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Ttr 5 / Ztvemnd»wanzigster Jahrgang

Kasseler Neueste HachrichSe«

Montag, 11.2 otmar 1932 , 2. Beilage

'ÄX.

änderbare Rettung

der Bergleute von Beuchen

Sieben Verschüttete nach 144 Stunden lebend geborgen

Beuchen. 11. Januar.

Das Obcrbergam, Breslau teilt mit: Die Rct- tungsarbeiten auf der Karsten Zentrum Grube haben den hoch erfreulicl>cn Erfolg gehabt, daß von den durch einen Gcbirgsschlag verschütteten 14 Bergleuten nod) sechs Tagen sieben Leute lebend geborgen wor­den sind. Die Geretteten sind verhältnismäßig wohl­auf, wenn auch zum Teil recht schwach. Nur zwei vo ihnen sind äußerlich verletzt.

Das Schicksal der übrigen Verschütteten ist noch ungewiß, doch ist mit dem Tode der meisten zu rech­nen. Die Bergungsarbeiten sind äußerst schwierig. Sic konnten den erreichten schönen Erfolg nur habcm weil alle Leute unter Nichtachtung ihres Lebens ihr Acußerstcs getan haben, um zu ihren verschütteten Kameraden vorzudringen. Die Bergungsarbeiten gehen mit aller Kraft weiter.

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Als sich Sonntag nachmittag kur, nach Itz Uhr in Beuthen wie ein Lauffeuer das Gerücht verbreitete, daß die am vergangenen Montag Verschütteten noch am Leben seien, setzte sofort

eine wahre Völkerwanderung nach der etwas außerhalb des Stadtgebietes liegenden Grube mit allen möglichen Fahrzeugen ein.

Auch vor dem Knappschaftslazarctt sammelten sich große Menschenmengen an, um Näheres über dieses Gerücht zu erfahren. Wenige Minuten später sam­melten sich auch sämtliche Sanitätswachen der Stadt vor den Toren der Grube, um die Aufgefundencn so schnell wie möglich den Lazaretten zuzuführen. Als jedoch bekannt wordc, daß die Bergungsarbeiten noch einige Zeit in Anspruch nehnien würden, fuhren die Wagen zunächst wieder in die Stadt zurück. Der Be­völkerung hat sich nach der Bestätigung der Nachricht über die Aufnahme der Verbindung mit sieben der Verschütteten eine begreifliche Erregung bemächtigt. Diese Wendung der Dinge bildet das allgemeine Ge­sprächsthema. Auch im übrigen Obcrschlesicn hat die

sofort weitergeleitete Nachricht Erstaunen und Freude ausgelöst.

Was die Geretteten erzählen

lieber den Hergang der Rettung der sieben auf Karsten-Zentrum von den 14 eingeschlossenen Berg­leuten erfährt das Wolsfsche Telegraphenbüro u. a. folgendes: Sonntag nachmittag gegen 3 Uhr kam der Bohrer der Rettungsmannschaften plötzlich in einen leeren Raum. Diese Tatsache wirkte auf die Mann­schaft wie ein elektrischer Schlag, denn sie bedeutete, daß die Strecke dahinter nicht zerbrochen war. Das entstandene Bohrloch wurde mit größter Vorsicht er­weitert, und man hörte alsbald auch Klopfzeichen, die sofort erwidert wurden. Als die Oesfnung groß ge­nug war, wurde in sic hineingeleuchtet.

Zu aller Erstaunen und zur freudigen Uebcr- raschung sah man fünf Bergleute eng ancin- andergekauert sitzen.

Der Held der Eingeschlosscncn ist del 3» Jahre alte Rohrleger Slama, dessen Humor und Energie die Kameraden vor dem Acutzcrsten bewahrt hat und der immer wieder aufmunterte.

Wie die Geretteten erzählen, haben sie von Broi- restcn gelebt und ihren Durst gestillt, indem sie das sich an' dem Kalipreßluftrohr infolge der Untertagc- hitzc bildende Schweißwasscr der Reihe nach ablcckten. Wie sic weiter erzählen, sind sic bei dem Gebirgs­schlag zunächst verstreut worden. Einer hat dann immer nach dem anderen gesucht, bis sie endlich zu sieben beisammen waren. In den ersten fünf Stunden waren sie ohne Licht. Dann fanden sie durch einen glücklichen Umstand Streichhölzer und noch etwas Karbid, das sie mit äußerster Sparsamkeit benutzten. Sic wußten ganz genau, daß heute Sonntag war.

Das erste,' was die Geretteten verlangten, waren Zigaretten. Gleichfalls verlangtes Getränk wurde nur nach ärztlicher Anordnung mit größter Vorsicht und schluckweise verabreicht.

Von einer 100 Meter langen Strecke sind nach den bisherigen Feststellungen durch den Gebirgsschlag etwa 60 Meter zu Bruch gegangen. Die zu den Ge­retteten vorgetricbenc Stoßstreckc durch die Kohle war nur 1,50 Meter hoch und 1 Meter breit. Von den anderen Verschütteten können die Geretteten nichts sagen, da sic von diesen keine Lebenszeichen bemerkt haben.

Oer Brandstifter von Wecken

Ein 49-Jähriger, der 20 Großfeuer anlegte

Cottbus, 11. Januar.

Im Landkreis Cottbus wurde in dem kleinen wen­dischen Dorfe Werben beim Brande eines Hofes ein lttjähriger, völlig verwahrloster Bursche verhaftet, dir bei seiner Mutter im Dorfe wohnte. Nach mehrstün­diger Vernehmung gab der neunzehnjährige zwanzig Großfeuer zu, die er seit fcüian 15. Jahre im Land­kreise Cottbus angelegt hatte.

Die endliche Aufdeckung der großen Brandserien, die seit Jahren einen bestimmten Teil des Landkrei­ses Cottbus beunruhigen, ist auf einen Zufall zurück- zufnhren. Vor wenigen Nächten ging wieder ein Hof in Flammen auf. Die freiwilligen Feuerwehr­leute hatten in dem völlig vergualmtcn Wohnhaus einen besonders schweren Stand. Wie schon in frü­heren Fällen halb bei der Bergung bfskps chckch rich Neumann bei der Bergung des Mobiliars. Un­ermüdlich drang er in die verqualmten Stuben vor, um Betten und Kisten insFreie zu schleppen. Dabei fiel einem Feuerwehrmann der starre und seltsame Blick des Helfers auf, wenn er für Augenblicke in die züngelnden Flammen sah. Ein jäher Verdacht gegen den 19-Jährigen wurde rege. Die Indizien stimm­ten gut dazu. Immer war Neumann bei Bränden einer der Ersten an der Brandstelle gewesen. Er war ein Tunichtgut, der hcrumlungertc, mit Leidenschaft Karten spielte und übel beleumundet war. Der Feuer­wehrmann teilte dem Oberlandjägcr seine Beobach­tungen mit. Auch dieser faßte sofort Argwohn. Er

zog oen Burschen zur Seile und sagte ibm auf den Kopf die Brandstiftung zu. Neumann wurde verle­gen. Er stotterte und plötzlich fielen ihm Streich­hölzer aus der Hans, die er heimlich beiseite werfen wollte. Aber alles Leugne» half jetzt nichts.mehr. Nach einem mehrstündigen Verhör brach der 19 Jäh rige zusammen. Sein Geständnis war überraschens genug. Der 19-Jährige hatte während der letzten vier Jahre nickt weniger als 20 Brände angelegt. Er war der Schrecken des ganzen Kreises, ohne daß ein Verdacht auf ihn fiel.

Die Lebensgeschickte des sofort Verhafteten ist frei­lich traurig genug. Der Vater im Kriege gefallen, die Mutter nur nm die beiden Töchter bemüht und ohne das geringste Interesse fikr den schwierigen und im­mer etwas seltsamen Burschen. In der Wohnung Friedrich Reumanns stand nur ein einziges, unsag­bar schmutziges und verwahrlostes Bett. Er selbst trieb sich meist im Freien umher, ging in die Nach- bardörscr tanzen oder Kartenspielen. Freunde hatte er nickt. Bei vcr Vernehmung gestand der etwas dummschlaue Bursche die Feuermanie, die ihn seit sei­ner Jugend verfolgte. Er hatte eine blinde Lust am Flackern der Flammen, der er immer wieder erlag. Die Bevölkerung des Ortes wollte, als sie von dem Geständnis erfuhr, den Burschen lvnchen. Die Land­jäger «nutzten ihn mit Gewalt schützen. Zerrissen, schmutzverklebt und wie geistesabwesend ließ sich der Brandstifter in das Amtsgerichtsgefängnis von Cott­bus überführen.

Oer Einsturz des Pumpwerkes im Orenburger Moorland

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Die durch llebcrfchwcmmung hcrbeigeführte Zerstörung des Wasserschntzcs Holtgast im oldenbur- gisckten Moorland hat schwere Verheerungen zur Folge gehabt, deren Umfang sich noch nicht über­sehen läßt. Oben: Die Durchbruchstelle am Norddeich bei Augustfehn, die eine Breite von mehr als 20 Meer auswcist. Unten links: Tic Ueberrestc des von den Fluten unterspülten Wasscrpumpwcrkcs Holtgast ragen nur noch wenig aus der Wasserwüste hervor. Rechts unten: Der 8 Meter hohe Turm des Pumpwerkes, der sich schön bedenklich geneigt bat, wenige Minuten vor dem Einsturz.

Kleine Chronik

Die Staatsanwaltschaft in Hagen (Westfalen) hat ein umfangreiches Verfahren gegen zwei Beamte des Polizeipräsidiums in Hagen wegen Betruges und schwerer Urkundenfälschung eingeleitet. Die beiden verhafteten Beamten waren im polizeilichen Beschaf- fungswcsen tätig. Sie sollen in ihre eigene Tasche gewirtschaftet und mit bestimmten Lieferanten unter einer Decke gesteckt haben. Rach der bisherigen Unter­suchung steht fest, daß Futtermittel int Werte von mehr als 30 000 Mark fehlen.

Die Stadt Osnabrück veranstaltet im berühmten Fricdenssaale des Rathauses eine AusstellungDer westfälische Friede von 1648 in Osnabrück", die am 17. Januar eröffnet und zwei bis drei Wochen dauern wird. Tic kulturhistorisch wertvolle Ausstellung um­faßt Dokumente und Erinnerrmgssiücke an die Frie- densverHandlungen von 16431648, Gemälde, Kar­ten, Stiche und Bücher, kunstgewerbliche Gegenstände und dergleichen. Im Mittelpunkte der Ausstellung steht der Original-Friedensvertrag von 1648 mit den Unterschriften und Siegeln der einzelnen Gesandten. Das wertvolle Dokument wurde vom Geheimen Hos- unb Staatsarchiv in Wien leihweise zur Verfügung gestellt.

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Die Fischdampfer-Reedereien von Bremerhaven und Wefermünde haben sich entschlossen, die bisher durch einen Beschluß vom vergangenen Herbst stillge- legten 25 Prozent der deutschen Fischdampferflotte wieder in Dienst zu stellen. Die Indienststellung soll bis zum 15. Januar erfolgen.

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Bei Erdarbeiten in Roupv bei Reims sind die Skelette von vier im Jahre 1918 gefallenen deutschen Soldaten gefunden worden. Die Erkennungsmarken waren nicht mehr zu lesen.

Außer den sonstigen Einschränkungen, die der dies­jährige Fasching in München erfährt, sollen auch keine Künstlerfeste abgehalten werden. Der Jniereffenver- band der Münchener Künstlerschaft begründet diesen Beschluß zum Teil mit den hohen Lustbarkeitssteuern, die die Stadt verlangt.

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Der Verband deutsch-österreichischer Mittelschullch- rer, der im vergangenen Jahre mit etwa 600 Teilneh­mern, darunter über 500 Schülern und Schülerinnen, eine DeutschlandreiseBon der Donau zum Rhein" unternahm, veranstaltet auch in diesem Jahre eine große Deutschlandfahrt. Die Fahrt, die vom 3. bis 24. Juli stattfinden soll, führt zunächst nach Weimar zu einer Goethe-Huldigung der österreichischen Jugend und ihrer Lehrerschaft. Rach einem fünftägigen Aufenthalt in Weimar ist die Werterfahrt Über Eisenach nach Bremen und Helgoland vorgesehen.

Rach einer Statistik des Internationalen Arbeits­amtes, die einen Ueberblick über die Lebenshaltung einer durchschnittlichen Familie von vierzehn euro­päischen Städten gibt, stellt sich Stockholm als die teuerste Stadt Europas dar. 9ln zweiter Stelle folgt Berlin, bann Frankfurt, Kopenhagen, Cork und Paris. In ber Zusammenstellung der Lebensrnittel-, Kleibungs- und Wohnungspreise, sowie ber Kosten für Bildung und Unterhaltung werden als billigste Städte Europas Barcelona, Antwerpen, Jstambul, und Warfchau angegeben.

Der Leningrader Stadtverwaltung ist von Künst­lern ein Vorschlag unterbreitet worden, in den Haupt­straßen ber Stadt die Mauern mit Freskeninalcreien zu schmücken. Nach dem Muster aliägyplischer Fres- kendarstellungen sollen hervorragende Gebäude durch Darstellungen des zeitgenössischen russischen Lebens geschmückt werden.

Georg Güntsche:

Erster Tag

n.)

Ich feiere meine glücktick>e Ankunft in Aegvpten am Abend mit einem Glase Münchener in der Bier- hallenstratze, der Rue de lÄneienne Bourse. Es ist gut und die Aufmachung «es Bierpalastes echt deutsch, obgleich erSt. James' Bar" heißt und die Straße, wie alle des Geschäftsviertels, französischen Warnen trägt. Was eigentlich schon genügen« das kosmopoli­tische Gepräge dieser großen Hafenstadt charakterisiert, wo jedermann, der nur ein wenig mitredeu und auch verstanden sein will, für gewöhnlich drei Sprachen beherrschen muß: französisch, englisch uno arabisch, in erster Linie französisch, denn Alexandria ist eine französische Stadt, wie wioderu«« Cairo eine englische ist. Neben jenen drei Sprachen, den Hauptsprachen des Landes, wird noch viel griechisch, italienisch und auch türkisch, in steigendem Matze deutsch gesprochen, um, es gibt nicht selten unter Europäern, aber auch unter Einheimischen, Leute, die fünf und mehr Spra­chen reden.

Aegypten ist das gegebene Land der Sprachgenies und beim Abendessen in der Pension schwirren bei­nahe sämtliche Sprachen Europas durcheinander, wo­zu noch der Besitzer mit den bedienenden beiden Nu­biern groß, todernst, in weiße Gewänder mit ro­ter Leibschärpc gekleidet, so die richtigen Priester der mit internationaler Inbrunst gepflegten Etzlust und -kunst arabisch spricht. Geht es währeiD dessel­ben ziemlich steif zu, so ist es danach um so luftiger, denn kaum haben die dreiDeutschen", mit denen ich zusammen saß, (ein Hamburger, ein Schweizer und ein Tschechoslowake) heraus, daß ich Klavier spiele, muß ich 'ran.Es war einmal ein treuer Husar . . ." und 2 Sekunden später sind Tische und Stühle bei­seite gerückt und die einzige Dame eine Französin möchte sich den Tanzförderungen gegenüber am liebsten zerteilen. Danach deutsche Märsche, deutsche Vc.kslieder ... Es zieht ein wenig von Norden her..."

Ich sehe so vielerlei Neues: weißgekleibete Schutz­leute mit weißleinenem Kopf- und Nackenfchutz über Dem roten Tarbusch, die stift aller 200 Schritte stehen «mb beim Verkehrsstoppen an den Straßenkreuzungen

*i LMutz aus der Sountagsausgab«.

in Aegypten

immer kleine Uebungsmärsche tun, wenn sie sich der heranfluteniden Braiusitng als persönliche Schranke entgegenftemanen; Moscheen mit Gebetstürmen, deren zugehöriger Muezzin immer gerade bann nicht zu sehen ist, wenn ich ihn knipsen will; unverschleierte Koptinnen, die mit den schwarzen und schwarzgetusch­ten Samtaugen aufregend blicken, aber von nichts wissen wollen, sobald man ber Sache auf den Grund gehen will; schulen, in denen 50 bis 60 Knirpse, na­türlich rot betorbuschr, wie die Sardinen zusammen- gepackt, unter der Fuchtel des weißgekleideten Alim in einem Raume von 10 Quadratmeter arabisches Wissen lernen. Indessen wäre es falsch, einen zu ge­ringen Maßstab an ägyptisches Schulwesen zu legen.

Da ist zum Beispiel die Ras el-Tin-Schule, mit weitem, schattigen Hof und luftigen Räumen, durch­aus den unseren gleichend eingerichtet, die einem modernen englischen College ähnelt, ganz in der Nähe des Räs el-Tin-Palastes des Königs, einem von Italie­nern renovierten, einem Stadtviertel an Größe gleich- kommenden Bau. Der Direktor A.M. Khairy ist ein Mann von Welt und spricht geläufig englisch, erklärt mir liebenswürdig die Zchuleinrichtungen uns folgt mir bann bereitwillig auf die schmale Bahn der Po­litik, wobei ich wieder einmal mit Genugtuung fest- siellen kann, welcher außerordentlichen Sympathien wir Deutsche uns bei den gebildeten Aegyptcrn er­freuen. Wie ich nach Dank ui® den besten Wünschen für Aegypten wieder ins Freie trete, erwartet mich ba ein 33jähriger Professor der Schule und erbietet sich, mich während meines Aufenthaltes in Alexandria zu führen. Er heißt Banoub 81bvon, ist Kopte und hat fein Versprechen mit Aufopferung eingelöstst. Er zeigte mir die Säule des Pompejus (sie hat nur den Namen mit dem Römer gemein) und die Katakomben von Köm esch-Schukäfa, die bedeutendste aus dem 2. Jahrhundert n. Ehr. stammende Grabanlage Alexan- drias; wir haben im Casino San Stefano, dem Treffpunkt der hypermodernen Ramleh-Welt, zusam­men Whisky und Soda getrunken und haben mit dem photographischen Apparat verschleierte arabische Frauen, die sich eignentlick nicht photographieren las­sen dürfen und prinzipiell ausrcißen, mit einem Schnappschuß überfallen, wir haben zusammen grü­nen gerösteten Mais vom Kohlenfeuer weg gekostet, im Bazar- es heißt .richtiger Sük, Bazar ist ein persi­

sches Wort um halbe Piaster gefeilscht und uns über die Aufdringlichkeit von Tchuhputzjungen und die betrügerischen Tücken der Ansichtskartenverkäufer geärgert.

Er hat mich zu sich cingelaoen und wahrhaft fürst­lich bewirtet, wobei ich seiner hübschen Frau sie Hände küßte, er aber trotz aller Aufgeklärtheit doch etwas gezwungen lächelte. Ich habe ihn und sic und eine nette junge Schwägerin mit Blitzlicht by Mag­nesium, sagten sie sehr niedlich photographiert, wir haben zusammen die koptisch-orthodoxe St. Markus- kirche mit moderner Schule besucht, die Priester ha­ben mich itngamcin herzlich willkommen geheißen unv bewirtet, sobald sie hörten, ich käme aus Germany, uns ihr ältester, der Patriarch Abba Joannes, für den wie kein anderen der Titel ,,Ehrwürden" paßt, hat mir das heilige Brot der Kopten geschenkt und sich mit feinem Priesterstab photographieren lassen, auch sehr liebenswürdig behauptet, die Deutschen seien klug, Höflich, fleißig und tapfer, was ich geschämig ab­wehrte na, und nun ist mir Professor Banoub Abdou schließlich ein lieber in® hochgeschätzter Freund geworden und wir werden uns *in einigen Tagen hi Cairo Wiedersehen, ba er bort beim Unter­richtsministerium Examina leiten mutz. Er begleitete mich auch bei meiner Abfahrt zum Bahnhof und war Zeuge, wie bic Prophezeiung eines alten Arabers nahe der Anfouchi-Buckü in Erfüllung ging. Der Mann hatte mir unter anderem, dessen Wahrheit die Zukunft erweisen muß, gesagt, ich habe eine Reise vor und es wäre besser, sie um einige Tage zu ver­schieben.

Ich mutzte jedoch am nächsten Tag« nach Cairo weiterfahren und wurde auf dem Wege zum Auto, das mich jum Bahnhof bringen sollte, von einem andern Auto angefahren, nicht ernstlich, aber doch so, daß ich einige Minuten bewußtlos war ut® in Cairo noch eine Woche unter den Nachwirkungen zu leiden hatte.

Wie pflege ich meinen Geist?

Die Kunst geistig jung und schön zu bleiben.

Die Frage ist interessant. Natürlich nur für solche Leute, die Geist haben. Wer keinen Geist hat, braucht sich nicht zu bemühen. Es hat keinen Zweck, die SpalteKapitalanlagen" durckzusehcn, wenn man nur fünfzig Pfennig im Geldbeutel hat. Anders die

Geistig-Besitzenden. Die werden gespannt fein. Wohl­gemerkt: die Frage lautet nicht: Wie nähre ich meinen Geist?, sondern: Wie pflege ich meinen Geist? Nicht nach einem Leitfaden für die richtige Ernährung des Geistes wird gefragt, durch Lite­ratur, Theaterbesuch, Philosophie ober Kino, sondern nach einer Methode für die richtige Pflege des Geistes. Also Training des Geistes! Hygiene des Geistes! Das ist nicht so einfach. Denn der Geist hat die Eigentümlichkeit, unsichtbar zu fein. Mit 4711 oder Nivea ist es nicht getan. Tie Frage will gründ­lich untersucht fein.

Zur Hygiene des Geistes heißt der 1. Band ber SammlungLeben und Gesundheit" im Deutschen Verlag für Volkswohlfahrt, Dresden, und Herr Dr. Paul Cohn ist der Verfasser. Im Gegensatz zu den Vielen, die sich mit der Hvgicne des Körpers be­fassen, lehrt Herr Dr. Paul Cohn wie man den Geist zu behandeln habe. Er tut das in der ihm eigenen Weise, ohne Schönrednerei, aufrichtig, klar, forsch. Da gibt es keine Geheimmittel und jede Kosmetik ist streng verpönt. Der Geist soll sein wie cr ist. Er soll sich natürlich entwickeln. Er soll gesund sein. Gesun­der Geist ist aber nur möglich in einem gesunden Körper. Ein uraltes Rezept. Die richtige Körperpflege ist auch die richtige Geistespflege. Licht, Luft, Sonne. Maßhalten im Vergnügen, Maßhaltcn in der Arbeit. Wer seinen Geist freihalten will, darf seinen Körper nicht überanstrengen.

Das Büchlein spricht in drei Kapiteln von der Hygiene des schaffenden, des ausnehmenden und des freien Geistes. Bei der Einstellung des Verfassers kann es nicht wundernehmen, daß diekörperliche An­schauung" überall grundlegend gewesen ist für seelische und geistige Vorgänge. Wir hätten schon wiederholt Gelegenheit, uns an dieser Stelle mit den Schriften des Herrn Dr. Cohn zu beschäftigen, und wir wissen, daß der Geist für Herrn Dr. Cohn kaum mehr als eine Ausdrucksform des Körpers ist. Das ist unseres Erachtens eine unzulängliche Auffassung, aber sie hat den großen Vorzug, üpcrall im Leben auf festem Boden zu stehen.

Die kleine Schrift sagt dem Leser, wie er sich kör­perlich zu halten habe, um geistig leistungsfähig zu sein. Sie gibt Anleitung über die richtige Ausstat­tung des Schreibtisches, des Arbeitszimmers usw., sie sagt, wie man richtig zu essen, zu schlafen, zu schreiben habe. Das schwierige Kapitel der Nerven erfährt eine besondere Behandlung. Alles in allem ein Buch, aus dem mancher Rat und Nutzen ziehen wird. rg.