinde, wie es sie auf der Welt

wohl nicht zum zweitenmal gibt. Unter den Kranken befinden sich viele, sie noch nie ein Wort vom Chri­stentum gehört haben. Ein Heilgehilfe ruft alle Hörer mit einer Glocke zusammen. Bis alle sich ein» gefunden haben, ist eine halbe Stunde vorbei. Man sitzt, um Schatten zu haben, unter dem vorspringenden Dach. Rechts und links von Schweitzer steht je ein Dolmetscher, ein Pahouin und ein Bendjabi. Einige Zuhörer kochen während des Gottesdienstes ihr Essen, eine Mutter wäscht ihr Kind. Ein Mann flickt sein Fischnetz. Ein anderer legt den Kops in den Schoß eines Kameraden, um sich in aller Friedlichkeit lausen zu lassen. Schafe und Ziegen kommen und gehen. Die Webervögel in den Bäumen machen einen solchen Lärm, daß der Prediger kaum mit der Stimme durchdringt. Ueber der Gemeinde turnen zahme Affen auf dem Wellblechdach. Natürlich be­steht eine Predigt hier fast nur aus der ursprüng­lichen Erzählung von Gleichnissen, die aus dem All­tagsleben der Schwarzen genommen sind. Die Zu­hörer sind gerade darum ganz Ohr. Oft unterbricht Schweitzer sich und fragt, ob jeder ihn verstanden, oder ob einer etwas einzuwenden hat. Dann ant­wortet ein lauter Chor, daß es so recht sei.

Was hat Schweitzer nun erreicht? Er hat in fast zwanzig Jahren Tausenden und Abertausenden von Kranken Linderung und Heilung gebracht Men­schen, die sonst wie die Tiere des Urwalds sich hätten verkriechen und verrecken müssen. Er hat edelste Menschlichkeit in ein weites Gebiet getragen. Sein Beispiel hat die Regierungen aus trägem Nichtstun wachgerufen. Ueberall ist der Kampf gegen die Epi­demien aufgenommen. Alle paar Jahre reist Schweitzer nach Europa nicht um auszuruhen, son­dern, um Orgelkonzerte in den großen Städten zu geben, die ihm die Mittel liefern, sein Spital weiter auszubauen.

Ein unermüdlicher Menschenfreund.

In einer Zinkgießerei und Aktzerei in Frankfurt am Main-Heddernheim erlitten der Inhaber, sein Sohn und ein Arbeiter durch aus den Schmelzöfen fließendes Zink lebensgefährliche Brandwunden.

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Die in Mesopotamien in letzter Zeit durchgeführten Ausgrabungen haben auch einen Würfel zu Tage ge­fördert, dessen Alter auf nicht weniger als 5000 Jahre geschätzt wird. Der aus gebranntem Lehm bestehende Würfel ist in der Form den noch heute in Gebrauch befindlichen völlig gleich, der einzige Unterschied ist nur, daß die Zahl vier der fünf gegenüberliegt. Das Würfelspiel gilt als das älteste aller bekannten Glücksspiele.

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Zwei japanische Aerzte haben jetzt in den in Japan reichlich zur Verwendung gelangenden eingemachten Kirschblüten einen überaus starken Vitamingehalt festgestellt. Der Genuß von Kirschblüten hat sich be­sonders int Falle von Vitamin 8 Mangel als sehr gesundheitsfördernd erwiesen. Ebenso vitaminhaltig sollen auch die Blüten des Löwenzahns sein.

STREI

Das englische Blatt News Chroniele" hat einen Stimmungskalender Melancholischer ver Weltwirtschaftskrise zu- SeschjchtS-Kalender "

ver Alliierten 1918 im­mer tiefer abwärts in den Katzenjammer und hat im einzelnen so gci. e Stationen:

1918: Exaltation Begeisterung.

1919: Reparation Tribute.

1920: Exveetation Erwartung.

1921: Deflation Schrumpfung.

1922: Eonsternation Bestürzung.

1923: Jntimidation = Einschüchterung.

1927: Exasperation Erbitterung.

1929: Reconsideration lleberlegung.

1930: Cerebration = Eehirnverrenknng.

1931: Desperation = Verzweiflung.

1932: Repudiation Ablek nung.

193?: Cancellation = Schuldenstreichung.

Der englische Kakendermacher wagt leider noch nicht zu sagen, wann die Schuldenstreichung kommen wird Aber so viel ist sicher: Für die allermeisten Länder wird er danach seinen nächsten Kalender wie­der mitExaltation" anfangen können. Rur mit besserem Grund als 1918.*

Oie Flucht ms Gold

In einem Pariser La­den ist seit Wochen auf einem Schild zu lesen: Hier Verkauf von Gold in jeder Menge." Man kann in dem Laden so­

wohl ungemünztes Gold, wie auch goldene Dollars, Eoldfranken und goldene britische Sovereigns be­kommen. In Frankreich herrscht zur Zeit bekanntlich ein wahrer Goldhunger. Mit allen möglichen Mit­teln suchen die Provinzbankiers sich ausländische Goldmünzen zu beschaffen, weil sie mit nichts ihrer Kundschaft eine größere Freude machen. Weit ver­breitet sind die formlosen kleinenEoldgesellschaften", d. h. die gemeinsame Erwerbung von Goldbarren aus dem Bestände der Bank von Frankreich durch kleine Sparer, die nicht kapitalkräftig genug sind, um allein die nur in bestimmter Größe abgegebenen Barren zu kaufen.

Die heutige Nummer umfnBt 22 Seiten

Verantwortlich für den politischen Teil: Dr. Satter Pebnt; für das Keuilleton: German M Bonaur für den lokalen Teil: Dr Sans stoachim Glatzer: für den Heimatteil: Rudolf G 18 f e r: für Handel: Dr. Sans ? a ii g e n b e r a: für den Sportteil: Her­bert Sveich: Photo - Redakteur: Eduard Schulz- Kef fel: für Anzeigenteil: Konrad Wachsmann. Berliner Schriftleitung: Dr Walter Hunt. 8er- litt SW. 68. Druck und Verlag: Staffelet Neueste Nachrichten G. m. 6. H. staffel. Kölnische Strafte 10.

Apothekendterrst

Folgende Apotheken haben morgen. Sonntag, geöffnet und in der darauffolgenden Woche Nachtdienst: Herkules- Apotheke, Will). Allee 273; Hohenzollern-Avolbekc, Hohcnz.» strafte 93; Mobren-Nvotbckc, Wilhelmftraße 9: Stern-Apo» 'bete. Ob, Gasse 47: Sudend-Avotheke. Franks. Strafte 57; Vlktoria-Äpvthcke, Moritzstratze 1.

Unsere neue Artikelserie

gewährt einen tiefen Einblick in die ängstlich behüteten Mysterien des Wodu-Kultes. + Wir beginnen mit dem Abrudc der Artikelserie anfangs nächster Woche

Unsere neue Artikelserie B B IB B BP B ^hrt unsere Leser in eine für den Europäer höchst merkwürdige Welf; in die Mitfeiamerika vorgelagerte Insel- B B MM III republik, in der sich zwei Kulturen, die heidnisch-afrikanische und die christlich-amerikanische, auf eine phan- OjftllftBlllBlijLJllJtBljljn MM BB I I I tastische Art vereinigt haben. + W. B. SEABROOK hat mehr als ein Jahr in Haiti zugebracht, das Land kreuz

|||Bl||U|||||llV|l|l||ilv B B B B B und quer durchstreift und in entlegenen Gegenden als einziger Weiter unter der primitiven ländlichen Bevöl-

UwllwlllllllOVUlllJU I B B B I Gerung ge^bf- Sein ungewöhnliches Erzählertalent und Einfühlungsvermögen bringen es zuwege, die exotischen

Erscheinungsformen der noch tief im afrikanischen Mutterlande wurzelnden haitianischen Kultur packend darzu,

stellen. Seine Schilderungen der orgiastischen Opferfeiern sind von magischer Gewalt. Seabrook leuchtet in die tiefen Abgründe des haitianischen Aberglaubens hinein berichtet aus eigener Anschauung über denculfe des morts", den grausigen Leichenkult. Geistvoll und mit Spannung geladen die buntbewegten Bilder aus dem Volks­eben, seine historischen Reminiszenzen und kritische Beleuchtung politischer und sozialer Fragen. Die Artikelserie, erfüllt von dem abenteuerlichen Geist des Forschers,

Victor Äuburtin:

Kür und wider den Alkohol

S.rck der Mensch Alkoholiker sein oder Antialkoho­liker? Das ist eine der großen Fragen, die das Zeit­alter bewegen.

Auf diese Frage gibt es nur eine vollständig be­friedigende Antwort: Sian soll beides fein. Selbst­verständlich nicht gleichzeitig, das geht nicht, aber nacheinander und abwechselnberweise. Nämlich so: der Streit kommt nur daher, daß die Gegner einan­der nicht kennen. Der Temperenzler weiß nichts von der Festlichkeit eines Glases Mosel, so am Sonn- tagsnsch genommen wird, deshelb schmäh! er den Wern. Der Alkoholiker seinerseits hat nie erfahren, wie ein wochenlanges Trinken von Lindenblütentee auf die Magensäfte, Herzklappen usw. wirkt, und macht sich über di« Mäßigkeit lustig. Wenn man die Sache abwechselnd betreibt, lernen wir die Vorzüge beider Systeme schätzen, und der Streit ist aus.

Ich beispielsweise trinke meistens ziemlich. Aber alle Vierteljahr mache ich einen Ruck und höre auf; uno dann ist es erstaunlich, wie sich mit diesem Ruck das Leben und überhaupt das ganze Weltall verwan­delt. Die tägliche Straße ist kürzer geworden. Die Treppe, die du ächzend stiegst, springst du jetzt in eini­gen Sätzen hinauf; uns du selbst bist in den Kleidern um Zentimeter gewachsen. Freilich ist der Tag etwas leer.

Und nachdem dieser Zustand genügend gehauen . . . o, welch ein Prangen ist's, wenn das erste Glas Bordeaux über die ausgedörrien Schluchten des In­nern niesergeht; junge Keime sprießen rührend, ha­stige Blumen entfallen sich, und die Baumwipfel des Traums wiegen sich regenschwer.

Auf jeden Fall steht es geschichtlich fest, daß die Griechen getrunken haben wie die Bürstenbinder und deshalb das geistig fruchtbarste Volk der Zeitläufte gewesen ftno. Uno als Sophokles starb, setzten die athenischen Siadiverordneten auf fein Grab ein Bronzebild des Trinkgottes Dionysos, den sie als den Vater der Tragödie und aller Kunst anzuschauen sich mit Recht vermaßen.

Dagegen ziehen die Amerikaner das Kauen von Gummi vor. Man stecki ein Stück Hartgummi in den Mund mm kaut es, was eine erfreuliche Zunahme des Speichelflusses ;nr Folge hat. Wer eine Pause ma­chen will, der holt das Gummistück aus dem Munde hervor und Lebt es unter die Tischplatte, von wo er

es später wieder nehmen und aufs neue genießen kann.

Doch ist dabei Vorsicht geboten; es kommi häufig vor, daß man versehentlich ein fremdes Gummistück nimmt, das ein Geschäftsfreund unter der Tischplatte vergessen hat.

Oie meistgekausten Bücher

Eine Umfrage des Hannoverschen Kurier bei den Buchhändlern über die meistgekauften Bücher des Winters ergibt interessante Aufschlüsse über den Publikumsgeschmack. Viel genannt wird die Volks­ausgabe von Grimms RomanVolk ohne Raum", dann die Bücher von Earossa, Ina Seidel (Wunsch­kind), Hesse, Isolde Kurz u. a. Eine Buchhandlung schrieb: Ter Absatz verteilte sich ziemlich gleichmäßig auf folgende Romane: Carossa, Arzt Gion; Conrad, Die Rettung; Galsworthy, Ein Mädchen wartet; Käst­ner, Fabian: Kurz, Vanadis; Molo, Ein Deutscher ohne Deutschland; Reumann, SchiffEsperance*; Priestley, Engelgass«; Schaffner, Ihr Glück ihr Elend; Wassermann, Andergast; Werfel, Gefchwister von Neapel.

Von biographischen Werken hatten besonders gro­ßen Erfolg: Arel Munthe, Tas Buch von San Michele und Schweitzer, Aus meinem Leben und Den­ken, daneben auch die billigen Ausgaben von Emil Ludwig, Goethe und Fülöp-Miller, Rasputin.

Seine.Liebhaber fand auch das neue Buch von Bengt Berg, Der Lämmergeier im Himalaya und sehr erfolgreich war Spenglers neues Buch: Der Mensch und die Technik.

Von leichteren amüsanten Büchern fanden neben Tucholskys Schloß Gripsholm guten Absatz: Die Abenteuer eines jungen Herrn in Polen von Alexan­der Lernet-Holenia.

Eine andere Auskunft lautet: Kriegsbücher wur­den verhältnismäßig wenig gefragt; gut gekauft wur­den nur Marwitz. Stirb und werde, Ettighofer, Ge­spenster am Toten Mann, Scldte, Lor und hinter den Kulissen, Purzelbaum-Zobeltitz, Das alte Heer Als neuer Buchtyp fandenSchaubücher" sehr zahlreiche Käufer, z. V Zwanzig Fahre Weltgeschichte, Trenker, Meine Berge, Dr. Defner, Das schön« Tirol, Salo­

mon, Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augen­blicken, Barlach, Das Plastische und graphische Werk. Außerdem erfreuten sich besonderer Vorliebe der neue Bengt Berg, Lämmergeier int Himalaya, Ber­ger, Das Jägerbuch, Dungern-Oberau, St. Georg hilf! und Hubertus hilf! Mechow, Kamerad Pferd, Gagern, Birschen und Böcke, Heck, Schimpanse Bobby, Walther, Mein Hundebuch, Katz, Funkelnder ferner Osten und Schnaps. Kokain und Lamas. Recht rege wurden auch wieder Kunstkalender gekauft, besonders der Tefner-Kalender, Plischke-Jahrweiser und der Goethe-Abreißkalender; desgleichen die schmucken Bändchen der Jnselbücherei.

Kunst und Wissenschaft

Prof. Kerschenfteiner gestorben. Der bekannte Päda­goge Geheimrat Prof. Dr. Georg Kerjchensteiner ist in München im 78. Lebensjahre verstorben.

Das Programm der russischen Goethe-Feiern. Im Mittelpunkt der Goethe-Feiern in Sowjetrußland steht die von der Akademie der Wissenschaften in Leningrad geplante Festsitzung, die in erster Linie den wissen­schaftlichen Werken Goethes und seiner Bedeutung auf diesem Gebiete gewidmet sein soll. Gleichzeitig werden gegenwärtig die Aufführungen Eoethescher Dramen an einer Reihe russischer Bühnen vorbereitet. Von den Verlagen der Sowjetunion ist die Heraus­gabe verschiedener Goethe--Ausgaben in Aussicht ge­nommen. So gibt der Staatsverlag eine zehn Bände umfassende Ausgabe neuer russischer Uebersetzungen Goethescher Werke heraus, unb bet dem VerlagAca- demia" ist ein Band von Gedichten Goethes in Vor­bereitung. Auch eine Reihe neuer Goethe-Biogra­phien soll demnächst veröffentlicht werden.

Mussolini gegen ein Selbstmord-Drama. Wie aus Rom gemeldet wird, hat Mussolini nach der zweiten Aufführung an einer römischen Bühne die Absetzung des DramasDer Wert des Lebens" von Nemiro- witsch-Dantschenko, das eine Rechtfertigung des Selbstmordes darstellt, verfügt. Das von einer rus­sischen Eastspieltruppe unter Leitung des Mitbegrün­ders des berühmten Stanislawski-Theaters in Mos­kau mit großem Erfolg durch eine Reihe anderer ita­lienischer Städte aufgeführte Drama wurde mit der Begründung verboten, daß eine Verherrlichung des Selbstmordes in einer öffentlichen Aufführung nicht dargestellt werden dürfe.

Weemärtifltt Erisla non Hansa SEettl. Das Landcs- t&eater Loburg veranstaltet neuerdings feine Aufführungen desRinges" alsFestvorstellungcn und riebt oierau pro­

minente auswärtige Künstler von Rui bei. So wurden zur Aufführung derWalküre" der Baoreutbfänger Goitbelf Pistor lSiegmund) und die Banreutü-Brünndilde JVrait Larsen-2odfcn, zu einer Siegfried-Ausführung neben Pistor Hanna Kerrl vom Kasseler Staalstheater als Brünnbilde verpflichtet. Die Kritik schrieb: ..Hanna Kerrl verfügt über einen Stimmumfang, der klangbeschwingte Tongebung von der tiefsten bis zur höchsten Stole der Partie frei gibt. Die Uebergänge der Register vollziehen sich lege arüs, 6. h. un- merklich. -Die Tiefe zeigt prachtvolle, sonor« und satte Fül­lung, in der Höhe wird.-je stimme verschwenderisch ent­saftet, tadellos gerundet und mit steghafter Kraft angefetzt. Die Aussprache läßt an Deutlichkett nichts zu wünschen übrig. Auch das Publikum war von der tief beseelten, menschlichen Atmosphäre, die von der ÄÜnftlertn ansging. von der Groß« und Leidenschaft dieses Singens ekstatisch hingerissen."

Aus Zeitschriften

Dentfch-s-rauchfifche Rundschau. Das Januarheft der bekannten Zeitschrift stellt eine Werbung für den deutfch- franzüstschen Gedanken dar. Der Marburger vrolestantilche Theologe Martin Rade und der Bttcho« von Berlin Schrei­ber fordern ihre Glaubensgenossen zur Äiiarbeit auf. Die­ser Appell reiht sich an die dringenden Wunsche und Mah­nungen von vier französischen Staatsmännern: Lucien La­moureux, Cssar Chabrun, Piere Cot und Ernest Pezet. Zu ihnen gesellen sich vier Geistesführer Frankreichs: Paul Ba- lSrv, Henri Lichtenberger, Daniel Rovs und Maurice Bou­cher. In die Praxis fuhren die Beiträge von Konsul S. Marx über ..Deutsch-franzö,ische Verkehrsgemeinichaft" und von Dr. W. Grotkovv überAusbau der deuiich-franzöfischen Handelsbeziehungen.

Der Hochwart. Das Januarheft bringt einen Aufsatz über Siedlung und Landschaft von Eugen Kalkschmidt. Qber- finanzrat Dr. Bang schreibt über den Gedanken derWerk- flemeutftbaTt", Generalarzt Dr. Buttersock überGesundung des Boltskörver»". Ltto Heufchele richtet einen Avvcll an die Universitäten wegen ihrer Verpflichtung gegen das le­bende Schrifttum der Zeit. Ein politischer BeitragDer Dolchstotz keine Legende' wird lebhafte Diskussionen ausloien. lieber neue Bücher berichtet regelmätzig Bönies Frhr. von Münchhausen. Im Anschluss an das Buch100 Autoren gegen Einstein" schreibt Dr. Lenore Kühn über den Bankrott der Relaiivitätslehre". Grotzes Jntereste verdient ein« ^atsachen-Erzäblung des Dichters Reinhard Goering über ein deutsches Siedlerschicksal (Heinrich Tolle).

,Der Höllenhuud"Der nah« Simmet". 5 Kron, bergromane. Verlag Otto Janke., Leipzig. Kart, te 8. Mk. _ Sie find grobe Mode geworden, die ..»ronbergiaden", ^runden der Langeweile zu vertrechen. AuchDer grotze Kimmel" ist keine schwer verdauliche oder nachdenkliche Bare, sondern er will ern moderner, sattrisch-heiierer Zeit­roman fein. Max Kronberg lätzt alles durcheinanderwir- beln, Polittk unserer Tage, Zazzkultur, Liebe und Schön- heitskonkurrenzen, amüsant, ohne ein Gramm ,.überflüssi­gen" Ernstes und doch hier und da zwischen den Zeilen niedliche Wahrheiten sagend.Der Höllenhund" schildert ebenso fluffig und bunt die Suche nach einem angeblichen Schatz auf einer Insel, so übermütig, daß in dieser Zeit der «orgen mancher eine Medizin daran finden mag. Er ver- svottet die Flucht in die Einsamkeit und lätzt alles hübsch pärchenweife enden, «östlich die eiiigeftreute "deschichre des mittelalterlichen Generals, dessen Irrungen die logenannten Modernen lustig nacherleben, _