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Oer Aachiragshaushalt für 1931

Verabschiedung durch den Reichstag oder Inkraftsetzung durch Notverordnung?

Berlin, 16. Januar.

Nach einer Meldung Berliner Blätter beginnen Anfang der kommenden Woche innerhalb des Reicks rats Vorbesprechungen über den von der Rcichsregie- rung unterbreiteten Rachiragshanshalt für das Rechnungsjahr 1S31. Der Nachtragshaus, halt wird alle die Maßnahmen berücksichtigen, zu denen die Neichsregicrung bis zum Oktober gegriffen hat, also insbesondere auch die Notverordnungen. Er wird die Rückgänge bei den Steuereinnahmen dekla­rieren und andererseits die Herabsetzung der Aus­gaben, wie sie durch die Stundung der Tributzahlun­gen, durch die Kürzung der Ueberweisungen an die Länder, durch die (Gehaltskürzungen und durch die übrigen Sparmaßnahmen sich ergeben hat. Insbeson­dere werden im Nachtragshaushalt auch dir 80 Mill. Mark erscheinen, die das Reich den Kommunen an­läßlich der gestiegenen Ausgaben für die Wohlfahrts­erwerbslosen weiterhin zur Verfügung gestellt hat. Diese Reichsbeihilfe für die Kommunen wird danach mit insgesamt 230 Mill, ausgewiesen.

Die Entscheidung darüber, ob der Nachtragshaus- valt für 1931 durch den Reichstag verabschiedet oder tm Wege einer Notverordnung in Kraft gesetzt werden soll, liegt noch beim Reichsfinanzminister bezw. dem Reichskabinetk, soll aber in kürzester Zeit getroffen werden.

Oer Lehrerabbau in Preußen

Berlin, 16. Januar.

Im Unterrichtsausschutz des preutzischen Landtags äußerten sich am Freitag Kultusminister Grimme, Innenminister Severing und für das Finanzministerium Staatssekretär Schleusener über den Lehrerabbau. Zur Beratung stand ein be­reits vor längerer Zeit vorgelegter Antrag König (Soz.) auf Einschränkung des geplanten Abbaus von 7000 Lehrerstellen. Kultusminister Grimme wies daraus bin, daß am 31. März d. I. etwa 2300 Lehrer in den Ruhestand treten. Dadurch könnte eine gleiche Anzahl von Junglehrern einrücken; außerdem könn­en die sonst notwendigen Versetzungen aus einem Bezirk in den anderen größtenteils unterbleiben

Innenminister Severing schilderte die große Härte für alle Betroffenen, die aber befonders durch die Rücksichtnahme aus die Wohlfahrts-Renten­empfänger herbeigeführt worden sei. Ein Entgegen­kommen gegenüber den Wünschen des Antrags König könne er mit Rücksicht auf die Lage der Gemeinden nicht in Aussicht stellen. In ähnlicher Weise äußerte sich Staatssekretär Schleusener.

Aus Antrag König iSozft wurde hierauf die Wei- terberatung dieser Angelegenheit vertagt, bis eine lieber sicht über die Auswirkung der neuesten Maß- ttahmen des Kultusministeriums möglich sei.

Oas Arbeitsprogramm -es Landtags

zusammentritt, wird vorgeschlagen werden, in der Mittwoch-Sitzung die Beratung der Polizeiverord­nungen über das Verbot nächtlicher Gelände-Uebun- gen und Märsche, das Verbot der Abgabe von Hieb- oder Stoßwaffen und über, den äußeren Schutz der Soun- uitd Feiertage zu erledigen, oder diese Verord­nungen in die Ausschußberatung zu verweisen. Weiter soll am Mittwoch zur Aussprache gestellt rocrocn der Bericht des Verfassungsausschusses über das Flaggen der öffentlichen Gebäude am Volkstrauertag, über das Durchgreifen der Polizei gegen unsittliche Darstellun­gen, über Anträge zum Vertrag mit der evangelischen Kirche, zu dem FilmIm Westen nichts Neues", zum Lohnabbau, zur Reichs-Neugliederung usw. Diese Debatte soll evtl, am Donnerstaa fortgesetzt werden, wo außerdem zur Beratung vorgeschlagen werden die Anträge und Anfragen, die zur zweiten preußischen Sparverordnung von den verschiedenen Fraktionen vorgelegt worden sind. Da gleichfalls für Donnerstag noch Anträge der Fraktionen zur vierten Reichs-Not­verordnung insbesondere über den Schutz des inneren Friedens usw. vorliegen, ist aufgrund der Reichs- und der preußischen Notverordnungen mit einer abermali­gen großen politischen Aussprache zu rech­nen. Die letzte Auskunft, die dem Landtag wegen des preußischen .Haushalts für 1932 vorlkegt, besagt, daß noch nicht feststehe, wann der Etat dem Staatsrat zu­gehen könne.

Oie preußischen Pensionslasten gestiegen!

Berlin, 16. Januar.

Der Rechnungsausschuß des Landtags be­faßte sich am Freitag mit den Rechnungen des Haus­halts für 1930. Der Berichterstatter Dr. Rose (DVP.) stellte fest, daß sich für das Haushaltsjahr 1930 eine Verringerung der Einnahmen um acht Prozent ergibt, währens die Ausgaben in der gleichen Berichts- zeit nur um ein Prozent zurückgegangen sind. Als befonders auftallend wurde das Steigen der Pensionslasten hervorgehoben. Diese Steige­rung könne nicht allein durch den Beamtenabbau und die Versorgungsbeträge an verdrängte Beamten er­klärt werden. Allein in der Justizverwaltung über­steigen die Personallasten den Voranschlag um 1,5 Millionen. Tie Zahl der Pensionsberechtigungen ist seit 1913 von 16573 ans 23915 gestiegen. Der Ausschuß beschloß, die Regierung um die Angabe von Gründen für die Erhöhung der Penflonslasten zu ersuchen.

Im Ausschuß wurde starke Kritik an den hohen Aufwendungen für die pädagogischen Akademien geübt. Ein Vertreter der Staatspar­tei rügte besonders die hohen Kosten bei den Akade­miebauten in Bonn. Völlig fertig sind die Akade­miebauten in Dortmund, Kiel und Elbing. In Han­nover, Altona, Frankfurt/O., Breslau stich die Aka­demien im Rohbau fertig. Für Erfurt, Kassel und Halle ist die Entscheidung über den Baubeginn noch nicht gefallen. Die vont Staatsministerium be­antragte Genehmigung der Haushaltsüberschreitung wurde abgelöhnt, da die Regierungsparteien nicht ausreichend vertreten waren.

Berlin, 16. Januar.

Wie bereits gemeldet, ivird der preußische Landtag in seiner ersten Plenarsitzung nach der Weilmachtspause, am kommenden Dienstag, eine Reihe von Ausschutzanträgen diskutieren und'verab­schieden. Dem Aeltestenrat, der vor Sitzungsbeginn

Neue Gefahren für den Drpipreis?

Berlin, 16. Januar.

Nachdem die am 22. Dezember mit dem Zentral- verband der Bäckerinnungen und den Brotfabriken vereinbarte Herabsetzung der Brotpreise jetzt im we­sentlichen im ganzen Reiche durchgeführt ist, macht sich neuerdings tm Bäckergewerbe eine starke Beunruhi­gung wegen des Steigens der Roggen­mehlpreise bemerkbar. Der Mehlpreis ist seit Anfang Januar um 1.65 Mk., feit der Vereinbarung mit dem Preiskommissar sogar um 2 Mk. gestiegen. Für das Berliner Brot macht das beispielsweise einen Betrag von 2 Psg. aus.

Diese Tatsache hat bereits zu einem Schritt des Zentralverbandes bei den zuständigen Stellen ge­führt, wobei darauf hingewiesen worden ist, daß an­gesichts der stark herabgesetzten Verdienstspanne das Bäckerhandwerk diesen Preisunterschied nicht selbst tragen könne und daß deshalb eine Browreiserhö- hung in bedrohliche Nähe gerückt sei. Der Reichskom-

missar Dr. Goerdeler hat daraufhin dem Zentralver­band telegraphisch mit geteilt, daß Verhandlungen zwi­schen dem Reichsernährungsministerium und dem Reichskommissar über die Frage des Mehlpreises stattfinden. Mit außerordentlichen Maßnahmen ist zunächst nicht zu rechnen, da zu erwarten ist, daß die Schwankungen sich von selbst wieder ausgleichen werden.

NSOAp. und Reichsreform

Besprechungen Hitters mit Getzler.

Afünchen, 16. Januar.

Am Donnerstagnachmittag hat in München zwi­schen dem früheren Reichswehrminister Dr. Getzler und Adolf Hitler eine zweistündige Unterhaltung stattgefunden, über deren Inhalt in der Presse zum Teil unrichtige Angaben gemacht und infolgedessen

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die I d e e n der deutschen und europäischen Geschichte, aufzuzeigen une für die Deutung der Gegenwart uttd für die Gestaltung der Zukunft fruchtbar zu machen.

Deutschland ist, wie Stegemann mit Recht sagt, das europäischste Land. Als Land der Mitte spürt es die Bewegungen des europäischen Raumes am itarfften, und heute trägt Deutschland die Hauptlast des Kampfes.Es ist die größte Krisis, die je über Deutschland als Hüter und Erfülle! Mit­teleuropas, über Europa als politisches Raum- ganzes und das europäische Staatensvstem als Ge­meinschaft wettstreitender Mächte gekommen ist." In dem neuen Europa, das nach Verdrängung der Uni- versalrdee in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden ist, war mit der Konsolidierung Deutsch- lands endlich im 19. Jahrhundert der Gedanke des europäischen Gleichgewichts, den Stege» ®wnn als einepolitische Grundforderung, die ihr Gesetz in sich selbst trägt", bezeichnet, verwirklicht Morden.Eine gleichmäßigere Verteilung der Be­wegung und ein gesteigertes Sicherheitsgefühl hatten Platz gegriffen. Durch oeu Versailler Vertrag hat Europa diese Segnungen der vorkriegszeitlichen Ent­wicklung wieder verlogen. Eine Ordnung ist geschas- fen worden, die alle Zeichen der Desorganisation in fidj trägt. Frankreich har aus seinem Sickerheitsbe- vsirfnis heraus, das Stegemann als ein Symptom der Ermüdung und des Nachlassens der nationalen Lebenskraft deutet, einen Frieden dnrchgedrückt, deralle Merkmale der Gewalt trägt. Einen Frieden, der die Macht einseitig zu seinen Gunsten verschob, der den europäischen Raum zer­sprengte und ba§ Gemeinschaftsgefühl der europäi­schen Völker tötete. In diesem Versailler Diktat wur­zelt die große Krise unserer Zeit, und mit Recht sieht auch ein so unbefangener und ehrlicher Beobachter wie der Schöpfer dieses BuchesDeutschland und Europa in den Tributen, die um mit seinen Wor­ten zu reden die Rüstungen speisen, die Unsicher­heit erhöhen und den natürlichen Kreislaus der Welt­wirtschaft stören, einen Beweis für die Unhaltbarkeit eines Vertrages,feer jeder politischen Einsicht und jeder wirtschaftlichen Vernunft spottet.

*

Der Rat, den Stegemann den deutschen Politikern erteilt, ist inzwischen in die Wirklichkeit umgesetzt worden. Deutschland will Schluß machen mit den Reparationen, es fordert die endgültige Bereinigung dieser Frage:Das ist Dienst am deutschen Volk, an Europa und an der ganzen von Aengsten geschüttel­ten Welt ...Europa hat nur noch Zeit zu verlieren, aber keine mehr zu gewinnen . . . Die kommunistische Weltrevolution, die in der russi­schen Steppe brütet, kann nur dann hoffen, Weltgel­tung zu erlangen, wenn die Verelendung Mitteleuro­pas so weit gediehen ist, daß der Kommunismus dort keinem Widersta,«, mehr begegnet, weil es nichts mehr zu verteidigen gibt. Ist diese Gefahr geringer als der Aufbruch der deutschen Nation zu neuer Ziel­setzung und ihre Forderung nach Gleichberechtigung, nach Abweisung der alle Welt schädigenden Ueber- verpftichtungcn und nach geschlossenen Grenzen?

Um diese Fragen geht es in Lausanite, um ihre Losung wird in Genf gerungen. Wird ihre Bedeit- tung erkannt, wird endlich der Schwamnt genommen werden, um veraltete und ungerechte Rechnungen von der Tascl sortzuivischen? Wir haben in den Jahren der Enttauichung gelernt, skeptisch zu sein, aber wir feurren uns von den Dingen nicht zur Mutlosigkeit und -zur tsrtbjtaujgabe zwingen lassen. - Hermann stegemauns Buch, das man in recht vielen deutschen Hanven sehen möchte, lehrt uns in die Geschichte ?«ne2n3U^en', es zeigt Analogien zwischen dem Einst und dem Heute auf, es läßt erkennen, daß kein Dpjer umsonst gebracht wird, und daß selbst das Böse doch Rückwirkungen Hat, feie den Uebeltätern unbe­quem |tn».

Und über diesem Buch steht ein Bekenntnis, ein Bekenntnis, das herausgewachsen ist aus der Betrach- tung ton Zwei Jahrtausenden europäischer Geschichte, ^das ,tch auf feie UÜberzeugung stützt, daß das deutsche Volk nicht von seinen Wurzeln gerissen wird, mag der Zerfall und die Entmächtigung des Deutschtums

noch so tief greifen. Es lautet knapp und klar: Mit Deutschland steigt und fällt Eu­ropa! Unsere Sache aber ist es, diesen Glauben, den der Deutsch-Schweizer Hermann Stegemann*) bcrfünöet, in uns lebendig werden zu lassen und ihn durch Zusammenfassung aller unserer Kräfte für feie bevorstehenden entscheidenden Auseinandersetzun­gen wirksam zu machen.

*l?ei£aR -.Deutschlanö und Europa ist

(üt ^«ine?EgM°MaI°rtasS-Änstalt, Stuttgart, erschienen

Sonnabend, 16 /Svnntag, 17. Januar IM

auch falsche Folgerungen gezogen worden sind. So berichtet dieSchlesische Zeitung, daß die Aussprache der Erörterung der Reichspräsidentenfrage gedient habe, in Wirtlichkeit diente sie aber einer erstmaligen Besprechung zwischen dem Führer der National­sozialistischen Partei und Dr. Geßler als dem Vor­sitzenden des Bundes zur Erneuerung des Reiches über die Frage der R e i ch s r e f o r m und einer Er­kundung der Stellungnahme der Nationalsozialisten hierzu. Die Zusammenkunft war schon seit längerer Zeit borbereitet und bi# Verhandlungen darüber lie­gen lännft vor dem Zeitpunkt, in dem vom Reichs­kanzler die Frage der Reichspräsidentenwahl ange­schnitten wurde.

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Aus Anlaß des Hitker-Stcnnes-Pros z e s s e s weilt der nationalsozialistische Parteiführer beute wieder in Berlin. Hitler wird bei dieser Ge­legenheit dem Reichskanzler die neulich angekündigte Denkschrift übermitteln, die feine verfassungs­politischen und sonstigen Gründe für die Ablehnung einer parlamentarischen Vcrlängertmg der Amtszeit des Reichspräsidenten enthält. Die Ueberreichung die­ses Schriftstücks, das vermutlich auch veröffentlicht werden soll, wird wieder durch Hauptmann Göring erfolgen. Direkte Besprechungen zwischen Hitler und den amtlichen Stellen sind bisher nicht vorgesehen.

Wie dieD. A. Z. von gut unterrichteter natio­nalsozialistischer Seite erfährt, ist die zweite Rede Fricks mit der Ankündigung einer Sonderkandidatur von der Parteileitung nicht gebilligt worden. Im übrigen bestätigt sich, daß vor der Hand, wie wir schon meldeten, keine neuen Verhandlungen oder sonstige Aktwnen in der Frage der Reichspräsidenten­neuwahl erfolgen werden.

Oer entschei-en-e Gtörungsfaktor

Der Reichsverband der Industrie Mr Reparationsfrage.

Berlin, 16. Januar.

Das Präsidium des R e ich s v e r b a n de s der Deutschen Jnfeustrie beschäftigte sich in seiner Sitzung am Donnerstag unter dem Vorsitz Dr. Krupp von Bohlen uns Halbach mit der neuesten Entwick­lung feer Reparationsfrage. Auch der Reichs- verband der Deutschen Industrie ist der Auffassung, daß Deutschlands Lage ihm feie Fortsetzung politischer Zahlungen unmöglich macht. Für feie Weltwirtschaft ist ein freier Warenaustausch eine unerläßliche Vor­aussetzung. Dieser freie Warenaustausch wird aber durch feie Reparationen verhindert, weil durch sie das Schuldnerland zu einer Ausfuhrsteigerung gezwun­gen wird, gegen feie sich die empfangenden Lander mit allen dettkbaren Mitteln zur Wchr setzen. Eine Wie- bergefunbung der Weltwirtschaft ist auf fernem ande­ren Wege zu erreichen als durch die endgültige Be­seitigung feer Reparationen als des entscheioenfeer» Störungsfattors.

Telegrammwechsel Brüning-Äriand

Paris, 16. Januar.

Reichskanzler Dr. Brüning hat Briand zu seinem Ausscheiden aus dem Autzenministerium em Tele­gramm gefanbt, in dem er der Zusammenarbeit wäh­rend des letzten Jahres gedachte und die beste« Wünsche für die vollkommene Wiederherstellung der Arbeitskraft Briands übermittelte.

Briand erwiderte die Wünsche des Retchskanzlers in einem freundlich gehaltenen Antworttelegramm.

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Paris, 16. Januar. Die Agentur Havas glaubt zu wissen, daß Briand wahrscheinlich heute Paris ver­lassen und sich auf seinen Landsitz Eocherel zurück- ziehen wird.

ein Anschlag auf den österreichischen Innenminister geplant? Ans Anzeige eines Nationalsozialisten wur­den am Freitag in Graz zwei Hoimwehrleute verhaf­tet, feie im Verdacht stehen, einen Anschlag auf feen österreichischen Innenminister Winkler borbereitet zu haben. Es konnte noch nicht geklärt weifeen, ob der Bewacht -begründet ist. Der steherische Heimatschutz erklärt seinerseits, daß es sich bei der Angelegenheit um keinen ernst zu nehmenden Vorfall handele.

Auch 1932 keine VolkszMung? Die bereits für 1930 fällige und immer wieder verschobene Volkszäh­lung soll entgegen feen ursprünglichen Absichten nach einer Mitteiluitg des Reickswirtschaftsministeriums auch für 1932 Wegfällen. Der Reicksstäfetobund hat daraufhin bei den zuständigen Behörden nochmals beantragt, die Volkszählung 1932 unbedingt vorzu­nehmen. Infolge der wirtschaftlichen, beruflichen und sozialen Umschichtung seien die Ergebnisse feer Volks­zählung für 1925 unrichtig geworden und daher für die Verwaltungspraxis nicht mehr verwendbar.

Otto Zarek;

das gibt es noch!"

Glück

Photographien der Eltern, der Geschwister, Photogra­phien auf der Zeit des Glanzes, der Macht zierten ste. Er streichelte sie mit seinem Blick. Es war Zeit, von .ihnen Abschied zu nehmen. Er war stellungslos; der Wirt duldete ihn nicht länger. Zwei Tage Schonzeit noch. Dann---

War der Brief für ihn? Er las die Firma des Absenders: .Dr. Henri Duterme. Advokal. Das war nicht der Anwalt, dessen Mappe er gesunden und ab­gegeben hatte, und aus den er nun alle Hoffnung setzte, die letzte Hoffnung. Das war nicht Bandeau, der ihm schrieb, Dulerme? Wer ist das? Er riß das Kicken auf. Maitre Duterme bat den Chauffeur Nedludow, am Freitag um vier Uhr in seinem Büro zu erscheinen. Nichts sonst.

Seltfamertoeifc wurde er sofort vorgelassen. Ned­ludow trug den alten Gehrock, das letzte Stück, das nicht auf dem Versatzamt war. Er leistete es sich, im Knopfloch feie Rosette der Ehrenlegion zu tragen. Daraus stürzte sich der würdige Maitre Duterme so-

Teutscher, bet du die bittere Gegenwart leidest, der du geschlagen, bedrückt und verachtet bist unter den Völkern, der du die wehrlosen Hände rachsüchtigen Feinden Hinhalten muß; Deutscher, dem Wohlstand und Wohlfahrt zerbrachen, dem aus Gewinn und Ge­nuß hoffärtiger Tage Armut und Aergernis, Not und Verzweiflung kamen;

Deutscher, den mehr als die Rachsucht der Feinde und mehr als die Not die Leichtfertigkeit -schreckte, darin er fein Volk am Rand der Verkommenheit tan­zen und Niedertracht über die Guten Gewalt haben

D-eutscher, bedenke die Herkunft! Bedenke, daß deine Gegenwart gefüllt mit dem Schicksal all deiner Ver­gangenheit ist!

Deutscher, laß ab von der Klage! Denn sieh«, was dir geschah, geschieht deinen Vatern: deine Vater sind gegenwärtig in dir, weil dein Schicksal die Waag« des Gute» und Bösen aus ihrer Vergangenheit ist.

Oeuischer, -er Du -ie bittere Gegenwart leidest

Bon Wilhelm Schäfer.

Deutscher, sei ehrfürchtig deinen Großen; ob sie ihr Werk nur mühsam vermochten gegen dein träges, törichtes Herz, ob sie hinrauschten wie Adler oder mit gläubiger Einfalt durch deine taube Genügsamkeit gingen: alle sind deine Väter, und alle sind gegenwär­tig in dir!

Deutscher, sei deiner Vergangenheit trächtig, wie der Mittag von seinem Morgen gefüllt ist: Tracht und Trotz all ihrer Männer, Tat und Gedanken all ihres Schicksals bist du!

Deutscher, sei deiner Gegenwart tapfer, weil du der Erbhalter bist größerer Dinge, als die an dem Tag hängen: Gutes und Böses will werden, wie Unkraut und Saat wird, und der Acker bist du!

Deutscher, fei gläubig der Zukunft, der du die bit­tere Gegenwart leidest: Kinder und Kindeskinder, und alles, was über sie kommt. Stärke und Schwäche, Demut und Stolz, Hoffart und Kleinmut, alles, was einmal deutscher LebenStag wird, alles bist dul

fort. »Im Krieg erhalten?, fragte er. Der Chauf­feur antwortet«: .Rein, tm Frieden. -- ^err Ned­ludow, Sie üben den Beruf eines Ehaufseurs ans? ^Ja, ich bin Emigrant, en segnete der Russe. Der Advokat beeilte sich zu sagen: »Ich weiß, ich weiß Da ist eine kleine Sache, in der Ste mir dienen können. Sie haben mein Freund Bandeau erzählte es mir trotz Ihrer Lage Geschenke abge« lehnt. Aber eine Provision werden Sie nicht ver­schmähen?Stein. Geschäft ist Geschäft. Wenn ich etwas für Sie leisten kann ?Sie können viel­leicht. Ich suche feit fünfzehn Jahren einen Ned­ludow einen Fürsten Nedludow, der mir Geld Geld schuldet. Nicht eben viel. Es sind hier liegt der Mt 37000 Francs, und die Zinsen feit 1914. Nicht viel, aber die Zeiten sind schwer, man muß di« Chancen ergreifen. Dieser Fürst Nedludow soll bei Straßenkämpsen in Charkow gefallen fein. Wissen Sie etwas? Sie tragen denseicken Namen. Der Chauffeur erhob sich, ftraffte sich, verbeugte sich leicht: .Ich bin Alexander Fürst Nedludow aus Charkow. Ich bin heute ein Bettler. Aber ich habe nie SchlKden gemacht! Er zitterte. Seine Hand krampfte sich zusammen. Aber der Advokat lächelte vergnügt. Fürst Nedludow sind Sie? M>er Sie kennen mich nicht? Maitre Duterme? Der Chauffeur denkt nach; bann: .Nein! Duterme lächelt wieder: .Sie

In dem kleinen Restaurant Pinot treffen sich die Pariser Advokaten. Bandeau kommt spät. Er stürzt auf seinen Freund Duterme zu: .Ich habe ste wieder, Henri! Die Mappe, die Papiere alles! Sogar die Hundertfrancsnoten Waren noch da! Henri Du­terme, der berühmte Zivilanwalt, lacht: »Es gibt noch ehrliche Menschen? Man lernt nie aus. Wer war der Schafskopf? Bandeau kommt in Feuer: er schwört, alle Pariser feien ehrlich. Die Taxickauffeure ganz besonders; er habe nie gezweifelt, daß er alles wiederbekommen würde.Was schenkst Du dem Trot­tel? fragt Duterme. .Das ist es ja gerade, ent­gegnete Bandeau erregt, .ich schickte sofort meinen Bürovorsteher zu dem ehrlichen Chauffeur mit zweihundert Francs. Weißt Du, was der Alte tat? Er lehnte das Geld ab, dafür schrieb er mit einen kuriosen Brief lies ihn, er ist es wert.Ein schlechtes Französisch, brummte er und wendete das Blatt. .Aha. ein Russe, stellte er verächtlich fest. »Ja, ein Russe, bestätigte Bandeau, Radieschen kauend. Henri las:

.Verehrter Herr! Ehdlickckeit belohnen, heißt: ihren Sinn verneinen. Ich habe Ihnen nicht das Recht gegeben, mich zu beleidigen Wollte ich von Geschenken leben, ich könnte es jederzeit. Ich lebe von der Arbeit. Uebrigens nur noch drei Tage. Ich werde abgebaut. Wenn Sie einen wissen, der einen Chauffeur braucht, so denken Sie an mich. Das ist alles. Begeben! Alerander Nedludow.

Duterme lachte. »Sehr vornehm und sehr ge­rissen Vielleicht kaufst Du dir ihm zuliebe ein Auw, mein Junge? .Würde ich tun, rief Bandeau, »und dann nehme ich diesen Nedludow er siebt aus wie ein Fürst der in Bettlerkleiduirg durch die Straßen pilgert. .Nedludow? fegt der be­rühmte Tuierme plötzlich nachdeicklich. .Donner­wetter, Nedludow? Der Name erinnert mich an... Ich habe doch... Bei Gott, ich muß nachsehen! Ein Nedludow ist mir seit Jahren Geld schuldig. einige Taufende nicht weniger Ich muß mir die Akten geben lassen. Bandeau lacht laut: .Du. der ent­lassene Chamrseur hat eine prachtvolle Uhr aus dem Magazin koste» mindestens zehn Francs. Pfände sie hm doch, hoch! Er wieherte. Duterme fchien .Höfe geworden, als er ging.---

Alexander Mchailowitsch Nedludow liebkoste die Wände seines kleinen Zimmers in der Stete Boucher.

werden mir die 37 Taufend bezahlen, lieber Fürst Nedludow! In die Panse hinein füllt ein Laut wie ein unterdrückter Schrei. Nedludow ist erblaßt, das Gesicht des Fünfzigers blutleer. .Fch habe niemals Schulden..., stammelt er wieder. Der Advokat fragt wie bei einem Verhör: .Sie kannten Herrn von Dc- genstedt?Aus Helsingfors? Natürlich! Er war mein Verwalter. Ich befaß, müssen Sie wissen, Grund und Boden in den Provinzen des Reiches. Was wollen Sie von dem lieben Degenstsdt? Er war die Ehrlichkeit selbst. Hatte er Generalvollmacht, in Ihrem Namen Verträge zu schließen? .Natür­lich. .Nun, Degenstedt kaufte am 3. März des un­seligen Jahres 1914 für Sie ein Stück Land am Meer. Hier sind die Papiere. Ich habe in feinem Antrag die Verwaltung übernommen, als er plötzlich zum Generalstab einberufen wurde. Nun schulden Sie mir das vereinbarte Honorar 37000. Ich fahndete schon lange nach Ihren Erden, fügte et eifrig hinzu, .und wäre nächstes Jahr zur Erekution gef<5ritten. Man braucht fein Geld.Ich habe Land hier? brachte der Chauffeur hervor.Ich werde es verkaufen urtfe Sie befriedigen.Das ist nicht nötig Das Stück Land, das Ihnen gehörte, liegt am Golf Juan es war 1914 eine unbekannte Gegend. Ich hatte den Mut, dort ein Gasthaus yt errichten nach dem Krieg machten wir ein Luxus­hotel. Ihr Degenstedt gab mir jede Vollmacht ich benutzte sie rationell. Oder hätten Sie vorgezogen, dort im Park fDatieren zu gehen?

Nedludow glaubte nicht, daß dies Wahrheit sei. Aber Akten lügen nicht. .Ja, Degenstedt kaufte blind drauflos für mich, lachte er plötzlich. .Was ist der Besitz jetzt wert?

.Schwer zu fchätzen, entgegnete Maitre Duterme vorsichtig.Drei Millionen oder vier.

Ter Advtckat wurde glänzend honoriert. Der Chauffeur Nedludow in feine Rechte eingesetzt Ms er mir im Parke seines Hotels in Juan les-Pins die Geschichte erzählte, fügte er hinzu: .Man ist immer int Loben auf das Unglück vorbereitet, lieber Freund. Man hält es nickt für möglich, daß cs auch anders kommen kann. Wer das Glück das gibt es noch! Doch wer glaubt daran?

Im Warenhaus

irrt ein öfterer Herr umher und scheint irgend je­mand zu suchen. Der Empfangschef nähert sich ihm:

.Sie wünschen, mein Herr?

»Ich habe meine Frau verloren!

.Bitte, dritter Stock, rechts hinten: Ahttetuna für DrauersachenI